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GERMANIA.
VIERTELJAHRSSCHRIFT
DEUTSCHE ALTERTHUM8KUNDE
HEUAUSGEGEHEN
FRANZ PFEIFFER
ZEHNTER JAHRGANG.
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WIEN.
VEKLAG VON CAKL GEKOLD'Ö SOHN.
1865.
Buchdruckern von Carl Geiold'> Solm in Wien
INHALT.
Seite
Der mythische Gehalt der Teilsage. Ein Beitrag zur deutsehen Mythologie von
Heino Pfannenschmid 1
Beiträge zur Geschichte und Kritik der Kudrun. I. II. Von K. Bartsch.... 41
Zur Kunde altdeutscher Personennamen. Von Franz Stark 92
Zeugnisse zur Heldensage. Von F. P 94
Das westfälische Bauernhaus — ein altdeutsches Stallgebäude. Von Moritz Heyne 95
Getaufte Thiere. Von A. Lütolf 100
Zum Cato. Von Adolf Mussafia 101
Mailand. Von A. Lütolf 102
Zur Frau 'Selten' (Sselde). Von Demselben 103
Beiträge zur Sittengeschichte des Mittelalters. Von Rudolf Hildebrand .... 129
Antonius von Pforr. Von K. A. Barack 145
Rosengarten. Von A. Lütolf 147
Beiträge zur Geschichte und Kritik der Kudrun. III. Von K. Bartsch 148
Über den handschriftlichen Text der gothischen Übersetzung des Briefes an die
Römer. Von Leo Meyer 225
Neues Bruchstück von Albrecht von Halberstadt. Von A. Lübben 237
Ein Engel flog durchs Zimmer. Von Reinhold Köhler 245
Inschriften mit deutschen Runen auf den hannoverschen Goldbracteaten und auf
Denkmälern Holsteins und Schleswigs, entziffert von Franz E. Chr. Dietrich 257
Kleine Mittheilungen. Von C. W. M. Grein.
1. Das Reimlied des Exeterbuchs , 305
2. Zu den Räthseln des Exeterbuchs 307
3. Das Wessobrunner Gebet 310
Das Spiel von den zehen Jungfrauen. Herausgegeben von Max Rieger Sil
Zum Hildebrandsliede. Von J. La m bei 338
Zu Freidank. Von Demselben 339
Zum Märchen „Der Gaudieb und sein Meister". Von K. Schenkl 342
Erdichtete Liebesbriefe des 15. Jahrhunderts in niederdeutscher Sprache. Von
Gustav Schmidt 305
Kleine Beiträge von Fedor Bech 395
Zur Virgiliussage. Von Felix Liebrecht. 40ß
Zur Textkritik der angelsächsischen Dichter. Von C. W. M. Grein ||<i
Die ungleichen Kinder Adam's und Eva's. Von Franz llwof 42!)
Zur Wiener Meerfahrt. Von Adolf Mussafia I.;i
Caspar Lewenhagen 1443. Von Beinhold Bechstein 1., •
Fiölsvinnsmäl. Von Theophil llupp. . . . .' 433
Die Legende von den beiden treuen Jacobsbrüdern. Von Reinhold Köhler . . .447
Seite
Heimal and Dichter des Helmbrecht. Von Carl Schröder 455
Deutsche Predigten des l_. Jahrhunderts. Von K. A. Barack 464
Volkssagen aus dem Ober- Wallis. Von Franz Leibing 473
Zu Kudrun. Von I. V. Zingerle 475
LITTERATÜR.
Schriften über Mythologie (von Schwartz, Baumgarten, Grolnnann, Simroek). Von
Th. Vernaleken und Felix Liebrecht 103
K. F. A. Mahn, über den Ursprung und die Bedeutung des Namens Germanen.
Von A. Holtzraann 113
W. A. Jütting, biblisches Wörterbuch. Von Reinhold Bechstein 115
Barlaam und Josaphat , ein altfranzösisches Gedicht aus dem 13. Jahrhundert,
herausgegeben von II. Zotenberg und P. Meyer. Von A. Mussafia .... 115
Deutsche Bibliothek von H. Kurz. Bd. 3—7. Von J. Lambel 24b'
Zur Geschichte der Isländischen Litteratur. 1. Neu aufgefundene Bruchstücke des
Hauksbök. 2. Eyrbyggjasaga, herausgegeben von Gudbrandr Vigfüssou. Von
K. Maurer 476
BIBLIOGRAPHIE.
Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der deutschen Phi-
lologie im Jahre 1864. Von Karl Bartsch..... 343
MISCELLEN.
J. G. L. Kosegarten's handschriftliches niederdeutsches Wörterbuch. Von Albert
Hoefer 121
Andreas Uppströin f. Von Leo Meyer 125
Aufruf zur Einsendung biographischer Notizen. Von Fr. Pfeiffer 126
Übersicht der Vorlesungen über deutsche Sprache und Litteratur, welche auf den
Universitäten Deutschlands und der Schweiz im Jahre 1864— 1S65 sind ge-
halten worden 253
Möhlmanns Liedersammlung 256
Bericht über die Sitzungen der germanistischen Section der XXIV. Versammlung
deutscher Philologen und Schulmänner zu Heidelberg , 27. — 30. Sept. 1865.
VouK. Bartsch 49S
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE.
EIN BEITRAG ZUR DEUTSCHEN MYTHOLOGIE
VON
HEINO PFANNENSCHMID.
Die Forschungen über den Urner Teil haben durch die verdienst-
liehen Untersuchungen des Lucerner J. E. Kopp (namentlich im 1. und
2. Bande der Geschichtsblätter, Lucern 1854, 1856) vom historischen
Standpunkte aus ihren relativen Abschluß erhalten. Teil ist keine ge-
schichtliche Person, er hat mit dem Entstehen der eidgenössischen
Freiheit gar nichts zu schaffen. Nach Kopp's Untersuchungen war
ein Teil, den gewöhnlichen Angaben gemäß, weder zu Ende des drei-
zehnten , noch zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts möglich ; hier
waren alle Verhältnisse so sehr geschichtlich erhellt, daß für Teil und
seine angeblichen Thaten, für die Vögte und deren Frevel, kein Raum
mehr vorhanden war. Der Teil war somit aus dem Gebiete der Ge-
schichte ein für allemal ausgewiesen und dem der Sage überantwortet
worden. Darin war das Urtheil aller wahrhaft Geschichtskundigen
einstimmig. Was aber sollte man nun mit diesem verstoßenen früheren
Lieblingskinde der Geschichte anfangen ? War das alles nur Sage,
war das alles nur erdichtet und erfunden, was man vom Teil bis-
lang geglaubt hatte? Das konnte unmöglich so sein. Stand das doch
alles wohlbeglaubigt in alten Schriften , und ihnen sollte man nicht
mehr glauben dürfen? Das war zu viel. Am Vierwaldstättersee
antworteten einige Fanatiker auf jenen ihren vermeintlichen Patriotis-
mus verletzenden Urtheilsspruch redlicher und mühsamer Geschichts-
forschung durch ein Autodafe, das in Wirklichkeit auf dem Rütli gegen
Ende der fünfziger Jahre stattfand. Kopp wurde in effigie verbrannt,
GERMANIA x. 1
2 II KINO PFANNKNS0HM1D
der Teil durch Machtspruch gerettet. Auch auf den» Papiere wurden
die Angrifl'e und Machtsprüche gegen Kopp's Forschungen oft mit
kindischem Trotz und in nicht sehr geziemender Weise fortgesetzt.
Jetzt scheinen die Waffen der Gegner stumpf geworden zu sein. Alle
Trümpfe sind ausgespielt, und das Spiel ist jedesmal verloren worden.
Trotzdem haben einzelne Versuche, den Teil zu retten, noch immer
nicht aufgehört. Den jüngsten Beitrag hiezu hat Herr Dr. v. Liebenau
zu Lucern gemacht. Doch hat auch er in vielen nicht unwichtigen
Punkten die alte Position als unhaltbar aufgegeben. Er stellt sich auf
einen andern Standpunkt: er verlegt den Hergang der Sage in eine
frühere Zeit. Denn unmöglich, so meint er, könne die Sage vom
Teil eines gewissen historischen Grundes entbehren ; wenn auch nicht
Alles, so sei doch die Hauptsache gewiss geschichtlich. Da nun die
bisherigen Zeitangaben über Tell's angebliches Leben und Wirken
nicht passten, so schien es nicht unmöglich, ihn dennoch retten zu
können, wenn man eine solche Zeit auffinden würde, wo er sich, ohne mit
der beglaubigten Geschichte in Widerspruch zu gerathen und bei Um-
gehung und Beseitigung der bisherigen Einwände, besser und sicherer
unterbringen ließe. Gern wollte man sich dabei um diesen Preis zu
einigen Concessionen herbeilassen. Die allergröbsten und handgreif-
lichsten Unmöglichkeiten opferte man, so die bisherigen Zeitangaben
über den Aufstand der drei Waldstätte, den Geßler und Landenberg,
die unverständliche Stange mit dem Hut, die Fahrt nach Küssnacht.
Anderes dagegen mußte man mit versessener Hartnäckigkeit zu schir-
men suchen , sonst gab man alles verloren , so den berühmten Apfel-
schuß, den Sprung auf die Platte und die Tödtung des Vogtes: das
erste, weil die Unmöglichkeit eines solchen Schusses nicht bezweifelt
werden konnte; das zweite, weil es ein Wunder war; das dritte, weil
es den Sitten einer früheren Zeit so angemessen und zugleich so alter-
thümlich und menschlich erschien. Aber Niemand wird doch aus der
bloßen Möglichkeit auch die Wirklichkeit folgern; Niemand, der die
Felsplatte am Fuße des Axenberges je sah, wird die Realität eines
Sprunges unter den Umständen, wie ihn die Sage schildert, behaupten
(vgl. Lütolf, Germ. 9, 219); Niemand wird, weil eine Erzählung so
romantisch ist, sie um deswillen für buchstäblich wahr nehmen wollen.
Wie aber, wenn man einen Namen auffand, der etwa wie Geßler lau-
tete, ja dessen Träger sogar ein tyrannischer habsburgischer Untervogt
über Schwyz und Uri war? Wie, wenn man nachweisen konnte, daß
wirklich Burgen gebrochen und zerstört waren? Würde hiermit nicht
der Teil besser beglaubigt, dessen Existenz als historische Person man
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 3
einmal nicht beweisen konnte, aber doch so gern der Schweiz retten
wollte? Herr Dr. v. Liebenau hat in einer kleinen Schrift „Die Tell-
sao-e zum Jahre 1230" diesen Beweis so eben zu fuhren gesucht.
Allein sein Beweisverfahren ist in allen Punkten verfehlt (vgl. meinen
Aufsatz „Der gegenwärtige Stand der Teilsage" in der Allg. Ztg. 1864,
Beilage Nr. 140, 141, und Alois Lütolf in der Germania 9, 217 ff.),
und lässt unzweideutig erkennen, daß er von dem, was eine historische
Sage ist, gar keine wissenschaftliche Vorstellung hat. Kopp's Zweifel
an der Existenz des Teil als einer historischen Person bleiben also
auch für diese frühere Zeit in voller Kraft. Um die Erzählung vom
Teil zu begreifen, hat man sich daher einzig und allein nur noch auf
den Standpunkt der Sage und Mythologie zu stellen. Von diesen
Dingen scheint Hr. v. Liebenau freilich nichts zu wissen, sonst hätte
er nicht mit beinahe völligem Schweigen über alle andern Tellsagen
so leicht hinwegschlüpfen können. Ich hoffe in folgender Auseinander-
setzung ein für alle Mal denen die Lust zu benehmen, welchen es in
ihrer naiven Unwissenheit noch einfallen sollte, angesichts des heutigen
Standes der Sagen- und Mythenforschung nur vom historischen Stand-
punkte aus jemals wieder eine Rettung des Teil zu versuchen.
Bei der nachfolgenden, sich in gemessenen Grenzen bewegenden
Untersuchung habe ich die Kenntniss des gesamraten hier einschla-
genden Materials, namentlich auch der verschiedenen Sagen, welche
den Apfel- und Meisterschuß zum Inhalt haben, voraussetzen zu dürfen
geglaubt. Die betreffende Litteratur ist mit ausreichender Genauigkeit
bei Huber (die Waldstätte etc. mit einem Anhang über Wilhelm Teil
Innsbr. 1861) gegeben, und die neu hinzugekommene von mir im oben
angeführten Aufsatze der Allg. Ztg. Daselbst hätte ich noch nennen
können die von Henne 1861 besorgte Ausgabe der über die Teilsage
keinerlei Ausbeute gewährenden „Klingenberger Chronik", über die mir
noch vor der Publication derselben, soweit es den Teil betraf, Herr
Decan Pupikofer zu Bischofszell am 23. April 1861 bereits dankens-
werthe Mittheilung gemacht hatte. Zur Kritik dieser vielberufenen
Chronik vgl. Waitz in den Nachrichten von der G. A. Universität
und der kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 1862 Nr. 5,
S. 73 — 90, und Gustav Scherer in: Mittheilungen zur vaterl. Geschichte,
herausgegeben von dem bist. Verein in St. Gallen 1862, 1, 65 — 109.
In Betracht kommen hier nur die Notizen, welche Henne auf S. 44
unter Anm. rr zusammengestellt hat, und worin er seinen bekannten
traditionstreuen Standpunkt festzuhalten sucht. Hinzugekommen sind
seitdem noch folgende Aufsätze: „Eine religiöse Erklärung der Tell-
1*
4 HEINO PFANNENSCHMID
sa-^c" unter dein Zeichen C in der Allg. Ztg. 1864, Beil. Nr. 174;
„Ein historischer Gesichtspunkt bei der Tellsage" in derselben Zeitung
1864, Beil. Nr. 206 von A. Heusler in Basel; ferner: „Ist der Versuch
einer mythologischen Erklärung der Tellsage unstatthaft" von Alois
Lütolf, und eine Notiz von mir: „Die Tellsage bei den Persern", beide
letzteren Arbeiten in der Germania 9, 217 ff', u. das. 234 ff". Genannt
zu weiden verdient noch eine populäre Darstellung von Dr. Wilhelm
Zimmermann „Der Teil des deutschen Nordens", in der Illustr. Welt
1864. 4. Hft. S. 145 — 148. Endlich mögen noch zwei Abhandlungen
erwähnt sein, die sich mit der dramatischen Tell-Litteratur vor Schiller
beschäftigen, und von denen die letztere die bedeutendste und ausfähr-
liebste ist : „Die Vorläufer von Schiller's Teil" von Aug. Kahlert in
Prutz, d. Mus. 1862 Nr. 3, S 101—111, und „die Teilenschauspiele
in der Schweiz vor Schiller", von E. L. Rochholz, in den Grenzboten
1864, Nr. 30—33.
Die nachfolgende Abhandlung, die es sich zum Vorwurf genom-
men hat, den mythischen Gehalt der Teilsage zu erforschen, wird von
der durch den Gang der Untersuchung selbst gerechtfertigten Annahme
ausgehen, daß sämmtliche Tellsagen zusammengehören und aus gemein-
samer arischer Wurzel stammen. Die Folgerung, die sich daraus er-
gibt, ist die, daß sich alle einzelnen Teilsagen gegenseitig ergänzen
und auf einander aufklärendes Licht wrerfen. Dies thun sie aber nicht
nur in den verschiedenen Relationen, welche über die verschiedenen
und sich von einander unabhängig entwickelt habenden Localisationen
der Sage vorliegen, sondern auch in den Sprösslingen, die sie später
getrieben haben. Aus dem gesammten Teilsagenkreise treten nun ins-
besondere vier Erzählungen bedeutsamer hervor: die persische, die
isländische, die dänische und die schweizerische. Unter diesen hat aber
die letztere alle Elemente der Tellsage in reinster Gestalt bewahrt.
Diese nehmen wir deshalb zum Zettel, jene und alle übrigen zum Ein-
schlag. Doch wird nicht die Reihenfolge der Begebenheiten, wie sie
die Urner Tellsage bietet, eingehalten werden. Zweckmäßigkeitsgründe
empfehlen eine andere Ordnung Diese ist bedingt durch den Nach-
weis über die Natur und die Identität des Schützen Eigil-Toko-Tell
mit dem Pfeilkönig und Schützengott Indra - Odhin - Wodan. Dieser
Nachweis bildet die Hauptuntersuchung; alles Andere schließt sich
wie von selbst an.
Die Teilsage findet sich bei verschiedenen Völkern indo-germani-
schen Stammes, bei den Schweizern bei weitem noch nicht einmal
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 5
zuerst. Der Apfelschuß bildet das gemeinsame Charakteristicum aller
Tellsagen. Er findet sich in Persien , Westphalen , Island , Norwegen
und später in Schweden (Kaßmann, deutsche Heldensage 2, XXXII und
S. 261), in Dänemark, in England, Holstein, am Oberrhein und in der
Schweiz ; Verwandtes bei den Ehsten auf der Insel Osel im Busen von
Riga, sogar der Apfelschuß, Felsensprung und Tyrannenmord bei den
uns nicht stammverwandten Finnen und Lappen (Eduard Pabst, Hamb.
litt. krit. Blätter 1856, Nr. 82). Die älteste litterarische Aufzeichnung
der Sage vom Apfelschuß ist die persische; sie fällt schon um 1175
unserer Zeitrechnung (s. Germania 9, 224); dann folgt in Europa
die dänische des Saxo, der um 1204 starb. Die beiden norwegischen
Sagen wie die isländische vom Eigil sind gegen und um die Mitte
des dreizehnten Jahrhunderts, die schweizerische vom Teil um mehr als
zweihundert Jahre später, im Jahre 1471, aufgezeichnet worden. Die
übrigen Sagen sind noch jüngeren Datums. Der Schuß des Toko beim
Saxo soll um 986, der der beiden Norweger beziehungsweise 50 Jahre
vor und nach 1000, der des Eigil sogar um's Jahr 500 in Jätland,
der des Teil um 1308 gefallen sein. Man sieht, welche gewaltigen
Zeiträume überall zwischen dem angeblich wirklichen Vorgefallensein
des Schußes und der schriftlichen Aufzeichnung liefen. Die Wurzel
sämmtlicher nordischen Tellsagen lässt sich aber bis in das graueste
germanische Alterthum hinein verfolgen. Der Ursitz derselben ist
Westphalen. Es ist bekannt, daß sich der Bericht über den Schützen
Eigil (oder in nordischer Schreibweise Egil) und seiner Kunstfertigkeit
im Bogenschießen in der Saga von Welent dem Schmied vorfindet.
Diese Saga gehört zu dem großen Sagenkreise der Thidreksaga oder
wie sie die Schweden seit dem. 17. Jahrhundert nennen, der Wilkina-
saga (Raßmann, a. a. O. 2, XXVIII). Diese wird gegen die Mitte
des 13. Jahrhunderts (das. 2, XXIII) in Island von einem unbekann-
ten Isländer in altnordischer Sprache abgefasst, geht von Island nach
Norwegen, 1449 nach Schweden und wird seit 1476 von schwedischen
Chronisten benutzt. Der Ursitz dieser Saga, zu der die Sage von
Welent und Egil gehört, ist Deutschland, insonderheit Sachsenland.
Die Heimat Welents war das Land südlich der oberen Eder bei Siegen
in Westphalen. Schon im sechsten Jahrhundert muß diese Sage von
hier aus über die jütische Halbinsel nach dem Norden ausgewandert
sein. Daselbst localisiert sie sich und dehnt sich aus auf Jütland,
Seeland und Fühnen, die dänischen Inseln, den Norden und die Ost-
seeländer. Im Prolog zur Thidreksaga erzählt der unbekannte Ver-
fasser, daß seine Sage, und somit auch die Sage von Welent und Egil,
HEINO PFANNEN8CHMID
aus dem Munde deutscher Männer stamme (Ausführliches bei Kaßmann
2, 213. 214. 264 fi'.). Die Kunde, welche also seit den Zeiten ihrer
Auswanderung aus Deutschland die Isländer von dieser Sage noch
hatten, wie das aus der ältesten Nachricht über Wieland und Eigil,
in dem eddischen Völundsliede hervorgeht (s. unten S. 8) , wurde
aus Deutschland her wieder aufgefrischt. Zugleich sehen wir hier-
aus, daß dieselbe Sage, die schon so früh nach dem Norden aus-
gewandert, noch im 13. Jh. in Deutschland lebendig geblieben war.
Diese Auffrischung aus der Urheimat haben die beiden norwegischen
Aufzeichnungen über Eindride und Hemming in der großen Olav
Tryggvasonsaga und die dänische des Toko beim Saxo nicht erlitten.
Sie haben sich eigenartiger erhalten, jene freilich nicht ohne Spuren
christlicher Einwirkung, diese in vollständigster Gestalt, die der
Schweizersage am nächsten kommt. Die Sage von dem Schützen Eigil
muß allen Stämmen der Germanen bekannt gewesen sein, wie dies das
so überaus häufige Vorkommen des Namens Eigil beweist*). Die mit
dieser nachweislich identische ursprüngliche Form dieses Namens ist
Agila, Agilo. Seit dem vierten Jahrhundert finden wir sie bei den
Gothen, Langobarden, Quaden, Alamannen; dann die daraus durch
Umlaut entwickelten Formen Aigil , Eigil, Aegil, Egil bei fast allen
anderen germanischen Stämmen. Sämmtliche Formen gehen zurück
auf die Wurzel A G (Förstemann , altd. Namenbuch 1 , 9 u. 22 ff.),
welche etwas Scharfes, Schneidiges, Spitzes bedeutet.
Diese auf Förstemann's Auctorität sich stützende Annahme bedarf
einer weiteren Ausführung. Einmal kommt es auf die Identität jener
Formen an, sodann auf die Erklärung des Umlautes, endlich auf die
Deutung der Wurzel.
Die Identität jener Formen ergibt sich erstens aus Paul. Diac.
lib. IV. init. , wo es heißt: Aigilolfus qui et Ago dicitur (Förstemann
a. a. O. 1, 31). Hier liegt es klar vor, daß der Stamm Agil von der
Wurzel A G herzuleiten ist. Ferner findet sich bei Greg. Tour, (f 594),
dem ältesten Geschichtsschreiber der Franken, die Form des Genitivs
Agilanis neben Aegilanis in verschiedenen Handschriften (Förstemann
1, 23. Mone, Heldensage 138): also Agil = Aegil. Endlich beweisen
dies unter anderen folgende bei Förstemann (a. a. O.) angeführte iden-
tische Formen: Agilpert, Aegilperht, Aegilbert, Aigelüert, Aigilbert, Eigil-
*) Über die weite Verbreitung des Namens Eigil in Orts- und Eigennamen bei
allen germanischen Stämmen, über alle sonstigen Beziige des Eigil zu der deutschen
Sage, insbesondere über die sogen. Eigilsteine, soll ein anderes Mal gehandelt werden.
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 7
berht, Eigilbert, Egilpert; Agilbure, Egilburc; Agilfrid, Eigilfrid, Egil-
frid; Agilmar, Eigilmar, Egilmar ; Agilmund, Egilmund; Agilward, Eigil-
xoard, Egilward ; Agilolf, Eigdolf, Egilolf u. a. m.
Aus diesen Formen ersieht man, daß AG die Wurzel, und ferner
daß Agil eine Weiterbildung dieser Wurzel ist (Förstemann a. a. O. 1, 22).
Aus dem Stamme Agil haben sich nun die Formen Aigil, Eigil, Aegil,
Egil durch Umlaut entwickelt. Der Umlaut von kurz a ist kurz e
(J. Grimm, d. Gram. 3. Aufl. 1, 72); er wird durch ein in der Flexion
oder Ableitung folgendes i verursacht, das auf die Reinheit des in der
Wurzelsilbe vorangehenden a wirkt und sie trübt (das. S. 74). Der Um-
1 aut e entsteht aber aus ä durch folgende Zwischenstufen. Hierüber sagt
J. Grimm (Gram. 1, 555; vgl. auch dens. in Aufrecht u. Kuhn, Ztschr.
], 438): Der Umlaut e müsse auf a -f- i zurückgeführt werden, d. h.
auf di, das zwar diphthongisch, nur qualitativ kurz zu nehmen sein
werde. Aus Agil erhalten wir also zunächst durch Umlaut die Form
Aigil, wobei, ai (ei) kurz ist wie der Wurzelvocal a (vgl. auch Mone,
a. a. O. 149). Aber das dem a der Wurzel nun unmittelbar folgende i
bewirkt auch ferner, daß das a zu e wird: so entsteht aus ai das ei
in Eigil (J. Grimm, Gram. 1, 106). Somit entwickelt sich aus dem
ahd. ai (= goth. di, Grimm das. 103, 104) das ahd. ei. Förstemann
(in Aufrecht u. Kuhn, Zeitschr. 2, 340) hat in Bezug auf unseren spe-
cialen Fall dargethan, daß ai, ei in Aigil, Eigil, ahd. Umlaut aus a
in Agil vor dem mit i auch sonst so befreundeten g sei. Derselbe
weist ferner nach (das. 2, 348), daß ae ebenfalls als Umlaut von a
auftritt (z. B. Agilperht, Aegilperht) ; dieses ae stehe dem unorganischen
späteren ei gleich. Wir erkennen demnach in allen jenen Formen neben
der historischen Entwickelung des Umlautes von ä durch äi, ei, äe zu
e zugleich die Identität derselben.
Mit diesem Beweise über die Entstehung der ahd. Formen Aigil,
Eigil, Aegel, Aegil, Egil (angels. Aegel, altn. Egil oder Egill) aus dem
Stamme Agil, der auf die Wurzel AG zurückweist, verbindet sich nun
die Frage nach der Bedeutung derselben. Man hat zur Erklärung von
AG das ahd. ekka, ecke in dem Sinne von Schwertesschärfe, heran-
gezogen (Förstemann, Namenb. 1, 9), dagegen eine Beziehung zu ahd.
egel (hirudo) abgewiesen (Mone, a. a. O. 147. Förstemann das. 1, 22
Pott, Personennamen, 1. Aufl. 204). Auch das nordische egg, Eisenspitze,
Bergspitze, ist hier anzuführen (Chr. Andr. Holmboe, det norske Sprogs
Wien 1852, S. 121). Grimm (Wörterb. 3, 33; vgl. Myth. 353) stellt
den alten Mannesnamen Egill, dat. Agit, vergleichend zu Egel, f., aristo,
palea, festuca (das e in Egel = ä aus a entstanden), ags. egle, arisia
>
HEINO PFANNENSCHMID
ahd. agaleia, rhamnus, Aglei. Einen Zusammenhang zwischen Egel, m.,
ericiw, erinaceus für Igel, ahd. igil, ags. igil, altn. igull*), und Egel
festuca weist auch Grimm ab (Wörterb. 3, 33"). Mone (a. a. O. 150)
denkt an Age, Aegel, Aegnen, Ährenspitzen und leitet diese Wörter
von dem alten Diebsgotte Age* ab, in welchem Worte der Begriff des
Spitzigen und Schneidigen liege. Konrad Schwenck (Deutsch. Wörterb.
s. v. Ähre) stellt zu der Wurzel Ar, Ag das griechische axtg und das
lateinische ac-ies, angs. egh. altn. und dän. ax. Nach Zyro (Aufrecht
u. Kuhn, Zeitsch. 2, 447) ist im Berner Oberlande agla, agne = Granne
der Ähre, die kleinen Dingelreste im Gespinnst, gleich Nadeln (vgl.
über agna Aufrecht in Aufrecht u. Kuhn, Zeitschr. 1, 353); schwäbisch:
<iege, achel, der spitzige Abfall vom Flachs, vgl. lat. aculeus. Die
Wurzel ist nach ihm ag, griechisch an (axpog) = das Aufwärtsstrebende,
Zugespitzte. Zu dieser Wurzel ac, die, wie H. Schweizer (Aufrecht
u. Kuhn, Zeitschr. 1, 152) bemerkt, im Griechischen und Lateinischen
frisch und kräftig in axgog, caxvg , acer, acuo, aqua, aquilu , auch in
eguus treibe, biete das Sanskrit noch ein lebendiges Verbum ac mit dem
unendlich häufigen Wechsel von c in p dar; ap heiße „durchdringen,
hingelangen, erreichen". Ähnlich vergleicht Holmboe (a. a. O.) zu dem
nordischen egg das sanskr. agra, n. , Spitze und asri, f., Schwertes-
schneide, wie das bengalische dg, Spitze.
Hiernach dürfte es wohl feststehen, daß die Wurzel A G den Be-
griff des Scharfen, Schneidigen, Spitzigen enthält, womit sich vielleicht
der weitere Begriff des Schnelldurchdringenden verbinden mag. Weiter
O DO
unten wird sich zeigen, wie diese etymologische Deutung des Namens
Eigil der mythischen Natur desselben entspricht.
Auf diese Ausführungen gestützt dürfen wir mit Sicherheit an-
nehmen, daß einmal der älteste Name des Schützen überall bei den
germanischen Völkern ursprünglich Agila, Aigil, Eigil u. s. w. geheißen
hat, und daß zweitens der Name selbst mythisch ist wie sein Träger.
Das letztere erhellt mit vollkommener Evidenz aus dem, was wir vom
Schützen Eigil und seinem noch berühmteren Bruder Wieland wissen.
Über beide und den dritten Bruder, Slagfidr, besitzen wir zwei ver-
schiedene Überlieferungen, die sich gegenseitig ergänzen. Die eine, die
älteste, gibt ein altes Volkslied, das eddische Wölundslied (die Völundar-
Quida), welches dem sechsten Jahrhundert angehört (in der Edda Sae-
mundar T. II, S. 3 — 24); die andere, die jüngere, erzählt die Sage von
*) l'l>er <1 1 « - Ableitung von ahd, igil (echinus) egala (sanguisuga) und äl (anguilla)
f-irli Adolphe Pictel in Aufrecht u. Kuhn, Zeitschr. (j, 185 ff.
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 9
„Welent dem Sehmied" in der Thidrecksaga (s. Raßmann, d. Heldensage
2, 212 bis 272). Alle drei Brüder, Wölundr (Welent, Wieland), Eigil
und Slagfidr waren mit drei Walkyren oder Schwanjungfrauen vermählt,
und waren Söhne des Riesen Wade, eines Sohnes des Königs Wilkinus
und eines Meerweibes. Sämmtlicbe Glieder der Sippe Eigils sind
Wesen göttlicher Art, göttliche und heroische Gestalten der germani-
schen Mythologie. Sie alle sind auf die vielfachste Weise tief mit der
nordischen und deutschen Mythologie und Sage verflochten und lassen
sich meistens und vorzugsweise als odhinisch -wodanische Wesen er-
weisen. Bevor dies aber geschehe, wird es zweckmäßig sein, diejenigen
Eigenschaften des üdhin- Wodan ans Licht zu stellen, welche haupt-
sächlich zur Feststellung der Identität des Eigil mit jener Gottheit
erforderlich sind. Dabei werden wir uns zunächst an die indische
Mythologie und insbesondere an diejenigen göttlichen Figuren der-
selben halten müssen, welche dem Odhin-Wodan selbst zur Grundlage
gedient haben;
Die Vorstellung von Wodan als göttlichen Bogenschützen ist
uralt, aber später verdunkelt worden. Das zeigt sowohl eine Verglei-
chung mit dem Indra als auch mit dem Rudra der indischen Mytho-
logie, die beide dem germanischen Wodan zu Grunde liegen (Mannhardt,
Götterwelt 1, 183). Indra, der Gott des blauen Himmels, führt zur
Vernichtung der feindlichen Dämonsgewalt den Donnerkeil. Dieser
hatte die Gestalt eines aus den Wolken geschleuderten Keiles, Streit-
hammers oder Speeres, und er kehrte stets in die Hand des Gottes
zurück. Aber Indra führte auch Bogen und Pfeile. Sein heilbringender
Bogen, der zahllose Schüsse thut, ist mit Kunst geformt; sein gol-
dener Pfeil ist sicher treffend (Mannhardt, Germ. Mythen 105. 107).
Rudra, der Sturmesgott, heißt wie Indra, der Donnerkeilträger, und
ist mit dem verderbenbringenden Speer wie Odhin und Pallas ausge-
stattet, nämlich mit dem Blitze (Kuhn, Herabkunft des Feuers 202).
Oben vom Himmel herab schleuderte er den glänzenden Pfeil zur Erde
(H. Leo. in Wolf, Zeitschr. 1, 57). Aus der Sturmeswolke sandte er
Pfeile von starkem Bogen, bald den Speer, bald den Donnerkeil her-
nieder (Mannhardt, Götterw. 1, 66).
Die Begleiter beider Götter sind sowohl die Maruts als die Ribhus.
Ursprünglich sind diese Geisterscharen selig verstorbener Menschen
ganz identisch; im vedischen Glauben erscheinen sie schon getrennt,
und man dachte sie sich in allem Leben der Natur als Elementar-
geister thätig (Kuhn, Zeitschr. f. vgl. Sprachf. 4, 102 ff., bes. S. 115.
Mannhardt, Genn. Mvth. 43). Waffengesehmückt fahren die Marutjä
10 II KINO PFANNENSCHMID
durch die Luft, ihr lauter Gesang, das Sturmgebraus, macht Himmel
und Erde erbeben, Berge erzittern, Bäume stürzen und die Wolken
zerstieben (Mannhardt das. 38 ff.). Von ihren ferntreffenden Bogen
heißen sie Sudhanvanäs, d. i. Bogenschützen (Kuhn, das. 4, 103). Die
Maruts entsprechen in der deutschen Sage den Geistern der Gestor-
benen, die im wüthenden Heer oder in der wilden Jagd mit Wodan
einherfahren (Kuhn, in Haupt's Zeitschr. f. d. d. Alterth. 5, 488 ff.). Als
Personificationen der Sturmwinde heißen sie Söhne (der l'ricni, ihrer
Mutter, s. Benfey, Übers, des Rig-Veda in Orient und üeeident 2,
252 Anm. 911; sie ist im Naturmythus = Wolke, der sie als Blitz
entflieht, das. 1, 388 Anm. 334, und) des Rudra, und deshalb
stehen sich in dieser Hinsicht Rudra und Wodan gleich (Mann-
hardt, Germ. Myth. 44). — Wie den Rudra, so begleiten sie aber
auch den Indra (Mannhardt, das 38 ff.). Der furchtbare und gewal-
tige Widersacher des Indra (in älterer Zeit des Trita) ist der verhül-
lende Wolkendämon Vritra. Dieser raubt die himmlischen Kühe, d. i.
die lichtweißen Regenwolken und die Lichtstrahlen, den reichen Schatz
der Regennässe und des Sonnengoldes und birgt dies in seiner finsteren
Höhle, der schwarzen Gewitterwolke (Mannhardt, Germ. Myth. 75 ff.,
154 ff). Während des Winters hält der Dämon die geraubten Him-
melskühe (Wolken und Sonnenstrahlen) und Wasserfrauen oder Jung-
frauen in seiner Höhle, seinem Berge oder seiner Burg, worin sie wie
verzaubert liegen, zurück. Statt einer Burg werden auch sieben oder
mehrere genannt. Die sieben Burgen entsprechen dann den sieben
Wintermonaten, während welcher die Wasser, die Wasserfrauen, der
Schatz des Goldes, die Lichtstrahlen, eingeschlossen und gefangen gehal-
ten werden (Mannhardt, Germ. Myth. 153, 160. Götterwelt 1,55.56).
Gegen diesen Wolkendämon kämpft Indra mit Pfeil und Bogen (Kuhn,
Haupt's Zeitschr. 5, 488 Anm.*) unter dem Beistande seiner Maruts.
Blitze sind die Waffen beider Feinde. Von allen Göttern verlassen steht
Indra allein in diesem Kampfe gegen Vritra und seine Dämonen, und
nur die Maruts leisten ihm Beistand und helfen und folgen ihm zum
Siege (vgl. Schwarz, Naturansch. 1, 222); d. h. durch Blitz und Sturm
wird der Gewitter- oder Wolkendämon verjagt, seine Burgen gebro-
chen, sein Raub ihm abgenommen, er selbst erlegt : die Gewitterwolke
wird vertrieben. Indra's Macht, der blaue Himmel, wiederhergestellt
und der Sommer ist da (Kuhn, Zeitsch. 4, 115; vgl. auch dens. in
Haupt's Zeitschr. 5, 485).
In ähnlich nahem Verhältniss wie die Maruts stehen auch die
Ribhus (d. i. „die Künstler" Benfey, Übers, des Rig-Veda, in Orient
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. ] 1
und Occident 1, 27, Anm. 103) zu Indra, die ebenfalls im griechischen
und germanischen Mythus nachgewiesen sind. Die Verrichtungen der
Maruts und der Ribhus sind häufig vertauscht, in so naher Verwandt-
schaft stehen sie miteinander (Kuhn, in Haupt's Zeitschr. 5, 490;
Mannhardt, Germ. Myth. 41, 44). Die Ribhus walten wie jene auch
im Winde und ihr Gesang ist das brausende Sturmlied (Mannhardt,
Götterwelt 1 , 49). Doch scheint ihr Element mehr das Gebiet der
Sonnenstrahlen und des Blitzes zu sein (Mannhardt, G. M. 41). Sie
sind, wie Kuhn (Zeitschr. f. vgl. Spracht". 4, 120) bemerkt, bereits von Yäska
für die Sonnenstrahlen erklärt, wie auch Säyana (in R. 6, 3, 8) das Wort
rbhuh geradezu durch sürya deute (vgl. auch Mannhardt, G. M. 141).
Sürya ist aber der Sonnengott Savitar (Benfey, Übers, des Rig-Veda,
in Orient und Occident 1, 29, Anm. 114), Tvashtar (d. i. „Bildner,
Schöpfer", Benfey a. a. O., Anm. 116). Selbst mit Agni stehen die
Ribhus im Zusammenhange (Kuhn, das. 4, 108). Als berühmte Schmiede-
künstler, die den Göttern wunderbare Kleinode, so dem Indra den
Donnerkeil, verfertigt haben, stehen die Ribhus auch unter der Herr-
schaft des Tvashtar. Sachlich und etymologisch entsprechen die Ribhus
den germanischen Eiben (Kuhn, Zeitschr. 4, 110; Schweitzer das.
I, 562; Mannhardt, G. M. 46). Hier liegt ihre Verwandtschaft mit
den Zwergen; denn diese und die Eiben sind ursprünglich dasselbe
(Grimm, Myth. 412: Kuhn, das. 4, 110; vgl. Mannhardt, G. M. 472 ff.).
Doch gleichen die Eiben mehr den Maruts, die Zwerge mehr den Ribhus
(Kuhn, das. 4, 109). Als treffliche Bogenschützen heißen die Ribhus
Söhne des Angirasen Sudhanvan, d. i. dessen mit dem trefflichen Bogen
(Kuhn, das. 4, 111). Aus der Schaar der Ribhus ragen nun durch
ihre Thaten besonders drei hervor (vgl. Benfey in Orient und Occident
1, 106, Anm. 440), die deshalb in die unmittelbare Gemeinschaft der
Götter aufgenommen wurden : „ Väja wurde der Künstler der Götter,
Ribhuxäs des Indra, Vibhvan des Varuna" (Kuhn, das. 4, 111). Aus-
drücklich werden diese drei Brüder nach demselben Forscher (das.
4, 103) Ribhus, Vibhvä und Väjas genannt oder mit allgemeiner Be-
zeichnung der älteste, jüngere und jüngste; der mittlere der Brüder
werde nur selten erwähnt. Daß diese drei Brüder in der germanischen
Mythologie genau Wieland, Slagfidr und Eigil sind, hat Kuhn zur Evi-
denz nachgewiesen (das. 4, 95 ff., bes. S. 110 ff.). Weiter unten wird
der Ort sein, hierauf zurückzukommen.
Aus vorstehenden Bemerkungen ergibt sich nebenbei für unseren
Zweck soviel, daß wir es hier jedenfalls mit den ältesten Elementen
alles mythischen Empfindens und Anschauens zu thun haben. Die
12 HEINO PFANNENSCHMID
Bilder sind noch außerordentlich flüssig; deshalb können sie auch im
weiteren Process der Verdichtung in der germanischen Mythologie bald
dem Thor-Donar, bald dem Odhin-Wodan zugeschrieben werden. Hier
kommt es nur darauf an, wie ferner noch erhellen wird, die Beziehung
zu Wodan hervorzukehren. In der unserer germanischen zu Grunde
liegenden indischen Mythologie befinden wir uns in Betreff obiger my-
thischen Anschauungen auf dem Boden des Sturmes , des Gewitters,
des Kampfes zwischen zwei feindlichen Naturgewalten, aus welchem
die eine, deren Repräsentant der Himmelsgott Indra ist, siegreich her-
vorgeht. Seine Waffen sind Blitz und Sonnenstrahlen, seine Gehülfen
Sturm-, Blitz- und Sonnen wesen. Daß hiernach neben dem Gewitter,
Blitz und Sturm, auch die Gestirne des Himmels, namentlich die Sonne,
der mythenbildenden Phantasie den ersten physikalischen Stoff boten,
dürfte kaum abzuweisen sein. Aber diese Naturvorgänge konnte man
nur nach menschlicher Art und Weise denken: man übertrug die
nächstliegenden menschlichen Verhältnisse mit den Na-
turvorgängen vergleichend auf diese. Aus der Verschmel-
zung dieser beiden Elemente entstehen durchweg die
verschiedenen ältesten Mythen. Dabei spielen hervorragende
Menschen und ihre Thaten eine wichtige Rolle , wie wir das an den
mit den Maruts ursprünglich identischen Ribhus sehen , die aus sterb-
lichen Menschen zu göttlichen Wesen erhoben und von denen besonders
drei unter die Zahl der Götter aufgenommen wurden. Unter diesen
Dreien erkennen wir den Einen als den göttlichen Bogenschützen:
dieser war also ursprünglich ein Mensch. Wir brauchen gar nicht
ausdrücklich zu lesen, welches seine Thaten gewesen; sie spiegeln sich
ab in den großen Naturkämpfen. Der von allen Göttern verlassene, fast
schon besiegte Indra erlegt mit sicher treffendem Geschoß im Sturm-
gebraus den Wolken- oder Gewitterdämon: der menschliche Schütz
erlegt, fast schon überwunden, durch sichern Schuß seinen Gegner.
Das ist der menschlich-sagengeschichtliche Gehalt der Mythe. Mensch-
licher Zweikampf wird das Bild für den Naturvorgang; aus diesen bei-
den Elementen setzt sich der Urmythus zusammen. Auf dieser Stufe
liegt demnach auch , um dies hier gleich anzudeuten , die Urform der
Tellsage: der Meisterschuß und die Tödtung des Tyrannen. Die Be-
rechtigung aber statt von jenem Ribhu-Schützen von Indra zu sprechen,
liegt darin, daß, obwohl sich die Anschauung von jenem Naturkampfe
aus ursprünglich verschiedenen Elementen zusammensetzt, der Natur-
vorgang selbst als ein Ganzes gefasst werden muß. Was die Maruts
und die Ribhus, die heulenden Sturmwinde und die sichertreffenden
DEB MYTHISCHE GEHALT DEE TELLSAGE. 13
Bogenschützen im Kleinen thun, das verrichten ihre Väter, der Rudra
und Indra, im Großen (vgl. Schwarz, Näturansehauungen 1, 224). Im
Verfolg des auf anthropologischer Grundlage sich weiter entwickelnden
mythischen Processes sind Rudra und Indra der Inbegriff aller jener,
diese hinterher so zu sagen Personificationen jener beiden Götter gewor-
den. Auch sind beide in Betrefi des Pfeiles und des Bogens, welches sie
führen, identisch: ihr gemeinsamer Feind ist der Wolken- oder Ge-
witterdämon, den der zu höherer Bedeutung gelangte Indra erlegt.
Was sind aber des Rudra und des Indra Pfeile? Es sind so-
wohl Blitze als Sonnenstrahlen. Sind die Pfeile in Rudra's Hand nur
die Blitze, so sind sie als Indra's Geschoß beides, entweder Blitze
oder Sonnenstrahlen. Jenes ist unzweifelhaft; dieses bedarf noch einer
kurzen Bemerkung. Indra ist Gott des blauen Himmelsgewölbes, also
zunächst nicht Sonnengott. Doch berührt er* sich mit diesem auf's
engste. Es wurde schon angedeutet, daß die Ribhus, deren Herr-
scher Indra ist, auch als Sonnenstrahlen gelten. Heißt es doch vom
Indra, daß er seine Feinde, des Vritra Vasallen, durch das Sonnen-
licht überwunden habe (Rigv. Rosen XXXIII, 8 bei Mannhardt, G. M.
141, Anm 1). Deshalb wird auch Indra bisweilen mit der Sonne selbst
identificiert, wras auch seine häufige Verbindung mit dem Sonnengotte
Vlshnu ausdrückt (die Beweisstellen des Sämaveda bei Mannhardt das.
S. 141, Anm. 2 u. ff.). Auch ist der Wagen oder das Falbengespann,
auf welchem Indruh sthätd (für Dyaush pitä sthätä = Juppiter stutor')
steht, die Sonne selbst (Benfey, Orient und Occident 1, 200 u. S. 414,
Anm. 513). Die Sonnenstrahlen hängen, wie oben ebenfalls gesagt
wurde, mit dem Sonnengotte Süry<i oder Savitar zusammen. Und ist
es nicht Indra, welcher der feindlichen Dämonenwelt das ihm geraubte
Sonnengold wieder abzwingt? Im Gewitter geschieht dies durch Donner
und Blitz', bei finsterem Regen durch die Sonnenstrahlen. Indra muß
also nach dieser Seite hin mit dem Savitar identisch, er muß als Him-
melsgott auch Sonnengott sein. Es sind aus ganz verschiedenen und
sich von einander ursprünglich völlig selbstständig entwickelt haben-
den Vorstellungskreisen, dem des Rudra und dem des Savitar, die
sich auf den Kampf mit dem Gewitter- und Wolkendämon bezüglichen
Seiten in die Gestalt des mächtigen Indra zusammengeflossen. Als
solcher ist er denn auch der Urschütz, der Blitz und Sonnenstrahlen
von seinem Bogen, der zuweilen auch als Regenbogen erscheint, ab-
sendet. Daß man aber „die Strahlen der Sonne, des Mondes, der Ge-
stirne als Geschütz und Waffen, insbesondere als Pfeile dachte, ist
ein altes und in der Mythologie weitverbreitetes Biid" (Prellcr, gr.
u
1IKINO PFANNENSCHMID
Myth. 1, 222; Welcker, gr. Götterlehre 1, 537; Schwarz, Natur-
anschauungen 1, 93. 94. — Über das Geschrniedetwerden des Blitzes
s. das. 104). Auch des Apollon Pfeile sind ebensowohl Sonnenstrahlen
als Blitze (s. Preller u. Welcker a. a. O. , Pott in Kuhn's Zeitschrift
7, 95, Schwarz, Ursp. der Myth. 101 ff.). Wie nun die Sonne sich
in den Mythus von Indra einflicht, ja mit ihm identificiert werden
konnte, so gelten auch Blitze wie Sonnenstrahlen als seine Waffen unter
dem bereits bezeichneten Bilde des Pfeiles.
Nach diesen Ausführungen wird es gewiss nicht mehr befremden,
wenn wir schließen dürfen, daß auch der mit dem Indra in mehr als
einer Hinsicht (vgl. Kuhn in Haupt's Zeitschrift 5, 487 ff.) identische
Odhin - Wodan Pfeil und Bogen geführt habe. Diese Meinung wird
denn auch wirklich bestätigt. Kuhn hat in Haupt's Zeitschr. 5, 474 ff.
u. S. 488) bereits den Nachweis geliefert, daß Odhin einst durch Pfeil
und Bogen berühmt war (vgl. Menzel, Odin 161). Simrock (Myth. 1. Aufl.
567), Felix Liebrecht (Gervasius v. Tilbury 176, Anm. 7) und Mannhardt
(Götterwelt 1, 183) stimmen zu. Nur Wolf (Beiträge z. d. Myth. 1, 12,
Anm. 2) kann ich nicht beipflichten , wenn er unter Bezugnahme auf
Kuhn's so eben citierten Aufsatz meint, daß Wodan's Speer in Eng-
land erst zum Pfeile geworden zu sein scheine. Beide Vorstellungen,
meine ich, sind gewiss gleich alt. Als Robin Hood kämpft Wodan
mit Bogen und Pfeil gegen die Macht des bösen Winters (Mannhardt,
Götterw. 1, 144. 156). Wodan's Pfeil ist aber dasselbe wie sein Speer,
und dieser ist ein Symbol des Blitzes (vgl. Wilh. Müller, Gesch. und
System d. altd. Rel. 193, Anm. 3. Schwarz, Ursprung der Myth. 68
u. a. a. Stellen). Der Pfeil bedeutet aber hinwieder soviel wie Sonnen-
strahl; denn der einäugige Odhin -Wodan ist auch die Sonne (vergl.
Mannhardt, Götterw. 1, 133 u. 156; Schwarz, Volksglaube S. 103),
er ist Himmelsgott wie der griechische Apollon, und auch in der ger-
manischen Mythologie werden überhaupt die Sonnenstrahlen häufig als
Pfeile gedacht (Mannhardt, Götterw. 1, 258. 263). Wann aber des
Wodan Pfeile als Blitze oder Sonnenstrahlen zu fassen sind, lässt ganz
einfach die Scenerie des jedesmaligen Mythus erkennen. Bei Gewitter-
mythen wird man vorzugsweise an Blitze, bei Mythen, die es nur mit
der Regenwolke zu thun haben, an Sonnenstrahlen denken müssen.
Wodan ist nicht nur Gewittergott, wie Simrock (Myth. 241, 286) und
Schwarz (der heutige Volksglaube S. 31) nachgewiesen; er ist auch
der Sonnengott (Simrock, Myth. 255). Sein Widersacher und finsterer
Feind ist der Gewitter- oder Wolkendämon oder auch der Winterriese.
Diesen erlegt er durch seine Pfeile, sei es im Gewitter, im Sturm und
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 15
Regen oder in den Frühlingswettern. Als Pfeilkönig sind dem Odhin-
Wodan von den germanischen Göttern Hoenir (Schwenk, Myth. der.
Germanen 117 ff., vgl. Weinhold in Haupt, Zeitschr. 7, 24; W. Müller
in Schambach u. Müller, Nieders. Sagen 416, Anm. 2; Mannhardt,
Götterw. 1, 257) und Ullr identisch (Simrock, Myth. 336 ff.; Weinhold
a. a. O. S. 26; Mannhardt das. 1, 258). Wie Indra in den Maruts und
Ribhus Gehülfen in diesem Kampfe hat, so gewiss werden auch in
demselben Kampfe Eiben und Zwerge dem Odhin- Wodan Beistand
geleistet haben, obwohl diese Beziehung später sehr verblasst ist (vgl.
Grimm, Myth. 432). Aber sie erhält neues Licht, wenn wir erwägen,
daß jener Ribhu-Schütz mit dem germanischen Eigil wesensgleich ist:
beide sind Schmiedekünstler, der indische Väja- Teil als Ribhu, der
germanische Eigil-Tell als Bruder des Alfenfürsten Welent. Und wie
jener Ribhu-Schütz mit Indra, so ist dieser germanische Schütz Eigil
mit Odhin-Wodan identisch. Es wird nöthig sein, dies näher darzuthun.
Die Urahnmutter Eigils des Schützen ist Frau Wächilt (Käm-
pferin der Wogen), ein Meerweib, eine Wasserfrau (W. Grimm,
d. Heldens. 209; Raßmann a. a. O. 2, 157), im Naturmythus nichts
anderes als die Wolke (Mannhardt, G. M 726; Schwarz, Natur-
anschauungen 1, 117). Ihr Gemahl, der mythische König Wilkinus,
ist eine Hypostase des Gottes Wodan. Denn Wodan ist es, der auf
der Insel Moen als Grönjette sieben Jahre, d. i. die sieben Winter-
monate lang die Meerfrau jagt, und auf Fühnen als Palnajäger mit
Köcher und Bogen bewaffnet , ein Weib hetzt und erlegt (Grimm,
Myth. 896; Mannhardt, Götterw. 1, 154; Schwarz, Volksglaube 24).
Der mit dem Eigil ohne Frage identische dänische Meisterschütz heißt
Toko, der Sohn des Paine, woraus Palnatoke geworden ist. Dieser
Palnajäger der späteren Sage ist aber wie der bärtige Riese Grönjette
anerkanntermaßen Gott Wodan. Das Weib oder die Meerfrau, welche
er jagt, ist seine Gattin, die Göttin Freyja-Frigg, d. i. ursprünglich
die Wolkenfrau, die Wolke, welche (vom W'interdämon) sieben Winter-
monate eingefroren war, durch Wodan den Sturmgott aber im Früh-
ling erreicht und zerrissen, und der Erde ihren Segen zu spenden ge-
zwungen whd (Mannhardt, G. M. 291; Schwarz, Urspr. der Myth. 5;
der Volksglaube 22 ff. u. 25). Auch des Schützen Eigil Weib ist eine
Walkyre oder Schwanjungfrau , im Naturmythus soviel wie Wolke
(Mannhardt a. a. O. 564). Es sind demnach Eigil und sein Weib iden-
tische Figuren mit ihren Ureltern, alle diese aber Hypostasen des
Wodan und der Frigg. Da nun der Sturmgott Wodan durch die Ge-
stalt des Palnajägers, der als Meisterschütz mit dem Meisterschütz
16
MKINO PFANXENSCHMID
Eigil wesensgleich ist, Daher als göttlieber Bogenschütz charakterisiert
wird , so gelangen wir dadurch einlach und folgerichtig zu dem Ge-
danken: des Sturm- und Sonnengottes Wodan Strahlen oder Pfeile
treffen die Wolke, die nun im Regen das Erdreich befruchtet. Hier
liegt demnach auch der ursprünglich physikalische Gehalt des Eigil-
mythus klar vor Augen. Eigil , der heroisierte göttliche Bogenschütz,
ist Gott Wodan selbst. — In ähnlicher Weise dürfte die Figur des
Schützen Eigil beleuchtet werden durch den mythischen König Eigil
von Trier, dessen Sohn Orendel identisch ist mit dem nordischen Or-
vandill (d. i. Strahl), der mit der Groa (d. i. Saaten- oder Pflanzengrün)
den Frühlingschmuck der Pflanzenwelt erzeugt (Mannhardt, Götterw.
1,261; vgl. dagegen Simrock, Orendel, Einl. XI ff. , Ettmüller, Oren-
del 147 ff.). Was nun vom Sohne gilt, darf auch mythologisch vom
Vater ausgesagt werden.
Ein helleres Licht auf die Wesensgleichheit des Eigil mit Wodan
wirft die Identität seines Bruders Wieland mit Wodan. Eigils weit-
berühmter Bruder, Wieland der Schmied (die Welentsage s. b. Raß-
mann, Heldensage 2, 212 ff.)r ist schon längst als eine göttliche Heroen-
gestalt in der germanischen Mythologie anerkannt*); ebenso der Riese
Wade, der Vater beider. Der letztere trägt freilich neben seinen un-
verkennbar wodanischen Zügen (W. Müller, in Schambach u. Müller,
Nieders. Sagen 412, Anm. 4) auch unleugbar thunarisches Gepräge
(s. Mannhardt in seiner ausgezeichneten Abhandlung über Wato in
Wolf, Zeitschrift f. d. Myth. 2, 296 ff., 3, 1 17 u. 394, Germ. Myth. 147),
jener dagegen entschieden odhinisch-wodanische Natur an sich. Denn
Wielaud war ebenfalls wie seine zwei andern Brüder mit einer Walkyre
vermählt; später nahm er eine andere Gattin: er erscheint als Odhin
in seiner Verbannung, als winterlicher und sommerlicher Gott (die
weitere Ausführung s. b. W. Müller a. a. O. 389 ff.). Er bringt, da
er bei den Zwergen (im Naturmythus = Gewitterwesen, WTolkendämonen)
die Schmiedearbeit gelernt hat, auch die künstlichsten Gebilde (= Pflan-
zenreichthum) hervor (Unland, Mythus vom Thor S. 18. 77; Mannhardt,
G, M. 472. 473). „Er ist der göttliche Knecht, der unter der Erde die
Hufeisen des weißen Lichtrosses, die Sonnenpfeile, das Sonnenschwertj
den Hammer des Blitzes, die Rüstung des künftigen Frühlings schmie-
det, oder auch zierliche Kleinode arbeitet, den Schmuck der Saaten,
*) Über seine Verwandtschaft mit Prometheus, Hephästos, Erichthonius und Dä-
dalus, s. Grimm, Myth. 351. W. Müller, Gesch. der altd. Rel. 314. Welcker, gr. Götter-
lehre 1, 6Gö. Raßmann a. a. O. 2, 272. Kuhn, Zeitschr. f. Tgl. Sprachf. 4, 95 ff.
Vgl. Jul. Braun, Naturgesch. der Sage. 1, 360, 370.
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. IT
des Laubes und der Blumen, endlich den Zauberring der ewig sich
wiedergebärenden Zeit selbst" (Menzel, Odin S. 87. 88). Die Zwerge
oder Alfen, deren Fürst Wieland heißt (Völundar-Quida in der Edda
Saem. Th. II Strophe X u. XXX), stehen aber im Dienst des Odhin-
Wodan, der ihr Vater ist (Menzel, Odin 150), wie die Ribhus im
Dienste ihres Vaters und Herrn des Indra, und Wielands Lehrer
in der Schmiedekunst ist der alte Naturgott Mimir, der sich wiederum
mit Odhin in engster Beziehung befindet (W. Müller, ßel. 183). Seine
Identität mit Wieland findet auch Kuhn wahrscheinlich (Zeitschrift
f. vgl. Sprachf. 4, 117), und Schwarz (Naturansch. 1, 127) setzt Mimir
mit dem wilden Jäger, also mit Wodan gleich. Der Hengst Skemming
(d. i. der Schimmel), den Wieland reitet (Raßmann a. a. O. 2, 237),
und den wir später in seines Sohnes W ittichs Besitz sehen (Raßmann,
das. 2, 378. 379), macht mit diesem den gewaltigen Felsensprung über
einen Fluß, so daß die Eindrücke der Hufeisen zu sehen waren (Raß-
mann, das. 2, 388). Dadurch verräth sich der Schimmelreiter als
Odhin- Wodan, und der Schimmel als dessen Ross Sleipnir, der durch
die Luft wie über die Wellen sprengte (Wolf, Beiträge z. d. Myth,
2, 24. Über den Sleipnir als Donnerross s. Schwarz, Ursp. der Myth.
216 fi. , als Sonnenross in deutscher Myth. s. dens. in Naturansch.
I, 125 ff., über das weiße Ross des Indra s. Kuhn in Haupt, Zeitschr.
5, 489). Demnach ist auch Wieland als derselbe Schimmelreiter =
Odhin-Wodan erwiesen. Um es kurz zu sagen, wir haben in Wieland
eine etwas andere Auffassung des Wodan als im Eigil: beide ergänzen
sich zu einer volleren Wodansmythe. Eine dritte Beziehung zu Wodan,
wie sie in dem dritten Bruder Slagfidr, d. i. der Beflügelte, hat vor-
liegen müssen, entzieht sich der Betrachtung, weil wir über ihn so gut
wie gar nichts wissen (doch s. Simrock, Orendel , Einl. XVII). Er
theilt darin das Loos seines indischen Vorbildes.
Diese drei Brüder erscheinen nun wie in der indischen Mytho-
logie so auch in der germanischen als drei göttliche Gestalten , mit
Indra- Wodan identisch, von denen sie verschiedene Seiten darstellen.
In der deutschen Sage kommen sie einige Male als drei Zwerge vor
(vgl. Mone, Heldens. 143), ihre Gattinnen, die drei Walkyren, nach
dem Wölundsliede Hladgut Svanhvit, Hervor Alvit (gewöhnlich als
„allwissend" gedeutet) und Ölrun (Mone a. a. O. S. 103 verbessert
scharfsinnig: Hl. Svanhvit, Schwanenweiß; II. Snähvit, Schneeweiß;
() Alvit, Allweiß) erscheinen ebenso als Schwanjungfrauen (s. Hocker
in Wolf, Zeitschr. 1, 307; Raßmann a. a. O. 255, Anm. 6 u. S. 265
bis 267 ; Mone a. a. O). Besonders auffallend hat sich die Dreizahl
CEUMANIA X. 2
]g II KINO PFANNENSCHMID
außer in der eben angegebenen indischen nnd isländischen «auch in der
englischen, öselschen nnd schweizerischen Tellsage erhalten In crsterer
haben wir Adam Bell, Clym ot' the Clough nnd William of Clondesly,
in zweiter die drei Riesenbrüder Toll, Tolle oder Teil (Rußwurm, Sagen
ans Hapsal etc.. S. 11), in der letzten die drei Teile (Kopp, Geschichts-
blätter 2, 356; Jos. Schneller, Geschichtsfreund, Einsiedlen 1861, XVII,
147. 148; Henne, die Klingenberger Chronik S. 44; Rochholz, die
Tellenschanspiele: in d. Grenzboten 1864, Nr. 31, S. 194). Daß wir
aber in diesen Sagenfiguren eine freilich immer auf anthropologischer
Grundlage ruhende Heroen- ja Götter -Dreiheit anzuerkennen haben,
möchte sehr wahrscheinlich sein (Wolf, Beiträge z. d. Myth. 2, 70).
Auch glaube ich gestützt auf die merkwürdige Verwandtschaft meh-
rerer Züge der Tellsage mit den ähnlichen der uns nicht stammver-
wandten Finnen und Lappen*) es aussprechen zu dürfen, daß das
Alter der Teilsage noch weit über das arische Alterthum hinauszu-
reichen und einer Zeit anzugehören scheint, wo jene und die Arier
noch geographisch näher zusammenwohnten (vgl. Ed. Pabst , in den
Hamb. Litt. - krit. Blättern 1856, Nr. 62). Auf einen solchen ursach-
lichen Zusammenhang der Schützensagen aller Völker hat neuerdings
von einem dem unsrigen ganz verschiedenen Standpunkte aus auch
Julius Braun mit vielem Scharfsinn aufmerksam gemacht (Naturgesch.
der Sage 1 , 26 ff.). Vom Teil ist in diesem Bande schon öfter die
Rede (so S. 26, 354, 426); der zweite Band wird unter dem Artikel
„Teil" ein Mehreres bringen. — In der germanischen Heldensage hat
nun unter den drei Brüdern Wieland den weitaus vornehmsten Platz
erhalten ; wie es denn in der germanischen Mythologie häufig vorkommt,
daß Einem der drei „die größere Kraft des Gelingens" zugeschrieben
wird. Ja, man wird nicht sehr fehlgehen, wenn man behauptet, daß
die Figur des Wieland im Laufe der Zeit gar manche Züge, die dem
Eigil und Slagfidr zugehören, in sich aufgenommen hat. Wird doch
Wieland in einer jüngeren schwedischen, dem Anfang des 18. Jahrh.
angehörigren Erzähluno; selbst mit dem Eisfil in Betreff seines Bogens
und seiner nimmer fehlschießenden Pfeile geradezu identificiert (nach
Hylten-Cavallius bei Raßmann a. a. O. 2, 262 u. 263)! Um so mehr
wirft das, was wir von Wieland wissen, auf die Natur seines mit ihm
identischen Bruders Eigil ein desto helleres Schlaglicht, und stellt des
*) Ich denke dabei auch unter Anderem an den merkwürdigen finnischen Mythus
vom Weltei, der sich bei den Indiern, Persern, Ägyptiern, Chinesen, Phöniziern, Grie-
chen u. a. Völkern vorfindet. Castren, Finnische Myth. 289 ff. Jul. Braun, Naturgesch.
der Sage 1, 32.
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 19
letzteren Göttlichkeit und die Art seines odhinisch-wodanischen Wesens
außer Zweifel. Insbesondere ist der Meisterschütz Eigil mit dem Pfeil-
könig Oclhin - Wodan wesensgleich. Eigil ist seinem ursprünglichen
Wesen nach der Sonnenstrahl unter dem Bilde des Pfeiles. Darauf
führt auch die etymologische Bedeutung des Wortes Eigil , dessen
Wurzel AG das Scharfe, Spitzige bedeutet, Die Spitze ist am Pfeil
das Wichtigste; sie bedingt die Schnelligkeit des Fluges. Eigil muß
demnach im eminenten Sinne für Spitze, d. i. Pfeilspitze, im Gebrauch
gewesen sein.
Der Eigil ist also nach obigen Ausführungen identisch mit der
Sturm- und Regengottheit, dem Wodan, wie mit der Sonnengottheit,
die ebenfalls Odhin - Wodan ist. Es fehlt noch ein drittes Moment,
seine Beziehung auf den Gewittergott Wodan. Dürfte man sie, was
den Eigil betrifft, auch aus seiner Verwandtschaft mit dem Wato und
dem Wieland folgern, so ergibt sie sich doch unmittelbarer aus zwei
anderen mythologischen Figuren, die mit dem Eigil identisch sind, aus
dem dänischen Toko und dem Urner Teil. Beide erlegen den Tyran-
nen, der den Schützen knechten und vergewaltigen will, durch das
sicher treffende tödtliche Geschoß. Dieser Umstand ist in der Eigil-
sage und den übrigen Tellsagen nur angedeutet; der bestimmt indicierte
Vorsatz (durch das Nehmen noch anderer Pfeile), den Tyrannen zu
tödten, kommt nicht zur Ausführung: die Sage hat die That selbst
fallen gelassen. Der Gewittergott Wodan bekämpft nun wie sein Ur-
typus Indra den Gewitterdämon, den Gewitterriesen, den feindlichen
Tyrannen; er erlegt ihn durch seinen nur diesem Zwecke dienenden
Blitz. Dasselbe thun auch Toko und Teil durch ihre Pfeile, mittelbar
auch der nordische Heming. Dürfte man in der Schweizertradition
Gewicht legen auf die erst durch Tschudi fixierte Zeitbestimmung, so
führte die Weihnachtszeit auf Wodans Kampf mit dem Winterriesen,
den er ja auch sonst erwiesenermaßen siegreich besteht.
Somit erweitert sich der mythische Gehalt der Sage vom Eigil
durch die Toko- und Tellsage zur Schützensage, zum Mythus von
dem Schützen überhaupt. Der Ursch ütz ist Indra- Wodan, sein Feind
der Gewitter- oder Winterriese, sein Geschoß in dieser Beziehung der
Blitz. Der Blitz aber wird unter dem Bilde des Pfeiles vorgestellt. —
Von verschiedenen Seiten her, von denen des Sturmes, des Regens und
des Gewitters in Verbindung mit der bei allen diesen Erscheinungen
unzertrennlich zu denkenden Sonne (vgl. Dr. Sonne in Kulm, Zeitschr.
10, 169), erkennen wir also in dem Sonnenstrahl oder dem Blitz, deren
Natursymbol der Pfeil ist, das älteste mythische Element aller Teil-
2*
20 IIKINO PPANNENSCHMID
sagen. Als Waffe in der Hand des Gottes richtet er sich gegen den
finsteren Widerpart, den er nach schwerem Kampfe überwindet.
Dali aber die Erschießung des Tyrannen sowohl in der Schweiz
als auch in Dänemark auf einen Mythus zurückzuführen ist, beweisen
beide Sagen selbst. In der Schweiz ist niemals ein kaiserlicher Land-
vogt oder herzoglich österreichischer Vogt erschossen worden. Das
ist das zuverlässige Resultat gründlicher Geschichtsforschung (s. Huber,
a. a. O. S. 74 u. 114 ff1.). Neuerdings hat Herr von Liebenau (die
Tellsage, S. 113 ff", bes. S. 117) die Meinung aufgestellt, der habsbur-
gische Untervogt über Schwyz und Uri, Namens Kesseler, sei etwa
um 1230 vom Teil durch Pfeilschuß getödtet worden. Doch hat Herr
von Liebenau dies nur errathen (vgl. das. S. 118); bewiesen hat er
es nicht und wird auch niemals in diese Lage kommen. Außer meh-
reren sehr erheblichen, dem Gebiete der Geschichtsforschung zuge-
hörigen Gründen steht dem auch dieser entgegen , daß um diese Zeit
von einem solchen Vorfall durchaus gar nicht das Allergeringste be-
richtet wird. Und das wäre doch ein auf jeden Fall sehr wichtiges
und sehr bemerkenswerthes Ereigniss gewesen. Der spätere Bericht
über die Erschießung des Vogtes ist also eine Sage. Aber die Sage
selbst deutet auf einen Naturmythus zurück. Es bleibt nämlich die
Tödtung des Tyrannen nach der Schilderung der Sage stets ein Mord.
Wie hat man nun diesen Zug glorificieren und bewundern können,
zumal gerade in den frühesten und mittleren Zeiten germanischer Ge-
schichte dem keuschen und sittlich-ernsten germanischen Volksgeist
nichts verhasster und strafwürdiger war als ein Mord? Denn von Blut-
rache, wie Liebenau (a. a. O. S. 144) will, kann man hier nicht reden,
weil ja nirgends das Kind tödtlich getroffen wird. Der Mord, den
Teil begeht, ist eine Folge seiner Rache (vgl. unter anderen Waitz in
den Gott. gel. Anz. 1857, S. 742). Und auch der mögliche Einwand,
Toll habe, um das eigene Leben zu erhalten, aus Furcht den Tyrannen
getödtet, nimmt dem Morde, der sogar ein recht feiger ist, seinen
Stachel nicht. Wäre er überhaupt je wirklich vorgekommen, er würde
gewiss ebenso gebrandmarkt sein, wie alle ähnlichen Morde jener Zei-
ten ; ja, er würde gewiss seine Sühne gefunden haben. Aber von beiden
weiß Niemand etwas zu berichten. Das Erlegtwerden des Tyrannen
weist deshalb auf einen Naturmythus zurück. Auf den hier zu Grund
liegenden Wodansmythus, wo der Teil der rächende, blitzschleudernde
göttliche Bogenschütz ist, der den Landesfeind, den Tyrannen erlegt,
reflectiert die allcrroheste Vorstellung von einem Zweikampfe, von
einem Morde. Denn in den urältesten Zeiten, „die jeder Sitte fremd,
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 21
nur den Naturtrieb kannten" , galt der Mord , selbst der Vatermord,
noch als natürliche That (s. Schwarz, Urspr. der Myth. Einl. XIX.
J. G. v. Hahn, Über Bildung und Wesen der mythischen Form, in:
Zeitschr. f. Philosophie u. phil. Kritik, Bd. 40, S. 84). Aus dieser
vielleicht vorarischen Urzeit stammt auch der vorliegende Mythus.
Auf dieser Stufe ist das Erschießen kein Mord; wohl aber unwider-
legbar im Sinne des Mittelalters. Was die Schweiz betrifft, so erkennen
wir leicht in der späteren Sage von dem Schusse auf den Landesfeind
den mythischen wie sagengeschichtlichen Bestandteil heraus. Jener
wurde so eben angezeigt; dieser reduciert sich auf irgend eine kühne
That gegen irgend einen tyrannischen Großen, vielleicht auch auf einen
rechtlichen Zweikampf, in welchem der Übermüthige erlegt wird.
Nachdem sich auf dieses einer sehr frühen Zeit angehörige historische
Substrat der schon vorhandene und in der Erinnerung des Volkes
lebende, mehrfach besprochene Mythus herabgesenkt hatte und die
Sagenbildung bereits vor sich gegangen war, kam in die so ent-
standene, ursprünglich in Liedern besungene Sage durch den Geist
der ältesten Schweizer Chronisten neue sittliche Beziehung: man suchte
die schwarze That des Mordes abzuschwächen. Die auf allerdings
edler Vaterlandsliebe beruhende, aber das rechte Maß überschreitende
Leidenschaft soll recht menschlich entschuldigt werden durch die über-
menschliche Forderung des Landvogtes, den Apfelschuß zu vollziehen.
Dadurch soll das Verbrecherische der Mordthat beseitigt werden. Wie
sehr aber auch die dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts angehörende
Fassung der Sage sich bemüht hat, diesen Mord in ethisch günsti-
gerem Lichte erscheinen zu lassen: das Gehässige, welches ihm ein-
mal anklebt, hat sie, hat selbst im neunzehnten Jahrhundert der ge-
priesene Dichter des Teil nicht zu überwinden vermocht, da die ur-
sprüngliche Naturmythe in einer Zeit voll glühenden Hasses gegen das
Haus Habsburg sich nicht zu reiner sittlicher Ausprägung ausgestal-
ten konnte.
Auf's klarste wird die eben ausgesprochene Annahme von dem
mythischen Gehalt des Schußes auf den Tyrannen durch die dänische
Sage illustriert, welche ebenfalls erzählt, Toko habe später den König
Harald Blaatland, der jenen zum Apfelschuß gezwungen hatte, hinter-
listiger Weise erlegt (Konrad Maurer, Bekehrung des norwegischen
Stammes 1, 246, Anna. 10). Allein dies ist unhistorisch: Harald ver-
liert sein Leben im Kampfe gegen seinen Sohn Svein im Jahre 985
oder 986 (s. Dahlmann, dän. Gesch. 1, 83; Genaueres hat Maurer a. a. O.
S. 245 fl'). Ja, Maurer sagt (das. S. 244) über den „Palnatoki", er
22 HEINO PFANNENSCIfMID
scheine eine durchaus ungeschichtliche Person zu sein, welche, bereits
der älteren Sage angehörig, mit den Vorgängen der Zeit König Haralds
erst später in Verbindung gebracht wurde.
In Betreff des Schusses auf den Landesfeind kommen wir also zu
diesem Resultat: Weder ein kaiserlicher Landvogt, noch herzoglich
österreichischer Vogt, noch gräflich habsburgischer Untervogt ist jemals
in Schwyz vom Teil, noch ist der dänische König Harald von Toko
erschossen worden. Die Erzählung von diesen Vorgängen ist eine
Sage, die aber ein sagengeschichtliches und ein mythisches Element
in sich birgt.
In dieselbe Scenerie des oben entwickelten Mythus von Indra-
Wodan ordnet sich nunmehr auch die nicht mehr unverständliche
Wasserfahrt Teils ein. Ist Teil identisch mit Odhin- Wodan, so
darf man auch die Wasserfahrt Teils auf denselben, der als ein wahrer
Sturmesgott durch die Wogen fährt, beziehen. Odhin heißt aber auch
ausdrücklich Herr des Meeres (W. Müller, Rel. 185, Anm. 4), und
durch seine Identität mit Wieland wird er auch Erfinder der Schiff-
fährt (s. die Welentsage bei Raßmann a. a. O. S. 220. Vgl. Simrock,
Myth. 274). Wie das Schiff nun unzählige Male das Naturbild für
die Wolke ist, so ist auch Odhin der himmlische Wolkenschifier,
ebenso wie Indra (Mannhardt, G. M. 147). Doch ist jener hier nicht
als Todtenschiffer (vgl. Grimm, Myth. 790 ff.; Schwarz, Ursp. der
Myth. 273) zu fassen, wie dies Silberschlag versucht (in Gutzkow,
Unterhaltungen 1862, dritte Folge 2. Bd. Nr. 26, S. 503); auch bezieht
sich die Seefahrt nicht „auf einen in vielen alten Überlieferungen er-
wähnten sacrificalen Gebrauch seebewohnender Völkerschaften , daß
nämlich von denselben zu gewissen Zeiten, besonders gelegentlich all-
gemeiner Missgeschicke und Landplagen, ein dem Tode geweihter
Mann in leichtem Nachen auf die stürmische See hinausgestoßen wurde
als Opfer für die zürnende Gottheit, deren Gnade es nun auch kraft
seiner eigenen Kunst und Kühnheit überlassen blieb, ob er untergehen
oder sich retten werde (Beilage zu Nr. 174 der Allg. Ztg. 1864), —
eine Erklärung, wobei die Einzelheiten der Wasserfährt gar nicht ge-
deutet werden: der innige Zusammenhang, in welchem Teils Schiff-
fahrt mit der Erschießung des Tyrannen steht, führt auf Näherliegendcs.
In seinem Kampfe mit dem Gewitter- oder Winterdämon scheint Indra-
Wodan anfangs zu unterliegen; ebenso der mit jenen identische Teil.
Durch das Wolkcnmeer soll er gefesselt in die Wolkenburg des Ty-
rannen geführt werden: des Gottes Blitze haben allein keine Wirkung
mehr in den Wolkenwassern, welche sie durchfahren. Da erheben sich
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 23
die Sturmesgeisterschaaren , die Maruts und Ribhus, die Geister der
wilden Jagd, in dem Sturmes- und Gewitterkampfe zu rettender Hülfe :
der Seesturm bricht los. Teil wird entfesselt; als kühner und sicherer
Schiffer durchschneidet er, ein furchtbarer Feind, wieder die Wogen,
und plötzlich wie durch einen Sprung steht er da mit Bogen und Pfeil
auf festem Gestein, ein gefährlicher Schütz, das Fahrzeug zurücksto-
ßend und den Todespfeil in die Brust des Tyrannen sendend: die Wolke
zerreißt in einem Nu; daraus hervor springt Indra- Wodan, der blaue
Himmelsgott auf sicherem Wolkenfels dastehend, spannt seinen (Re-
gen-) Bogen und sendet den tödtlichen Blitzstrahl nach der zurück-
geschleuderten Wolke, in welcher der Gewitter- oder Winterriese, der
Tyrann, verborgen ist und nun erlegt wird*).
Nach dieser Auflassung gehört ersichtlichermaßen eng zusammen
die Gefangennehmung des Schützen durch den Tyrannen, dessen Fes-
selung und Fortführung auf dem Fahrzeuge über den See, der gewal-
tige Sturm, des Teil Befreiung und Sprung auf die Felsplatte, das
Fortstoßen des Nachens und die Erschießung des Todfeindes mittelst
eines Pfeilschußes. Die Erzählung des Melchior Ruß hat diese Auf-
einanderfolge der Einzelheiten treu bewahrt; bei anderen Chronisten
erscheint sie auseinander gerissen. Dasselbe findet auch in Betreff des
Tyrannenmordes in der dänischen Toko- und auch unter oben ange-
gebener Einschränkung in der norwegischen Hemingsage statt. Das
Schneeschuhlaufen des Toko und was daran hängt besagt übrigens
im wesentlichen ganz dasselbe wie die ursprünglicher gehaltene Schwei-
zer-Relation von Teils Fahrt über den See; nur ist die Scenerie in
der dänischen Sage local umgeformt und der nördlichen Natur ange-
passt. Weshalb aber alle anderen Teilsagen die Wasserfährt des Schützen
vergessen konnten , lässt sich daraus erklären , weil sämmtlichc Ort-
lichkeiten , wo die verschiedenen übrigen Teilsagen spielen , keine
Seen aufzuweisen haben. Der Anblick des Vierwaldstättersees konnte
hingegen die alte Erinnerung an den Wolkenschifi'er wieder wecken,
neu beleben und localisieren : der Mythus konnte sich hier leicht mit
einer historischen Persönlichkeit verbinden. Und einen solchen sagen-
geschichtlichen Gehalt haben wir dem Begriffe der historischen Sage
zufolge auch hier vorauszusetzen. Der Meisterschütz wird also auch
zugleich ein kühner , unerschrockener und in manchem Seesturm er-
probter wackerer Steuermann gewesen sein.
*) Über die jüngere Loealisation der Sage, Teil habe den Landvogt in der hohlen
Gasse; erschossen, soll ein anderes Mal gehandelt werden.
24
1IEIN0 TFANNENSCIIMIb
Nachdem nun durch vorstehende Ausführungen der eigentliche
Kern aller Schützensagen dargelegt ist, so können wir uns jetzt von
der so gewonnenen Basis aus zu dem viel besprochenen Apfel schuß
wenden (s. die früheren Ansichten b. Ilisely, Guillaume Teil S. 588 ff.).
Die Sage, daß ein Vater gezwungen wird, von dem Haupte seines
Sohnes einen Apfel zu schießen, findet sich in Westphalen, Island,
Dänemark, Holstein und der Schweiz. Der englische Schütz thut
den Apfelschuß freiwillig, und in den beiden norwegischen Fassungen
ist an die Stelle des Apfels (aus örtlichen Gründen) eine Schachfigur
und eine Nuß, in einer der beiden holsteinischen Localisationen eine
Birne (Genn. VIII, 213), in der oberrheinischen ein Denar getreten,
Vertauschungen, die ebensowenig von Gewicht sind, als wenn bei den
Finnen der Sohn vom Haupte des Vaters den Apfel schießt. Die
persische Sage vom Apfelschuß ist die litterarisch älteste, und ihr Vor-
handensein beweist, daß die Sage vom Apfelschuß bereits vor der
Auswanderung der germanischen Völker ihre bestimmte Ausprägung
erhalten haben muß. Aus der dänischen und schweizerischen Teilsage
ersehen wir aber zugleich, daß die Sage, wie sie bereits von uns be-
sprochen ist, ganz eng mit der Sage vom Apfelschuß zusammenhängt.
Wenn aber auch, wie gezeigt, der Schuß auf den Tyrannen die Haupt-
sache bei der Tellsage bildet und nicht, wie hier gleich bemerkt werden
mag, der Apfelschuß, so ist doch dieser im Verlauf der weiteren Sagen-
bildung der eigentliche Magnet geworden, der alles Übrige angezogen
hat. Und das kommt daher, weil bei der Sage vom Apfelschuß der
pikante sagengeschichtliche Gehalt den mythischen fast absorbiert hat.
Bevor wir jedoch diesen Nachweis liefern, müssen wir den neuesten
Versuch , den Tellschuß auf einen „uralten Erntegebrauch" zurückzu-
führen, als gänzlich verfehlt zurückweisen. Der auf einen kleinen Be-
zirk Arabiens beschränkte heutige Gebrauch , worauf der Verfasser
eines mit dem Buchstaben C signierten Artikels in der Beilage zu
Nr. 174 der Allg. Ztg. vom 22. Juli 1864 seine „religiöse Erklärung
der Tellsage" baut , ist dieser : „Jährlich bei der Dattelernte wird ein
fünf- bis sechsjähriger Knabe hart unter eine steinerne Scheibe gestellt,
und nach dieser auf vierzig Schritt von einem oder zwei der besten
Schützen -- gegenwärtig mit Feuergewehr, früher -mit Bogen — ge-
zielt und geschossen. Das - - gewöhnlich beim ersten Schuß gelin-
gende — Treffen der Scheibe wird dann von der umstehenden Bevöl-
kerung mit lautem Jubel begrüßt, und der Knabe wie der Schütz mit
einem Geldgeschenk belohnt."
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 25
Ich stelle diesem arabischen Gebrauche aus der Gegenwart einen
ähnlichen aus dem heutigen Leben der amerikanischen Indianer, einen
wirklich modernen Tellschuß, zur Seite. Th. Bade erzählt wahrschein-
lich nach Keid's amerikanischen Schilderungen in seinem Buche „Der
Scalpjäger" (1857. S. 91. 92), daß ein Indianer Amerika's einer In-
dianerin, einem Mädchen in malerischer Tracht, einen kleinen Prärie-
Kürbis von der Größe einer Citrone auf sechzig Schritt Entfernung
mit seiner Büchse so vom Haupte geschossen habe, daß er in Stücken
umhergeflogen sei, während die Kugel in den Baum fuhr, an welchen
sich das Mädchen angelehnt hatte.
Ein Meisterschuß allerneuesten Datums ist der folgende, über
welchen die Kölner Zeitung vom 24. Januar 1859 berichtet. Sie schreibt:
Vor dem Polizeigericht zu Speyer wurde unlängst ein neuer Teil ver-
urtheilt. Ein dortiger Leinweber, der sich immer rühmte, „ein aus-
gezeichneter Schütz zu sein", suchte endlich seiner Meisterschaft die
Krone aufzusetzen. Zu diesem Behuf nahm er sein Geschoß zur Hand
und begab sich , in Begleitung seines etwa zwölfjährigen Söhnchens,
in den Garten. Dort angekommen , befahl er dem Knaben, eine Kar-
toffel auf den Kopf zu legen und sich in einer Entfernung von etwa
15 Schritten vor ihm aufzustellen. Der Sohn thut willig, wie ihm ge-
heißen wird; mit der größten Kaltblütigkeit macht sich inzwischen
der Vater schußfertig, legt an, feuert — und „der Knabe lebt! Der
Apfel ist getroffen!" Die Kartoffel war mitten durchgeschossen. Die
Nachbarn, denen er den Meisterschuß zeigte, schüttelten jedoch un-
gläubig den Kopf; um sie zu überzeugen, mußte er den kühnen Schuß
noch einmal wagen. Auf desfallsige Einladung hatten sich Abends
wirklich einige Zuschauer eingefunden; der Knabe mußte der Dunkel-
heit wegen eine Laterne halten, und — abermals flog das Ziel vom
Kopfe des Kindes, die Kugel hatte nur dessen Mütze gestreift. Die
Nachbarn giengen in Verwunderung darüber nach Hause. Inzwischen
aber wurde die Sache in weiteren Kreisen ruchbar; der neue Teil,
gerichtlich belangt, gab auf die Frage: „Ob er ein Narr sei?" ein
kurzes „Bisweilen" zur Antwort. Die erste Cur zur Heilung seiner
Narrheit bestand in einer Geldstrafe und fünf Tagen Gefängniss.
Abgesehen von sonstigen Unähnlichkeiten mit der Tellsage, con-
statieren die beiden zuletzt gegebenen Erzählungen, daß Tellschüße
nicht nur vorkommen können, sondern neuerdings wirklich vorgekommen
eind. Aber zur Erklärung des Apfelschusses in der indo-germanischen
Sage werden diese modernen Tellschüsse ebensowenig dienen können,
als der arabische Schuß nach — der Scheibe. Denn weiter besagt die
26 HEINO PFANNENSCHMID
arabische Erzählung nichts: dem Knaben wird weder eine Dattel, noch
ein Kürbis, noch ein Apfel, noch überhaupt irgend etwas vom Haupte
geschossen. Und gerade dies ist ein wesentliches Charakteristicum
der indo-germanischen Tellsagen. Dieser Punkt ist geradezu entschei-
dend. Und außerdem — seit wann ist es erlaubt, eine so weitver-
breitete arische Sage, wie die Tellsage ist, auf semitische Wurzel
zurückzuführen, die arische durch semitische Sage zu deuten? Zudem
ist die Deutung jenes arabischen Schusses auf einen Erntegebrauch
durch weiter gar nichts motiviert als durch eine geistreiche Com-
bination, die aber allen Haltes und Nachweises entbehrt. Endlich ist
auch das Heranziehen des semitischen Schusses zur Erklärung der ari-
schen Sage deshalb abzuweisen, weil der mythische arische Bogen-
schütz schon in so frühen Zeiten hervortritt, daß von einem sesshaften,
ackerbautreibenden Volke, mithin von Erntegebräuchen, noch gar keine
Rede sein kann. Damit wird denn auch die Deutung jenes arabischen
Gebrauches als „eines Ersatzes für wirkliche Opferung", die im Alter-
thum überall gebracht sei, hinfällig. Wir haben demnach eine andere
Erklärung der Sage vom Apfelschuß aufzusuchen.
Wir finden sie, wenn wir uns an die älteste Fassung derselben,
an die persische Sage, halten. Vergleicht man diese (s. Germ. 9, 225)
mit den übrigen germanischen Sagen , so ergibt sich , daß dort der
namenlose König, wie es scheint zum Vergnügen, den Apfelschuß voll-
führt, daß er hierzu von Niemandem gezwungen wird, daß er nicht
seinem Sohne, sondern seinem Lieblingssclaven das Ziel vom Haupte
schießt und endlich, daß dies Ziel ein Apfel ist. Es fehlt also der
Tyrann, der den nach heutigen Begriffen unnatürlichen Schuß verlangt,
und ein Untergebener, der den Schuß auf Befehl wagen muß. Statt
des Sohnes haben wir hier einen Lieblingssclaven oder, allgemein aus-
gedrückt, eine geliebte Person. Nur den Apfel treffen wir hier, wie
in den wichtigsten germanischen Sagen. Es fragt sich nun, ob dem
Apfel eine mythische Bedeutung zuzuschreiben ist. Und da ist von
vorn herein zu sagen, daß die mythische Natur des Apfels durch nichts
aus der indo - germanischen Mythologie aufgehellt werden kann. Die
scharfsinnige Erklärung, welche Schwarz (Ursprung d. Myth., s. Index)
über die Bedeutung des Apfels in der griechischen und germanischen
Mythologie gegeben hat, lässt sich wenigstens, so_ weit ich sehe, in
keine Verbindung bringen mit meiner Auflassung der Tellsage. Es
bleibt also weiter nichts übrig als anzunehmen, daß die persische Sage
ihre Fassung in einer Zeit erhalten hat, welche ihre rohe Sitte und
Gewohnheit in jener Sage treu widerspiegelt, und daß sie zugleich
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 27
auch deshalb in die grauesten Urzeiten des arischen Alterthums hin-
aufreichen muß. Und hier einen wirklichen Apfelschuß anzunehmen,
hat nichts Widersprechendes; er ist hier im Gegentheil ganz natürlich.
Dies ist der sagengeschichtliche Kern des Apfelschusses. Der mythische
Gehalt desselben ergibt sich dagegen einmal aus der Verbindung, in
welcher er mit dem Ganzen der germanischen Teilsage steht, und so-
dann insbesondere aus dem Umstände, daß der Apfelschuß überall
ein unfehlbarer ist. Dadurch wird aus dem menschlichen königlichen
Schützen der göttliche mit Indra- Wodan identische, von dem man aber
noch mehr zu sagen wusste. Dieses Mehr hängt sich deshalb auch
ganz richtig dem sich nunmehr gebildet habenden verwandten Mythus
vom Apfelschuß an. Im Fortgange des den Mythus zur Sage umbil-
denden Processes wird dann aus der geliebten Person der leibhaftige
Sohn des Schützen, und der nun als grausam erscheinende Apfelschuß
ethisches Motiv zur Erschießung des Tyrannen. Dieser Abschluß der
Sage fällt demnach in die, freilich immerhin noch sehr alte Vorzeit
germanischen Lebens, wo die ersten Regungen einer erhöhteren Cultur
sich zeigen. Alle Localisationen der Tellsage tragen entweder nur
andeutungsweise oder bestimmt ausgesprochen diesen Charakter an
sich. Weil sich aber so der Apfelschuß als eine ganz besonders
alle edleren menschlichen Gefühle empörende Handlung hinstellt, so
trat er als das wichtigste Glied in den Einzelheiten der Tellsage her-
vor, dem alles Andere gleichsam mythisch angewachsen erscheint.
Dieser Nachweis über den sagengeschichtlichen und kosmischen
Gehalt des Apfelschusses lässt nun über die Natur aller Meisterschüsse
überhaupt keine Zweifel mehr aufkommen. Die germanischen Meister-
schüsse sind durchaus unhistorisch, nirgends als wirklich vorgefallen
nachgewiesen worden. Schon das vielfache Vorkommen derselben weist
auf ihren mythischen Gehalt zurück. Ja, sollte es je gelingen, die
Wirklichkeit eines jener Schüsse daizuthun, so würde das an der durch-
aus fest begründeten mythischen Auffassung derselben gar nichts zu
ändern vermögen. Nur das eine stellt sich bei den germanischen
Meisterschüssen als sagengeschichtliches Factum heraus, daß die Sage
überall einen leibhaftigen Schützen voraussetzt, der in seiner Kunst
ganz besonders vor anderen excellierte. Ein solcher Schütz muß auch
am Vierwaldstättersee gelebt haben. Und als solcher besaß er dann
auch die Eigenschaft, die ältere schon lange vor ihm vorhandene Sage
von dem göttlichen Urschützen auf sich herabzuziehen.
Mit dem Nachweise des mythischen und sagengeschichtlichen
Gehaltes des Apfelschusses, der Seefahrt und des Tyianncnmordes ist
28 HKINO PFANNENSCHMID
im Wesentlichen die Teilsage erklärt. Der Urschütz ist Indra- Wodan,
in der Schweiz heißt er Teil. Doch hat hiermit die schweizerische
Sagcnbildung sieh nicht begnügt. Sie weiß vom Teil noch mehr zu
berichten: sie meldet Tell's Tod im Schächenbach, seinen Schlaf in
tiefer Felshöhle am Vierwaldstättersee, seine dereinstige Wiederkunft;
sie erzählt von einer mit Tell's Apfelschuß in Verbindung gebrachten
Stange mit einem Hut und von einer zu Tell's Andenken stattfindenden
Wallfahrt zu der nach ihm benannten Capelle an der Platte im Vier-
waldstättersee. Betrachten wir diese Einzelheiten näher: sie werden
uns sämmtlich an Wodan erinnern und unsere Annahme , daß der
Schütz Teil mit dem germanischen Urschütz Odhin- Wodan identisch
sei, von Neuem bestätigen.
Über Tell's Tod im Schächenbach berichtet die jüngere
Schweizersage (s. Hisely, Guill. Teil S. 669; Simrock, Geschichtliche
deutsche Sagen S. 389), ebenso über seinen Schlaf in der Fels-
grotte und seine dereinstige Wiederkunft (Grimm, Sagen
Nr. 297; Myth. 2, 906; Menzel, Odin 340; Simrock, das. S. 392).
Es bedarf kaum der Bemerkung, daß auch diese von der Schweizer-
sage treu aufbewahrten Züge auf Wodan gehen. Sie beweisen ebenso
wie der Wolf oder der Hund, welcher als der Begleiter des Schützen
in der holsteinischen abbildlichen Überlieferung erscheint (Müllenhoff,
Sagen S. 57), daß in dem Meisterschütz der Wodan steckt. Teil stirbt
als Greis im Wasser, entspricht dem Mythus, daß Wodan als Greis
d. i. Wodan auf der Neige der sommerlichen Jahreshälfte, von den
Herbstgewittern und Regenwettern, überwunden wird. Anders gewandt
wird derselbe Gedanke ausgedrückt, wenn es heißt, Teil schlafe, ähn-
lich dem öselschen Toll, den Winterschlaf mit seinen zwei anderen
•Genossen. Er ist der schlafende Held, der einst wiederkehren will,
um das Vaterland aus seiner Noth zu befreien (vgl. Schwrarz, Volks-
glaube 102 ff.), wie Barbarossa und alle die anderen schlafenden Wodans-
helden, obenan nach jüngerer faroeischer Sage des Eigils Bruder Wie-
land der Schmied (Raßmann, a. a. O. 1, 49). Als solcher ist Wodan-
Teil der winterliche Gott, der im Winter schläft, zur Zeit der Früh-
lingssonnenwende aber erwacht, um den Kreislauf des Jahres von Neuem
zu beginnen (vgl. auch Schwarz, Naturanschauungen 1, 174).
Was nun den auf die Stange aufgesteckten Hut anbetrifft,
worüber uns von allen Schweizerchroniken zuerst die des „weißen
Buches" zu Samen belehrt (Geschichtsfreund, 1857, XIII, 72), so er-
weist sich die Deutung, die Grimm (Rechtsalterthümer 2. Ausg. 151)
darüber gegeben hat, als durchaus unzutreffend. Nach ihm war der
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 29
Hut, gleich der Fahne, Feldzeichen; wer ihn aufsteckte, forderte das
Volk zur Heer- und Gerichtsfolge auf, und hatte die Gewalt dazu.
Und so sei auch, meint Grimm, des Gesslers aufgesteckter Hut in der
Schweizersage ein Symbol der Obergewalt zu Gericht und Feld. Allein
die Sage meldet gar nicht, daß hier von Gericht- oder Heerfolge die
Rede ist. Sehen wir uns deshalb in den germanischen Gebräuchen
nach einem anderen Analogon um. Und da bietet sich zur Erklärung
weiter nichts als die Maistauge , die bei Frühlingsferien vorkommt.
Karl Silberschlag (Gntzkow's Unterhaltungen 1862, 3. Folge 2. Bd.
Nr. 26 S. 503) denkt an die Irminsäulen, die zuweilen von Stein ge-
wesen, öfters aber aus hölzernen Pfählen bestanden hätten, auf denen
die Abbildung eines Hutes angebracht gewesen sein möchte. Er er-
innert dabei an König Erich's Wetterhut, einen Baumstamm mit einem
Hute darauf, der namentlich bei Stockholm gestanden haben soll, wo
der Standpunkt desselben noch jetzt gezeigt werde. Silberschlag meint
ohne Zweifei einen schroffen Felsen im Mälarsee, welcher Königshut
heißt und der auf einer eisernen Stange einen gewaltigen Hut trägt
(Rochholz , Naturmythen 209). Dies ist eine Erinnerung an den be-
hüteten Wettergott Wodan. Lieber denke ich dagegen an die eben-
falls an Wodan (Liebrecht, Gerv. v. Til. 177 ff.) erinnernde Beschrei-
bung einer nach menschlicher Weise aufgeputzten schwedischen Mai-
stange, die Felix Liebrecht (Germania 4 , 374) mitgetheilt hat, nament-
lich wenn man damit die ebenfalls um Pfingsten stattfindende Wall-
fahrt in Verbindung bringt. Jedesfalls haben wir in der Stange mit
dem Hut, vor der sich der Sage zufolge ein Jeder hätte neigen müssen,
eine Erinnerung an eine alte heidnische Festfeier zu sehen, die wahr-
scheinlich zu Ehren des Frühlingsgottes Wodan stattfand. Wird doch
in manchen Gegenden derjenige zum Pfingstkönig erkoren, welcher in
einem Wettlauf oder Wettreiten siegt, wobei mit Stecken nach einem
auf eine Stange gesteckten Hut gestochen wird (Mannhardt, Götter-
welt 1, 146). Erst später wird die Stange mit dem Hut zu dem Schusse
des Teil in Beziehung gesetzt und dient nun mittelbar als Motiv zur
Vollführung desselben und in Folge davon zur Gefangennahme des
trotzigen Schützen.
Die heute noch stattfindende Wallfahrt nach der Tells-
kapelle an der Platte am Fuße des Axenberges im Vierwaldstättersee
beruht in ähnlicher Weise auf einer alten heidnischen festlichen Sitte.
Außer dieser gibt es noch zwei andere Tellskapellen, welche hier
indes aus bekannten Gründen nicht in Betracht kommen, die zu Bür-
geln, Teils angeblichem Geburtsorte und bei Küßnacht an der hohlen
;{,l IIEINO PFANNENSCHMID
Gasse (s. Kopp, Geschichtsblätter 1, 317 ff.; Ruber a. a. O. 123 u. 124)*)'
Die über die Wallfahrt nach der Capelle am See ausgesprochene An-
sicht wird durch zahlreiche analoge Fälle unterstützt. Es ist bekannt,
wie schon in den ältesten Zeiten „zur Bewachung der Feld- und Wald-
mark gegen jede Beeinträchtigung Grenzumzüge, Hubengänge, Flur-
gänge, Marken- und Schnadgänge und die Grenzumritte eingeführt
wurden" (Maurer, Einleitung in die Gesch. der Mark- etc. Verfass.
S. 224). Grenzumzüge und Flurumgänge oder Flurumritte hängen aber
aufs engste zusammen. Ans letzteren werden nun später die kirch-
lichen Bittgänge und Processionen , entweder zu Fuß , zu Pferde oder
zu Schifte. „Unsere heidnischen Vorfahren trugen nun in altheiliger
Erinnerung an die glückspendenden Umzüge der Gottheiten Bildnisse
ihrer Götter um die Felder in feierlichem Gepränge mit Jubel und
Gesang" (Quitzmann, die heid. Rel. der Baiwaren 254). Aus den
Bildern der Götter wurden naturgemäß später Bilder der Heiligen.
In der Schweiz finden nun auf Christi Himmelfahrt an mehreren Orten
noch heute solche berittene Kirchenprocessionen statt, so vom Chor-
herrenstift von Beromünster im Canton Lucern, und von den benach-
barten Orten Hitzkirch, Sempach, Großwangen und Ettiswil- Schütz.
Zu diesen Processionen zu Pferde stellen sich die zu Schiffe: die eine
geht zur Tellenkapelle auf dem Vierwaldstättersee, die andere findet
alljährlich auf dem Zugersee statt (Rochholz, Naturmythen S. 17 ff. bes.
S. 20). Die Fahrt nach der Platte fällt in die Bittwoche, in die Woche,
in welcher das Fest der Himmelfahrt gefeiert wird. Insbesondere lallt
die Fahrt nach der Platte auf den Freitag nach der Auffahrt. An dem-
selben Tage finden zu Schaddorf und zu Silinen ebenfalls Kreuzgänge
statt, zur Abwendung von Hagel und Ungewitter von den Ackern
(Kopp, Geschichtsblätter 1, 318). Kopp folgert nun ganz richtig, daß
die Fahrt nach der Tellsl<apelle denselben Zweck gehabt habe. Freilich
macht Hidber (Allg. Ztg. 1860 Beilage zu Nr. 201) dagegen geltend,
hier seien am See keine Felder, die eingesegnet werden könnten.
Allein das ist auch gar nicht nothwendig. Konnte man nicht an dieser
Stätte doch um den Segen der Felder daheim bitten, konnte man nicht
die Gewalt und die schädlichen Wirkungen des Wasserelementes und
die Wüth des Föhns abwenden wollen? Doch ist es im Grunde gleich -
*) Die Erbauung dieser Capellen fällt nach der vollständigen Ausbildung der
Teilsage; aber an den Plätzen, wo sie stehen, sind von Alters her urgermanische Erin-
nerungen und Traditionen haften geblieben, wie denn auch das Zusammentreffen der
drei Capellen mit den drei Teilen (s. oben S. 17, 18) gewiss nicht zufällig ist
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 31
gültig, welchen Zweck die kirchliche Procession nach der Platte hatte.
Sicher ist ohne Frage , daß die jener christlichen Feier zu Grunde
liegende germanische älter ist, als die daselbst, wie es scheint, erst
zn Tschudi's Zeiten erbaute Capelle (Huber a. a. O. 124). Wichtiger
ist die Frage, weshalb die Fahrt gerade nach der Platte sich wandte.
Hatte hier Gott Wodan einst seinen Umzug gehalten, war hier eine
uralte Opferstatt gewesen — das steht dahin. Ich entscheide mich
dafür, daß der Felsensprung des Gottes Indra-Wodan hier localisiert
und auf Teil übertragen wurde, weil die Platte in irgend einer Weise
schon ein heiliger Ort hat sein müssen. Die Localisation geschah, als
die Sage anfieng feste Gestalt zu bekommen, wahrscheinlich um die Mitte
des fünfzehnten Jahrhunderts. — Steht aber die Stange mit dem Hut,
der Meisterschuß, die Wasserfahrt, der Sprung auf die Platte, die Er-
schießung des Tyrannen mit der Wallfahrt nach der Tellskapelle in ur-
altem, genauem Zusammenhange, so dürften hier die Reste einer alten
heidnischen Maifeier vorliegen , die wahrscheinlich später dramatisch
vorgestellt und besungen wurde, und die sich auf Wodan bezog (vgl.
Kuhn in Haupt's Zeitschr. 5, 478 ff.).
Nachdem nun so die wesentlichen Elemente, aus denen sich die
Tellsage zusammensetzt, besprochen sind, lässt sich leicht, um noch
einmal rückwärts zu schauen, die Erzählung vom Meisterschützen vom
Naturmythus an durch alle Stadien der Mythusentwicklung und Sagen-
bildung verfolgen. Die ursprüngliche Basis ist überall eine anthro-
pologische. Menschliche Verhältnisse , Gewohnheit und Sitte , werden
auf kosmische Vorgänge am Himmel übertragen und in sie hinein-
gedichtet. Aus der Verschmelzung dieser beiden Grundfactoren ent-
steht der Mythus. Der physikalische Gehalt unseres Naturmythus ist
der Sonnenstrahl oder der Blitz, deren Natursymbol der Pfeil. Der
Begriff des Pfeiles ergänzt sich nach bekannten mythologischen Ge-
setzen naturgemäß leicht zu dem erweiterten Begriffe des Schützen,
des pfeilschießenden göttlichen Schützen, des Himmels- und Sonnen-
gottes, der mit seiner Waffe ein ihm ebenbürtiges göttliches Wesen
im Kampfe siegreich besteht. Wie nun dieser göttliche Urschütz aus
der Schaar vieler Schützen (= Sonnenstrahlen, Blitze) heraus mit fort-
schreitender Cultur zum Vater derselben, zum Schützen- und Sonnen-
gott erhoben war, so sinkt derselbe Gott Indra-Odhin-Wodan in ab-
steigender Linie hinwieder später zum göttlichen Heros, in der ger-
manischen Mythologie zu dem Agilo, dieser endlich zum menschlichen
Schützen der Sage herab, der nun bei verschiedenen germanischen
Stämmen verschiedene Namen trägt, in Westphalen und Island als
32 HHINO PFANNENSCHMID
Ei<>il und Egil, in Norwegen als Eindride und Ilemming, in Dänemark
als Toko, in England als William of Clondesly, in Holstein als Henneke
Wulf, am Oberrhein als Pnneker, in der Schweiz als Teil, auf der
Insel Ösel als Toll erscheint, Sagengestalten, die sämmtlich im Spiegel
der Zeit, welcher sie angehören, mehr oder minder ethisches Gepräge
an sich tragen und einigemale ausdrücklich als Rächer tyrannischer
Willkür gekennzeichnet sind. Alle diese Figuren bergen neben dem
mythischen Bestandtheil auch einen sagengeschichtlichen in sich. Für
die Urner Tellsage haben wir dies speciell nachgewiesen. Bringen wir
den Mythus in Abzug, so müssen wir anerkennen, daß einst ein kühner
Mann in der Centralschweiz gelebt habe, der durch seine Bogenkunst
eben so berühmt war, wie durch seine Steuermannskunst und nicht
minder durch seinen Trotz gegen einen Übermüthigen, den er viel-
leicht in rechtlichem Zweikampfe erlegt haben mag. Dies ist der ganze
sagengeschichtliche Inhalt der Teilsage, ein Minimum zwar, aber ein
tranz geeigneter Stoff, alle vorhandenen, verwandten mythischen Ele-
mente in sich aufzusaugen. Aus der innigen Verbindung und gegen-
seitigen Durchdringung dieser beiden Grundelemente, des angegebenen
historischen Residuums (des Sagengeschichtlichen) und jener schon
vorher daseienden mythischen Bestandteile, erwächst nun der Teil
der Sage, der später im Fortgang des sagenbildenden Processes noch
mehr historisiert und in Heldengestalt ah Befreier der Schweiz uns
vorgeführt wird. Es sind also in der schweizerischen Tellsage zu
unterscheiden: ein mythischer Bestandtheil; eine wirkliche historische
oder lieber sagengeschichtliche Basis; und eine aus beiden Elementen
hervorgehende sagenhafte weitere Entwicklung, oder mit anderen
Worten: ein mythischer Teil, ein wirklich historischer (sagengeschicht-
licher) Teil der ältesten Zeit, und ein sagenhafter Teil jüngerer Zeit,
der dann gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts sich litterarisch
zuerst in dem Gewände als Schweizerbefreier zeigt. Aber schon um
die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts (s. Lütolf, Germania 9, 222)
brachte man die im Volke seit Alters und ohne alle Frage in Liedern
lebende Sage vom Tall in Verbindung mit der Entstehung der Sehwei-
te ry ö
zerfreiheit. Diese wurde hervorgerufen durch eine Reihe heute noch
klar erkennbarer historischer Ursachen, durch die allgemeinen politischen
Verhältnisse des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, durch
die eigenartige Entwicklung der alten Markverfassung der drei Länder
und durch verschiedene Ereignisse, welche die Thalbewohner klug und
ausdauernd zur endlichen Begründung ihrer Freiheit benutzten (vgl.
G. v. Wyß, Gesch. der drei Länder, S. 1 — 14; G. L. v. Maurer, Ein-
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 33
leitung zur Gesch. der Mark-, Hof-, Dorf- und Stadt -Verf. 304 ff.;
Huber a. a. O. S. 24 — 88). Der wirklich historische Hergang dieser
sehr mannigfaltigen und sehr verwickelten Ereignisse hat niemals von
dem Volke als solchem erfasst werden können, so gut wie das gegen-
wäitig noch nicht der Fall ist. Heute wie damals kannten nur wenige
Kundige den wirklichen Verlauf der Begebenheiten genau. Und selbst
diese Kenntniss schwand in jener Zeit nach ein paar Generationen
mehr und mehr aus dem Gedächtniss der Kinder und Enkel. Allein
die Thatsache des Bestehens der eidgenössischen Freiheit seit dem
Abschluß des ewigen Bundes zu Brunnen im Jahre 1315 (Huber S. 85)
verlangte für das spätere Geschlecht eine Erklärung ihres Ursprungs,
und so entstand eine volksmäßige, vom Volke völlig ver-
ständliche, romantische und sagenhafte Darstellung, wie
sie uns zuerst in allgemeinster Fassung der Berner Stadtschreiber
Konrad Justinger um 1420, detaillierter der Züricher.^Chorherr Felix
Hemmerlin um 1450, dem Faber und Mutius folgen, berichten (s. Huber
S. 91—94 u. S. 102). In allen diesen Erzählungen ist aber noch keine
Rede von Teil und seinen Thaten (vgl. Huber a. a. O., namentlich
S. 93). Etwa erst um das zuletzt genannte Jahr 1450 und später wird
nun die Sage vom Teil mit in diese sagenhaften, volksmäßigen Erzählun-
gen über die Entstehung der eidgenössischen Freiheit durch das Weiße
Buch, Etterlin und Ruß hereingezogen und verflochten (s. Wyß a. a. O.
S. 15 ff.; Huber S. 94 ff.). Dies geschah etwa 160 Jahre nach Kaiser
Albrechts Ermordung, in welche Zeit man nach ziemlich allgemein
gewordener Annahme Teils That setzen zu müssen geglaubt hatte (vgl.
Böhmer, Reg. Albrechts S. 195). Die Sage vom Teil tritt nun als
geglaubte wirkliche Geschichte in den Vordergrund; denn in ihr cul-
minierte ja der höchste Frevel, der durch nichts mehr überboten werden
konnte: eine grausamere und empörendere Handlung hatte der Land-
vogt nicht zu begehen vermocht. Sie bildet deshalb den Kern, um
welchen man Alles, was man sonst über die Erhebung der drei Thälcr
wußte, so gut es eben angieng, gruppierte. Die Chronisten suchten
nun diese Sage mit der bereits vorhandenen sagenhaften Geschichte
von dem frevelhaften Walten der Vögte, das aber, wenn auch nur in
geringem Maße, wirkliche geschichtliche Vorgänge*) zur Unterlage
*) Ich will hier nur an zwei Beispiele erinnern, und zwar zuerst an die empö-
renden Bedrückungen der Freien von Rothenburg im Canton Lucern , deren gleich-
namige Burg 1335 gestört wurde (Rochholz, Naturmythen S. 70). Ein sehr auffallendes
Beispiel von tyrannischer Willkür eines Rothenburgers berichtet Kopp (Gesch. der eidgen.
Bünde, II, 2, 137) zu dem Jahre [257. Vielleicht ist's auch dieser, von dem die spä-
GEUlVl\NIA X. 3
34 HEINO PPANNENSCHMID
hat, fortgehend auszugleichen, die vielfachen Widersprüche zu besei-
tigen, bis endlich die ganze Erzählung durch Tschudi ihren relativen
Abschluß findet.
Somit hat es also einen Teil der Sage, oder was dasselbe ist,
einen historischen Teil im Sinne des fünfzehnten Jahrhunderts, oder
noch anders ausgedrückt, einen Teil, wie ihn Schillers Drama, das
meist dem Tschudi folgt, zeichnet, niemals gegeben; wohl aber einen
historischen oder sagengeschichtlichen Tall der ältesten Zeit und einen
mythischen Wodan-Tall. Es drängt sich nun wie von selbst die Frage
auf, wann denn jener leibhaftige Tall, der treffliche Schütz, der uner-
schrockene Steuermann und trotzige Gesell gelebt haben mag.
Man kann nun entweder annehmen, daß die eben bezeichneten
und dem einen Tall zugeschriebenen Eigenschaften sich auf ebenso
viele verschiedene Personen vertheilen, die auch verschiedenen Zeiten
angehören könnten ; oder auch daß , wenn man nur von einer Person
reden will, diese doch eine andere als der Tall geAvesen sei, die erst
später mit dem mythischen Tall identificiert worden wäre. Beides
könnte möglich sein. Doch halten wir uns lieber an die Sage, die
alle jene Thaten nur einer Person zuschreibt. Im ungünstigsten Falle
dürfte ihr doch eine der erwähnten Eigenschaften zufallen. Nimmt
man nun an, daß diese Person mit dem Tall der ältesten Zeit identisch
ist, so dürfen wir folgende Vermuthung wagen.
Der Name Tallo kommt in der Schweiz urkundlich zuerst seit
der Mitte des achten Jahrhunderts vor, einige Jahrzehnte später auch
schon die Form Tello (s. Förstemann, Altd. Namenbuch 1, 330 u. ff.,
Lütolf in der Germania 8, 214; v. Liebenau, die Tellsage S. 10). Die
Identität der Formen Tall und Teil ergiebt sich aus der litterarisch
ältesten über Teil redenden Chronik, der des „Weißen Buches" aus
dem Jahre 1471, in der vorzugsweise die Form Tall im Gebrauch ist.
Nicht von Gewicht ist es, wenn in derselben Chronik der Name ein-
mal „Thäll" und zweimal „Thall" geschrieben wird. Die urkundlich
beglaubigte Form „Tallo" giebt die Entscheidung. Seit dem Jahre 1471
begegnet nur die bekannte Form Teil. Bis wann nun Träger des Na-
tere Sage so Unmenschliches zu erzählen weiß (Rochholz, das. S. 69). Sodann denke
ich an den Ritter von Küssenach, der auf der gleichnamigen Burg saß und seit 1291
(Blumer, Staats- und R.-Gcsch. 1, 27) herzoglich österreichischer Vogt war. In den
ersten Jahren des 14. .llis. hatten zwischen ihm und den Dorfleuten arge Zerwürfnisse
stattgefunden. Die Dorfleute überfielen den Vogt auf seiner Burg; dieser aber schlug
die Bauern zurück und es kam später zu einem Vergleich 'Kopp, Urk. II, 38. .">(), im
Archiv f. K. ü. GQ. 1851J.
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 35
mens Tall in der Schweiz gelebt haben, darüber könnte wahrscheinlich
ein genauer Nachweis über das früheste Vorkommen dieses Wortes
als Eigennamen und in Ortsnamen, in denen der Name Tall oder Teil
steckt, wie Tellingen, Teilewiese, Tellenpfad u. a. (Lütolf a. a. O.
214. 215; v. Liebenau, a. a. O. S. 10. Vgl. auch: Telligletscher, Telli-
stock, Tellernsee b. Berlepsch, Schweizerkunde, Braunschw. 1864,
S. 60, 73 u. 190) Auskunft geben. Wir müssen uns vorläufig damit
begnügen, anzunehmen, dass der historische Tall schon sehr früh, cl. i.
bis zu dem neunten Jahrhundert gelebt haben mag, da seit dieser Zeit
ein Träger dieses Namens, so viel bekannt, urkundlich nicht mehr er-
scheint. Ja vielleicht ist der zuerst genannte älteste Tall auch der histo-
rische gewesen.
Wie verhält sich nun dieser historische oder sagengeschichtliche
Tall zu dem mythischen Wodan-Tall? Hat man den Mythus vom Agilo
auf ihn übertragen oder war Tall schon eine selbstständige mythische
Figur bei den Älamannen? Beides scheint der Fall gewesen zu sein.
Das erste darf man aus dem ursprünglich nahen räumlichen Zusammen-
wohnen der Älamannen mit den Westphalen und der weiten Verbrei-
tung des Namens Eigil auch in der Schweiz, das andere aus der sehr
wahrscheinlichen mythischen Bedeutung des Namens Tall schließen.
Nach Raßmanns Untersuchung über die deutsche Heldensage steht
es fest, daß die Eigilsage ursprünglich unter allen germanischen Völ-
kern in Westphalen ihren ältesten Sitz gehabt hat. Die den West-
phalen benachbarten Älamannen konnten mithin von ihr Kunde be-
sitzen, wie das der bei ihnen in den frühesten Zeiten vorkommende
Gebrauch des ebenfalls mythischen Namens Agilo beweisen dürfte
(s. oben), ein Name, der sich heute vielerwärts als Eigil, in der Schweiz
in dem ersten Theile des Namens Egilolf oder Eglolf seit Alters her
erhalten hat*). Als nun die Älamannen in der ersten Hälfte des fünften
Jahrhunderts in die Schweiz vordrangen, haben sie gewiss noch vom
Agilo gesunken. Im Laufe von vielleicht drei bis vier Jahrhunderten
:,:; Ich überlasse es den betreffenden Forschern in der Schweiz zu untersuchen,
ob der Name Eigil sich unter anderen auch in folgenden Ortsnamen findet: Egelshofen,
Pl'arrdorf im thurg. Amt Gottlieben, und Egelshofen, Weiler bei Altenklingen, im thurg.
Amt Weinfelden; am Egelsee oder Aegelsee, ein fruchtbarer Wiesenbezirk, eine halbe
Stunde von Basel am rechten Rheinufer; Eglisau , Stadt am Rhein; Eglisehwyl, Dorf
im aargauischen Bezirk Lenzburg; Egolzwyl, Dort' im ('. Luzern, au einem kleinen
See gleichen Namens; Aegelsee, Weiler im Berner Oberamte Thun; Aegelsee, sein-
kleine]- See in der Pfarre Brienz; ein anderer gleichnamiger Orl liegt in der Pfarre
Knonau im ('. Zürich.
3*
36 TIEINO PFANNENSCHMID
mag dann auf jenen leibhaftigen Tallo die Sage des mythischen Agilo
übertragen worden sein. Doch muß es vor diesem historischen Tall
schon einen mythischen Tall gegeben haben, dessen Natur geeignet
war, jenen Mythus vom Agilo anzuziehen. Über diese mythische Natur
giebt vielleicht die Erklärung des Namens Tall als eines mythischen
nähere Auskunft. Die Berechtigung wenigstens, den Namen Tall für
mythisch zu halten, dürfte wohl kaum bezweifelt werden können.
Die früheren Versuche (s. Hisely, Guill. Teil S. 568 ff.; Huber
S. 122. 123) den Namen Teil zu erklären, sind sämmtlich verfehlt,
meistens deshalb, weil sie nicht auf die älteste urkundliche Form des
Namens zurückgehen, die freilich erst seit der Auffindung der Chronik
des Weißen Buches (1854) bekannt ist. Die unter allen scheinbar beste
Annahme, der Name Teil sei ein Beiname und bedeute soviel wie der
Tolle oder ein thörichter, unbesonnener Mensch — eine Meinung, die
sich auf den bekannten Ausspruch Teils selbst stützt: „wäre ich witzig
und ich hießi anders und nit der Tall" (Chron. des weiß. Buchs a. a. O.
S. 72 und ähnlich die anderen Chroniken), beruht lediglich auf einen
volksmäßigen Erklärungsversuch, den Namen, dessen Bedeutung man
nicht mehr verstand, zu deuten. Es ist nichts weiter als eine ety-
mologische Umdeutung, wie sie hundertfach begegnet, wozu der Gleich-
klang der Wörter „Tall" und „toll" verführte. Komisch nimmt sich
die neueste Erklärung des Namens Teil als „Steuermann" aus, die
sich darauf beruft, daß jedes Kind am Vierwaldstättersee heute noch
wisse, teilen heiße soviel als steuern (Dr. Wilh. Zimmermann, in der
Illustr. Welt, 1864, 4. Hft. S. 146). Herrn Zimmermann, der, obwohl
viel schreibend, sich nicht viel um neuere Forschungen kümmert, war
natürlich die älteste Form des Namens Teil noch nicht bekannt ge-
worden *). — Unter Berücksichtigung des Gesetzes der Lautverschie-
bung glaube ich eine doppelte Erklärung des Namens Tall vorschlagen
zn können. Förstemann (Altd. Namensb. 1, 330) erinnert bei der Wurzel
Dali, zu welcher er Tall rechnet, an das doli in dem Namen des alt-
nordischen Gottes Heimdall (ursprünglich Heimthallr), nach Simrock
(Myth. 326) und Mannhardt (Götterw. 1, 258) soviel als Weltglänzer,
*) Kaum kann ich mich der Vermuthung entschlagen, daß Hrn. Zimmermann
hierbei nicht ein kleines Unglück passiert sein sollte. Da sich kein einziger Schweizer
Schriftsteller je auf die Bedeutung des „teilen" im Sinne von „ein Schiff lenken oder
steuern" beruft, so ist Hrn. Z. hier gewiss eine arge Verwechslung untergelaufen. In
der Schweiz heißt teilen allerdings soviel wie steuern, ital. tagliare, d. h. Steuer zahlen,
aber nichts anders (s. Dan. Sanders, Wörterbuch der deutsch. Sprache II, 1296). Herr
Z. hat vermuthlich beide sehr verschiedenen Begriffe mit einander confundiert!
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 37
wie an das angelsächsische <leal, clarus, superbus. Bimsen (Gott in
der Gesch. 3, 484) meint die Wurzel des altnordischen dall (in Heim-
dall) in dem griechischen ftähk-co wiederzuerkennen. Sprossen und
Glänzen sind aber sich nahe berührende Begriffe. Tall dürfte hiernach
den Sprossen- und Wachsenmachenden bedeuten , eine Bezeichnung,
die auf den strahlenden Sonnengott gehen würde (s. Beil. zu Nr. 141
der Allg. Ztg. 1864). Dabei verhehle ich mir die Schwierigkeiten, die
dieser Ableitung entgegenstehen könnten, keineswegs. Erst eine ein-
gehende Untersuchung über die Natur des sehr schwierig zu bestim-
menden Gottes Heimdall würde alle Zweifel zu beseitigen vermögen.
Doch glaube ich es hier aussprechen zu dürfen, daß sich zwischen
dem mythischen Wodan -Teil und dem mit dem Odhin in mehr als
einer Beziehung identischen Heimdall vielfache Berührungspunkte werden
nachweisen lassen, die mit meiner Auflassung des Teilmythus stimmen.
Auf andere Gesichtspunkte der Ähnlichkeit zwischen Heimdall und
Teil hat bereits Lütolf (Germania 8, 208 ff.) aufmerksam gemacht.
Ich verweise betreffs des Heimdall vorläufig hauptsächlich auf das Lex.
Myth. Th. III der Edda Saem. S. 417 ff.; Grimm, Myth. 1, 213 ff.;
W. Müller, System 227-233 u. a. a. St.; Schwenk, Myth. der Germ.
1 .6—134.; Simrock, Myth. 324 fl'.; Mannhardt, Germ. Myth., s. Index.;
Zeitschrift f. d. Myth. II, 309, Anm. 5, III, 117; Götterwelt 1, 258;
Bunsen a. a. O.; Schwarz, Ursprung d. Myth. 117. 210; Quitzmann,
die heid. Rel. d. Baiw. 104. 201. 202. und Holmboe, det norske Sprogs
S. 108- — Die andere Erklärung des Namens Tall verdanke ich einer
gefälligen Mittheilung des hiesigen Lyceal-Directors Herrn Dr. H. L.
Ahrens. Derselbe glaubt „den mythischen Namen Tall mit der grie-
chischen WTurzel &ul (die übrigens mit dem Verbum ftoiklco nahe ver-
wandt ist) in der Bedeutung wärmen, die in &ccXvxQog, ftuknco,
dccAvtl'cu erscheint, in Verbindung bringen zu können." Ahrens fügt
hinzu , „da aber im kretischen Dialekte mehrfach t für & stehe (wie
tLQiog, d-EQeog KQrjtss Hesych., und TIvxLog für Tlv&iog in Inschriften),
so gehöre hierher auch TdXag , der mythische eherne Wächter von
Kreta, der als ein Symbol des Sonnengottes erscheine (vgl. Hesych.
Tükag, 6 ijfoog und Preller, Griech. Myth. 2. 125), ferner, da Zeus in
Kreta auch als Sonnengott verehrt wurde, der kretische Zsvg TaXlalog
(s. Preller, das. 1, 105). In der älteren Darstellung dürfte Talos der
Hüter der Sonnenheerde des Minos gewesen sein (vgl. Preller 2, 120.
121)" *). Diesem nach würde in der Wurzel Tall der Begriff des Wär-
*) Vgl. auch Schwarz, Ursp. der Myth. (s. Iudex) über Talus, namentlich S. OH 1
Anm. 1, wo seine Verwandtschaft mit Dädalus und ITephästos hervorgehoben wird.
Nach Schwarz ist Talos ein Gewitterriese,
38 HEINO PFANNENSCHMID
mens liegen, Tall der Erwärmer sein, eine Bedeutung, die ebenfalls
in anderer Richtung und auf nicht ungeeignete Weise mit dem Be-
griffe des Sonnengottes zu stimmen scheint (vgl. J. G. v. Hahn, über
Bildung u. Wesen d. myth. Form a. a. O. S. 80. Über den wärmen-
den Sonnengott bei den Finnen s. Castren , Finnische Myth., übers,
von Schief Vier S. 61). In diesem Sinne könnte der Tall sogar selbst
schon eine Heroengestalt der Alamannen gewesen sein, der als Sonnen-
heros nun sehr leicht den Mythus vom heroisierten Eigil in sich auf-
zunehmen vermochte.
In dem Vorstehenden ist der Beweis zu führen versucht, die ger-
manische Sage von dem Meisterschützen auf einen Indra-Odhin-Wodan-
mythus zurückzuführen, dessen Wurzel weit über die vedische Zeit
der alten Inder hinausreicht. Sie ist mithin als indo-germanisches Ge-
meingut anzusehen. Ihre Geburtsstätte liegt in der grauesten Vorzeit
des arischen Völkerstammes, als alle späteren Zweige dem Urstamm
noch nicht entsprosst waren. Es lässt sich sogar bestimmen, in welcher
Periode der Culturentwicklung sie entstanden ist. Erst als die Arier
nach vielen Jahrtausenden die erste Stufe aller geschichtlichen Entwick-
lung, die des Hirten- und Jagdlebens, erreicht hatten, war auch die
Erfindung des Bogens und des Pfeiles damit Hand in Hand gegangen :
in dieser ältesten Urzeit der Urgewerbe der Menschheit muß der My-
thus vom pfeilschießenden Gotte geboren sein. Denn aus dieser Zeit
kann erst die Vergleichung des Blitzes und des Sonnenstrahles mit
dem Pfeile stammen. Da liegt das erste Element zu unsrem Mythus,
der sich von dieser Zeit an bis zum neunzehnten Jahrhundert n. Chr.,
also etwa innerhalb vier bis fünf Jahrtausenden, durch alle Stufen der
Mythen- und Sagenbildung hindurch bei verschiedenen indo-germani-
schen Stämmen, am schönsten aber bei den Alamannen am Vierwald-
stättersee erhalten und entwickelt hat und zur herrlichsten Blüte ge-
langt ist, ohne jedoch selbst in episch- dramatischer Darstellung die
höchste Stufe idealer Ausprägung zu gewinnen. Aber wir dürfen dabei
nicht übersehen, daß sämmtliche dramatische Bearbeitungen, die Teils
Tliat zum Gegenstand haben, den Charakter der Zeit an sich tragen,
welcher sie angehören. Auch Schillcr's Teil ist ein Kind seiner Zeit.
Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet wird aber die ursprünglich
mythisch-historische, darnach sagenhafte, endlich historisierte, mit Fleisch
und Blut umkleidete und in unsere größtmöglichste Nähe gerückte
Heldengestalt des Teil ein edles Muster ebensowohl treuer Gatten- und
Vaterliebe, als einer naturwüchsigen Liebe zur Freiheit bleiben, und
so als Kind langer Jahrhunderte insbesonders wunderbar schöner und
DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 39
romantisch-großartiger Gebirgsnatur in Jugendreiz strahlen, so lange
der blaue Himmel sich wölbt über den drei Thälern, dem Vierwald-
stättersee und seinen Bergen.
NACHTRAG.
Die so eben erschienene zweite Auflage von Simrock's Mythologie ver-
anlasst mich zu folgenden Bemerkungen. Auf S. 269 kommt Simrock auch auf die
Deutung des Namens Teil zu sprechen. Er sagt: „Orendel (den Sohn des Königs
Eigil von Trier) haben wir uns als Knaben zu denken, dem der Apfel (von seinem Vater
Eigil) vom Haupte geschossen wird. Da indes sein Name nach Unland „den mit dem
Pfeil arbeitenden-' bedeutet, ja eine ags. Glosse „earendcl jubar" ihn selbst als Strahl
bezeichnet, was noch im Mittelhochdeutschen wie im Italienischen Pfeil bedeutet, so
kann von dem Sohne, gegolten haben, was von dem Vater erzählt ward. Auch erwuch-
sen gegen das 15. Jh., wo Tell's Schuß zuerst erzählt wird, aus Personennamen schon
Familiennamen und Orendel heißt in der Vorrede des alten Heldenbuches Erendelle,
in Von der Hagen's Grundriss S. 2 Ernthelle. Dies ward aber wohl in Teil gekürzt)
weil man die erste Silbe für jenes vor Namen stehende „Ehren" ansah , das nach
(Grimm's) Wörterbuch III, 52 aus „Herr" erwachsen, bald für ein Epitheton ornans an-
gesehen wurde." Diese Worte Simrock's sollen Aufschluß geben über Bedeutung und
Ursprung des Namens Teil. Aber so sinnreich dieser Versuch auch sein mag, so will-
kürlich und so unwissenschaftlich ist er ohne Frage. Nach Simrock's Meinung soll
sich also Teil entwickelt haben aus der nach deutscher Weise zu sprechenden Endsilbe
del oder dil in Oren-del, Orvan-dil. Orvandil bedeute „den mit dem Pfeile Arbeitenden."
Diese Deutung hat behanntlich Uhland (Mythus vom Thor S. 47 Anm. 20) nach dem
'Lex. islandico-latino-danicum' gegeben; Orvandil sei abzuleiten von or f. sagitta, at
canda, elaborare, industnam adkibere. Auch Ettmüller (Orendel und Bride S. 148) hat
sie angenommen. Hiernach ergiebt sich ein dreifacher Bestandtheil des Wortes : ör, vand
und das Suffix il oder el in Or-end-el. Das d gehört mithin zu dem Wortstamm vand.
Angenommen die Uhland'sche Erklärung sei richtig (vgl. dazu Lex. mythol. S. 44!i
Anm. *), so bezeichnet „vandil" nichts weiter als Arbeiter, Winder oder Dreher (con-
tortor, Lex. myth. a. a. O.), Orvandil also Pfeilarbeiter, Pfeildreher, Pfeilwinder. So
auch Mannhardt (Wolf, Zeitschrift f. d. Myth. II, 322), der übrigens eine andere und
nach meinem Dafürhalten richtigere Deutung des Mythus vom Orvandil als Uhland ge-
geben hat (Wolf, Zeitschrift a. a. O.; Germ. Myth. 548, Götterwelt I, 217 u. 261), die
Simrock nicht zu kennen scheint. Hiernach ist also das nach deutscher Weise gebil-
dete del oder dil ein völlig sinnloses Wort; denn es besteht aus dem Suffix el oder il
mit vorgesetztem d, das zu dem voraufgehenden Stamm „vand" gehört. Die Entstehung
des Namens Teil aus „Erendelle", „Ernthelle" beweiset mithin viel Phantasie, aber wenig
Gründlichkeit der Forschung. Teil wäre nach Simrock's Annahme ein Wort von un-
sinniger Ableitung und sinnloser Bedeutung. Die Forschungen über deutsche Eigen-
namen, wie sie von Pott, Förstemann und anderen gegeben sind, hätten davor wenig-
stens warnen sollen. Unsere Eigennamen, insbesondere die älteren und alten, sind nicht
durch Missverstand oder Zufall entstanden , noch ermangeln sie einer bestimmten Be-
deutung. Ferner übersieht Simrock durchaus, daß nicht allein die älteste Form des
Wortes bei dem formell ältesten Chronisten Tall heißt, sondern auch, daß dies die
4() H. PFANNENSCHMIü , DER MYTH. GEHALT DER TELLSAGE.
noch ältere urkundliche Form des Wortes ist. Die Bemerkung Simrock's (S. 269)
Tüll für Teil sei schweizerische Ausspruche, die auch Barg für Berg sage (und wie
ich aus eigener Erfahrung hinzufüge, heute noch 'fall für Teil spricht), verschlägt an-
gesichts urkundlicher Zeugnisse gar nichts. — In Betreff der angelsächsischen Glosse
earendel = jubar, so geht Simrock ohne Zweifel zu weit, wenn er jubar durch „Strahl"
wiedergieht. Das heißt jubar nicht. Jubar bedeutet das strahlende Licht , den Glanz
eines Himmelskörpers, einen Himmelskörper, einen Stern selbst. Die Glosse bezieht
sich auf die als Stern an den Himmel versetzte Zehe des Orvandil, „Orvandilstä."
So deutet es auch richtig Grimm (Myth. 348) und Mannhardt (Zeitschrift f. d. Myth.
II, 323). — Simrock setzt endlich den Orendel mit seinem Vater Eigil gleich, was an
sich mythologisch gestattet ist. Da nun Orvandil „der Fruchtkeim ist, der hervor-
schießt, was dann erst Veranlassung gab, ihn zum Schützen zu machen" (S. 270),
so ist auch Eigil der Schütz, der mit dem Pfeil (= dem Fruchtkeim) arbeitet. Der
Schuß selbst wäre demnach ein Symbol für das Durchbrechen der jun-
gen Saat aus dem Erdreich. Ich habe oben eine andere Erklärung über die Person
und das Wesen des Eigil abgegeben und verweise einfach darauf.
Schließlich seien mir noch ein paar Worte gestattet über Hocker's Deutung
des Apfel sc hußes, die mir entgangen war. Hocker's Ansicht, der Apfelschuß
Eigil's drücke symbolisch das Streben der Natur aus, wie es sich im Beginn des Winters
zeige (Die Stammsagen der Hohenzollern und Weifen, Düsseldorf 1857, S. 73), kann
ich durchaus nicht theilen. Hocker meint S. 74, Eigil würde der Himmelsgott in seiner
Eigenschaft als Todtengott sein, der seinem Sohne den Apfel der Verjüngung (Idhun's)
vom Haupte schieße. Allein Idhun's Äpfel werden nur gegessen, nirgends geschos-
sen. Auch Simrock (Myth. 269) bezweifelt mit Recht eine mythische Deutung des Apfels.
Übrigens hat nicht Hocker diese Ansicht zuerst ausgesprochen, sondern F. Nor k,
dessen Werke heutzutage vielfach ausgebeutet werden, ohne daß man es für schicklich
hält, sie als Quelle zu nennen. Da mir das betreffende Werk Nork's (Mythologie der
Volkssagen etc. in: J. Scheible, Das Kloster. Bd. IX, Stuttgart 1848), in welchem ziem-
lich ausführlich über die Tellsage von allerdings meist veraltetem Standpunkte aus ge-
handelt wird (S. 105—154), zu spät zugänglich wurde, um es bei vorliegender Arbeit
gleichmäßig berücksichtigen zu können, so will ich hier nur kurz bemerken, daß Nork
in dem Apfelschuß (S. 152. 153) eine Opferhandlung erblickt. Eigil ist nach ihm mit
dem Todtengott Odhin gleich. Eigil's Sohn ist der verjüngte Vater, und der Apfel
(Idun's), das Symbol der Verjüngung, Stellvertreter für das Leben des Kindes. — Diese
Ansicht ist so künstlich und so gesucht, daß sie selbst erst eines Kommentars bedarf.
HANNOVER, Ende September 1864.
41
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK
DER KUDRUN.
VON
KARL BARTSCH.
Die Beschaffenheit der einzigen so jungen Handschrift, die uns
das Gedicht überliefert, wird die Kritik zu kühnerem Vorgehen nicht
nur auffordern, sondern berechtigen. Sichere Ergebnisse werden aber
nur gewonnen werden können, wenn man einmal von sorgfaltigen Vor-
untersuchungen über Sprache und Versbau ausgeht, sodann wenn man
den Text, den die Wiener Handschrift (d) in anderen durch ältere
und bessere Handschriften bezeugten Gedichten darbietet, zu Hülfe
nimmt. Am nächsten wird bei der vielfachen Verwandtschaft das
Nibelungenlied liegen, welches der Dichter der Kudrun benutzte und
nachahmte. Eine zuverlässige Vergleichung des Nibelungentextes d
besitzen wir noch nicht; doch gewähren die in Hagens dritter Aus-
gabe (Breslau 1820) mitgetheilten Lesarten hinreichenden Stoff. Das-
selbe Verfahren wird von anderen, nur in dieser Handschrift erhaltenen
Gedichten, namentlich dem Erec und den beiden Büchlein Hartmann's,
gelten, wenn man sie mit dem Texte des Iwein in derselben Hand-
schrift zusammenhält. Dem Biterolf und Dietleib , der freilich nicht
so verderbt ist, wie die langen und darum der Willkür mehr Spiel-
raum lassenden Verse der Kudrun, wird durch den Text der Klage,
der in d noch nicht verglichen ist *) , vielleicht manche Besserung zu
Theil werden.
Ich beabsichtige, auf nachfolgenden Blättern den kritischen Rechen-
schaftsbericht über meine Ausgabe der Kudrun niederzulegen , weil
in der Ausgabe selbst nach der ganzen Bestimmung des Buches dazu
kein Raum war. Ich werde zuerst die Beschaffenheit des handschrift-
lichen Textes nach gewissen, viele Stellen zusammenfassenden Gesichts-
punkten betrachten, sodann die metrischen Grundsätze darlegen, die
sich nach Bereinigung des Textes ergeben, ferner über Zeit, Heimath
und Geschichte des Gedichtes handeln , und endlich nach Reihenfolge
der Strophen die Veränderungen anführen, welche ich der Handschrift
gegenüber mir erlaubt habe, wobei das, was meine Vorgänger für den
Text gethan, nicht unerwähnt bleiben wird.
*) Einige Lesarten hat Holtzraann in der Einleitung- zu seiner Ausgabe der Klao-p
mltgetheilt.
42 KARL BARTSCH
I.
Bei dem weiten Abstände zwischen der Zeit des Dichters und
der des Schreibers kann es nicht Wunder nehmen, wenn der letztere
an Stelle älterer Sprachformen die seiner Zeit gemäßen setzte. Ich
meine hier nicht nur die Übertragung von mhd. i in ei, von iu in eu,
von ou in au u. s. w. , denn das thun nach ihrer Mundart auch viel
ältere Handschriften, sondern jüngere Woitformen. So steht das ältere
gern, begehren, hin und wieder, wie 512, 4. 626, 3, meist aber begern,
häufig dem Verse zuwider. Dieselbe Vertauschung kann man beim
Nib. Texte wahrnehmen, dessen Zählung ich der bequemeren Verglei-
chung wegen Hagen entlehne. Nib. 1267. 1279. 1322. 1487. 2149.4397.
4508. 4626. 4905. 5384. Kudr. 25, 3. 192, 1. 202, 4. 297, 2. 409, 1.
422, 2. 430, 4. 468, 1. 504, 2. 548, 1. 577, 2. 600, 4. 622, 4. 624, 1.
640, 4. 659, 1 u. s. w. An manchen Stellen wäre bei zweisilbigem
Auftakte begern zu dulden gewesen, allein nach Maßgabe der andern
war es besser, überall die ältere Form zu setzen. Ebenso ist be vor-
geschoben in betrog statt tronc 71 , 2. bezwingen = iwingen 832, 4.
beweinen für weinen Nib. 4208. 6815. 8359. Kudr. 1189, 4. beraubet
statt roubet 1419, 4. behalten statt halden 1597, 3. beherbergen statt her-
bergeu steht Nib. 2989.
Andere Belege bietet die präpos. ge: gewern für wem Kudr. 320, 1.
325, 4. 409, 2. 423, 2 u. s. w., gezemen statt zemen Nib. 203. 4994.
6217. 8318. 8434. 8525. Kudr. 1106,3. 1294, 4. 1501, 1. geheeren statt
hwren 1 147, 2. gesin statt sin steht Nib. 6.
Ferner er: ericerben statt werben Nib. 4689. K. 1369, 3. ersluoc
statt sluoc Nib. 3610. Darnach auch erhebent für hebent Kudr. 59, 3.
Ebenso ver: verbergen statt bergen Kudr. 72, 2, wo verbarc bei
zweisilbigem Auftakte erträglich gewesen wäre. — verdienen statt dienen
Nib. 3655. Kudr. 17, 4. verheln statt kein Nib. 1833. verkünden statt
künden 2271, versüenen statt süenen Kudr. 1646, 1. Hier sei auch Ver-
liesen bemerkt, für dessen durch den Vers oft geforderte Nebenform
vliesen die Hs. die unverkürzte setzt; vgl. 55, 4. 137, 1. 788, 4. 831, 4.
890, 4. 926, 4. 1449, 4; einmal steht vleisen 201, 2.
In diese Reihe gehört auch beschehen für geschehen ; die Form mit
be findet sich im 15. und 16. Jahrh. in Handschriften und Drucken
sehr häufig, in älteren Hss. selten. Nib. 6567. Kudr. 25, 2, hier nur
dies eine Mal. Ähnlicher Wechsel ist beschritten statt gesniten 430, 2.
Umgekehrt steht gewendet statt bewendet 429, 2; vgl. 560, 3.
Aber nicht nur bei Compositionen, sondern auch bei einlachen
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK HER KUDRUN 43
Nib. 1845. gamoen, gerw-en, prät. garte, daraus wurde gurte gemacht
Kudr. 90, 1. 1376, 4. Denselben Fehler haben Nib. 7097 schon CD;
ganz entstellt hat hier d danrte, ein andermal (Nib. 7085) hat d berai-
teten statt garten.
Das Präter. von houtoen, hiew, hat in d schwache Form, haute,
vgl. 93, 3. 1407, 2. 1416, 2. Statt jehen steht sprechen 368, 2. 842, 4;
Nib. 2928. 3298. 3427. 3513. statt leren lernen 359, 2. 360, 1. mugm
wird mit kunnen vertauscht 1463, 3; für nigen neic steht gewöhnlich
Verbis findet solche Vertauschung statt. So steht brach statt braut
naigen naigte 64 , 1 und oft , einmal steht giengen statt nigen 336 , 1 .
Sehr gewöhnlich ist meinen statt waenen in den Nib. 3628. 3782. 3808.
3947. 5908. 8255. 8278. 8432. 8552. Kudr. 832, 4. 1380, 3. Statt
warten steht schouioen 1144, 3. Das präter. von zogen (schw. verb.)
wird mit dem von ziehen im Flur, vertauscht, Nib. 721. 5193. Kudr.
635, 2. 840, 2; stärker entstellt ist 1454, 3 zöget in zürnet.
Auch Substantiva werden vom Schreiber in die entsprechende
jüngere Form übertragen; statt stat Stades, gestade steht gewöhnlich
gstat, gstades ; vgl. Nib. 2330. 2336. Kudr. 88, 4. 111, 1. 113, 1 u. s. w.;
doch steht daneben stade 776, 4. Ähnlich ist gesang für sanc, 377, 2.
379, 3. gewant steht für wät 252, 2. 693, 1; gebwrde statt gebeere 329, 2.
334, 4. Bemerkenswerth ist ferner in die haut statt enhant 362, 1.
kreuter, plural. von krüt statt krüt 83, 1 , die leute oder die leid statt
daz lud 1095, 1. 1614, 1, mal statt stunde 1550, 4.
Bei den Adjectiven ist namentlich die jüngere Form in ig zu be-
merken; am häufigsten lebentig statt lebende; lebentigs statt lebendes
und ähnl., vgl. 167, 3. 682, 4. 888, 4 u. s. w. Ebenso hochfertig statt
hüchverte (adj.) 196, 2. 387, 3, übermütig statt übermüete 238, 3, genaitig
statt gencete 737, 1. Statt unmäzen steht unrnässlich 128, 2. Statt ZwteeZ
in vielen jüngeren Hss. wenig, so Nib. 520 u. s. w. , ich habe daher
häufig die jüngere Form entfernt.
Von Pronominibus hebe ich hervor den Gen. sin statt des älteren
es; zuweilen ist die ältere Form schon durch den Vers erfordert, ich
habe sie aber auch sonst gesetzt; vgl. 42, 1. 48, 4. 369, 4. 927, 4.
1113,4. Statt des relativen Fronomens steht so, Nib. 1961. 5902.
Kudr. 181, 4 und öfter.
Die Vertausehung von Partikeln ist ungemein häufig. Nib. 2570
steht alweg für allez. alsam, in der Kudr. gewöhnlich als sam geschrie-
ben, vgl. 332, 1. 357, 2. 361, 1. 390, 3, auch sam als 649, 2. Im
Nib. steht statt alsam öfter also 3147. 6674. 6683. Statt alsam steht
auch als Kudr. 1397, 4: im Nib. steht als für also 2481. 3573. 4359. 4744,
44
KART, BARTSCH
dannen: dafür gewöhnlich von dünnen > auch wo es dem Verse
widerstreitet. Kudr, 234, 1. 739, 4. 784, 4. 804, 4. 899, 4. 1081, 4.
von dun für dan 545, 1. Nib. 680. 785. 1285. 1295. 2704. 3072 u. s. w.
Ganz ebenso ist von hinnen statt hinnen 250, 3. 260, 2. 407, 4 421, 4.
431, 4. 691, 3. 827, 4. 828, 4. 991, 4 u. s. w. Nibel. 1273. 1302. 1386.
3803 etc.
des, deshalb: dafür da von 708, 4.
dicke, mit dem später üblichen ofte vertauscht, Nib. 564. 5794.
5831. 5834 u. s. w. , von mir gewöhnlich in der Kudrun gesetzt. Die
Hs. hat seltener daneben dicke.
diu 'desto'; die Hs. hat dest, dester; vgl. 3, 4. 832, 4. 1314, 3.
1382, 2. 1535, 4.
dd conj. 'als', ist wohl öfter durch als ersetzt, wenn auch dö in
der Hs. die häufigere Form ist. Vgl. 69, l. 95, 1. 540, 3. 607, 1. 869, l.
1447, 2. 1473, 1. 1671, 3.
durch daz, 'deshalb weil'; in der Hs. gewöhnlich dar umb das,
dem Verse widersprechend. Vgl. Kudr. 819, 1. 1079, 3. 1303, 4. 1531, 3.
e 'vorher', dafür in der Hs. vor, 410, 4, wo ich mit Wackernagel
e geschrieben; vielleicht wäre es noch öfter zu setzen.
en beschränkend, mit dem Gonjunctiv, in jüngeren Hss. häufig
durch danne ersetzt; vgl. 1044, 2 und öfter, Nib. 1231. 3484. 4130.
gemeine, adv., durch algemeine ersetzt, Kudr. 137, 4. Statt gerner
steht das jüngere lieber Nib. 8546.
harte, dafür in den Nib. und vielleicht auch Kudr. öfter vasle,
vgl. Nib. 3102. 4745. 5132. 5882. 5930. 6848.
niwan, diese Form äußerst selten ; meistens steht nun, vgl. Kudr.
537,3. 1194,3. Nibel. 655. 1048. 5724. 5928. 6183. 6371. 6807. 7062.
7243. Aber auch wan findet sich, was, wenn man ivane schreibt, dem
Verse auch genügte, doch habe ich nach Nib. 267. 801. 999. 2456.
3742. 4825 auch Kudr. 399, 4. 400, 2 und öfter niwan statt wann der
Hs. gesetzt.
sam, 'ebenso', in der Hs. meist durch also ersetzt. Kudr. 548, 3.
824, 3. 876, 4. 963, 2. 1474, 3. 1578, 3. Nib. 6644. 8400. 8413. Die
Herausgeber setzen, wo also dem Verse widerstreitet , meist als.
so: diese Form verlangt häufig der Vers, wo die Hs. also hat ;
vgl. Nib. 620. 1586 2772. 3314. 3363. 4159. 4850/5387. 5829. 6341.
6388. Kudr. 305, 3. 378, 2. 381, 4. 391, 4. 716, 3. 794, 1. 828, 2.
833, 2, 870, 2. 1003, 2. 1256, 3. Auch als steht fehlerhaft für so, 312, 4.
367, 4.
swie 'obgleich', dafür hat die Hs. mehrmals wie wol, also genau
unser nhd. 'wiewohl'. Nib. 2682. 7746. Kudr.57 11, 4.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 45
ican; dafür steht mehrfach nun (vgl. niwan). Kudr. 234, 3. 427, 2.
230, 2. 1512, 1; einmal auch nu 776, 4.
wosn, 'ich glaube', in den Satz eingeschoben, in der Hs. meist
wann geschrieben und wohl wirklich mit wan verwechselt, wie man
aus der Umstellung wann er statt er wcen Nib. 6456 sieht. Vgl. Kudr.
167, 4. 223, 2. 534, 4 etc.
war, 'wohin', ebenso swar ; für beide Formen setzt der Schreiber
meist wohin; vgl. Nib. 1297. 2663. 4532. 4687. 6283. Kudr. 231, 3. 1491, 2.
Worte und Formen , die der Schreiber nicht verstand , wurden
entweder oft bis zum Unsinn entstellt, oder dem Verständniss möglichst
nahe gebracht. So wurde aus frieschen, das anderwärts blieb, griffen
60, 1 (vielleicht auch aus gefriescheri) , wie Nib. 1567, 2 D, ein andermal
(667, 4) ganz unsinnig frieslichen; aus rämte 97, 9 lernte, aus nar 97, 4 not ;
aus erbaldet 111, 4 erhaltet; aus urborte, das anderwärts ebenfalls stehen
blieb, 168, 4 erbot ; aus genendicliclie 131, 4. 725, 4 gnedieliche; ans
wcetlich wurde loaidclich, Nib. 96. 5164. 6276, Kudr. 140, 1 und Vollmer's
Anmerkung. Aus gemellich wurde gemainlich 490, 4; vielleicht wäre
die noch näher stehende Form gemenlich zu wählen; aus hoher, das
anderwärts beibehalten ward, 525, 4, her, wenn nicht hoher ganz aus-
gefallen ist; aus wege 687, 2 wurde welle; aus vären 1123, 4 wurde
uare« mit Veränderung einiger Worte, aber mit Verletzung des Reimes;
vgl. zwäre statt ze väre Nib. 8628, aus minnen nemen 1254, 4; sän 1583, 1
zu an; ludern 187, 2 zu in dem; hiesch 295, 1. 412, 3 zu haisst; vgl.
hiess 145, 1 ; aneme (statt an deine) wurde entstellt in an ainem 93, 3,
wie ähnlich ener, jener Nib. 322. 1581 in ainer. iteniuwe 430, 2. 454, 3.
460, 3 etc. zu eytelnewe; snewes (gen. von sne) wurde schneeweiß 503, 3.
Aus räwen, ruhen, wurde frawen 1051, 2; aus joch wurde auch Nib. 4828.
Kudr. 1116, 3. 1499, 3. Vgl. noch aus Nib. wagen statt lägen 3520.
in den statt inner 4713; wie in ir statt inner, Kudr. 199, 1; im statt
inner 194, 4; tugentlich statt tougenlich 5670, icec statt wac 6123, wm<-
lich statt vr eislich 6144, sorgen statt longen 7185, weidelich statt w'c-
fe'cÄ 7743.
Der vor den Genetiv eines Eigennamens gestellte Artikel, der
zu dem auf den Namen folgenden Worte gehört, wird in der Hand-
schrift gewöhnlich des, bei Femin. der geschrieben, als wenn der Ar-
tikel zum Namen gehörte. So steht des Sigebandes tratet 82, 2 statt
den oder den Sigebandes trat; des Waten maisterschaft 365, 2 statt die;
vgl. 457, 3. 550, 2 u. s. w. Nib. 965. 974. 1056. 1096. 2386. 2774.
2947. 3466. 4015 etc. Auch bei nachstehendem Artikel sun des Sige-
bandes 185, 1 statt sun der S., vgl. 110, 4.
46 KAHL BARTSCH
üzer; als präpos. häufig statt üz durch den Vers erfordert. Nib.
811. 1731. 2396. 2765. 5705. 6425. 8236. Kudr. 59, 4. 110, 1. 120, 4.
378, 4. 892, 1. 1092. 4. 1175, 4. 1335, 4. 1573, 1. 1584, 3. 1644, 3.
1706, 3.
vil, dafür in jüngeren Hss. häufig gar, vgl. Kudr. 355, 4. 1197, 4.
vol in adverbialem Gebrauche durch ivol ersetzt. Kudr. 181, 2.
394, 3. 942, 2. 1115, 2.
Bis hierher haben wir bewusste und absichtliche Änderungen des
Schreibers betrachtet, die in dem Abstände der Zeitalter ihren Grund
haben. Außerdem hat die Handschrift zahlreiche Schreibfehler; sie alle
aufzuführen würde nutzlos sein, ich hebe daher nur diejenigen aus, die
in einer oder der andern Beziehung bedeutend sind, namentlich solche,
die den Charakter der Vorlage des Schreibers erkennen lassen.
Wir beginnen mit der Verwechselung von Buchstaben. Am häu-
figsten steht r für u, namentlich in er für iu: so grosser statt qroziu
54, 2. 1644, 1, swinder statt swindiu 67, 2 (vgl. Vollmer' s Anmerkung),
reicher statt richiu 184, 3. dhainer statt deheiniu 1511,4, ainer — - einiu
1235, 4. der statt diu 1010, 2. 1703, 4. Vgl. auch unten (im Abschnitt IV)
die Bemerkung zu 11, 4. Nib. 7051 steht starker statt starkiu. Das
häufige Vorkommen dieses Fehlers weist auf die Schreibung ev = iv,
iu in der Vorlage; v sieht namentlich am Schluße einem r ähnlich.
Vgl. siorp statt stovp stoup 1019, 4, sorgen statt lovgen lougen Nib. 7185.
Die Vorlage hatte demnach schon hin und wieder die österreichische
Schreibung eu statt iu; darauf weisen auch andere Fehler: den statt
diu, deu 1052, 2, wem statt wiu, weu 1230, 2, es = iu, ev 1033, 1.
Aber eu war nicht durchgängig, sondern iu mochte vorherrschen ; andere
Versehen führen darauf hin, so wenn irs euch statt ir sin 147, 4 steht,
was durch irsin = irsiu der Vorlage erklärlich wird, euch statt m
steht auch 438, 4. 842, 4, ir für iv , iu 1160, 1, mich steht für ewcA
1253, 4, wm für im 1484, 4. Nib. 922. 5069. Andere Verwechslungen
sind n und u, was sich am leichtesten erklärt, iu statt in verlesen,
438, 4. 842, 4, den statt deu, diu 1052, 2 u. s. w. Ferner 6 und h,
haben statt ÄäAew (vgl. Vollmer zu 202, 1. 1557, 1) 202, 1. 228, 4.
229, 2. 737, 4. hei = iatf 1557, 1; d und /*, r/ö statt ho, hohe 445, 1,
Z und h, leide statt A?;oZe 234, 1, durch die Schreibung Ute und hüte
erklärlieh, handen statt landen 1625, 3. w und h, hie statt »mV 475, 2.
wm statt /aß 828, 1 ; umgekehrt hie statt nu Nib. 4. /* und k, hon statt
fco« 538, 4. 1028, 1. s und // , ist statt ///£ 1420, 2. * und 7t, gesahen
statt gesäzen 1306, 1. z und t?, zerschroten statt verschroten 545, 4;
ebenso zerhawen statt verhouwen 778, 4. 1176, 4. 1507, 4, wohl weniger
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 47
eine Buch staben vertauschung , vielmehr waren die Zusammensetzungen
dieser Worte mit zer dem Schreiber geläufiger. Ferner n und r in der
häufigen Vertauschung von vor und von; von statt vor steht Nib. 2356.
Kudr. 407, 4. 521, 3. 1126, I. 1625, 3. vor statt von Nib. 2293. 4960.
Kudr. 427, 3. 668, 1. 927, 2. 1003, 1. 1132, 4. 1142, 1. 1496, 1. s und r,
des statt der 94, 2. 1096, 3. es statt er 1234, 4. 2 und r, er statt es
315, 2. 491, 1. 6a^er statt haldez 1032, 2. Die Form des Schluß - r
sieht in Hss. einem z oft nicht unähnlich, t und r, het = her 110, 3.
t und s, es statt et 223, 1.
Andere bemerkenswerthe und öfter wiederkehrende Fälle von
Schreibfehlern sind nu statt vil, was sich leicht erklärt, wenn uil ge-
schrieben war; Kudr. 451, 4. 1205, 4. 1279, 4. und statt m7 41, 3.
Nib. 7707, durch un erklärlich, das einem uil in Hss. gleicht, und
statt nu, erklärlich durch un, nu, Kudr. 965, 4; umgekehrt steht nu
statt und Nib. 3601. und statt wände, want, wan, durch wli und vn be-
greiflich; vgl. vnnder statt wunder 1430, 4, durch wnder zu erklären.
imd statt vowf, wmd 74, 4. 411, 4. nw statt ine steht Nib. 2923. statt
in, 922. 5069. Kudr. 1484, 4. im statt km Kudr. 350, 3, was sich von
selbst erklärt; ebenso wie uns statt ims 375, 2. 637, 4. Nib. 4927. 7500.
ynn statt tmita 1099, 2 erklärt sich auf dieselbe Weise, indem inn statt
um gelesen wurde. Ein verlesenes i, das in der Handschrift, die dem
Schreiber vorlag, wahrscheinlich durch keinen Strich bezeichnet war,
spielt eine ziemlich große Rolle, mir für im steht 210, 2. mer für nie
Nib. 6030. immer statt miner 1452, 2. 2V sein statt irsim, irs im 1112, 4.
»ra£ statt mV. 1098, 1. Hierher gehört auch das häufige in statt mit,
was durch die Abkürzung des letzteren Wortes (m mit einem kleinen
t darüber) sich erklärt, Nib. 6966. Kudr. 157, 3. 385, 3. 448, 4. 485, 1.
742, 4. 1186, 3; vgl. Vollmer zu 102, 1. Umgekehrt steht mit für in
654, 2. 726, 1. 1352, 3. dann steht für damit, da mite 448, 3. Anders
ist mit, fehlerhaft für in ir 742, 2. 1607, 4. Nib. 4977.
Ferner noch folgende: das für dö 679, 1, durch, die Abkürzung
de zu erklären, die einem do ähnlich sieht, deinen statt den 149, 3.
1622, 3; beidemal ist den dat. plur., und man könnte daher die schwei-
zerische Form dien in der Vorlage annehmen, woraus sich dein, deinen,
leicht erklärte; aber deine steht auch für den acc sing, den 687, 3. die
steht für diu 407, 4. 1579, 3. Ein anderer Gebrauch von die ist der
für d3, auf den zuerst Haupt (Zeitschrift 2, 383) aufmerksam machte
Nib. 4980. 5309. Kudr. 174, I. 724, 1. 1282, 4. Wahrscheinlich hatte
die Vorlage aber in diesen Fallen nicht <ln, sondern duo, was, wenn
da geschriebeu, wie hantig in österreichischen Handschriften (z. B. der
4y KARL BARTSCH
Vorauer), sehr leicht mit du = diu verwechselt werden konnte, für
welches letztere der Schreiber auch die setzte (vgl. Nib. 764, 4 ß.). Denn
im Reime steht 827, 1 die: frii, statt duo: fruo; eine ganz ähnliche Ver-
wechslung ist dievon rewe und ruowe 287, 3 und rewen und ruowen 936, 1,
durch die Schreibung nhoe, rmoe erklärlich. Ebenso muß die Schreibung
leide statt huote 234, 1 durch Ute, hüte erklärt werden ; vgl. oben S. 46. Ich
habe daher überall, wo die Hs. die bietet, nicht da, sondern duo geschrie-
ben; es wäre sogar vielleicht überall duo, auch für do zu setzen, denn in
der Kudrun begegnet kein einziger Reim in 8, während die Nib. du:
fro häufig reimen, vgl. 16. 54. 163. 274. 340. 450. 604. 686. 830. 1381.
1444. 1615. 2102. — ie steht für ir Kuclr. 10, 1. 1576, 2; ebenso er
für ir 190, 1. 284, 4. ewr für iu Kudr. 1244, 4. Nib. 4231. 8274. —
in statt gein, welche Form dem Schreiber wohl fremd war, 1143, 3.
nach für noch 33, 4. 1239, 3. — nu statt der Negation en 648, 4, was
auch sonst in Hss. des 15. Jahrh. häufig vorkommt. — seit statt si
(nora. sing, fem ) 986, 4, was wohl durch seu statt siu zu erklären ist.
— sich und si werden mehrfach vertauscht; si für sich steht 547, 3.
638, 1. 995, 4. sich für si 872, 1. — volgten steht statt vleglen 1017, 2;
vgl. 1050, 2. — vremde und vreunde (vriunde) werden vertauscht, was
auch sonst vorkommt (vgl. meine Deutschen Liederdichter, Anmerk.
zu I, 1); freunde statt fremde 313, 3. 1213, 3; am leichtesten erklärlich
durch fremide. freunde steht fehlerhaft für freude 314, 3. 550, 4. 707, 2.
— waren für tvurren, wenn ich richtig gebessert habe, 1216, 4, erklärt
sich durch icrren. Endlich noch si muosten 749, 1 statt sin wisten, wie
Vollmer richtig geschrieben, in der Hs. stand wohl sinwsten, was sin-
müsten ziemlich nahe kommt, schuttens für suochtens 972, 1 , ein auch
in den Nib. begegnender Fehler (s. unten die Bemerkung zu dieser
Stelle).
Durch mehrere dieser Fehler gewinnen wir ein ungefähres Bild
von der Beschaffenheit und Schreibart der Vorlage; dieselbe hatte iu
und nach österreichischer Weise eu neben einander, iu war bezeichnet
durch iv und iu, aber auch u, letzteres namentlich im Inlaut, eu wohl
meist ev; uo durch ü. i, wohl durch keinen Strich darüber bezeichnet,
hat sich in alterthümlicher Weise in eltiste (77, 1. 128, 1) 'noch er-
halten und stand so auch in fremide statt fremede.
In Bezug auf die Consonanten ist namentlich zu bemerken', ch
statt c, k, wahrscheinlich durchgängig; es findet sich bei dem Schreiber
allerdings meist k, im Auslaut auch g, aber vereinzelt rechen statt
recken 738, 3. sich statt sie (Sieg) 865, 3; der Name der Heldin, der
in der Überschrift Chaulrun (d. h. nach gewöhnlicher mhd.JSchreibung
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 49
Kütrün) lautet, wird im Anlaut immer mit ch geschrieben. Im Inlaut
findet sich d neben t, ersteres sogar häufiger. Die Form Gudrun ist
durch nichts berechtigt; wer so schreibt, darf auch im Nibelungenliede
nicht Kriemhilt, sondern muß Griemhilt, Grtmhilt lesen und sprechen.
— Statt z findet sich noch ein paarmal das in älteren Hss. häufige r,
ce statt ze 179, 2. merces statt merzen 1217, 3. mercischen 1216, 4. 1218, 3.
Am wichtigsten ist die Verwechselung von z und li (1306, 1); die
alterthiimliche Form des z in Hss. des 12. Jahrhunderts glich einem
kleinen deutschen fy (vgl. Germania 8, 274) und kommt nur noch am
Anfang des 13. Jahrhunderts vor.
Die Schreibart einzelner Worte betreffend, hebe ich hervor du statt
Uno, dö, de statt daz, wahrscheinlich siu statt si (ea) , vlec/en statt vlihen.
Gefolgert werden muß die alterthiimliche Schreibung frowede statt
früude aus 1352, 2, wo die Hs. hat ioas er da schöner frawen schied
statt waz er da schamer fromven von ir froweden schiet. Der Schreiber
sprang von frowen auf froweden über. Die andern Herausgeber schreiben
friunden; es würde dann die ebenfalls alte Form frito enden daraus folgen,
die ich gesetzt habe, wo die Hs. freienden hat.
Es ergibt sich mithin als wahrscheinlich , daß die Vorlage spä-
testens dem Anfange des 13. Jahrh. angehört haben muß. Wir werden
auf diesen Punkt zurückkommen , da er natürlich für die Abfassungs-
zeit des Gedichtes sehr bedeutsam ist.
Ungemein häufig erlaubt sich der Schreiber die Worte der Vor-
lage umzustellen, wohl nicht mit Absicht, sondern aus Nachlässigkeit
und weil er von dem Baue der Verse keinen Begriff hatte. An vielen
Stellen ist die Notwendigkeit, die Wortordnung der Hs. zu ändern,
schon durch die grammatische Construction und den Sinn geboten.
So 164, 1 man do statt des hs. do man; 186, 1 vant man statt man
vant; vgl. 161, 4. 167, 4. 180, 2. 208, 2. 231, 1. 265, 1. 280, 3. 283, 3.
297, 1. 353, 3. 372, 3. 401, 4. 406, 2. 524, 3. 656, 4. 827, 2. 839, 2.
853, 2. 950, 4. 1025, 4. 1175, 4. 1632, 4.
Die Vergleichung des Nibelungentextes d mit den anderen zeigt,
daß der Schreiber auch dort häufig umgestellt. Vgl. die Hagen'schen
Lesarten zu 1893. 3063. 3182. 3330. 3598. 3797. 3909. 3995. 4073. 4110.
4963. 4974. 5060. 5281. 5443. 5860. 6055. 6535. 7123. 8292. 8335.
Daraus ergibt sich die Berechtigung der Kritik, auch in zahl-
reichen anderen Fällen dieses Mittels sich zur Herstellung des Textes
zu bedienen, namentlich wird erreicht, daß die bei der Wortstellung
der Handschrift entweder zu langen oder zu kurzen, überhaupt oft
schlecht gebauten Verse auf ihr richtiges Maß gebracht werden. Für
GEUMANIA X. 4
,-,0 KARL BARTSCH
die am meisten entstellte achte Halbzeile kommt es am häufigsten in An-
wendung. Vgl. 31, 4 da mite er siniu erbe | und sich selben solte zieren;
der Vers wird richtig, wenn man mite nach solte setzt. — 33, 9. man
milge mich vil lihte \ nach edeler fürsten site geleren, wenn man nach,
das für noch verschrieben ist (vgl. oben) , vor geleren stellt. — 74, 3.
Hagene solte beltben \ da niht aleine; da ist zur ersten Hebung ohne
Senkung untauglich , daher Hagene da beltben \ sohle niht al eine. Der
Schreiber schloß sich der in Prosa üblichen Wortstellung an. Vgl. noch
folgende Stellen: 4, 4. 80, 4. 95, 4. 129, 4. 137, 4. 148, 4. 157, 2.
182, 4. 199, 2. 203, 3. 207, 2. 218, 4. 255, 4. 261, 1. 4. 280, 4. 284, 4.
298, 4. 304, 4. 310, 3. 339, 4. 340, 4. 346, 4. 387, 4. 388, 4. 389, 2.
391, 2. 399, 3. 400, 1. 422, 4. 426, 3. 444, 2. 452, 3. 458, 3. 472, 3.
501, 3. 527, 2. 548, 2. 571, 1. 579, 2. 4. 583, 1. 605, 4. 683, 3. 694, 1.
696, 4. 710, 1. 714, 4. 719, 4. 779, 2. 790, 4. 835, 2. 841, 3. 854, 3. 4.
876, 3. 941, 3. 1056, 4. 1074, 4. 1083, 4. 1118, 2. 1128, 2. 1155, 4.
1292, 3. 1400, 4. 1432, 4. 1437, 1. 1511, 3. 1565, 4. 1675, 4. Die
theils schon von andern, theils erst von mir vorgenommenen Um-
stellungen möge man im letzten Abschnitte unserer Abhandlung
nachsehen.
Nicht nur innerhalb desselben Verses, sondern auch zwischen
mehreren muß solche Veränderung der Wortfolge vorgenommen werden,
zum Theil wieder aus bloßer Rücksicht auf den Sinn und die Con-
struetion, wie 304, 1. 2 mit der gäbe Horant du ze hove reit und holt
der starke, dem künige icart geseit; da steht in der Hs. in der zweiten
Zeile vor dem. Vgl. 1073, 3. 4. Zum Theil und häufiger aus metri-
schen Gründen, wie 64, 1. 2. sie begunden sagen \ hohe danken alle; die
Hs. hat alle vor sagen , und ze danken. 268, 3. 4. er machte manigen
man \ vil gar vnmüezic; vil steht vor manigen. Vgl. noch 145, 3. 4.
432, 3. 4. 762, 2. 3. 848, 2. 3. 851, 3. 4. 1066, 3. 4. Auch über drei
Zeilen erstreckt sich die Vertauschung: wie 736, 2 ob sie helde hosten;
beide fehlt und steht 736, 4 überflüssig (helde?/). Noch weiter geht die
Versetzung 309, 4, wo das dem Verse fehlende wol nach 308, 4 ge-
rathen zu sein scheint.
Wir gelangen zu Zusätzen und Weglassungen. Die ersteren ver-
rathen sich meist schon durch ihre Ungeschicktheit, durch die Ver-
stöße gegen das Metrnm u. s. w. Manchmal sind sie auch bloße Schreib-
fehler, die der Schreiber nachher auszustreichen vergaß ; so 978, 2, wo
der Schreiber nach vnmute noch einschiebt vil manige herzen laid , in
dem er von vnmute auf vnsteete 979, 2 übersprang. Ähnlich verhält
es sich mit 1122, 3 daz ez wart jenen sweere (: tewre) , die Hs. hat
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK HER KUDRUN. 51
noch laid vor siccere ; vielleicht stand hier laid als Erklärung zu swcere
am Rande und gerieth erst durch den Schreiber in den Text (s. nachher).
Auf Zusätze des innern Reimes wegen werden wir später zu
sprechen kommen; hier will ich auf eine andere Art von Einschie-
bungen aufmerksam machen. Wo nämlich das Subject oder Object
nicht gleich in derselben Zeile steht, setzt die Hs. oft ein überflüßiges
Pronomen personale. Solche Andeutung des Subjectes oder Objectes
durch das vorausgeschickte Pronomen begegnet allerdings bei mhd.
Dichtern (vgl. zu Stricker's Karl 4124); aber hier verräth sie sich
durch den Versbau fast immer als unecht und vom Schreiber herrüh-
rend. So 224, 2 mit tumplichen witzen begunden reden sit von edeler
frouwen minnen Horant unde Fruote: Hs. begundens. 573, 3 daz niht
an erben ivceren \ laut unde bürge; die Hs. hat daz sy nicht.
755, 3 daz er an urliuge ze lande wolde bringen \ die schcenen junc-
fromcen ; die Hs. daz er sy.
803, 3. do man über lant \ mit der Hilden tohter fuorte ir ingesinde;
die Hs. man sy.
1015, 1. wie mähte ich ziehen baz \ die. Hetelen tohter; die Hs. ich sy.
1021, 1. siu leiste güetUchen allez daz man hiez \ tuon die mag et
edele ; die Hs. man sy.
1101, 3. roie sie der tool gedienden, des vlizzen sich durch ere \ die
helde, Hs. vlissen sy sich.
1125, 1. die sluogen iif den st \ daz edele ingesinde; Hs. slügens.
1410, 2. einander sach man wem \ mit hurte tiefer wunden die guoten
ritter sere; Hs. man si.
Einmal sogar in derselben Zeile: 1178, 4. daz du üzer sorgen |
leesest mich vil armen hüni ginne; die Hs. du mich ans und nochmals
mich nach lassest. Ich habe daher auch bnien 834, 3 statt puten sy ge-
schrieben, und 1290, 2 dir gestrichen, wenngleich hier der Fall insofern
anders ist, als kein Dativ mehr folgt.
Die Richtigkeit der Beobachtung bestätigt das Nibelungenlied,
indem 4723. 4863. 5566. 6037 und öfter die IIs. ein solches überflüßiges
Pronomen hat.
Wiederum anderer Art scheinen manche zugesetzte Worte, die
ich als Glossen betrachte, die ursprünglich am Rande standen und
dann in den Text kamen. Der Art ist das oben bemerkte laid 1122, 3.
Gewöhnlich hat der Schreiber noch ein oder das andere Flickwort hinzu-
gefügt; ich citiere die folgenden Stellen nach Hagens Verszählung, und
klammere die hinzugefügten Worte ein.
1149. so daz mohte [sein vnde] ivesen; sein hatte als Glosse von
4 *
52 KARL BARTSCH
wesen ein späterer an den Rand der alten Handschrift geschrieben, der
Schreiber nahm es mit einem beigefügten und in den Text auf. Diese
Glossen sind wohl nicht viel früher als die uns erhaltene Abschrift
der Vorlage anzusetzen.
2110. die der ncete [und des Streites] nimmermer gcdähten. Am
Rande stand des Streites als Erklärung zu der ncete.
2228. da mohten die schcenen [fraicen],
2655. fragen sie begunden [ir tochter] nach rate slner man; ir
tochter war Glosse von sie, die Aufnahme derselben führte die Ver-
änderung von begunde in begunden mit sich.
2774. da keime verlassen; der Vers verlangt nur verldzen ; da heime
ist wieder Glosse.
3386. und wolden an in rechen [ir schaden und] ir anden.
3818. wir sin [ Ormanie] der Hartmuotes bürge nähen.
4046. damweh diente da alles das arme ynngesinde vnde xoaysen.
Der Vers verlangt dannoch dienden allez da die weisen; es stand also
daz arme ingesinde als Erklärung von weisen am Rande und ward wieder
in den Text mit einem unde aufgenommen.
4210. daz siu mir sus nimmer [anders] getaete; anders ist Glosse
zu sus.
4384. daz man nach Chaudrünen Orhceinen sande ; schon Hagen
hat richtig bruoder ergänzt; am Rande stand dabei Orhceinen, das nahm
der Schreiber in den Text auf, ließ aber dabei aus Versehen bruoder weg.
4440. daz den guoten helden \ die [staine] magnSten niht geschaden
künden.
4935. sd wäre in [ofte und] dicke geschehen leider.
4990. so bin ich [Herwig] genant.
5131. do hiez si uz ziunen brechen unde [aus dornen] besemen binden;
die eingeklammerten Worte sind Glosse zu xlz ziunen, wofür der
Schreiber falsch schrieb aus ziehen.
5319. uz der [fraicen] kemenäten.
5539. mit [ pogen und mit ] armbrusten heizet | uz den venstern
schiezen.
5620. sam er mit siner hende \ an uns icelle erdienen [ vnd erzwingen ]
ein küniertche ; lies erdienen welle.
5661. mit den Holzsaizen [leute] manigen ersluöc.
6248. driu tüsent unde mere : sie klagten ir friunde [haymlich] he-
sunder; haymlich ist Glosse zu besunder, wenn auch keine richtige.
6488. du hast mit ir wunne, solt sy dir werden zefrawen vnndertan;
nach meiner Verbesserung, solde siu dir werden \ ze fronwen, du hast
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 53
mit ir loüune, ist ein anderer Fall, hier liegt der Fehler der Hs. schon
in der vorhergehenden Zeile, geican statt gewänne, und dies veranlasste
die Umstellung und die Ergänzung undertdn in der folgenden.
Verschrieben hatte sich der Schreiber 2426 nicht enwcere statt
nicht verjcehe (: smcehe) ; er schrieb daher nicht enwäre noch veriähe,
um nicht ausstreichen zu müßen. Fehlerhafte Wiederholung durch
Verirren in eine andere Zeile 132 noch edlen fursten in das landt, weil
131 (fehlerhaft) stand nach edler fursten site. 4448 der kan euch \_nach
ereii\ das feste icol geleren, aus 4447 des loa ich euch nach eren. 5980
do muesset auch seinen helden [her/ dem kunige] misselingen, aus 5981
da meng man bey dem kunige.
Schwieriger als die Zusätze sind die Auslassungen, d. h. für den
Herausgeber die Ergänzungen, weil für diese sich so bestimmte Regeln
nicht geben lassen. Es können unverständliche Worte ausgelassen
worden sein, wie sie anderwärts entstellt wurden; aber das reicht nicht
aus, alle Fälle zu erklären. Der Sinn verlangt ebenso wie das Metrum
eine Menge von Ergänzungen. Die Vergleichung des Nibelungentextes
bestätigt, daß der Schreiber größere und kleinere Lücken verschuldete.
Wir gehen von den dem Sinne durchaus nothwendigen Ergänzungen
aus; sie sind meist schon von Hagen beigefügt worden. Pronomina
fehlen am häufigsten. Die Personalia ich 656, 3. 1088, 2. uns 549, 2
nach dem ähnlich aussehenden man. — du 129, 3. ir 368, 2. iu 1035, 4.
— er 65, 1. 84, 2. 217, 2. 397, 1. 415, 3. 901, 2. — si (nom. fem.)
970, 3. 1007, 2. 1643, 3. — im 206, 3. ir 1039, 2. si (eam) 1228, 1.
man 267, 2. 605, 2. 617, 4. 899, 2. 913, 3. 1304, 3. mauz 352, 4 vor
dem ähnlich geschriebenen uns.
Artikel: der 969, 3. dem 205, 2. die 1367, 2. ein 1368, 1. 1424, 2.
Possessivum: stner 220, 3. Präposition: von 362, 2. 516, 3. 634, 1.
910, 1. 981, 3. 1643, 4. Conjunction : und 173, 2.
Aber auch Substantiva und Verba lässt die Handschrift aus. So
fehlt heim 43, 2. heideu 705, 1. fride 826, 2. strite 830, 4. morgen 1349, 4.
roup 1562, 2. Verba: iceseu 740, 4. ist 617, 2. was 623, 1. hete 901, 3.
suln 543, 2. mac 662, 4. mühte 802, 3. torste 1492, 4. gie, vor gezogai-
liche 947, 2. hörte 1130, 1.
Namen fehlen, die vielleicht in der Vorlage zum Theil nur durch
Anfangsbuchstaben bezeichnet waren und daher leicht übersehen werden
konnten. So fehlt Ilagene 91, 4. 125, 3. Geren 212, 3. Wate unde
Fruote 490, 4. Sijrit 718, 2. Uetelen 810, 3. KudrÜn 1023, 3. 1046, 4.
Tene 247, 1. von Jenen 245, 2. 747, 4. 875, 4.
Andere Auslassungen erklären sich auf graphischem Wege durch
54 KARL BARTSCH
die Ähnlichkeit eines vorangegangenen, auch folgenden, überhaupt in
der Nähe stehenden Wortes. So fehlt ein nach färsten 32, 1. vroicen
vor Uoten 46, 4; wahrscheinlich war vwen nnd vten geschrieben; frouwen
ist auch 211, 2 ausgelassen, nach ir willen vor nähen 96, 4, wegen
der Ähnlichkeit von nach und nähen, in nach in 188, 4. 357, 2; in
nach im 191, 1; nach ich 1465, 4. ir nach er 194, 4. w- nach tu (iv)
1576, 4. tu nach ich 1463, 4, wie Nib. 4835 iuch nach tcA. Umgekehrt
ich vor tu 656, 3. iu nach dtu 680, 2. so nach st (fem. sing.) 200, 3,
wahrscheinlich durch sv (du) zu erklären und daher eine Bestätigung
für die von mir gewählte Schreibung siu, ebenso 215, 1. so fehlt aber
auch nach si (eas) 117, 3. an zwei Stellen 200, 3. 215, 1 vor schcene,
und der gleiche Anlaut s kann den Ausfall bewirkt haben, denn so
fehlt auch vor seine 1189, 2; vor sprach 1349, 2; vor sol 251, 4. er
jach fehlt vor er nam (statt er nceme) 200, 4; der Schreiber sprang
von dem einen er auf das andere über, zuo vor ze fehlt 258, 2. »t7
vor vlizeclichen 299, 4 ; vor willecliche 538, 4. ron fehlt nach von 373, 2.
Nib. 4623. hi ir vor in ir 391, 4. mere nach nimmer 421, 4. tu vor
iuwer 436, 2. 1044, 4. reu nach mir 457, 2. reoeA tr nach tr 485, 4.
/et'dm mare, wahrscheinlich mere mere geschrieben, nach mere 532, 4.
d« vor das 638, 4. vroice nach imt-e 684, 4. &s z'r nach ir 761, 4. mii
wj nach Ilartmüte 835, 4. aoer nach oder 839, 4. 1155, 2. da nach
sande 871, 4. daz mare Zi«o vor daz man 932, 1, 2. mir vor mtre 941, 4.
1249, 3. dich nach zc/t 1175, 3. in der xoerlde vor inder 1502, 4; vgl.
1497, 4. von ir vroiceden nach vroicen 1352, 2. fcüeree der nach der 1492, 2.
an ein permint nach pensei 1601, 4. m'e vor ?/?er 1328, 4. z'r vor te 1382, 4.
j'm nach m^ 1453, 4. Am nach m 1573, 2. vor tV vor vroicen 1573, 4.
ei nach lät 1597, 1. t'A< nach ichz 1633, 4. wow den nach den 1682, 1.
Ä«t»i nach im 1691, 4. d« nach dö Nib. 4293.
Unter diesen sind manche Ergänzungen, die ebenfalls dem Sinne
nach noth wendig sind; die meisten aber erfordert das Metrum. Aus
metrischer Rücksicht sind auch die folgenden von mir vorgenommen,
die zum großen Theil Parallelen aus den Nib. haben. Pronomina sind
auch hier sehr häufig, vor allem der Artikel in zweifacher Verwendung :
1. vor dem Pronomen possess. Nib. 599. 1252. 2664. 3012. 3318.
3371. 3607. 3615. 3619. 3631. 3643. 3755. 3911. 4107. 4118. 4120.
4155. 4220. 4296. 4600. 4799. 4904. 4921. 4936. 5052 etc. Kudr. 28, 4.
31, 3. 34, 3. 58, 2. 131, 4. 143, 4. 348, 3. 863, 4 etc.
2. als demonstrat. einen Begriff nochmals aufnehmend, wie 129, 3
min vater der hiez Sigehant; der fehlt Hs. Unter den Nib. Hss. lässt
sich am meisten A den gleichen Fehler zu Schulden kommen. Un-
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 55
sere Hs. lässt das Pronomen aus Nib. 78. 233. 899. 1112. 1129. 1865.
1866. 1873. 1875. 1923. 2166. 2677. 3022. 3072 u. s. w. Kudrun 124, 3.
265, 3. 322, 1. 580, 1. 588, 3. 730, 1. 840, 1. 894, 4. 898, 3.
Der Artikel fehlt auch sonst, geslagen vil schedeliche wunden 221, 4
statt vil der schedelichen wunden, ivie künic Hetele statt wie der künic H.
4'20, 4, und so häufig vor künic, herre, frouwe ; in Halbzeilen wie dö
sprach diu frowe Küdrün etc., wo die Hs. meist hat dö sprach fraiv K.
Der gleiche Fall im Nib., wo auch A den Artikel oft weglässt. Nib.
1264 dö gie der künec Günther; d lässt der aus. den sach der herre
Sifrit 743, d liest den sach her Sifrit. Vgl. noch Nib. 543. 2000. 3781.
4124. 4187. 4706. 5470. 5772. 6041. 7467. 8260, letztere Stelle dem
in der Kudr. begegnenden Ausdrucke von den Stürmen ganz gleich-
stehend , wofür die Hs. meist hat von Stürmen.
Andere Pronomina: du 743, 4. ir beim Imperativ 405, 4. Nib. 7131.
in N. 3096. er N. 2712. im Kudr. 209, 1. Nib. 6326. ir (dat. fem.)
Kudr. 1040, 1. in Nib. 3157. ir (gen. plur.), namentlich partitiver, 762.
3151. Kudr. 40, 4. 69, 3. 105, 4. 145, 2 etc. sinem Nib. 4058. täten
4097. deheinen 6822.
Partikeln: al: solh statt alsolh Nib. 3478; vgl. Kudr. 82, 3, des
statt al des.
beide in der Bedeutung sowohl', mit folgendem und: Kudr. 132, 4.
369, 4. 514, 4. 694, 4. 983, 4. 999, 4. 1307, 4. 1631, 4.
U 89, 4.
da 204, 1. Nib. 1560. 1930. 3574. 5254. 5533. 8630. Vielleicht
wäre auch in der K. noch häufiger ein da zu ergänzen, ebenso dö
Kudr. 139, 4 etc. Nib. 1868. 2020. 3863. 4129. 6053. 6545. 6977. 7692.
8346. dar Kudr. 155, 1. 191, 1. dun Nib. 2524. dannoch Kudr. 302,3.
698, 3. 850, 4. 891, 3. 1504, 4. 1547, 4. noch Nib. 560. 1200.
deste Kudr. 203, 4. doch Nib. 1872. Kudr. 120, 4.
en in beschränkenden Sätzen mit dem Conjunctiv und sonst :
Kudr. 210, 3. 213, 4. 272, 4. 288, 4. 370, 3. 379, 4. 390, 3. 394, 2.
400, 1. 419, 4. 421, 4. 455, 3. 463, 1. 575, 4. 620, 4. 683, 2. 872, 4.
893, 3. 1044, 2 etc. Auch in Nib. häufig.
et Kudr. 1539, 4. Nib. 7182.
gerne 1023, 4. Nib. 7732. gerner Kudr. 343, 4.
gröze Nib. 4681.
harte Kudr. 42, 4. 69, 4. 126, 4. 322, 4. 375, 4. 458, 4. 510, 4.
698, 4. 710, 2. 979, 4. 1034, 4. 1129, 4. 1252, 2. 1399, 4. 1513, 4.
1607, 4. Nib. 1776, wo harte auch in A fehlt. 2512. 6729. harte scre
habe ich ergänzt 79, 4; vgl. sere.
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hie 1512, 4. 1520, 4. 124, 4.
hin, namentlich vor engegene 219, 3. 468, 1. Nib. 6276. Vgl. noch
Kndr. 1186, 1.
hinnen 1090, 4. 1255, 4.
ie Nib. 3971. 4151. mite Kudr. 1129,3. nider Nib. 3911. wie 5118.
nu Kudr. 220, 4. Nib. 2005. 6009.
oach Kudr. 498, 1. 773, 4. 840, 4. 1430, 1. Nib. 188, wo auch
in A ouch fehlt. 467. 1638. 2154. 2236. 2851. 2899. 2930. 3031. 3391.
3728. 5522. 7740.
rehte Nib. 4970. schiere Kudr. 43, 2. 1611, 4. 1642, 2. Nib. 920;
vgl. halde Nib. 2177.
sere Kudr. 222, 4. 887, 4.
so, nach swes 291, 2. 1294, 2; nach swa 668, 2. 672, 1. 1298, 3.
Vgl. Nib. 19. 415. 2992. 3228.
üf Kudr. 87, 3. vor Nib. 1784. ze 2508.
vil Kudr. 25, 4. 241, 4. 586, 2. 685, 1. 704, 4. 732, 3. 788, 3.
840, 1. 841, 4. 1531, 4. Nib. 8. 933. 1272. 1756. 1834. 2288. 3836.
4956. 5188. 6069. 6094. 6248. 6412. 7254. 7518. tool Nib. 2109. 3344.
6404.
Substantiva sind zu ergänzen: degen Kudr. 256, 1. 907, 1. 911, 1.
künie 303, 4. 418, 4. Nib. 4662. mcere 348, 1. herre 615, 4. Nib. 4549.
recke 639, 1. 919, 2. 1107, 4. 1393, 4. 1395, 4. 1483, 4. twdle 655, 4.
697, 3. stücken 757, 3. lande 844, 4. kocken 1072, 3. goume 1316, 3.
froun Nib. 5404. teil 6406. 6^e 8296. Auch hier sind viele dem Sinne
nach schon nothwendig.
Adjectiva: holn 74, 4. meerer 185, 4. weehe 530, 4. &e6e 678, 2.
michel 843, 1. riehen 1115, 4. eilenden 1251, 4. Vgl. starke Nib. 3020.
grozen 1040. 3892. 4788. </uo* 4224. 4374. 5776. scheene 46S2. 5324.
lieber 6290. arme 6329. meiste 6743. werte 8433. a//e 4981. 5408.
Verba : rief Nib. 4061. gräezen 8613.
Nicht nur einzelne, sondern auch mehrere Worte nach einander
werden vom Schreiber ausgelassen; Beispiele bieten schon einige der
graphisch zu erklärenden Lücken. Vgl. noch 86, 4. 277, 3. 717, 4.
814, 4. 823, 4. 855, 4. 878, 4. 886, 4. 896, 4. 1066, 4. 1075, 4. 1083, 2.
1099, 4. 1102, I. 1105, 3. 1158, 4. 1167, 3. 1195, 4. 1264, 2. 1307, 3.
1485, 4. 1515, 4. 1614, 4. 1636, 4. Nib. 3133. 3472. 6086. Am meisten
ist, wie man sieht, die letzte Zeile der Strophe der Entstellung aus-
gesetzt gewesen; das ist natürlich, dem Schreiber war ihre die andern
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 57
Verse überragende Länge auffallend. Er ließ daher meist in der zweiten
Hälfte, nach der Cäsur, etwas weg; mitunter aber auch die vordere
Halbzeile, so 228, 4. 240, 4. 313, 4. 669, 4. 942, 4; 477, 4 lautet die
vordere Halbzeile nur geloube. Die vierte Halbzeile ausgelassen 294, 2,
graphisch leicht zu erklären (s. unten die Bemerkung zu der Stelle).
Mehrmals hat der Schreiber eine ganze Zeile seiner Vorlage über-
sprungen. So 1, 2, wo ich mir die Vorlage so geschrieben denke,
z wühs in irlande. ein ri-
cher chunic her. geheizen was er
Sigebant. sin uater der hiez
Ger. sin müter dv hiez vte. vnd was ein —
Die ersten Zeilen waren kürzer wegen der Initiale E, die am Beginn
des Gedichtes größer war als sonst; der Schreiber übersprang die dritte
Zeile. Derselbe Fall ist 341, 1. 2; hier stand in der Vorlage
Si enphieng in aller erste, ja
were ir lihte leit. ob sv in chussen solde. sin
Den Unterschied in der Länge der Zeilen machte nicht die Initiale
allein aus, sondern es war, wie man in den Hss. so häufig findet, der
Schluß der vorigen Strophe auf derselben Zeile wie der Anfang der
nächsten, also etwa
Si enphieng in aller erste, ja [chuniginne.
Es ergibt sich aus diesen Fehlern, daß die Hs. wie die älteren
Nibelungenhandschriften fortlaufend wie Prosa geschrieben war, wie
noch die Ambraser Hs. selbst geschrieben ist. Darauf weisen auch
die Fehler in 932, 1. 2. 951, 2. 3.
Die sehr häufigen Reime des Originals, in welchen bei klingen-
dem Ausgang die zweite Silbe des einen Keimwortes auf e, die des
andern auf eii ausgeht, hat der Schreiber fast immer durch ein dem e
angehängtes n auszugleichen gesucht, auch wo die grammatische Form
des Mhd. dagegen streitet. So 87, 3 üf des meres sträze (acc. sing., :
läzen), die Hs. schreibt str<issen; den Ivft und ouch die sunne (: gunneri)
95, 3, Hs. sunnen ; der edelen küniginne ('.sinnen) 152, 3. lobeten höch-
zite (: riten) 35, 3, wo man aber auch mit der Hs. Mchziten als infin.
schreiben kann; ebenso 666, 3 michel arbeite (: bereiten), könnte ar-
beiten sein, die Ilartmnotes mdge (: betragen) 602, 3, Hs. mayen. aller
sin gedinge (: dringen) 646, 4, Hs. gedingen. Vgl. noch 294, 3. 300, 3.
635, 3. 706, 3. 709, 4. 712, 3. 737, 3. 758, 4. 783, 4. 799, 4. 823, 3.
827, 3. 834, 4. 855, 4. 882, 4. 952, 4. 989, 3. 1010, 3. 1015, 4. 1037, 3.
1209, 4. 1241, 3. 1245, 4. 1373, 3. 1398, 3. 1469,3. 1481,3. 1525, 4.
58 KARL BARTSCH
1562, 4. 1587, 4. 1598, 3. 1646, 3. 1673, 3. Manche Stellen können
schwankend sein, wie 294, 3. 300, 3, aber sie werden nach Maßgabe
der sichern Fälle behandelt werden dürfen.
Seltener ist das umgekehrte der Fall, daß dem Reimworte auf en
sein n genommen wird; so kröne : töne 17, 3. statt kröne : lö)t,en ; manne
(statt mannen) : danne 256, 3. Teneriche : gemelltchen 354, 3; die Hs.
gämliche. Vgl. noch 697, 4. 732, 4. 739, 4. 1113,4. 1311, 3. 1556, 3.
Mitunter aber ändert der Schreiber auch etwas stärker, um das
missliebige n zu beseitigen. Namentlich setzt er häufig den Singular
statt des Plural, seltener das umgekehrte. So schreibt er vierdhalben
meilen (: eilen) statt vierdehalber mtle (: ilen) 10, 4. mit grozer vre (: mere)
statt mit grözen eren 207, 4, denn der Plural, ist mhd. das übliche,
ebenso nach grozer einer ere (: mere) 456, 3 statt des Pluralis; auch
204, 3 lies nach eren (: here) statt ere. Ferner steht in den seiden (.- helden)
statt in der selde (: helden) 345 , 3. ein helt ze sinen handen 475 , 4
(: lande). 1433, 4 (: sande) hat Vollmer richtig geschrieben, der Plural
ist durchaus das herrschende; kommt auch der Sing, ze siner hande
zuweilen vor, so wird man doch in der Kudrun, gestützt auf die zahl-
reichen andern Stellen, den Plural setzen dürfen, der sich auch in der
Hs. findet, vgl. 20, 4. 185, 4. 348, 4. mit grözem la&sleine (: kleine) statt
mit grözen lassteinen 790, 4. Vgl. noch 832, 3. 957, 4. 992, 1. 1005, 4.
1027, 4. 1028, 3. 1053, 3. 1070, 4. 1160, 4. 1181, 4. 1239, 3.
Noch stärkere Änderungen des Schreibers finden sich an folgen-
den Stellen. Er umschreibt das Verbum durch ein Hilfsverbum mit
dem Infin.; so 242, 4 daz ich dir die schämen Hilden müge bringen statt
daz ich dir die schcenen Hilden bringe (: gedingen). 1088, 4 swie joch
minen recken da gelinge (: bringen); die Hs. wie yedoch m. r. müge da
gelingen. 1629, 4 da mite er mine mäge \ unde mich ze friunde gewinne
(: minnen); die Hs. müge gewinnen. Ebenso wird künnen verwendet;
893, 4 ob ichz kan gef Hegen \ daz ich iach von hinnen also britige (: Hege-
lingen); die Hs. künne bringe/t. müezen: 993, 4 daz siu sich ir höcliverle
mdze (: läzen), Hs. höchvart müeze mäzen. wellen: 959, 4 den lip wil
ich Verliesen , e ich in ze friunde gewinne (: miimen), Hs. wolle gewinnen.
1039, 3 min houbet ich ir neige (: eigen), Hs. roil ich ir neigen. Umge-
kehrt steht daz ich iuch immer gerne minne (: küniginne) 1031, 4 statt
welle minnen. Andere Fälle sind: daz ich iuch läz-e (: sträze) 408, 4
statt des sinngemäßen daz wir iuch läzen. maneger wart da junden, der
— gedähte ( : brähten) 527, 4 ; die Hs. manige wurden da funden , die
— geddhten. ich wil daz ich Harlmuoten dicke bi ir froelichen vinde
(: ingesinde) 970, 4 statt ich wil Harlmuoten. . .vinden. Idt mich mit ir
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 59
waschen, lät uns übele oder icol gelingen (: volbringen) 1062, 4; das dop-
pelte lät ist so ungeschickt wie möglich, es hieß ob uns. ..gelinge oder
statt ob vielleicht sicie. allen meiden tuot ez ze eren (: keren) 1214, 3
statt durch aller meide ere. Auch hier liegt an allen Stellen nicht zwin-
gende Notwendigkeit vor; aber diese Art der Abänderung erweist
sich als ein so bestimmter Charakterzug des Schreibers, daß auch an
zweifelhaften Stellen die Annahme einer solchen wenigstens in hohem
Grade wahrscheinlich wird.
Damit wären unsere Bemerkungen über das Verfahren des Schrei-
bers erschöpft. Daß das hier angeführte erst diesem, nicht der Vor-
lage zukommt, ist mit Bestimmtheit anzunehmen, denn die Vorlage
war eine alte und allem Anschein nach mit Sorgfalt geschriebene
Handschrift.
IL
Wir wenden uns zur Darstellung des Metrischen , das für die
Kritik von hoher Bedeutung ist; namentlich einer so jungen Hand-
schrift gegenüber kann oft nur das Metrum den Ausschlag geben.
In den hierbei von mir befolgten Grundsätzen (und sie finden nicht
auf die Kudrun allein Anwendung) bin ich von dem Verfahren der
bisherigen Herausgeber vielfach abgewichen. Der metrische Gebrauch
der Kudrun ist auf der einen Seite enger, in andern Stücken gestattet
er größere Freiheit als man bisher annahm. Sie zusammenfassend
voranzustellen, räth die Rücksicht auf methodisches Verfahren, das an
einer einzelnen Stelle nicht so überzeugend dargestellt werden kann
als im Zusammenhange mit verwandten Erscheinungen.
Das Verhältniss von Hebungen und Senkungen ist in der Kudrun
mit äußerster Sorgfalt behandelt. Zweisilbige Senkungen werden gar
nicht geduldet, wohl aber gestattet der Dichter sich unter gewissen
Bedingungen Kürzungen, die die Zweisilbigkeit vermeiden.
Durch Apokope werden gekürzt 1. Substantiva; starke masc. und
neutr. im Dativ, singul. ; mit bühurt wart 14, 1 sagen wohl alle Dichter.
laut steht als Dativ oft im Reime, im Verse 1435, 4. Ebenso mit Un-
gemach genesen 287, 4. in dem strit gelungen 511, 4. in einem kiel bi
Fruoten 1183, 3. sit duz bi Krist gebiutest 1179, 4; noch stärker in dinem
dienst 243, 4. Ob aber erlaubt ist, auch beim Eigennamen Ger dem
riehen künige 2, 1 bezweifle ich ; ich habe geschrieben Gtre dem riehen
knuige mit schwebender Betonung im Anfang des Verses Gere. Im Plural
60
KARL BARTSCH
gekürzt wird friunt 1357, 4. 1384, 4- Im Gen plur. steht lernt als
1 fei in 21, 3.
Pronomina. Unbedenklich werden die Formen mine, dine, sine,
eine auch vor üonsonanten verkürzt, min bärge 661, 3. min triuwe
1281, 4. mihfrouwen 1434, 3. diu bärge 816, 2. din Liebe 401, 3. diu mdge
1015, 4. auch din vuvre statt dwww mcere 1290, 2. sm wiogre 8, 4. 18, 4.
1675, 1. sin site 329, 2. sin tohter 560, 3. auch sin lant statt s«u /cmi
731, 4. ein spise 250, 1. ein veste 719, 3. ein meisterinne 1223, 3. <?m
hätten 1662, 2. <?m wu 1588, 4. Ich reihe hier auch gleich die syn-
copierten Formen an: »uns gemaches 246, 4. mins herren 396, 4. suis
willen 626, 4. ««js guoten loillen 769, 4. «ms landes 792, 2. ö'?ms herzen
1440, 4. «ms äbermuotes 1596, 3. «eres ta^es 631, 2. eins färsten 1008, 1 ;
daher auch Ortwins 1426, 1 erlaubt sein wird. Im Dativ ist mim nur
am Anlange nachweislich mim sune 1364, 3, und nach der Cäsur, was
dem Anfange gleich steht, sim vater 178, 1 ; ebenso z'eim eltchen leibe
1043, 3.
Besonders zu betrachten sind die Wörter geselle und gesinde, weil
vor ihnen auch stärkere Syncope des Possess. eintritt. Daher nicht
nur sin gesellen statt sine 219, 2. 443, 3, sondern auch sin statt sinen
gesellen 876, 2. sim gesinde 454, 2. 826, 3, 1135, 2. mim gesinde 1054, 3.
Das Demonstr. dirre hat im Neutr. die zweisilbige Form ditze,
nicht ditz. Vgl. ditze starke vuvre 428, 1; und 148, 1. 523,3. 1249,3.
ditz gcwant 1267, 2 wäre daher wohl besser ditze gwant zu schreiben
(s. S. 63). Zu bessern waren 879, 1. 1061, 1.
Das Indifinitivum dehein erfahrt vorn eine Kürzung in der Form
kein, die neben der unzweifelhaft zweisilbigen durch folgende Stellen
belegt ist 244, 4. 300, 3. 770, 4. 1054, 4. 1183, 4. 1457, 4. 1486, 4,
1676, 2. 1698, 4. Unerlaubt ist al zit 1051, 4 statt alle zit.
Adverbia verlieren nur durch Fehler der Hs. ihr e; unrichtig ist
also vil litt man da vernam 49, 1, sondern da ist zu tilgen. Ebenso
waren liht 555, 3 reht 1018, 3 nicht zu dulden.
Von zweisilbigen Präpositionen wird gekürzt äne, an michel un-
gemüete 1699, 4, wo auch äne stehen könnte; aber auch in letzter Sen-
kung an not 959, 1, und vielleicht auch 146, 1, wenn man nicht, wie
ich gethan , mich streicht. Der gleiche Anlaut n erleichtert die Apo-
kope. Sodann umbe in umb oder um, ümb froun Süden 225, 3. ümb
sie striten 252, 2; ümb dich 1481, 4; auch in vorletzter Hebung: ümb
duz kint 659, 1. In der Senkung: umb Ilägenen 252, 2. umb dise 1010, 1.
Conjunctionen. Von Conjunctionen daune in dann oder dan 964, 4.
1223, 2. 1247, 4. 1514, 4. wände, das auch vorkommt, in ivant oder
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 61
wan, 9, 4. 137, 2. 137, 4. 277, 4. 310, 4. 318, 4. 344, 2. 364, 3. 710, 4.
1024, 4. 1027, 2 etc. unze (auch als Präposition) in um, in der He-
bung unz sie 277, 3. 647, 4. 1106, 4. ünz mir 997, 3; in der Senkung
unz ddz 290, 3. unz man 543, 3. 1609, 2. rcrcz imr- 839, 4. unz morgen
1270, 2. unz daz 1594, 4.
Am meisten zu beachten sind die Verba, namentlich die Abwer-
fung des e im Präteritum schwacher Verba. Allgemein wird das e ab-
geworfen, wenn ein mit einem d beginnendes Wort folgt. Demnach
habt' der 70, 4. kort die 92, 4. zürnt der 144, 4. hört der 373, 1. hört da
895, 1. hört diu 589, 3. hört den 649, 1. 927, 3. rcirco£ c/ae 106, 3. wolt
diu 125, 3. ?t>oft dö 903, 1. ■wo/f/f der 150, 2. vo/<^ de.? 1607, 1. sagt die
172, 4. sagt daz 391, 3. saai den 406, 4. saa« der 1358, 2. wer^ daz
290, 3. lobt der 338, 1. lobt diu 561, 1. »wö/d den 861, 4. mtfA* daz
941, 1. mäht der 1018, 4. moÄ/ am 442, 4. mohi den 706, 4. 783, 2.
wo/i« der 875, 1. buozt der 472, 4. rwo/Z dö 488, 1. 858, 1. 1431, 1.
1489, 2. 1490, 2. beweint diu 504, 4, M?a#e£ de?- 515, 1. verendet der
669, 4. soft daz 741, 4. mm»?£ dm 766, 4. /raa£ dirc 767, 4. rumt daz
799, 2. /ft diu 802, 2. Haa/e^ dr? 901, 4. £%e« dm 1262, 1. kust des
977, 4. kust diu 1584, 1. mao.s^ den 1008, 2. grceft dö 1057, 4. Anders
ist rwo/i trüreclichen 521, 1, weil hier ruo/t in der Senkung steht.
die da sant dm meit 690, 1 könnte auch heißen die da sdnde diu meit.
Zweifelhafter scheint es, wenn d die stehende Form im Präteritum ist,
wie in begunde, künde, daher wohl kaum begund dem 748, 4, sondern
began dem; kund des 1444, 3, besser kundes.
Der zweite Fall, wo e allgemein abgeworfen wird, ist bei nach-
folgendem Pron. person. So bei sie: düht sie 644, 4. redet siu 658, 4.
gdlit siu 1361, 3. sich: wert sich 516, 2. 1427, 4. iväfent sich 1377, 1.
fuogt sich 1666, 3. Am häufigsten bei man: muost man 38, 2. hört man
53, 1. 166, 4. 201, 4. 496, 1. 526, 2. 1117, 4. 1401, 4. 1466, 4. 1572, 2,
einmal auch hört man betont 915, 1. bräht man 114, 1. 692,4. 933, 1;
auch bräht man 1236, 3. lobt man 342, 4. 578, 4. sagt man 489, 1.
709, 4. 773, 3. dient man 621, 3. vestent man 665, 1. suocht man 1299, 2.
«oft wan 1585, 4. wt/ti! rciarc 1666, 4.
Wenn bei der 1. Pers. plural. das n vor folgendem wir abge-
worfen wird, darf das vor dem rc stehende e nicht wegfallen; also
nicht hört wir, sondern hörte wir 233, 3; ebenso fehlerhaft ist schied
wir 488, 4. laz wir 1514, 4.
Präterita in ete, deren erstes e wegen des harten Zusammenstoßes
von Consonanten nicht unterdrückt zu werden pflegt, dürfen das letzte
e abwerfen, ohne Rücksicht darauf, ob ein Vocal oder Consonant folgt.
62 KARL BARTSCH
Also leidet bi 24, 3 statt leidete^ wenn man nicht leite schreibt, liebet lt
24, 3, und wohl auch geliebet, sich 655, 2. endet sich 663, 1. verendet
sich 114, 4. 663, 4. endet in der Cäsur 66, 4; ebenso sich verendet 379, 1.
Daß der Dichter endete, nicht ande brauchte, geht aus 663, 4 hervor, wo
er sonst den Misslaut vermieden haben würde, trouicet mit 511, 1. trouwet
niht 681, 2. 921, 4. 1270, 3. trouwet wol 1230, 4; doch wäre auch troute
erlaubt, wie hauten 873, 1. fremdet, sich 611, 4. minnet in der Cäsur
1638, 2; vgl. dagegen minnt 766, 4. salwet gnoter 1669, 3. nähent zuo
1074, 1. bidemet von (oder bidemte) 1216, 3. xoundet Höranden (oder
ivunde) 1424, 1. kleidet man 1610, 3. Auch wundert waz 1475, 2.
Ein paarmal wird, wie es scheint, sagte auch außer den erwähn-
ten Fällen gekürzt, man saget von ir 580, 4. saget Hordnde 1693, 1;
ebenso horte, hört vil 1660, 4. 1668, 4. Dagegen ist ruo/t kaum an-
zunehmen, sondern die starke Form rief, vgl. 1139, 1. 1263, 2. Ob
mähte vor Consonanten in mäht gekürzt wird, ist zweifelhaft; nach
Fällen wie mäht gesin Nib. 6 (vgl. oben) , wo die andern Hss. mähte
sin lesen, ist auch mäht geniezen Kudr. 3, 4; mäht gefrouiven 198, 4.
326, 3; mäht gescheiden 649, 3; mäht geslrtten 1445, 3 nicht als rich-
tig zu betrachten. Noch weniger mäht sin 367, 3. mäht wohl 869, 4.
Ebenso ist falsch im dient wazzer unde lant als zweite Vershälfte 208, 1.
er brdht zwei hundert degene 271, 2. beweint vil dicke 1094, 1. fuart wol
1400, 2.
Von andern Verbalformen als schw. präter. bemerke ich wa're,
das vor jedem Consonanten in weer verkürzt wird, aber nur in der
Hebung; weer daz 370, 2. 1453, 2. weer si 590, 2. weer diu 657, 1.
weer der 886, 3. wair gevangen 806, 4. 811, 2. weer zergangen 1476, 3.
Ebenso v:cen, ween der 606, 4. 1237, 4. ivcen siz 744, 4, ween si 870, 4.
zeee/i dar 1195, 3. ween mir 1323, 4. ween die 1365, 4. 1701, 4. tecen
des 1680, 4. wasrc nach 1692, 4.
Endlich föne in der Formel lön dir got 1311, 1. 1703, 4. Im
flectierten Infinitiv wird das e abgeworfen in ze sagen statt ze sagene
(: tagen) 286, 1; vgl. in der Cäsur müelich ist ze liden 83, 2. Aber
nur als Ausnahme; dagegen ze lebene verdriezen 209, 4 etc.
Falsch ist rät dir 149, 2. geeb dir 1290, 2. heer waz 422, 1.
Ebenso in Nomin. Hetel statt Iletele 871, 1. ziven. 471, 3. 772, 2.
Die Unterdrückung eines « im Inlaut durch Syncope ist verhältniss-
mäßig selten. Unbedenklich ist mins, dins, sins, eins, mim eim (S. 60);
ebenso zehn in ahtzehn tagen 37, 1 als Versschluß ; fragte 27, 1. volgte,
vlegte 1017, 2. #a/if<? 462, 1. 464, 4 u. s. w. ir tcelt statt ir wellet, was
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KÜDRUN. 63
daneben vorkommt, 78, 2. 652, 4, sogar weit ir 774, 4, wenn es auch
nicht im Reime erscheint, wie in den Nibelungen. Dagegen icellen wird
nicht in wein gekürzt, fehlerhaft steht wein 1369, 3. 1551, 1. dienest
wird zu dienst 243, 4. 1046, 1. dieneste zu dienste 79, 2. 248, 2. 382, 4;
neben den volleren Formen dienest in der Cäsur 225, 4. dieneste 83, 4.
Sehr häufig ist Ludwiges statt Ludeiviges, aber nur am Anfang des
Verses, und nach der Cäsnr, 855, 3. 899, 3. 1394, 3. Ähnlich ist
Hiltburge statt Hildebvrge 1680, 2, ebenfalls am Anfang. Der Laut en
wird ausgeworfen im Partie, diende statt dienende 1487, 2, was allgemein
mhd. ist.
Vereinzelt stehen wärt mir 1509, 4, was vermieden werden könnte,
wenn man ungneedie schriebe, und sahn an im 23, 4 nach der Cäsur,
wo also auch schwebende Betonung eintreten kann, sähen an im. Mit-
hin von derartigen Kürzungen kein sicheres Beispiel, denn sahn in
137, 4 war durch Umstellung in sähen leicht gebessert; ebenso gesähn
ein ander 1690, 3. Falsch ist warn 88, 2. 506, 4. 1095, 1. 1216, 4.
warn 1534, 3. fuom 667, 2. filern 739, 4. türm 688, 4; ebenso hel/t
417, 3. füert 797, 3. schafft 944, 4. sc/i<??^ 1452, 4. «mfr efer 864, 3.
Die Vorsilbe ge verliert in einigen Fällen ihr e am häufigsten vor
w, so in gnäde 259, 2, denn ra/ti genäde ist nicht wahrscheinlich. Daher
auch vil gneedeclichen 74, 2, wo man sonst vil streichen könnte, gnuoc
645, 2. 692, 2. #rcwo#e 429, 3. 1143, 2; vgl. auch 356, 2, wo man da
streichen dürfte. Nicht gewagt habe ich gnendielichen 243, 4 und lieber
die sicher bezeugte Kürzung dienst vorgezogen. Vor w in givalt 474, 2.
gwinnen 945, 4 und auch wohl gwant 1267, 2, wenn man nicht ditz
schreiben will (vgl. S. 60). 842, 2 habe ich das zweite ir gestrichen
und gewant beibehalten.
Vor l gar nicht, denn glichen 988, 4 ist durch Tilgung von icol
zu bessern. Auch he verliert seinen Vocal nicht; wolde bliben 121, 2
ist durch Umstellung zu beseitigen, ebenso sohlen bliben 851, 3, wie
V. geschrieben hat, nicht zu dulden, die Hs. hat da beleben. Die dritte
Stelle 1002, 4 äne blibe fällt durch die Tilgung von ich mit Vollmer.
Noch andere Mittel als Apokope und Syncope gibt es, um zwei-
silbige Senkungen zu vermeiden. Bei den Pronom. personal, tritt sehr
gewöhnlich Anlehnung ein. Am häufigsten bei ne, vor Vocalen: bräh-
tens im 10, 2. 82, 3. sprächens 127, 1. ttildes 253, 3. säzens 337, 1.
muostens 380, 3. getrüeges 399, 2. kustes 418, 2. brähtes 425, 1. rnmtens
455, 1. liezens 468, 4. 781, 3. ers 678, 1. soldens 796, 4. komens 897, 1.
lüärens 898, 1. klagtens 1069, 3. truogens an am Schluße des Verses
1194, 2.
64 KARL BARTSCH
Vor Consonanten: enpJiiengens minnicltche 79, 1. ers 162, 2. 575, 3.
woldes 201, 3. 560, 4. 666, 4. woldens 883, 4. so tos 1336, 2. begnndens
224, 2. begundes 1057, 3. fuortens 282, 1. 1537, 4. möAto 382, 2. 1017, 3.
möhtens 1555, 4. sta 426, 4. 984, 1. wirs 1090, 2. waosms 486, 4. 562, 4.
wurdens 568, 4. wärens 653, 4. giengens 789, 4. sähens 854, 1. kundens
875, 4. «.»fetes 1240, 4. fundens 1274, 2.
Da die Anlehnung in diesem Falle, namentlich bei vorgehendem
Consonanten, etwas hartes hat, so habe ich sie ein paarmal durch Um-
stellung vermieden, vgl. 537, 1. 582, 2. 747, 3. 1453, 4. Dies war um
so weniger bedenklich, als die Hs. eine fehlerhafte Vorliebe für die
Inclination zeigt; so schreibt sie ganz unnöthig des wurdens beraten
104, 3 statt wurden si, ebenso Nib. 6000 sis, wo alle Hss. si si. Fehler-
haft ist geradezu ims 583, 4. 589, 4, wo der Vers im si verlangt.
es nach Consonanten: namens war 56, 3. gewannen» künde 79, 2.
michs 247, 2; auch des, sis statt sie des 1504, 2.
im, erm statt er im 216, 4. irm 1124, 4. in: enphiengenn 96, I.
ern 453, 2.
ez, muostenz 104, 4. hunnenz 286, 1. teildenz 708, 3. s«/te 1345, 4.
twVc 148, 3. manz 202, 4. Unnöthig ma«,: statt man ez 700, 4.
Der Artikel wird in verkürzter Form präßgiert, shüniges statt des
küniges 821, 2. 884, 1. 1084, 2. cfo: d'andern 824,3. 1474, 3. 1660, 4.
d'mfe 1463, 2.
In dem ersten und letzten der hier aufgeführten Fälle findet Eli-
sion statt; diese ist natürlich ein ebenso häufiges Mittel zur Entfernung
zweisilbiger Senkungen. Die Elision auf der Hebung gewährt keine
Schwierigkeit; ich bemerke nur die Elision von u in dny des soltu uns
helfen biten 423, 1. In der Senkung werden zweisilbige Worte mit
erster Länge in der Regel nur im Auftakt zur Elision verwendet: laeg
dl daz Hut tot 62, 3. an angest 283, 1. fuort ir 698, 2. trouw ich 998, 3.
999, 3. wolt er 1226, 4. 1472, 4. 1558, 4. wird ich 1284, 2. 1285, 4.
ditz ist 1480, 1. froice ez 1605, 1. In der Mitte des Verses nur an
alle sorge 408, 4. muos in 209, 4. stüend ir gedinge 1673, 3, wenn man
nicht schreibt dar stüende ir gedinge. Bei vorletzter Kürze dar bl sih ich
hern Fruoten 1370, 2. Auffallend ist die Elision bei dem Namen, Wate
und der küene Fruote 1544, 4.
Dreisilbige Wörter, deren drittletzte Silbe läng und hochtonig,
die mittlere lang und tieftonig ist, die letzte auf ein unbetontes e aus-
lautet, elidieren vor einem vocalisch anlautenden Worte dies e. bi
vdlande aller künige 516, 1. die baniere allenthalben 830, 1*). wie un gerne
*) In dem Fremdworte wird die erste Silbe als lang betrachtet
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN, 65
ich dich kuste 978, 4. waschende fif dem sande 1060, 4. dntwurie ir 1185, 1.
Herwige und 1493, 4. diu triutinne Ortivines 1703, 1.
Dem Beispiele 1544, 4 wo Wate elidiert, steht gegenüber der
Fall, daß ein zweisilbiges Wort mit vorletzter Kürze und schließendem
e vor folgendem Vocale dies e nicht ausstößt, sondern daß dasselbe
die Senkung bildet; der Art ist Wate ünde Hagene 513, 3, wie Nib.
2027, 4 fride ünde süone. Nach der Hs. wäre zu lesen Wate und ouch
Hagene, was aber nicht Wate und oüch Hagene betont werden darf.
Beide Stellen 513, 3 und 1544, 4 sind sicher gleich zu behandeln;
entweder ist der küene, wie Vollmer thut, an letzterer Stelle zu strei-
chen, oder an der ersten fehlt ein Adjectiv, etwa Wate und der wilde
Hagene oder Wate der aide und Hagene. Erlaubt wäre züge äne vorhte
635, 2; fehlerhaft ime und 773, 4.
Alle zweisilbigen Senkungen, die in den genannten Fällen nicht
inbegriffen sind, beruhen auf Fehlern. Der bei andern Dichtern ge-
stattete (aber immerhin viel mehr, als man gewöhnlich annimmt, be-
schränkte) Gebrauch , daß vor he, ge, ze, ver noch eine auf unbetontes
e auslautende Silbe in der Senkung stehen darf, ist für die Kudrun
nicht zuzugeben. Also nicht die Hute begunden 53, 2. sere letrouc als
Versschluß 71, 2. die vinde begundenz rüeren 701, 2, wo erst der In-
reirn des Überarbeiters den Fehler veranlasst hat. Ebenso ist fehler-
haft ungemache genesen 287, 4. müeze gewern 409, 2. harte gcioerren 611,4.
sa'he gebären 678, 1. mohte genüegen 753, 4. bürge gebrochen 823, 1.
slahte gedingen 852, 3. slahte gebresten 1106, 4. herte gemuot 1002, 2.
ivelle gesigen 1349, 1. Ferner bei ze, mcere ze 574, 4. beide ze 753, 4,
so wie bei ver, schumphentiure verlän 646, 2. Keime verläzen 693, 4.
Auch kein geschwächtes dez statt daz, vil dicke dez schiene wdfen 361, 3.
gräve und herre, die schon im 13. Jahrhundert in der Aussprache
zu gräf und herr verkürzt und so im Verse gebraucht wurden (vgl.
Strickers Karl S. LXXXIX), behalten ihre volle Form, der gräve von
Garadie 116, 4. 117, 2 ist daher fehlerhaft und beidemal uz statt von
zu lesen, wie auch 242, 4 Fruote uz Tenemarke statt F. von T. Fehler-
haft ist auch der herre von Ormanine 1469, 3, lies da her von Ormanine.
Harte Syncopen sind nicht erlaubt, natürlich am wenigsten bei
consonantischem Anlaut des folgenden Wortes, mohten die 557, 2.
wurdn der 791, 4. strits geschähe 281, 3; aber auch nicht vor Vocalen:
trinkn und 80, 2. wurzn und 82, 1. icizt ir daz am Schluße des Verses
118, 2. komn in 135, 2. vorhtn in 137, 4. truogn an 181, 1. fürhtu ob 317,2.
gewe.rtn in 320, 1. mohtn entwichen 513, 4. schuofn in 527, 2. komn in 781,4.
morgn an: 1041, 3. Irrig ist daher was Miillonhofr' S. 114 fg. behauptet,
GEKMANlA X. 5
66 KARL BARTSCH
Wörter mit iw oder cw im Stamme dürfen diese Silbe nicht mit
der folgenden verschleifen; unerlaubt ist daher die frowen erbiten haue
329, 4, sondern es muß heißen frouwen biten, ebenso froice, durch dinen
willen 402, 4, was am Anfange noch erträglich wäre, ich habe lieber
umgestellt. Falsch ist auch da schowet er fiizicliche 1144, 3, wo scho-
wet an Stelle des älteren Ausdruckes warte getreten ist (vgl. oben).
Vollmer schreibt unwahrscheinlich schonte; wenn auch boute troute nicht
unglaublich, so ist doch schoute eine ganz junge Form. Auch das von
Haupt vorgeschlagene in zowet es harte kleine 1454, 3 war aus diesem
Grunde zu verwerfen; ebenso wenig ist zu billigen mit rehten triwen
gelöne 1586, 4. Anders verhält es sich mit freioen in des frewent sich
nxine sinne 561, 3; eio ist eine wirkliche Kürze und wird daher im
stumpfen Reime verwendet, was bei iw , oiv nicht der Fall ist. Übri-
gens könnte man auch freunt oder min schreiben.
Von den bisherigen Beschränkungen ist der Auftakt ausgenom-
men, dem mehr als e'ine Silbe gestattet ist. Aber auch nicht mehr
als zwei; kein dreisilbiger begegnet, in dem ganzen Gedichte. Wir
unterscheiden den Auftakt am Beginn des Verses und den nach der
Cäsur. Kaum darf als zweisilbiger Auftakt die Verschleifung zweier
Silben betrachtet werden, wie so er 3, 4. ja erstent 5, 3. do erloubte
43, 1. do erkande 144, 3. si ervant 153, 4. so ist 1297, 3 u. s. w.
Wirklich zweisilbigen Auftakt bilden die Fälle, wo den Vorsilben
be, ge, er, ex, ver noch eine Silbe im Auftakt vorangeht. So si begünde
22, 2; und ebenso geht si vorher 82, 1. 646, 3. 670, 4. 745, 1. 891, 3.
1118, 3. 1556, 4. 1658, 4. 1665, 3. 1690, 4. ez be bildet den Auftakt
59, 1. 198, 2, und ebenso zu be die Worte des 102, 4. 1704, 1. do
•116, 1. 189, 2. 265, 2. 668, 1. 1082, 3. 1466, 3. 1541, 1. er 166, 3.
748, 4. 778, 1. der 1538, 1. wir 317, 1. man 603, 4. 1541, 3. tool 178, 1.
noch 203, 1. Ebenso häufig steht ge als zweite Silbe des Auftaktes.
do geioan 101, 4. daz gedähte 103, 2, und daz noch 803, 4. 1134, 1.
1410, 2. er geht voraus 112, 4. 611, 1. 1234, 4. 1441, 1; ferner so
131, 3. 1192, 4. des 217, 4. 665, 4. 1078, 3. der 254, 3. 608, 4. si 263, 4.
940, 4. 963, 4. 1163, 4. 1200, 4. 1554, 4. 1318, 3. nu 643, 2. 1341, 3.
die 1456, 4. ir 1563, 3. 1691, 1. ich 407, 3. 475, 4. 1172, 3. 1345, 2.
ja 1045, 4. und 1479, 3. wie 561, 4. 815, 4. ein 392, 1. man 785, 2.
1393, 4. Vielleicht auch swer 615, 2.
Seltener die übrigen: er nach ez 373, 4. im 416, 3. ic/t 1295, 1.
ir 1365, 3.
en nach ic/j 34, 4. er 557, 3. 624, 3. den 574, 2.
BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 67
ver nach do 92, 4. 895, 2. 1134, 2. und 93, 3. er 579, 1. 1171, 4.
si 857, 4. 1474, 1. die 1148, 3. so 1159, 4. ?> 1276, 2.
ze als zweite Silbe wohl kein einziges Mal, denn für da ze Gioers
1128, 4 kann man auch die sonst übliche Schreibweise datz wählen.
Der Artikel steht als zweite Silbe des Auftaktes : in den wehsten
22, 1. in den segelen 853, 4. in die gruntlosen 1127, 3. do die ersten 781, 4.
von der Iure 1118, 4.
Personalpronomina als zweite Silbe: si nach daz 252, 3. 750, 4.
1133, 4. nach e 902, 4. nach so 1265, 4. er nach daz 411, 2. 669, 3.
Partikeln als zweite Silbe: mit so 372, 3, wenn man nicht betont
mit so herlicher stimme, die mit strübendem häre 1299, 3.
Ein zweisilbiges Wort bildet den Auftakt; die Fälle sind selten,
am leichtesten , wenn die vorletzte Silbe kurz ist und ein vocalisch
anlautendes Wort auf das consonantisch schließende folgt: über allez
1207 ^ 4, zu lesen übrallez. Aber auch bei folgendem Consonanten:
wider morgen 385, 3. iwer vdter (oder iur) 396, 3; vgl. 831, 4. 893, 2.
oder danne (oder od) 578, 3.
Die vorletzte Silbe ist lang; auch hier ist der Fall leichter bei
vocalischem Anlaut des nächsten Wortes; so wider einem 26, 3, zu
lesen undreinem; ebenso 479, I. under allem 1154, 4. Bei consonan-
tischem Anlaut: guoten morgen 1220, 4.
Den Auftakt bilden die beiden ersten Silben eines zusammen-
gesetzten Wortes, willekomen 1575, 4. 1577, 3-
Beseitigt habe ich diner 817, 2. sinen 885, 1.
Der schwerste Fall ist der, wenn die zweite Silbe ein einsilbiges
Wort von höherem Gewichte als die erste bildet, namentlich wenn sie
ein Verbum ist. Der Fall begegnet zweimal bei hetn: ich hän 1001, 4.
nu hän 1250, 4. Zu ändern war man sachs (Hs. man sach si/) laufen
ünde springen 813, 4.
Dieselben Fälle finden wir auch im Auftakte der zweiten Vers-
hälfte, nach der Cäsur, aber im Ganzen seltener. Erleichtert wird der
Auftakt und ist kaum als zweisilbig zu betrachten , wenn die Cäsur
vocalisch schließt, die zweite Hälfte vocalisch beginnt, meist mit einem
einsilbigen Worte, das dann gewissermaßen noch zur ersten Hälfte
gezogen werden muß, wie 2, 2 dienden vil der bürge, er het siben färsten
lant, als wenn man läse bürg1 -er \ het, nur daß man dann keine Pause
machen darf; die Pause besteht nur darin, daß der Ton um eine Mora
länger auf bür verweilt. Ebenso der grt/e lie sich nidere \ und besloz
daz kindelin 58, 1, zu lesen nider und \ besloz. Vgl. Lachmann z. Nib.
319, 1. 588, 2. 1692, 3. Ferner Kudr. 91, 3. 235, 3. 239, 2. 280, 2.
68 KARL BARTSCH
399, 2. 436, 2. 446, 3. 641, 1. 668, 4. 872, 2. 911, 3. 943, 3. 1043, 4.
1238, 4. 1364, 3. 1394, 3. 1465, 2. 1555, 3. 1573, 3. 1677, 2.
480, 1 findet bei solcher Verschleifung zugleich veränderte Be-
tonung des nächsten Wortes statt
Irölt von Nortriche und ! Morünc von Friesenlant.
Gebessert habe ich 23, 1, indem ich vil, 45, 1, indem ich ez tilgte.
Aber auch wenn die zweite Hälfte mit einem zweisilbigen Worte
beginnt, findet solche Verschleifung statt: zwar 1321, 3 mine \ über allez
kann auch übrallez gelesen werden, aber 1298, 3 gehört hierher sioä so
•man sie vinde \ under Gerlinde iviben; es muß gelesen werden vind-un |
der. Dieses zweiten Falles, der auch in den Nib. häufig genug ist, ge-
denkt Lachmann an den erwähnten Stellen nicht.
Nicht immer jedoch schließt die erste Hälfte vocalisch, lautet die
zweite vocalisch an. Manche Stellen zweisilbigen Auftaktes nach der
Cäsnr sind zu berichtigen: 11,2. habe ich beide gestrichen; 13,4 ebenso
künic vil; 56, 1 umgestellt; 114, 2 mit in gestrichen, 451, 2 ez, 467, 2
vil. Vgl. noch 580, 3. 715, 4. 788, 2. 808, 2. 820, 1. 1116, 1. 1332, 2.
Ferner findet häufig Verschleifung der beiden ersten Silben in
eine statt, do en- 153, 4. so en- 404, 1. so er- 1241, 4. zwiu er- 964, 1;
aber auch die ir 283, 3. die er 407, 3. 517, 1. die in 896, 2. swie ich
1063, 1. die uns 81, 3. mir ist habe ich mirst geschrieben, 219, 1. 421, 1.
457, 2.
Die übrigen Fälle ordnen wir wie vorher. 1. Es stehen die Vor-
silben be, ge, er, en, ver, ze als zweite Silbe, be nach si, si bereiten sich
265, 4. si begunden 1528, 4; nach ze 286, 4. nach mich 837, 3. ja 1558, 4.
ge nach die 293, 4. 447, 1. 1133, 1. nach ja 456, 4. 726, 4. 1282, 1.
nach des 708, 4. nach in 830, 1. 890, 3. nach so 837, 4. 1267, 4. nach
daz 914, 2. nach si 1047, 2. nach er 1050, 3. Nach wie 77, 1. nach
toan 89, 1.
en nach man : man ensloz 764, 3. er nach der : der erarnde den solt
392, 1. nach man: man erhande 564, 4. ver nach si: si versahen sich
467, 4. si versuochtenz 829, 3. Ziemlich auffallend steht ge nach wart:
wart gegrüezet über al 486 , 1 , wenn nicht wart zur ersten Vershälfte
zu ziehen ist.
Der Artikel bildet die zweite Silbe: der nach nach 191, 2. nach
von 293, 1. dem nach von 589, 3. nach mit 528, 1. des nach ze 685, 4.
diu nach als 505, 1. sprach der degen Irolt 492, 1 ist ungewöhnlich
schwer; sprach ist wohl zur ersten Hälfte zu ziehen, wie 231, 1 um-
gekehrt zur zweiten.
Andere Pronomina: ob in 281, 3. so si 751 , 3. 1118, 3. da si
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DEB KUDBUN. (J9
1129, 2. 1307, 2. 1321, 1. an ir 593, 3. von ir 966, 3. durch ir 562, 4.
do man 1479, 3. Am schwersten wohl sprach ir vintMchm zuo 1052, 1,
wenn man nicht betont sprach ir vintlichen zuo; vgl. 372, 3.
Partikeln : häufiger als am Beginn des Verses, mit nach die 799, 3.
nach wol 1229, 3. da nach die 531, 3. 690, 1. so nach an 555, 3. und
nach schs 1469, l ist ungewöhnlich belastet, von nach den 158, 1. nach
und 308, 2. nach <fo'e 811, 4. am schwersten nach sprach: sprach von
Tenen Horant 317, 1, denn sprach von Tenen Hördnt wird man nicht
lesen dürfen, sprach ist auch hier wohl zur ersten Hälfte zu ziehen.
Ein zweisilbiges Wort mit vorletzter kurzer steht im Auftakt.
dise 77, 2. xoider 534, 2. Mit vorletzter langer: under rotem golde 1308, 1.
under heim 1445, 1. unser tohter juncfrouwen 562, 3. Die beiden Silben
gehören einem Compositum an: unbeschölden 965y 1.
Die zweite Silbe ist ein einsilbiges schweres Wort: und min frowe
iwer wip 437, 1, wo man aber auch iur lesen kann.
Der Belastung von Senkungen steht die Auslassung derselben
gegenüber. Bei Wörtern, die ursprünglich zweisilbig waren und auch
in Hss. des 12., 13. Jhs. noch so geschrieben werden, darf die fol-
gende Senkung fehlen, wenn sie nach logischer Betonung gleiche oder
stärkere Tonhöhe wie die folgende Hebung haben. So ist unbedenklich
die Halbzeile wite dar tragen 38, 2. hiez man dar gän 307, 2. holde her
bringen 820, 3. Horant her komen 1180, 2, weil hier die Wörtchen dar her
höheren Ton als die Verba haben. Schwerlich aber ist richtig morgen
vil fruo 1185, 2, weil vil entschieden geringeren Ton hat als fruo.
Halbzeilen mit Auslassung aller Hebungen sind sprach Horant 228, 1,
wenn nicht sprach von Tenen Horant, wie 317, 1 steht, zwei/ soumaire
595, 3, wo aber auch zwelef denkbar wäre.
Besondere Beachtung erfordert die erste Hebung, wenn sie ohne
vorausgehenden Auftakt und ohne folgende Senkung steht. Erforder-
lich ist, daß die Tonhöhe des einsilbigen Wortes, das die erste He-
bung bildet, die der folgenden Hebung übertrifft. Dieser Fall ist häufig,
namentlich wenn und die zweite Hebung bildet, man ünde mäge 4, 3.
heim linde ringe 25, 3. schaz und gewant 34, 2. 592, 2. hoch unde starc
65, 2, wenn man michel streicht, friunt und geselle 123, 2, wenn nicht
friwent ya\ lesen. Vgl. noch man 127,2. 1448, 2. 1501, 3. wip 151, 1.
917, 2. 973, 1. gm 156, 2. Hut 347, 1. guot 347, 2. ros 350, 2. 1560, 2.
lieht 392, 3. galt 433, 3. 571, 3. heim 460, 2. Und 573, 4. 746, 2. lip
591, 2. 1557, 2. dort 785, 1. 876, 1. warf 790, 1. starc 946, 2. liep
966, 2. 1186, 3. 1208, 2. 1251, 2. 1586, 2. naht 1053, 2. fruo 1191,3,
70 KARL BARTSCH
wo man auch f/üeje schreiben darf, trost 1270, 2. bot 1383, 2. wit 1536, 1,
Auch er und nun frouwe ist ganz richtig, 423, 3.
Derselbe Fall bei oder: heim oder brunne 233, 2. icip oder kint 346,3.
Die zweite Hebung ist eine Präposition: heim mit im tragen 103, 2.
vor dn 143, 4. sin in 152, 1. rot von 1326, 4. m'< iif 1592, 1. s^£ wwe/er
1642, 3.
Ein Pronomen: pris er gewan 1023, 2. w»Z< du mich fragen 1169, 3
(die Betonung wüt du mich fragen ist falsch, wiewohl es genug Gelehrte
gibt, die so lesen), hüop er sich dar 1510, 2. Zweifelhaft kann sein
bi in da Olren 728, 3. Demonstrativa und Artikel: hiez, des erschräc
763, 4. teere diu vil smeehen 1011, 1. sün, ddz ist war 1017, 1.
Die erste Hebung ist ein Zahlwort, hauptsächlich begegnet zwelf,
das aber zwelef meinen kann (vgl. S. 69). zwelf kastelän 303, 1. zwelf
soumeere 595, 3. zwelf bouge siccere 392, 3. dn ist als drie zu nehmen,
und so habe ich geschrieben, vgl. 568, 1. 708, 1. 854, 1. Ebenso vier
als viere, viere tage lange 1133, 3, und als vierer, vierer kilnige tohter 1666, 4.
Die erste und die zweite Hebung sind Zahlwörter: fünf hundert
recken 19, 1. fünf hundert brünne 1147, 3. driu hundert tarne 138, 4. vier
hindert manne 270, 3. Dagegen///»/ hundert frouicen kleit 86, 2. fünf
hundert der 512, 4. Nimmt man das Zahlwort als Compositum, so
rechtfertigt sich die Betonung der ersten Silbe.
Die erste und zweite Hebung stehen sich an Tonhöhe gleich,
die erste erhält nur einen besonderen Nachdruck: nie niht 112, 4; offen-
bar ist hier nie die bedeutsamere Negation, auf sie fällt der Ton. Ebenso
1393, 4 nie dlden recken. Richtig ist dar icolde bringen 1099, 3, wegen
der ursprünglichen Zweisilbigkeit von dar, die zugleich durch den logi-
schen Ton unterstützt wird, iif Kassiänen 1543, 3 ist nur richtig, wenn
man üfe schreibt, ivan, 'außer,' ursprünglich zweisilbig, steht als erste
Hebung 399, 4 wdn züo ir bürge, und 400, 2 wdn Sine gürtet ' ; ich habe
beidemal niwan geschrieben, vgl. oben, niht züo den ünden 1463, 3 wäre
wohl zu dulden, namentlich wenn man niwet schreibt, vgl. 379, 4; aber
kaum iht woeren fri 1702, 2, weil auf iht gar kein Nachdruck ruht.
Eine Menge Stellen sind zu berichtigen, so alle die von Müllenhoff
S. 115 gesammelten, die nach falschem Gesichtspunkte beurtheilt sind.
Zu dulden ist kaum waz sie da helen 297, 4, weil hier die natürliche
Betonung auf waz sie führt. Der gleiche Fall ist sio'az 448, 2. 825, 2.
Von pronom. steht falsch auch ir in ir herren zeichen 780, 3. Von Par-
tikeln in 348, 3. do 412, 2. daz 340, 3. des, deshalb, 345, 1. 357, 4.
swie 704, 4. sioa 1025, 3. vil 69, 4. al vor hie 1431, 3, weil man alhie
spricht, ach 775, 1. 778, 2, beidemal ist ach toe zu lesen, vgl. Nib. 1938, 1.
BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 71
2251, 4. Sogar ein Hilfsverbum ist untauglich, falsch also weis worden
schin 1012, 2. zoilt hie bestem 1310, 2, weil der Ton auf hie ruht.
Dem Versschluße ist in der Kudrun wie in guten gleichzeitigen
Gedichten sorgfältige Behandlung zugewendet. Bei vocalischem Anlaut
der letzten Hebung (im stumpfen Reim) findet keine Elision statt, die
vorhergehenden Schlußconsonanten sind nur allgemein erlaubte, also
über al 513, 1 etc. noch e 266, 2. 397, 2. niht abe 704, 1 u. s. w. Bei
consonantisch anlautender letzter Hebung stehen in der letzten Sen-
kung verkürzt, ohne Bedenken die ursprünglich zweisilbigen Flexions-
formen, wie smer kraft 61, 2 etc., die Artikelformen der, und dem, üf
dem se 116, 1. 800, 3. 1074, 1. 1207, 1. 1359, 1. in dem nur 1141, 2.
Die adjeet. Endung em nicht nur, wenn ein m darauf folgt, zeinem man
664, 2. 770, 1. manigem man 856, 2, sondern auch vor andern Con-
sonanten, wenn auch selten, einem her 1073, 2. einigem sporn 1391, 2.
in hochvertem sit 722, 2, wogegen Müllenhoff S. 71 nur Unhaltbares
einwendet.
Ferner stehen in letzter Senkung mehrere einsilbige Wörter, die
ursprünglich zweisilbig waren; namentlich häufig im und ir. diu behaget
im iool 8, 1. bi im swert 19, 1. wart im naz 62, 1. zuo im gie 102, 3-
mit im tragen 103, 2. mit im nemen 175, 1. Vgl noch 209, 1- 233, 1.
461, 1. 284, 1. 609, 2. 610, 1. 665, 2. 1024, 1. 1087, 1. 1493, 2. ir:
ir hant 21, 4. 1162, 1. ir kraft 105, 1. ir muot 33F, 1. ir haz 701, 2.
773, 2. ir schar 777, 1. ir wät 1347, 2. ir man 1534, 1. ir lant 1593, 1.
Außerdem vil: vil roe 108, 4. 579, 2. 1074, 2. vil guot 439, 2. vil
zorn 584, 1. vil naz 883, 2. oi7 603 1581, 2. wol: vil wol sin 483, 2.
tüoZ </cm 770, 2. wol sin 1367, 2. — dar, wenn es einen schwächern
Ton als die letzte Hebung hat und in der geschwächt werden kann:
dar zuo 267, 2. 691, 1. 1106, 1. 1621, 2. 1625, 1. dar vor 695, 2. 782, 1.
791, 2. — hin, hin dein 2379, 3. — und, stolz und guot 115, 2. gerne
und ivol 240, 2. bürge und laut 1008, 1. Auch hoch und starc 65, 2,
wenn man michel beibehält. Gebessert habe ich 127, 2. 333, 2.
an nur vor n, an not 959, 1, vielleicht auch 146, 1, vgl. oben. — oder
in od, od wol 1157, 4. od we 1203, 2.
Die natürliche Wortbetonung wird in der Kudrun aus metrischen
Rücksichten nicht selten verändert, namentlich findet Zurückziehen des
Tones in dreisilbigen Wörtern mit erster hochtoniger auf die zweite
Silbe statt. Am häufigsten bei un, unmeere 29, 4. 1035, 2. 1517, 4.
unschülelic 131, 1. unmüezic 180, 4. 264, 2. 785, 1. 1347, 1. 1515, 4.
unnahen 283, 4. 1262, 4. unbillich 636, 2. wn«V%e 647, 4. untüre 790, 2.
unsanfte 923, 3. 1196, 2. «werre 1140, 4. 1420, 4. unmäzen 1361, 4.
72 KARL BARTSCH
undäre 1383, 4. ungerne 1418, 4. unkünde 1575, 3. Seltener bei ?«■, ur-
löubes 694, 1. urliuges 833, 3. Bei föcAe, etliche am Anfang 985, 4;
ebenso sinnliche 1006, 1. heimliche 1322, 2 nach der Cäsur. In der Mitte
des Verses rilichen 1422, 2; vielleicht auch heilicher 372, 3. vintlichai
1052, 1.
In andern Zusammensetzungen: herbergen nach der Cäsur 174, 1,
ebenso antworten 1167, 1. Dagegen mitten im Verse herberge 724, 4.
eilende 845, 2. driuzehen 1090, 2.
Bei Eigennamen: am Anfange des Verses holden 274,2. 310,2.
1515, 3. 1577, 1. Hartmuote 621, 3. Ludiciges 1394, 3. Ortwines 1407, 2.
Nach der Cäsur: Harmuote 606, 4. 622, 3. Harlmuotes 825, 4.
Herwige 699, 1. 701, 4. 1332, 1. Lucheigen 855, 3. 899, 3. Ludwiges
1267, 3.
In der Mitte des Verses nur Hordnde 1084, 1. Hartmuote 1254, 2.
Die mittlere Silbe ist nur eine Flexionssilbe : so in fliegende niht
entrinnen 97, 3 nach der Cäsur, wo also wohl schwebende Betonung
eintritt.
Dreisilbige Wörter mit erster Länge betonen ausnahmsweise die
erste und dritte Silbe, deiz äbenden hegan 1665, 1. von Hirtmuotes und
sincr recken handen 1451, 4. dö ruoweCen die miieden 1594, 1. Vgl. mit
bdnieren sie fuoren 1658, 3.
Zweisilbige Wörter werden zuweilen auf der letzten betont, haupt-
sächlich Namen. Am Anfang des Verses Irolt 273, 1. 480, 1. 565, 1.
831, 1. Hordnt 301, 4. 537, 1. 564, 2. 696, 4. 1497, 1. Ludwtc 743, 1.
751, 1. Harimüot 851, 2. 9S2, 2. 1559, 3. Küdrun 852, 2. 1448, 4.
Ortrun 983, 1. Ortivin 1252, 1. Nach der Cäsur Hordnt 272, 1. Hart-
muot 609, 4. 1468, 4. Herioic 617, 3. Morünc 1415, 3.
Andere Wörter: imbiz am Anfang 554, 1. niwdn ebenso 1194, 3.
nieman nach der Cäsur 1283, 2. also in der Mitte des Verses 775, 1.
Zweisilbige Wörter, deren zweite Silbe ein flexivisches iu enthält,
werden nur am Anfang auf der letzten Silbe betont: swelhiu 1332, 3;
vielleicht auch welhiu nach der Cäsur 1661, 3, wo ich mit V. wer ge-
schrieben habe. Die zweite Silbe kann auch e enthalten: so Hagnen
am Anfang 554, 2; ebenso kunnet ir 732, 2, wenn nicht muget, vgl.
1228, 2. swelht 1205, 1. icercle, 1159, 2. Hilde nach der Cäsur 767, 2.
inhU'r ebenso, 1518, 1. Hier tritt ein, was wir schwebende Betonung
nennen, indem natürlich der Ton nicht streng auf der unbetonten Silbe
ruhen kann, sondern zwischen beiden Silben mitten inne steht, zu be-
zeichnen etwa durch kunnet ir.
Der Bau der Strophe lehnt sich bekanntlich an die Nibelungen-
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 73
Strophe an. Wenn man schon gerechtes Bedenken tragen darf, diese
als eine allgemein volksthümliche zu bezeichnen, so wird man sicher-
lich nicht anstehen, die Kudrnnstrophe als die Erfindung eines Kunst-
dichters zn betrachten, die ihrer ganzen Anlage nach unvolksthiimlich
ist. Sie ist daher anch in andern Gedichten nicht verwendet, sondern
nur von einem andern Kunstdichter, von Wolfram, in seine Titurel-
strophe umgebildet worden (vgl. Germania 2, 263). Die Veränderung,
die der Dichter mit der Nibelungenstrophe vornahm, besteht in der
Einführung des klingenden Reimes in die dritte und vierte Zeile, und
der Verlängerung der achten Halbzeile um eine Hebung. Der klin-
gende Reim der Kudrun ist ein ganz anderer als der in den Nibelungen
hin und wieder in den beiden ersten Zeilen der Strophe vorkommende;
dieser zählt für zwei Hebungen wie die klingende Cäsur der Nibelungen-
und Kudrunstrophe, jener nur für eine. Der Gebrauch der Kudrun ist
daher ein lyrischer, kein epischer; die Lyrik des zwölften Jahrhunderts
nahm seit der Einführung französischer Formen den klingenden Reim
oft nur als eine Hebung, so namentlich in der Verbindung von acht-
und siebensilbigen Trochäen (Germania 2, 276). Die Kudrunstrophe
fällt mithin unter den Gesichtspunkt einer lyrischen Strophe, wie die
Haltung des ganzen Gedichtes lyrisch weicher ist als die der Nibe-
lungen. Daß aber die letzte Halbzeile um eine Hebung verlängert
wurde *) und nicht bloß eine Verwandlung des stumpfen in den klin-
genden Reim stattfand, ist nicht willkürlich. Bekanntlich liebt die
Poesie des zwölften Jahrhunderts am Schluße von Absätzen klingende
Reimpaare, deren letzte Zeile fünf Hebungen hat. Schreiben wir z. B.
Maria 389-392 F. in folgender Weise:
Du muost dich sundern hinnen. wirn wellen niht gewinnen
susgetanen gesellen. wir megen ouch dich zen besten niht gezellen ;
so haben wir, von der verschiedenen Reimverkettung abgesehen, den
Schluß der Kudrunstrophe. In Strophen, wo der Sinn es gestattet,
macht eine Umstellung die Gleichheit vollständig, wie 278, 3. 4
varent sorcliche. aller tegeliche
durch iwer selber ere gebet den tumben holden iwer lere.
*) In der Handschrift finden sieh oft mir drei, vier, oft aber auch sechs und
mehr Hebungen. Diese Verschiedenheiten, die auf Nächlässigkeit und Unkunde des
Schreibers beruhen, hätte man am wenigsten für die Unterscheidung von 'echten' und
'unechten' Strophen geltend machen sollen
74 KARL BARTSCH
Ein innerer Unterschied ist allerdings vorhanden, indem in der Maria
und den andern demselben Brauche folgenden Dichtungen der klingende
Keim für zwei Hebungen gilt, mithin diese Schlußzeile eigentlich sechs
Hebungen hat.
Im Übrigen ist der Bau der Kudrunstrophe ganz nach den Ge-
setzen der Nibelungenstrophe zu betrachten. Es darf daher die Cäsur
statt klingend auch stumpf mit vollen vier Hebungen ausgehen, wie 364, 2
daz er als ein begozzen brant riechen began.
Am häufigsten sind Eigennamen, Sigebant 1, 2. 26, 1. 55, 2. 139, 1.
Garade 126, 1. Ilildeburc 485, 1. 1165, 4. Tenelant 571, 4. 1549, 4.
1612, 4. 1624, 3. Ludewic 590, 1. Alzabe 667, 4. Heregart 1007, 4.
Andere Worte sind diet 48, 3. ast 71, 3. niht 121, 2. not 126, 2. /rinnt
239, 4. 531, 1. 534, 3. hat 316, 4. 1321, 4. 1586, 2. hdn 1406, 3. brant
364, 2. ki?d 414, 4. rinc 510, 4. ™ 654, 3. «pi7 858, 2. rmw 964, 4.
1626, 3. dln 1015, 4. sluoc 1016, 4. st'c 1444, 4. *or 1457, 3. was 1518, 4.
geslaht 959, 3. Dreisilbige Wörter mit dem Ton auf der ersten und
dritten Silbe, arebeit 77, 4. 247, 3. 1069, 4. 1321, 3. 1652, 4. fa'tyerm
149, 1. 932, 2. übermuot 203, 2. vingerltn 299, 4. baldekin 301, 3. »eteWm
386, 4. siWiceZ 649, 2. tow^n 990, 4. 1253, 4. magedin 1249, 4. Zwei-
silbige Wörter , meist Composita , mit dem Tiefton auf der zweiten
Silbe: merkint 109, 4. schifman 111, 1. hdchzit 190, 4. marseltale 553, 1.
Namen dieser Art: Morunc 506, 4 u. s. w. Gerlint 592, 1 u. s. w.
Ebenso Baljan 161, 1, Küdrun etc. Zwei verschleifbare Silben bilden
die vierte Hebung, und zwar 1. die beiden letzten Silben eines zu-
sammengesetzten Wortes, lüillekoihen 152, 1. 236, 2. magezogen 53, 3.
— ■ 2. ein zweisilbiges Wort, sim (sane) 161, 4. Waten 235, 4. hove
397, 4. m« (ime) 509, 1. y«Äen 637, 3. tragen 1281, 3. »m#e 1482, 2.
Gebessert habe ich mer (mere) 761, 2.
Solche Worte wie die zuletzt erwähnten können daher naturgemäß
nicht als dritte und vierte Hebung verwendet werden, können keine
weibliche Cäsur bilden; die vorkommenden Fälle beruhen sämmtlich
auf Fehlern *). Den besten Beweis dafür liefert die Wortstellung, die
in der Cäsur häufig von der gewöhnlichen abweicht, um nicht ein
zweisilbiges Wort mit kurzer Penultima in den Einschnitt zu setzen.
*) Wenn Müllenhoff tt. 115 Winter wie nemen u. s. w. als klingende Cäsaren
rechtfertigt, und sich dabei auf das Vorbild der Nibelungen beruft, so habe im daz; wir
werden an einer andern Stelle den Beweis liefern, daß auch im Nibelungenliede ebenso
wenig solche Cäsuren erlaubt sind [s. meine Untersuch, über d. Nib. 170 ff.].
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DEIJ KUDRUN. 75
93, 1 in sinen siten iumben; wäre siten als klingender Einschnitt erlaubt
gewesen, wie Lachraann (Zeitschrift 2, 572) von Wate, willekomen meint,
so würde der Dichter sicher geschrieben haben in sinen turnben siten,
wie im Reim steht an sinen heren siten 295, 2, mit vil guoten siten 423, 2,
sack man in Herten siten 717, 2. Ebenso in siten eilenthaften 580, 2; nach
siten kristenlichen 179, 1, dagegen im Reime nach ritterlichen siten 708, 2.
nach manigem schaden grözen 129, 2. tage vier und zweinzic 108, 1 ; tage
sibenzehene 137, 3; nach tagen vierzehenen 164, 1; inner tagen sibenen
216, 4; dagegen darnach in ahtzehn tagen (: saget)) 37, 1; in sinen jun-
gen tagen (: sagen) 84, 2; ze vierzehen tagen (: sage?}) 160, 3; in drien
tagen (: tragen) 808, 1; in disen zwelf tagen (: Magen) 930, 2: in sehs
und zweinzic tagen 1081, 2; in zwelf tagen 1652, 2.
in dem fride Ilagenen 160, 2.
do sprach vater der Hilden 526, 3 ; vgl.
vater der Küdrünen 642, 3, wie V. richtig schreibt.
mit vanen üf gerihtet 777, 2. do sach er vanen breite 1364, 1. dort
sihe ich vanen einen 1372, 1, namentlich diese letzte Stelle.
zen boten ungemuoten 815, 2. daz sie niht boten ander 1163,3. daz
sie boten die Hilden 1198, 2. sint ez boten die Hilden 1208, 3.
mit speren ungeneigten 1402, 3; dagegen mit suidenden spern (: wem)
783, 1. mit geneigten spern (: wem) 1410, 2; vgl. noch 348, 2. 643, 4.
687, 3. 699, 3. 717, 1. 816, 4. 1044, 3. 1305, 3. 1434, 1.
Die Stellen, an denen kurzsilbige Wörter als klingende Cäsur
erscheinen, sind folgende: neren 82, 2, wo nerjeu zu lesen ist; vetech
93, 2, lies vetechen, nicht vettech, wie V. hat; 143, 3 haben, wird durch
die häufig nöthige Umstellung (vgl. Abschn. I.) berichtigt, wie schon V.
gethan; 152, 1 der künic hiez in wilkomen, wie V. schreibt, ist ebenso
unrichtig wie Ziemann's und Ettmüller's der künic in hiez wilkomen sin,
sondern der künic hiez in willekomen; ebenso 236, 2, wo Vollmer her
Wate, sit willekomen, Ziemann und Ettmüller sit willekomen, her Wedel
das richtige ist her Wate, nu sit willekomen, nu darf des Verses wegen
nicht fehlen. 310, 3 komen j weeren ist wieder umzustellen; der Schrei-
ber wählte die prosaische Wortstellung. 400, 1 swaz im diu jrouwe
bäte, derselbe Fall, lies swaz im bäte diu frouwe. 460, 1 geben, lies gäben.
616, 3 daz wir unser boten \ hin nach ir ie gesanden kann verschiedent-
lich gebessert werden, entweder boten unser, vgl. 1163, 3, oder da: wir
unser boten hinnen \ nach ir ie gesanden, oder, was am wahrscheinlich-
sten, die letztere Lesart mit Streichung von unser, boten steht auch
835, 2 in der Cäsur, xoaz er von sinen boten \ leider maire ervant, wo
ebenfalls umzustellen ist. 1077, 1 do Uten Hilden boten ist entweder
7(i KARL BARTSCH
mit V. zu losen die Hilden boten Uten oder do Uten boten die Hilden,
vgl. 1198, 2. 1208, 3. do er sinen neven 887, 1, lies do er den neven
sinen. do sprach mit listen Wate 945, 1 ist wieder umzustellen; Wate
steht nochmals 1512, 3 in der Cäsur willekomen Wate, wo nu wis zu
ergänzen ist; Haupt ergänzte wis, was er Zeitschrift 2, 572 mit Un-
recht auf Lachmann's Bemerkung hin zurücknahm. 954, 3 heimivesen, mit
V. umzustellen. 1032, 4 ivaz iicer rechen schaden, umzustellen waz schaden
iwer recken, vgl. 129, 2. ir sult mitguoten siten 1044, 3, lies siten guoten, vgl.
S. 75. hie ze wibe geben 1639, 2, lies geben hie ze wibe, ebenso muß um-
gestellt werden 1640, 3 wcerlichen nimet, 1699, 3 dri stunt des järes sehen.
So wird auch der einzig übrigbleibende Fall und heizet die be-
staten 905, 3 nicht richtig sein; ich habe bevelhen statt bestaten gesetzt,
im Anschluß an das oben bemerkte, daß der Schreiber einen Jüngern
Ausdruck an Stelle eines altern zu setzen liebt*).
Die Cäsur trennt zuweilen Worte, die dem Sinne nach zusammen
gehören. So adj. und subst. scheene \ meide 121, 4. heizen \ trehene 155, 3;
bei nachgesetztem Epitheton hinter dem Eigennamen Küdrun \ diu scheene
1234, 3. Ludewic \ der aide 1939, 4. Müllenhoff (S. 115) zieht hierher
auch 364, 2, was daz er als ein begozzen \ brant riechen began zu lesen
von wenig Verständniss zeugt. Ferner führt er an 343, 3. 859, 4.
1182, 4. 1342, 3, die aber nur durch falsche Lesart hierher gehören.
Der abhängige Genetiv wird von dem Subst., das ihn regiert, getrennt :
swaz Mute Hartmuotes \ gesinde hie tuo 779, 2 ; sicaz man Gerlinde \ ge-
sindes gewan 973, 2. miner muoter \ tohter 997, 4. einmal sogar ein
Compositum kristen | mensche 397, 2.
Sehr häufig steht der innere Reim in der Cäsur, aber in sehr
vielen Stellen wohl nicht von dem ursprünglichen Dichter herrührend,
sondern von einem Überarbeiter, manchmal vielleicht erst von dem
Schreiber der Handschrift. Vgl. 8, 1. 2:
siner muoter lere diu behaget im wol.
der begunde er volgen [sere] als man friunden vol **).
Derselbe Fall ist 547, 1. 2:
diu Hilden heimreise mit Hetelen geschach.
da weinde manic frouwe [weise].
*) Müllenhoff bemerkt (S. 188) 'statt bestaten i^t weder bevilhen [so statt bevelhen !\
noch beserken nöthig. 8. üben 8. 115'.
**) Diese und einige andere der nachfolgenden stellen hat Müllenhoff S. 55 rt'.
auch angefühlt ; dazwischen aber solche, die nichts beweisen oder auf fehlerhaftem
Texte beruhen
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KÜDRUN. 77
689, 1. Hörant von Tenemarke sol uns üf den wegen
driu tüsent ritter [starke] frieren. Irolt der degen.
702, 3- kom ze unsenfte[n maeren], do Hetele der herre
mit sinen beiden maeren gestrichen was —
883, 1. swaz täten die helde [guote], waz mohte helfen daz?
von dem heizen bluote der wert wart vil naz;
oder besser
swaz die helde täten.
1358, 3. dirre boteschefte [maere]. da von wart siu riebe,
von ir grözen swasre.
Ebenso sicher ist 274, 4 do die helde mit toitzen (: sitzen) wolden
rilmen daz lernt erst späteren Ursprunges, ich habe die helde meere ge-
schrieben. 1355, 4 da mite siu groze mo?,re {: wazre) an froun Kvdrünen
dienen ivolde; maire ist von V. mit Recht durch miete ersetzt worden.
Ferner vergleiche man gezwungene Ausdrucksweisen, wie 462, 2:
lützet sie des nahten (: gähten), e er daz volc gewan.
481, 4 ir lop man mähte kreenen (: schoenen) ; vgl. 665, 2.
510, 4, da wart manic vinc gerüeret (: enphüeret) ; außerdem ein
schlecht gebauter Halbvers.
524, 2. daz sie mit maniger güete ( : übermüete) zoären nach ir komen.
592, 4. man sol die sträze lernen (: gerne) nach Küdrünen der fcü-
niginne; ebenso gesucht ist sie muosten freude lernen (: gerne) aller-
tegelich 472, 2.
645, 2. libes unde guotes (: muotes) icas er biderbe gnuoe.
690, 2. sie toesten niht so nahes (: gähes).
701, 2. die vinde begundenz räeren (: f Heren), ebenfalls fehlerhaft;
der gleiche Fall 613, 2 daz sie so manic tageweide (: leide), mit drei-
silbigem nicht in der Kudrun vorkommendem Auftakte; ich lese mile
statt tageiveide.
752, 2. vil schilde sie besluogen (: truogen).
956, 1. Ludewic der frte (: Ormanie).
957, 4. ich ween mit herter werre ( : verre).
1250, 2. Herwic der eilende (: hende) statt edele.
1410, 2. daz geschadete manigem kinde (: ingesinde), wohl in dem
Sinne gemeint, wie sonst steht maniger muoter kinde. Auch 797, 3 ist
der Inreim hinnen (: kilinginne) unecht, hin ist das richtige. Zuweilen
ist sogar eine ganze Halbzeile eingefügt, um einen Inreim zu gewinnen;
vgl. 724, 2-4.
7S KARL 15 AUTSCH
daz sie die rittcrschaft,
so man es an sie gerte, niht gegeben künden.
[mit spern und mit swertej
sie werten ir herberge, so sie aller bezziste künden.
745, 2 — 4. die guote schifliute Ludewic gewan
den die mersträze zerehte wären künde.
[den lönte er äne mäze]
sie mnosten arebeiten nach dem hohen solde durch die ünde.
812, 3. 4. an dem sibenden morgen sie komen da sie sähen
[in ir grozen sorgen]
die von Hegelingen bi den Moeren ligen harte nähen;
von und ligen ist von mir hinzugefügt. Die zweite Zeile lautet si hete
in grozen sorgen diu frouwe dar gesant, darum kann in ir grozen sorgen
in der vierten unmöglich richtig sein.
1449, 3. 4. sin vater und manic tumbe, die ir mäge wären,
[er weste niht war umbe]
dö horte er in der bürge schrien lüte und angestlich ge-
bären.
Wenn in den bemerkten Stellen sich die Unechtheit des inneren
Reimes bestimmt darthun, und in anderen wahrscheinlich machen lässt,
so bleiben doch noch eine große Anzahl von Strophen, wo man zwar
sein späteres Eindringen vermuthen, aber nicht nachweisen kann. Ihn
ganz für jünger zu halten, wie Müllenhoff S. 58 thut, sind wir nicht
berechtigt, höchstens dürften Strophen, wo er durch alle vier Verse
oder auch nur durch zwei durchgeführt ist, wenn sonst im Ausdrucke
Anstoß ist, als in jüngerer Gestalt vorliegend betrachtet werden. Aber
daß er dem ursprünglichen Dichter auch schon zukommt, ist durch
nichts zu widerlegen. Ich stelle nun die Strophen mit Inreimen zu-
sammen, nach Gruppen geordnet. Zuerst diejenigen, die den Inreim
in der ersten und zweiten Zeile haben:
I. (die Zahl der Aventiuren). 4. 8. 14. — II. keine. — III. 132.
135. — IV. keine. — V. 224. 243. 331. 367. — VI. 380. 416. —
VII. 458. 462. 464. 468. 469. 474. 475. 476. 482. 483. 484. 486. —
VIII. 492. 493. 494. 497. 501. 502. 503. 504. 507. 515. 524. 533. 535.
539. 540. 545. 547. 548. 549. 550. 554. — IX. 581. 584. - X. 587.
595. 606. 607. 611. 613. 615. — XL 619. 621. — XII. 645. 656. 661.
664. 665. — XIII. 669. 671. 689. 691. 692. 693. 701. 718. 721. 724.
— XIV 731. 741. 743. 746. 750. 752. — XV. 755. 764. 765. 767.
776. — XVI. 810. 838. 843. — XVII. 851. 852. 869. 871. 877. 879.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN 79
- XVIII. 881. 883. 906. 916. — XIX. 920. 927. 948 949. — XX.
953. 956. 961. 963. 970. 972. 979. 980. 982. 984. 985. 990. 991. 994.
1007. 1010. 1038. — XXL 1045. 1046. 1060. 1066. 1068. 1069. —
XXII. 1071. 1073. 1074. 1085. 1091. 1097. 1103. 1104. 1119. 1125.
1131. 1135. 1136. — XXIII. 1145. 1150. 1153. 1156. 1164. — XXIV.
1177. 1181. 1188. 1194. 1197. 1206. — XXV. 1208. 1244. 1250. 1270.
— XXVI. 1345. 1365. — XXVII. 1367. 1385. 1389. 1399. 1410. 1425.
1434. _ XXVIII. 1447. 1449. 1450. 1459. 1464. 1465. — XXIX. 1523.
1527. 1537. 1554. — XXX. 1569. 1573. 1610. 1615. 1641. 1644. 1656.
1658. - XXXI und XXXII. keine.
Nicht ganz so häufig ist die dritte und vierte Strophenzeile mit
Inreim versehen. Avent. I — IV. gar nicht. — V. 219. 274. 278. —
VI. 380. 406. — VII. 456. 460. 465. 470. 471. 473. 481. — VIII.
488. 496. 510. 512. 527. 529. 542. 546. 553. 556. — IX. 564. 569.
574. 585. - X. 589. 596. 599. 614. — XL 625. — XII. 639.
660. — XIII. 683. 695. 699. 702. 706. 708. 713. 714. 723. — XIV.
725. 740. 747. — XV. 759. 766. 770. 777. 785. 786. 789. 797. —
XVI. 811. 817. 825. 831. 832. - XVII. 850. 860. 873. — XVIII.
900. 902. 904. 914. — XIX. 925. — XX. 955. 957. 962. 988. 1012.
1035. — XXL 1055. 1070. — XXII. 1082. 1106. 1138. 1140. —
XXIII. 1151. 1160. 1161. — XXIV. 1189. 1190. 1193. — XXV. 1262.
1292. 1326. — XXVI. 1354. 1355. 1358. — XXVII. 1381. 1416. —
XXVIII. 1455. - XXIX. keine. — XXX. 1587. — XXXI. 1673. —
XXXII. keine.
Zuweilen besteht der Reimunterschied nur in einem n, das dem
einen Reimworte fehlt; derselbe Fall wie beim Endreim (vgl. Abschn. L).
Wiederum ist die erste und zweite Zeile häufiger. I. 18. 43. — IL 85.
— III. IV. keine. - V. 330. — VI — VIII. keine. — IX. 568. —
X. XL keine. — XII. 646. — XIII. keine. — XIV. 735. 738. 744.
— XV. 783. 799. 803. — XVI. keine. — XVII. 865. — XVIII. keine.
XIX. 924. 926. — XX. 998. — XXI. 1056. - XXII. keine. —
XXIII. 1149. 1154. — XXIV. 1168. 1201. - XXV. 1218. — XXVI.
keine. — XXVII. 1419. - XXVIII. 1467. - XXIX. keine. — XXX.
1570. 1630. — XXXI. XXXII. keim.
Die dritte und vierte Zeile. Avent. I — VI. keine. — VII. 459.
VIII. und IX. keine. — X. 592. — XL keine. — XII. 635. - XIII.
bis XV. keine. - XVI. 827. — XVII und XVIII. keine. - XIX.
934. - - XX. 987. — XXI. 1050. — XXII. 1105. - XXIII. und
XXIV. keine. — XXV. 1230. - XXVI. — XXIX keine. - XXX.
1625. 1629.
80 KART, BARTSCH
Aber auch alle vier Zeilen der Strophe sind mit Inreimen ver-
sehen. Und zwar
a) alle vier reimen genau. Aveut. I. — VI. keine Strophe. — VII.
457. 466. 478. — VIII. 508. 514. - IX. 570. — X. 591. 612. —
XI. 628. — XII. keine. - XIII. 675. 679. 690. 703. 705. 709. 711.
715. 716. 719. 720. — XIV. 729. 730. — XV. 760. 778(?). 787. 795.
— XVI. keine. — XVII. 861. - XVIII. 901. — XIX. und XX. keine.
XXI. 1047. 1049. 1058. — XXII. 1113. 1121. — XXIII. und XXIV
keine. — XXV. 1323. 1331. - XXVI. und XXVII. keine. — XXVIII.
1468. — XXIX. keine. - XXX. 1618. - XXXI. und XXXII. keine.
b) Zwei Zeilen reimen genau, bei den beiden andern macht ein
n den Unterschied. I. 6. — IL— VI. keine. — VII. 441 472. — VIII.
491. — IX— XII. keine. - XIII. 675. — XIV. keine. - XV. 778.
790. - XVI. keine. -- XVII. 856. - XVIII. 882. - XIX. 922. -
XX. 971. 1026. — XXI bis XXIII. keine. — XXIV 1203. — XXV.
1217. — XXVI- XXXII. keine.
Es ist leicht zu bemerken, daß in manchen Parthien des Gedichtes
die Inreime sich hänfen, vorzugsweise in der VII. Aventiure und den fol-
genden; aber es ist, wenn man annimmt, daß ein späterer Überarbeiter
die Inreime eingeführt hat, kein Beweis daraus zu folgern. Im Ganzen
gehen sie durch alle Aventiuren hindurch und tragen zum Theil die
Art und Weise der Endreime, namentlich stimmt die Freiheit in Bezug
auf das häufig gebundene e ; en (vgl. Abschn. I.); ferner weisen Reime wie
gnnde : äbunde 47, 3. wunde : äbunde 518, 3. weinunde : stunde 616, l;
vgl. den Endreim äbunden : künden 376, 3; weinende : eilende 1244, 1
auf ein zu frühes Alter hin, als daß man sie einem jüngeren Bearbeiter
zuweisen dürfte.
Aber auch Verschiedenheiten sind nicht zu verkennen: so erschei-
nen im Inreim eine Menge Reimklänge, die der Endreim nicht kennt.
So die Reime gäbe : Swäben 744, 1. leege : trage 599, 3. erkrahten : erstreik-
ten 1 119, 1. allenthalben : alben 861, 1. nceme : zaime 740, 3. gebarte : värte
619, 1. zeichen : bleichen 1416, 3. ersprengen', lenge 1149, 1. gerne : lernen
646, 1. 472, 1. erste : herste 1331, 1. messe : icesse 441, 3. ergetzen : ge-
setzen 825, 3. dicke : blicke 1206, I. stieben : Hieben 514, 3. sinken : ertrin-
ken 961, 1. listen : gefristen 542, 3. kisten : wisten 692, 1. 972, 1. sitzen:
icitzen 224, 1. triuwen : riuwen 1060, 1. 1193, 3. vlizzeh : itewizzen 331, 1.
errochen : zerbrochen 901, 3. mohte : getohte 715, 3. geworben : verdorben
683, 3. hoeren : Meeren 721, 1. zorne : uz er körne 503, 1. 1156, 1. Fride-
schotten : Otten 611, 1. säeue : kttene 1085, 1. 1644, 1. ruochet : suochet
11)35,3; ferner sind kurzsilbige Worte im Inreim häufiger als im End-
BEITRGE ZUR GESCHI CHTE UND KRITIK DER KÜDRUN. 81
reim, klageten : wägeten 493, I. : sageten 843, 1. sagete : verzagete 569, 3
922, 1. sagete : hhigeie 901, I. edele : sedele 1618, 3. engegme : degene
219, 3. 467, 1. 1573, 1. 1587, 3. : degenen 1105, 3. hernede : fremede
962, 3. tagende ijugende 574, 3. Doch das ist nicht auffallend; bei Wör-
tern, wie die hier genannten, konnte man versucht sein, zwei Hebungen
darauf zu legen (de'gene) , wie sie im Nibelungenliede verwendet sind ;
das hätte aber dem Wesen des Endreimes in der Kudrun widersprochen.
Andere Reime kommen ebenfalls seltener im Schluß vor, die als In-
reime häufig sind, wenn auch ein bestimmter Grund nicht vorlag. So
namentlich aide : gew aide 474, 1. 515, 1. 533, 1. 83S, 1. : holde 1345, 1.
alden : walden 514, 1. gerten : werten 469, 1. : sicerten 504, 1. 512, 3.
708, 3. 765, 1. werten : swerten 860, 3. werte : gerte 877, I. herte : verte
1082, 3. besten : gesten 471, 3. 1385, 1. notveste : geste 621, 1. geste : veste
723, 3. 1381, 3. 719, 3. veste : weste 747, 3. geste : gebresten 330, 1. gesten :
bresten 508, 3. 705, 3. geste : vesten 778, 3. vergezzen : mezzen 496, 3.
besezzen : vermezzen 724, 1. vergezzen : vermezzen 1 138, 3. 1 160, 3. 1 113, 1.
groze : genöze 550, 1. grozen : genozen 581, 1. 472, 3. : stritgenozen 699, 3.
Andererseits kommen mehrfach Schlußreime vor, die im Inreim nicht
begegnen.
Manche Wörter erscheinen nur in den Cäsurreimen, die sonst
das Gedicht nicht kennt; so hrcenen 480, 4. 665, 1. vnversunnen 729, 3.
untüre 790, 1, ferner Jialde, albe, bleiche?!, itewizzen u. s. w.
Auch sprachliche Unterschiede finden sich , z. B. hcete (Jmten :
taten 985, 1), während der Dichter nur het und hele sagte (s. S. 91).
wiste als Prät. von wetz (692, 2. 972, 2), ebenso wesse (441, 2); der
Endreim kennt nur weste (1150, 1197), was auch im Inreim vorkommt
(747, 3).
Neben den oben erwähnten alterthümlichen Reimen äbunde u. s. w.
begegnet eine Anzahl wirklich ungenauer, wiewohl in allen Fällen
nicht sicher gesagt werden kann, ob Zufall oder Absicht waltet. Nament-
lich tritt Zweifel ein bei vocalischen Ungenauigkeiten, weil nur con-
sonantische durch den Endreim belegt werden. Der Art sind erdiezen :
staezen 16, 3, wie stozen : geniezen Roland 247, 23 solde : milde 20, 3,
wie milde : wolde Kaiserchronik 12115. geseihte : golde Ruther 400. locke :
recken Kudr. 355, 3, wie recken : rocke Ruther 4073. schefen : offen 442, 3.
lazen : erglizen 449, 1 ; vgl. gehiezen : geläzen Rol. 102, 29. geniezen : Uzen
232, 24. verläze : hieze Kais. 3416 u. s. w. küuiginne : niemanne 1002, 1 ;
wie minne : manne Fundgr. 1, 169- dannen : entrinnen Alex. 5948 u. s. w.
gespenge : unlange 647, 3, wie gedrenge : Stangen Ruth. 1685. zovmstrengc :
GERMANIA X. 6
32 KARL BARTSCH
borlange 5087. engel : mangel Germ. Pf. 4, 457. here : swaire 1523, 3.
järe : wcere 358, 3, ungemein häufig in der Poesie des 12. Jahrhunderts.
Häufiger und sicherer sind die consonantischen Ungenauigkeiten.
Mutae unter einander: gelouben : ougen 490, 1, was noch bei Dichtern
des 13. Jhs. vereinzelt vorkommt, edele : frevele 477, 1. 1079, 1; wie
rede : neve Roland 47, 11. magede : sabenen 481, 1, wenn nicht der Dichter
megede sprach, degene : lebene 625, 1. degene : lebenes 1160, 1. beliben :
Herwige 630, 1. Herwige : wlben 667, 1. geligere : widere 723, 1, wie Glaube
-2317. Gehügede 605. widere : gedigene Ruth. 708. 3765. : sligelen Kaiser-
chronik 6901. 6909. edele : brehene Kudr. 1356, 1, wie vierzehene : edele
Kaiserchr. 16069. jehen : reden '2218. 3530. gesehen : reden 8709 u. s. w
segele : edele Kudr. 1359, 1. wäge: ungenäde 1538, 1, wie wäge : genäde
Alex. 2463. 2613. 4847. 6636. Maria 154, 20. ziveleve : helede Kudr.
717, 1; wie Roland 8, 6. 14, 23. 130, 10.
Mutae nach einer Liquida, die in beiden Reimworten dieselbe
ist, icelde : selben 169, 3, nur wenn der Dichter, was unwahrscheinlich
ist, weit statt werlt sagte, selbe : velde 714, 1 (vgl. die Endreime), berge :
werben 1142, 1.
Liquiden unter einander : Küdrünen : küme 881, 3. 1060, 3 *), wie
Genelüne : küme Roland 56, 5. 82, 24. : süme 114, 15. Prüne : küme
Kaiserchr. 7069. gerüne : küme Ernst 2, 54. süne : küme Maria 155, 23.
ünum : rinnen Zeitschr. 3, 522. : sümus Hagen's Germania 10, 147.
dienen : niemen 1056, 3. 1057, 3; auch im Endreim. : iemen 499, 1. räme:
wolgetäne 653, 3; wie krame : wolgetdne Fundgr. 2, 247. wolgetdnen :
nämen Hahn 22, 67 u. s. w. Küdrünen : umbemüret Kudr. 1362, 3, wie
züne : gebüren Kaiserchr. 14825. Genelüne : iure Roland 54, 13.
Media? und Liquiden : gaben : waren Kudr. 460, 1 wie Kaiserchr.
7443, 13955. 14321. 14929. 16035. 16063. 16377 u. s. w. künige : übele
807, 1. 1063, 3, wie Kaiserchr. 19. 3500. 4060. 4326. 4917. 6433. 6575.
6857. 7613. 7891. 13407. 14595 u. s. w. wile : Herwige 586, 3, wie
Ludewige: wile Kaiserchr. 17287. edele : helede 684, 1. 1328, 1, wie Ro-
land 17, 9. 25, 20. 33, 7. 117, 5. 211, 30 u. s. w. küene : gefüeget 704, 1,
wie fürbüegen : grüenen Roth. 4583. fuoren : genuoge 1143, l ; wie swuoren:
sluogen Roland 71, 6. fuoren : sluogen 308, 1. ruoge : gefuoret Zeitschrift
3, 521. edele : venie 1170, 1, wie redene : menige Roland 248, 1. edele
menige Kais. 5801. bruoder : erkuolet 1460, 3.
*) Müllenhoff S. 58 meint , dies so wie järe : wcere u. ähnl. seien ebensowenig
Inreime wie in Nib. Kriemhilte : wilde. Vielmehr ebensogut, denn in dem Reime der
Nib. die Absiebt des Reimes verkennen wollen, heilit sieb absichtlich blind machen.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 83
Liquiden Verbindungen: gewinne : grimme 1498,3, auch im End-
reim. Ferner spinnen : dingen 1006, 1 bringen : küniginne 663, l. tiuvelinne:
twingen 1381, 1. grimmen : dingen 999,3. : erklingen 1466,3, ebenfalls
als Endreime, stürme : bürge 708, 1, wie xVlexander W. 2058. 3051. ge-
wunnen : funden 1498, I ; wie gerunnen : ungesunden Rother 4331. funde:
gewunne Gr. Rud. G. 22 u. s. w.
Mutenverbindungen: vorhten : getorsten *) 921, 1; wie vorsten : qe-
worhten Kaiserchr. 13005.
Manchmal ist nur der Auslaut der nächsten oder dritten Silbe
verschieden, die eigentliche Reimsilbe gleich, funden : hundert 841, 1.
megede : engegene 115, 1. galies : näher 841, 3. gtsel : geu-lset 849, 1. biderbe :
nidene 968, 1. : toidere 607, 3. 757, 1. 1090, 1. geduldet : hulden 979, 3.
landes : ande 992, 1. leides : ra^'c/e 1039, 3. schcenen : gehcenet 626, 1. «■#-
müezic : gebüezet 1095, 1. : gegrüezet 1429, 1. künde : und er 1304,3.
Es ließen sich noch mehr anführen, wenn man, wie andere gethan,
den Inreim noch freier fassen wollte (vgl. Müllenhoff S. 58); ich habe
mich auf solche Assonanzen beschränkt, die in Dichtungen des 12. Jhs.
häufig vorkommen. Sind die angeführten ungenauen Inreime nicht
Zufall, wie nach ihrem häufigen Vorkommen nicht sein kann, sondern
vom Dichter beabsichtigt, so muß Wunder nehmen, sie nicht in glei-
cher Freiheit als Endreime zu finden. Allein das erklärt sich, wenn
man zugibt, wie man nicht umhin kann, daß das Gedicht eine Über-
arbeitung erfahren, nur daß ich mir diese etwas anders denke, als
z. B. Ettmüller und Müllenhoff. Die freien Inreime ließ der Über-
arbeiter stehen, weil bei ihnen überhaupt keine Nothwendigkeit des
Reimes vorhanden war, die freien Endreime, die ohne Zweifel, wenn
die Inreime zugegeben werden , vorhanden waren , beseitigte er und
ließ nur einige wenige, die ihm entgiengen , stehen. Derselbe Fall in
dem von mir bearbeiteten Herzog Ernst, der ältesten Überarbeitung
des nur in Bruchstücken erhaltenen niederrheinischen Gedichtes; auch
hier ließ der Überarbeiter, der im Ganzen reine Reime hat, einzelne
Assonanzen stehen.
Scheinbar steht solcher Annahme entgegen, daß an manchen
Stellen, wenn man freie Inreime zugibt, die Cäsur mit dem Ende reimen
würde, wie
*) Das lüsst nun Müllenhoff S. 78 für einen innern Reim gelten, den noch dazu
der jüngere Überarbeiter eingeführt, haben soll; ebenso hruoder : fiuote 698, 1 (S. 50)
also wie "S ihm gerade passt.
6*
34 KARL BARTSCH
476, 3. die schoenesten fron wen daz ist äne lougen (: ougen).
991, 3. daz ich den recken immer gerne welle minnen (: hinnen).
1009, 3. sin was von Irlande komen mit Hagenen kinde (: gesinde)*)
1139, 3. daz sin vergezze ir leides. min honbet ich ir neige.
ich und mine meide snln ir immer dienen für eigen.
1157, 4. swie halt nns gelinge, wir enmüezen Küdrtinen vinden.
1256, 4. die man mit stnrme nasme, daz ich die . . . stsele.
Denn wenn der Dichter diese Anklänge als Reime betrachtete, so
würde er sie in der Cäsnr vermieden haben, um nicht den falschen
Schein eines Reimes zu wecken. Aber einmal können diese Anklänge
erst vom Bearbeiter herrühren, dem sie natürlich nicht als Reime
galten, und sodann reimt der Dichter ja wirklich mm : nn am Schluße,
und doch vermeidet er nicht immer : minnen in der Cäsur und am Ende
(991, 3). Sonach würden die andern, wenn gleich als Endreime nicht
vorkommend, ebenso zu betrachten sein.
Es gibt aber noch eine andere Erklärung für die Assonanzen in
der Cäsur. Der Dichter des Ganzen, d. h. der erste ursprüngliche
Dichter, hat ohne Zweifel mündliche oder schriftliche Quellen gehabt,
die er, wir können nicht beurtheilen wie frei, benutzt hat. Es waren
Lieder, wie deren ältere Zeugnisse gedenken, Lieder, ohne Zweifel
dem 12. Jh. angehörend und in der freien Reimform dieser Zeit, die
sich im eigentlichen Volksliede gewiss noch länger erhalten hat, als
in der Kunstdichtung. Die metrische Form dieser Lieder war, nach
allem zu schließen, keine andere als die uralten Reimpaare von vier
Hebungen, mögen dieselben nun in fortlaufender Folge gestanden haben,
oder, was mir wahrscheinlicher ist, in Strophen getheilt gewesen sein.
Von diesen Vorlagen könnten die freien Inreime herrühren; an manchen
Stellen lassen sich, wenn man die zweite Vershälfte, die leicht Ent-
behrliches enthält, nicht berücksichtigt, Reimpaare herstellen. So 442, 3,
wenn man schreibt
sie solden zuo den scheflen.
die krame stuonden offen.
1002, 1. dö sprach diu küniginne :
sin volget niemanne.
G47, 3. daz in liuhten began
der louc üz gespenge.
daz werte vil unlange.
*) Der Reim wäre wie Minden : Riflanden Kaiserchr. 14441. 14739. banden : binden
Karaj. 51, 13.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. g5
1523, 3. er vienc sie bi dem bare.
sin zürnen was vil swnere
477, I. do sprach der ritter edele :
die vinde die sint frevele.
1079, 1. do sprach der ritter edele :
Hartmuot mit frevele —
Aber nicht immer war dies das Verfahren des Dichters, daß er die
zweite Halbzeile hinzudichtete; mitunter benutzte er auch für sie ein
anderes Reimpaar. 490, 1 hat der Text ez wolden niht (jelouben die von
Tenelaid, sin scehenz mit ir ougen, ze Wdleis lif den sant — hier
könnte es geheißen haben
ez wolden niht gelouben,
sin srehenz mit ir ougen,
die von Tenelande,
ze Wäleis üf dem sande — ,
nur daß dann nicht im folgenden körnen das ursprüngliche Verbum
sein kann.
Die 625. Strophe lässt sich so auflösen :
do künde siu dem degene,
siu gunde im wol ze lebene ;
daz er gähen solde,
ob er leben wolde,
von dem hove dannen,
vor Heteln und sinen mannen
oder, wenn dies der Schluß eines Absatzes war, vielleicht mit fünf
Hebungen wie in der Kudrun
vor Hetelen und vor allen sinen mannen.
Durch letztere Annahme würde sich auf die einfachste Weise die Schluß-
zeil e der Kudrunstrophe erklären.
Noch ein paar Beispiele :
1160. nu hoeret, guote degene:
erbünne man uns lebenes
sone sult ir niht vergezzen,
ir helde vil vermezzen,
irn rechet iwern anden
mit swerten in Hartmuotes lande.
714. Herwic streit da selbe
vor porten und aa velcle
86 KARL BARTSCH
daz nie man enkunde baz.
da von wart im dicke naz
sin lionbct nnder ringen.
725. do enböt hin heim Hetele
den schoenen fronwen edele *),
in w?ere wol gelungen,
alden unde jungen,
in stürmen und in striten.
sie solden ir genendicliche biten.
Natürlich würden dann zunächst nur diejenigen Assonanzen in der
( Jäsur alt sein können, die durch den Inhalt der betreffenden Strophen
eine ältere Grundlage wahrscheinlich machen. Aber diese Grenze ist
schwer zu ziehen, denn auch bei den Parthien der Kudrun, die offen-
bar kein volksthümliches Gepräge haben, kann der Dichter Theile
älterer Gedichte, aus dem Kreise der Spielmannspoesie etwa, benutzt
haben; denn gerade diese liebt das Wunderbare sehr, wie es sich im
ersten Theile unseres Gedichtes und auch weiterhin findet.
Durch diese Annahme erklärt sich auch das häufige Vorkommen
des innern Reimes, theils des genauen, theils des assonierenden ; damit
ist aber nicht ausgeschlossen, daß eine spätere Hand den Inreim an
manchen Stellen eingeführt habe (vgl. oben) , wo das ursprüngliche
Gedicht ihn nicht hatte. Wir werden dann eines von Müllenhoff an-
genommenen Überarbeiters mit archaistischen Liebhabereien überhoben,
der uns, geradezu gesagt, ein Unding scheint.
Wir betrachten den Endreim und die dabei vorkommenden Un-
genauigkeiten. Von vocalischen Freiheiten begegnet am häufigsten die
Bindung a : ä vor n, län : dan 87, 1. : man 123, 1. 382, 1. man : hdn
140, 1. 211, 1. :: gän 1.51, 1. 177, 1. began : län 225, 1. stein : man 292, 1.
man : getan 326, 1. 342, 1. 357, 1 u. s. w. in allen Theilen des Ge-
dichtes**), wie überhaupt in allen Dichtungen aus dem Kreise der
deutschen Heldensage.
*) Der Inreim Hetele : edele ist von mir oben nicht «angeführt worden , weil d : t
nicht zu assonieren pflegen. Nimmt man aber die niederdeutsche Form Hedene an
(und niederdeutsch war ja die Sage, niederdeutsch konnte also auch die Vorlage des
Dichters sein) , so ist Hedene : edele eine ganz richtige Assonanz . vgl. redene : edelen
Kaiserchr. 45ÜÜ.
**) Wenn Müllenhoff 8. 112 behauptet, der Reim an : an komme vor 211 gar nicht
vor, so ist das ein Zeichen, wie aufmerksam er das Gedicht studiert hat! Ebenso un-
richtig ist, daß diese Bindung im Ganzen 47mal vorkomme, sie begegnet vielmehr 54mal,
es kommen also auf das unechte bei Müllenhoff 87 Stellen.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 87
Vor r war einmal dar : jdr 1090, 1.
e : e wird im Ganzen sorgfältig unterschieden; nur folgende Be-
lege der Bindung finden sich, wegen : siegen 367. siegen : degen 514, 1.
wer : her 703. gebet : stet 1133. sedcle : edele 1631, 3; im Inreim noch
1618, 3. engegene : degene 1120. 1489; im Inreim 219, 3. 467, 1. 1573, 1.
1587, 3. 1105, 3. phelle : ivelle im Inreim 1189, 3. geste : gebresten 259.
330, 1 im Inreim. gesten : gebresten 1106. : enwesten 1150. besten : weste
1197- veste : weste im Inreim 747, 3.
e : e wird nicht gebunden; denn die von Müllenhoff S. 112 an-
geführten beiden Stellen beruhen auf Fehlern.
i wird lang gebraucht in der Silbe lieh, kein lieh kömmt vor;
vgl. anelich : rieh 101, 1. gelich : rieh 1678, 1 ; und lobelich : tegelich
473, 1. minneclich : anelich 1239, 1. lobelich : anelich 1241, 1. Die Fe-
minina in in haben ebenfalls immer langen Vocal, kein in, vgl. künigiu:
sin 63, 1. Herzogin : sin 1516, 1; künegin : magedin 1539, 1. Daneben
kommt die Form in inne in zahlreichen Reimen vor ; aber daß sie die
einzige dem Dichter zukommende sei, wie Müllenhoff S. 187 zu meinen
scheint (zu 685, 1), ist ganz unrichtig, selbst wenn man die Unecht-
heit jener Reime und Strophen zugeben wollte.
Berührung von i : ie findet statt in den Reimen lieht : niht 1243, 1.
: iht 1325, 1, was bei österreichischen Dichtern sehr häufig vorkommt.
Von consonantischen Ungenauigkeiten ist am häufigsten e : en im
klingenden, aber auch zuweilen im stumpfen Reime, mäge : betragen 4.
: lagen 507 u. s. w. Bemerkenswerth min : si 1315, I. Vgl. die oben
Abschn. I. angeführten Stellen, wo die Handschrift die Freiheit durch ein
n ausgleicht. Müllenhoff S. 113 meint, die meisten Reime dieser Art
seien zu entfernen; wir erblicken im Gegentheil eine charakteristische
Formeigenthümlichkeit des Gedichtes darin, die der Schreiber nur dem
Blicke eines oberflächlich den Text studierenden verhüllen konnte.
Ferner werden gebunden Media? unter einander: phlegen : gegeben
916, 1. Tenues, sluoc : wuot, wie ich 864, 1 gebessert habe. Müllenhoff
S. 113 (vgl. 71) nimmt 722 den Reim Hericic : sit an; die Hs. reimt
Sifrit : in hochferten seyd *). Was der Schreiber 'wollte', ist gleich-
gültig ; die Lesart in hochvertem sit, wofür man auch hochverten schrei-
ben dürfte, wenn man das em in der letzten Senkung anstössig findet
(doch vgl. oben), entspricht dem in den Nib. mehrmals vorkommenden
Pluralis in hochverten siten. Das adj. hochverte, schon von den Hss.
des Nibel. öfter durch höchvertic ersetzt, hat in der Kudrun immer
::) Auch 354, 1 schreibt die Hs. seyt statt sit.
88 KARL BARTSCH
diese Form (vgl. oben) ; in 722, 2 ist es durch Missverstand mit dem
Subst. verwechselt.
Tennis und Aspirata, nur in tac : sprach 1166, 1.
Liquiden, nur m : n, vernam : began 49, 1. man : genam 218, 1.
: vernam 856, 1. 894, 1. allesamt : sant 751, 1. gesleiue : keime 1131. riemen:
dienen 1146. 1226. niemen : dienen 1484.
Ebenso geminiert mm : nn, grimme : välentinne 629. grimmen :
gewinnen 921.
Verbindungen von Liquiden und Mutis. selben : melden 848. : en-
gelden 1491. mannen : ergangen 1508. küniginne : bringen 225. 592. 635.
906. 1646. : ringe 692. misselingen : gewinnen 877. gewinnen : gedinge 945.
Die Verbindung nn : nd begegnet nicht, denn ünde \ künnen (Müllenhofl'
S. 113) 842 ist falsch.
In der dritten und vierten Zeile stehen am Ende nur wirklich
klingende Reime, keine dreisilbigen mit drittletzter kurzen; das ist
leicht erklärlich (vgl. S. 81), doch begegnen einige Ausnahmen, nicht
bloß sedele : edele, das Müllenhoff S. 114 anführt, 1631, 3, sondern
auch engegene : degene 1120, und wohl ebenso 1489. Wahrscheinlich
ist auch der Reim helde : selde, der sehr häufig ist, als helede : selede
zu fassen (s. unten).
Von dem rührenden Reime der Kudrun hat Müllenhoff ein paar
Beispiele S. 113 gegeben, aber ebenso unvollständig wie anderes, man :
man 664. began : gän 1324. sant : alle sant 751. sin : sin 158. Norman-
din : meidin 1630. sounuere : mosre 595. Hegelingen : misselingen 741.
künden : künden 724 ist am meisten bedenklich , weil gar keine Ver-
schiedenheit der Bedeutung da ist. unzerunnen : entrunnen 257. ge-
wünne : wünne nach meiner Herstellung 1621, 3; kaum ist erfunden:
phunden 1674 ein rührender Reim, weil ph sich wahrscheinlich in der
Aussprache von / unterschied. Sehr häufig sind rührende Reime in
lh:h, darunter auch solche, die bei den höfischen Dichtern am Anfange
des 13. Jahrhunderts nicht erlaubt galten, lobelich : tegelich 473. min-
neclich : anelich 1239. lobelich : anelich 1241. lasterliche : geliche 288.
grimmecüche : lobeliche 934. frceliche : trürecliche 974. geliche : lobeliche 1342.
Der Reim führt uns zu den sprachlichen und mundartlichen Eigen-
thümlichkeiten des Gedichtes, die sich, da auf die Schreibweise der
späten Hs. nichts zu geben, eben nur aus dem Reime erkennen lassen.
Die Sprache weicht von der reinen mittelhochdeutschen wenig ab.
In vocalischer Beziehung erwähne ich a für o, nur im Inreim,
mähte : ahte 742; ferner die Abwerfung des e am Schluße nach kurzer
Silbe, in sit : Sifrit 722, was auch in den Nibel. bei demselben Worte
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 89
mehrfach vorkommt. Nach langer Silbe in aht (: vahl) 444. (: naht)
1669, wenn man aht für eine verkürzte Form von ahte halten will, das
im Inreim 742 vorkommt.
Beim i bemerke ich die Bindung mit ie , vgl. S. 87. ou steht
nach österreichischer Art für ü in koame : somne 1603 und in dem
regelmäßig vorkommenden getrouwen im Reime auf schouwen 51. 537.
1363. 1387. -.frouwen 165. 198. 215. 251. 269. 326. 363. 411. 491. 620.
654. 949. 992. 1044. 1161. 1305. 1436. 1527. 1541. 1647. 1687. : houwen
1457. Ebenso im Partie, gerouwen im Reime auf frouwen 499. 738, auf
houwen 717. Auch wo kein Zwang des Reimes vorliegt, ist daher ou
zu schreiben, bouioen : getrouwen 1285.
uo steht für 6 in dem einzigen duo für do : fruo 827. Die Hs.
hat hier wie oft die, was ich oben aus du, verlesen für du, erklärt
habe. Da niemals do reimt, so war duo wohl die dem Dichter allein
geläufige Form.
Der Umlaut herrscht durchgängig : im Dat. plural. von haut er-
scheint henden und handen im Reime; das letztere 20. 163. 185. 348.
475. 506. 574. 647. 726. 833. 884. 912. 1181. 1248. 1417. 1584. 1668.
1684; das erstere 557. 686. 722. 861. 961. ä für m aus den Inreimen
järe : weere 358, 3. häre : swoere 1523, 3 zu folgern, sind wir nicht berech-
tigt; vgl. oben S. 82. Schwanken herrscht in Bezug auf u und ü vor
doppelter Consonanz. Wenn ünde (unda) so und nicht unde lautete, und
ebenso künde (adj.) künden (verbum) unkünde (subst.) den Umlaut hatte,
so müssen auch die Conjunctive künde (: ünden 266), fände (fänden :
ünden 1272, unkünde : erfunden 329), zoünden (: ünden 842) gelautet
haben. Andererseits begegnen Reime, die das u an denselben Formen
erweisen, gunden (gönnten) : geiounden 113. erfunden (partic.) : künden
(könnten) 374. munde : künde 383. wunde : fände 515. stunde : fände
585 u. s. w. Man könnte dies Schwanken vermeiden, und überall u
schreiben, also auch unde, künden (nuntiare); dem widerspricht aber
13, 3 von des meres ünde ivcejen abe begunde (: künde), denn wenn der
Dichter unde sprach, würde er diesen Gleichklang, der noch verschie-
den ist von den oben (S. 84) erwähnten Assonanzen zwischen Cäsur
und Ende, vermieden haben. Ebenso 276, 4 üf des meres ünden in
dem lande iemen Mte fänden (: stunden); 1537, 4 dofuorter zuo den ünden
diu sie erslagen vor der f orten fänden ( : verchwunden). Daher ist eine
umgelautete Form neben der nicht umgelauteten im Conjunctiv anzu-
nehmen, o für den Umlaut o? will Müllcnhofl' S. 58 in dem Inreim
Muren : heeren 721 ; aber der Plural von il/ör lautet auch Meere. Ebenso-
wenig ist in müre : unture (Müllenh- untiure) 790 eine Bindung von
90 KARL BARTSCH
v und seinem Umlaut zu erblicken, denn untüre ist die in der Redens-
art mich nimt nntüre neben untilr übliche Form. In dem Keime süene:
büene, der nur in der Cäsur erscheint (1085, 1. 1644, 1) steht süene für
das gewöhnliche mhd. suone; man könnte auch suone : kuone anneh-
men, so daß in letzterem Worte der Umlaut mangelte. Den Reim hat
auch Biterolf und Klage (Heldensage 151); da aber daneben im Biterolf
suone : ze tuone vorkommt (12524), so wird suone : kuone auch dort
wahrscheinlich.
Von Consonanten ist d zu bemerken, das nach / und n erweicht
für t steht. Im beweisenden Reime finden sich erkande 9. 624. 641.
bekande 647. nande 111. sande 300. 385. 402. 420. 472. 523. 550 u. s. w.
wände 574. ivande 678. 683. 1534. künden 1098, 3. wolde 164. 1368.
1500. solde 1680. engelden : selben 1491. Darnach habe ich d durch-
geführt, auch molde für das gewöhnliche motte geschrieben (531. 673),
da die Form mit d auch sonst vorkommt (mhd. Wb. 2, 27b).
c wird ch in dem oben bemerkten Reime tac : sprach 1166. Vor
folgendem t verwandelt sich c in h, das beweist der Reim erschraht
(Partie, von erschrecken) : mäht 59, 1; daher war auch im Präteritum
schwacher Verba, deren Stamm auf k ausgeht, h zu schreiben, also
icahte, strahte, kuhte u. s. w. Im Inreim kommt vor erstrahlen : erhöh-
ten 1119, 1.
h wird ausgeworfen in dem bei oberdeutschen Dichtern häufigen
enphän für enphähen {'.getan) 306, 1. (: gän) 1575, 1; daneben häufiger
die volle Form enphähen im Reime 235. 283 u. s. w.
Der Accusativ von Eigennamen geht häufig in e aus, wie im
Biterolf und der Klage (Heldensage S. 151). Ich habe theils mit der
Hs. theils gegen sie geschrieben Irolde 231, 4. 310, 2. 1176, 2. 1515, 3.
'Gerlinde 597, 3. Heringe 821, 1. 1332, 1. 1489, 4. Hartmuote 951, 3.
1286, 4. 1365, 1. Hildeburge 1339, 3. 1624, 4.
Die Pronominalform sie erscheint nirgend im Reime, weder si noch
sie; daraus läge am nächsten zu folgern, daß die Form si dem Dichter
die einzig geläufige gewesen sei. Dem steht aber entgegen, daß si in
verschiedener Bedeutung auf der Hebung vor einem Vocal steht, was
auf Länge hinweist. So si, ea : ob si im iht gedienet 185, 3. wie laige
si im bi 610, 1. ja mohte si ir adeles niht geniezen 1007, 3. Vgl. noch
1047, 3. 1293, 2. 1505, 1. 1688, 2. si, eam : die si ottch gerne sähen
46, 3; vgl. 538, 1. 811, 3. 1541, 3. si, ii : des körnen si in not 135, 2.
des muosten si engelden 194, 3; vgl. 221, 3. 411, 4. 631, 4. 719, 2. 896, 1.
1162, 1. si, eos : wan daz si ir ruowe 857, 3. Ettmüller und Vollmer
schreiben st, Müllenhoff und Ploennies si. Ich habe im Nom. sing, des
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 91
Femin. sin geschrieben, weil darauf der Schreibfehler 986, 4 (vgl.
oben) hindeutet ; in den übrigen Formen schreibe ich sie, weil der in
jeder Beziehung nahverwandte Biterolf und die Klage diese Form im
Reime haben (der Norm. sing. fem. kommt nicht vor, was wiederum
auf sm weist), vgl. Bit. 6261. 7421. 10088. 10518- 11714. Klage 893
Lassb. 1271 L.
Beim Verbum ist zu bemerken, daß die 2. Person Plur. nicht in
nt, sondern nur in t ausgeht; die Hs. hat meist das richtige, nur ein
paarmal nt. Von einzelnen Verben erwähne ich haben wegen seines
Präteritums ; durch den Reim bewiesen ist nur die Form Mete, Meten :
rieten 443. Mete : verbieten 1015; im Inreim riete : Mete 033, 1; außer
Reime hat die Hs. es noch 806, 3. 136, 2. Der Inreim hat außerdem
einmal luvte (hosten : tceten 285, 1). Die einzige dem Dichter geläufige
Form war Mete schwerlich. Eine Menge Stellen zeigen, daß die vor-
letzte Silbe kurz gebraucht wurde, also hete, vgl. bete ze liebe erzogen
55, 2. ouch bet der wilde Hagene 106, 1. Hetele bete gedanke 238, 4. sie
bete 100I tCisent mile 288, 1. Vgl. noch 431, 2. 485, 1. 495, 3. 499, 4. 502, 1.
529, 2. 550, 2. 551, 4. 556, 2. 606, 3. 629, 1. 644, 3. 677, 2. 713, 2. 746, 4.
755,4. 788,2. 828,1. 852,3. 857,4. 887,1. 887,3. 1012,3. 1022, 4 u. s.w.
bet steht sogar verkürzt in der Senkung vor Consonanten, bet rnan da
unwert funden 301, 3. het lant diu vil riehen 544, 3. het Hagene wol gesehen
550, 1. den siu het fride geiounnen 1526, 1. Einmal im zweisilbigen Auf-
takt, der allerdings durch Elision einsilbig wird, er het siben fürsten
lant 2, 2. Länge ist dagegen überall anzunehmen, wo das Präteritum
in der Cäsur steht. Ich habe hier die Form mit e gewählt, hete, für
den Indicativ wie Conjunctiv, denn wenn sie nicht im Reim steht, so
ist das natürlich, weil auf bete es kein deutsches Reimwort gibt. Das
Nichtvorkommen im Reime spricht aber gegen häte, Conj. hoste (Vollmer
schreibt in beiden Fällen honte). Reime auf äte und äste sind in der
Kudrun durchaus nicht selten, aber niemals reimt häte oder hoste.
Gegen os spricht ferner 1607, 3 do er vergehen hete daz erz gerne toste
(: stcete), weil sonst der Dichter diesen übellautenden Inreim vermieden
hätte, bete ist als Indicativ anzunehmen 45, 1. 103, 1. 180, 3. 186, 3.
189, 1. 327, 2. 456, 2. 601, 3. 611, 3. 623, 3. 641, 2. 663, 4. 672, 3.
679, 2. 693, 4. 798, 1. 875, 1. 1018, 4. 1107, 4. 1205, 3. u. s. w., als
Conjunctiv 127, 4. 209, 2. 282, 3. 297, 4. 489, 3. 589, 2. 794, 2. 847, 4.
906, 3. 929, 2. 989, 4. 1076, 3 u. s. w.
stän und sten kommen neben einander vor; ebenso gdn und gen,
im Infinitiv natürlich nur die «-Form, außer wo gen : sten auf einander
reimen, im Conjunctiv häufiger P. als ä. komen hat im Präteritum kom.
92 FRANZ STARK
Flur, körnen 3 Conj. kceme, nicht a, u, ce. Der Beweis ist ähnlich wie
bei hete ein indirecter, auf die erwähnten Formen würde nichts gereimt
haben, daher erscheinen sie nicht im Reime. Daß aber bei häutigem
Vorkommen des Reimes am niemals kam oder quam erscheint, daß der
Reim -amen gar nicht, wme nur einmal im Inreim (nceme : zceme 740, 3)
vorkommt, spricht deutlich genug für die Formen mit o. Die Hand-
schrift und die Ausgaben schwanken zwischen o und a.
Von einzelnen Partikeln hebe ich hervor, sä im Reime auf da
736, 1; daneben vielleicht sän (: begän) 1583, 1, wie ich statt des un-
richtigen au der IIs. geschrieben; beide Formen neben einander haben
auch Klage und Biterolf, die Nibel. kennen nur sän. Eine dreifache
Form hat das adv. sit, ' nachher', nämlich neben dieser, die durch
Reime 224. 371. 653. 663. 949. belegt ist, noch sint, die häufigste im
Reime 79. 128. 206. 285. 509. 585. 588. 632. 655. 659. 749. 1094.
1253. 1293. 1507. 1579. 1644. 1666. 1670, und sider , im Reime 823.
Auch dieser Gebrauch stimmt mit Biterolf und Klage, sowie mit den
Nibelungen überein.
(Der Schluß folgt im nächsten Hefte.)
ZUR KÜNDE
ALTDEUTSCHER PERSONENNAMEN.
Förstemann führt in seinem Namenbuche I. Sp. 116 den Namen
Aramund auf und zwar aus den trad. Wizenb. n. 8, a. 737. Es ist
dies der Name des Schreibers der bezeichneten Schenkungsurkunde,
der in n. 47, die nur eine Abschrift der n. 8 ist, sich Ferahmundus
unterschreibt. Dieser Name steht aber bei Förstemann als der einer
ganz andern Person ohne jegliche Hinweisung auf Aramund Sp. 404.
Sp. 327 steht Tagibod trad. Wizenb. n. 252, a. 699. In der n. 223,
einer anderen Abschrift derselben Urkunde, ist dieselbe Person Regin-
bodo (abl.), in n. 205 raginbodi (genit.) unterzeichnet.
Sp. 352 werden zu goth. drauhts (populus) gestellt Dructegis trad.
Wizenb. n. 8, a. 737 und Dructimund ebend. n. 232 a. 713. Dructegis
unterschreibt sich aber in n. 47 von demselben Jahre Thrudgis, und
Dructimund erscheint in n. 218 in der Form Drudmund.
Sp. 451 wird der Name Gebagard masc. trad. Wizenb. n. 197,
a. 728 vorgeführt. Dieser Gebagard, Bruder des Rodoin, erscheint in
n. 196, a. 716 als Gebehart. Daß ihr Vater in der n. 197 Eburhard
ZUR KUNDE ALTDEUTSCHER PERSONENNAMEN. 93
statt Hrodoin (n. 196) genannt wird, ist, wie aus dem Inhalt der Ur-
kunde ersichtlich wird, ein lapsus calami.
Sp. 485 findet man ' Carrigus trad. Wizenb. n. 252, a. 699 = Gar-
rigusT Diese Auffassung ist irrig. In den Numern 205 und 223,
welche die n. 252 wiedergeben, heißt dieser Zeuge ( 'haririgus (— Ha-
ririh), welchen Namen als den einer andern Person Pörstemann Sp. 630
eingetragen hat.
Sp. 509 ist verzeichnet Gacibert trad. Wizenb. n. 256, a. 713.
Derselbe aber unterschreibt sich in n. 202, einer andern Abschrift dieser
Urkunde, Gaucibert.
Sp. 578 lesen wir Heino trad. Wizenb. n. 35, a. 737. Es ist
dieser Name der des Priesters, welcher die betreffende Verkaufsurkunde
geschrieben hat. Derselbe heißt in n. 162, welche mit der n. 35 gleich-
lautend ist, Hämo.
Sp. 717 erscheint Chrodin(ns) trad. Wizenb. n. 232, a. 7 13. Die-
selbe Person wird am Anfang der Urkunde Chrodoinus geschrieben.
Auch Rodini (nom.) trad. Wizenb. n. 36, a. 713' unterschreibt sich
Chrodoinus. In diesen beiden Urkunden ist der Spender Chrodoin wohl
eine und dieselbe Person , die noch in mehreren Urkunden als Zeuge
erscheint, da sie dem Kloster als Mitglied angehörte.
Sp. 915 bringt Förstemann den Namen Marcwar trad. Wizenb.
n. 121, a. 781. Allein dieses ist nur eine abgekürzte Form für Marc-
wardvs, den Namen des Mannes, dessen Schenkung an das Kloster in
jener Urkunde festgestellt wird.
Sp. 953 steht verzeichnet 'Narida fem. trad. Wizenb. n. 53, a. 774'
und 'Narid trad. Wizenb. n. 178, a. 774'. In der n. 178 steht aber
Xarido und da diese leibeigene Person in n. 53 Narida geschrieben er-
scheint, so lässt sich das Geschlecht nicht mit Sicherheit bestimmen.
Sp. 1005 ist dem Stamme rad angereiht, Chraduin trad. Wizenb.
n. 234, a. 712. Allein dieselbe Person erscheint in n. 235, 240 und
öfter Chardoinus, ( 'harduinus = Bartwin genannt.
Sp. 1084 begegnen wir dem Namen Seulaig trad. Wizenb. n. 38,
a. 693. Mit Zeuß halte ich ihn für eine verderbte Form des in n. 43,
a. 696 richtig geschriebenen Faolaico. Da die Namen in den betref-
fenden Urkunden mit kleinen Anfangsbuchstaben geschrieben sind, so
liegt das nur in dem /' statt eines /.
Sp. 1284 ist Wigugang trad. Wizenb. n. 178, a. 774 eingetragen.
Dieser Zeuge heißt in der n. 53 vorliegenden Urkundenabschrift Uuidu-
ganuns. Wahrscheinlich ist Widugango in Widugaugo zu ändern.
Ahuliche Verwechslungen finden in den trad. Wizenb. noch öfter
94
FRANZ PFEIFFER
statt. Gauciberlua in n. 239 und Gozbraht in n. 159 heißen n. 218
und n. 17 Gauuibertus.
Ferner dürfte es nicht überflüssig sein, bei der Betrachtung der
Koseformen auf -uni, die Förstemann in seinem Buche verzeichnet hat,
Vorsicht zu empfehlen. Nicht wenige dieser Namen sind casus obliqui
der einfachen hypocoristischen Form, so z. B.:
Otuni trad. Wizenb. a. 699, d. i. in n. 352. Diese Form tritt als
Unterschrift auf und ist ein Casus obliquus, wie Wolfgunde genetrici.
Im Anfang der Urkunde erscheint der Nominativ Octo. Die Nummern
205 und 223 bieten dieselbe Urkunde, und in ersterer finden wir Otto,
Ottuni, in der andern Otto, Ottoni. — Auch Oduni ebend. a. 718, d. i.
in n. 227, ist als casus obliquus zu fassen wie Otune a. 713, d. i. in
n. 192, neben welchem Namen theudone, bataclwne, harduino stehen,
und wie atune n. 47 a. 733, von Förstemann Sp. 131 richtig als Ablativ
bezeichnet.
Sp. 198 verzeichnet Förstemann Petuni n. 242 und Betune n. 243,
beide vom J. 700. Dieser Name gehört in diesen Urkunden einer und
derselben Person zu und steht im Casus obliquus wie Ratone, Adone
gleichfalls in n. 243. Das Gleiche gilt von Bettuni a. 737 d. i. in n. 8.
Die zweite Abschrift dieser Urkunde in n. 47 weist von diesem Namen
den Genitiv Bettonis auf.
Haimuni a. 737, n. 8 und a. 742, n. 1, dann Bittuni n. 1 bei F.
Sp. 590 und 661 zeigen sich gleichfalls als Casus obliqui durch die
Formen Haimonis, Hittonis in n. 47.
Auch Balduni, Ebruni, Erluni, Liuduni, Baduni, die alle neben
dem oben erwähnten Oduni in n. 227 als Namen von Zeugen auftreten,
sind von Förstemann nicht als Casus obliqui , was sie sind , erkannt
worden.
Diese Beispiele , die sich leicht noch vermehren lassen , werden
genügen, die Mahnung zur Vorsicht im Gebrauche des genannten
Buches zu rechtfertigen. FRANZ STARK.
ZEUGNISSE ZUR HELDENSAGE.
Obwohl nachstehende Zeugnisse mehr auf gelehrter Kenntniss
als auf lebendiger Überlieferung beruhen, so mögen sie doch, als bisher
wie es scheint übersehen, hier eine Stelle finden.
1. _ Wir Teutschen aber haben so vil vortails nicht (als die Grie-
chen und Römer). Renner, der gelebt hat Anno MCCC, sagt von
ZEUGNISSE ZUR HELDENSAGE. 95
Erek, Ywan, Tristrand, König Rucker, Partzinal und
Wiglois. Wir kennen sonst den alten Hilbrand, Diterich von
Bern, Herr Eck, Künig Fasolt, Kisen Signot, den Edlen
Moringer, Ritter Pontus und was die Taffeirunde vermag. Es
ist gerhumet Freydank, Ritter vom Thurn, Marcolphus, die
siben Meister und was bey unserm gedeneken ist new worden:
Centinouella, das Narrenscbiff Sebastian Brandt, der Pfaff
vom Kaienberg, Ulenspiegel und Thewrdanck (= Job. Agri-
cola, Sprichwörter. Hagenau 1529. 8. Vorrede Bl. 2b).
2. Bei den Teütschen hat bißher solliches (die Geschichte des
Volkes) niemand in einem besondern buch zu vollbringen understanden.
Wann auch bey den alten etlicher weniger Helden leben beschriben,
ist dieses dermaßen mit unnützen fablen und merleinen besudelt, daß
kümerlich ein schatten der rechten warheit noch vorhanden. Der ge-
stalt ist Herr Thieterich von Bern, Meister Hiltebrandt,
Hürnen Seyfridt, getrewe Eck, Hertzog Ernst und andere
dergleichen von dem gemeinen volck in liedern und meistergesangen
geprisen worden (= Heinrich Pantaleon, Teutscher Nation Helden-
buch. 1. Tbl. Vorrede 2. Seite. Basel 1568. Fol.) f. P.
DAS WESTFÄLISCHE BAUERNHAUS —
EIN ALTDEUTSCHES STALLGEBÄUDE.
Es ist bekannt, daß, nachdem wir glücklich über die Vorstel-
lungen hinaus sind, die man sich, zumal seit dem vorigen Jahrhundert,
von den Wohnungen der alten Deutschen machte, man sich in der
neuesten Zeit gern einen Rückschluß aus der Form der deutschen
Bauernhöfe auf Wohnbauten unserer Vorzeit erlaubt. Diese Annahme
erfreut sich, seitdem sie zuerst, ich weiß nicht wo, aufgetaucht ist,
beinahe allgemeiner Zustimmung und wird auch jüngst wieder in dem
sehr verdienstlichen, leider noch immer nicht vollendeten Buche von
Heinrich Otte: Geschichte der deutschen Baukunst von der Römerzeit
bis zur Gegenwart, 1. Lieferung, Leipzig 1861, vertreten.
Es heißt dort (S. 43): „Die Frage nach der innem räumlichen
Disposition der ältesten deutschen Wohnungen könnte insofern als eine
durchaus müßige erscheinen, als weder Überreste noch schriftliche
Nachrichten darüber auf uns gekommen sind. Dennoch wird bei der
anerkannten Zähigkeit der bäuerlichen Sitten und bei der im Allge-
96 MORITZ HEYNE
meinen stereotypen Form der deutschen Bauernhöfe ein Rückschluß
aus der Gegenwart auf jene ferne Vorzeit immerhin zu ziemlich be-
friedigenden Resultaten führen. Es lassen sich aber nach dem gegen-
wärtigen Stande der Forschung , welche sich neuerdings mit beson-
derer Lebhaftigkeit mit diesem Gegenstände beschäftigt, die deutschen
Bauernhöfe nach zwei wesentlich von einander verschiedenen Typen
in zwei Hauptclassen theilen: die altsächsische und die fränkische
Bauweise."
Die erste Bauweise betrachtet der Verfasser als die älteste, indem
er S. 46 ausdrücklich sagt, daß wir das altsächsische Haus, mit Men-
schen und Thieren unter einem Dache, als ursprünglich und ältestes
deutsches Wohnhaus bezeichnen dürfen. — Man sieht, die eingebür-
gerte Vorstellung von der Rohheit der alten Germanen ist auch hier
noch nicht ganz überwunden; und weil Ammianus Marcellinus (XVII, 1)
von den deutschen Wohnhöfen am Main berichtet domicilia euneta
curatius ritu Romano constriicta ßammis subditis exurebat, so scheint
es dem Verfasser zweifellos, daß die Anlage der alamannischen Bauten
jener Zeit, so wie der ihnen verwandten jetzigen fränkischen Bauern-
höfe nicht unbeeinflusst vom römischen Wirthschaftshofe geblieben sei.
Die citierten Worte des Ammianus rechtfertigen jedoch eine solche
Hypothese mit nichts, da aus denselben offenbar nur hervorgeht, daß
der Schriftsteller bei dem Anblicke der ziemlich sorgfältig gebauten
alamannischen Häuser an die römischen Landbauten und deren ähn-
liche Disposition erinnert ward. Ich lese aus der angeführten Stelle
nichts als ein Compliment für unsere Vorfahren heraus und betrachte,
gestützt auf manigfache Belegstellen, die Anlage jener Häuser, wie
des heutigen fränkischen Bauernhofes, als urdeutsch; doch muß ich
dies hier vorbeilassen , um mich gegen die Meinung zu wenden , als
ob das westfälische Bauernhaus der ursprünglichen und ältesten
Anlage der deutschen Wohnungen entspräche.
In meiner kleinen Schrift „über die Lage und Construction der
Halle Heorot" bin ich diesem Thema noch ausgewichen. Wenn ich
auch immer erhebliche Zweifel an der Originalität des altsächsischen
Typus, wie er sich im westfälischen Bauernhause ausspricht, gehegt
habe und diese Zweifel nie habe begraben mögen in einer wohlfeilen
Begeisterung für den patriarchalischen Zuschnitt jener Gebäude mit
der traulichen Gemeinschaft von Menschen und Vieh unter einem Dache,
mit undurchdringlichem Rauche und Düngergestank: so war ich doch
mit meiner Ansicht über das Verhältniss des westfälischen Bauern-
hauses und der ihm verwandten Anlagen zum altdeutschen Hause noch
DAS WESTFÄLISCHE BAUERNHAUS etc. 97
nicht so weit im Reinen, daß ich sie hätte vortragen können. Dies
soll nun hier geschehen.
An Nachrichten über die Disposition eines altgermanischen Wohn-
hofes sind wir nicht so arm, als gewöhnlich geglaubt wird. Unter-
nehmen wir das freilich etwas mühevolle und doch verhältnissmäßig
nicht sehr ausgiebige Werk, die dürftigen Nachrichten der römischen
und deutschen historischen Schriftsteller von Cäsar und Tacitus ab
bis hinauf ins eilfte Jahrhundert zusammen zu stellen und mit ihnen
die gelegentlichen Schilderungen von Bauten im Otfried, Heliand, in
angelsächsischen Gedichten und andern zu vergleichen, so bekommen
wir ein Bild einer altgermanischen Wohnung, das in einzelnen Zügen
der Schärfe entbehren mag, im Allgemeinen aber zutreffend ist. Eine
künftige zweite Auflage des vom archäologischen Standpunkte aus ge-
schriebenen Otte'schen Buches würde sich der Aufgabe nicht entziehen
können, eine ausgeführte Schilderung der altgermanischen Hof- und
Dorfanlagen, sowie der altgermanischen Holzbaukunst zu geben, deren
letzte Ausläufer in den durch Dahl bekannt gewordenen Holzkirchen
Norwegens zu suchen sind.
Das Charakteristische des altgermanischen Wohn- und Wirth-
schaftshofes ist, wie ich dies auch schon in meiner oben erwähnten
kleinen Schrift angedeutet habe, das Bauen in die Breite, das Anlegen
verschiedener Bauten für die einzelnen Zweige der Wohnung und
Wirthschaft. Wie sehr dies bei allen germanischen Völkern statt hatte,
und wie wenig hierin örtliche oder zeitliche Verschiedenheit änderte,
dafür in Kürze nur ein Beispiel statt mehrerei". Bekannt ist die Er-
zählung des Paulus Diaconus (I. 20) von der Ankunft des Bruders
des Herulerkönigs Rodulf am Hole des Langobardenkönigs Tato und
die Ermordung jenes auf Anstiften der Tochter Tatos, Rumetrud. Die-
selbe theilt nicht das Wohnhaus ihres Vaters, sie hat auf der Hofestatt
ein Haus für sich inne, an dem der Bruder Rodulfs mit seinem Gefolge
vorbei ziehen muß, um nach dem Bau zu gelangen, in dem Tato sich
aufhält. Ganz gleich aber verhält es sich mit den Hofgebäuden des
Geätenkönigs Hredel im ags. Beovulfliede, auch hier hat der ermordete
Sohn Herebeald seine eigene Wohnung unter besonderem Dache (vgl.
Beov. 2456:
gesyhd sorh-cearig on his suna hure
vin-sele vestne. . .).
Daß auch die Altsachsen eine ganz gleiche Raumvertheilung ihrer
Ilof'estätten beliebten, folgt aus mehreren Stellen des Heliand. 6522 lesen
GERMANIA X. 7
98 MORITZ HEYNE
wir, daß der Hauptmann von Capernaum dabin zurück gegangen sei,
nihar he welon chta, bu endi bodlüs;u wie 15 l6 von der Anna gesagt
wird, sie konnte sieben Jahre mit dem Ehegatten bodlö giwaldan.
Warum der Plural zur Bezeichnung eines Gutes? Er drückt wie die
ags. Plurale byrig, vtcas, ho/u einen Gutscomplex aus, der Dichter denkt
sich die Hofestatt mit mebreren Gebäuden besetzt.
Die Gebäude einer solchen Hofestatt (wir wollen uns hier auf
die altsächsische beschränken) waren gewiss so übel nicht. Wenn es
Heliand 1392 heißt:
than tögid he in en godlic hüs,
hohan soleri, the is bihangan al
fagarun fratahun — ;
wenn 612 das Haus, in dem die Hochzeit zu Kana begangen wird,
that hoha hüs genannt wird; so kann die Vorstellung des Dichters von
der Vorzüglichkeit des altsächsischen Hauses (das er doch bei seiner
Schilderung allein im Auge haben konnte) unmöglich so primitiv ge-
wesen sein, als daß wir uns bei seiner Schilderung an das westfä-
lische Bauernhaus erinnern müßten, dieses 12 — 15 Fuß hohe, mit Stroh
gedeckte, aus Holzbindwerk und Lehm aufgeführte Gebäude.
Das altsächsische Wohnhaus hatte aber auch nicht einmal die
oblonge Form , wie das jetzige westfälische Bauernhaus , eine Form,
die überhaupt für Wohnhäuser in Deutschland nicht gebräuchlich war.
Indirect folgt der Beweis für diese Behauptung daraus, daß nach den
betreuenden Beschreibungen im Heliand das altsächsische Haus mit
dem ags. genau übereinstimmt; das ags. Haus war aber nur quadra-
tisch angelegt, wie ich in meinem schon mehrfach erwähnten Schrift-
chen auszuführen die Gelegenheit hatte. Außerdem ist auch der Grund-
riss des nach 816 erbauten Klosters St. Gallen nicht unberücksichtigt
zu lassen. Der Grundriss ist, wie Otte mit Grund für sehr wahrschein-
lich hält, in Fulda gezeichnet worden; er gibt nichts, als einen für
Klosterzwecke etwas modificierten altdeutschen Einzelhof mit Wohn-
und Wirtschaftsgebäuden. Nun ist auf ihm bemerkenswerth, daß alle
Wohngebäude entweder ganz quadratische oder doch dem Quadrate
sich nähernde Form haben. Daß gerade für diese Form eine alte Tra-
dition maßgebend war, ist uns zweifellos.
Wir haben also für das westfälische Bauernhaus weder der An-
lage noch sonst der äußern Form nach aus dem germanischen Alter-
thume einen verwandten Wohnbau aufzuweisen. Wäre das westfä-
lische Bauernhaus als Wohnhaus so alt und so ursprünglich in seinen
DAS WESTFÄLISCHE BAUERNHAUS etc. 99
Verhältnissen, wie Otte meint, so würden wir doch wohl Analogien
dazu im Heliand oder anderswo antreffen, so würde doch auch der an
der Grenze des alten Sachsen entstandene Grundriss des Klosters
St. Gallen darauf einige Rücksicht haben nehmen müssen. Aber überall
sehen wir die Wohnhäuser von ganz anderer Form.
Dagegen entdecken wir verwandte Anlage mit altdeutschen Scheu-
nen und Ställen. Betrachten wir auf dem genannten Grundriss die
Gebäude unter Nr. VI. VII. VIII. IX. XVII. (bei Otte, S. 92; Nr. VI.
Stuterei, VII. Stall für die Kühe, VIII. großer, aus zwei getrennten
Abtheilungen bestehender Stall für Pferde und Ochsen, IX. Scheune
und Werkhaus, XVII. Sämereigebäude), so fällt uns sofort die von
den andern Gebäuden ganz abweichende oblonge Form auf. Vorzüglich
ausgeprägt ist sie in Nr. VIII., und die Ähnlichkeit der Anlage jeder
Abtheilung dieses Stallgebäudes mit dem westfälischen Bauernhause
ist einleuchtend.
Nur um etwas ist jenes Bauernhaus reicher als diese Stallanlage.
Während in St. Gallen die Hirten zu beiden Seiten des Stalleinganges
in engen Verschlagen wohnen, hat der westfälische Bauer besondere
ausgebildete Wohnungsräume an sein Gebäude gerückt. Daher besteht
dasselbe, wie ein Blick auf seinen Grundriss lehrt, aus zwei unter ein
Dach vereinigten Gebäuden. Wo die Pforte an der Ostseite mündet,
ist das Ende der gleichzeitig als Scheune mitdienenden Stallanlage ;
die dann folgende Wohnungsanlage, aus einer Stube, zwei Kammern
und einer Küche bestehend, lässt auch noch in ihrer jetzigen Verstümme-
lung, die die Küche mit dem Herde, als vorderster Theil derselben,
erfahren hat, die ehemalige quadratische Anlage erkennen. —
Das Resultat unserer Betrachtungen ist folgendes. Das Bauern-
haus , wie wir es noch jetzt im nördlichen Westfalen finden, besteht
seiner räumlichen Anlage nach aus einem größern und einem kleinern
Theile, jener die Stallanlage, dieser die Wohnungsräume bildend. Es
hat sich dergestalt aus dem altdeutschen Stallgebäude entwickelt, da ß
diesem nur noch in einem kleinen Anbaue die bescheidenen Wohnungs-
räume des Besitzers unter einem Dache hinzugefügt sind, deren äußer-
stes Glied, die Küche mit dem Herde, beide Bauanlagen verbindet*).
Zu welcher Zeit sich eine solche Verbindung zweier ursprünglich ge-
trennter Bauten ausgebildet, ob dieselbe sich schon sehr frühe in ver-
*) Um das altdeutsche Stallgebäude gleichzeitig als Scheuue verwendbar zu
machen, bedurfte es, da der mittlere Hauptraum (die Diele) als eine geeignete Dresch-
tenne bereits gegeben war, nur der Anlegung einer bequemen Thoreinfahrt.
100
A. LÜTOLF, GETAUFTE THJERE.
einzelten Gegenden Deutschlands als Bedürfhissbau für kleine Leute
entwickelt hat, weiß ich nicht; so viel dürfte aber gegenüber manig-
fachen urkundlichen Belegstellen fest stehen, daß das westfälische
Bauernhaus uns nicht den Typus eines altgermanischen Wohn- und
Wirthschaftshofes, weder des südlichen noch des nördlichen Deutsch-
lands, weder der ältesten noch einer spätem Zeit, aufbewahrt haben kann.
Zur Erläuterung des Gesagten füge ich den Grundriss eines der-
artigen Bauernhauses, sowie des Pferde- und Rinderstalles zu St. Gallen
nach dem Otte'schen Buche bei.
d
l
A. Westfälisches Bauernhaus.
a. Thoreinfahrt, b. Diele, cc. Stallun-
gen für Pferde und Rinder, d. Herd,
e. Stube, /. und g. Kammern, h. Pforte
an der Ostseite, i. Küche.
B. Stallgebäude des Klosters
St. Gallen.
a. Eingang, bbb. enge Verschlage,
Hirtenwohnuugen, cc. ein Hof mit einem
Brunnen in der Mitte, durch den das
Gebäude in eine südliche und nördliche
Abtheilung getrennt wird; ddd. Stallung
für die Ochsen, die Ställe sind an beiden
Seiten, in der Mitte die Diele, eee. Stal-
lung für die Pferde, ebenso angelegt.
MOBITZ HEYNE.
GETAUFTE THIERE.
Zu jenen Sagen, nach welchen frevelhaft getaufte Thiere sich in
wüstende Monstra verwandeln (vgl. die Sagen aus den fünf Orten S. 326.
347), mag folgende Stelle aus der bald nach 679 geschriebenen vita
s. Salabergae (Mabill. Act. SS. O. s. B. saec. IL Venet. 1733. pg. 410)
gehalten werden. Cap. 15. „Siquidem priscis temporibus (quod plerique
memoria adhuc retinent et superstites esse noscuntur qui hoc facinus
viderunt) quod in eodem opido (Lugduno clavato, Läon), ut creditur,
antiqui anguis versutia crudeliter vigebat, plebejos rusticos atque hebetes
homines arte callida ludificabat, de quo scribitur: Cujus mille nocendi
A. MUSSAFIA, ZUM CATO. 101
sunt artes. Nam sub specie Baptismatis idololatriae eos sibi proprie
vindicabat. Denique retroacto tempore et Idolum vocitabant, velut a
Judo incipientes: in medio eorum dumtaxat diabolo debacchante, ple-
rnmque homicidia perpetrabantur. Egerat hoc nequissimus Daemon cal-
lida astutia, ut siquis ibidem proximum alterius quolibet modo debili-
tasset, a consanguineis vel affinitate conjunctis innoxius foret ab effu-
sione sanguinis ; videlicet ut in longius consuetudo nefanda incremen-
tum malignitatis augeret, et miseram urbem suis habenis irretitam
iniquus prredo velut propriam vindicaret. Sed omnipotens miserator
omnium Deus .... olim jam hoc sacrilegum et nefandum facinus a
civitate ista radicitus evacuavit."
A. LÜTOLF.
ZUM CATO.
Einen weiteren Beleg für die große Beliebtheit, deren sich die
sogenannten Disticha Catonis im Mittelalter zu erfreuen hatten, liefert
die Hs. Suppl. Nr. 6 der k. k. Hofbibliothek in Wien*). Es finden
sich nämlich dort Bl. 2a. -23b die Disticha, aber so daß jedem einzelnen
Hexameter und Pentameter ein anderer gleichartiger und mit ihm rei-
mender Vers vorangestellt ist; die Disticha werden demnach zu Tetra-
stichen **). Jeder Strophe folgt eine prosaische Glossa. Da diese Fas-
sung bei Zarncke nicht verzeichnet ist, so ist sie höchst wahrscheinlich
ganz unbekannt. Als Probe gebe ich die drei ersten Disticha:
Non vane cultus intrinseca pectoris icunt
Si deus est animus nobis ut carmina dicunt
Est quia cunctorum finis deus ipse legendus
Hie tibi precipue sit pura mente colendus.
Appetitus humani divina bonitas solummodo vacuum replet antrum.
Deum ergo postpositis ceteris quisque colat et appetat omnique virtuo-
sorum operum pretio sollicite studeat adipisci.
Pac ne pigricies te polluat omnia presto
Plus vigila semper ne sompno deditus esto
*) Papier, XV. Jahrb. 8. 196 Bll. Enthält nebst manchem Anderen Brunelli
speculum stultorum, das Carmen occulti auctoris (viel correcter als in der
von Höfler abgedruckten Hs.), endlich ein lat. Gedicht in elegischem Versmaße, welches
den Titel Probra mulier um fuhrt.
**) Nur hie und da bloß ein Distichon, bei welchem aber dann Hexameter und
Pentameter mit einander reimen.
[02 A. LUTOLF, MAILAND.
Segniciem fugito que carnem corque capistrat
Nam diuturna quics viciis alimenta ministrat.
Exercitium corporis membra consolidans superfluum digerit, hu-
midum calorem naturalem mirabiliter refocillans, vires anime reparai
quarnlibet amovendo rubiginem ut prompte possit objectum preter quem-
libet erroris scrupulum speculari. Celer igitur quisque pigriciam abiciat
que contrarium in homine nimirum turpiter bndiciis (sie; benefieiis?)
suis causat.
Quam loquar injuste vitta prins os mihi cingam
Virtutem primam puto compescere lingwam
Abstineas verbis que possunt vulnus habere
Proximus ille Deo qui seit ratione tacere.
In lapsum effusius lingwe mobilitas est prompta quam non est
in virtutum genere nimirum freno compescere rationis. Hanc igitur
unusquisque studeat silencii hämo connectere ipsamque sollicita pru-
dencie destra sobrie deducere ne fortasse cespitans ducentis ineuria
pudibunda strage irrevocabili casu preeipitet ipsum ducem.
Bei dieser Gelegenheit mag zu Zarncke's Beiträgen S. 5 hinzu-
gefügt werden, daß auch die Hs. 901 der k. k. Hotbibliothek aul
Bl. 136*. - 140b den Cato novus („Lingua paterna sonat") enthält.
WIEN, 26. Februar 1865. A. MUSSAFIA.
MAILAND.
In den Sagen der Urschweiz ist es Mailand, wohin Hexen ihren
Zauberritt unternehmen, z. B. um Zwiebeln zu holen, oder wohin
das wilde Heer Menschen entführt. Auch soll einmal, wie man in
Zürich berichtete, der Teufel am hellen Tage in Mailand herumkutsehiert
sein (vgl. die 'Sagen aus den fünf Orten' S. 187. 199. 201. 253. 452).
Überraschend war es mir nun, aus Schaffhausen (im fUnoth, Zeit-
schrift für Geschichte und Alterthum', von Job. Meyer, Schaff hausen
1863, S. 51) folgenden Kinderreim zu lesen:
cWen min vater gu Meiland fart,
chocht mi mueter nudle,
oben und unne bölle (Zwiebeln) dra,
de mitte lotsis strudle.
Wieder ein Beweis, wie im Kinderreime oft hinter dem scheinbar
Zufälligen ein Rest alten Volksglaubens versteckt sein kann.
Es möchte sich lohnen, dem Mailand der Sagenwelt weitere Auf-
merksamkeit zu schenken. A. LÜTOLF.
LITTERATUR. 1 03
ZUR FRAU 'SELTEN' (SiELDE).
Frau Zselti , wie der Schwizer , Frau Selten } wie der Urner den
Namen spricht, hat sich erbarmungsvoll der nach christlichen Begriffen
vom Himmel ausgeschlossenen ungetauften Kinder angenommen und
führt sie in den wonnevollsten Räumen zwischen Himmel und Erde
herum. Vom Seiten-Bach zu Escholzmatt im Lande Entlebuch kamen
dort für das Dorf die kleinen Kinder (vgl. Die Sagen, Bräuche etc. aus
den fünf Orten S. 77 — 80). Man hat also die Göttin des Glückes und der
Schicksale folgerichtig schon mit dem ersten Dasein und Werden des
Menschen verbunden. Die germanische Saide ist offenbar in das Erbe
der römischen Fortuna eingetreten, wenn nicht beiden eine ältere ge-
meinsame Wurzel zu Grunde liegt. Nahe Beziehung zu dieser erwähn-
ten Bedeutung der Frau Sajide hat jene römische Lampe in der fürst-
lichen Sammlung zu Sigmaringen, von welcher Professor Dr. C. Bursian
in Zürich (in den Jahrbuch, des Vereins von Alterthumsfreunden im
Rheinlande XXXVI, 159) nachweist, daß sie das „navigium fortuna:"
darstelle, in nächster Beziehung zum Werden des Menschen.
A. LÜTOLF.
LITTERATUR.
SCHRIFTEN ÜBER MYTHOLOGIE.
In den letzten Jahren sind mehrere hervorragende Werke über Mytho-
logie erschienen , von denen einige auch die deutsche Mythologie berücksich-
tigen. Dahin gehören: W. Mannhardt, die Götterwelt der deutschen und
nordischen Völker'. Berl. 1860 bei H. Schindler; der I* Tbl. (2 Rthl.) behan-
delt die Götter, der II. Thl. soll über Dämonen und das Weltdrama sich ver-
breiten. Außerdem erschien die zweite, sehr vermehrte Auflage von Simrock's
Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen'. Bonn, bei
Marcus 1864 (s. nachher unter Nr. II). Ferner finden wir mythologische Abhand-
lungen in Programmen und Zeitschriften, namentlich von Schwartz 'die Sirenen
und der nordische Hrsesvelgr, ein Stück Odysseussage' (Abdruck aus der Zeit-
schrift für das Gymnasialwesen, Berlin, 18 63).
Über Schwartzens größere Schriften wollen wir hier Näheres berichten.
1. Außer der Schrift Der heutige Volksglaube und das alte Heidenthum
mit Bezug auf Norddeutschland', die 18 62 in zweiter Auflage erschienen ist,
erwähnen wir den Programm - Aufsatz von 1858 'die altgriech. Schlangengott-
104 LITTERATUR.
Leiten , Berlin , Hauck ; gleichzeitig schrieb Kuhn über die Mythen von der
Herabholung des Feuers bei den Indogermanen . Beide Aufsätze sind zu grö-
ßern Schriften erweitert und selbständig erschienen.
Schwartz (jetzt Gymnas. - Director in Neu-Ruppin) ließ bei W. Hertz
in Berlin 1860 erscheinen: Der Ursprung der Mythologie, dargelegt
an griech. und deutscher Sage (S. 2 9 9). Das Buch enthält eine Einleitung über
den heidnischen Volksglauben in seiner Anlehnung an die Natur, und behandelt
dann die hauptsächlichsten Thierwesen der griechischen und deutschen Götter-
welt und die sich daran schließenden Mythen. Der Verf. will damit zugleich
die reale Grundlage legen, auf welcher der Götterglaube der Griechen und
Deutschen erwachsen ist. Es wird nachgewiesen, wie Wolken, Sturm, Blitz,
Donner und andere Naturerscheinungen in mannigfaltiger Auffassung als Sym-
ptome der Wesen und des Treibens einer andern Welt den Mittelpunkt aller
mythologischen Gestaltung gebildet haben. Ist schon große Vorsicht nöthig bei
Deutung der gefundenen Überreste unser.s Volksglaubens, so läuft man hier auf
diesem universellen Gebiete der Forschung leicht noch größere Gefahr, der
eigenen Phantasie zu viel Spielraum zu lassen. Wir finden hier übrigens bei
mancherlei kühnen und gewagten Zusammenstellungen eine besonnene Forschung
und geistreiche Auseinandersetzung, mit vorwaltender Beziehung auf das Griechen-
thum. Aufgefallen ist mir, daß in einem Werke über den Ursprung der
Mythologie fast nur die eine Seite dieses Ursprungs in Rücksicht gekommen
ist, nämlich die poetische Seite der Naturreligion. Diese und die naturalistische
Seite des Volksglaubens überwiegt in diesem wie in dem neuesten Werke des
Verfassers: Sonne, Mond und Sterne (Berlin, W. Hertz, 1864). Letz-
teres Werk ist mit Recht bezeichnet als erster Theil der poetischen Natur-
anschauungen der Griechen, Römer und Deutschen in ihrer Beziehung zur My-
thologie . Es ist dies ein in seiner Art bahnbrechender Beitrag zur Mythologie
und Culturgeschichte, indem das Werk den Ursprung der mythologischen Vor-
stellungen im Anschluß an die Natur des weitern darlegt. Wir dürfen dabei
den andern Factor nur nicht vergessen, und der ist selbst in den poetischen
Naturreligionen von großer Bedeutung. Es ist hier nicht der Ort, näher darauf
einzugehen 5 wen es interessiert, den verweisen wir auf die Vorrede F. G. Welcher s
zu seiner griech. Götterlehre, III. Bd. Der äußern Natur und ihren Erschei-
nungen, die dem Menschen imponieren, kommt ein angeborner Sensus numinis
entgegen, ein ursprüngliches Gottesbewusstsein im Menschen, auch wenn er auf
der niedersten Culturstufe sich befindet. Dieser Factor sollte auch in der natür-
lichen Theologie mehr betont werden.
Beide Werke Schwartzens müssen indess ein großes Interesse erwecken,
nicht bloß bei Philologen , sondern auch bei Theologen , die in der Regel um
diese Forschungen, die ihnen doch so nahe liegen, sich gar nicht bekümmern.
Auch der Geologe wird genötbigt sein, von diesen mythol. Forschungen Kennt-
niss zu nehmen, insofern die Entwicklungsgeschichte der religiösen Ideen manche
Vergleichungspunkte bietet mit der Geologie, ebenso sehr wie mit derjenigen
Seite der Sprachforschung, zu der W. v. Humboldt den Grund gelegt hat.
Die S. 159 fg. besprochenen anthropomorphischen Vorstellungen von Sonne
und Mond erinnern mich an eine serbische Überlieferung, die ich vor einigen
Jahren erzählen hörte. Ich habe sie nirgend gedruckt gefunden, darum will ich
sie bei dieser Gelegenheit mittheilen. Sonne und Mond werden am häufigsten
LITTERATUR. 105
als Weib und Mann gedacht, nur in dem S. 164 angeführten lithauischen Liede
heißt es: Und als er (der Mond) später nachzog, gewann er den Morgenstern
lieb. Hierüber berichtet nun die serbische Sage, wie folgt:
Einst prahlte der schöne Morgenstern *), daß er den glänzenden Mond
zum Gatten nehmen werde 2). Der Pathe, sagte der Morgenstern zu den übrigen
Sternen, wird bei meiner Hochzeit Gott allein sein; meine Brautführer werden
Peter und Paul sein; die ersten Gäste, die ich zur Hochzeit lade, werden der
heil. Johannes und der heil. Herzog Nicolaus sein; zu meinem Kutscher werde
ich den heil. Elias miethen, und damit einer da ist, der bei der Hochzeit den
versammelten Gästen Geschenke austheilt, werde ich von der Wolke den Blitz 3)
mir ausbitten. Was der Morgenstern da zu seinen Schwestern gesprochen, ge-
schah auch : Er heiratete den Mond, Gott wurde sein Pathe, Petrus und Paulus
wurden die Brautführer, Johannes und Nicolaus die ersten Hochzeitsgäste und
der heil. Elias ward Kutscher. Und als sie so an der Hochzeitstafel versammelt
saßen, theilte der Blitz den einzelnen Gästen Geschenke aus : Er gab Gott das
ganze Weltall, dem Petrus und Paulus schenkte er die Juliwärme *), dem heil.
Johannes gab er Eis und Schnee 5), dem heil. Herzog Nicolaus schenkte er die
Freiheit auf allen Gewässern 6), und der kräftige Wagenlenker erhielt den Donner
und die Feuerpfeile, daher er auch der Donnerer genannt wird 7).
2. P. Amand Baumgarten, Aus der volksmäßigen Überlieferung der
Heimat. Linz 186 4. Druck v. J. Wimmer. I. Heft, 167 S., II. Heft, 100 S.
Der Hr. Verfasser, Professor in Kremsmünster, theilt uns in diesen beiden
Heften manche werthvolle Beiträge zur oberösterr. Volkskunde mit, und zwar
als Sonderabdruck aus den Berichten des Landesmuseums in Linz. I. enthält
Mittheilungen zur volksthümlichen Naturkunde ; II. Aberglauben, Sagen, Sprüche
und Lieder in oberösterr. Mundart. Im I. Hefte ist die Naturanschauung des
Volkes über Himmel und Erde, die Elemente, die Jahreszeiten, Thiere und
Pflanzen reichlich vertreten. Eine nähere Ortsangabe wäre zu wünschen. Das
aus den Wienern in Berlin seit langen Jahren bekannte Lied (S. 104) Kommt
ein Vogel geflogen hätte wegbleiben sollen, zumal da der Text nicht treu wieder-
gegeben ist. Die Wörter Schatzl oder Dierndl sind hier entfernt, und ohne
diese hat das Lied keinen Sinn. Am Schlüsse des I. Heftes finden sich drei
Feuersegen. Viel Werthvolles hat auch das IL Heft. S. 24 bringt die alte
Erzählung von dem Teufel und einem alten Weibe. Wir kennen sie aus Pfeiffer's
Predigtmärlein (Germania III); auch kommt sie vor in Keisersbergs Narrenschiff
(15 20 Bl. 3 3), in Kirchhofs Wendunmuth (1565 im 1. Thle. 3 6 6). Hans
') Serbisch doniza, weiblich.
2) Anders im Deutschen. Nach dem germanischen Mythos war die Sonne mit
dem Glenr (Glanz) vermählt.
*) Der Blitz (munja) ist im Serb. weiblich.
4) Peter und Paul fallen in der griech. Kirche in den Juli, wo die größte Hitze
herrscht.
5) Johann der Täufer fällt in den Monat Jänner. Der Teufel hatte nach dem serb.
Volksglauben die Sonne geraubt, Joh. d. T. hat sie ihm durch Anwendung des Eises
wieder abgenommen.
6) Der h. Nicolaus ist Patron der meisten serbischen Handelsschiffe.
') Wenn es donnert, so sagt der Serbe: Jetzt fährt Elias auf dem Wagen.
106 LITTERATUR.
Sachs hat den Gegenstand als Faßnachtspiel behandelt (Fol. II. 4 , 9 aus dem
J. 1545). S. ferner Luther's Tischreden (Cap. 36). Das vom Hrn. Verf. mit-
getheilte unterscheidet sich von allen dadurch, daß der Schluß legendisch ist,
um zu zeigen, warum die alten Weiber Teufelsköpfe haben. Die S. 4 8 vor-
kommende Redensart einen auf den Hetscherlberg wünschen bezieht der Verf.
auf den Otscher. In meinen Mythen S. 155 ist mehr darüber mitgetheilt.
Sollte nicht bei Hetscherlberg an Hetscherl, d. i. Hagebutten ( Hetschepetsch )
gedacht werden können ?
Im Interesse der deutschen Volks- und Alterthumskuude wäre zu wünschen,
daß diese Mittheilungen in aller Form in den Buchhandel kämen , und alsdann
wäre ein Register durchaus nothwendig. Eine Fortsetzung wäre schon darum
sehr erwünscht, weil Oberösterreich in dieser Hinsicht noch unvertreten ist,
und, wie diese Mittheilungen beweisen, viel Originelles enthält.
3. Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, gesammelt und
herausgegeben von Dr. Jos. Virg. Grohmann. 1. Bd. Prag, bei Calve.
1864. S. 247. Als H. Bd., 2. Abth. der Beiträge zur Geschichte Böh-
mens, auf Kosten des Vereins für Gesch. der Deutschen in Böhmen.
Der Herr Verfasser benutzt seine unfreiwillige Muße, um die Beiträge
für die Sagen- und Volkskunde Böhmens und Mährens fortzusetzen. Der Verein
in Böhmen, der sich die Aufgabe gestellt hat, die Geschichte der Deutschen
aufzuhellen und die darauf bezüglichen Quellen zu sammeln, hat auch sein
Augenmerk auf die Sage, Gebräuche und den Aberglauben des Volkes gerichtet.
Dasselbe geschieht in Salzburg, während es in Wien erst vor kurzem einem der zahl-
reichen Vereine eingefallen ist, sich auch mit dieser Quelle für die Culturgeschichte
des Landes zu beschäftigen. In Böhmen tritt freilich noch das ethnographische Inter-
esse hiezu, indem einestheils der Naturglaube und die Sitte der deutschen Be-
völkerung auf die angrenzenden Stämme hinweist, und anderntheils sich auch
hier zeigt, wie sehr sich Deutsche und Czechen seit Jahrhunderten gleichsam
in einander gelebt haben. Da über die Alterthumskunde der slavischen Stämme
noch so wenig Zuverlässiges vorliegt, so ist es schwer zu sagen : das ist deutsch,
das ist slavisch. In der Vorrede (VI) z. B. meint Hr. Grohmann, das Schmeck-
ostern und Todaustreiben entstammen slavischer Sitte, während ich bei Marburg
in Hessen das Schniackustern ebenfalls gefunden habe (vgl. Vernaleken, Mythen
300, Kuhn nordd. Sag. 373). Über das Todaustreiben in Bayern vgl. Panzer
2, 7 3. Von großem Vortheile ist es, wenn ein Sammler auch mit dem in diesen
Gegenden heimischen slavischen Dialekte vertraut ist und das darin Geschriebene
(z. B. von Hanus, Erben, Kulda und Jiricek) mit Vorsicht zu benutzen versteht.
Der Herausgeber hat mit großem Fleiße alles zusammengetragen , was sich auf
die Gebräuche und den Aberglauben bezieht und vieles aus mündlicher Über-
lieferung geschöpft, namentlich über Götter und Dämonen, Sonne, Mond, Natur-
erscheinungen, Thiere, Pflanzen, Kinder, Hochzeit, Haus und -Hof, Krankheiten,
Tod, Zauber u. s.w. Noch bleibt aber vieles zu ergänzen, was sich auf die
Festzeiten, die gesellige Sitte und die Volksbelustigungen bezieht, in die sich
viel Kirchliches eingemengt hat, z. B. über den Fuchssonntag, Todtensonntag,
die Gebräuche in der Charwoche u. a. Der Herausgeber scheint dies für einen
zweiten Band aufbewahrt zu haben. Im Ganzen werden hier 16 95 Nummern
LITTERATUR. 107
gegeben. Ein ausführliches Sachregister erleichtert das Nachschlagen. Möge der
Verein den andern Band bald folgen lassen.
WIEN, im März 1865. THEODOR VERNALEKEN.
IL
Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen.
Von Karl Simrock. Zweite sehr vermehrte Auflage. Bonn, Marcus 1864.
X und 631 SS. 8.
Das vorliegende Buch ist hinlänglich bekannt, und es wird jeder, der es
gelesen und gebraucht, darüber bereits seine Meinung gebildet haben. Die neue
Auflage bietet von der frühern keine wesentliche Verschiedenheit; Grundanschauung,
Anlage und Beweisführung sind mit geringen Ausnahmen die nämlichen geblie-
ben und gewähren daher keine Veranlassung zu abweichender Beurtheilung. Es
ist daher gleichgiltig, wie in dieser Beziehung die Ansicht des Ref. ausfällt, die
übrigens sich der Mehrzahl der zu seiner Kenntniss gekommenen Urtheile an-
schließt, d. h. eine sehr beifällige ist, so daß ihm nur übrig bleibt auf Einzel-
nes hinzuweisen, was entweder bei dieser neuen Auflage eine besondere Erwäh-
nung zu verdienen scheint oder auch, wenn bereits in der frühern enthalten,
Anlaß zu näherer Besprechung bieten möchte. So z. B. hat zwar Ref. oben
bemerkt, daß das Buch wesentlich das nämliche geblieben ist; indess meldet es
sich jetzt nicht ohne Grund als ein sehr vermehrtes an. Schon der äußere Um-
fang zeigt dies zur Genüge, indem nicht nur die Zahl der Seiten eine größere
geworden , sondern auch letztere selbst bedeutend mehr enthalten als früher.
Sieht man dann näher zu, so findet sich, daß besonders §.8 2 Örwandil und
der Apfelschuß eine beträchtliche Erweiterung erhalten hat; Gleiches findet
statt bei dem §.9 0 Wali und Skeäf , der jetzt aus den frühern §§. 9 0 Wali
und 102 Freyr und Skeäf zusammengeschmolzen und überdies stark vermehrt
erscheint, so wie endlich am Schluß vier neue Paragraphe hinzu gekommen sind,
nämlich 140 Rechtsgebrauch, 146 'häusliche Feste, Geburt , 147 'Hochzeit
und 148 Bestattung. Außerdem aber bieten sich in dem ganzen Buche zahl-
reiche, oft bedeutende Zusätze und Verbesserungen, welche zwar meist die Grund-
ansichten desselben unangetastet lassen, jedoch größtentheils als wahre Vervollkomm-
nungen desselben betrachtet werden müssen. Allerdings lässt sich gegen manches
Einspruch erheben, so z. B. hat Ref. sich nie mit der Ansicht befreunden können,
als seien unter Widars Schuh gute Werke zu verstehen. Simrocks jetziger
Zusatz zu Ende von S. 13 8, der zwar an und für sich richtig ist, vermag ihm,
abgesehen von allem albernen confessionellen Zank noch immer keine andere
Ansicht beizubringen. Was auch die ursprüngliche Bedeutung der weggewor-
fenen Lederschnitzel, so wie von Widars Schuh gewesen sein mag, jedesfalls
dünken dem Ref. die von Simrock zur Unterstützung seiner Ansicht angeführten
Deutungen des T od ten s c h uh es, so wie der schottische Glaube und ähnliches
nur eine spätere, christlicher Anschauung entsprungene Erklärung unverständlich
gewordener heidnischer Gebräuche zu sein , wie dies ja so oft vorkommt. Ref.
ist weit entfernt auf Zänkereien oben erwähnter Art eingehen zu wollen, kann
jedoch bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, verwundert den Kopf zu schüt-
teln über die vom Verf. S. 408 ausgesprochene Meinung, daß sich nämlich
nichts Tadelnswerthes daran finde, einen heidnischen Cult, dem das Volk nicht
entsagen wollte , durch Aufstellung einer aus der Luft gegriffenen Legende
108 LITTEEATUR.
'christlich (?) umzubilden , und wenn er dann dies Verfahren mit der Umgestal-
tung heidnischer Tempel in christliche Kirchen vergleicht, ein Vergleich, der
indess durchaus unpassend ist. Jedoch genug hierüber. Dagegen will Ref.
hier noch kurz bemerken, daß ihm trotz der entgegen stehenden Ansicht Dietrich's,
der sich auch Simrock anschließt, noch immer scheint, als ob in der Völuspa
christlicher Einfluß durchblickt und ihr deshalb eine spätere Abfassungszeit zu-
gelegt werden müsse. Ferner ist dem Ref. der Gebrauch aufgefallen, den S.
von der Länge des nordischen Winters macht, der je nach Umständen bald
sieben, bald acht, bald neun Monate dauern soll (s. S. 322. 374. 332. 343).
Was ist nun das Richtige? —
AVas die sonstigen oben erwähnten Zusätze betrifft, so will Ref. zu §.8 2
(S. 2 6 7) hier folgende Stelle aus einer Arbeit Garcin de Tassy's anführen, wo
es heißt: „On a souvent considere comme une legende fabuleuse Vhisloire de la
pomme que Guillaume Teil dut frapper d'une fleche sur la tele de son propre fils.
Ce qui donne de la probabiliie ä cette opinion , c'est que la mime histoire se trouve
dans leMantic qui a ete ecrit dans le douzieme siede ainsi que dans les chro-
niques de la Scandinauie. Voici cette anecdote. Un roi eminent affectionnait un
esclave dont la beaute aoait attire son attention. II lux e'lait tellement attache qu il
ne poiwait rester sans s'era occuper. II lui donnait le pr emier rang sur ses autres
esclaves; il t aoait toujours devant ses yeux. Lorsque le roi s'amusait ä tirer des
ßeches dans son chäteau, cet esclave tressaillait de peur, parceque le roi prenait
pour but une pomme quHl lui mettait sur la tete. Or , lorsque le roi fendait cette
pomme , Vesclaoe e'tait malade de frayeur. — Au surptlus il parait que la chose
est quelquefois pratique'e encore en Orient par dhabiles tireurs. Ainsi, dans un
des chants popidaires p>ersans publies par AI. Chodzko, un domeslique se plaint de
ce que son maitre mettait une rose sur sa tete et s'en servait de cible pour de-
charger son fusil". La Poesie philosophique et r eligieuse chez les
Persans, d' apres le Mantic Utta'ir etc. par G. de T. 3me ed. Paris IS 60
p. 37. Vgl. Grimm D. M. 35 5, zweite Anm. , die durch das eben Angeführte
Bestätigung erhält. — In den neu hinzugekommenen Paragraphen heißt es unter
anderem S. 553: In der Edda wird erzählt, wie der Niflungehord zu Stande
kam: zur Mordbuße für Hreidmars Sohn, den drei Äsen auf ihrer Jagd in
'Ottergestalt erlegt hatten. An die Stelle des Goldes tritt bei manchen Bußen
Getreide, dessen goldene Körner auch sonst dem Golde verglichen werden .
Hierzu gehört auch die Bemerkung S. 37 3: Das Hüllen und Füllen ist
nach RA. 671 altes Recht bei der Mordbuße oder dem Wergeid. Da man
aber mit der Redensart die Hülle und die Fülle einen großen Überfluß
zu bezeichnen pflegt, so war die Eddische Erzählung, als sich die Redensart
bildete, in Deutschland noch unvergessen . Letzteres ist jedoch keineswegs die
nothwendige Folge ; denn die Redensart kann sich aus dem Rechtsgebrauch ge-
bildet haben. Wie weit verbreitet übrigens derselbe einst gewesen sein muß,
erhellt daraus, daß er sich sogar jetzt noch bei den Timannis (östlich von Sierra
Leona) findet , in Bezug auf welche berichtet wird : Les de'pendans de quelques
chefs sont obliges de leur fournir annuellement autant de rix quil en faul pour
couvrir le sommet de leur tete, eux etant debout , en plein air , et le riz entasse
comme on ferait d'une charge de pistolet pour cacher la balle dans la paume de
la main . S. Latng's Reise nach Timanni u. s. w. 1822, bei Albert-Montemont,
Bibliotheque universelle des voyages vol. 28 p. 40. Vgl. auch noch Benfey's
LITTERATUR. 109
Orient und Occident 2, 682. — Da Ref. hier den Abschnitt III 'Gottesdienst'
berührt hat, so will er auch noch einige weitere Bemerkungen in Bezug auf
denselben hinzufügen und zwar zuvörderst eine nicht eigentlich die Mythologie
betreffende. Simrock erwähnt nämlich S. 512 Walther 's Vermächtnis s',
und dabei fällt dem Ref. die berüchtigte Semmelgeschichte ein. Wie weit die-
selbe begründet sei, ist noch nicht genügend festgestellt, weshalb es vielleicht
nicht ohne Interesse sein dürfte, zu erfahren, daß auch anderwärts und zwar
schon viel früher dafür Sorge getragen wurde, die Canonici gewisser Kirchen
mit Semmeln zu versorgen , wozu man reichliche Renten aussetzte. Von dem
Lütticher Bischof Waso wird nämlich berichtet: Item Van müh et. LV. ordinal
11 evesque Waso les pains de semble que ons envoial as canoinez de son englise
et le donoit ons pluseurs fois l an. IX. fois. et assenat le rentez plantineusemenl
et chu fist ilh par grant honour. S. Jean d' Outremeuse Chronique de Liege
vol. II. fol. 2 31a. Bibl. de Bourgogne no. 19304. ■ — Ferner heißt es bei
Simrock S. 518: Für die Vorstellung, zu welcher Sigrdr. 3 Anlaß giebt, als
hätten die Deutschen sitzend gebetet, könnten deutsche Gräber sprechen, welche
die. Todten in sitzender Stellung zeigen. Diese Deutung ist jedoch nicht so
ansprechend wie. jene andere D. M. 1220 angeführte, wonach diese auffallende
Behandlung der todten Leiber vielleicht den Menschen wieder in dieselbe Lage
versetzen solle, die er vor der Geburt im Schöße der Mutter eingenommen habe.
So wäre die Rückkehr in die mütterliche Erde zugleich Anzeichen der künftigen
neuen Geburt und Auferstehung des Embryons . Man vergleiche hierzu die tref-
fenden Bemerkungen bei Bachofen, Gräbersymbolik der Alten S. 391 cf. 9 1 und
dessen Mutterrecht S. 16b, wo dieselbe Begräbnissweise auch bei den Troglo-
dyten nachgewiesen wird. Sie findet sich übrigens noch jetzt in König-Georgs-
land (Südküste von Neu-Holland) , worüber berichtet wird : Les funerailles sont
accompagne.es de lamenlations brnyantes. On creuse une fosse de quatre pieds de
long, trois de large et six de prqfondeur, au bas de laquelle on depose une ecorce
de rameaux verts , et le corps par dessus, enveloppe de son ?nanteau, les genouz
replies vers la poitrine et les bras croises; on couvre le tout de branches etc.'
S. Albert-Montemont 1. c. vol. 18 p. 42 (nach Scott-Nind). — Über die S. 52 6
erwähnte Hegung durch einen Seidenfaden (vgl. 59 5 Brautseide) hat
Ref. im Philologus Bd. 19 S. 58 2 ff. gesprochen und Nachträge in seiner
Anzeige von Simrocks Edda 3. Aufl. in den Gott. Gel. Anz. 18 65 gegeben.
— Der kalte Stein, welcher nach dem Volksreim der Regen spendende heilige
Severin in den Rhein warf (s. S. 54 2) erinnert an den Regenstein, über
welchen vgl. den Ref. in den Heidelb. Jahrb. 1863, S. 584; füge hinzu
Oppert Presbyter Johannes. Berlin 1864, S. 104, vgl. 102, Anm. 2. — In
Betreff des S. 579 besprochenen Osterhasen, der die Ostereier legen soll,
so wie der phallischen Bedeutung der rothen Farbe vgl. Bachofen, Gräbersym-
bolik, im Register s. vv. Hase, Ei und Roth. — Daß die S. 582 erwähnte
Sage von dem wandelnden Walde (worüber vgl. Grundtvig, Danmarks Gamle
Folkeviser 1, 2 73 Anm. und den Nachtrag ebend. 42 7b) den von Simrock ver-
mutheten Ursprung habe, ist nicht wahrscheinlich, da sie sich auch bei den
Arabern findet; s. Freytag, Arabum Proverbia 2, 8 6 no. 37, wo es heißt:
Onager sanguinem suum magis custodit. — De eo dicitur qui multum cavet ; onager
enim quam maxime cautus est. Prouerbium hoc mulieri Sarka Aljemamah appel-
latoz ascribitur. Viderat e longinquo hostes advenientes , quorum quüibet ramo se
| 1 0 LITTERATUR.
tegebat, ut sylva decedere vklerelur. Cujus de re certiores facti socit qimm ejus
verbis fidem non liaberent et ipsa fugientem onagrum eodem tempore conspexisset,
dixit: Onager sanguinem suum magis custodit, quam pastor in grege sua. — Die
Sitte des Mail eh ns, die Simrock S. 58 3 bespricht (vgl. auch oben Bd. I,
S. 6 4), wird wohl einst einen andern Sinn gehabt haben und aus einer Zeit
stammen , wo die Mädchen dem Meistbietenden zur Ehe überlassen wurden, wie
dies Herodot 1, 196 von den Babyloniern und illyrischen Venetern berichtet,
so daß sich auf ein hohes Alter und weite Verbreitung dieses Gebrauchs schließen
lässt. — ■ In Betreff des S. 585 erwähnten Gadebasse vgl. den Ref. in den
Heidelb. Jahrb. 1864 S. 827, woraus erhellt, daß auch der nach D. M. 743
(Simrock 27 1) in der Halberstädter Procession umgeführte Bär ursprünglich
ein Eber gewesen sein wird, wie auch St. Stephan (= Frö) vermuthen lässt;
und deshalb wird ferner bei dem D. M. 7 45 erwähnten Wildifer (Wildefor)
nicht die Bärenhaut, sondern der Name das Ursprüngliche und letztere nur später
hinzugefügt sein, um einen vermummten Tanzbären zu erhalten. Übrigens scheint
auch Grimm 1. c. irrthümlich das dän. basse für ursus genommen zu haben. —
Diese Bemerkungen boten sich dem Ref. gelegentlich des oben erwähnten
letzten Abschnittes des vorliegenden Buches. Was die frühern betrifft, so will
er noch folgende Einzelheiten hinzufügen, die vielleicht zur Bestätigung oder
Berichtigung verschiedener Punkte dienen dürften. So gleich zu S. 2 1 eine Sage
der Eingeborenen auf den Philippinen, wonach vor Erschaffung des Himmels
und der Erde ein Mann, Namens Puntan, den leeren Raum bewohnte und bei
seinem Tode seine Schwester beauftragte, aus seiner Brust und seinen Schultern
Himmel und Erde, aus seinen Augen Sonne und Mond, und aus seinen Augen-
brauen den Regenbogen zu machen", s. Nouveau Journal asiat. 8, 3 3. Hierher
gehört auch ein chinesischer Mythus, welcher so lautet : At the death of Pioan-
koo, a creature of the Yin-Yang (i. e. the Dual principle), Ms breath was changed
inlo wind and clouds; Ms voiee into thunder - peals ; Ms right eye became the sun;
Ms left, the moon ; Ms members, the four poles, and the ßve mountains ; Ms blood
and humours, streams and rivers; Ms sineivs and arter ies, the terrestrial globe; his
flesh, land and acres ; the hair of his head and ichiskers, the stars ; the hairs of
his skin, plants; his teeih and bones , metal-rock ; Ms marrow , pearl and precious
. slones ; Ms flowing Perspiration, rain; and the insecis which stuck to Ms body, the
black-haired people (Chinese?). S. Remarks on the Yih-She, a Historical Work
of the Chinese in Fifty Volumes , by the Rev. C. Gutzlaff im Journal of the
Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland 3, 2 7 3. — In Betreff des
Nobiskruges (S. 160) s. eine Abhandlung des Ref. im Philologus Bd. 20,
S. 3 78 ff.: Ein alter Brauch, wozu er hier noch hinzufügen will, d;iß auch
in der Nähe der heiligen Stadt Mesched in Khorassan sich auf dem Wege von
Nischapur her eine Anhöhe, Salem-Sepessi (Hügel des Heils) genannt, befindet,
von der Folgendes berichtet wird: Chaque pelerin regarde comme un devoir reli-
gieux de marquer son passage par ce col en ajoutant une ou plusieurs plaques d'ar-
doises, tres-communes dans ces montagnes, aux debris de la meine röche (d. i. Stein-
art) empiles par lex pieux predecesseurs en nombreux pyramides au sommet de la
montagne du saluL S. Le Tour du Monde 1861, IIme sem. p. 278. —
Mit der von Simrock S. 2 22 angeführten Oervaroddssage vergleiche man
die ähnliche serbische (s. Maßmann, Kaiserchronik 3, 8 7 0), deren Schluß jedoch
eine abweichende Wendung erhalten hat, obwohl in beiden ein Schädel eine wich-
LITTERATUR. 1 ] 1
tige Rolle spielt und in letzterer gleichfalls eine Schlange vorkommt, wie in der
nordischen Sage. Die serbische scheint aus zwei ganz verschiedenen Theilen
zusammengeschweißt. — Die von Simrock a. a. O. aus den 7 00 nützlichen
Historien mitgetheilte Geschichte stammt aus Aes. Kor. 264 (Palm 3 4 9) TIaig
Kai nccz7]Q ; vgl. B. Waldis 3, 40 Vom Jüngling und einem Löwen' und dazu
Kurz*). — In Betreff des Sonnenhirsches (S. 303. 353 ff.) will Ref. darauf
hinweisen, daß auch bei den Rothhäuten der Sonne das Bild eines Hirsches ge-
weiht wurde, s. J. G. Müller, Gesch. der amerik. Urreligionen S. 70, so wie
daß die Sonne bei den arabischen Dichtern als Gazelle bezeichnet wird;
s. F. G. Bergmann, Les Chants de Söl (Solar lioct) Strasb. et Paris 1858,
p. 110, der auch darauf hinweist, daß in den semitischen Sprachen der Aus-
druck Hörn von den Lichtstrahlen gebraucht wurde, wodurch sich also die
Tödtung Beli s vermittels eines Hirschborns vielleicht erklären möchte. Bergmann
selbst deutet freilich letztere auf ganz andere Weise ; s. dessen Fascination de
Gylfi (Gylfaginning) ebendas. 1861, p. 303 f. — Was die Geschwisterehe
anlangt, der wir bei Niördr und Freir begegnen (Simrock 341. 3 4 2), so ist zu
bemerken, daß sich hierin der Überrest einer einst weit verbreiteten Sitte wieder-
findet, über welche zu vergleichen Bachofen, Mutterrecht im Register s. v. Schwe-
ster (Schwesterheirath). — Hinsichtlich der S. 350 angeführten zwei Sagen vom
Ertrinken im Faß bemerkt S. ganz treffend, daß darin der Mythus von dem
Sonnengott, der allabendlich in den Fluthen des Meeres untergebt, nicht zu ver-
kennen sei; ferner aber möchte Ref. daraus auch auf uralte, dem Sonnengott
durch Ertränken in Fässern dargebrachte Menschenopfer schließen, woraus dann
eine gleiche Todesstrafe hervorgieng, die noch im 16. Jahrb. in Gebrauch war;
so heißt es in der Geschiedeniss van Antwerpen etc. bewerkt door Mertens en
Korfs. Antw. 1848 vol. IV. p. 50: Vier dagen te voren [i. e. 6. Juli 1557]
had men op liet Steen [dem alten Stadtgefängniss zu Antwerpen] vier Tierdoopte
vrouwlieden in een wynvat verdronken ; wodurch also die aus Shakespeare bekannte
Sage von dem in einem Weinfasse ertränkten Herzog von Clarence, dem Bruder
Richards III. , einen historischen Grund gewinnen dürfte. Über Todesstrafen
als Nachahmungen von uralten, einst bei Menschenopfern zur Anwendung ge-
kommenen Tödtungsweisen s. den Ref. in Benfey's Orient und Occident 2, 274 ff.
— Warum bei dem Umzüge des Isisschiffes in Deutschland besonders die Weber
und Tuchmacher und dann wieder die Frauen als die vorzugsweise webenden
eine so hervorragende Rolle spielten (S. 3 88 f. vgl. 5 5 5), erklärt sich daraus,
daß man alle großen Naturmütter als webende Gottheiten aufgefasst findet und
*) Ebendas. führt S. nach der Orkneyingasaga (steht auch in Heimskringla
s. D. M. 874) an, daß Sigurd das Haupt des erschlagenen Schottenfürsten an den Steig-
bügel (Sattel, slägolar) band. Dies war eine alte und weitverbreitete Sitte, s. Grimin,
Gesch. d. Spr. 141; füge hinzu Diod. 5, 29, der von den alten Galliern sagt, daß sie
die Köpfe der getöclteten Feinde den Pferden um den Hals hängten; vgl. Strabo p. I!>7.
Gleiches findet sich in einem bretonischen Volksliede bei Villemarque 4"" od. I, 159 und
fand sich auch in einem norwegischen, das aber jetzt verloren ist; s. Grundtvig Dan-
marks Gamle Folkeviser 2, G'441', in welchen beiden der Sattel genannt wird, während
es wieder in einem hinterindischen (anamitischen) Volksgedichte heißt; ' Van-tien . . .
suspend la töte de son ennemi au cou de son chevaV S. Journal asiat. VI"" st'r. :', 153
und ebenso wird in Sadi's Bostan, übersetzt von Graf 1, \'1'.}>, dem gegen Ilatim ims-
gesandten Mörder, als er zurückkehrt, entgegengerufen: Warum ist nicht sein Kopf
ans Pferd gebunden V1
1]2 LTTTERATUR.
deshalb auch die Saitische Göttin Erfinderin und Beschützerin der Weberei ist.
Man sehe hierüber die schöne Ausführung von Bachofen, Gräbersymbolik 3 08
bis 315; ferner das Register s. v. Weben. — Auf die Gefahr hin, eine an-
sprechende Combination Simrock's zu zerstören (S. 4 51), möchte Ref. den Namen
des Meisterdiebes Agez nicht von Oegir, sondern von dem ahd. agalstra (Elster,
pica) ableiten, woraus auch das wallon. aguese herstammt. Grandgagnage in seinem
'Dict. de la langue walonne hat hierüber Folgendes: Aguese (pie) . . . ancien
franc. agace, it. gazza. De Vancien haut allem, agalaslra, dont la forme
abregee ag aistra se trouve ap. Dvcange v. Migale; moy. h. allem, a g eist er,
ancien bas sax. agastria, Jwll. aakster etc. Die diebische Natur der Elstern
ist bekannt und daher nicht zu verwundern, wenn einem Meisterdiebe der Name
Elster gegeben wurde. Ob man hierbei auch an das zauberische Wesen dieses
Vogels dachte (vgl. Simrock 49 8), bleibt dahingestellt. — Der S. 473 (nach
D. M. 4 7 9) erwähnte Shellycoat ist kein Hausgeist, sondern ein Wassergeist, über
den W. Scott in der Einleitung zur Minstrelsy of the Scottish Border bemerkt :
Shellycoat, a spirit who resides in the waters, and has given his name to many
a rock and stone lipon the Scottish coast. Sein Name wird also wohl Muschel-
rock bedeuten, nicht Schellenrock . Hat überhaupt shell auf englisch die Be-
deutung Schelle ? vgl. jedoch Müllenhoff, Sagen u. s. w. Anm. zu S. 3 19. —
Was die von S. 48 4 erwähnte Sage vom Mäusethurm betrifft, bei welcher
Gelegenheit des Ref. Besprechung derselben in der Zeitschr. f. d. Myth. ange-
führt wird, will Ref. auf die Nachträge dazu in seiner Anzeige von Grohmann's
Apollo Smintheus in den Heidelb. Jahrb. 1862, S. 935 ff. verweisen, wobei
er seine dort ausgesprochene Meinung wiederholen muß, daß er nämlich seine
Deutung des in Rede stehenden Sagenkreises zwar keineswegs für die einzig
mögliche halte, daß sie ihm aber bis jetzt noch nicht widerlegt scheine. Daß
Mäuse oft für Seelen stehen, thut hierbei durchaus nichts zur Sache. Die Sage
in ihrer jetzigen Gestalt ist eben nur aus einer spätem Deutung einer uralten,
unverständlich gewordenen Sitte hervorgegangen. Doch kommt Ref. hierauf wohl
ein andermal ausführlicher zurück und bemerkt nur noch, daß das von S. ange-
führte holl. meisje nicht sowohl Kind überhaupt, sondern Mädchen bedeutet
und mit Maus, holl. muis in keiner etym. Verbindung steht; vgl. Gramm. 3, 6 85.
Hiermit will Ref. schließen, sich Anderes zu eingehenderer Erörterung
für andere Gelegenheit vorbehaltend, will jedoch nicht unerwähnt lassen, daß
das Register hätte vollständiger sein können, sowohl in der Zahl der darin ent-
haltenen Artikel, wie in den Verweisungen selbst der letztern, die oft an mehr Stellen
als den angegebenen besprochen sind, so wie andererseits der Druckfehler in dem
Buche nicht wenige und oft störende sind, namentlich in den Zahlen, wozu
auch gehört, daß im Text wie im Register nicht selten Zahlen der frühern Aus-
gabe, die. jetzt abgeändert werden mußten, stehen geblieben sind; z. B. S. 226,
Z. 14 statt 223 1. 201 u. s. w. u. s. w. So auch beziehen sich S. 70 die Zahlen
405. 408 auf die erste Ausgabe der Edda, die Zahl 438 auf die dritte.
Ferner muß es S. 123 Z. 4 v. u. heißen 'um Lucifer's Kette ; vgl. hierzu
J. V. Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, Prag
1864, Bd. I, S. 27 no. 133; — S. 356 Z. 5 v. u. 1. 'Natur der Verbundenen'
— und S. 361 Z. 2 v. o. 1. von Freya auf Frigg.' — Doch genug hiervon.
Lieber will Ref. mit dem Ausdruck seiner Freude schließen, daß Simrock's Ar-
beit jetzt in einer so bedeutend vervollkommneten Gestalt auftritt, und den
LITTERATUR. 113
Wunsch hinzufügen, daß es dem Verfasser vergönnt sei, sie noch oft auf die-
selbe Weise zu erneuern.
LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT.
Über den Ursprung und die Bedeutung des Namens Germanen von
K. A. F. Mahn. Berlin, Diimmler. 1864.
Daß Mahn, der die geographischen Namen so schön aus den sogenannten
keltischen Sprachen erklärt, meine Deutung des Namens Germani annehmen
würde, habe ich nie zu hoffen gewagt, und es kann mich daher nicht über-
raschen , daß er mich von seinem Standpunkte aus widerlegt. Er verfährt dabei
aufrichtiger und unbefangener, als Keltologen zu thun pflegen ; er will nicht mit
Pfiffigkeit oder Gewalt seine Ansicht in die Stellen der Alten hineintragen, son-
dern er gibt zu , daß die Meinung der Alten eben die sei , welche ich sonder-
barerweise für die richtige halte, aber er kann es nicht begreifen, wie man der
modernen Etymologie gegenüber auf die Meinungen der unwissenden Alten das
geringste Gewicht legen kann. Die Sache stellt sich also sehr einfach. Auf
einer Seite steht meine Ansicht, gestützt auf Thatsachen und ausdrückliche An-
gaben der Alten; auf der andern Seite steht die Ansicht Mahns, gestützt auf
die scharfen und festen Principien der etymologischen Sprachwissenschaft'. Nicht
weniger als fünf keltische Etymologien des Namens Germani werden vorgebracht.
Die erste derselben scheint dem Verfasser zweifelhaft; aber die vier andern sind
vortrefflich und eigentlich untadelhaft, alle durch die bekannten scharfen und
festen Principien neukeltischer Sprachwissenschaft gewonnen. Unbegreiflich ist
es mir, wie Mahn dazu kommt, am Schluß seines Schriftchens mich öffentlich
aufzufordern, deren noch weitere zu liefern. Ich habe mich allerdings dazu er-
boten, falls die Herren in Verlegenheit kommen. Nun sagt zwar Mahn, ich
bin in Verlegenheit , aber das ist ja nicht wahr. Er mit seinen vier ausgezeich-
neten Etymologien hat kein Recht , von mir noch weitere zu verlangen. Bei-
läufig will ich aber eine Ungenauigkeit, die mir entschlüpft ist, berichtigen. Ich
sage, Zeuß habe den Namen als kleine Nachbarn' erklärt; das ist allerdings
ungenau. Zeuß sagt, Germani sei ein Compositum aus ger und man: ger be-
deutet vicinus und man parvus ; also sollte man meinen, daß german bedeute
vicinus parvus ; allein Zeuß meint, das Wörtchen man in german sei nicht das
bekannte man parvus , sondern ein anderes von unbekannter und unmerklicher
Bedeutung.
Mahn spricht nicht nur gegen meine Erklärung des Namens Germani.,
sondern er findet auch noch Raum, einige Beispiele der mir eigenen Flüchtig-
keit, die das genaue Zusehen scheut' vorzulegen. Man wird erwarten, daß Mahn
selbst im genauen Zusehen um so sorgfältiger sei. Leider ist es nicht der Fall :
er beschuldigt mich , eine Stelle aus Appian falsch verstanden zu haben , ohne
aber selbst die Stelle anzusehen, sondern mit Berufung auf einen Artikel in
Ilerrig's Archiv. Es diene ihm also zur Nachricht, daß der unglückliche Schrei-
ber jenes Artikels seine Übereilung bitter bereut und mich um Verzeihung ge-
beten hat. Ich verlange nicht, daß Mahn dasselbe thue, und es thut mir leid,
daß ich einem Gelehrten von Verdienst diese Beschämung nicht ersparen kann.
HEIDELBERG, Februar 18G5. A. IIOLTZMANN.
GERMANIA X. 8
114 LITTERATUR.
Biblisches Wörterbuch, enthaltend eine Erklärung der altertümlichen und
seltenen Ausdrücke in M. Luther's Bibelübersetzung. Für Geistliche und
Lehrer. Von W. A. Jütting, Gymnasiallehrer zu Aurich. Leipzig, Druck
und Verlag von B. G. Teubner. 18 64. 8. XVIII u. 234 S.
Der Titelzusatz Für Geistliche und Lehrer' sagt uns von vornherein, daß
die Bestimmung des vorliegenden Buches eine populäre sei. Dieser Zweck verbot
selbstverständlich eine bloß lexikalische Zusammenstellung und eine lakonische
Sprache , die dem Fachmann oft am willkommensten erscheinen muß. Die ab-
handelnde Darstellung, welche Jütting wählte, hat sicher für den, welcher in
diesem biblischen Wörterbuch seine erste Belehrung sucht, viel Ansprechendes,
während sie für den in der Grammatik und Lexikographie Bewanderten etwas
Ermüdendes und Hinderndes haben dürfte. Wenn ich trotz des populären Zweckes
und der dadurch bestimmten Form das vorliegende Buch in der Germania zur
Anzeige bringe, so geschieht es, weil mir dasselbe auch in gelehrter Hinsicht
eine anerkennenswerthe und für das Studium des Neuhochdeutschen sehr förder-
liche und. brauchbare Arbeit zu sein scheint. Der Verfasser bewährt überall
tüchtige Kenntniss sowohl der altern Sprache überhaupt als insbesondere des
Lutherischen Sprachgebrauchs. Auch hat er bisweilen mit Recht auf neuere
Schriftsteller und auf die lebende Mundart Bedacht genommen. Eine beträcht-
liche Anzahl von Quellen und Hilfsmitteln hat er fleißig benutzt und außerdem
erfreute er sich thätiger Beihilfe , namentlich von Seite Prof. Weigand's in
Gießen, dem das Buch auch gewidmet ist. — Es sei gestattet, zu einigen Ein-
zelheiten ein paar Bemerkungen und Nachträge zu geben.
Seite 1 6 wird erwähnt , daß Luther bawen (für bauen) , wie trawen für
trauen, Sawerteig für Sauerteig u. s.w. schrieb, und hinzugefügt: Dieses w, ein
Halbvocal, entsteht durch Contraction der Lippen aus u, wie in der lat. Schrift
das w aus zwei u (v) besteht und deshalb von Engländern auch dobble u ge-
nannt wird, wie sie es auch ohne Berührung der Oberzähne und der Unterlippe
sprechen. Hier ist ein linguistisches und phonetisches Princip mit einem ortho-
graphischen unrichtig in Verbindung gebracht. Jenes w ist zu Luther's Zeit
kein Halbvocal, sondern vertritt den Vocal u und ist zugleich eine Reminiscenz,
ein orthographischer Archaismus in solchen Worten, denen die Ableitungs-Spirans
w zukam.
S. 2 6 wird bei Gelegenheit der Betrachtung der Vorsilbe ge, die früher
viele Infinitive (soll heißen Verba) hatten, sie aber jetzt abgeworfen haben, ge-
sagt, jene Vorsilbe fehle' oft bei Luther, wo wir sie haben. Nach dem That-
bestand ist dies ganz richtig, es ist aber nicht gut grammatisch ausgedrückt.
Die Silbe fehlt' nicht, sondern die Lutherische Zeit bedurfte ihrer nicht, wo
wir sie eingeführt haben. Gerade in solchen kleinen Dingen muß man im Aus-
druck äußerst behutsam sein, namentlich Laien gegenüber, die sonst allzuleicht
die Ansicht erhalten oder in ihr bestärkt werden, als sei der frühere Gebrauch
ein unrichtiger gewesen, den die glückliche und erleuchtete Nachwelt beseitigt habe.
Seite 36. Zu Dolmetscher (tohneczer vom mhd. Wb. III, 46 aus dem Vocab.
Vrat. angeführt) kann ich hinzufügen , daß diese erst vom Verbum (lohne Ischen
genommene Bildung anstatt der früheren und organischen dolmetsch, tobnetsche,
LITTERATUR. H5
lohnetze schon vorkommt in der mitteldeutschen Übersetzung der vier Evangelien
und der Vorreden des Hieronymus vom J. 1343 (s. Germ. 7, 22 6 ffg.) , mit
deren Herausgabe ich gerade beschäftigt bin, und zwar in den Formen tohuelsclier
und tolmetschere, letztere wohl = tolmetschere, tolmetschozre.
S. 5 2. Beim Worte Fahr wird gesagt, daß diese Form' allmählich der
Form Gefahr gewichen sei. Gefahr ist aber Fahr gegenüber keine Form, son-
dern eine Bildung': ein Unterschied, der auch sonst nicht immer genau fest-
gehalten wird.
Seite 71, Zeile 19 von oben ist geligen statt geliegen zu schreiben.
S. 9 7. Zu Jüngster Tag' und Jünger hätten wir, wie überhaupt bei
allen aus alter Zeit stammenden biblischen Terminis gewünscht, daß der Ver-
fasser Raumer's Einwirkung des Christenthums auf die althochdeutsche Sprache
angezogen hätte. Es ist allerdings recht oft geschehen, allein hier war Gleich-
mäßigkeit und Consequenz geboten.
S. 112 wird über das Wort Lauberhüttenfest und die seltsame Form
Laubrüst gehandelt. Aus jener mitteldeutschen Bibel kann ich eine noch ältere
Form als laubrosz , das der Voc. theut. vom J. 1482 gewährt, nachweisen, die
vielleicht die älteste ist, nämlich louberat. Die Vulg. hat scenopegia, der griech.
Text CK7]vont]yta, im Deutschen wird also wohl auch eine Zusammensetzung
stehen, und da liegt nahe loube-rat, loube-rät, Bildung wie Vorrath, Hausrath,
was dem Originalworte entsprechen würde: Hüttenzurüstung, Hütteneinrichtung.
Im mhd. VVb. II, 1, 72 6 wird das Wort unter louprise stf. gestellt. Sollten
zwei Worte zusammengeflossen sein?
S. 155, 5G. Der Artikel Rosinfarbe ist trefflich und verdient besondere
Beachtung.
S. 18 7. In der Anmerkung heißt es : Luther hat eu oder eio fürs mhd.
im: Kreitel, Reuter, leuget u. s.w. Wie kommt Reuter unter diese Worte?
JENA. REINHOLD BECHSTEIN.
Barlaam und Josaphat, ein altfranzösisches Gedicht aus dem XIII. Jahrh.
von Gui de Cambrai nebst Auszügen aus anderen romanischen Versionen
herausgegeben von Hermann Zotenberg und Paul Meyer. Stuttgart
(LXXV. Public, des litt. Vereines) 18 65. 8. 419 Seiten.
Das Schlußwort bespricht zuerst die Geschichte des Buches. Daß es auf
buddhistischer Grundlage beruhe, hat Liebrecht's epochemachende Untersuchung
auf's Deutlichste gezeigt; die Herausgeber bringen nun Manches bei, um zu
erklären, wie ein derartiges Werk aus Indien nach dem Westen wandern und
dort christlichen Begriffen angepasst werden konnte. Die Urschrift ist griechisch ;
ob sie von Johannes Damascenus herrühre, ist mehr als zweifelhaft. Die Ansicht
der Herausgeber über diesen Punkt erhellt aus ihrer Darstellung nicht ganz
deutlich; sie erblicken in dem Verfasser einen syrischen Christen, welcher zwi-
schen dem 7. und 8. Jahrhunderte das Werk in Ägypten niedergeschrieben
haben soll; die zwei ersten Umstände passen nun auf den Damascener voll-
kommen; ob auch der dritte, der Aufenthalt in Ägypten, weiß ich nicht anzu-
geben. Aus dem Griechischen flössen dann einerseits die orientalischen Versionen,
über welche die Herausgeber ausführlich berichten, andererseits die uns näher
Uß LITTERAT UR.
ansehenden occidentalischcn. An der Spitze der letzteren steht die lateinische
Übersetzung, welche zum Theile, besonders in den dogmatischen Abschnitten,
tt'.s eine Abkürzung zu bezeichnen ist und mit den AVorten : Cum coepissent mona-
steria etc.' anhebt. Sie findet sich in zahlreichen Handschriften und wurde schon
im 15. Jahrh. gedruckt. Auszüge davon kommen auch vor; so z. B. derjenige,
den Reifienberg nach einer Hs. des XV. Jahrhs. der Brüsseler Bibliothek ab-
drucken ließ, die bei Vincenz von Beauvais ), bei Jacob von Voragine u. s. w.
An prosaischen Übertragungen und Bearbeitungen hat das Mittelalter viele auf-
zuweisen : die durch Bartsch bekannt gewordene provenzalische, aus welcher hier
weitere Bruchstücke mitgetheilt werden ; dann eine französische in zwei Hss. der
kais. Bibliothek zu Paris und in einer der Vaticana, aus welcher ebenfalls manche
Proben gegeben werden. In Italien erfreute sich diese Erzählung einer großen
Verbreitung; noch heutzutage ist sie dort eines der beliebtesten Volksbücher.
Schon Bortari, der zu Rom 17 34 eine Ausgabe nach den Hss. veranstaltete,
bemerkt in der Vorrede das Auseinandergehen der einzelnen Hss. ; der Hand-
schriften-Katalog der Bibliothek Earsetti (Venedig 177 1-80. I, 240, 291, 294) er-
wähnt deren drei, die alle auf verschiedene Art beginnen und nach Morelli's Angabe
von der eben erwähnten Ausgabe abweichen. Es würde nicht ohne Nutzen sein,
diese verschiedenen italienischen Versionen zu vergleichen, und deren Verhältniss
zu einander und zum Lateinischen zu bestimmen. Einen willkommenen Beitrag
zu einer solchen Arbeit werden die Proben bieten, welche die Herausgeber au3
drei Hss. der Pariser Bibliotheken mittheilen.
An metrischen Bearbeitungen erwähnen die Herausgeber die von Rudolf
von Ems, und die zwei anderen deutschen, wovon nur einzelne Bruchstücke be-
kannt sind, und über welche Pfeiffer's Einleitung zu seiner Ausgabe des Gedichtes
Rudolfs und 'Forschung und Kritik' nachzusehen sind. Man kann noch auf die
niederländischen Fragmente hinweisen, welche im Jahre 1840 im Taalk. Magazyn
IV, 20-42 abgedruckt wurden; sie gehören höchstwahrscheinlich dem verlornen
zweiten Theile des Spiegel Historiael von Jacob van Maerlant an und sind als
solche in die von de Vries und Verwijs besorgte Ausgabe letzteren Werkes
II, 21-30 aufgenommen worden. Eine englische Bearbeitung weist Warton
II, 493 in einer Bodlejanischen Hs. nach; ob sie gedruckt worden, ist mir
unbekannt.
Frankreich hat ebenfalls drei metrische Versionen aufzuweisen : l) von
Gui de Cambrai, die hier abgedruckte, 2) von Chardry, einem anglonormannischen
Dichter in einer Londoner und einer Oxforder Hs., 3) von einem Unbekannten
in einer Hs. , welche nach der Hist. litt. XV, 484 der Abtei Marmoutiers an-
gehörte , jetzt aber in der Bibliothek zu Tours aufbewahrt wird , und in einer
Hs. zu Carpentras. In Bezug auf die zweite Version, die sehr knapp gehalten
sein muß, da sie aus bloß 2 9 24 Versen besteht, verweisen die Herausgeber auf
de La Rue und Michel ; aus der dritten theilen sie einige Proben nach beiden
Hss. mit.
Gui de Cambrai nennt sich wiederholt (14 0, 30 und 16 3, 27) als Ver-
fasser; er meint, Johannes von Damascus habe das Werk ins Lateinische über-
*) Buch XV. nicht LXV., ein Druckfehler, dem man zuerst bei Grässe, dann bei
Reiffenberg, dann wieder in Grässe's Tresor und jetzt noch einmal bei unseren Heraus-
gebern begegnet. Das Speculum historiale (Duaci 1624) besteht aus 31 Büchern.
LITTERATUR. U7
setzt (ein Irrthum, den, wie bekannt, auch Rudolf v. Ems begeht und der wahr-
scheinlich im Mittelalter allgemein verbreitet war) ; Johann , Dechant zu Arras,
habe es dann nach Arrouaise, einer Augustinerabtei in der Diöcese von Arras,
gebracht. Aus durchaus überzeugenden Gründen sehen sich die Herausgeber
veranlasst, in letzterem Johannes von Beaumez zu erblicken, welcher der 21.
in der Reihe der Dechante von Arras war, und von 1200-1212 in Urkunden
erscheint. Am Anfange und Ende (2, 1-3 und 298, 31-34) gedenkt Gui seines
Gönners, des Herrn Gille (als Object Gillon) de Markais und seiner Frau Marie-
zu ihrem Frommen habe er das Werk gedichtet; deren Namen würde so lange
wie die Christenheit bestehen. In der Histoire de Cambray von Le Carpentier
(II, 7 6 2) finden nun die Herausgeber einen Guillaume de Markais oder Marquais
erwähnt, welcher im Jahre 1228 mit Einwilligung seiner Frau Marie v. Haplaincourt
einer Abtei eine Schenkung macht. Die Herausgeber sehen in ihm , wohl mit
Recht, den Gönner Gui's ; auf gewisse historische Anspielungen gestützt, setzen
sie dann die Abfassungszeit des Gedichtes in die vierziger Jahre des XIII. Jhs.
Die Untersuchung ist mit großem Geschicke durchgeführt und das Ergebniss
recht überzeugend. Es schiene nun natürlich , daß die Herausgeber daraus den
richtigen Gewinn gezogen, und die genaue Kenntniss der Heimat und des Zeit-
alters des Dichters als willkommenes Hilfsmittel bei der Behandlung des Textes
benützt hätten. Sie machten aber leider keinen derartigen Versuch und begnügten
sich mit dem Abdrucke einer Handschrift, an der sie nur hie und da offenbare
Fehler berichtigten. Wir bedauern dies herzlich. Denn wenn je einer, so ist
Paul Meyer (jener der Herausgeber, welcher wohl an der Ausgabe des Textes
den größeren Antheil gehabt haben wird) zu dem berufen, was man nunmehr
mit Ungeduld von der französischen Philologie erwartet: daß sie die sprach-
lichen Eigentümlichkeiten jener (leider nicht zahlreichen) Schriftsteller, von
denen es bekannt ist, welcher Zeit und Gegend sie angehören, gründlich erforsche
und aus dem Reimgebrauche, aus Urkunden u. s. w. eine solche Anzahl von
sicheren Criterien zusammenzubringen suche, als erforderlich ist, um die heraus-
zugebenden Denkmale der ursprünglichen Gestalt so nahe als möglich zu bringen.
Aus Furcht vor Willkür sollte man sich der Willkür eines Schreibers nicht
unterwerfen. Und wären auch die ersten Versuche mit einigen Fehlgriffen ver-
bunden, so sollte man sich dadurch nicht abschrecken lassen; es genügt, über
sein Verfahren genaue Rechenschaft zu geben und so jeden in den Stand zu
setzen, dasselbe zu beurtheilen und Besseres vorzuschlagen.
Aber auch vom Standpunkte jener bescheideneren Kritik, welche in allem
der Überlieferung treu folgt , können wir uns mit vorliegender Veröffentlichung
nicht vollkommen einverstanden erklären. Es sind zwei Hss. des Werkes Gui's
bekannt: die hier benützte — Bibl. imp. fonds franc. 15 53 (olim 7 5 95) —
und eine zu Montecassino , von Buchon (Nouv. recherches sur la prineipaute
franeaise de Morde II, 362 ff.) zuerst nachgewiesen. Letztere enthält um 20 00
Verse mehr; welcher Unterschied sich dadurch leicht erklärt, daß, wie auch die
Herausgeber bemerken, die Pariser Hs. an mehren Stellen lückenhaft ist. Außer
den Lücken, welche den Gang der Erzählung unterbrechen und daher in hohem
Maße stören, fehlt auch am Ende der Bericht über die Auffindung der Leichen
Barlaam's und Josaphat's , welcher in der Hs. von Montecassino nach Buchon's
Mittheilungen enthalten ist. Es ist zu verwundern , daß sich die Herausgeber
zu einer solchen unvollständigen Veröffentlichung entschlossen. Bei Denkmälern
118 LITTE RAT HR.
von großer Bedeutung mag man sich beeilen, das, was einem gerade nahe liegt,
zu veröffentlichen, und es den Nachfolgern überlassen, das bekannte aber un-
zugängliche Material weiter zu benützen; an eine zweite Ausgabe eines Werkes,
wie des vorliegenden, ist aber wohl nicht zu denken, und da kann mau mit
Recht fordern , daß alle vorhandenen Hilfsmittel benützt werden. Die lis.
von Montecassino hätte höchst wahrscheinlich nicht bloß die Lücken ausgefüllt,
sondern auch zur Berichtigung des in der Pariser Hs. Vorhandenen wesentlich
beigetragen. Denn letztere gehört in der That nicht unter die besten. Schon die
Herausgeber machten die Bemerkung, daß Fehler wie naist für ne, die bestän-
dige Verwechselung der Endconsonanten, besonders bei Verben — zu den in den
Anmerkungen erwähnten Fällen könnte man hinzufügen 2 4, 12 tous statt toul;
5 8, 38 rechoit (recipe) ; 7 7, 2 1 iert (ero); 84, 2 0 esgarde statt des Perfect
esgardai; 150, 3 6 fors statt fort (fortem) ; 15 9, 1 dois (debeo) — der Vermuthuug
Raum geben, daß dem Schreiber dictiert worden sei*); andererseits aber deutet
die Verwechselung von ähnlich aussehenden Schriftzeichen (s, f und l, l und /,
t und r) auf einer Abschrift aus einer Vorlage. So wird z. B. 31, 18 se lasse
in le lasse zu emendieren sein er verlässt die Wüste'; vgl. 4 8, 13, wo eben-
falls lasse (: trespasse) für laisse steht. — 34, 10 l'en serai ; wohl Ven. —
3 9, 7 eMails qui chou reßsent dire; gewiss te fisent. — 44, 12 SC remist; lies
le rem. — 46, 1 Sus fait; ich vermuthe S'as fait. — 48, 17 vielleicht le
Inen statt st b. — 5 0, 7 te puet kann angehen; deutlicher wäre le pnet. —
6 0, 2 ne fu conte's. Soll es nicht me heißen? — 154, 3 8 Hebregie' Vas ; lies
ras. — 155, 28 Conlre les dex ; wohl les d. — 2 7 9, 3 6 11 se regarde ; lies
le reg. Schon diese wenigen Proben zeigen, daß wir es mit keiner sehr sorg-
fältigen Abschrift zu thun haben; andere Emendationen (vielleicht auch nur
Berichtigungen von Druckfehlern) , die sich mir bei einmaligem Durchlesen dar-
boten , erlaube ich mir hier vorzuschlagen :
19, 3 0 Tout tes chaviavs ; 1. tont schneide^deine Haare ab.
2 0, 14 Engigna molt s'ire. Wohl engrigna engraigna vermehrte, ver-
größerte'.
2 0, 1 7 ff . Avenir begegnet zwei Mönchen si lor demande Ki les conduist
parmi sa lande, Vont sans duetor? die dist li rois: Ki vons conduist par mes
■ destroisf Ich lese Vous sousduitor (üos seduetores).
26, 21 Josaphat begegnet einem Aussätzigen und einem Blinden; er fragt
seine Begleiter : Avient ü chou ä loute gent ? — Nenil, ä tes i a asse's, Mais
h pluisours vient enfretes (durch Metathese statt enferte's infermetes). Was soll a les
bedeuten ? . Ich lese : Nenil, santös i a asse's.
2 7, 33 — 34 Tout enriellissent et tont vout Se mors anchois ne les retoxit.
Lies vont, retont. Vgl. 2 64, 30.
30, 6 ne sei avoir im fner Comment il eschaper le±doie ließe sich ver-
theidigen. Deutlicher wäre veoir.
32, 3 2 ff. Barlaam spricht: Moll par est fols ki riens oublie. Quel
rnestier ai or te dirai , Une rien c'oublie i ai. Die Hs. hat ail. Und dies ist
richtig. fDas l ist Enclitica statt li; vielleicht ist sie als Proclitica vor äit zu
*) Nur in einer Anmerkung wage ich vorzuschlagen: 289, 23 Ahne statt Estmais;
115, 12 l'esme rien statt le mairien.
LITTERATUß. 119
setzen; vgl. z. B. 3 6, 2 0 Se tu ses riens ki mestier m'ait; in jedem Falle ist
der Schlußpunkt nach oublie und das Komma nach dirai zu tilgen, nach ait aber
ein Semicolon zu setzen : Ein Thor ist, der etwas vergisst, was ihm zu Statten
kommt ; nun will ich dir etc.
33, 15 Mais ne te voi pas menteour. Vielleicht croi.
35, 19 Die Form doie (debco) ist verdächtig. Soll nicht doi je gelesen
werden ?
3 6, 17 nid komme se Iritis Ki aigke traie de mon pais. Lies ne.
4 3, 1 Statt ki lies si; eben so glaube ich, daß 230, 28; 236, 12;
2 7 3, 6 (wo aus Versehen KH gedruckt worden) ki als chi hier aufzufassen sei.
7 3, 6 Entrues k'il en mangilt s 'oublie Les bestes rungent. Ich vermuthe
en tnangeant.
90, 1 4 ff. Die ganze Stelle ist nicht deutlich. Unzweifelhaft scheint mir
aber, daß, wo die Herausgeber uns fumes naist Ki par douchour desine plais[t]
setzen, mit der Bemerkung, desine sei ein ganz ungewöhnliches Wort, man de
s'eve seines Wassers zu lesen hat.
94, 2 4 Eine Reihe von Antithesen folgt auf einander; gewiss also ist il
est en Vame molt rians zu lärme zu emendieren.
112, 19 nen est ne biel ne gent Q,ue povres liom ait ricke donne. Lies
al ricke. V. 2 1 Mais tant i a verstehe ich nicht.
12 2, 14 Der Sinn fordert le meteroies statt me met.
129, 7 — 8 sind wohl nur eine Variante von 5-6. Eines von diesen
Verspaaren wäre zu streichen.
145, 30 Tel nouviele dl chi de toi. Nicht oi (audio) oder ol (audivi)?
14 9, 8 Ich lese: Comment auroie dont savoir Se jou tes dex mercki prioie?
Wie würde ich Verstand haben (wäre ich verständig), wenn ich von deinen Göt-
tern Gnade erflehte ?
17 2, 38 Wohl U voelle u non morir Vestuet.
210, 19 Ich vermuthe: Le bien ses, nel vels kebregier.
231, 28 Se jou por toi ä loi aperte Dont seroil male ma deserte. Da
auch Vers 2 7 mit Se jou anfängt, vermuthen die Herausgeber, daß diese Worte
in einem der zwei Verse irrthümlich stehen. Dies ist nicht der Fall. Nur ist
zu lesen Se jou por toi ahne a perle. Der Sinn passt vollkommen.
2 6 5, 2 3 on ne puet ades ovrer. Ich zöge vor ourer (orare) denn man
kann nicht immer beten .
2 6 8, 9 Der Sinn scheint mir ma pensee statt ta p. zu fordern.
2 71, 24 Im Zusammenhang« passt nur pecce peche (peccat), nicht pense.
27 2, 34 Est-ckou mesfais de Uli vestir. Lid ist gewiss unrichtig; viel-
leicht biel; vgl. v. 3 8.
2 90, 5 Wohl C'om n'en i puet.
Anders trennen oder verbinden würde ich: 2 9, 3 2 s'a; 38, 25 cid ßs
aler scheint mir deshalb nicht richtig, weil der Hornbläser am vorhergehenden
Tage geschickt worden war; cid kann ja auch Accusativ sein. 117, 23 enhai
(vgl. 152, 34); 118, 10 Ki = k'il; 151, 3 4 c'en est; 153, 8 desaisine
('Verlust'); 2 7 7, 3 5 endroit.
Als Druckfehler sind anzusehen: 3 8, 23 cors statt cor; 3 9, 21 demandent
st. demande; 42, 1 rois st. rot; 47, 37 es st. est; 60, 7 lousignoit st. -oil;
109, 3 convretoirs st. couo.\ 111, 3 8 de donroi st. te d.j 2 6 2, 3 6 tos drois
120 LITTERATÜR.
st. les. Auch die Unregelmäßigkeit der Interpunction wird zu gutem Theile der
Setzer verschuldet haben; so ist z. B. 14, 21 das Komma; 80, 5 und 15 6, 12
der Punkt zu streichen; 43, 6 nach dort kommt ein Fragezeichen; 95, 3 nach
misere die Anführungszeichen; 15 7, 2 7 ein Punkt nach dignite u. s. w.
Andere wenig deutliche und wahrscheinlich verderbte Stellen wären: 9, 12;
35, 23; 57, 9 {virgenes passt durchaus nicht); 83, 19 — -21; 125, 2; 130, 28;
13 7, 16; 238, 16; 240, 19. Über diese und manche andere Stellen würde
man gerne die Ansicht der Herausgeber erfahren, welche unserer Meinung nach
nicht hinreichend bemüht waren, das Verständniss des von ihnen herausgegebenen
Denkmales zu erleichtern. Gerade in den Veröffentlichungen des Stuttgarter Ver-
eines, welche mehr für einen Kreis von Freunden der Litteratur als von Fach-
leuten bestimmt sind , sollte man an Erläuterungen nicht sparen. Und selbst
Romanisten werden nicht ganz im Klaren sein über die Bedeutung von Wörtern,
wie 1, 2 3 sougire ; 2 7, 7 aguares; 9 6, 8 merage; 17 2, 19 fevent (ferent? lat.
feriunt); 19 2, 19 anquetes ; 19 7, 3 3 ainne ; 203, 1 sans ebryu; 241, 38 pastore;
2 6 9, 18 alamir; 282, 2 9 rasali. So würde man gerne erfahren, ob die Heraus-
geber wirklich die Form escuer (2 7, 37) als berechtigt betrachten; uns scheint
sie eher ein Fehler statt eskiver zu sein. Ist tangonne (238, 14) richtig oder
soll vielmehr tanronne gelesen werden ? Den Mangel eines Glossars wird Mancher
lebhaft empfinden.
Noch ein Wort über den Reim. Er ist oft bloß assonierend : 12, 15
femme : regne; 2 7, 23 personne: komme; 34, 31 reperirent -.habitent (die Stelle dürfte
verdorben sein); 53, 3 7 eslonge (esloigne?) : embesoigne ; 84, 8 boire (?) : demeure ;
90, 22 paile (?) : maise; 154, 19 signories : eües und 161, 31 vertu : afi; 268, 26
defal : sei (die Stelle ist ziemlich dunkel); 289, 38 homme : mencoigne. 13, 10
devine könnte mit prie assonieren ; der Sinn fordert aber durchaus de oie. 128, 3
povrete kann mit perte nicht reimen ; lies Sa grant riqueche en poverte mit Zu-
lassung des Hiatus oder por poverte wie V. 1, 4, 5, 6; vgl. auch 146, 21 — 22.
169, 7 puet : estoit, das aber wohl zu estoet estuet zu bessern ist. 244, 16 mes-
kainne : engranne = engrainne oder vielmehr meshaigne : engraigne; vgl. 2 43, 2 4
sanna = saigna. An mehr als einer Stelle findet sich dasselbe Reimwort in
beiden Versen; eine Nachlässigkeit, die eben so gut vom Schreiber als vom
Dichter herrühren kann. Die Ansicht der Herausgeber über diesen Punkt er-
hellt aus den Anmerkungen nicht deutlich; 85, 23 dürfte das zweite paour etwa
in dolour verändert werden.
Wie man sieht, betreffen unsere Bemerkungen bloß die Handschrift und
das, was wir von den Herausgebern noch gewünscht hätten. Denn was sie
wirklich leisten wollten und geleistet haben, entspricht vollkommen dem bedeu-
tenden Rufe, welchen sich Paul Meyer in der romanischen Philologie gesichert
hat. Er hat uns aber gewöhnt, von ihm Bedeutendes zu erwarten; und daher
erlaubten wir uns auf Manches hinzuweisen, das wir in seiner neuesten Veröffent-
lichung ungerne vermissten.
A. MUSSAFIA.
121
MISCELLEN.
1. J. G. L. Kosegarten's handschriftliches niederdeutsches Wörterbuch.
Die Besorgniss, daß Kosegarten's großartig angelegtes Niederdeut-
sches Wörterbuch, kaum begonnen, dann schon wieder ins Stocken ge-
rathen, nun nach des Verf. Tode unvollendet liegen bleiben werde, hat die Auf-
merksamkeit immer von Neuem auf seine, wie man überall wusste, fleißigen und
umfangreichen Vorarbeiten gelenkt, und mehr als ein Mal den Wunsch laut
werden lassen, ein Kundiger möchte sich des unterbrochenen Werkes annehmen,
es fortsetzen und zu Ende führen oder wenigstens die vorhandenen reichen
Sammlungen abdrucken und allgemein zugänglich machen.
Eine solche Aufforderung ist mir selbst mehrmals näher getreten ; un-
abhängig davon hat der inzwischen auch schon gestorbene Verleger , welcher
185 9 die Hindernisse des Erscheinens der zweiten Lieferung für gehoben er-
klärte und raschere Aufeinanderfolge der Hefte verhieß , kurz nach K.'s Tode
die Versicherung gegeben, durch das Hinscheiden des Verfassers werde das Er-
scheinen des Wörterbuches nicht unterbrochen, es seien vielmehr schon Schritte
zur ungehinderten Ausgabe des Werkes im Sinne des Verewigten gethau , das
Material des vollständigen Werkes — hieß es — liegt uns geordnet vor' ; später
hat derselbe den freilich auch gescheiterten Plan gehabt , die Sammlungen als
solche abdrucken zu lassen und neuerdings, nachdem weder dieses noch jenes
ausgeführt und seit 1860 keinerlei Fortsetzung zu Tage getreten, ist die Sache
auf der letzten Philologenversammlung wieder angeregt und schließlich eine Com-
mission gewählt, um mit Benützung des Kosegarten'schen Nachlasses die Bear-
beitung und Herausgabe eines allgemeinen niederdeutschen Wörterbuches , ich
denke, nicht ins Werk zu setzen , sondern vorzubereiten , einzuleiten und somit
sicher zu stellen.
Das Bedürfniss eines Werkes, wie es Kosegarten beabsichtigte, fühlt Nie-
mand lebhafter als ich, Niemand theilt auch lebhafter den Wunsch, seine Arbeit
aufgenommen und gefördert, oder neu begonnen und vollendet zu sehen; aber
daß mir die schnelle und würdige Befriedigung jenes Bedürfnisses oder dieses
Wunsches ebenso leicht erschiene, darf ich freilich nicht sagen. Hindernisse
treten vielmehr, je nach der Art des Unternehmens natürlich verschieden, aber
selbst bei der anscheinend zunächst liegenden und gewiss leichtesten Ausführung,
bei dem bloßen Abdruck der Sammlungen oder der gleich unstatthaften Be-
schränkung auf sie , immer noch von mehr als einer Seite entgegen und sind
wie mir scheint eines Theils kaum zu beseitigen, anderes Theils doch nicht
so bald zu überwinden , als man hie und da annehmen mag.
Allein wie man auch verführe, Kosegarten's Vorarbeiten zu benützen, sich
in dieser oder jener Weise an sie anzulehnen , würde jedem künftigen Lexiko-
graphen des Nd. mindestens wünschenswerth sein : ich sehe darum hier von allen
in der Sache selbst liegenden, wie auch äußerlichen Schwierigkeiten ab und fasse
vorzugsweise die Frage ins Auge, in welchem Zustande befindet sich sein hand-
122 MISCELLEN.
schriftlich nachgelassenes Wörterbuch und wie verhält es sich zu
den gedruckten und veröffentlichten drei Heften des ersten Bandes?
Kosegartens gesannnter auf das Niederdeutsche bezüglicher handschrift-
licher Nachlass, beiläufig 7 0 Nummern, deren eine z. B. 8, die andere 3 4 Bände
uuifasst, zerfällt in zwei große Massen, Eigenes von seiner Hand und Frem-
des von Anderen Geschriebenes. Von dem letzteren hat er selbst Vorrede
S. X — XII kurz Nachricht gegeben, das bedeutendste oder doch umfangreichste
ist K. F. A. Scheller's Braunschweigisches Wörterbuch in acht Foliobänden,
welches dieser selbst (Bücherkunde no. 1851) allgemeines Sassisch-Niederdeut-
sches benannte. Dazu kommt aber noch manches, was unerwähnt geblieben oder
nach 18 56, dem Jahre der Vorrede, erworben worden, ferner gehören hiezu
Abschriften von nd. Texten, z. B. das S. XIX angeführte Scbakspil von Stephan,
dessen erster Bogen gedruckt ist u. a. Viel gewaltiger aber an Umfang, reicher
und manigfaltiger an Inhalt ist das Eigene, in einer Reihe von größeren
Bänden und Convoluten, Abschriften oder Auszüge von Drucken und Hand-
schriften, Urkunden und Vocabularien, Wörter- und Namenverzeichnisse, Samm-
lungen und Bemerkungen aller Art, an der Spitze sein Sammelplatz für das all-
gem> ine Niederdeutsch, riesig an Umfang, das große oder eigentliche
Wörterbuch.
Ich habe das meiste dieser Arbeiten, über die ich später einmal weiter
berichten werde, bei Lebzeiten Kosegartens nur flüchtig und gleichsam aus der
Ferne gesehen , bald nach seinem Tode hatte ich das Wörterbuch dann auch
nur äußerlich und mit Rücksicht auf die Ordnung und Vollständigkeit seiner
Theile rasch durchgeblickt, später aber zwei oder drei bestimmte Artikel ver-
glichen ; näher untersucht habe ich es, wie ich ausdrücklich bemerke, erst jetzt
für den Zweck dieser Mittheilung, glaube aber nun mit der Art und Weise des
Ganzen hinreichend bekannt zu sein, um Folgendes sagen zu dürfen.
1. Die äußere Geschichte des Wörterbuches.
Kosegarten's Sammlungen sind spätestens im Herbste des J. 1838 begon-
nen, wahrscheinlich aber schon viel früher. Vorher hatte er sich lange mit dem
Gedanken getragen, Dähnerts Pommersches Wörterbuch, neu bearbeitet, heraus-
zugeben. Obgleich sein im Privatbesitze befindliches durchschossenes Handexem-
plar des Dähnert, soviel ich mich erinnere, nur sehr wenige, meist unbedeutende
Nachträge enthält, muß jene Arbeit doch weiter vorbereitet gewesen sein, denn
zu Anfang August des genannten Jahres ward ihr nahes Erscheinen bereits öffent-
lich angekündigt. Was dann K. anderes Sinnes machte und inwiefern nament-
lich ein fast gleichzeitig in Aussicht gestelltes , auch jetzt noch nicht aufgege-
benes ähnliches Unternehmen darauf von Einfluß gewesen, lasse ich hier dahin-
gestellt, aber gewiss ist es, schon den 9. September 1838 erschien eine neue,
mir vorliegende Ankündigung mit Einladung zur Subscription, diesmal auf ein
allgemeines Wörterbuch der niedersächsischenj oder plattdeutschen Sprache
älterer und neuerer Zeit, gesammelt von J. G. L. K.' und der Verleger
fügte hinzu, das Werk solle in Klein -Quart mit gespaltenen Columnen von Ostern
183 9 an in 5 Lieferungen oder 80 — 100 Bogen stark erscheinen. Die ernst-
licheren Vorarbeiten begannen also wohl erst jetzt und der Verf. mochte bald
erkennen, wieviel ibni für seine gewaltige Aufgabe zu thun war, jedesfalls ist
MISCELLEN. 123
er seit dieser Zeit unverdrossen bemüht gewesen, des weitzerstreuten Stoffes
immer mächtiger zu werden und wie oft er auch auf längere Zeit durch Amts-
geschäfte und größere Arbeiten, das Pantschatantra, die Gedichte der Hudsailiten,
die Geschichte und die Urkunden unserer Universität, den Codex diplom. Po-
merania? u. a. seinen Lieblingsstudien entzogen ward, er kehrte immer gern zu
ihnen zurück , sammelte fort und fort bis an sein Ende und hinterließ , als er
den 18. August 1860 starb, jene den meisten seiner Freunde wohlbekannten,
große Tische mehrerer Zimmer bedeckenden Foliostöße, die je einem Buchstaben
des nd. ABC gewidmet waren.
Kosegarten hatte über Zukunft und Verbleib dieses Werkes, weil er wohl
selbst nicht wusste, was damit zu beginnen sein möchte, keine Bestimmung ge-
troffen, dennoch lag es ihm am Herzen wie wenig außerdem, und seine Hinter-
bliebenen glaubten daher nur in seinem Sinne zu handeln , als sie den ganzen
wirklich eingetragenen Sprachschatz, sorgfältig geordnet wie er dalag, zu seiner
dauernden und sicheren Erhaltung vor allen Dingen einbinden ließen und dann
(wie alles was dazu gehört) am 31. März 1862 unserer Universitätsbibliothek
übergaben, freilich mit der ausdrücklichen und schon mehrmals ausgeführten
Bestimmung, daß die Benützung des Werkes nur auf hiesiger Bibliothek ge-
stattet sei und daß den Erben Kosegarten's für den Fall, daß sich dereinst
jemand finden möchte, das begonnene Werk zu vollenden, das Recht vorbehalten
bleibe, ihre Zustimmung dazu zu geben . So ist denn Aussicht, daß die Masse
dessen, was sich gegenseitig ergänzt und innig zusammengehört, 'up ewich un-
gedelt bei einander bleibe.
2. Umfang und Einrichtung des Wörterbuches.
Die in diesem Wörterbuche gebunden vorliegenden eigenen Sammlungen
K.'s bilden, ich sage nicht füllen, vier und dreißig starke Foliobände,
deren also nicht selten mehrere auf einen einzigen Buchstaben kommen. So
nimmt gleich B mit C drei, D zwei Bände ein. B oder Band 2 beginnt das
Ganze, A fehlt zur Zeit und ist wenigstens noch nicht abgeliefert, soll aber
doch vorhanden sein. Aber voll geschrieben sind diese 34 oder, A mitgerech-
net, 3 5 Bde. freilich nicht, sie sind entsprechend der, wie Kosegarten wohl
wusste, unerschöpflichen Reichhaltigkeit des älteren und neueren Niederdeutschen,
wie Sammlungen, die für alle Fälle Raum bieten, nach allercolossalstem Maß-
stabe angelegt, sie enthalten daher durchweg eine große Menge weißes unbeschrie-
benes Papiers : durchschnittlich mag das Eingetragene nur den vierten oder
fünften Theil betragen und würde sich bei sparsamerer Verwendung des Papiers
und kleinerer Schrift leicht auf einen viel geringeren Raum zusammenbringen
lassen : denn K. liebte mit Papier verschwenderisch umzugehen, er schrieb alles
was er schrieb deutlich und sicher lesbar, darum weitläufig, mit Sorgfalt und
äußerster Sauberkeit. Seine Schrift, war nicht schön, weil etwas schnörkelhaft,
aber selbst unbedeutende Verzeichnisse und Bemerkungen auf losen Blättern
der Convolute zeigen oft bewundernswerthe Reinheit und Regelmäßigkeit.
Zahlreiche Artikel bestehen aus weiter nichts als der Überschrift der dem
Bremischen oder einem anderen gedruckten Wörterbuche, einem alten Vocabular
oder dem Leben entnommenen Wörter, bei anderen steht dann wohl ein Bei-
spiel, bei den meisten sind manche, oft reiche Stellen zum Belege für Bedeu-
]24 MISCELLEN.
tung, Formen, Composita u. a. hinzugefügt. Die Bedeutung ist immer bei dem
Worte angegeben, über Geschlecht und Art des Wortes aber nichts gesagt;
ebenso ist auch für die weitere Erklärung wenig oder nichts gethan , nur hie
und da ein Citat aus Grimm, Adelung, Frisch, hie und da eine Vergleichung
mit verwandten. Die Anordnung ist alphabetisch, Ableitungen und Zusammen-
setzungen sind jedoch untergeordnet. In einem besonderen Falle entsprechen
etwa 300 vereinzelten Artikeln des Brem. Wb. bei ihm ungefähr 90 — 100
Überschriften oder Hauptartikel, darunter 15 ohne Beispiele und Citatc, 10
theils bekannte und zugleich neuhochdeutsche, theils speciell niederdeutsche die
dort nicht aufgeführt sind, während 6 — 8 echt nd. dort stehen und hier
fehlen. Wenn dergleichen Fehlendes freilich meist aus den Hilfsmitteln leicht
zu ergänzen war, so muß ich doch bemerken, daß auch manche seltene Wörter
und Formen entweder ganz vermisst werden oder zu wenig verfolgt scheinen,
wogegen sich denn schon beim oberflächlichsten Blättern genug des wenig oder
gar nicht Bekannten darbietet. Zahlreiche Quellen sind bunt durcheinander und
in größter Manigfaltigkeit citiert, daß einzelne hochwichtige in dem Verzeich-
nisse der Vorrede pag. XVII — XX unerwähnt und hier unbenutzt geblieben
sind, wird niemanden überraschen, der ihre Fülle und ihre Reichhaltigkeit kennt;
gleichwohl werden sie ihm in den seltensten Fällen ganz entgangen sein ; öfter
hatte er sie wohl absichtlich zurückgestellt, um sie später und allmählich noch
auszubeuten. Wie weit aber K. endlich das, was er citiert, benutzt und ob er
selbst das oft Angeführte auch ausgenutzt habe, wird sich ohne genauere Ver-
gleichung des Einzelnen schwerlich entscheiden lassen ; mich dünkt allerdings,
einige gerade der bedeutendsten Quellen könnten mit großem Nutzen von Neuem
ausgebeutet werden.
Die ganze Art dieser Sammlungen wird vielleicht deutlicher , wenn wir
3 . Das Verhältniss des handseh r. Wörterbuches zu dem
gedruckten Theile
betrachten. Letzterer behandelt a-angetoget auf 44 0 Seiten: der ganze Buch-
stabe A, im Brem. Wb. 34 Seiten, hätte danach 750 — 800 Seiten erfordert
oder einen starken Band.
Hätte K. sich im Verfolg nun auch viel kürzer gefasst und hätte er na-
mentlich auf das, was schon vorweg genommen war, einfach zurückweisen wollen,
so würde er doch ohne 2 0 Bde. zu füllen schwerlich fertig geworden sein, und
ich trage kein Bedenken, als meine Überzeugung auszusprechen, daß ein mög-
lichst vollständiges Allgemeines nd. Wb. , abgesehen von der Frage, ob ein
solches für die ältere Zeit genügend vorbereitet, für die neuere Zeit
überhaupt recht rathsam oder auch nur ausführbar sei, einen nicht viel gerin-
geren Raum wohl beanspruchen dürfte. Kosegarten aber gieng in dem gedruck-
ten Theile wie kein Anderer vor ihm auf Vollständigkeit aus, dennoch wusste
er besser als Einer, daß jedes kleine neue Denkmal Neues bringt, Seltenes be-
stätigt, Schwieriges erläutert und daß der Sammler, der 2 0 Jahre fleißig die
Volkssprache seiner Heimat beobachtet hat, im lebendigen Verkehre mit einem
echten Niederdeutschen keine Stunde verbringt, die ihm an Wörtern, Wendungen
und Redensarten nicht noch Bemerkenswerthes zuführte, daß folglich an Er-
schöpfung des alten oder neueren Niederdeutschen gar nicht zu denken war.
MISCELLEN.
125
Hiegegen gehalten sticht denn Inhalt und Einrichtung des handschrift-
lichen Wörterbuches sehr erheblich ab, — den 440 Druckseiten von A
mögen nach Maßgabe der Fortsetzung auf 4 00 Seiten Papiers 7 0 — 80 vollge-
schriebene, im Betrage von vielleicht kaum 40 — 45 Druckseiten, entsprochen
haben, die Ausarbeitung mag also leicht um beinahe 4 00 Seiten gewachsen
sein. Das handschr. Wb. ist eben theils Sammlung, theils bloße Anlage
zu Sammlungen, mithin wie diese zu sein pflegen, ohne alle Gleichmäßig-
keit und ohne alle Vollständigkeit: wer da glaubte, ihm die Fort-
setzung des gedruckten Theils entnehmen zu können, der täuschte sich: im
Gegentheil, das meiste und das beste, was der Druck enthält, ist von Kosegarten
erst bei der Ausführung hinzugethan: er hat Artikel für Artikel mühsam vor-
bereitet und ausgearbeitet, bei jedem gesammelt, was er zur Erklärung zu sagen
hatte, vereinigt, was ihm in seinen zahlreichen gedruckten und ungedruckten
Verzeichnissen und Auszügen jederzeit zu Gebote stand, vielleicht oft für das
einzelne Wort besondere Sammlungen angestellt, wie er denn ohne Zweifel seine
Vorarbeiten selbst nicht als abgeschlossen ansah, vielmehr während des lang-
samen Druckes unablässig fortzuführen beabsichtigte.
Fertig werden konnte Kosegarten, bei seiner Weise zu arbeiten, mit diesem
Werke nie, das liegt auf der Hand und mag ihm selbst nur allzu klar gewesen
sein; dennoch schritt er fort, soweit als er vermochte und gab Zeugniss, wie
das Niederdeutsche ihm am Herzen lag und welchen Schatz es birgt. Mit Dank
und Bewunderung muß man es bekennen, alles zusammengenommen, was er
dafür geleistet, ist und bleibt ein glänzendes Denkmal seines Fleißes und seiner
Gelehrsamkeit.
Wie ein Fortsetzer Kosegarten's meiner Ansicht nach zu verfahren hätte
oder wie gar ein neues niederdeutsches Wörterbuch ausgeführt werden sollte,
ergibt sich entweder aus dem Obigen von selbst oder lässt sich in der Kürze
nicht erörtern. Das aber steht bei genauerer Kenntniss seines nd. Nachlasses
unzweifelhaft fest, daß die Beschränkung auf diesen ebenso unstatthaft wäre,
wie der, gleichwohl schon beabsichtigte, bloße Abdruck des handschriftlichen
Wörterbuches.
GREIFSWALD, 5. Decemb. 1864. ALBERT H(EFER.
2. Andreas Uppström f.
So eben, wenige Tage nach der Vollendung eines auf Mittheilungon
Uppström's beruhenden Aufsatzes über den handschriftlichen Text der goth.
Übersetzung des Briefes an die Römer', der im nächsten Hefte der Germania
erscheinen wird, trifft mich die schmerzliche Kunde von dem Tode meines innig
verehrten Freundes, der nach kurzer Krankheit am 21, Januar dieses Jahres sein
Auge für immer geschlossen hat, und also die Vollendung seiner außerordentlich
werthvollen Ausgabe der paulinischen Briefe, die nun fremden Händen anvertraut
werden muß, nicht mehr erleben sollte. Mag mir vergönnt sein, über den vor-
trefflichen und für die Wissenschaft in so ausgezeichneter Weise verdienten
Mann einige Mittheilungen hier zu geben, die ich seinem Sohne, dem Studiosus
Wilhelm Uppström, verdanke.
]26 MISCELLEN.
Andreas Uppström wurde am 29. Juni 1806 in Hainuiarby, einem
Hammerwerk in der Landscbaft Gestrikland, geboren. Sein Vater war Arbeiter
in dem Hammerwerk bei dem Bergratb Petre und dessen Sobne, dem in der
Gescbicbte des schwedischen Reichstags bekannten Thore Petre. Der letztere,
ein sehr edel denkender Mann, ermöglichte die Aufnahme des zwölfjährigen
Knaben , als er von seinen ungewöhnlichen Anlagen und seiner großen Wiss-
begierde gehört, in die Elementarschule in Gefle, aus der Uppström nach drei
Jahren in das dortige Gymnasium übergieng. Im Jahre 1824 bezog Uppström
die Universität Upsala; 1833 wurde er zum Doctor der Philosophie promoviert,
noch im selben Jahre wurde er außerordentlicher Lehrer an der Kathedralschule
in Upsala und im folgenden Jahre Collega daselbst; 1845 wurde er zum Lector
(Professor) für Griechisch und Hebräisch am Gymnasium derselben Lehranstalt
ernannt, welches Amt er bis zu seinem Tode bekleidete, so daß er noch am
14. Januar nach dem Schluß der Winterferien in der Schule war. Außerdem
wurde er 185 0 zum Docenten für gothische Sprache ernannt, nachdem er seine
Abhandlung Aivaggeljo Jiairh Matbaiu jemte ordbok och grammatica heraus-
gegeben und vertheidigt hatte, und lehrte als solcher Gothisch und auch Sanskrit.
Im Jahre 1859 erschien sein Skäldskapar- mala-Kvagdi Snorra Snorra Eddu
öfversatta och med anmärkningar försedda', und er wurde zum außerordentlichen
Professor ernannt für Gothisch und die mit ihm verwandten Sprachen, als welcher
er über Gothisch und auch Angelsächsisch Vorlesungen gehalten hat. Schon 1844
wurde er zum Mitglied der Svenska fornskriftsällskapet' ernannt, 18 55 zum
Mitglied der Regia Societas scientiarum Upsaliensis, 185 7 zum correspondierenden
Mitgliede der Vitterhets-Historiae-och Antiquitets-Akademien in Stockholm, 1858
auf Jakob Grimm's Vorschlag zum correspondierenden Mitgliede der königlich
preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, im selben Jahre zum ordent-
lichen Mitgliede der königlichen Nordiske Oldskriftsällskapet in Kopenhagen.
Außer seinen oben schon erwähnten vorzüglichen Ausgaben der gothischen
Denkmäler, um derentwillen er 1860 und 1863 Reisen durch Deutschland nach
Italien unternommen hatte, erschien von ihm im Jahre 185 8 noch eine Abhand-
lung de lapide Runico Tunensi' und außerdem noch zahlreiche Aufsätze und
Recensionen in Zeitschriften. Seit dem Jahre 183 9 war er mit Maria Charlotta
af Uhr verheirathet, mit der er acht Kinder hatte, von denen noch sechs am
Leben sind.
GÖTTINGEN, den 21. Februar 1865. LEO MEYER.
3. Aufruf zur Einsendung biographischer Notizen.
Zu den Gegenständen, welche den Inhalt der im vorigen Jahrgang der
Germania eröffneten neuen Abtheilung Miscellen bilden sollen, gehören nach
Bechstein's Ansicht (s. Germ. 9, 12 9) unter andern auch Personalnotizen und
biographische Nachrichten. In der That bilden erstere fast in allen Fachzeit-
schriften eine stehende Rubrik und es ist kein Zweifel, daß es in hohem Grade
erwünscht ist, innerhalb eines gowissen Fachkreises über Ernennungen, Ver-
setzungen und Beförderungen stets auf dem Laufenden zu sein.
Nicht weniger wünschenswerth und noch wichtiger scheinen mir biogra-
phische Nachrichten, besonders für uns Germanisten, die wir uns, kleinere
MISCELLEN. ]27
Freundesgruppcn abgerechnet, im Allgemeinen ziemlich fern, jedenfalls viel ferner
stehen, als einem gemeinsamen Wirken auf 6'm Ziel gut und zuträglich ist. Ich
glaube, wir würden uns manchmal besser verstehen , wenn wir gegenseitig über
Alter, Heimat, Bildungsgang und äußere Verhältnisse genauer unterrichtet wären,
als wir es in der Regel sind. So aber laufen wir, die Mehrzahl, gleichgültig
neben einander her oder stehen uns wohl auch feindlich gegenüber, ohne von
den Personalien mehr als das Allgemeinste, und selbst dieses oft kaum, zu wissen.
Einen Versuch, die Germanisten in chronologischer Reihenfolge, nach den
Jahren, in denen sie zuerst öffentlich unser Gebiet betraten, zu verzeichnen,
hat vor nun bald dreißig Jahren Hoffmann von Fallersleben in seinem Buche
Die deutsche Philologie im Grundriss (Breslau 1836) gemacht und auf S. 1- — 25
eine kurze Skizze zur äußern Geschichte der deutschen Philologie' von Notker
(um 1000) bis Aug. Geyder (l 8 3 6) gegeben. So kurz, zuweilen selbst dürftig,
diese Notizen auch sind , sie haben doch Manchem gute Dienste geleistet und
ich selbst gestehe gerne, daß ich sie häufig, und nie ohne dankbare Empfindung
für seinen Verfasser, gebraucht habe.
Ahnliches ist seitdem nicht wieder versucht worden, und doch ist ein
solches bis zur Gegenwart fortgesetztes Verzeichniss, je weiter unsere Wissen-
schaft sich ausbreitet, ein immer dringenderes Bedürfniss. Von den dort Auf-
geführten weilen die Wenigsten noch unter uns, und wie ansehnlich ist nicht
die Zahl der seitdem neu hinzu gekommenen Kräfte und Arbeiter ! Von diesen
besitzen wir nur ausnahmsweise allgemein zugängliche biographische Daten ; denn
in die Conversationslexika finden nur Namen von größerem Ruf Eingang und
auch dieser hängt nicht selten von Gunst und Zufall ab; einen andern Ort, wo
man sich vorkommenden Falls Raths erholen könnte, gibt es aber nicht.
Aus den hier dargelegten Gründen habe ich die Absicht, vom gegenwär-
tigen Jahrgang an biographische Nachrichten zunächst von den lebenden Ger-
manisten zu geben; später können dieselben auch auf die Verstorbenen seit
Anfang des Jahrh. ausgedehnt werden. Es sollen keine Biographien, sondern
nur Notizen sein, in kürzester, knappster Form, mit Angabe der äußern Mo-
mente und bibliographisch genauem Verzeichniss der selbständig erschienenen
Schriften und größern Aufsätze in Zeitschriften.
Ein paar Proben werden besser als alle Beschreibungen zeigen , wie ich
meine, daß nach Umfang und Form die Sache sollte eingerichtet werden. Ich
wähle hiezu, damit es keinen verdrießt, zwei Gelehrte, von denen namentlich
der erstere, in der Blüte der Jahre dahin geschieden , bei längerem Leben Be-
deutendes würde geleistet haben, Emil Sommer und Adolf Ziemann.
1. Sommer, Emil (Friedr. Julius), geb. 25. Febr. 1819 zu Oppeln, Sohn
eines Steuereontroleurs; bezog Ostern 183 8 die Universität zu Breslau (Zuhörer
von Hoffmann, Jacobi und Freytag); Michaelis 1841 Berlin (Zuhörer der Brüder
Grimm und Lachmann's) ; promovierte im Sommer 1842 zu Halle, wo er sich
Ostern 1844 als Privatdocent habilitierte und am 22. Juli 1846 an der Lungen-
schwindsucht starb. S. Nekrolog in der Hallischen Litteraturzcitung 1846. In-
telligenzblatt Nr. 5 5 und ausführlicher von Dr. Rumpel im Neuen Nekrolog der
Deutschen (Weimar, Voigt 1848) 2 4. Jahrg. I, 45 6 — 6 3.
I. Schriften: 1. De Theophili cum diabolo feedere. Berol. ap. Guil.
Besser. 1844. 48 pagg. in 8. (Habilitationsschrift). — 2. Sagen, Märchen und
128 MISCELLEN.
Gebräuche aus Sachsen uuJ Thüringen. I. Heft. Halle, E. Anton, 1846. 182 Sei-
ten 8. — 3. Flore und Blancheflur. Eine Erzählung von Konrad Fleck. Quedl.
u. Leipzig, Gottfr. Basse. 1846. XXXVIII u. 341 Seiten in 8. (= Bibliothek
der gesammten deutschen Nat.-Litt. Bd. XII).
IL Aufsätze etc. in Zeitschriften: a) in Haupt's Zeitschrift
f. d. Alterthum: 1. Die gute Frau. Gedicht des 13. Jhs. II, 385 — 481 (vgl.
IV, 3 9 9) — 2. Die Sage von den Nibelungen, wie sie in der Klage erscheint,
III, 193 bis 218. — 3. Ein Leich vom Niederrhein, ebd. 218 — 224. —
4. Die 15 Zeichen des jüngsten Gerichtes, ebd. 523 — 530. — b) in der Ency-
klopädie von Ersch u. Gruber. I. Section Bd. XLII, 93 bis 118: die Sage
von Faust. — Recensionen in der Berliner litt. Zeitung und den Berliner Jahr-
büchern von 1841 an.
2. Ziemann, Adolf (Lorenz) geb 1808 (?) zu Quedlinburg.
Auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt gebildet, bezog er 1826 die Universität
zu Halle, wo er sich dem Studium der Philologie widmete. Nach Ablauf der
akademischen Jahre kehrte er als Lehrer an das Quedlinburger Gymnasium
zurück und starb daselbst als Oberlehrer nach längerer Kränklichkeit am 11. Dec.
184 2. Vgl. Hallische Litt.-Ztg. 1843. Intelligenzblatt S. 43.
Schriften: 1. Altdeutsches Elementarbuch in zwei Abtheilungen. Qued-
linburg u. Leipzig, Gottfr. Basse, 1833. 8. I. Auch unter dem Titel: Grundriß
zur Buchstaben- und Flexionslehre des Altdeutschen, nebst einem Wurzelver-
zeicbniss. Nach Grimm bearbeitet. VIII u. 6 2 Seiten. IL Auch unter dem
Titel: Altdeutsches Lesebuch. Mit Anmerkungen. VIII u. 17 6 Seiten. 2. Aufl.
ebd. 1838. — 2. Gothischhochdeutsche Wortlehre. Ebd. 1834. VIII u. 88 Seiten.
— 3. Kutrun, mittelhochdeutsch. Ebd. 1835 (= Bibl. der d. Nat.-Litt. Bd. I),
VIII u. 213 Seiten. — 4. Mittelhochdeutsches Wörterbuch zum Handgebrauch.
Nebst grammatischer Einleitung. Ebd. 1838. 14 und 7 20 Seiten Lex. 8. —
5. Rechtfertigung gegen Hrn. Wilh. Wackernagel (Einige Worte zum Schutz
litt. Eigenthums. Basel im Aug. 1838. 15 Seiten). Ebend. im Nov. 1888.
So ungefähr ist die Einrichtung, wie ich mir sie denke und wünsche. Ich
ersuche nun sämmtliche Fachgenossen , welcher Richtung und Partei sie auch
angehören (denn ich mache hier keinen Unterschied zwischen Freund und Feind,
und werde die letztern auch wider ihren Willen zu erreichen wissen), mich durch
baldige Zusendung der ihre Person betreffenden biographischen und bibliogra-
phischen Daten in meinem Vorhaben zu unterstützen. Als Sporn für die Säu-
migen oder Bedenklichen werde ich jedem Einzelnen, dessen Namen und Aufent-
haltsort ich kenne, unter Kreuzband einen Abzug gegenwärtiger Aufforderung
zugehen lassen, den ich als specielle Einladung zu betrachten bitte.
WIEN, 6. Februar 1865. FRANZ PFEIFFER.
BEITRAGE ZUR SITTENGESCHICHTE DES
MITTELALTERS,
AUS DER SPRACHE GEWONNEN.*)
VON
RUDOLF HILDEBRAND.
Unter den Gebieten unserer Wissenschaft, denen ein regerer
Anbau zu wünschen wäre , scheint mir keines wichtiger und dieses
Anbaues bedürftiger, als die Geschichte der Sitten und Gesinnungen
unserer Vorfahren ; alle Zweige der Wissenschaft, die auf Erforschung
des Mittelalters gerichtet ist, verlangen, scheint mir, gleichmäßig danach.
Die Theologie und die Rechtswissenschaft wie die politische Geschichte
des Mittelalters müssten eigentlich eine solche Sittengeschichte zur
Grundlage haben, und nicht anders, was uns näher liegt, die Literatur-
geschichte und selbst die Sprachwissenschaft theilweise, sicher die Lexico-
graphie. Ich meine dabei nicht bloß die sog. Privatalterthümer. Jede
Zeit wird in ihrem Thun und Denken beherrscht von gewissen allge-
meingültigen Gedanken, Gesinnungen, Empfindungen, Gewohnheiten,
die an allen Lebensäußerungen der Zeit ihren Antheil haben; und
dieser habhaft zu werden ist nothwendig für den, der diese Lebens-
äußerungen verstehen will. Auch arbeiten im Grunde alle Zweige der
mittelalterlichen Wissenschaft zugleich an der Herstellung einer solchen
Sittengeschichte, die ihnen allen wiederum einmal als rechte Grund-
lage dienen wird. Eine der reichsten Quellen dafür ist aber die Sprache
selbst, in der das innere und äußere Leben der Zeit sich gleichsam
abgedrückt hat, mit einer Treue, wie in einem photographischen Bilde.
*) Es ist der wesentliche Inhalt eines Vortrags, der auf der Philologenversammlung
zu Hannover i. J. 1864 in unserer Section (frei) gehalten wurde.
GERMANIA X. Q
130 RUDOLF HILDEBRAND
Jedes wichtigere Wort trägt gleichsam in sich einen Theil aus dem Ge-
sammtbilde des alten Lebens, und da die wichtigsten Wörter zugleich
die am häufigsten gebrauchten sind, so erweisen sich als die inhalt-
reichsten für jenen Zweck gerade die gewöhnlichsten, d. h. die, die
man beim Lesen am leichtesten unbeachtet durch die Finger laufen
lässt. Ich habe ein paar solcher alltäglicher Wörter ausgewählt, und
will versuchen, sie in jenem Sinne auszubeuten.
1. Geselle, ein Bild aus dem höfischen Leben.
Bei dem eigentlichen förmlichen Empfange der Burgunden an
Etzels Hofe, dem 'grozen antvange Nib. 1740, 3 (Lachm.), wie es nun
ze hove geht, zur 'großen Cour' in den palas 1746, 1, heißt es:
do sack man 'sich gesellen die helde küene unde guot. 1741, 4.
Dieses sich gesellen wird darauf 1742 geschildert:
der fürste von Berne der nam an die hant
Günthern den vil riehen von Burgonden laut.
Irnvrit nam Gernoten den vil hüenen man,
dd sach man Riledegeren ze hove mit Giselhere gän;
jedem der drei Könige gesellt sich ein Fürst von Etzels Hofe zu, um
ihn vor den König zu führen, und die Paarung geschieht mit genauer
Rücksicht auf Würde und Rang der Gäste; auch passt nichts besser,
als daß Rüdiger gerade seinen Schwiegersohn führt *). Nur Volker
und Hagen nehmen an der Paarung nicht Theil, swie ieman sich gesellet
und ouch ze hove gie 1743, 1 , sie ziehen vor sich nicht zu trennen,
d. i. sie sind sich selbst die gesellen (vgl. 1942, 3). Dies 'sich gesellen
klingt nun aber wie ein fester Kunstausdruck, und andere Dichter-
stellen können es in klareres Licht stellen.
Im ersten Buche des welschen Gastes, wo Thomasin der adelichen
Jugend höfische zuht einprägt, heißt es V. 363 ff. :
ich wil ouch, daz miniu khit,
diu von adel komen sint,
handeln ir gesellen wol.
ein ieglich edel kint sol
*) Das Führen geschieht übrigens an der Hand, nicht am Arm wie jetzt, denn
letztere Sitte ist viel später eingeführt, aus Frankreich wie es scheint; sie ist dem
üiedern Volke noch heute ein fremd und vornehm gefühltes Ding, die Bauern führen
sieb noch jetzt an der Hand, wie die Kinder, und auch bei Hofe ist die alte Sitte noch
in Kraft, wo sieb fürstliche Personen nur bei der Hand führen.
BEITRÄGE ZUR SITTENGESCHICHTE DES MITTELALTERS etc. 131
mit werken und mit muote
sim gesellen tuon ze guote (rihin zu gute' sich verhalten).
verstet im inder sin phant,
daz sol er lassen im zehant.
swaz im durch in ze tuon geschürt,
daz sol er im verletzen niht.
Man kann diese Weisungen wohl verstehen vom Verhalten der
Pagen (kint) eines Hofes unter einander, daß einer dem andern zu
Gefallen leben soll, ihm z. B. sein verfallenes Pfand auslösen soll;
aber schon die letzte Weisung scheint dann bedenklich, daß einer,
was ihm auch (etwa Unangenehmes) des gesellen wegen zu thun zu-
fällt (offenbar doch nach Auftrag), diesem nicht zum Vorwurf machen,
ihn es in Worten nicht empfinden lassen soll ; und es ist von einem
gesellen nur die Rede. Wären diese gesellen fremde Gäste auf Besuch?
und hätte von ihnen jeder der Pagen einen zur Besorgung angewiesen
bekommen für die Dauer des Besuches? Das ist der Gedanke, den
ich, nur vermuthungsweise, zur weiteren Prüfung vorlegen wollte*).
Thomasins Weisungen in Bezug auf Tischzucht 497 ff. scheinen noch
besser dazu zu stimmen:
ein man sol niht sm ze snelle,
daz er neme von (vor?) sim gesellen
daz im da gevellet tool,
xoan man sinhalh ezzen sol.
man sol ezzen zaller vrist (jedesmal)
mit dir hant diu engegen ist :
sitzt din gesell zer r ehten hant,
mit der andern (linken, s. Grimms WB. 1, 310) iz zehant.
Daß Einer nicht von dem Andern , also ihm vom Teller das beste
Stück nehme, das hatte ja wohl Tbomasin nicht zu verbieten nöthig,
wohl aber, daß er vor dem gesellen zulange, weil man 'seinethalb
essen' soll, kann das heißen: beim Essen sich nach ihm richten? Aber
einer muß ja zuerst zulangen, und gewiss kam das dem Gaste zu.
Auch Konrad von Haslau im Jüngling (Haupts Zeitschr. 8, 567) be-
*) Es wäre das ähnlich, wie noch jetzt bei Hofe, nur in militärische Form ge-
fasst , daß einem hohen Herrn, der auf Besuch kommt, ein Adjutant aus dem Hofstaat
des Fürsten beigegeben wird. Überhaupt ist ins heutige Hofleben vieles aus der alten
Sitte fortgeerbt , ganz wie andererseits bei den Bauern , und eine genaue Darstellung
des heutigen Hoflebens in seiner überlieferten Form würde dem Verständniss der alten
Dichterwerke vielfach zu gute kommen»
9*
132 RUDOLF HILDEBRAND
rührt dies Verhältniss; er spricht aber vom genvz bei Tische (V. 552),
eben auch von einem; doch später:
dem ist ' gesellikeit' unkunt,
der sin genozen überizzet. 572.
Kaum zu verstehen aber ist ohne jene Annahme eine Stelle in
dem Bruchstück eines höfischen Epos in Haupts Zeitschr. 11, 490 ff.
(ein weiteres Bruchstück davon in der Germ. 5, 461). Da hält Sirikirsan
auf Bonkovereve eine hdchzit, ein Maifest, das wesentlich in einer Hoch-
zeit aller Brautpaare seiner Unterthanen besteht. Zufällig kommt ein
fremder Ritter, Segremors, dazu; der Wirth kündigt ihm die Bedin-
gungen der Kampfspiele an (S. 496):
so sol mit swerte und mit spere
ein man ervechten die gewalt,
daz er zu meistere ist gezalt,
unde sich geselle
swie her selbe welle.
der küre sol an im stän ....
hete ieman, des doch nene schickt,
also tumpltches icht,
daz er iz widerspreche
unde den küre breche,
der würde verderbet
unde gähes gesterbet;
der Sieger darf also zum Lohn nach eigener Wahl sich gesellen, doch
wohl seinen gesellen für die Dauer des Festes aus den Leuten des
\\ irthes wählen? und keiner (der selbst Gewählte oder wen es sonst
angeht) darf sich der Wahl nicht fügen wollen. Nur fragt sich, worin
da eigentlich der Gewinn besteht, der des Kampfes werth ist? das
scheint aus Folgendem klar zu werden.
Im Tristan, in der Fortsetzung des Ulrich von Türheim, kommt
Tristan mit seinem Freund Kaedin zur Isot auf Besuch ; er empfiehlt
dieser den Gast, und sie, um als gute Wirthin möglichst gut für ihn
zu sorgen, räth ihm (537, 13 Maßm.)
sitzet ze den kinden (Ilofjungfrauen).
muget ir da gnade vinden,
daz wil ich läzen äne haz (das soll mir schon recht sein).
Er folgt der Weisung, und Isot findet später Gelegenheit, ihn zu
fragen, welche der zwei an seiner Seite ihm gefalle (538, 10):
BEITRÄGE ZUR SITTENGESCHICHTE DES MITTELALTERS etc. 133
nü sich an si beide,
swederiu dir baz gev eilet,
ze dir sich diu gesellet,
das heißt diu muoz hinaht bi dir wesen 538, 7, und so geschieht es
dann auch. Also gab man, wie es scheint, einem Gaste auch eine
Jungfrau als gesellen bei, wie ja Jungfrauen und Frauen einem Helden
auch sonst zu besondern Ehren Mannesdienst thaten, den Schild ab-
nahmen, die Rüstung anlegten u. dgl. Das biligen ist wohl nur eine
Erweiterung dieser gesellikeit, die schon dem Entarten der Sitte ange-
hört; eine ähnliche Sitte kommt übrigens bei wilden Stämmen, z. B.
im südlichen Afrika vor, daß man einen Gast in solcher Weise ver-
sorgt. Bei uns war sie noch im 16. Jh. Fürsten gegenüber in Gebrauch,
nur daß man dazu Hilfe aus dem Frauenhause holte. Der Ausdruck
sich gesellen wandte sich später förmlich auf diesen obscönen Sinn,
denn so braucht es z. B. der Held der rede von einer graserin in Kellers
altd. Ged. 5, 16; und mnl. genoeten (vgl. vorhin genoz) galt geradezu
für coire, s. de Vries lekenspieghel , Glossar S. 434; freilich bot das
Wort auch ohne jene vermuthete Hofsitte Anlaß genug zu solchem
Gebrauche.
2. der beste, ein Bild aus dem Kampf leben.
Bekannt ist die Redensart daz beste tuon, sich auszeichnen, im
Kampfe, entsprechend dem ez gut tuon, tapfer kämpfen; aber weniger
beachtet scheint, wie dieser Ausdruck nur aus einem größern Zusammen-
hange von dazugehörigen Wendungen und Begriffen ein einzelnes Stück
ist und welchen alterthümlichen Hintergrund er haben muß. Im stren-
gen Wortsinn konnte daz beste tuon nur von dem Einen gelten, der
im Streit alle andern übertroffen hatte; so ruft denn Iring, indem er
sich zum Kampf mit Hagen ermannt:
ich hart üf ere läzen nu lange miniu dinc
und hän in Volkes stürmen des besten vil getan. Nib. 1965, 3;
so fragt Kriemhild bei der Rückkehr der Burgunden aus dem Sachsen-
kriege den Boten: teer tet daz beste? 225, 3, wer hat 'den Preis davon
getragen', wie wir jetzt sagen, ohne noch an einen wirklichen Preis
zu denken. Wer daz beste that, hieß denn auch selbst der beste:
waz Wate der küene in stürme da gestreit!
si warne in zollen ziten mit sinen helden bi den besten sähen. Gudrun 7 10, 4.
134 RUDOLF HILDEBKAND
In Dietrich und seinen Gesellen sagt einer zu den beiden Helden :
mir ist vil von iu (Dietrich) gesaget
und von meister Hiltebrande,
wie daz ir ie die besten stt,
ir slahent tiefe ivunden wit. v. d. Hagens Heldenb. 2, 111.
Aber dieser Plural erscheint schon als Abschwächung des eigentlichen
Begriffs; der beste kann im strengen Sinn nur Einer sein, und so er-
scheint die Wendung auch bestimmt. Eine Frau, um deren Minne ein
Ritter wirbt, verweist ihn auf ein bevorstehendes Turnier:
mügt ir da der beste sin,
so toil ich iu den tip min
mit teiln. . . (Haupts Zeitschr. 5, 275),
könnt ihr da den Preis als 'der beste' erringen. Eine Jungfrau warnt
den Hildebrand vor einem Kampfe, den er beginnen will:
ahzic sint des heiden man.
weit ir den eine gestriicn,
so müezt ir guot gelücke hau,
so sult ir ze beden siten
under in der beste icesen. Dietrich u. s. Ges. Str. 101.
In einem Kampfe dieser Heiden vorher mit Dietrich:
ein heiden durch daz volh (die Kämpfenden) her dranc . . .
üf den von Berne er do brach. . .
er wolte sin der beste. Str. 99,
er entschließt sich , den Namen 'des Besten' zu erkämpfen und sucht
dazu den Hauptgegner zum Kampfe auf. Das sieht aber aus, als wäre
. dieser Name der beste in aller Form dem Helden des Tages zugetheilt
worden, jedesmal nach dem Kampfe? wie heutzutage nach der Schlacht
in einem Tagesbefehle die besten Kämpfer dem Herrn namentlich kund
gethan werden. Bei Turnieren ward ja so der Preis förmlich Einem
zugesprochen, aus Frauenmunde; gewiss brauchte man da anfangs auch
den überlieferten einfachen Ausdruck; vgl. in den Nib. 1821, 4 Volkers
Ausdruck vom Erfolg des Turniers : icaz ob diu lüniginne den lop den
Burgonden git ? doch wohl das Lob der besten ?
Der Ausdruck ist so einfach und so vielsagend zugleich, daß
man sich daran freuen kann, wie am echten Schönen. Er trägt aber
in seiner Einfachheit bei so gewichtigem Inhalt den Stempel hohen,
ja wohl des höchsten Alterthums an sich; er sieht so natürlich aus,
als müßte er heute, wenn mit dem Leben auf gleichem Fuße neu zu
BEITRÄGE ZUR SITTENGESCHICHTE DES MITTELALTERS etc. |;^
beginnen wäre, ganz ebenso wieder entstehen. Auch diu Griechen hatten
in ihrer epischen Zeit denselben Ausdruck mit demselben Inhalt; denn
genau unserm daz beste iuon entspricht das ägiörsva in den Kämpfen
der Ilias, UQiörsveöxs {idxsöd-cci, agiötsvsaxs Tqcocov ; der beste heißt
aQiörsvg, sein Thun uQiöTeta; und man möchte Entsprechendes bei
allen Völkern veruvuthen, so natürlich ist das alles.
Wie tief aber der Ausdruck mit den daran geknüpften Vorstel-
lungen in die Gedanken eingewurzelt war und welche wichtige Rolle
er einst gespielt haben mag, zeigt seine Anwendung auf andere Ge-
biete und sein Fortleben bis in die nhd. Zeit. Von der Vortrefflichkeit
einer Frau z. B. heißt es einmal, als Schlußstein ihres Lobes:
nach gotes und der weite Ion ir clärer Up daz beste tuot.
Dietrich u. s. Gesellen Str. 156,
sie trägt im Ringen nach Gottes und der Welt Lohn, in der Bewer-
bung darum den ersten Preis davon, das kqlöxsIov, wie das griechisch
hieß. Bei allen andern Kampfspielen und Übungen, wo es einen Preis
galt, war der Ausdruck noch im 16., 17. Jahrh. in Geltung, gewiss
von jeher. Seb. Frank z. B. im Weltbuch erzählt aus Franken: oftmals
im jar zu summers zeit, so die meid am abend in einem ring herumb singen,
hummen die gesellen in den ring und singen umb ein kränz, gemeinklich
von nägelin gemacht, reimioeis vor ; welcher das best thüt, der hat den kränz
(Wackernagels Leseb. 3, 1, 341); es sind Spuren da, daß auch der
Held eines Ernstkampfes in alter Zeit mit einem Kranze verehrt wurde.
L. Spangenberg erzählt: wer noch heutiges tages im fechten, schieszen,
rennen, laufen, singen, ringen und springen das beste thuet, hat neben dem
andern gewinnet (Preise) einen cranz zu lohn. Ehespiegel Straßb. 1578?
250b. Im Tanze:
der kramer (die Fastnacht) läszt ein kränz zu lest,
(der) ligt in dem kram verborgen.
wer sich am tanz dunkt sein der best,
wil er damit versorgen. Unlands Volksl. 640.
Im Trinken : also geschieht den kostfreien gesellen , xoann sie stets ban-
ketieren ivöllen , fressen und saufen ivol bei dem icein , toöllen die besten
sein. Albertinus, Narrenhatz 227 (Augsb. 1617), gemeint muß sein:
jeder wiLTder Beste' sein; denn man bankettierte in Form eines Turniers,
übte mit Trinken ritterschaft (vgl. z. B. kanuenritter in Grimms Wörter-
buch)- Und auch vom ernsten Kampfe brauchte man das alte Wort
noch im 16. Jh. :
136 RUDOLF HILDEBRAND
Franz Sickinger der ander vest,
an mangem ort thet er das best.
Soltaus hist. Volksl., 2. Hundert S. 86;
Seb. Schertlin meldet i. J. 1532 nach einem Gefecht an den Augs-
burger Kath: ich will euch kain uner einlegen, dweil ich leb, die Augs-
purger habend d<is best bi mir gethon. Briefe, herausg. v. Herberger,
S. 21. Und recht hübsch wird es neuestens wieder verwendet: der
heldenmüthige Mann, der schon bei Quatrebras das Beste gethan und dort
eine Wunde davongetragen. Häußer deutsche Gesch. 4, 645.
Ein Zug fehlt noch zum Ganzen; auch der Preis, den der beste
erhielt, griech. ro ccqiötslov, muß bei uns daz beste geheißen haben.
Denn so heißt der erste Preis z. B. bei den Schützenfesten des 16. 17. Jh.,
und alle diese Kampfspiele waren möglichst nach dem Vorbild des
Ernstkampfes gestaltet; von dem Straßburger Schießen 1576 berichtet
Fischart :
zu eim hauptschieszen schön mit lust (fuhren wir)
zugleich mit büchsen und armbrust.
zu deren jedem war das best
hundert gülden, on sonst den rest (die andern Preise).
Glückhaftes Schifl' V. 99.
Von einem Züricher Schießen im Anfang des 17. Jahrh., in Grobs
Ausreden der Schützen:
hab gmeint bei allen meinen sinnen (klagt ein Schütz),
ich xoölt alhie das best gewinnen. Haupts Zeitschr. 3, 245 ;
die 'besten gaben wurden gmacht
auf beider zilstatt wolbedacht
hundert und zehen gülden grad. 243-
Noch Göthe und Schiller machen, auf alte Zeit angewandt, Gebrauch
davon: wie der Schneider von Heilbronn, der ein guter Schütz xoar, zu
Köln das Best gewann und sies ihm nicht geben icollten. Gottfried von
Berlichingen, Werke Ausg. letzter Hand 42, 25 (im Götz v. Berl. 42,
257 das Beste), er nahm es aus Götzens Selbstbiographie;
aber heute icill ich
den Meisterschusz thun und das Beste mir
im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen.
Wilhelm Teil, Apfelschußscene.
Und noch jetzt lebt der Ausdruck in Baiern, Tirol, das best, der erste
Preis, beim Schießen, Kegeln. Schmeller 1, 215, das Kegelbest Schöpf
tirol. Idiot. 308; die Bestenhalle heißt da bei Schützenfesten, was man
BEITRÄGE ZUR SITTENGESCHICHTE DES MITTELALTERS etc. 137
in der Schweiz den Gabentempel nennt. Noch schöner und altertüm-
licher aber in Norddeutschland: "hier in Hannover (in einem groszen
Theile von Niedersachsen) heißt der König des Schützenfestes der beste
Mann *).
In alter Zeit mag daz beste auch der beste Beutetheil geheißen
haben, den nach dem Kampfe gewiss der beste erhielt, der zuerst aus
dem Beutehaufen wählen durfte. Danach scheint auch lat. princeps be-
nannt, eigentlich primceps, d. i. gui primum capit, der das Erste erhält
von der Beute, zuerst nimmt. Auch den Besten selbst als den Ersten
zu bezeichnen lag nahe, und so heißt das griech. uqiötsveiv auch %qo-
tbvelv , das ctQLGrBiov auch tcqotsIov, t6 jtocjtov, obwohl noch nicht
bei Homer. Dem Ttgarog aber entspricht bei uns der fürste, ahd.furisto;
ist das also der ursprüngliche Sinn von Fürst?
3. Helfen, ein Bild aus dem Familienleben.
Wie Kriemhild Siegfrieds Tod erfahren hat, schickt sie zuerst
nach Siegmund,
ob er mir helfen ivelle den küenen Sifriden klagen. 955, 4;
und der Bote richtet's mit demselben Worte aus : daz sult ir klagen
helfen. 958 , 4. Dies Bedürfniss der Armen nach cHilfe' im Beklagen
des plötzlich Verlornen legen wir uns leicht bloß nach unserer Empfin-
dung und Gewöhnung aus, da sich beim Lesen dem mhd. helfen unwill-
kürlich unser jetziges helfen unterschiebt; aber es steckt dahinter eine
überlieferte Sitte und ein jetzt erstorbener BegrifTskreis. Auch zur
Leichenwache vor dem Begräbniss **) erbittet sie Hülfe , obwohl das
Wort helfen da umschrieben ist. Aber gegen Siegmund bei dessen
Abreise führt sie als Grund, daß sie bleiben müsse, mit an:
ich muoz hie beliben, sioaz halt mir geschult,
bi minen mägen die mir helfen klagen. 1028, 3.
Diese klage war eine heilige Pflicht dem Todten gegenüber, mit einem
verdunkelten religiösen Hintergrunde aus der vorchristlichen Zeit her,
und eine Pflicht der Verwandten war, dazu zu helfen, wie zu allem,
was einem aus der Verwandtschaft von ähnlicher Wichtigkeit zu thun
oder zu leiden zufiel. Die Sippschaft bildete ein geschlossenes Ganze
*) Das ist der Wortlaut einer Bleistiftnotiz, die mir während des Vortrags aus
der Versammlung zukam , von anbekannter Hand ; die Worte in Parenthese sind von
einer zweiten Hand eingeschaltet, beides Hände des 19. Jhs.
**) Vgl. einer lieh erlich wachen, als Verwandtenpflicht, Weisth. 4, 334-
|38 RUDOLF HILDEBRAND
der Außenwelt gegenüber, gleichsam einen Körper, an dem der Ein-
zelne nur ein Glied war. In diesem Lichte sind auch die Eideshelfer
anzusehen, die nach unser n Begriffen der sittlichen Beurtheilung
Schwierigkeiten machen.
In dieser Geschlossenheit stehen aber außer den Familiengliedern,
wie in einem zweiten Kreise um den Herrn als Mittelpunkt, auch die
'Mannen', das ingerinde, mit jenen zusammengefasst in der für uns
zum Überdruß wiederkehrenden Formel mäge unde man; und auch
ihnen liegt die Pflicht ob, in jener Weise zu helfen. So beim Begräb-
niss Siegfrieds, nachdem der Jammer der Kriemhild geschildert ist:
mit Hage ir helfende da rnanic vrouive toas. 1007, 2,
ihr ingerinde, ihr Hofstaat, ihr Gefolge : hier können wir nach unserer
Gewöhnung den Ausdruck helfen nur mindestens wunderlich finden ;
doch noch jetzt sehen wir bei Begräbnissen die Dienstboten den Ver-
wandten weinen helfen. Die Boten Liudgers und Liudgasts, die in
Worms den Krieg ansagen , äußern dabei auch :
habet ir iht guoter friunde, daz läzet balde sehen,
die iu friden helfen die bürge und iuriu lant. 144, 3.
Als Rüdiger den Kampf gegen seinen Schwager weigert und, um
der Pflicht ledig zu werden, sich erbietet, seine Lehen zurückzugeben
und in daz eilende zu gehen, bricht Etzel in die Worte aus: wer hülfe
danne mir? 2095, 1, d. i. in nüchterner Prosa: kein Vasall ist mir
wichtiger als du. In der Vorgeschichte der Gudrun, nach dem Kampfe
um die entführte Hilde fleht diese den Wate, seine ärztliche Kunst
auch zu Gunsten der Ihrigen, also seiner Feinde anzuwenden :
Wate, lieber vriunt, ner den vater min...
und hilf sinen recken, die da ligent in der molten,
unde sroem du künnest, die minem vater helfen wolten. 531, 4,
statt: von den Vasallen, die mit ihm kämpften, es ist als beriefe sie
sich damit dem Wate gegenüber auf die Pflicht seiner Feinde, ihrem
Herrn zu helfen. Die Begleitung eines Fürsten im Streite heißt auch
kurzweg seine helfe, s. Nib. 89, 1. 180, 2.
Die Vasallenpflicht ward Fremden gegenüber geradezu als in
diesem helfen ausgedrückt empfunden, die mäge unde man heißen daher
in bestimmten Angelegenheiten geradezu amtlich die helfcere, alle die
in einer Angelegenheit auf Seite der einen Partei sind, in einer Fehde,
vor Gericht und sonst, z. B.: wir Mechtüd herzoginne, und Adolf ir
sun, herzöge in Baiern (folgt eine Reihe anderer Herrennamen, endlich
BEITKÄGE ZUR SITTENGESCHICHTE DES MITTELALTERS etc. 139
zusammenfassend) und alle unse helfere dnon kunt u. s. w. Höfer Aus-
wahl der alt. Urk. S. 158; den breven, de vore twischen unsen omen und
uns und twischen den van deme blinde und eren hulperen gegeven sint. 363.
Daher noch heute helfershelfer, denn von den einzelnen heifern brachte
ja jeder wieder seine Mannen oder hei f er mit.
Diese helfer sind nun aber im Ausdruck manchmal stillschweigend
vorausgesetzt, indem zuerst nur der Herr genannt wird und dann auf
einmal statt seiner ein Plural eintritt; z. B. im Sachsenspiegel von der
Behandlung eines, der sich einer Gewaltthat schuldig gemacht hat und
bei einem Andern Schutz sucht: uffe swilcheme hüs (Burg) man den
vridebrecher helt wider recht (ihm sichern Aufenthalt gibt), swenne
der richter mit gerüchte vorgeladen icirt, und man sie ab eischet als recht
ist (in den rechtlichen Formen 'herunter fordert'), daz man ez gehören
nutge uffeme hüse: engeben sie sie nicht ab zu rechte, man vervestet die
bürg und alle. die daruffe sin. II. 72, 1 (ebenso im niederd. Texte), bei
dem vridebrecher dachte der Schreibende wie der Lesende sogleich von
selbst seine Helfer oder Mannen mit *). Wie hier in Rechtsprosa , so
auch in poetischem Stil :
dar ndcli des nächsten morgens do kam von SUant
Her wie der kiiene da er vroun Hilden vant
nach ir mannes ende xoeinen grimmieliche :
mit windenden henden enpfienc si doch die hei de lobeliche.
Gudrun 934,
denn Herwig kommt natürlich mit Gefolge; 'die helde' steht nachher,
obgleich der höfische Empfang wesentlich dem Herrn gilt. Aber der
Herr in seinem Auftreten ist in den Gedanken der Zeit so unzertrenn-
lich von seinen Mannen als Gefolge, daß sie in den Gedanken in eins
verfließen ; daher auch die ewig wiederkehrende Formel der kilnec und
sine man, wo wir oft für den Zusammenhang oder die Anmuth des Stils
die Letztern durchaus nicht vermissen würden.
Da muß nun aber auch der Fall vorkommen, daß nur der Herr
genannt wird und seine Begleitung mit gedacht ist, ohne daß das
durch einen folgenden Plural sich glücklich verräth ; ich glaube,
Nib. 1797. 1804 liegt ein solcher Fall vor. Volker und Hagen po-
stieren sich beim Kirchgang vor das Münster, daz des küneges wip
müese mit in dringen 1797, 4; nachher: do gie vil groziu menige mit der
*) Ein gleicher Fall steht in derselben von mir herausgegebenen mitteld. Über-
setzung des Sachsensp. (s. Germ. 8, 242) I. 20, 4, wo aber Ilomeyers niederd. Text
das Regelmäßige hat,
|4() RUDOLF HILDEBRAND
küniginne dan (d. h. hin, zum Münster) .... ja muose si sich dringen
mit den beiden vil gemeit. 1804.
Es ist, glaub ich, undenkbar, daß die Beiden es auf ein 'Drän-
geln' mit der Königin selbst abgesehen hätten: das war wohl nach
ritterlicher und höfischer Sitte unmöglich, und für ihren Zweck un-
nöthig. Ihr Zweck ist, Gelegenheit zu geben oder anzubieten zur Rei-
bung mit den Hennen, dadurch zum Ausbruch des Kampfes, nebenbei
allerdings zugleich ein Ärgern der Kriemhild; diese aber kommt mit
einer grozen menige als Gefolge, Frauen nicht nur, auch Ritter zu ihrem
Geleite, wie es die höfische Sitte mit sich brachte, und kamera?re mit
ihren weißen Stäben voraus oder zur Seite, die Platz zu machen haben
(vgl. Grimms Wörterb. 5, 118. 3d). Das muose si sich dringen meint
also wohl: die Königin mit ihrem Gefolge, als eins gedacht, so daß
Kriemhild zwar auch ins Gedränge kommt, aber nicht mit den feind-
liehen Männern sich körperlich zu drängeln hat, denn so weit konnte
schon der königliche Aufzug nicht aus seiner Ordnung kommen, ob-
wohl ein rnichel dringen war, zum Arger der hamercere 1805, 1. 4. So
verstanden es auch die Schreiber von B und J, indem sie statt muose
schrieben muosen, muosten, deutlicher, aber mit Verlust der rechten
Wirkung der Stelle.
Aber umgekehrt, und das ist das Merkwürdigste, werden oft
statt der künic und sine man bloß die Mannen genannt, so nothwendig
gehörten sie zusammen in den Gedanken der Zeit; und zwar auch da,
wo wesentlich und hauptsächlich der Herr gemeint ist. Sivrü von
Mniiant erscheint auf Matelane, um die Gudrun zu werben; er übt
mit seinen Mannen ritterliche Kampfspiele vor den Augen der Frauen,
und das ist ein ganz wesentlicher Theil der Werbung:
mit den stnen genozen uz Ikarjä
manegen pris grozen erwarb er dicke da.
die sxnen hergesellen, da si (accus.) die vrouicen sahen,
vor der Hetelen bürge si täten dicke ritterschajt vil nähen.
Gudrun 581,
es ist aber wesentlich Sivrit gedacht als Hauptperson, wie mit die von
Morlande 584, 4, und wie mit die vromven Gudrun. Deutlicher da, wo
Bartmut kommt, die Gudrun zu rauben:
mich wundert, ivaz doch waire den gesten da geschehen,
ob Wate der vil grimme hozte daz gesehen,
daz I hntmuotes helde durch den sal so giengen
mit samet Ludewige, da si die schmnen Gudrunen viengen. 793;
BEITRAliK ZUR SITTENGESCHICHTE DES MITTELALTERS etc. 141
Hartmut selbst, als Hauptperson, sucht die Gudrun im seil, alle an-
dern sind hier nur seine hei j er, und doch steht statt seiner ' Hartmuotes
helde; und vom Vers abgesehen, hätte der Dichter ebenso gut schreiben
können Hartmuot und nachher Ludewiges helde. Kein Zweifel an dieser
Vertretung des Herrn durch Nennung seiner Mannen bleibt, glaube
ich, bei folgender Stelle. Die entführte Hilde wird von ihrem Bräu-
tigam Hetel eingeholt, Wate und Frute als die Helden der Entführung
führen ihn zu ihr :
Wate und ouch her Fruote die vuorten mit in dan (d. i. dahin)
die küenen helde guote des küneges Hetelen man,
da si die scheenen Hilden dSs tages sollen schouicen. 479,
d.h. den Hetel, aber sein Gefolge ist natürlich dabei und erscheint
vor den Augen der Zusehenden mit ihm als eins, als ein Klumpen
gleichsam, um den militärischen Ausdruck zu brauchen; oder: des
küneges H. man steht wie sonst 'der künic und sine man, wo wir dem
Dichter die man gerne schenkten; und diese gewöhnliche Wendung
hätte auch der Vers und der Zusammenhang ganz gut zugelassen.
Wie sie dann der Jungfrau nahe kommen, und Hetel mit den Seinen
vom Rosse steigt zur Begrüßung, wird auch das so gesagt:
die von Hegelingen bi dem künege hie
loären nü von rosse komen üf daz gras. 480.
Dies die . . bi dem künege ist genau wie in der Iliade eine Wendung
mit a(i<p£ (bi ist eigentlich 'um., .herum', mit uficpi sogar urverwandt
im Grunde eins, s. Grimms Wb. 1, 1202. 1346):
oC tfuiiq) 'Argeiava diorgecpesg ßccöilrjsg dvvov xgtvovrsg. . . 2, 445,
und das deckt sich in Ausdruck und Inhalt mit jenen mhd. Wendungen:
fdie um den Atriden, die Könige', gemeint aber ist: Agamemnon, und
die Könige in seinem Gefolge und ihm nach, aber er hauptsächlich.
Ebenso und noch deutlicher, wo die Versammlung der Fürsten am
Skäischen Thor geschildert wird:
oi d'äfMpl IJQia^iov xal Tlctvftoov rjdh ©vfiotrrjv
Ad(i7iov t£ Klvxiov #' 'lxsräovd % otpv 'Jgrjog,
OvxakeyGiv rs xal 'JvrrjvcoQ. 3, 146,
'die um den Priamos', d. h. Priamos selbst, aber natürlich von seinem
Gefolge umgeben, ganz^wie vorhin des küneges Hetelen man. Der Aus-
druck, der uns wunderlich und sehr ungenau erscheinen muß, gibt
die Auffassung mit dem Auge rein wieder. Und wie geläufig dem
griechischen Sänger und seinen Hörern diese Wendung war, ja schon
!42 RUDOLF IHLDKIMAND
verblasst, mit der Gewöhnung, das sachliche Subject dabei im Aecu-
s.itiv zu hören, das zeigen die folgenden Namen im Accus. ; denn dem
Panthoos u. s. w. wäre an sich die Ehre jener dem König geltenden
Wendung wohl nicht angethan worden, nur ÜQÜa^iov zog auch die
folgenden Subjecte in den Accusativ, und erst im dritten Verse darauf
tritt der natürliche Nominativ wieder heraus. Noch im späteren Grie-
chisch ist diese Wendung ganz geläufig, auch weiter entwickelt: o[
tcsqI Ssvocpüvxa Anab. 4, 5, 21, Xenophon mit den Seinigen; o<r üuyl
"Avvtov bei Pinto, Anytos und seine Leute, A. und Leute wie er; ot
Ttsgl 'Hgccxlsitov, Ileraklit und seine Schule. Wann ist jene Wendung
bei uns erloschen ?
Jenes helfen übrigens, um darauf zurückzukommen, ward auch
auf andere Gebiete erstreckt. Morungen z. B. in seiner Minnenoth
ruft seine Freunde an :
helfet singen alle,
nune friunt . . .
daz si mir genäde tuo. Minnesangs Frühl. 146, 3,
es ist als ob er die Freunde damit an eine Pflicht der Sippe mahnte;
ivol her alle, helfet singen icibes lop. Lichtenstein 563, 1 ;
guotiu wip, ir helfet wünschen, daz ich werde der vil lieben also
wert u. s. w. 400, 20;
er half in beiden da zestunt weinen vor leide. Gregor. 378;
nü, half der bruoder da zestunt trüren siner swester. 278;
herren unde friunt, nü helfet an der zit
(bestätigen, daß nur Hiltegunde mich heilen kann). Walther 74, 10;
wist ich waz in würre. ..
so hülf ich in ir schaden klagen. 117, 35;
helfen mir gedenke>i aller guttäter miner kirchen, die kurzlich verschei-
den sint. De fide concubinarum 94, 5 bei Zarncke.
Doch beruht das mehr auf dem alten, auf religiösem Grunde ruhenden
Glauben, daß beim Wünschen, wie beim Beten, Singen u. dgl. die
Mitwirkung möglichst vieler den Erfolg besser sichere (vgl. Grimm,
Myth. 31). An die Eideshelfer erinnert Folgendes :
hontet ir ir wege als wir gesehen,
ir hülfet uns der loärheit jehen. Livl. Reimchr. 5108;
des müezen die mir helfen jehen,
den minnen Ion ist geschehen. Flore 93,
nämlich daß Minne zu Tugend reize. Sehr schön behandelt Reinmar
seine Gedanken als seine helfer und klagt sie an :
BEITRAGE ZUR SITTENGESCHICHTE DES MITTELALTERS etc. 143
noch füere ich aller' dinge wol,
wan daz gedanke loellent toben:
dem gote dem ich da dienen sol,
den helfent si mir niht so loben
als ichs bedürfte und. ez min scelde luaire. MSF. 181, 26,
er denkt sie wohl als seine Vasallen, die ihm den Dienst halb ver-
sagen. Dieses * helfen1 gieng in den Stil des Volksliedes über und wird
da oft zu trefflicher Wirkung verwandt:
wir will tnirs helfen trauren,
der recke zicen finger auf. Wunderhorn 4, 9 ;
pack ein, pack ein dein langes haar,
du sollst mir helfen leide tragen. 363,
so sagt ein unglückliches Mädchen zur Freundin;
es stet ein lind in diesem tal,
ach gott was tut sie dal
sie will mir helfen irauren,
dasz ich kein bulen hob. Uhland 68;
zvistent mijn vader ende moeder t'huis,
si souden mi helpen trueren. 548;
denn niemand kann uns scheiden,
als nur der tod allein,
den nehmen ivir zum zeugen,
der soll uns helfer sein. Hoffm., schles. Volksl. S. 131.
4. Dringen, ein kleines Nachspiel, aus dem Hofleben.
Das vorhin erwähnte dringen kommt in den Gedichten oft mit
einer eigenen Bedeutung vor. Bei dem öffentlichen Erscheinen fürst-
licher Herren und Frauen drängt man sich nach ihnen oder um sie,
nicht nur aus dem natürlichen Grunde, sie zu sehen und sich sehen
zu lassen, sondern als wäre dies dringen selbst eine Forderung höfischer
Sitte, wie zur Ehre des Herrn oder der Frau. Der Geltar z. B. in
einem Spruche, wo er das höfische Leben und seine Verherrlichung
durch die Minnesinger verschmäht:
mir gcebe ein herre Ithter sinen meiden uz dem stalle,
dann ob ich als ein wosher Flosminc vür die vrowen dringe.
MS. 2, 119\ Hagen 2, 173%
ein Pferd ist mir lieber, als was sich erreichen lässt, indem man sich
wie ein Musterhofmann vor die Frauen drängt, bei ihnen vordrängt,
14+ RUDOLF HILDEBRAND
ei h. dies dringen als ein Hauptkennzeichen des Hoflebens gebraucht.
Ebenso wenn der Winsbeke seinen Sohn anweist, dem Hofleben nach-
zugehen :
sun, du solt bi den werden sin
und lä ze hove dringen dich. 23, 2,
im höfischen Gedränge suche deine Laufbahn. Am Hofe Hermanns
von Thüringen war nach Wolfram etswd smcehltch gedranc und etswd
werdez dringen Parz. 297, 22, wieder als kurze Bezeichnung des Men-
schentreibens bei Hofe überhaupt, wie bei Frauenlob Spr. 334, 7,
'dringen und schallen bei Konrad von Haslau, Haupts Zeitschr. 8, 554.
Am deutlichsten einmal bei Helbling; da sind vier österreichische Land-
herren beim Herzog, ihm ihre Wünsche wegen Änderung seiner Re-
gierungsweise vorzutragen, sie wünschen u. a., daß er zur Zier seines
Hofes die Edlen seines Landes herzuziehe, nicht mehr die fremden,
und meinen, sie selbst könnten ebenso gut höfisch leben als jene, und
das wird so ausgedrückt:
sie kunnen als wol dringen
als einer von Elsäzen,
ir sult da keime läzen
Swäbe und Rinfranhen. 4, 738.
So ist denn auch Walthers Klage von der Wartburg gemeint: ick
kdn gedrungen unz ick niht me dringen mac 20, 7. Besonders die jungen
scheinen immer 'dringend' auftreten zu müssen. Im guten Gerhard
z. B. bei der Schwertleite, nachdem die 'jungen neuen Helden' nun
geweiht sind und es aus der Kirche geht zu Kampfspielen auf den Hof:
nach dem gotes segene (der Einsegnung)
drungen die sioertdegene
mit schalle für des münsters tür. 3604,
also ganz nach des Haslauers Vorschrift vorhin. Wie man dann zum
Turnier reitet, die Frauen mit:
die werden vroioen ricke
die funden alle gelicke
ir pkert bereit aldä : si riten . . .
die eilenthaften jungen
vor den vrowen drungen
mit senften siten lise. 3625 ff.,
d. h. Rudolf hält damit das senfte und lise dringen vor den Frauen den
jungen seiner Zeit als Spiegel vor. Einen ähnlichen Wink mag enthalten:
BEITRÄGE ZUR SITTENGESCHICHTE DES MITTELALTERS etc. H5
do kämen die burgcere sä (nach Hofe)
mit zühlen, niht gedrungen,
die alten vor den jungen. 737.
Bei den Franzosen hieß das la presse, s. z. B. Haupt's Zeitschr. 10, 494,
und daher noch heute s'empresser, eigentlich wohl : sich in das Gedränge
machen, sich mit drängen.
Während ich dies mhd. dringen bei Hofe schon länger im Auge
hatte, ohne darüber klar zu werden, fand ich plötzlich einmal den
Muth zu obiger Auffassung durch eine Mittheilung der Augsb. Allg.
Zeitung aus England. Da war, vor etwa sechs, sieben Jahren, eine
Parlamentseröffnung geschildert, aus den Times, und dies Blatt erzählte
dabei, wie im Thronsaal die Mitglieder des Oberhauses sich versam-
melten und darauf die 'Gemeinen', die sich in einem andern Raum ver-
sammelt hatten, in den Thronsaal zugelassen werden: und sie kommen
heran den Corridor entlang durch die Thür sich drängend oder drän-
gelnd, auch die alten Herren mit wie Jünglinge (juveniles), also wie
dort bei Rudolf von Ems die swertdegene aus dem Münster Das eng-
lische Blatt aber knüpfte daran die Mahnung, es wäre doch wohl end-
lich Zeit, diese herkömmliche Sitte des Drängens (thronging) bei dieser
Gelegenheit, die den jüngeren Mitgliedern wohl einigen Reiz böte, den
älteren Herren aber doch unbequem sein müsse, und die gar keinen
Zweck mehr hätte, endlich abzuschaffen. Ob sie darauf abgeschafft
worden ist ?
ANTONIUS VON PFOKR.
Im Jahrgang 1864 dieser Zeitschrift, S. 226 ff., weist uns Fedor
Bech mit Glück und Scharfsinn einen Anthonius von Phor als den
Übersetzer des 'Buches der Beispiele der alten Weisen' (herausgegeben
von W. G. Holland, Stuttgart 1860) nach. Weitere Nachforschungen
führten ihn auf das 'in Schwaben ehemals ansäßige edle Geschlecht
von Phorr' (Pforr) und selbst auf einen 'Anthoni von Pforr', der in
einer Urkunde der Stadt Breisach (nicht Breisgau) aus dem Jahre
1458 (Schreiber, Urkundenbuch der Stadt Freiburg, II, S. 434) als
ein im Dienste des Herzogs Siegmund stehender Rath erscheint. Bech
erwähnt aus Schrei ber's Buch noch andere Namen dieses Geschlechts,
so einen Wernher von Pforr als Rathsherrn der Stadt Breisach (nicht
Freiburg), einen Werli von Pforr und einen Hans Wernher von Pforr.
GERMANIA X. 10
14C, K. A. BARACK
Die von Pforr waren eine Breisachische Patrizierfamilie, deren Wappen
(bestehend ans einer schwarzen Kngel in Gold, auf der ein achtstrah-
liger silberner Stern) sich noch häufig in dieser Stadt findet (Mone,
Zeitschrift 13, 50; Quellensammlung 3, 236). Ihrem Namen in süddeut-
schen Geschichtsbüchern zu begegnen ist leicht, s. besonders Mone's
Zeitschrift und dessen Quellensammlung; Schöpflin, Alsatia illustrata;
Hartard von Hattstein, die Hoheit des Teutschen Reichs-Adels; Kreuter,
Geschichte der k. k. vorderösterreichischen Staaten ; Rosmann und Ens,
Geschichte der Stadt Breisach etc. etc. etc. In Mone's Zeitschrift
14, 241 ff. erscheint wieder rHerr Anthony von Pforr' in einer Urkunde
vom 9. März 1472, als Fürsprech des Bischofs von Constanz in einer
Streitsache mit Pilgerin von Heudorf. Ob nun dieser urkundlich vor-
kommende Antonius von Pforr ein und dieselbe Person mit dem Über-
setzer und wer er näherhin gewesen sei, diese Frage zu lösen, hat
Bech weiterer Nachforschung überlassen.
Ich finde nun im 3. Theil von Steinhofer's 'Neuer Wirtembergi-
schen Chronik' S. 281 einen Herrn rD. Anthonius von Pfor, Kirchherrn
der Pfarrkirchen zu Rotenburg am Necker' erwähnt, der sodann von
Haßler in seiner 'Chronik der Stadt Rottenburg' S. 135 näherhin als Pfarr-
herr zu St. Martin und erzherzoglich geistlicher Rath bezeichnet und
unter dem Jahre 1477 angeführt wird. Die Identität des im Jahre 1458
urkundlich vorkommenden Rathes des Herzogs Siegmund und dieses
erzherzoglich geistlichen Rathes (1477) und wohl auch des im Jahre
1472 urkundlich erscheinenden Fürsprechs des Bischofs von Constanz
liegt nahe und dürfte kaum zu bezweifeln sein.
Im Jahre 1477 hat die Erzherzogin Mechtild die Stadtpfarrei zu
St. Martin in Rottenburg gestiftet (Häßler, a. a. (). S. 122) und ohne
Zweifel bezeichnet das von Haßler dem Namen des Anton von Phorr
angefügte Jahr 1477 die Zeit seiner Einsetzung in dieses Amt, die
also mit dem Stiftungsjahre zusammenfiele. Nun ist die Erzherzogin
Mechtild bekanntlich die Mutter des Grafen Eberhard von Württemberg,
desjenigen , der durch seine akrostichische Verbindung mit der Über-
setzung anfänglich für deren Verfasser gehalten, nach genauerer Prü-
fung jedoch nicht als solcher, sondern als Gönner des unbekannten
Übersetzers erkannt wurde. Diese bisher nur vermuthete, jedoch nahe
liegende Beziehung des Verfassers der Übersetzung zum Grafen Eberhard
liegt somit als durchaus zutreffend mit dem Rottenburger Pfarrherrn
vor Augen. Sie erhält noch eine besondere Bestätigung und Beleuch-
tung dadurch, daß unser Pfarrherr sich an der feierlichen Eröffnung
ANTONIUS VON PFORR. 147
der vom Grafen Eberhard gegründeten Universität Tübingen betheiligt
und nebst andern seinen Namen in die Matricula universitatis eingetra-
gen hat (s. Steinhofer, a. a. O. ; Klüpfel, Geschichte der Universität
Tübingen, S. 4). Pforr erscheint somit in der Reihe der ersten Mitglieder,
wenn auch nicht als einer der Lehrer der neugestifteten Hochschule, unter
welchen Holland (a. a. O., S. 253) und Andere vor ihm den unbekann-
ten Übersetzer vermutheten. Ist daher die Voraussetzung Bech's, daß
ein Antonius von Pforr (Phorr) der Übersetzer ist, wie kaum zu be-
zweifeln, richtig, so wird D. Antonius von Pforr, Pfarrherr zu St. Martin
in Rottenburg am Neckar und erzherzoglich geistlicher Rath als solcher
zu betrachten sein. Näheres über seine Person, seine wissenschaftliche
Thätigkeit, möglicherweise sogar auf die vorliegende Autorschaft Be-
zügliches findet sich vielleicht in den von Mernminger in seiner Be-
schreibung des Oberamtes Rottenburg S. 119 ff. angeführten hand-
schriftlichen Quellen.
DONAUESCHINGEN. K. A. BARACK.
KOSENGARTEN.
Auf einen Rosengarten, im Sinne wie ihn die f Sagen aus den V
Orten' S. 254 f. vorführen, nämlich als heilbringende Begräbnissstätte,
deutet eine Stelle aus der vita s. Davidis Episcopi Menevienis (Menevia
in Wales) , wo es heißt :
„Ex loco, in quo deservire proponis vix e centum nnus prajmiis
potietur. Est autem olius prope locus, in cujus coemeterio, qui-
cumque salva fide humati fuerint, vix eorum unus inferni poenas
luet." Dieser Ort hieß Rosina vallis. S. Bolland. Act. S. S. T. I.
Mart. pg. 42. no. 5.
Dann ist die in meinem Buche S. 255 enthaltene Notiz über den Brauch
in Solothurn zu ergänzen. Im Neujahrsblatt des Kunstvereins von
Solothurn für 1855, wo der gelehrte und für historische Forschung zu
früh verstorbene Cistercienser P. Urban Winistörfer über den alten
St. Ursus-Münster handelt, schreibt er S. 21: „Rosengarten nennt
man jenen offenen Platz, der zwischen dem Beinhaus und der Seiten-
thüre der Kirche sich an die letztere anlehnt, ein unregelmäßiges Viereck
von 43' und 44' mittlerer Länge und Breite. Dieser Ilofraum erhielt
eine historische Bedeutung, weil früher jährlich, je am Johann-
Baptistentag (Johanni zu Sungichten), Räthe und Burger sich
hier versammelten, um die Ämter besetz ung und die Auf-
nahme ins Burgerrecht vorzunehmen, bis später diese Ver-
10*
148 KARL BARTSCH
handlangen des Solothurnischen Gemeinwesens in den Garten der Bar-
füßer verlegt ward."
Hier haftet der Brauch an uralter Cultstätte. Im Jahre 870 stand,
wie der Vertrag zwischen Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deut-
schen belehrt, das St. Ursenmünster schon und zwar auf einem Boden,
der, wie die ausgegrabenen Alterthümer andeuten (Neujahrsbl. S. 3),
bereits den Heiden als Opferplatz gedient hat. A. LÜTOLF.
BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK
DER KUDRUN.
VON
KARL BARTSCH.
III.
In Österreich , speciell vielleicht in Steiermark , werden wir die
Heimath des Gedichtes ohne Zweifel zu suchen haben; darin stimmen
alle bisherigen Forscher überein, darauf weisen die angeführten mund-
artlichen Eigenthümlichkeiten hin. Niederdeutsches, worauf der Schau-
platz der Sage führt, lässt sich nicht nachweisen*), wenn wir auch
annehmen dürfen, daß die Lieder, die der Dichter gehört hatte und
benutzte, niederdeutschen Ursprunges waren. Daß niederdeutsche
Sänger und Lieder nach Oberdeutschland kamen, darf in einer Zeit
allgemeinen poetischen Wanderlebens nicht Wunder nehmen und lässt
sich durch andere Beispiele erhärten. Lamprecht's Alexander z. B. ist
ohne Frage ein in niederdeutschen Gegenden entstandenes Gedicht,
wir finden ihn in der Vorauer Handschrift, die im zwölften Jahrhundert
geschrieben ist und gerade nach Steiermark gehört. Das niederrhei-
nische Gedicht von Herzog Ernst war nach 1180 in Oberbaiern be-
kannt und ein niederdeutscher Spielmann dichtete in Baiern den Rüther.
Abweichender sind die Meinungen bezüglich der Abfassungszeit.
Soviel ist sicher, daß der Dichter der Kudrun das Nibelungenlied
kannte, und zwar nicht in einzelnen Volksliedern, wie Lachmann sie
annimmt, sondern als Ganzes wie es uns vorliegt, da er an zahlreichen
Stellen echte und unechte Strophen (nach Lachmann's Bezeichnung)
*) Doch vgl. die Anmerkung oben S. 86.
BEITRÄGE ZUK GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 149
benutzt hat. Darnach müßte die Kudrun nach 12 !0 fallen, indem
Lachmann um 1210 die jetzige Redaction des Nibelungenliedes setzt.
Damit würde auch übereinstimmen, daß der Dichter Bekanntschaft mit
Wirnt's Wigalois verräth, aus dem er den Namen Wigäleis (582, 2.
715, 1. 759, 1) entnommen hat. Und andererseits würde sich der
fcerminus ad quem leicht ergeben durch die Wolfram'sche Nachbildung
der Kudrunstrophe im Titurel, der nach Lachmann vor 1215 entstand,
indem 1215 der Dichter schon den Willehalm angefangen hatte. So
würde die Abfassung der Kudrun nach 1210, vor 1215 fallen, mithin
etwa um 1212 (vgl. Müllenhoff S. 124). Aber nur 'die echten Theile
des Gedichtes' (Müll.) gehören dieser Zeit an, die erste Überarbeitung
fällt um 1230, die zweite und dritte etwa 1250 (Müllenhoff S. 94).
Allein obige Berechnung ruht in mehrfacher Beziehung auf fal-
schen Daten. Die Abfassungszeit des Nibelungenliedes (1210) ist keines-
wegs sicher. Ich kann hier die Beweisführung nicht geben, sondern
muß auf meine inzwischen erschienenen Untersuchungen über das Nibe-
lungenlied verweisen, in denen dargethan ist, daß, abgesehen von den zu
Grunde liegenden Liedern, das ganze Epos wenigstens um 1190 schon
vorhanden war. Auch die Strophenform ist der Strophe der ganzen
Nibelungendichtung nachgebildet, denn ob jene vermutheten Volkslieder,
wie sie Lachmann hergestellt zu haben glaubt, in derselben Form ge-
dichtet waren, ist mehr als zweifelhaft, zum mindesten durch nichts
zu erweisen. Die Nachahmung einzelner Stellen weist ebenfalls auf
das Nibelungenlied als Ganzes, nicht auf die demselben unterliegenden
Lieder. Aber auch der terminus ad quem muß verändert werden.
Wolfram' s Titurel ist nicht um 1215 entstanden, sondern des Dichters
Jugendarbeit. Denn ich stimme Pfeiffer's Beweise (Germania 4, 301
bis 308) vollständig bei, der in den Worten im Titurel 37, 4,
des wil ich hie geswigen und künden iu von magtuomlicher minne,
nicht eine Beziehung auf ein hinter dem Dichter liegendes Gedicht,
die ersten Bücher des Parzival , sondern eine Hindeutung auf ein in
Zukunft beabsichtigtes Werk erblickt. Wir weiden daher den Titurel
wohl schon um 1200 anzusetzen haben. Man konnte einwenden, daß
Wolfram die Kudrunstrophe nicht aus unserm Gedichte, sondern aus
einem älteren in derselben Form gedichteten Werke gekannt, daß es
Volkslieder in dieser Form gegeben habe. Dem stelle ich entgegen,
was ich schon oben bemerkte, daß die Kudrunstrophe ihrer ganzen
Natur nach niemals eine volksthümliche gewesen sein kann, daß sie
erst von ihrem Dichter eigens für den Zweck dieses Gedichtes erfunden
und auch von keinem späteren wieder benutzt wurde.
150
KARL BARTSCH
Unserer Zeitbestimmung, wonach die Kudrun in ihrer ursprüng-
lichen Gestalt zwischen 1190-1200 fallen würde, steht scheinbar ent-
gegen die Einführung des Wigäleis. Allein der Dichter, der ein Land
Gäleis kannte (641, 2), bei dem II W/m so oft vorkommt, worunter er
ohne Zweifel Wales verstand, wenn es auch ursprünglich einen Theil
der deutschen Nordseeküste bezeichnete*), konnte bei mancherlei an-
derer • Sao-enkunde , die er in den volksthümlichen Stoff einmischte,
auch vor Wirnt schon von dem Namen Wt-gcdeis Kunde haben. War
denn Wirnt' s Wigalois, selbst angenommen, daß die Kudrun erst um
1212 entstanden sei, damals schon so bekannt und berühmt, daß unser
Dichter hätte veranlasst werden sollen, diesen einen Namen und keinen
der berühmteren Artusritter in seine Dichtung herüberzunehmen? We-
nigstens werden wir gegenüber von bedeutsameren Gründen uns durch
diesen einen Namen nicht bestimmen lassen, die Kudrun nach 1210
anzusetzen.
Der Biterolf ist in seinem ersten Theile Nachahmung eines fran-
zösischen Stoffes; der Sohn zieht heimlich vom Hause fort, um den
Vater zu suchen. Gleiches thun Lanzelet und Wigalois (Müllenhofi
S. 106). Wenn der Dichter des Biterolf, der dem Ende des 12. Jhs.
angehört und ebenfalls in Steiermark entstand, ein französisches Ge-
dicht solches Inhalts kannte, so kann dies ebensogut ein französischer
Wigalois, wie ein französischer Lanzelet gewesen sein, und der Dichter
der Kudrun konnte es kennen. Auch aus diesem Grunde ist also der
Name Wigäleis kein Beweis »egen unsere obio-e Zeitbestimmung. Eine
französische Dichtung desselben Inhaltes wie Wirnt's Wigalois ist
neuerdings nachgewiesen (Ebert's Jahrbuch 4, 317 ff'.); hier heißt der
Held Giglain.
Zu den aus dem Verhältniss zu andern Dichtungen entnommenen
Gründen gesellen sich solche, die wir dem Gedichte selbst entlehnen.
Wir können die schon oben bemerkten freien Endreime geltend machen,
die sich erhalten haben. Freilich hat auch Wolfram vereinzelt solche,
ebenso Stricker u. a. (Gramm. I2, 445); aber nicht entfernt so viele
im Vergleiche des Umfanges. Dazu kommt, daß Wolfram, bei dem
sie wohl am häufigsten sind, ein Dichter ist, der auf die Form keinen
Werth legt, ja nicht einmal feinen Sinn für Schönheit der Form hat;
die metrische Form ist aber beim Dichter der Kudrun äußerst sorg-
fältig. Da seine Dichtung die Bestimmung hatte, die höfischen Kreise zu
*) Wolfram versteht Valois unter Waleis.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 151
unterhalten, so würde er auch im Reime, da er im Übrigen die Form
kunstgerecht hielt, den Anforderungen seiner Zeit sich bequemt und
nicht Assonanzen eingemischt haben. Wir könnten ferner auf die freien
Cäsurreime verweisen (vgl. W. Grimm , zur Geschichte des Reims
S. 51), wenn hier nicht die andere oben gegebene Erklärung wahrschein-
licher wäre. Dagegen sind nicht zu übersehen Alterthümlichkeiten
in gewissen Formen, die schon im Beginn des 13. Jhs. nicht mehr
vorkommen. Dahin ist zu rechnen nerjen statt nern 82, 2 in der
Cäsur, da neren unerlaubt wäre, habete, präter. von haben, 566, 4, in
der Bedeutung 'hatte', niwen statt niun 854, 2. 931, 2. 1663, 3;
vgl. auch fiwer 104, 1. helede, dreisilbig, durch den Inreim (: edele
684, 1. 1328, 1) gesichert; freilich ist dies Inreim, aber auch am Schluße
wird helde immer nur mit selde (d. h. selede) gebunden, nicht mit velde,
engelden u. s. w. Vgl. 345. 448. 493. 497. 743. 785. 795. 936. 938. 972.
1070. 1264. 1346. 1374. 1378. 1453. 1535. 1656. Der Grund kann nicht
sein, daß helde, selde umgelautetes, völde gebrochenes e hat, denn Reime
e : e finden sich, wenn auch nicht allzuhäufig; auch würde z. B.
zelde (Dat. von zeit) genau reimen. Der Dichter empfand noch die
Dreisilbigkeit beider Wörter, und schrieb vielleicht wirklich helede:
selede. ivirdet statt wirt ist aus 215, 4 zu folgern; im Reime findet
sich icirt gar nicht (ein Reim in irt kommt überhaupt nicht vor), inner-
halb des Verses muß die syncopierte Form daneben angenommen werden;
vgl. 258, 4. 306, 2. 686, 2 u. s. w. Ferner eltüte in der Cäsur 77, 1.
118, 1. mitteliste 119, 1, die nicht verkürzte Form dieneste 83, 4. 662, 2.
1155, 4 neben der syncopierten. sclicenesten 476, 3 und vor allem
bezziste 724, 4. 1588, 4, was der Vers erfordert. Vielleicht ist auch
1076, 1 statt dö sandes aller erste zu lesen du sandes ereste (: iveste);
vgl. Wackernagel's Walther 24, 23. Ferner gehören hierher die alter-
thümlichen Reimformen dbunden : erfunden 376, 3, vgl. Biterolf 3612.
9241 abunt : ivunt; und im Inreim äbunde : gunde 47, 4. : wunden
518, 4. toeinunde : stunde 616, 1, wie snidunden : wunden Bit. 6535.
suochunde : stunde Klage 2367 Lassberg. Endlich darf man das Vor-
kommen der Participia auf ende in der Cäsur für das Alter geltend
machen; denn dies steht der Verwendung der Participia im Reime
gleich, die auch nur noch im letzten Jahrzehend des 12. Jahrhunderts
vorkommt. Ein anderer Ton ruht offenbar auf iceinende sän als auf do
si si iveinende \ beide vor ir sach 1244, 1, worauf wirklich eilende in der
zweiten Zeile reimt; jenes weinende vertritt zwei Hebungen und eine
Senkung, dies in der Cäsur drei Hebungen, indem ja die zweite
Silbe der klingenden Cäsur als eine Hebung gelten muß. So steht in
152
KARL BARTSCH
der Cäsnr lachende 220, 4. trürende 278, 1. 929, 1. weinende noch 1254, 1.
1387, l. 1525, 1. Alle diese und vielleicht noch mehr durch den Schreiber
verwischte Spuren (z. B. frowede statt fröude) weisen auf den Schluß
des zwölften Jahrhunderts hin, und dazu stimmt das früher aus ver-
schiedenen Merkmalen gefolgerte Alter der Originalhandschrift, die spä-
testens dem Anfang des 13. Jahrhunderts angehört haben kann*).
Die Geschichte unserer Kudrun lässt sich demnach folgender-
maßen darstellen. Zwischen 1190 und 1200 dichtete ein in Österreich
heimischer Dichter in einer Strophenform, die er dem auch anderweitig
von ihm benutzten Nibelungenliede nachbildete, die Sage nach Volks-
liedern, die durch niederdeutsche fahrende Sänger nach Österreich ge-
kommen waren. Daß diese Lieder ihm in schriltlicher Aufzeichnung
vorlagen, möchte aus 505, 1 als diu buoch uns kunt tuont zu schließen
sein; denn diese Berufung steht in einem Theile des Gedichtes, an
dessen Volkstümlichkeit nicht zu zweifeln ist. Die andern Berufungen
auf eine Quelle, in denen der Dichter mit seinem Ich hervortritt, sind
allgemeiner Natur und dienen entweder bloß zur Ausfüllung des Verses
oder sollen die Glaubwürdigkeit des Erzählten erhöhen : sie finden sich
meist in der zweiten Vershälfte und bezeugen dadurch schon, daß der
Reim sie hervorrief. Vgl. also ist uns geseit 9, 1. als uns ist geseit 166, 1.
338, 1. 1430, 1. so wir heeren sagen 22, 1. 38, 1. 288, 2. 1109, 2. 1500, 1
da von man daz meere wol erkennet 22, 4, vgl. 197, 4. von so grbzer
künste hört ich nie man gesagen 541, 4. ja saget man uns daz 549, 2.
diu rede ist alwär 617, 2. für war so weiz ich daz 841, 1. als ich hän
vernomen 874, 1. Er nahm aber jene Lieder, deren Reim sicherlich
noch der alterthümlich freie des zwölften Jahrhunderts war, deren
Form wir nicht kennen, die jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach in
den gewöhnlichen Reimpaaren, fortlaufend oder strophisch getheilt,
abgefässt waren, nicht unverändert auf; manches aus ihnen mochte
er ziemlich treu beibehalten und nur der veränderten strophischen
Form, die er sich geschaffen, anpassen, wie an den oben angeführten
Stellen nicht unwahrscheinlich ist.
Aber tiefgreifender ist die Veränderung, die er mit der Darstel-
lungsweise vornahm. Er verpflanzte die alten volkstümlichen Lieder
auf den Boden ritterlichen Lebens und gestaltete darnach die Schil-
derung in vieler Hinsicht anders und moderner. Wie die antiken Sagen
und Persönlichkeiten sich dem mittelalterlichen Gewände des 12. und
*) Nach Miillenhoff S. 108 wurde die erhaltene Abschrift 'nach einer Hs. des
14. Jhs., wenn nicht altern', gefertigt; Gründe sind nicht angegeben.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 153
13. Jahrhunderts anpassen mußten, so wurden auch die männlichen
und weiblichen Heldengestalten, die das Volkslied des 12. Jahrhunderts,
treuer am Überlieferten festhaltend, gewiss noch ursprünglicher bewahrt
hatte, modernisiert. Die Rücksicht auf die ritterliche Hofgesellschaft,
für die sein Gedicht bestimmt war, veranlasste den Dichter haupt-
sächlich, der Darstellung eine ritterliche Färbung zu geben; ja noch
mehr, aus andern dem Geschmacke der Zeit besonders zusagenden
Dichtungen Züge aufzunehmen. Diesem Geschmacke verdanken wir
namentlich die Erfindungen des ersten Theiles, die schwerlich auf
alter Sage ruhen. Die Entführung Hagens durch die Greifen und deren
Tödtung ist ein solcher, dem deutschen Volksepos ursprünglich fremder
Zug; sie konnte dem Dichter aber aus der Sage von Herzog Ernst
oder anderwärtsher bekannt sein. Die Geschichte der Voreltern erzählt
er nach Analogie der höfischen Epik, wie z. B. die ersten Bücher des
Parzival ausschließlich von Gahmuret handeln. In den späteren Par-
thien gehört hierher die Erzählung vom Magnetberge Givers, die wahr-
scheinlich auch auf die Sage von Herzog Ernst zurückzuführen ist,
Das wunderbare Thier gabilün (Zeitschrift 2, 1. Germania 1, 479), mit
dem der junge Hagen kämpft, mit welchem vorher ein Löwe gekämpft
hat *) und von dessen Blute Hagen trinkt und sich Kraft gewinnt, er-
innert auf der einen Seite an den Kampf Siegfrieds mit dem Drachen,
dessen Blut, in dem er sich badet, ihn unverwundbar macht, auf der
andern an die Sage von Heinrich dem Löwen, die vielleicht in älterer
Fassung als die uns erhaltenen Recensionen dem Dichter bekannt war.
Derselben Rücksicht auf den Geschmack der modernen Zeit ist die
Verlegung von Localitäten aus der Umgebung der Nordsee in den
Süden und Orient zuzuschreiben, die durch gleiche oder ähnlich klin-
gende Namen (z. B. Morlant) begünstigt wurde. Ihr gebührt endlich
der Schluß des Ganzen mit der vierfachen Hochzeit, der zu Liebe ein-
zelne Personen, wie die ungenannte Schwester Herwigs, erfunden wurden.
So weit können wir die Thätigkeit und das Verfahren des Dichters
verfolgen. Wir können auch den Versuch machen, durch Hinzuziehung
anderer Überlieferungen den ursprünglichen Bestand der Sage, wie sie
dem Dichter bekannt war, in allgemeinen Zügen, im Großen und Ganzen
zu bezeichnen, aber unmöglich ist es, bei jeder einzelnen Strophe ihr
entsprechendes Vorkommen im Volksgesange nachzuweisen.
Ein Dichter dichtete das ganze Werk, dem vielleicht die letzte
*) So miißen wir uns den Zusammenhang 102, 2 erklären. Der Löwe geht sanft
auf ihn zu, weil er ihn als seinen Erretter erkennt.
154 KARL BARTSCH
Feile noch fehlte. Denn so erkläre ich mir das Vorkommen der Nibelungen-
Strophe. Im Anfang, wo dem Dichter die Form seines Vorbildes, die er
umgestaltete, noch aus diesem geläufig, die neue Form noch ungewohnt
war, kommt sie häufiger, mitunter in ganzen Strophenreihen vor; im zwei-
ten Theile ungleich seltener. Manche der als Nibelungenstrophen bisher
betrachteten habe ich in die richtige Form verwandelt. Zuweilen war viel-
leicht nur das die Ursache, daß sich ein klingender Reim nicht gleich-
ergab, und der Unterschied besteht dann nur im Reimgeschlechte, wäh-
rend die Zahl der Hebungen wie bei der Kudrunstrophe ist, so
1470, 4 von Waten uiht muoste sterben, vil grimme was der recke qemuot.
287, 4 siver die ünde boiucet, der muoz mit ungemäche genesen.
30, 4 nach hohem prtse werben: des ich hie künde noch nie geioan.
474, 4 ich geloube, duz dem degene in kurzer zite lieber nie geschach *).
1J43, 4 nider von dem berge, des freuten sich die loazzermüeden man.
Hier liegt der Grund in der vorhergehenden Zeile ; statt gein dem
tanne hatte der Schreiber in den tan geschrieben, und schrieb darum
auch in der nächsten man statt ma?ine, ließ aber die Zahl der Hebungen
unangetastet. Ein ähnlicher Fehler 1621, 3, wo außerdem vielleicht die
Absicht, den rührenden Reim zu vermeiden, den Schreiber zur Ände-
rung veranlasste. Solche Unebenheiten wären bei einer letzten Durch-
sicht wohl vom Dichter beseitigt worden ; sie stehen der Verwechslung
stumpfer und klingender Reime am nächsten, der man zuweilen in der
lyrischen Dichtung begegnet (Germania 2, 288). Eine sonderbare Erklä-
rungsweise einzelner Nibelungenstrophen sehe man bei Müllenhofi' S. 44.
Wie die Ungleichheit der Form nicht berechtigt, mehrere Dichter
an dem Werke thätig anzunehmen, so ist auch die Abweichung der
Darstellung, die Verschiedenheit der poetischen Kraft kein ausreichender
Grund. Die Übertragung eines volksthümlichen Stoffes aus alter Zeit,
mit Empfindungen und Anschauungen, die weit über die Zeit des
Dichters zurückreichen , auf den höfischen Boden mußte nothwendig
eine Ungleichartigkeit , mußte seltsame Contraste hervorbringen. Wie
sonderbar nimmt es sich aus, wenn der alte Wate, eine Gestalt, deren
mythische Grundlage nicht zu verkennen ist, geschildert wird, das
Haar mit Borten durchwunden, wie modische Herren um das Jahr 1200
es trugen!**) So sticht alles, was zur Schilderung des äußern Lebens
*) Die Hs. hat geschache (: geschach) ; das meint ohne Zweifel geschähe (: gescehe),
und so kann man an diesem Beispiel den leisen Übergang von der einen in die andere
Strophenform ersehen.
**) Stirnbänder, die häufig Seidenborten mit Gold durchwirkt waren, trug man auch
im Norden (Weinhold, altnord. Leben S. 180) ; aber modischer ist es in der Kudrun gemeint.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. ]55
gehört, die Beschreibung der Kleider, der Betten, der Ausrüstung der
Schiffe, der Feste u. s. w. , von dem eigentlichen epischen Stoffe ab;
aber sind wir berechtigt, die betreffenden Strophen als Zuthat eines
jüngeren Bearbeiters zu betrachten, da sie doch im Ausdruck, in Sprache
und Metrik so genau zu dem Übrigen stimmen, daß eben nur ein und
derselbe Dichter sie gedichtet haben kann? Wenn ein um 10 — 20 Jahre
jüngerer Bearbeiter sich veranlasst sehen konnte, solche moderne Schil-
derungen einzuflechten, warum nicht schon der ursprüngliche Dichter?
Das höfische Leben, wie es uns in diesen Beschreibungen entgegen-
tritt, war um 1190 und noch mehr um 1210, wohin man gewöhnlich
die Abfassung verlegt, im Wesentlichen dasselbe wie 20 Jahre später.
Unserm modernen Gefühle widerstrebt die Vermischung der Sitten
verschiedener Zeitalter, aber solche Objectivität besaßen mittelalterliche
Dichter nicht. Wenn sie eine Spur davon besessen hätten, so würden
sie auch das klassische Alterthum reiner aufzufassen befähigt gewesen
sein. Es heißt etwas Modernes in die Poesie des 12. und 13. Jahr-
hunderts hineintragen, wenn man so zuversichtlich behauptet, daß jene
Schilderungen, weil sie für unser ästhetisches Gefühl entbehrlich, ja
sogar störend sein können, nicht von dem ersten Dichter verfasst seien.
Nicht minder sticht das, was der Dichter aus eigener Erfindung
hinzuthat oder aus Zügen anderer Gedichte hineintrug, von dem Kerne
der Sage ab; es ist farbloser, matter, unpoetischer, es versetzt uns in
eine andere Welt, aus dem Kreise der Volkssage in den der gelehrten;
aber wiederum finden wir hier dieselbe Übereinstimmung in Sprache
und Versbau. Was man etwa von Verschiedenheiten der Sprache hat
auffinden wollen (Müllenhoff S. 115 fg.) hat nichts zu bedeuten und
ist meist willkürlich, zumal da die hier zusammengestellten Abwei-
chungen erst das Kesultat von Grundsätzen sind, deren Berechtigung
nach dem eben Gesagten mindestens sehr zweifelhaft scheinen muß
So spricht 456—487 fdie Leere des Inhalts, da nur der zärtliche, höf-
liche Empfang der heimkehrenden Helden und der Braut Hilde durch
Hetel geschildert wird' (Müllenhoff S. 11) nebst den innern Reimen
(von diesen wird gleich nochmals die Rede sein) dafür, daß diese Strophen
von einem andern Verfasser seien. 1147 — 1149 sind nebst 1150. 1151
und 1142 — 45 darauf aus fdie Situation und zwar nicht ganz ungeschickt
auszumalen' (S. 25). fDie matte Weitläuftigkeit und die vielen Um-
stände, die, ehe Ortwin zu Worte kommt, erst gemacht werden, sind
nur einem Erweiterer, der viel auf Höflichkeit hält, zuzurechnen' (S. 31).
'Die ganze Scene sollte zu einem ritterlichen Liebesabenteuer ausge-
malt werden' (S. 61). fMan sieht, es wird nur Scene gemacht, die
[56 KARL BARTSCH
eigentliche Handlung kommt um keinen Schritt weiter'. (S. 72). 'Nur
um zu dieser treuen Magd [Hildeburg] einen Gegensatz abzugeben,
ist Hergard da. Sie ist eine ganz mäßige Figur und es ist gar nicht
abzusehen, wo sie einmal, wäre sie sagengemäß, in die Handlung
eingreifen könnte. Der Gedanke, der sie hervorbrachte, ist nicht so
übel, in der Erfindung bleibt er wieder stecken, wie es Einfällen des
ersten Ubei arbeiters stets ergeht' (S. 73 fg.). Wenn sie auch nicht
sagengemäß war, was sich übrigens nicht erweisen lässt, so konnte
diesen nicht so üblen Gedanken doch wohl der erste Dichter ebenso
gut haben, wie ein Uberarbeiter. Und was das Steckenbleiben betrifft,
so ist bekannt, daß Dichter aller Zeiten in ihren Dichtungen hin und
wieder Gestalten auftreten lassen, die an einer bestimmten Stelle einen
Zweck zu erfüllen haben und nachher verschwinden, möge man darinnen
einen Mangel der Composition erblicken oder nicht. Der Sänger des
echten Liedes begnügt sich, das schauderhafte [nämlich wie Wate die
Gerlind tödtet] nur anzudeuten' (S. 75). Die erste Halbzeile von 235, 1
und die letzte von 238, 1 werden zu einem Verse vereinigt und was
dazwischen liegt, ausgeworfen, weil 'der Uberarbeiter hier wieder An-
laß genommen hat, eine höfliche Scene einzuschalten und so die Hand-
lung auszurecken' (S. 79). Der innere Reim wird sehr häufig als ein
Verwerfungsffrund hervorgehoben, wo der Inhalt der betreffenden Stro-
phen gut oder übel entbehrt weiden konnte; wo das aber dem Kritiker
nicht passt, da sagt er, die Strophe sei umgearbeitet, der innere Reim
erst eingefügt. Man sieht, er lässt sich immer ein Hinterthürchen
offen. Von einer 'völligen Verschiedenheit der Form', aus welcher ein
anderer Verfasser gefolgert wird (S. 11; vgl. 49. 50) , kann also gar
nicht die Rede sein, denn die als echt erkannten Strophen haben ja
auch innere Reime. Wenn von diesen angenommen wird, sie seien
erst durch Überarbeitung hineingebracht, warum soll das nicht auch
von jenen gelten, die wegen ihrer innern Reime verworfen wurden?
Denn daß der innere Reim an manchen Stellen häufiger auftritt als
an andern, kann nichts beweisen; wenn ein Umarbeiter Freude daran
fand, so wird man ihm die Freiheit einräumen müssen, daß er, da er
nicht consequent alle Cäsuren in Reime verwandelte (wie der Dichter
• 1- - Jüngern Titurel mit Wolframs Bruchstücken that), nach Belieben
bald eine größere Strophenreihe so verzierte, bald hier und da nur
einzelne Strophen. Wenn nun endlich manche Wörter nur in gewissen
Strophen vorkommen , termini technici des höfischen Lebens , Worte
wie hurte, trunzün, sigeläte, purpur, baldekin, phelle, kastelän (Müllenhoff
S. 116), so ist das gar nicht wunderbar; denn diese Worte begegnen
BEITRÄGE ZTTR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 157
eben nur in Strophen, in denen ritterliches, höfisches Leben geschildert
ist. Sie wären entbehrlich; aber muß denn jeder Dichter nur das un-
umgänglich Nothwendige sagen? und gestattet nicht zumal das Epos
gewisse Ausschmückungen? Vielleicht ein echtes Volkslied aus jener
Zeit würde sich solches Beiwerks enthalten haben ; aber wirkliche Volks-
lieder behaupten ja die Kritiker der Kudrun gar nicht zu geben, son-
dern das Werk eines Kunstdichters. So würde auch vielleicht das
Volkslied nichts von der Weichherzigkeit der Helden haben, die öfter
weinen (vgl. Müllenhoft' S. 24); aber der Dichter der Kudrun konnte
diesen Zug, der in den höfischen Dichtungen oft vorkommt, seinen
Helden andichten. Wir besitzen kein episches Volkslied aus der Zeit
um 1200 (man wird uns hoffentlich nicht die zwanzig Lieder von den
Nibelungen entgegenhalten wollen), wir wissen nicht einmal, in wieweit
der Volksgesang sich von den ritterlichen Elementen freigehalten hat,
ob nicht schon er aus andern Sagen nicht volksthümlicher Art Züge
entlehnte, wie wir sie in der Kudrun finden, wie denn z. B. die Ernst-
sage später wirklich Gegenstand der volksthümlichen Dichtung wurde.
Müllenhoff bemerkt (S.93):rDie Vergleichung des Ortnit und Wolfdietrich
beweist, daß alle jene bei beiden Uberarbeitern bemerkten phantastischen
halbgelehrten Züge überhaupt in den Volksgesang eingedrungen waren,
wie schon im zwölften Jahrhundert die rohe Spielmannspoesie ihre
Stoffe damit versetzte.' Der Ortnit soll nach Müllenhoff um 1226 — 28
entstanden sein; mit welchem Rechte das behauptet wird, daraufkommt
es hier nicht an. Wer dürfte wagen, die Grenze so genau zu bestim-
men, wann solche Elemente eindrangen? Wenn sie um 1226 in den
Volksgesang eingedrungen waren, warum nicht schon 1212, und wenn
sie in den Volksliedern von Kudrun wirklich noch nicht waren, so
konnte doch ein Kunstdichter, dem sie viel näher lagen als der Volks-
poesie, sie seinem Werke einverleiben, wenn die Volksdichtung selbst
so bald darauf sie sich amalgamierte.
Niemand wird es Wunder nehmen, wenn der erste Theil, der des
Unvolksthümlichen am meisten enthält, wenn der erfundene Schluß des
Ganzen matt erscheint gegenüber der Größe und Herrlichkeit dessen,
was in der Mitte liegt; denn ein auch noch so begabter Dichter (und
das war der Dichter der Kudrun nach dem Urtheil Aller) vermöchte
nichts Episches aus eigener Phantasie zu erfinden, was der Hoheit der
uralten Volksüberlieferung gleichkommt, auf der gewissermaßen der
Geist eines ganzen Volkes ruht. Die Verschiedenheit des Stofflichen
ist es vorzugsweise, was uns den Eindruck einer verschiedenen poeti-
schen Befähigung macht. Vom Stoffe abgesehen ist die Behandlung
]58 KARL BARTSCH
und Darstellung gleichmäßig genug, wenn man die Verschiedenheit der
Quellen in Anschlag bringt: wo der Dichter im Ausdruck sich treuer
an die ihm bekannten Volkslieder anschloß, da ist sein Stil wohl auch
etwas abweichender geworden von seinem eigenen. Es kann uns nicht
einfallen zu leugnen, daß die eine Strophe unbedeutender und matter
sei als die andere; aber in welchem größeren Gedichte wird man nicht
ähnliches finden? Man hat auf Widersprüche aufmerksam gemacht,
und auch darin einen Beweis für die Thätigkeit mehrerer Dichter ge-
funden. Manches der Art ist richtig, vgl. Müllenhoff S. 23. 30. 34. 52;
anderes kann nicht zugegeben werden. So was S. 17 über 834, 4 ge-
sagt ist , weil es auf falscher Lesart (riten statt rieten) beruht. Ferner
S. 38 über 1076, 3: hier werde von einem Schwur gesprochen, den
die Helden Hilde abgelegt hätten, woran kein wahres Wort sei. War
auch der Ausdruck herverte swem oder herreise swern nicht gebraucht,
so halten die Helden doch Strophe 940 ff. ihre Bereitwilligkeit zu der
Heerfährt ausgesprochen und sie nur verschoben wissen wollen, bis die
Kinder herangewachsen. Strophe 108 heißt es, Hagen und die drei
Jungfrauen wanderten 24 Tage durch den Wald, bis sie eines Mor-
gens ein Schiff erblickten. Da meint nun der Kritiker (S. 44) , die
Höhle habe ja dicht am Meere gelegen (88), mithin brauchten sie nicht
24 Tage zu wandern, um das Meer zu finden. Das letztere steht nicht
im Texte: der Wald stieß an das Meer an, und so wandern sie an
der Küste, aber doch im Walde, und konnten dabei immer das Meer
im Auge haben, ohne früher als am 24. Tage ein Schiff' zu erblicken.
Auch ist es kein Widerspruch, wenn Sigebant auf einer greden (26, 1)
sitzt, und die Königin unter einem Zederbaume (26, 3) mit ihm spricht;
beides lässt sich vereinigen. Die wirklichen Widersprüche aber könn-
ten nur zum Beweise dienen, daß der Dichter verschiedene Quellen
und Lieder benutzte, die in ihren Angaben nicht immer harmonierten.
Ich will noch einige Mängel der Beweisführung bemerken. Mit-
unter werden von dem Kritiker Sprünge in der Erzählung gemacht
durch Weglassen einiger Strophen, die eben, wenn man sie nicht weg-
lässt, das Sprungartige vermeiden, also das Naturgemäße bieten. So
S. 9: Von jener Schlußstrophe des ersten Abschnittes 275 bis zu dieser
(289) springt die Erzählung also von der Abreise von Hegelingen auf
die Ankunft in Irland über: es wird nicht erzählt, wie die Helden die
Heise machten, was eben die verworfenen Strophen noch schildern
wollten'. Die sonst gegen die verworfenen Strophen geltend gemachten
Einwände sind nichtssagend; höchstens könnte der Zahlenunterschied
zugegeben werden, indem Frute 248 siebenhundert Recken verlangt,
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER. KUDRUN. 159
und es 282, 2 dreitausend sind. Aber solche Verschiedenheit kann auf
Rechnung des Schreibers kommen, der drtzic statt siben schrieb; das
Zahlwort war vielleicht nur .VII. geschrieben. S. 11 wird Strophe 439
ausgeworfen mit der Bemerkung: 'die Erzählung macht einen Sprung
von den Worten des Königs sogleich auf den andern Tag, wo er sein
Versprechen erfüllte. Verschwiegen wird, daß die Helden an den Strand
zurück kehren'. Diese Rückkehr erzählt eben die verworfene Strophe;
aber warum der Sprung, warum das Verschweigen? Weil 439 'schon
dem Tone nach unecht' ist; dieser Grund wird auch S. 34, 85 geltend
gemacht. S. 15 lesen wir, mit 802 schließe das 'Lied', dessen Fort-
setzung aber leicht gefordert werden konnte, rdenn wenn in diesem
Liede auch alles sich um Kudrun dreht und sie ganz in der Mitte der
Handlung steht, durch die Fortsetzung sie aus den Augen verschwinden
und hinter den Kampf der um sie allerdings streitenden Helden zurück-
treten mußte, so entstand doch leicht die Frage, wie nun die mit einem
siegreichen Heere abwesenden Verwandten bei der Nachricht vom Ge-
schehenen verfahren werden'. Als wenn dem Dichter nicht frei stände,
eine Zeit lang seinen Helden außer Augen zu lassen, als wenn nicht
schon der ursprüngliche Dichter gleich bei der Composition von diesem
Rechte hätte Gebrauch machen können! Zwar hält Müllenhofi' diese
'Fortsetzung' für ein Product des Dichters der echten Theile, aber für
ein späteres; aber dies ist grundlos. S. 16 heißt es, 'es geschieht ein
Sprung und man muß ergänzen, daß Hilde Boten aussendet'. Das wird
in den verworfenen Strophen 803—813 erzählt. S. 31 werden die Stro-
phen 1349 ff. verworfen: 'sie gehören dem ersten Überarbeiter, der
wieder die Versetzung der Scene und die kleine Lücke zwischen zwei
Absätzen verdecken wollte'. Solche Lücken und Sprünge werden an-
genommen, damit das Hastige und Springende des Volksliedes heraus-
komme (vgl. S. 78. 187).
Wie willkürlich und subjectiv die Gründe für Auswerfung der
Strophen sind, habe ich schon dargethan. Hier noch einige weitere
Belege. Von 1072 heißt es S. 22: '1072 ist ohne innern Reim und
besser als die übrigen [1066—1074, die verworfen werden]; sie mag
älter und in ihrer ersten Zeile dann auch Hilde genannt gewesen sein'.
S. 65 'in der Jüngern Strophe 1215 mit Mittelreimen antwortet Kudrun'.
S. 63 'dann folgen ein paar Strophen mit innern Reimen, 1230. 1231'.
Die Strophen, wo Ludwig ergrimmt Kudrun ins Wasser schleudert,
werden S. 48 verworfen, mit der Bemerkung: 'Ludwig hat zu dieser
Rohheit keinen Grund, seine Beziehung kommt darauf später vor.'
Als wenn dies ein Grund wäre! Vgl. noch S. 48. 52. 61. 63. 66. 73.
160 KARL BARTSCH
74. !<7. S. 33 ist alles in Ordnung und Übereinstimmung, was die vier
Thore betrifft, aber es sollen einige Personen in dem Kampfe nicht
vorkommen können, und daher müssen verschiedene Strophen ausfallen.
Selbstgeschafiene Schwierigkeiten entstehen durch die Annahme,
daß der Dichter nicht gleich beabsichtigt habe, die ganze Sage zu dich-
ten, daß er nicht von vorne herein mit dem Plane begonnen (S. 13)*);
vgl. S. 21 oben. S. 22. 25. 30. 32. So werden 'Ungleichheiten' in den
von einem Dichter herrührenden echten Theilen, 'wenn z. B. ein Held
in einem Theile vorkam, im andern nicht', 'aus der Annahme einer
successiven Entstehung der Lieder erklärt: die Composition war nicht
von vorne herein entworfen' (S. 112). Kann es einen besseren Beweis
für die Unhaltbarkeit der von den verschiedenen Kritikern gehandhabten
Methoden geben, als die Verschiedenheit der Resultate, zu denen sie
gelangt sind?
AVenn also die Annahme, daß ein oder mehrere jüngere Bearbeiter
Theile hinzugedichtet hätten, abgewiesen werden muß, so ist doch die
andere, daß das ganze Gedicht von einem Dichter formell überarbeitet
worden sei, nicht zu verwerfen. Die Überarbeitung erstreckt sich, wenn
nicht auch Endreime geglättet wurden (was 864, 2 der Fall ist), haupt-
sächlich auf die Einführung des Reimes in die Cäsur. Dazu mochte
den Überarbeiter das Vorkommen derselben an dieser Stelle im ur-
sprünglichen Gedichte, theils in genauer, theils in ungenauer Form,
veranlassen und reizen. Er verführ also ganz ähnlich, wie der Dichter
des Jüngern Titurel, als er Wolframs Fragmente mit Inreimen versah,
nur daß er sie nicht durchgängig und regelmäßig einführte. Aber auch
dieser Überarbeiter darf nicht später als etwa höchstens 1215 gesetzt
werden, dazu nöthigt uns das Alter der Handschrift, die dem Sohreiber
'der uns erhaltenen vorlag, und die den überarbeiteten Text schon ent-
hielt. Der Überarbeiter kann Wolframs Parzival gekannt und benutzt,
manchen Ausdruck ihm entlehnt haben , wenngleich auch das umge-
kehrte denkbar ist, daß Wolfram, der die Kudrun kannte, manches
aus ihr borgte**), was bei einem Dichter, der des Lesens unkundig
war, mithin alles mit dem Gedächtnisse aufnehmen mußte, noch weniger
Wunder nehmen kann als bei einem litterarisch gebildeten.
Undenkbar ist es, daß die oft durch Künstlichkeit des Ausdrucks
gewaltsam erpressten Cäsurreime von dem Schreiber der uns erhaltenen
*) Das Entgegengesetzte behauptet Ploennies (S. 185), der im Wesentlichen von
denselben Anschauungen wie M. aasgeht. Wem soll man glauben?
**) Vgl. Gervinus 1, 375.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 161
Handschrift herrühren; denn die Einführung eines Reimes ist nicht
möglich ohne Umgestaltung der betreffenden Halbzeile, und wenn auch
der Umarbeiter nicht ganz das metrische Geschick des ursprünglichen
Dichters besaß, so sind doch die so umgereimten Halbverse viel zu
gut gebaut für einen Dichter ums Jahr 1500, der auch schwerlich so
reine Reime gewählt haben würde, wie diese Cäsurreimees durchgän-
gig sind.
Mit dem Schreiber der Ambraser Handschrift schließt die Ge-
schichte unseres Gedichtes, wir sind damit zu dem Ausgangspunkte
unserer kritischen Untersuchung zurückgekehrt. Es bleibt uns als letzter
Theil derselben die Besprechung der einzelnen Stellen übrig, die sich
kurz halten lässt, weil meist Punkte vorkommen, die in unserer Ab-
handlung erörtert sind. Vorher aber sei ein Wort über dasjenige be-
merkt, was von anderen für die Reinigung des Textes geschehen ist.
IV.
Hagen, der in seinem und Primissers 'Heiden -Buch in der Ur-
sprache' (Berlin 1825) einen wortgetreuen Abdruck der Handschrift
gab, hat theils im Texte, theils in den Anmerkungen eine ziemliche
Anzahl von Stellen mit Sicherheit gebessert, zu andern mehr oder
weniger haltbare Verbesserungsvorschläge gemacht, namentlich durch
Herbeiziehung des Nibelungenliedes, dessen Parallelstellen den Lesarten
beigefügt sind.
Den ersten Versuch, das Gedicht in den mhd. Sprachformen des
13. Jahrhunderts zu geben, wagte Adolf Ziemann (Quedlinburg 1835).
Auch er hat manches im Texte gebessert, aber mehr noch verschlech-
tert, theils durch sprachliche Unkenntniss, theils durch gänzliches Ver-
kennen des strophischen Baues, indem er der letzten Halbzeile nur
vier statt fünf Hebungen gab.
Karl August Hahn in seiner Recension von Ziemanns Ausgabe
(Hallische allgemeine Litteraturzeitung 1837, Ergänzungsblatt n. 12,
S. 20) trug zur Berichtigung durch sprachliche und kritische Bemer-
kungen ebenfalls einiges bei.
Wilhelm Grimm, der in Berlin Vorlesungen über Kudrun hielt,
und mit einer Ausgabe des Gedichtes umgieng, hat von den durch
ihn gemachten Textbesserungen nichts veröffentlicht ; nur in Müllenhoffs
Ausgabe stehen einige von ihm herrührende Emendationen. Ich be-
sitze ein Exemplar der Vollmerschen Ausgabe, in welches ein Zuhörer
Grimms Verbesserungen eingetragen hat. Sie reichen leider nur bis
zur 4. Aventiure. Es sind folgende: ze, grözer not 5, 2. des muost man
GERMANIA X. 11
1(52 KARL BARTSCH
von dem wilden walde holz dar tragen 38, 2. in den hemenäten, unz daz
dem hünige riche 39, 3. zierte ouch vil manegen mit geivande 40, 4. von
borten und gesteine 41, 3. Die Tilgung des Punktes nach eren 45, 4;
von da 49, 1. hahte 70, 4. rät der Hute 88, 1. was ein statt wären 88, 2.
Tilgung des Punktes nach gezogen 92, 1. zwelver 106, 1. Die Tilgung
von mit in 114, 2. von ungewonheite was den hinden we 116, 2. uz statt
von 116, 4. Z6W se re/ite schcene brähte 117, 3. iV getilgt 118, 2. dm
jungeste drunder 120, 1. Oßwfe getilgt 125, 4. daz sie zw to^n leides 131, 2.
wur statt mich 146, 2. den vi'/ Schemen hinden 149, 3. Mehreres war
schon vorher gebessert, viele der hier aufgeführten habe ich aufge-
nommen, andere nicht. Den Namen Grimms habe ich nicht beigefügt,
weil ich keine absolute Sicherheit hatte, daß sie von ihm herrührten.
Ludwig Ettmüller machte in seiner Ausgabe (Zürich 1841) den
ersten Versuch, die späteren Zusätze von dem ursprünglichen zu scheiden.
Diese Seite seiner Kritik berührt uns hier nicht; dem Texte ist manche
Besserung auch durch ihn zu Theil geworden.
Karl Müllenhoff in seiner Ausgabe (Kiel 1845) gab nur die von
ihm als echt erkannten Strophen, von 1705 nur 414, daher er auch
nur an diesen seine Textkritik versucht hat. Sie hat mir nur wenig
Brauchbares geboten, und auch dies Wenige ist nicht von Bedeutung;
sprachliche grobe Verstöße, wie tefen statt täten 722, 2. 1032, 4; teter
statt teeter (conj.) 753, 4. schwachez statt swachez 1268, 3. bevilhen statt
bevelhen, Anm. zu 905, 3 zeigen den Standpunkt der Kenntnisse, auf
welchem der Kritiker sich befand.
Gleichzeitig mit der ebengenannten erschien die Ausgabe Vollmers
(Leipzig 1845), die den ganzen Text enthält. Von allen Herausgebern
hat sich Vollmer am meisten um die Kritik des Textes verdient ge-
macht; eine große Anzahl seiner Verbesserungen haben wir aufgenom-
men, er hat manche Eigenthümlichkeiten des Gedichtes und der Hand-
schrift, so die häufigen Reime e : en (wenn auch nicht an allen Stellen),
die Vertauschung von mit und m, von weidelich und ivcetlich, u. a. m.
zuerst erkannt. Seine Ausgabe daher als fein Seitenstück zu seinen
Nibelungen' (Zeitschrift 5, 504) zu bezeichnen, ist ungerecht; bei den
Nibelungen ist das, was er Eigenes zur Verbesserung des Textes ge-
than, gleich Null, bei der Kudrun hat er vieles glücklich gebessert.
Haupt hat an verschiedenen Stellen seiner Zeitschrift (2, 380.
3, 186. 5, 504) zur Textverbesserung der Kudrun beigetragen. Ein
großer Theil seiner Vorschläge muß als wirklicher Gewinn für den
Text bezeichnet werden, andere sind mindestens unsicher (648, 4. 957, 4.
1377, 2), andere falsch, wie 1273, 3.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KÜDRUN. 163
Wilhelm von Ploennies in seiner von einer Übersetzung, kri-
tischen Untersuchungen und einer Darstellung der mhd. epischen Vers-
kunst (letztere von Max Rieger) begleiteten Ausgabe (Leipzig 1853)
schließt sich in den mit Müllenhoff übereinstimmenden Strophen an
den Text derselben fast immer an, im Übrigen entnimmt er den frühern
Herausgebern, namentlich Vollmer, manche Besserung; eigene Emen-
dationen, die wirklich als solche bezeichnet werden können, sind nur
wenige, doch habe ich ein paarmal von denselben Gebrauch gemacht.
Noch bleibt zu erwähnen , daß Franz Gärtner auf Pfeiffers Ver-
anlassung die Handschrift auf's Neue mit Hagens Abdruck verglich
und das Resultat in der Germania 4, 106—108 (1859) mittheilte. Be-
deutendes ergab die Collation nicht; das Wenige habe ich Germania
7, 270 fg. besprochen.
Ich gehe der Reihenfolge der Strophen nach, indem ich die von
andern gemachten Verbesserungen, die ich aufgenommen, durch den
Anfangsbuchstaben bezeichne. Sollte es mir begegnet sein, daß ich einem
Herausgeber unrichtig die Emendation eines andern beigelegt hätte, so
bitte ich im Voraus um Entschuldigung.
3, 4. diu baz] die Hs. dester bas, die Herausgeber deste baz.
4, 2. er künde ziehen die Herausgeber zur zweiten Halbzeile und
schreiben er künde cd des genuoc (Vollmer) , er kund alles (Ziemann,
Ettmüller); Ziemann ergänzt vor heldes, um die Halbzeile vollständig
zu machen, ganzer.
4, 4. die Herausgeber mit der Hs. deheine zit sich.
5, 2. in grozer not die Hs. und die Ausgaben. — 5, 4. aller tage
tägellchen Hs. , von Vollmer gebessert. Ettmüller streicht grozen und
behält tage bei.
7, 3. alle Ausgaben ziehen diese Zeile zu dem vorhergehenden Satze.
8, 2. sere, von Ettmüller mit Recht gestrichen. — 8, 3. im fehlt
in der Hs. und den Ausgaben.
9, 4. mit im die Hs., von Ettmüller gebessert.
10, 1. ir, Besserung Haupts. — 10, 3. begunden ze eylen Hs.,
Ettmüller und Vollmer /;. zuo ihn; ze steht wie oft in jungen Hand-
schriften beim Infinitiv nach beginnen. —• 10, 4. vierdhalben meylen Hs.,
von Vollmer gebessert.
11, 2. baide plümen Hs., von Vollmer gebessert. — 11, 4. aller
hande vogelin Hs. und Ettmüller; Ziemann streicht ouch und stellt um
aller hande vogellin in dem walde. Vollmer schreibt diu statt aller hande.
11*
164 KARL BARTSCH
In der Vorlage wird gestanden haben allev vogelin, statt alliu, was bei-
behalten werden könnte, wenn man hinüberzieht in dem wald al- liu
vogelln (vgl. S. 67); aber da die Hss. oft vogelin statt vögele setzen,
wie z. B. die Liederliand schritten, so habe ich alle vögele vorgezogen.
Der Schreiber las aller statt allev und schob hande ein. — am besten
IIs. und die Ausgaben.
12, 2. sommere, Besserung Vollmers. — rieh geweete, von Ziemann
ergänzt. — 12, 4. tausent bey ir Hs., von Ziemann umgestellt. Vollmer
schreibt unnöthig gierigen. Ettmüller fasst der gienc tüsent als Halbzeile.
13, 4. daz der junge künic vil wol Hs., Ziemann streicht künic,
lässt aber vil stehen, Ettmüller tilgt vil, Vollmer junge. Bei zweisil-
bigem Auftakte kann die hs. Lesart bleiben.
14, 2. der Vollmer] es die Hs. — nu Hagen] vn hs.
15, 3. hüeve Haupt] hüeffen Hs., hüffen Ziemann und Ettmüller.
17, 2. solle Vollmer] solten Hs. — 17, 3. dem fehlt Hs. und Aus-
gaben. — solte Vollmer] solten Hs. — 17, 4. lone Vollmer und Hs. ;
ame helde mit michelme lone Ettmüller und Ziemann.
18, 4. ze künege schreibt Vollmer statt des überlieferten ze künde;
ze künde werden ist ganz dieselbe Ausdrucksweise wie ze selüne werden
787, 4.
19, 3. und fehlt, von Ziemann ergänzt.
21, 3. drizic känige laut ziehen alle Herausgeber als vorausgestell-
tes Object zu dem folgenden Satze mit ob. Nur Ziemann macht es von
gewaltic abhängig und schreibt lande, und darum in der folgenden Zeile
si gar mit ir hande.
22, 3. do fehlt Hs. und Ausgaben.
23, 1. und vil Hs., von Ettmüller gebessert.
24, 1. was es Hs., von Ettmüller gebessert.
25, 2. vil fehlt Hs., Vollmer schreibt diu mohte ez bekennen, Z. und
E. der ez mohte bekennen. — beschach Hs. und Ausgaben. — 25, 3. be-
gerte Hs. ; von V. gebessert. — 25, 4. toart, an der richtigen Stelle von
Z. ergänzt. — vil fehlt Hs. , Z. ergänzt al vor sin.
27, 3. dar umb so ist Hs. und Ausgaben. — 27, 4. Hellten Ettm.]
fehlt Hs.
28, 1. sol Hs.] solde Ziemann. — 28, 4. den fehlt Hs. ; Ziemann
ergänzt wan vor durch.
30, 4. noch nie Hs., von E. berichtigt.
31, 1. Si sprach: ein künic so richer der solt dicker sehen Hs.,
Ilagen ergänzte ez nach solde, was Z. und E. annahmen. Vollmer
schreibt Einen künic so riehen den solt man dicker sehen. Meine Lesart
BEITEAGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 165
beruht auf 44, 2. — 31, 3. er solle mit sinen die Ausgaben und Hs.
— ofle Ausgaben und Hs. — 31,4. mite nach da die Hs. und Ausgaben.
32, 1. ein fehlt Hs. und Ausgaben. — 33, 2. vliziclicher Hs., von
Vollmer gebessert. ■ — 33, 4. leichter Hs., von Z. gebessert. — edeler
fürsten site noch] nach edler fürsten site Hs. und Ausgaben. Ettm. er-
gänzt ie vor nach. Unigekehrt steht nach fehlerhaft für noch Nib. 6478.
34, 1. nach edelen fürsten Hs. ; edelen von Vollmer gestrichen.
Ofienbar irrte der Schreiber in die vorhergehende Zeile hinüber.
34, 2. bieten die Ausg. und die Hs.: allerdings grammatisch richtig.
Meine Lesart beruht auf dem mhd. Gebrauche, nach einem durch suln
umschriebenen Imperativ den wirklichen folgen zu lassen. Vgl. 1026,3.4
und zu Strickers Karl 5262. — 34, 3. den Hs., von Z. ergänzt.
35, 2. wie Hs. und Z. E., von Vollmer gebessert. — 35, 4. min
ist nicht Verkürzung von mme, wie V. schreibt, sondern Genetiv.
37, 1. Der lobte Hs.; Z. Der für daz er, abhängig gemacht von
toste; Z. und V. Do lobet er. Der Sinn ist: rals er das Fest beschlossen
hatte.'
38, 2. das müste man von dem wilden wald dar tragen Hs.; Z. stellt
um daz man dar v. d. w. w. muoste tragen. E. des muoste manic vende
den wilden ivalt dar tragen. V. wie die Hs., nur des muost man. Aus
dem nicht verstandenen wite wurde wilde; ich lese daher des muost man
von dem wähle wite dar tragen.
39, 3. üzer Irrzche, mit dem Minige zu verbinden, dem Könige von
Irland. Die Hs. hat aus reiche. Die Herausgeber, denen aus nicht vorlag,
versuchen auf verschiedene Weise die fehlende Halbzeile zu ergänzen,
vgl. Germania 7, 270. — 39, 4. komen dann ze hofe Hs. , von Z. ge-
bessert.
40, 4. zieret ir ouch] ir fehlt Hs. und Z. E. ; Vollmer schreibt
vil vroioen.
41, 2. vil der meide] vil den maiden Hs. und Ausgaben. — 41, 3.
gesteine] von gesteine Hs. und Ausgaben. — vil manigen] vnd manigen
Hs. und Ausgaben.
42, 1. es] sin Ausgaben und Hs. — 42, 2. knappen] knaben Hs.
und Ausgaben, knaben statt knappen auch 695, 2 wo der Vers knappen
verlangt, und Nib. 5760. — 42, 4. harte lobeliche ; harte fehlt Hs. und
Ausgaben.
43, 2. wart da Ziemann] ward, und da vor vil Hs. — schiere Hagen]
fehlt Hs. und den andern Ausgaben. — heim Ettm.] fehlt Hs.
44, 4. xoande] vnd Hs. ; V. schreibt ivan si saz so nähen. — mit
den frouwen V.] fehlt Hs.
|(1 ; KARL BARTSCH
45, 1 als] als ez Ausgaben und Hs. — 45, 4. nach vil grozen eren
/.Klion alle Herausgeber zum vorhergehenden Satze, nach ist aber hier
nicht post, sondern es heißt 'gemäß , entsprechend'.
46, 4. der frouwen] der Hs., diu Ausgaben.
47, 3. svner hochzite] sinen hochztten Ausgaben und Hs. , um den
Reim zu glätten. — 47, 4. abrinde] abents Hs. , übendes E. und V.,
äbendes z'lle Ziemann.
48, 1. hoclujeztt] hoclizit Ausg. und Hs. , Z. E. ergänzen dö vor
■werte. Wie hier die Form hochgezit durch den Vers verlangt wird und
wahrscheinlich auch anderwärts zu setzen ist (66, 4. 548, 4), so ist die
zweisilbige Form durch 187, 1 und noch mehr 1687, 1 daneben er-
wiesen. — 48, 2. fuoren, Hs. und Z. E., von V. gebessert. — 48, 4.
wände sis] wan si sin E. und Hs., wan sis Z. si icaene sin Vollmer.
48, 4. wände sis] wan si sin E. und Hs., ivan sis Z. si weene sin
Vollmer.
49, 1. man] man do Hs. und Ausgaben (da). — 49, 3. von Hagen
gebessert.
50, 3. hebent sich] erheb ent sich Hs. und Ausgaben.
52, 1. Dar] Da Hs., Do Ausgaben. — 52, 4. die Vollmer] fehlt Hs.
53, 2. daz Hut begunde] die Hute begunden Ausgaben und Hs. —
53, 4. der] die Hs. und Z. V. ; Ettm. und die jungen meide. — und des
kindelines] daz si daz kindel Z. V. und Hs. ; daz si daz edele kindel E.
54, 2. groziu] grosser Hs., grozez Ausgaben.
55, 3. fasst Vollmer mit Unrecht als Parenthese; daz und da bi
entsprechen sich.
56, l. Er] Ez Ausgaben und Hs. ; schateioen ist aber sonst in der
Bedeutung 'schattig werden nicht zu belegen. — in truoc; in steht in der
• Hs. und den Ausgaben nach dar. — 56, 4. da ergänzt Ettm. unnöthig.
58, 2. in die] in Hs. und Ausgaben. — 58, 4. sit Hagen] sy Hs.
— hehle] die helde Hs. und Aussraben. — käene Vollmer] schone Hs.
59, 4. uzer Irlande] aus Eyrlant Hs., da üz Irlande Z. E. , da uz
Trlant V., der du vor beweinen streicht.
60, 1. friescheu dise not] griffen dise leide not Ausgaben und Hs.
Der Sinn muß sein 'sie vernahmen das geschehene Unglück', denn davon
war noch nichts gesagt. Das führt auf frieschen, das auch sonst (667, 4)
in der Handschrift entstellt wird (vgl. S. 45). — 60, 4. waztlichen] werden
Hs. und Z. E. Vollmer schreibt des edeleu kindes werden lip. Die Vor-
lage hatte wohl den Schreibfehler wertlichen statt wetlichen, und daraus
wurde' werden. Nib. 140 Ilagen schreibt die Wiener Hs. werlich statt
waitlich. Sonst ist weetlich in loeidelich entstellt.
BEITEÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 167
62, 3. Iceg al daz Hut tot] das laute läge alles todt Hs.; E. daz kint;
V. Icege allez tot, indem er das laute als Glosse von die klage betrachtet;
eher könnte man das umgekehrte erwarten, dem lauten steht auch Nib.
3860 statt des Hutes. Meine Änderung ist nur eine der häufigen Um-
stellungen, die nothwendig sind, al, vor dem Artikel unflectiert, wird
in der Hs. gewöhnlich in flectierter Form geschrieben; ebenso in den
Nibel. 757. 1095. 2400. 3915. 4168. 4348. 4437.
64, 1. 2. sie begunden sagen hohe danken alle] sy heg. alle sagen
hohe ze danncken Hs. ; ebenso Z. E. , nur hohe ir ze, und V. der hohez
danken liest, ze steht wieder nach begunden in jüngerer Weise, hier
doppelt fehlerhaft, weil danken substant. Infinitiv ist, abhängig von
sagen; zu danken gehört das Adverb, hohe, das auch beim subst. Ge-
brauch des Infin. stehen darf.
67, 3. nach Vollmer: das edel kind ward danne trait Hs., daz edel
kint danwert treit Z. und E. — 67, 4. herzeleit] leit Ausg. und Hs.,
denn ümbe h ist kaum zu zwei Hebungen ausreichend.
69, 1. Also, 'sobald'] als Hs. und Ausgaben. — 69, 3. ez ir] es Hs. ;
ez der Z. E. — 69, 4. harte verre] verren Hs. und Ausgaben; vgl. 70, 4.
70, 4. habt] het Hs. und Ausgaben; Ettm. truoc.
71, 2. ze Hagen] fehlt Hs. — trouc] betrouc Ausgaben und Hs.
— 71, 3. einen ast] einem aste Hs. und Ausgaben.
72, 2. bare] verbare Ausgaben und Hs.
73, 1. mae man lool] mac man Ausg. und Hs.
74, 3. da beliben solde] sol beleiben da Hs.; solte beliben da Aus-
gaben. — 74, 4. vant Ettm.] vnd Hs. — holn steine : holn fehlt Hs.
und Ausgaben ; vgl. 84, 4.
77, 4. uns ist hie Vollmer] vnd ist vnns hie Hs. — grcezlichen]
griulichen Ausgaben und Hs.; der Sinn des Wortes soll offenbar nur
'sehr' sein, und das kann griulichen nicht bedeuten.
78, 4. hie niht Vollmer] niht hie Hs.
79, 4. hartesere fehlt Hs.; Z. E. ergänzen dannoch; V. gen denvrouiven.
80, 1. enbxzens] ein imbiz Hs. und Ausgaben. — 80, 2. nach
Vollmer: iwer trinken und iwer brot E. Z. und Hs. — 80, 4. wann mich
trüg Hs. ; ich habe wände mich geschrieben, und truoc an den Beginn
der zweiten Halbzeile gesetzt, wodurch diese fünf Hebungen erhält.
82, 3. des si da lebeten Ausgaben und Hs. , zu kurz ; ich lese al
des sie. — 82, 4. die im diu junefroice truoc : man sieht keinen Grund
zu dem Singularis, während 1. 2. der Pluralis. Eine einzelne unter
den dreien ist nicht bezeichnet; nichts berechtigt, daß die 82 spre-
chende hier gemeint ist. Ich glaube, der Fehler liegt schon im vorher-
(63 KA1*L BARTSCH
gehenden Verse. Der Schreiber schrieb genuoc statt genüege, und än-
derte darum auch die folgende Zeile. Es ist zu lesen: des bräldens im
genüege. ez was ein fremede spise, die im warn die juncfromven trüegen.
83, 1. die kreuter die Hs.; die Herausgeber schreiben diu kriuter
und streichen das zweite dm, statt des einfachen und naheliegenden
diu krüt diu.
84, 1. heitert sy sich in huet Hs.; Z. und V. heten st sin haote;
das lvichtige hat Ettm. ouch heten sin in huote.
85, 1. weihen enden~\ welhem ende Hs. und Ausgaben; die Vorlage
aber hatte den Pluralis, und darum setzte in der 2. Zeile der Schreiber
den stainwenden statt des richtigen der steinwende, um den Keim zu
glätten. Die steinicant ist die Höhle, vgl. 4.
86, 4. nur des frage vil sorgen geivan; verschieden ergänzt, Z. des
fraget der junge Ilagene : da von er sorgen vil gewan, V. an Hagens
Vorschlag sich anlehnend, des der junge IL da der sorgen vil geivan,
E. des manic schaniu frouwe von frage vil sorgen geivan , wo es, damit
der Vers richtig würde, heißen müßte sorgen vil. Im Übrigen scheint
mir die letzte Ergänzung die geeignetste; ich lese des manic wip von
frage vil der sorgen gewan.
87, 3. vf von Z. ergänzt, was von E. und V. mit Unrecht ver-
worfen wurde. — 87, 4. nächbürn geläzen Z. E. und Hs., nächbüren
lazen V.; aber nächbüre wird der Dichter schwerlich gesagt haben,
sondern nächgebure, wie 650. 728 steht.
88, 1. rät der Hute] noch der Hute Z. V. und Hs., niht der Hute E.
— 88, 2. daz ivas ein] daz ivären Ausgaben und Hs. — 88, 4. Stade
Vollmer] gestade Z. E. und Hs.
89, 4. bi der siten\ der stten Z. V. und Hs., da der siten E.
90, 4. der küene Hagene] er küene Hs. , der küene E. V., der vil
küene Z.
93, 3. in Ilagen: fehlt Hs. — an ainem paine Hs. ; man müßte
eim schreiben, was nicht ohne Bedenken ist. V. setzt in nach der
( l'isiir, wogegen die Wortstellung streitet, an ainem ist ans aneme ent-
standen, wofür sich zahlreiche Belege anführen ließen. — 93, 4. sinen
lij>\ in Hs. und Ausgaben, in stand vielleicht als Erklärung am Rande,
kam in den Text und verdrängte die ursprüngliche Lesart.
95, 3. iueh erschinen E. und Z., was mir auch am meisten zusagen
würde, wenn erschinen mit Accus, sicher belegt wäre. — 95, 4. etelicher
freuden teil] wil etelicher freuden Ausgaben und Hs.
96, 1. enphiengetm] enphiengen Hs., enphiengen in Ausgaben. —
96, 4. nach ir willen Z.] fehlt Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 169
97, l. im E.] in Hs. — 97, 4. rämte sioes er gerte, er zielte worauf
er Lust hatte; die Hs. und Ausgaben lernte für rämte. — nar] not
Ausgaben und Hs.
99, 2 ie V.] hie Hs. — 99, 3. iht E.] nicht Hs.
102, 1. mit V.] in Hs. — 102, 4. in V.] es Hs.
103, 1. da ze tode] ze tode Hs. und E. V.; ze tode da Z. — 103, 2.
Die Umstellung mit Z. und V.
105, 4. ieclichiu] ctelichiu Ausgaben un$ Hs. — da keime fehlt Hs.
und Ausg.; E. ergänzt iemer.
109, 3. bi in] bi im da Z. und Hs., bi in da E., in da V. —
109, 4. Stade V.] gstade Hs. Z. und E.
HO, 3. ivas] was er Hs., icas et Z. und E. — da her von Irlande]
da het von Eyrlant Hs., da hete von Irlant Ausgaben. — 110, 4. bekande]
bekant Hs. und Ausgaben. Die verkürzte Form pilgrine, deren letzte
beide Silben in die Senkung fielen, ist nicht glaublich.
111, 4. erbaldet] erhaltet Hs. und Ausgaben. Sie verloren die
Furcht (109, 4), indem sie aus seiner Anrufung entnahmen, daß er
ein Christ wäre.
112, 4. nie niht] nie Hs. und Ausgaben. E. zieht ziten zur zweiten
Vershälfte.
113, 3. den schämen] schämen Ausgaben und Hs.
114, 2. fuorten] mit in fuorten Hs. und E. V., fuorten \ mit in Z.
116, 1. ungewonheite V.] ungewonheit E. und Hs. Z. schreibt der
ungewonheite was, dann müßte es wohl heißen von ungewonheite. Aber
die Nebenform in heite (ahd. heiti) sind wir ebenso anzunehmen be-
rechtigt, wie arebeite (ahd. arabeiti) und ähnliches. — 116, 4. üz] von
Hs. und Ausgaben. — in allen] in Hs. und Ausgabe.
117, 2. üz Garadie fehlt Hs.; die Ausgaben von G. — 117, 3. wo
heer sy recht schone bracht Hs., icanne s. r. s. b. ivaern Z. und ebenso
E. , nur wannen. V. wä her so r. s. si wahren bräht. Ich lese wer sie
so rehte schäme brachte; so ausgefallen , vgl. oben S. 54. Ebenso liest
M. (S. 46), aber ohne so. — 117, 4. arebeite] arbeit Hs. und Ausgaben;
auch der Infin. arebeiten wäre ebensogut.
118, 2. wizzei] wizzet ir Ausgaben und Hs.; die Verkürzung wizt
hat keine Analogie, auch steht in dieser Formel immer nur wizzet. —
118, 3. da Hagen] der da Hs. — 118, 4. nach vater : da erlaite, Z. E.
do erleiter, von V. mit Recht gestrichen. — mere] mer Hs. und Ausgaben.
119, 4. hiez er beide fehlt Hs., hiez er V., was er Z., richsete er E.
120, 1. drunder] vnnder den Hs., under in Z., under den meiden E. V.
— 120, 4. ich doch] ich Hs. und Ausgaben; der Ausfall erklärt sich
durch den gleichen Auslaut der beiden einsilbigen Worte.
170 KARL BARTSCH
121, 2. bellben ivolde] wolte beliben Ausgaben und IIs.
122, 4. ser vil] da vil E. Z., vil V., fehlt Hs. — mere fehlt Hs.,
von Z. ergänzt.
124, 3. der hiez Z.] hiez E. V. Hs. — 124, 4. die zweite Halb-
zeile um eine Hebung zu .kurz, denn gewisen vil darf man nicht lesen.
Daher gewesen hie vil.
125, 3. Ilagene Vollmer] fehlt Hs. und Z. E.
126, 2. gelinget st] st geringet IIs. Die Ausgaben weichen unnöthig
weiter ab. diu not steht auch in der Hs. in der Cäsur. — 126, 4.
harte) vil V., fehlt Hs. und Z. E.
127, 2. man unde ivip] beide man und wtp Ausgaben und Hs.,
vgl. 11, 2.
128, 2. unmäzen~\ unmazzliche V. und Hs., unmozzlich Z. E. —
128, 3. den Ettm.] fehlt Hs. und Z. V.
129, 4. haben mir Z. V.] mir haben Hs. und E.
130, 4. in ainem herten stürm Hs. , um eine Hebung zu lang; E.
und V. streichen herten, ich glaube mit Unrecht. Es stand in einer
herte, das Wort verstand der Schreiber nicht, sah es als adj. an und
fügte stürm bei.
131 , 2. getan hont Ausgaben und Hs. Der übelklingende und
harte Ausgang, der wohl dem Schreiber zufällt, wird durch getdten
beseitigt. — 131, 4. genendicliche , vertrauensvoll; die Hs. genediclich,
die Ausg. gencedicliche. Das Adj. ist auch an andern Stellen vom Schrei-
ber entstellt; vgl. 725, 4. zuo den minen künden] zuo minen künnen Z. E.
und Hs. , zuo dem minen künne V., richtig in sprachlicher, aber nicht
in metrischer Hinsicht. — erbiten Z.] arbaiten Hs.
132, 2. sin] sint Hs. und Ausgaben; der Sinn verlangt den Con-
junctiv. — 132, 4. beide vor schade fehlt Hs. und Ausgaben.
134, 1. Ir muotet Hs. und Ausgaben. Die Hs. schreibt sehr oft
falsche Initialen; vielleicht daß sie in der Originalhs. nur vom Ru-
bricator mit kleiner Schrift bezeichnet waren. Er schrieb Ir für Er;
er redet jetzt nicht den Grafen, sondern die Schiffsleute an. Die Ver-
änderung zog andere in der zweiten Vershälfte nach sich; ewr gesinde
ist vielleicht nur verlesen aus in gesinde (= iu g.), denn ewr steht auch
sonst für iu; vgl. auch zu 147, 4. die ganze Zeile lautet daher Er muotet
minen frouwen sin ingesinde icesen; er muthet ihnen zu, sein Gesinde
zu sein. - - 134, 2. nach Vorstehendem ist auch Haupts Änderung äne
dine helfe entbehrlich. — 134, 4. wendet V.] keeret vmb Hs., wendet umb
Z. E. Die zweite Vershälfte nach Z. und V.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 171
135, 2. in E.] im Hs. — hörnen sie in not] kdmens in groze not
die Ausg. nach der Hs., aber unmetrisch. Vgl. 85, 2.
136, 1. hcetenz V.] heten si E. Z. und Hs.
137, 4. gemeine"] algemeine Hs. und Ausgaben; die Verkürzung
vor Jan in ist in der Kudrun undenkbar. — in säJieri] säJien in Hs. und
Ausgaben.
138, 3. dem E.] der Hs.
139, 2. von noeten von V. mit Recht gestrichen. — 139, 4. do vor
Ilagene fehlt Hs. und Ausgaben.
140, 1. waitlicJie statt des hs. loaydelicJie , das Z. E. behalten, hat
V. geschrieben; vgl. seine Bemerkung zu 140, 1. — 140, 3. dar boten
Z.] boten dar E. und Hs.
141, 1. gerne mit V. gestrichen. — 141, 3. diu von Z. ergänzt;
der zu schreiben ist unnöthig.
142, 2. saget daz dem] saget dem Hs., saget deme E. V., saget et dem Z.
143, 3. danne welle Jiaben V.J dann haben welle Hs. , haben xoelle
danne Z. E. — 143, 4. der miner] miner Ausg. und Hs.
145, 1. nach Haupts Besserung. — 145, 2. ir einer] ainer Hs. und
Ausgaben. — 145, 3. 4. nach Ettmüller gebessert.
146, 1. äne not] micJi on not Hs., mich dne not die Ausgaben,
unmetrischer als selbst die Hs.
147, 4. ir sin] irs euch Hs., irs iu die Ausgaben. Der Schreiber
las irsin als irsiu.
149, 2. rate] rät dir Hs. und Ausgaben. — 149, 3. den vif] dinen
vil Z. E. und Hs., dinen V. Derselbe Fehler 687, 3. 1622, 3.
150, 3. Sigebant Z.] Hagene Hs.
151, 2. Jier Hagene] Hagene Hs. und Ausgaben. — 151, 3. icete]
kunt tcete Hs. und Ausgaben.
152, 1. die Herausgeber weichen von der richtigen hs. Lesart ab.
155, I. dar näJier] näher Hs. und Ausgaben. — 155, 3. der vil V.]
vil der Hs.
156, 3. ivol gezam] gezam wol Hs. und Ausgaben. — 156, 4. ringet]
ringert Hs. und Ausgaben. Ebenso Nib. 4041 ringern für ringen. —
künic] küniges Hs. und Ausg.
157, 3. mit V.J in Hs.
158, 2. al die] die Hs. und Ausgaben; ich glaube, daß al hier
nicht fehlen darf.
161, 4. iemen daz V.] das yemand Hs.
162. Die Umstellung der Strophen nach Vollmer. — man do Z.]
do man Hs.
172 KARL BARTSCH
164, 3. solde] solten Hs. und Ausgaben.
165, 1. hehle] hehlen IIs. und Ausgaben. — 165, 2. vor V. richtig
statt des hs. von, aber unrichtig von hehle getrennt. — 165, 3. müeste]
mu esset Hs., muoste Ausgaben. — 165, 4. rnöhte wol V.] wol mochte Hs.
167, 3. lebendes V.] lehentigs Hs. — 16V, 4. er ivcen V.] wann er
IIs., ween er E.
168, 3. allen riehen V.] allem reiche Hs. — 168, 4. urhorte Haupt]
erpot Hs.
169, 3. al der E.] a//<r Hs. — 169, 4. Aarte V.] vil hart Hs.
170, 4. üzer] aus Hs. und Ausgaben. — allen landen V.] allem
lande Hs. — für si, Besserung Ettmüllers.
171, 3. ie vier V.] ye für vier Hs.
173, 2. und, von Z. ergänzt. — 173, 4. bruofte] beraitet Hs., was
schon wegen desselben Wortes in der vorhergehenden Zeile nicht wahr-
scheinlich ist.
174, 1. duo] die Hs., von Haupt in do gebessert.
175, 1. loäfen] ir wappen Hs. und Ausg. wafen nemen, wie swert
nemen wird ohne nähere Bezeichnung gesagt. — 175, 3. die da V.] da
die Hs.
176, 3. diu, Besserung Hagens. — 176, 4. ir ir E.] ir Hs.
177, 4. lützel] wenig Hs. und Ausgaben, und so habe ich öfter
lützel statt wSnici dicke statt ofte geschrieben, weil beim Nib. dieselben
Wörter in d durch die Jüngern ersetzt werden.
179, 1. kristenlichen V.] sittlichen Hs. — 179, 2. lenger statt langer
die Hs. und Ausgaben durchgängig. — 179, 4. die letzte Ilalbzeile
wäre lang genug, wenn man läse sach man da von, aber ebenso nahe
liegt sach man da von, daher habe ich sach man getriben da von ge-
schrieben.
180, 2. verzert er] er verzerte Hs. und Ausgaben. — 180, 4. die
kamerknehte] vil manig cammerknecht Hs.
181, I. an] an daz Hs. und Ausgaben. — 181, 4. die] so Hs. und
Ausgaben. — da V.] da ze hofe Hs.
182, 4. bruofte in der Hs. nach der Gäsur; ebenso in den Aus-
gaben.
183, 1. der] der herre Ausgaben und Hs. — 183, 4. vor den frouwen
fehlt in der Hs. und den Ausgaben.
184, 4. wmre ez] war des Hs., weer dez Z. E., wmr daz V.
185, 4. meerer helt] helt Hs. und Ausgaben.
187, 1. lange V.] fehlt Hs. — 187, 2, hurten] hurte Hs. und Aus-
gaben ; die übrige Zeile nach Hagens Besserung, wart von mir ergänzt.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 173
— 187, 3. ir Z.] sein Hs. — 187, 4. nider setzen] säzen IIs. und Aus-
gaben.
188, 4. in in] in Hs. und Ausgaben.
189, 3. ez V.] sy Hs. — 190, 1. gestreikt ir] ge&trackht er Hs.
191, 2. wären dar] wären Hs. und Ausgaben. — ■ einer Z.] ai-
nen Hs.
193, 4. gnedieliche Hs.; die Ausgaben haben genendieliche. Viel-
leicht ist zu lesen so stuont ir ir dinc vil gemelliche.
194, 4. inner einem järe] imjär Hs. ime järe V., in einem järe Z. E.
— er ir Z.] er Hs.
195, 1. Sft] Nu Hs. und Ausgaben, zunächst wieder durch eine
falsche Initiale zu erklären. — 195, 2. fveren wolt er] wolt er füeren
Ausgaben und Hs. — 195, 4. den] dem Hs. und Ausg.; deheiner hat
hier collectiven Sinn.
196, l.Jcom ze strtte] zu streite kam Hs., ze strite Jcceme Ausg. —
196, 2. hochverten] ho eilfertigen Hs. und Ausg. — 196, 3. mit] in Hs.
— siner V.] sein Hs. — 196, 4. er] er liiez Hs. und Ausgaben.
197, 2. von Indiä diu fromoe] d. f. v. I. Hs. und Ausgaben. —
197, 4. da von V.] da bey Hs.
198, 4. täten V.] tettens Hs. — den V. ] der Hs. — beste] aller
beste Hs. und Ausgaben.
199, 2. es warZ] wart ez Hs. und Ausgaben.
200, 3. nach Z. Ergänzung. — 200, 4. er 7'ac/t fehlt Hs. und Aus-
gaben. — nceme] nam Hs. und Ausgaben.
202, 2. ez] er Hs., et die Ausgaben.
203, 3. man vindet] vindet man Hs. und Ausgaben. — 203, 4. deste
fehlt Hs. und Ausgaben.
204, 1. da Z.] fehlt Hs. und bei M. und F., die in Tenelant (M.
schreibt in) als richtige Halbzeile betrachten. — 204, 3. eren] grözer
ere Z. und Hs., ere E. V. M. P. — 204, 4. ime Z.] im Hs.
206, 4. sie dem helde\ den helden vblliklich die Hs., si dem lielde
völlicliche E. V.
207, 2. bi Ortlande nähen] nähen bi Ortl. Ausgaben und Hs. —
207, 4. mit eren] mit grbzer ere Ausgaben und Hs.
208, 1. im diente hat E. mit Recht gestrichen.
209, 1. ivari im] wart Ausgaben und Hs.
211, 2. ein junefromoen] eiine Hs. , et eine Z. , ein maget edele E.3
eine frouwen V., eine maget M. P. , mit fehlerhafter Cäsur. — 211, 4.
suln daz] suln Ausgaben und IIs.
212, 1. wie] wie si si Ausgaben und Hs. — 212, 3. daz Geren V.]
174 KARL BARTSCH
des Gören E., des II. Z., hüniges W. Grimm (bei M.); die Hs. hat das,
nicht f/gs.
215, 1. so E.] fehlt Hs. — 215, 3. von schuldet! wol V.] wol von
schulden Hs. — 215, 4. wirdet] wirt Hs. und V., und wirt Z. E.
218, 2. da E.] aZ da Hs. — 218, 4. wol nach eren] nach eren tvol
Hs. und Ausgaben.
219, 3. hin P.] fehlt Hs.; auch Z. E. ergänzen hin, aber an fal-
scher Stelle. M. du der künic engegene gie. — 219, 4. degene V.] rechen Hs.
220, 1. Im ivas] ez ivas im Hs. und Ausgaben. — 220, 3. siner Z.]
fehlt Hs. — 220, 4. nu icis] bis H<*. und Z. E., wis V.
221, 1. herren fehlt Hs. ; rechen ergänzt Z. V., riehen E., hünic H.
— 221, 4. m» rfen] «n Hs. und Ausgaben. — der schedelichen Z.] sche-
deliche Hs. und E. V.
222, 2. da ze\ si sprächen : ze Hs. und Ausgaben; ich habe da
vom Anfang der zweiten Hälfte an den Beginn des Verses gesetzt, si
sprächen steht wie häufig in Hss. fehlerhaft. — 222, 4. uns sere] uns
Hs. und Ausgaben. Die Besserung schodete von Z.
223, 1. lät et] lat es Hs., lät ez Ausgaben.
224, 2. begunden] begundens Hs. und Ausgaben.
226, 2. maget E.] die magt Hs. — 226, 4. ein V.] an Hs.
227, 2. sreefte H.] fehlt Hs.
228, 3. se^e H.] fehlt Hs. — 228, 4. den man dar gesendet fehlt
Hs. , der Schreiber sprang von dem ersten den auf das zweite. Die
Ausgaben ergänzen die fehlende Halbzeile auf verschiedene Weise,
V. swen du boten sendest, W. Grimm (bei M.) sicer umbe Hilden wirbet.
229, 1. mirst nie] mir ist Hs. und Ausgaben. — so] also Hs. und
Ausgaben. — 229, 2. einen V.] ainen poten Hs. und P., boten einen Z. E.
Bei P. müßte es wenigstens heißen hähet er mir einen boten. — enmüeze]
müese Ausg. und Hs. — 229 , 3. selbe geligen Hagene Hs. und Aus-
gaben; um die Betonung selbe zu vermeiden, habe ich umgestellt geligen
Ilagene selbe.
230, 2. wan\ nu Hs. und Ausgaben, ican rnur', auch sonst in der
Hs. mit wm, nun vertauscht, steht wie in den im mhd. WB. 3, 480* an-
geführten Beispielen. Man dürfte es auch als Wunschpartikel nehmen
(mhd. Wb. 3, 500a), wenn nicht dann immer die Partikel dem Verbum
vorausgienge.
231, 1. da wil ich Z.] i<;h wil da Hs. und M. P. , die außerdem
die erste Halbzeile (nach W. Grimm) so ändern Do sprach der herre
Hetele; aber auch wer ich wil da hin für einen genügenden Halbvers
ansieht, hat nicht nöthig Hetele der herre sprach zu ändern. ■ — 231, 3.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 175
swar Z.] wohin Hs. — 23], 4. Irolde] Irolden IIs. und Ausgaben; P.
stellt um, wodurch aber der Vers auch nicht besser wird.
233, 3. do Z.] fehlt Hs.
234, 1. dannen E.] von dannen Hs., sehr häufiger Fehler, vgl. oben
S. 44. — huote] leute Hs., Hute Ausgaben; 7t und l verwechselt auch
1625, 3.
235, 4. gedähte Haupt] dähte Hs.
236, 2. nu sit] sit V. und Hs. ; sit ivillekomen, her Wate (Wate P.)
fehlerhaft Z. E. P.
238, 3. übermüete] übermüetic Ausgaben und Hs.
239, 2. bedorße Z.] dorffte Hs. — 240, 3. ez E.] es euch Hs.
240, 4. nach iuwerme willen fehlt Hs.; meine Ergänzung beruht
auf Nib. 2307, 3 du hast ez zeinem ende nach dinem willen bräht; die
Herausgeber machen alle ez ensi mit Hagens Ergänzung danne zur
ersten Vershälfte, und geben die zweite Hälfte zu kurz; P. ergänzt
grimme. — michs] mich Hs.; Z. und P. haben es vor erwende.
241, 4. vil hohe] hoch Hs. und Z. E. V., hohe P.
242, 4. Hz] von Hs.; M. P. schreiben Fruot von; aber die Form
Fruot ist in der Kudrun nicht nach weislich. — bringe] müge bringen
Ausgaben und Hs.; der Schreiber wollte den Reim glätten.
243, 4. genendiclichen E.] gnediclichen Hs.
244, 3. die Umstellung von Ziemann.
245, 2. von Tenen von Z. ergänzt.
246, 1. Ja H.] Ir Hs. — irs] ir Hs. und Ausgaben. — 246, 3.
nach hdden] nach sinen hulden Hs. und Ausgaben. — ■ 246, 4. väret E.]
gevaret Hs. — väre] trew Hs.; die Ausgaben sol selbe entriuicen.
247, 1. Tene fehlt Hs; Z. E. P. ergänzen snelle, V. degen. —
247, 2. michs, Besserung Ziemanns. — 247, 4. etüchiu] erleich Hs.,
erlich Ausgaben. — in E.] im Hs.
248, 3. dunket sich V.j dunket sich nie so Hs. und Z., dunkt sich
so E. M. P.
249, 3. ingesinde] gesinde Hs. und Ausgaben.
250, 1. spise] ein sphe Hs. und Ausgaben. — 250, 4. also fehlt;
eine Ergänzung ist dem Verse nöthig, denn müge wir dSste ist falsch.
251, 3. nach V. gebessert. -- 251, 4. so H.] fehlt Hs.
252, 1. wät Z.] geioant Hs. — 252, 2. tohter IL] fehlt Hs. —
252, 3. daz] sit Hs. und Ausgaben.
255, 4. niht mit gemache loelle V.] mit gemache welle nicht Hs.
256, 1. hundert degene] hundert Hs. und Ausgaben.
257, 3. der] des Hs. und Ausgaben.
176 KARL BARTSCH
258, 2. zuo IlauptJ fehlt IIs. -- 258, 4. fride] sin fride Ausgaben
und Hs.
260, 3. meien V.] winters IIs.
261, 1. man uns icurket] tourcld man Hs. — 261, 4. iht ze schaden]
ze schaden nicht Hs. und E., ze s. iht Z. V.
263, 4. nimmer E.] fehlt Hs. ; Z. P. ergänzen nie.
265, 1. von Z. umgestellt. — 265, 3. der was Z.] was Hs.
267, 2. weite V.] wolt Hs. — man H.] fehlt Hs. — 267, 3. Abali]
Agaby Hs., Abakie Z. E. Agabi nur an dieser Stelle; Abakie ist die
Heimat der Mohren, einmal begegnet die Form Abagi (1684, 3), was
Schreibfehler für Abaki, aber auch für Abali sein kann. Denn der
Name des Mohrenlandes heißt Abakie, Abakine, eine Form in i be-
gegnet nicht. Dagegen ist Abali als Heimat kostbarer Stoffe durch
864, 4 {von Abalie ein hemede) und 1248, 2 (von Abali der stein) be-
legt; daher auch 1684, 3 Abali zu lesen war. Er ist derselbe Name,
der Bit. 1155 vorkommt, der truoc wät von Abalin; die zwischen i, ze, in
schwankende Endung ist wie bei Ormante.
268, 3. 4. die Umstellung der Worte nach Z. — 269, 3. solden
M.] loolten Hs.
269, 4. weder mohte icol, wie V. liest, noch trouiven, wie M. will,
ist nöthig.
272, 1. dar V.] da Hs. — 274, 4. moire] mit witzen Hs. und Aus-
gaben; der Schreiber beabsichtigte einen Inreim.
275, 4. listecliche] lustliche Hs. und Ausgaben.
276, 2. zwene V.] zwo Hs.
277, 3. dem künic H. V.] fehlt Hs., dem künige H. Z. E. P. —
unz V.] fehlt Hs.; unz daz H. Z. E. P.
280, 2. in7 dinges V.] vz7 rfes dinges Hs. — 280, 4. m ieclichs ivol
drizic] yetlichs wol d. in Hs., in ietliches drizec V. P.
281, 3. erwerben solde] solte erwerben Hs. und Ausgaben; ich habe
umgestellt, um den zweisilbigen Auftakt nach der Cäsur zu entfernen.
— gienge] geschaihe Hs. und Ausgaben; strits ist in der Gudrun ohne
Analogie.
282, 4. in Z.] fehlt Hs.
284, 4. ir in] in Hs. ; auch V. ergänzt in, aber an falscher Stelle.
285, 4. künden iht] künden Hs. und Ausgaben.
286, 1. kunnenz V.] künden das Hs. — 286, 2. nahtselde V.] naht-
sedele Hs. und Z. E. Allerdings kommt auch nahtsedel in der Bedeu-
tung °Nachtherberge' vor (mhd. Wb. 2, 2, 235,J), aber der Ausdruck
nahtselde nemen ist in den Nib. und der Kudrun der gewöhnliche. Auch
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 177
müßte hier der Cäsur wegen der Plur. stehen, der nicht belegt ist.
Derselbe Schreibfehler, sedele — selde 639, 3. Er weist darauf hin, daß
in der Vorlage selede stand. — 286, 3. die da] da sy Hs., daz si H. Z. E.,
die so V. — 286, 4. Besserung Hagens. — die\ do Hs. und Ausgaben.
287, 1. üf den] üf dem Hs. und Ausgaben, mit dem folgenden
Verse verbunden. Der wille ist üf etwas (Acc), auf etwas gerichtet.
288, 4. enist] ist Hs. find Ausgaben.
290, 3. unz Z.] und Hs. — 290, 4. daz in] daz Hs. und Ausgaben.
291, 2. so E.] fehlt Hs. — manz] man Hs. und Ausgaben.
292, 1. üf] üf dem Ausgaben und Hs. — 292, 4. ander vor iemen
fehlt Hs. und Ausgaben.
294, 1. fragte V.] fragt sy Hs., si fragte Z.lSi. — 1.2. von wanne
vber see dar gefaren waren Hs. ; eine Halbzeile fehlt in jedem Falle.
Ich habe umgestellt ivannen sie gevarn über se dar waren, und die
zweite Halbzeile ergänzt got inileze iuch bewarn, als einleitende Formel
der Rede Frutens. Die folgende Zeile also sprach der degen Fruote
beweist, daß 2b schon zu Fr. Rede gehörte; ich habe für also geschrie-
ben so, vgl. oben S. 44. Z. schreibt wannens über se dar gevarn wceren?
da was uns dicke we ; ebenso E. ; V. hat ebenso, doch statt 2b got be-
war iuch immer me. Haupt endlich (Z. 5, 505) si nach siner e, von
wannen si wceren gevaren über se, unrichtig aus dem eben bemerkten
Grunde. Meine Lesart erklärt sich graphisch einfach , der Schreiber
sprang von waren, wofür er waren schrieb, auf bewaren.
295, 1. iesch HauptJ haisst Hs.; hiesch liegt noch näher. — 295, 3
gereichte Haupt] gerüchte Hs.
296, 2. in V., fehlt Hs.
297, 1. si do V.] da sy Hs. — 297, 2. hetes] hette Hs. und Aus-
gaben. — 297, 4. guotes nach da fehlt Hs. und Ausgaben. — gezceme]
gezam Hs. und Ausgaben.
298, 1. Hagens Ergänzung. — 298, 3. wirdet] wirt euch Hs., aus
wird ev erklärlich. — 298, 4. gebresten ihtes] ihtes gebresten Ausgaben
und Hs.
299, 4. vil vor vliz, fehlt Hs. und Ausgaben.
300, 1. die vor heten fehlt Hs. und Ausgaben. — 300, 4. nach
Haupt umgestellt.
301, 4. die sie V.] sy da Hs.
302, 2. die vil riehen] vil riche V. und Hs., harte riche 7j. E. —
302, 3. dannoch fehlt IIs.; die Ausgaben ziehen vierzic zur zweiten
Hälfte.
UKUMANU x. 12
17N KARL BARTSCH
.303, 1. dar) dartzü IIs. und Ausgaben. — 303, 4. des künic) des
I Is., die Ausgaben.
304, 1. dar Z.| fehlt Hs. — 304, 2. dem V.] Jo dem Hs. — 304, 3.
brcehte] Indlite Ausgaben und Hs. — 304, 4. icol vor schin Hs.; V.
streicht es.
305, 3. so gehleidet V.] also klaidet Hs. — 305, 4. st<;er£ Z.] daz
sv, rt Hs. und E.
307, 3. daz V.) die Hs.
308, 4. r<? V.] wol ze Hs.
309, 2. ic/i 62 ] ic/t Hs. — 309, 4. iüo£ werte) werete Hs.; vgl.
zu 308, 4.
310, 2. 7?'oWg] Irolden Hs. — 310, 3. komen wceren Hs., von Z.
umgestellt.
311, 4. ^feroc/ie«] <7££d>i Hs. nach hat. Die Verbindung ändert tuon
ist nicht nachweislich; der Schreiber verwechselt es mit ande tuon.
312, 2. ?V V.] M- da Hs. — 312, 4. so] als Hs.
313, 2. des V.] desselben Hs. — 313, 4. rfö sprach der degen Horant
von mir ergänzt.
314, 3. er H.J fehlt Hs. — gesicachet) gemachet Hs. — freuden
Z.J freunden Hs.
315, 3. ez?i «?] &z s? danne Hs. und Ausgaben. — garwe] gar Hs.
und Ausgaben.
316, 4. ^j'fos] #{&e Ausg. und Hs. — tool fehlt Hs. — stand m<^
Hs. und Ausgaben.
317, 2. freische] gefraische Hs. und Ausgaben.
318, 2. es] sm Ausgaben und Hs.
319, 3. sied mite so] ivo Hs., swie so V.
320, 1. in werten] gewerten in Hs. und Ausgaben.
322, 1. der hiez] hiez Hs. und Ausgaben. — 322, 4. harte fehlt Hs.
— schemeliche] schedeliche 7j. E. und Hs., schentliche Haupt und V.
323, 4. mähten wol] mähten Hs. und Ausgaben.
325, 4. icerte V.] geteerte Hs.
326, 1. dm Z] dem Hs. — 326, 3. der E.] ^s Hs. — daw V.]
dann sein Hs. — tromeen] getrawen Hs.
328, 3. swanne Z.] wenn Hs. ; wenne daz geschähe als Ausruf, wie
Y. und P. wollen, ist nicht statthaft.
.129, 2. gebare] gebärde Ausgaben und Hs. — 329, 3. gar Z.]
fehlt Hs. — 329, 4. biten] erbiten die Ausgaben, erpeiten Hs. — Waten
Z.] dem alten Waten Hs. Haupts Vorschlag (Z. 2, 381) macht den
Vers nicht besser: man müßte schreiben ame alden Waten.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 179
331, 4. guoten vor swertdegen fehlt Hs. und Ausgaben.
332, 4. dar] da Hs. und Ausgaben.
333, 2. tiefe mentel icit] t. m. und w. Hs. und Z. E., mantel tief
und unt V. — 333, 4. snellen] selben Hs. und Ausgaben.
334, 2. in hin] hin in Hs. und Ausgaben.
335, 4. sinen] sin Ausgaben und Hs.
336, 1. nach V. gebessert.
337, 4. zuo ir V.] zu ir in die Hs.
339, 3. da V.] fehlt Hs. — 339, 4. iht anders V.] anders ieht Hs.
340, 1. nach Haupt umgestellt. — 340, 3. vor im fehlt Hs. und
Ausgaben. — 340, 4. mit zühten gie] gie mit zühten Hs. und Ausgaben.
341, 1. 2. nach Ziemann ergänzt.
342, 4. des den pris da] den pris Hs. und E., da den pris V. —
343, 2. si mit V. gestrichen. — 343, 3. also H.] fehlt Hs. — 343, 4
gerner 7j.] fehlt. Hs.
345, 1, erlachete Z.] lachete Hs. — 345, 3. da von] da Hs. mere
H.] fehlt Hs. — ■ der selde] den seiden Hs.
346, 4. in siner heime seiden] selten in s. h. Hs. und Ausgaben.
347, 4. ivol mit E. gestrichen.
348, 1. sagete mcere] sagete V. und Hs., der sagete Z. E. — 348, 2.
daz nie- hünic deheiner mere] d. k. d. nie Hs. und Ausgaben. — 348, 3.
den Z.] fehlt Hs.
349, 4. richer] riche Hs. und Ausgaben.
350, 1. Er] Wate der Hs. — 350, 3. nach V. umgestellt.
351, 352. nach V. geordnet. — 351, 4. manz E.] fehlt Hs.
354, 3. Horanden von Tenertche Z., dem M. folgt. — 354, 4. man
in] man Hs. und Ausgaben.
355, 2. nach] nähen Hs. und Ausgaben. — 355, 4. vil] gar Hs.
und Ausgaben.
357, 2. in in E.] in Hs. — 357, 4. die sinen helde mit Z. — ■
phlegeten] gephleget Hs., phlmgen Ausgaben. — ersmielte] smielte Aus-
gaben und Hs.
358, 4. im E.J im darumb Hs.
359, 2. wz7 E.] den toil Hs. — 359, 4. KAta E.] fehlt Hs.
361, 3. ein] daz Hs. und Ausgaben. — also mit V. gestrichen.
362, 1. enhant] in die hant Hs., in hant Ausgaben. — 362, 3. der
V.] die Hs.
363, 3. vor E.] vor den Hs. — 363, 4. rfm] daz sin Ausgaben
und Hs.
364, 1. Ilagene dolte Hs., was E. V. beibehalten, Z. H. dö dolte.
12*
180 KARL BARTSCH
Aber dolte gibt hier keinen Sinn. Stund dolete, so kann das verlesen
sein ans dosere — do sere, das Verbnm aber fehlt, und war wohl sluoc.
Die Subjecte müssen vertauscht werden, wie die folgenden Verse be-
weisen. Also Hagenen sluoc do sere der künstelöse man.
365, 1. ez fehlt Hs.
367, 3- sin E.j sein wol Hs. — 367, 4. so] als Hs.
368, 2. jeht] Sprecher Hs. für sprechet, was Z. E. V. haben, spre-
chen wird in Jüngern Hss. oft für jehen gesetzt. Vgl. 716, 2.
369, 4. deis] daz sin Hs. und Ausgaben. — beide fehlt Hs. und
Ausgaben. — unde V.] und die Hs.
370, 4. da vor von fehlt Hs. und Ausgaben.
371, 2. des V.] da Hs. — 371, 3. erdriezen] verdriezen Ausgaben
und Hs.
372, 1. üf einen] an einem Hs. und Ausgaben. — 372, 3. mit so
E.] so mit Hs.
373, 2. nach Wackernagel gebessert. — friunde H] freude Hs. ;
vgl. 354, 3.
375, 1. der] den der Hs. — so Z.] fehlt Hs. — 375, 4. harte icol]
wol Hs. und Ausgaben.
378, 2. Ion so] also Hs. — grözez] gros Hs. — 378, 4. üzer] uz
Hs. und Ausgaben.
379, 4. nhoet] niht Ausgaben und Hs. — 380, 1. liet Haupt] laut
Hs. — 381, 4. so V.] also Hs.; Z. E. W(ackern). behalten also und
lesen Tenen für Tenemarke.
384, 3. ra'/i£ enphunden] nicht Hs., wa>rliche niht Z. E. V., ra'/ttf
geahtet M.
385, 3. mti V.] m Hs. • — 386, 4. hie ze hove V., aber vor singen]
fehlt Hs. — 387, 3. hochverte] hochfertig Hs. und Ausgaben. — 387, 3.
die werden] die Hs. — 387, 4. wol erklingen nach nicht Hs.
388, 2. der wise schreiben alle Herausgeber; xoise ist hier aber
'Melodie', abhängig von vleiz sich; des bedeutet 'deshalb'. — 388, 4.
wol dannen nach sinnen Hs. und Ausgaben.
390, 1. dcenen Wackern.] dienen Hs. — 390, 2. nach Wackern.
gebessert.
391, 2. solte vil taugen Hs. — 39 1 , 4. so] also Hs. — M ir M.l fehlt Hs.
393, 4. wol von schulden] wol Hs. und Ausgaben.
395, 4. a^er hande] aller Hs. und Ausgaben.
396, 1. er sprach mit V. und M. gestrichen.
399, 3. niht verrer künde] verrer künde nicht Hs. und Ausgaben.
— 399, 4. niwan] wan Hs. und Ausgaben ; wane wäre auch erlaubt.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 181
400, L hüte diu frouwe] die frawen puten Hs. — 400, 2. niwan)
wan Hs. und Ausgaben. — eine Wack.] ainen Hs. — 400, 3. beholde
Wack.] behalten Hs. — 400, 4. die Wack.] den Hs.
401 1. ist er könnte man auch streichen. — 401, 4. von Z. um-
gestellt. — also] so Hs. und Ausgaben.
402, 4. durch dinen willen, frouwe] f. d. d. w. Hs. und Ausgaben.
405, 4. sit ir] sit Hs. und Ausgaben. — sorge] sorgen Hs. und
Ausgaben.
407, 4. vor E.] von Hs. — 408, 4. nach V. gebessert.
409, 2. wem] gewern Hs. und Ausgaben. — 409, 4. söZ] soZ Hs.
410, 4. mirs Z.] mir Hs. — e Wack.] vor Hs.
411, 4. vara(] vnd Hs. und Z. E.; V. streicht und er.
412, 2. o!g/i «weWera 7iÄn: sweZ/m fehlt Hs. — 412, 3. hiesch]
haysset Hs. — 412, 4. gefuogte] gefüeget Hs. und Ausgaben.
413, 1. mügen] rnüezen Hs. und Ausgaben. — 413, 4. gesingen
Wack.] singen Hs.
414, 2. daz Wack.] dm Hs. — 415, 2. was Z.] Afcss Hs. — 415, 3.
kröne trüege Wack.] trüege kröne Hs.
417, 3. daz] daz si Ausgaben und Hs. — 417, 4. dise Z.] die Hs.
418, 2. *ö>s« ich V.] getörst ich Hs. —^418, 4. dem tora'c Hetelen]
Hetelen Hs., Äüm'c //. Z.
420, 4. wnrf wz'g der] wie Hs. — der frouwen] frawen Hs.
421, 3. vor V.] von Hs. — 421, 4. vnere hinnen] von hinne Hs.
422, 1. sage] dir sage Hs. und Ausgaben. — 422, 3. hine] von
hinnen Hs., hinnen die Ausgaben. — 422, 4. nach Z. umgestellt.
423, 2. wa« aas wws wer] das vns gewer Hs. , wan daz uns gioer
Wack. — 423, 4. unseren kiel da beschouwe] unser kiele da schouwe
Ausgaben und Hs.
424, 2. bewendet] gewendet Hs. , geendet Wack. und V. — arebeit
V.] gros arbait Hs.
425, 4. dorfte in] in hat die Hs. nach hofe.
426, 3. die Wortstellung nach Z.
427, 2. sie wan eines] euch nun ainest Hs. — 427, 3. von Haupt]
vor Hs. — 429, 4. von Z. gebessert.
430, 2. von Z. gebessert. — 430, 4. und Z.] ?md von Hs.
432, 3. t»7 von Z. gestrichen. — 432, 4. m7 deste] dester Hs. ; vgl.
432, 3.
433, 2. nemen ze minne] von mir nemen meine Hs. Die Heraus-
geber bessern auf verschiedene Weise. Z. E. V. nu ruochet von mir
ze nemene, M. P. nu ruochet von mir nemen, mit falscher Cäsur. meine
182 KARL BARTSCH
ist allerdings zu ros gezogen , kann aber trotzdem aus minne entstellt
sein. 433, 4. iht Z] nicht Hs.
434, 2. hin Z.] da hin Hs. — 434, 4. der vergaebe] der fehlt Hs.
und Ausgaben.
436, 2. iu iwer] iwer Ausgaben und Hs. — 436, 3. uns hinnen]
uns Hs. und Ausgaben. — Uten] hie gepeiten Hs.
437, 3. diu] dhainer Hs., disiu V., keiner M. P. — Alle Heraus-
geber schreiben falsch an ein ende statt an ein ende.
438, 4. in M. V.] euch Hs.
439, 4. von Tenemarke Fruote] F. v. T. der Hs.
440, 4. riten schone] schone fehlt Hs. Bei M. P. soll hie mite riten
die erste Halbzeile sein. Vgl. 444, 4.
441, 3. ze E.] ze also Hs. — 441, 4. von Z. gebessert.
442, 4. da moht diu k.] da die k. mochte Hs.
443, 3. do er Z.] er Hs. - 443, 4. duo] die Hs.
444, 1. uf E.] auf dem Hs. — 444, 2. uo/ wurde V.] wurde vol
Hs. — 444, 4. cfo'e /rowwen] schone die frouwen Ausgaben und Hs. Vgl.
zu 440, 4.
445, 1. hohe] do Hs. und Ausgaben. — 445, 4. grimme leide] baide
vil g. vnd l. Hs. — grimme ist natürlich adverbium.
447, 2. rehte Z.] fehlt Hs. — 447, 4. der miner] meiner Hs.
Wäre mag erlangen, was E. V. M. P. haben, das richtige, so würde
der Schreiber diesen auf gerstangen genau reimenden Reim sicher nicht
entfernt haben.
448, 2. strites willen] striten Ausgaben und Hs. — 448, 3. da
mite, zugleich mit euch] dann Hs., st danne Z. und alle andern. —
448, 4. mit der ßüete] in die fluot Hs.; vgl. 673, 4. — 451, 2. sivozre] ez
'was siccere Ausgaben und Hs. — 451, 3. Wate der alte Haupt] der
Wate Hs. — 451, 4. vil hohe] nu Hs. und Ausgaben.
452, 3. nach Hagen umgestellt. — 453, 1. 2. mit E. und V. um-
gestellt. — 453, 1. er hei] het er Hs. und Ausgaben. — 453, 4- do sie] do
Hs. Die Ausgaben diu da (dar). — man den schaden E.] den schaden man Hs.
454, 1. von Z. gebessert. — 454, 2. ander sim] anderm seinem
Hs. - - 454, 3. nach E. Besserung. — 454, 4. von W. Grimm (bei M.)
gebessert.
455, 2. nach V.] nach frawen Hs. — 455, 4, da wider] da Hs. — -
ir dannen V.] in danne Hs.
456, 3. grozen sinen ereu] grozer siner cre Ausgaben und Hs. —
456, 4. von Haupt gebessert, Man kann auch schreiben sie iccen des
piht gedähten,
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 183
457, 2. nu verre] verre Hs. und Ausgaben. — 457, 4. vil, von
Z. gestrichen.
458, 3. b% den minen friunden gesehen] g. b. m. fr. Hs., von V.
umgestellt, bei dem aber den fehlt. — 458, 4. harte fehlt Hs. und
Ausgaben.
460, 1. gäben] geben Hs. und Ausgaben. — 460, 4. uz den] aus
Hs. — der V ] fehlt Hs.
462, 2. lützel] wie lützel Hs. und Ausgaben. — si des V.] sys Hs.
— er Z.] fehlt Hs.
463, 2. Hellte] liehter Ausgaben und Hs. — 463, 4. gedinge V.]
gedingen Hs.
465, 4. den V.] der Hs. — 466, 3. von Z. gebessert. — 466, 4.
üow Hegelingen Hetele] daz H. von den H. dar Hs.
467, 1. hin engegene] entgegne Hs. — 467, 2. diu schoenen V.] die
vil schone Hs. . — 467, 3. eren\ ere Hs. und Ausgaben.
468, 2. mit in V.] m«< Hs. — 468, 4. s'm E.] fehlt Hs.
470, 4. der vil wise] der wise Ausgaben und Hs.
471, 1. her von E. gestrichen. — 471, 2. dar V.] das ross Hs. —
471, 3. da er zwene sacli] do sach er ziven Hs. und Ausgaben.
472, 4. buozt der] buozte Ausgaben und Hs.
474, 1. altgrtse] alte grise Ausgaben und Hs. — 474, 2. hie V.]
nie Hs. — 474, 3. dann er V.] oder danne Hs. — geswhe] gesach Hs.
und Ausgaben. — 474, 4. lieber nie geschähe] liebers nie geschach Hs.
475, 4. sinen handen V.] siner hande die andern und die Hs.
476, 4. geloube mir der mcere] gelaube Hs.
477, 4. der grimme] der ist grimme Ausgaben und Hs. — müejet
V.] gemüt Hs.
478, 4. der helme stt] seyd der helme Hs. Mit Unrecht ändern
Z. V. P. helme in swerte.
479, 3. teuren nu V.] nu icären Hs.
481, 2. samet Z.j sam Hs. — wil V.] «m7 woZ Hs. — 481, 3. die
V.J der Hs. — 482, 4. «i von E. gestrichen.
483, 4. die da] die Hs. und Ausgaben. — den E.] dem Hs.
484, 4. was z'r nach ir] was iren Hs., icas ir Ausgaben.
485, 1. mit zuht] in zühten Hs. und Ausgaben. — 485, 4. groez-
Itchcn] grdzen Hs. und Ausgaben.
486, 2. von H. gebessert. — 486, 4. vil mit V. gestrichen.
487, 1. tagen V.] äbenden Hs.
488, 2. sii'c^ setzen fehlerhaft alle Ausgaben. — 488, 4. harte habe
ich des Verses wegen gestrichen.
184 KAKL BARTSCH
489, 2. her die IIs. ; die Herausgeber schreiben dafür hef, ich
habe es vorgezogen, weil die folgende Zeile zu kurz ist, her zu lassen
und dort nach kochen hete zu ergänzen. — 489, 3. ouch vil] ouch Ausg.
und IIs. — 489, 4. nach Z. ergänzt.
490, Die Umstellung nach Vollmer. — 490, 2. üf den sant] üf
dem sunt Hs. und Ausgaben. — 490, 4. gemellichen V.] gemainlichen Hs.
491, 3. er V.] fehlt Hs. — 491, 4. des V.] daz Hs.
495, 3. maget M.] fehlt Hs. — 496, 3. ich ez) ich Hs. — 496, 4.
den Menden] den Eyrlande Hs. ; die Ausgaben den von Irlant.
497, 2. urliuge V.] ir urhuge Hs. — 497, 3. den selben\ den Hs. und
Ausgaben. — von den V.] mit Hs. — 497, 4. einer selde V.] ainen seiden Hs.
498, 1. loas ouch] was Hs. und Ausgaben. — 499, 4. vil sere habe
ich als den Vers belastend gestrichen.
500, 4. alröten fehlt Hs.; Z. E. V. ergänzen roten.
501, 1. der mit V. gestrichen. — 501, 3. ericerben hülfen daz lant\
d. I. e. h. Hs. und Ausgaben.
503, 3. den V. M.] dem Hs. — Die zweite Hälfte von H. gebes-
sert. — 503, 4. geschiezen] geschozzen Z. E. V. und Hs. ; schiezen M. P.
— lant mit E. gestrichen.
504, 2. in E.] sy Hs. — 504, 4. vil von E. gestrichen.
505, 1. mit V. umgestellt. — 505, 2. swie schreiben alle Aus-
gaben statt wie; der Satz hängt ab von kunt tuont.
506, 4. wären] waren vil Hs. — 508, 2. duo] die Hs.; do V.
509, 4. den alden Waten mit V.
510, 3. enphüeret wären] w, enph. Hs. und Ausgaben. — 510, 4. ge-
rüeretrnanicrinc] m.r.g. Hs. und Ausgaben. — harte fehlt Hs. und Ausgaben.
511, 2. siner H.] fehlt Hs. — 512, 2. da er] der Hs. und Aus-
gaben. — 511, 3. lieben mägen] lieben fehlt Hs.; vgl. 523, 4.
513, 3. unde E.j und auch Hs. — 513, 4. bedühte] dühte Aus-
gaben und Hs.
514, 4. beide fehlt Hs. und Ausgaben. — 515, 1. erwäget V.] er-
wäge Hs., erioac Z. E.
516, 1. er sinen neven] s. n. er Hs, und Ausgaben. — 516, 3. von
Hs.] fehlt Hs.
518, 4. äbunde V.] äbent Hs.
520, 3. da habe ich vor niht gesetzt, weil beide Halbzeilen erst so
das richtige Maß erhalten. — 520, 4. swerte] der swerte Hs. und Ausgaben.
521, 1. rief] rueffet Hs. — 521, 3. uz den] uz Ausgaben und Hs.,
uz grimmen Z. — vor] von Hs. und Ausgaben. — altgrisen] grisen Aus-
gaben und Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 1^5
522, 4. niht ensterbe] niht sterben Ausgaben und Hs.
523, 1. do mit V. M. gestrichen. — 523, 4. gesande P.] het ge-
sannde Hs.
524, 2. manigem guote Pfeiffer] maniger guele Hs. — 524, 3. sit
st iu] ist steht nach helden Hs., nach iu in den Ausgaben.
525, 2. swie harte Z.] fehlt Hs. — 525, 3. hete V.] fehlt Hs. —
525, 4. hoher V.] her Hs.; V. schreibt hoher her. — uz Irlande mit V.
gestrichen.
526, 4. horten in] in steht in der Hs. und den Ausgaben nach zife
527, 2. m schuofen] schuofen in Ausgaben und Hs. — 527, 4. ivart]
werden Hs. — der - gedähte] die - gedähten Ausg. und Hs. — und des
strites mit V. gestrichen.
529, 4. manigem recken] recken fehlt Hs.; E. ergänzt wunden.
530, 3. bühsen woshe] wcehe fehlt Hs. und Ausgaben. — icas H.]
fehlt Hs.
531, 4. nach Haupt (Z. 5, 506) gebessert. — die da] die Hs.
532, 3. ir Z.] fehlt Hs. — 532, 4. leidiu mcere Z.J fehlt Hs.
533, 2. wer ez] gewere Hs. — daz E.] daz daz Hs. — 533, 3. redet
V.] geredet Hs.
534, 3. leider mit E. gestrichen.
535, 4. m helfen binden] helffen Hs. — wer] ewra Hs., iwern
Ausgaben.
536, 3. ich ennceme V.] oeter e'cA nam Hs.
537, 2. cten künic V. und W. Grimm] fehlt Hs. — 537, 3. niwan
Z.] nun Hs.
538, 3. diu vil E.] m7 Hs. — 538, 4. &cm Haupt] han Hs. — m7
vor willecliche fehlt Hs. und Ausgaben.
541, 4. wum] kainen man Hs. — 542, 2. der H.] fehlt Hs.
543, 1. maget Hs.; Besserung Vollmers. — 543, 2. su/n H.] fehlt Hs.
544, 2. em H.] er Hs. — 545, 2. lebenden E.] lebentigen Hs. —
545, 3. töte Z.] töten Hs. — 545, 4. mit den] mit Hs. und Ausgaben.
— verschroten] zerschroten Ausgaben und Hs.
546, 2. frceliche Z.] frblichen Hs. — 546, 3. iedoch Z.] c?oc/* Hs.
— 546, 4. freuten Z.] freunt Hs.
547, 3. szc/i] s?/ Hs. und Ausgaben.
548, 1. Hetelen V.] Hagnen Hs. — 548, 2. ze Aove truogen] tr. z. h.
Hs. und Ausgaben. — 548, 3. sam] also Hs. und Ausgaben.
549, 2. daz magedin] die maget Hs. und Ausgaben. — man uns]
man Hs. und Ausgaben. — 549, 4. nach V. Ergänzung.
550, 1. richeite] richeit Ausg. und Hs.
|8(J KARL BARTSCH
551, 1. ovch von E. gestrichen. — 551, 4. von Z. ergänzt. — diu
frouwe] fraw Hs.
552, 2. zoch V.] fehlt Hs. — 553, 2. der V.] fehlt Hs. — 553, 3.
im V.J fehlt Hs. — 553, 4. des E.] das Hs.
554, 3. ez Z.] fehlt Hs. — gesagen Z.] sagen Hs. — 554, 4. daz
sie in] den sy Hs., daz si den Z., ivam si in E., dm si V.
555, 3. wirret\ geicirret Hs. und Ausgaben. — frouwen] den fr.
Hs. und Ausgaben. — so grozem: vielleicht ist solhem zu lesen; vgl.
MF. 46, 3. — 555, 4. also daz] daz Hs. und Ausgaben.
556, 2. do] daz Hs. und Ausgaben. — 556, 4. ich H.] fehlt Hs.
557, 2. aw schosneii] d. sch.fr. Hs. und Z. E. ; V. streicht schoenen.
— 557, 4. vil habe ich gestrichen.
558, 1. sult so] solt Hs. — 558, 4. hohen mit Z. gestrichen.
559, 2. irc mit V. gestrichen. — 559, 4. s^c/i dö] sich Hs. und Ausg.
561, 2. Jas V.] tiaz es Hs. — 562, 2. #wo£ fehlt Hs.; V. ergänzt
rieh. — 562, 4. muosens] muessen sy Hs., müezens Ausg.
566, 4. dl des si V.] alles des Hs.
567, 1. vil] xeol Hs. und Ausgaben; vgl. 323, 3. — 567, 2. Übe:
die Hs. leihe, wofür die Ausgaben liehe. — 567, 4. alle am Beginn der
Zeile fehlt Hs. und Ausgaben.
568, 3. värten H.] rächten Hs. — 568, 4. nach V. gebessert.
569, 4. trüege: die Ausgaben unnöthig truoc.
570, 4. zm ze w?oW] im Hs. und Ausgaben.
571, 1. ze liove ouch dicke] o. d. z. h. Ausgaben und Hs.
572, 2. dem künic~\ künic Ausg. und Hs. — 572, 3. vor Z.J von
Hs. — 572, 4. unde here] here Hs. und Ausgaben.
573, 3. daz H.] daz sy Hs.
574, 2. dem alten Haupt] fehlt Hs. — 574, 3. sinne] site Hs. und
Ausgaben. — 574, 4. die von] von der Hs. und Ausgaben. — mozrer
helt] degen meere Hs. und Ausgaben. — sinen handen V.] seiner hannde Hs.
575, 3. sant ers] die sant er Hs. und Ausgaben; von Hegelinge
laut gehört zur dritten Zeile.
577, 1. wol mit Z. gestrichen. — 577, 4. vil schedel.] vil fehlt Hs.
und Ausgaben.
578, 1. frou mit V. gestrichen.
579, 2. im verzihen horte] horte in verzihen Ausgaben und Hs. —
579, 3. so] also Hs. und Ausg. — 579, 4. mit siner tilgende ie gebarte]
ve g. m. s. t. Hs.
580, 1. der hiez] hiess Hs. — 580, 2. verre er icas] was verren Hs.,
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 187
tcas er verren H. Z. E , verren V. — 580, 3. über habe ich gestrichen ;
gewaldic mit dem Gen. auch 21, 3.
582, 2. sie horten] horten sy Hs. — 582, 3. da] daz Hs. und Aus-
gaben. — 582, 4. in] sy Hs. und Ausgaben.
583, 1. gevarn nimmer] n. g. Hs. und Ausgaben. — 583, 4. phlcege
V.] phlag Hs. — im sie Z.] yms Hs.
584, 2. manige] maniger Hs. und Ausgaben.
585, 1. von H. gebessert. — 585, 3. immer Z] nymmer Hs.
586, 2. vil V.] fehlt Hs.
588, 3. der hiez] hiez Ausgaben und Hs.; vgl. 580, 1.
589, 2. wart V.] was Hs. — 589, 4. iedoch] doch Hs. und Aus-
gaben. — im siu] yms Hs., ims V., imz E. Z.
592, 2. oijc/t ist entweder zu streichen, oder nach und zu setzen.
593, 4. von Haupt gebessert. — 594, 4. die] der schce?ien Hs.
595, 4. emi] ere Ausgaben und Hs.
596, 4. unde] und icurden Hs. und Ausgaben.
597, 4. schiere dö] fehlt Hs. ; t?ö ergänzt V.
598 , 4. dz'e to^e FI. was] d. w. ivas H. Hs. und Ausgaben. — vil
beidemal mit V. und M. gestrichen.
599, 3. weihen] in loelhem Hs. und Ausgaben. — 599, 4. von V.
gebessert.
600, 2. in] nu Hs. ; die Herausgeber schreiben nu was in o/te we.
— 600, 4. die] der Hs. — vaste mit V. gestrichen.
601, 3. ouch von Z. gestrichen.
602, 4. da] daz Hs. und Ausgaben. — ■ Die zweite Hälfte nach
Vollmers Besserung.
605, 2. man H] fehlt Hs. — 605, 4. von V. umgestellt.
606, 4. der künic] künic Ausgaben und Hs. — Die zweite Hälfte
nach Ettmüllers Besserung.
607, 1. Do] als Hs. und Ausgaben. — 607, 4. widere V.] wider
Hs. — vil mit V. gestrichen.
608, 4. froun] die frawen Hs. — 609, 1. ir einer] einer Ausgaben
und Hs.
610, 1. diu frouwe] fron Ausgaben und Hs. — 610, 2. lech, Bes-
serung Ziemanns. — 610, 4. liant V.] hennde Hs.
611, 4. sich im] sich Hs. und Ausgaben. — toerren] gewerren Hs.
und Ausgaben; vgl. 555, 3.
612, 3. dürfe] durffte Hs. — 613, 1. wol mit V. gestrichen. —
613, 2. mtle] tageweide Ausgaben und Hs., die einen innern Keim gegen
das Metrum beabsichtigte. — 613, 4. der herre] die clagten da vil sere
188 KAHL BARTSCH
IIs. ; die Herausgeber ändern auf verschiedene Weise. Ein Keim verre:
stre, den Z.V. M. P. haben, ist nicht denkbar. Ich habe nach 1164, 4
gebessert; E. hat auch Hartmuot der herre, weicht aber sonst ab.
614, 2. inder fehlt IIs.; Z. und die andern mit ougen. — 614, 4.
gehcene Z.] hcene IIs.
615, 3. durch daz] daz Hs. und Ausgaben. — 615, 4. der herre]
der IIs.
616, 1. toeinunde H.J wainende IIs. — 616, 3. boten hinnen] unser
boten hin Ausgaben und Hs. — 616, 4. sie noch] sy Hs.
618, 4. es was V.J so was es Hs.
619, 1. 2. drumbe reit | boten, daz man der värte] poten dar umbe
mit | der man da er/arte Hs. Die Ausgaben ändern auf verschiedene
Weise; reit hat schon H. gebessert.
620, 1. sich V.J sich gar Hs. — 620, 2. gesehen E.J sehen Hs.
622, 3. man sach V.J da sach man Hs. — 622, 4. hohe V.J hohen Hs.
624, 2. tougenre E.] taugen Hs. — 624, 4. hieze] hiez Ausgaben
und Hs.
625, 4. Hetelen] ir vater H. Hs.
626, 1. irz V.J ir Hs. — 626, 3. in] im Hs. und Ausgaben.
627, 3. grozen von E. gestrichen. — 627, 4. die E.] fehlt Hs.
628, 4. ja] da Hs., cZö Ausgaben.
629, 1. kam V.J haim kam Hs.
631, 3. und E.] »m'< Hs. — 631, 4. m7 von E. gestrichen.
632, 1. er V.J daz er Hs. — würbe iht V.J «cAi würbe Hs.; vgl.
169, 1.
633, 2. hiete] hette Hs. — dwo] die Hs.; Haupt e?ö.
635, 2. zogete] zöge Hs.; zm(?<3 die Ausgaben. — 635, 4. ze hüse
bringen] bringen Hs.
636, 1. niwan H.J rtwm Hs. — 636, 2. 62tt duncket mich] es d. m.
nicht Hs. und Ausgaben.
637, 2. iht Z.] m'c/j^ Hs. — 637, 3. nach Z. umgestellt. — schran-
ken V.J krancken Hs.
638, 1. mcä V.] sy Hs. — 638, 2. d<?s] daz Hs. und Ausgaben. —
638, 4. m strite sit] sit Ausgaben und Hs.
639, 1. recken fehlt Hs. — 639, 2. her von V. gestrichen. —
639, 4. Hellten fehlt Hs. und Ausgaben.
640, 3. der V.J des Hs. — 640, 4. in dem herten] in Hs. ; in her-
tem Z. V.
642, 2. ^71] da Hs. — ungerne gewesen, von V. umgestellt. — dö
dar vor] dö fehlt Hs. — 642, 3. von Z. gebessert.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 189
643, 3. niht V.] fehlt Hs. — 643, 4. vant da] da fehlt Hs. und
Ausgaben. — der herre E.] dem herren Hs. 644, 4. sie Z.] sich Hs. —
645, 4. also habe ich gestrichen. — vil vor bescheidenlicheu fehlt Hs.
und Ausgaben.
646, 2. von Haupt gebessert, der aber verlän beibehält. — 646, 3.
Ionen] lone Hs.; vgl. 17, 4.
647, 4. daz] der Hs. — werte H.] wiW Hs.
648, 1. küenen sach] küene ersach Hs. und Ausgaben. — 648, 3.
des V.] den Hs. — 648, 4. c?wrc/i daz verch] durch Hs. ; der Ausfall
wurde durch den gleichen Auslaut veranlasst; vgl. 684, 4. Haupt
(Z. 5, 506) bessert der houwet die verchtiefen wunden.
649, 2. alsam Z] sam als Hs. — 649, 3. schcene habe ich getilgt,
/no/ite anders niht] n. a. m. Hs. und Ausgaben. — 649, 4. nach V. gebessert.
650, 3. die von E. getilgt. — 651, 2. liden E.] glidern Hs.
652, 4. dz'e zite M.] zeiz Hs. — swes V.] was Hs.
653, 3. des mit E. gestrichen.
654, 2. z'n] ?m'£ Hs. und Ausgaben. — 654, 2. 3. von Heg. laut \
Kutrün] Chautrun von H. I. Hs.
655, 2. daz vor geliebte habe ich getilgt. — 655, 4. nach V. ge-
bessert, der aber ez vor scheiden hat.
656, 2. iwc/t V.] mich Hs. Haupt (Z. 5, 506) schreibt doch hat mich
niht gerouwen miner arbeit. — 656, 4. die Umstellung rührt von Ziemann.
657, 4. i'u M.J ich euch Hs.
658, 3. under ougen V.] under die äugen Hs. — 658, 4. äne lou-
gen] an taugen Hs., äne tougen Ausgaben.
659, 1. ze werben V.J xcerben Hs. — Herwtc habe ich gestrichen;
es ist Glosse. — 659, 4. ir tohter V.] seiner lieben tochter Hs.
660, 1. was] ward Hs.
662, 2. von Haupt gebessert. — 662, 4. mac H.] fehlt Hs.
664, 1. von Vollmer gebessert.
665, 3. daz mans im gap V.] da gab man im sy Hs. — 665, 4.
des] das Hs., daz Ausgaben. — we vil] we fehlt Hs. und Ausgaben.
666, 4. zem hünige fehlt Hs. und Ausgaben. — woldes] wolte Hs.
668 , 2. swä so] wo Hs. sioä Ausgaben. — 668 , 4. mit friunden]
mit sinen fr. Ausgaben und Hs.
669, 2. von Haupt gebessert. — 669, 3. hin ze Selande wolde her-
verten] her/, iv. hin ze S. Hs. und Ausgaben. — 669, 4. gelobet wart diu
reise fehlt Hs. und Ausgaben; die Herausgeber ergänzen auf verschie-
dene Weise, aber alle auf SSlande reimend.
190 KARL BARTSCH
67t), 2. do] so Hs. und Ausgaben. — 670, 4 gemeinltche von E.
gestrichen.
671, 1. Selande Z.] lannde Hs.
672, 1. stod so] ^yo Hs., Lwa Ausgaben; vgl. 668, 2. — 672, 3.
do von Z. gestrichen. — 672, 4. ^«^ herverten] ez Ausgaben und Hs.
673, 3. komen von E. gestrichen.
674, 1. nach V. gebessert.
675, 1. dem] dem recken Ausgaben und Hs. — 675, 2. zen banden
V.] zer hande Z. E., zu der hant Hs. — 675, 3. nach V. umgestellt. —
675, 4. do] also Hs. und Ausgaben.
676, 3. marke V.] wargke Hs., warte H. Z. E. M. P. — 676 , 4.
Küdrün habe ich gestrichen; es ist Glosse, vgl. 659, 1.
677, 2. mit manigem trahene fuoren] sy f. m. m. t. Hs. und Aus-
gaben. — dar V.] da Hs. — 677, 3. da] die andern Ausgaben lesen
do (Z.) und daz (E. V.)
678, 1. sacli] sähe Hs., scedie Ausgaben. — 678, 2. liehe fehlt Hs.
und Ausgaben.
679, 1. do] daz Hs.
680, 1. von Haupt (Z. 5, 506) gebessert. — 680, 2. diu iu] die
Hs., diu Ausgaben. — 680, 3. Ute] piten Hs., bitet Ausgaben.
681, 4. vlorn] daz verloren war Hs., die Ausgaben ändern auf
verschiedene Weise.
682, 4. lebenden] lebendig Hs., lebende V. — ir lande] im Hs. und
Ausgaben.
683, 1. in] wol Hs. — 683, 3. haben geworben] geworben haben Hs.
und Ausgaben.
684, 3. Verliesen] sy Verliesen Hs. — 684, 4. frouice, Ettmüllers
Ergänzung; der Ausfall erklärt sich durch den gleichen Auslaut.
685, 1. vil H.] fehlt Hs. — 685, 3. brache ir V.] prachen die Hs.
686, 2. hilfa H.] hilffe Hs. derselbe Fehler Nib. 6466 in cl. —
— alze V.] also Hs. — 686, 3. willigen] williklichen Hs. und Ausgaben.
— li enden : genden, Besserung Haupts. — 686, 4. ander niemen] nyemand
anders Hs. anders niemen M. P.
687, 2. wege] welle Hs.; die Ausgaben nach Hagens Vorgang helfe.
— 687, 3. den E.] deine Hs.
688, 1. von den] den fehlt Hs. — 688, 4. rüeren PIs.] genieren Hs.
und Ausgaben.
689, 2. starke von E. gestrichen. — 689, 3. der sol daz] also daz
das Hs.; also daz H. Z. E., sol al daz V. — 689, 4. sich xeol mit V.
gestrichen.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 191
693, 1. 2. von Haupt gebessert; derselbe Fehler, gewant für wät
schon oben 252, 1 und Nibel. A 1475, 3. — 693, 3. zuo den] zeHs., hin ze
Z. E. vgl. 734, 4. — 693, 4. verläzen] da keime verletzen Z. V. und Hs.;
da keime Idzen E. da keime ist wieder erklärende Glosse zu verläzen.
694, 1. nach V. umgestellt. — 694, 3. dock] do Hs. und Aus-
gaben. — 694, 4. beide fehlt Hs. und Ausgaben.
695, 2. knappen Z.] knaben Hs. — 696, 4. Kftdrün diu sekoene] die
scheene chawdrun Hs. und Ausgaben.
697, 3. sunder twäle] sunder Hs., eine sunder Z. E. ; vgl. 655, 4.
698, 3. dannock Z.] fehlt Hs. — 698, 4. karte fehlt Hs. und
Ausgaben.
699, 1. Do si im H.] Die im Hs. — 699, 4. vil] vil dicke Hs.,
dicke Ausgaben.
700, 2. porten W. Grimm (Müllenh. S. 70) und V.] horten Hs.
brach E.] zerbrach Hs. — 700, 4. von E. gebessert.
701, 2. ez versuockten] begundens rüeren Hs. und Ausgaben; der
Inreim ist sicher nicht das ursprüngliche, die Ausdrucksweise ist ge-
zwungen, der Vers schlecht. — 701 , 4. zuo vil] zu den veinden Hs. ;
der Schreiber verstand zuo nicht, er nahm es als Präposition.
702, 3. unsenfte] zu vnsanfften niaren Hs. — 702, 4. meeren V.J
der niaren Hs.
703, 1. sie rikten V.J da richten sy Hs.
704, 4. sivie so] wie Hs., swie Ausgaben. — vil vor frosltcke fehlt
Hs. und Ausgaben ; fraglichen haben Ausgaben und Hs. — dannen V.]
danne Hs.
705, 1. keiden H.] fehlt Hs. — 705, 2. sy mit Z. gestrichen.
706, 2. Alzabie] Alzabe Hs. und Ausgaben. Ich habe nach Ana-
logie von Karade, Karadte an dieser Stelle des Verses wegen eine sonst
nicht vorkommende Nebenform gewagt; denn ich zweifle, ob dne dSn
von Alzahe des Dichters Meinung träfe. — 706, 3. diu her] der herr Hs.
— 706, 4. wol V.] vil Hs.
707, 2. von Haupt gebessert. — 707, 3. sorge V.] ivegsorgen Hs. ;
V. hat übrigens sorgen. — 707, 4. geleben V.] leben Hs.
708, 4. von E. gebessert; geiounnen von H. ergänzt.
709, 1. die geste E.] den gesten Hs. — komen des] des körnen sz
Ausgaben und Hs. — 709, 4. mäze] mäzen Ausgaben und Hs.
710, 1. Waz da] Waz, und da vor gestreit Hs. und Ausgaben. —
710, 2. vil harte] vil Hs. und V., des vil Z. E.
711, 2. der starken keime] der keime starche Hs. — 711, 3 das erste
vil mit V. gestrichen. — 711, 4. sin müeslen] sy müsten Hs. und Aus-
gaben. — dicke] die dicken Hs. und Ausgaben.
192 KARL BARTSCH
713, 3. erz] er Hs. und Ausgaben. — der mäze V.] den massen Hs.
714, 3. daz sin] sin Ausgaben und IIs. — 714, 4. wänden hin hinder]
hin h. w. IIs. und Ausgaben.
715, 3. mans im] man ims Hs. und Ausgaben.
716, 2. jach Z.J sprach Hs.; vgl. 368, 2. — küener V.J chüners
Hs. — 716, 3. so] also Hs.
717, 2. die mit E. gestrichen. — 717, 4. mohte hdn gerouwn] ge-
rawen Hs. ; die Ausgaben ergänzen anders.
718, 2. Si/rit H.] fehlt Hs. — grozen mit V. gestrichen. — 718,
4. ez also sere im] ims also sere Hs.
719, 4. algemeine niht] nicht alle gemaine Hs.
720, 1. ze einer veste] ze ainem wasser Hs. — 720, 2. site H.]
zeite Hs. — ■ hin von E. gestrichen. — 720, 3. dar] da Hs. und Z. E. P.,
daz V. — solden : wofofew] ivolten : sollen Hs. und Ausgaben.
721, 2. nach V. umgestellt. — 721, 3. nu] den nu Hs. und Z. E.,
■dm V. — 721, 4. so] also Hs. — Zazte E.] verletzte Hs.
722, 2. hdchvertem sit H.] hochferten seyd Hs. ; hochverten sit M. — ■
722, 4. von dem Tenelender] von den von Tennelande Hs. ; dem ist Bes-
serung Vollmers, vor den von Tenelande muose M. und P. Vgl. 496, 4.
723, 4. ieclich] yeglicher Hs. Vielleicht etlicher.
724, 1. duo] die Hs. ; do bessert Haupt. — 724, 2. ritterschaft] die r.
Hs. und Ausgaben. — 724, 4. nach V. gebessert, der aber beste liest.
725, 2. den hiez] hiess Hs. und Ausgaben. — 725, 4. genendicliche,
Besserung Ettmüllers.
726, 1. in V.] mit Hs. — 726, 2. er mit al] mit allen Hs. und
Ausgaben; er ergänzen H. und die übrigen nach daz. — 726, 3. dem]
Herwige Hs. und Ausgaben; Herwige ist auch hier Glosse. — 726, 4.
tceten] tetten Hs., täten Ausgaben.
727, 3. eren] Sre Hs. und Ausgaben. — 727, 4. tool von E. ge-
strichen.
730, 1. diu ivas] ivas Hs. und Ausgaben. — 730, 3. da Ergänzung
Hagens.
731, 1. daz mit V. gestrichen. — 731, 4. lützel] wenig Hs.
732, 3. vil Z] fehlt H.; die andern Ausgaben lassen es mit Un-
recht fort. — 732, 4. wceren V.] wozre Hs.
733, 2. vielleicht muget ir; vgl. 1228, 2. — 733, 3. Selande V.]
Sturmlannde Hs. — 733, 4. da] gar da Hs.
734, 1. von Z. gebessert.
735, 2. daz mich so fr eye hohe gedancke tund Hs., ohne Zweifel
entstellt, wie Reim und Metrum zeigen. V. behält die Lesart der IIs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 193
bei, Z. E. schreiben der hohe gedanke luoi. Meine Änderung hei waz
mich sorgen frlen hochgedinge tuot entfernt sieb nicht so weit vom über-
lieferten, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Vgl. 1703, 4.
609, 4. — 735, 3. sint V.] sein Hs.
736, 1. herr von E. gestrichen. — sä V.] alsa Hs. — 736, 2.
helde heten] heften Hs., halten E. , recken halten V. , halten ritter H. Z.
M. P. Vgl. 736, 4. — 736, 4. den sinen E.] den seinen helden Hs., sinen
helden Ausgaben.
737, 1. gencete P.] genotig Hs.
738, 1. habet E.] het Hs.
739, 2. herv erten] herverte Ausgaben und Hs. — 739, 4. ouch habe
ich gestrichen.
740, 4. wesen friuntliche] wesen fehlt Hs. Anders ergänzt Vollmer
dem P. folgt.
74.1, 2, daz mit V. gestrichen.
742, 1. mähte Z.] mochte Hs. — 742, 2. in ir V.] »mV Hs. —
742, 4. 7m£ V.] in Hs.
743, 2. guoter] guote Hs. und Ausgaben. — 743, 4. (/?'& e* Haupt]
gibt Hs. — tZw fehlt Hs. und Ausgaben.
744, 1. teilten Z.] taute Hs. — 744, 2. Swäben Z.] £«<a&<? Hs. —
744, 3. aoumen] soumern Ausgaben und Hs. — und von] vnd Hs.
745, 1. zuo ir verte] zuo in verre Hs. und Ausgaben. — 745, 4
von E. gebessert.
746, 4. vil von E. gestrichen. — solden] komen solten Hs. und
Ausgaben.
747, 3. siu waren] wärens Hs. und Ausgaben. — 747, 4. von Tenen
fehlt Hs. ; her ergänzt Z., der junge H., der küene E.
748, 4. 5ß<7(m t/m toiiü] begunde künic Ausgaben und Hs.; dem
darf nicht fehlen.
749, 1. si emvisten V.] sy muosien Hs. — 749, 4. ez E.] fehlt Hs.
— hure V.] bürge Hs.
750, 1. &o?7i V.J cZo ^flm des Hs.
752, 4. ■ye?'s?<oc/ien] si versuochten Ausgaben und Hs. — friwende
funden] fanden freiende Hs. — dem II. lande V.| den IL lannden Hs.
753, 4. des sie wol beide V.] daz sich wol in baiden Hs. — ze rehtc
habe ich mit M. gestrichen.
754, 2. im ivas mit gedanken] m. g. w. im Hs. und Ausgaben.
755, 2. daz H.J des Hs. — 755, 3. er] er sy ITs.
756, 3. hinnen E.] rem %?me Hs. — 756, 4. machen wil mit] wil
machen Hs. und Z. M. P., icil da machen E., wol mache V.
GERMANIA x. 13
194 KARL BARTSCH
757, 2. mer von II. gestrichen. — 757, 3. ze stücken houven] ze
kovwen Ausgaben und 11s. — 757, 4. juncfrouwc] schäme j. Hs., schcene
frouwe P.
758, 3. der strdze] von den strasseii Hs., von der strdze V.
759, 1. Helele Z.j fehlt Hs. — 760, 3. diu von Z. gestrichen.
760, 4. und diu] sy icas Hs., ez ivas V.
761, 2. übere] über mer Hs. und Ausgaben. — 761, 4. ir üz ir]
ir Ausgaben, irem Hs.
762, 1. tvan ei] daz er Hs. und Ausgaben. — 762, 2. von H. ge-
bessert. — 762, 2. 3. im der muot stuont] stuont im der muot Ausgaben,
st. im ye d. m. Hs. und E. — 762, 3. soldes V.] sohen Hs. — 762, 4.
ir dienen nimmer] ir n. zu d. Hs., ir ze d. n. V.
764, 2. den der vor] den vor Hs., den da vor E. V.
765, 1. sehen] ze sehen Hs. — 765, 2. sie Z.j sich Hs. — 765, 4.
beide von E. gestrichen. — die von E. ergänzt.
767, 2. Hilde] frou Hilde Ausgaben und IIs. Vgl. 788, 2. —
767, 3. werben wolden] wollen Hs. und Ausgaben.
770, 3. eren] ere Hs. und Ausgaben.
771, 1. min von Z. gestrichen. — 771, 3. mit recken] mit sinen
recken Ausgaben und Hs.
772, I. gern] hört man sy gern Hs. und Ausgaben. — 772, 2 von
V. gebessert. — 772, 3. harte fehlt Hs. und Ausgaben. — 772, 4.
warben ez vif] würben Hs. und Ausgaben.
773, 2. gar von E. gestrichen. — 773, 4. schände in] in fehlt Hs.
und Ausgaben.
774, 3. wiez E.] wie es im Hs.
775, 3, in] im Hs. und Ausgaben. — 775, 4. schenke] schenket
Ausgaben und Hs.
776, 1. ach xoe] ach Hs. und Ausgaben. — so] also Hs. und Aus-
gaben. — 776, 4. wan der mir Z.j der mir nu; statt wan schrieb der
Schreiber wie oft nu.
778, 2. ach we] ach Hs. und Ausgaben; vgl. 776, 1. — 778, 3.
v?ts V.] vnd Hs. — 778, 4. vesten] veste Hs. — vor übende noch verhou-
tcen] noch vor abende zerhawen Hs.
779, 2. Mute H. gesinde hie] H g. laute hie Hs. und Ausgaben.
780, 3. herzeichen] zeichen Ausgaben und Hs. — Die zweite Hälfte
von E. gebessert. — 780, 4. die H] H Hs. und Ausgaben.
781, 4. die lesten ouch] auch d. I. all Hs.
782, 2. habten] vant man Hs. und Ausgaben.
783, 1. enhende] in hannden Hs., in henden Ausgaben. — 783, 2.
moht mit der Hs.; die Ausgaben möhtc. — 783, 4. stunde V.] stunden Hs,
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 195
784, 4. si mit Y. gestrichen. — dannen Y.j ucm danne Hs.
787, 2. wicwe Y.] cfer ?Htere Hs.
788, 2. MMe Y.] fraw H. Hs. - 788, 3. vil Z.] fehlt Hs.
790, 3. a/ite] a7ifen Ausgaben und Hs. — 790, 4. von V. gebes-
sert; die Hs. hat den Singular. — vil de?' helde] der helde vil Ausga-
ben und Hs.
791, 2. sere wunden Z.] serwunden Hs. und E. M. P. — 791, 4.
wart des] wurden der Hs. und Ausgaben.
792, 3. ITetelen] hünig Hettels Hs. Bei zweisilbigem Auftakte wäre
auch für den sal des hünic Thielen richtig, aber nicht künic, wie die
Ausgaben haben.
794, 1. so Y.] also Hs. — 794, 3. mit den] mit Hs., mit ir Z. E. V.
797, 3. füeret hin] füert von hynnen Hs.
798, 4. desn xoolden] des wollen nicht Hs.
800, 1. so] also Hs. und Ausgaben.
801, 2. die man] so man Hs. und Ausgaben. — 801, 3. Alle Aus-
gaben setzen fehlerhaft ein Komma nach frouwen.
802, 1. do Z.] fehlt Hs. — 802, 3. möhie H.J fehlt Hs. — 802, 4.
manige H.] magde Hs.
803, 1. wüefen] rüeffen Hs. und Ausgaben, ruofen statt wuofen
steht auch Nib. 4159. ruofe statt wnofe 4176. — lüte Haupt] leute Hs.
Derselbe Fehler, leute = litte auch Nib. 4273. — 803, 2. man] man sy
Hs. und Ausgaben. — 803, 4. Besserung Ziemanns.
804, 1. mit im mit V. gestrichen.
806, 3. läzen] geläzen Ausgaben und Hs. — 806, 4. war V.] watd
Hs. — und mit Y. gestrichen.
808, 2. tragen P.] getragen Hs.
810, 3. hünic Hetelen] hünige Hs. und Ausgaben. — herzenliche Y.j
herzenlichen Hs. — 810, 4. geschach Y.] geschähe Hs. — von IT.] fehlt Hs.
811, 4. die von 0. fuorten] das f. die von 0. Hs.
812, 4. in ir grozen sorgen die Hegelinge bi den Äfceren harte nahen
bietet die Hs.; die zweite Halbzeile ist um eine Hebung zu lang. Man
könnte harte streichen, wie V. thut; aber die ganze vordere Halbzeile
ist wie öfter eingeschoben, des innern Reimes wegen, daraus ergab
sich die von Hegelingen bi den M. ligen harte nähen.
813, 3. dörfte niht] nicht dürften Hs. — 813, 4. laufen] loufen und
Ausgaben und Hs.
814, 2. in E.J im Hs. - 814, 4. geschehen si fehlt Hs.; V. ergänzt
geschehe. — siva're E.] yowre Hs.
13*
196 KARL BARTSCH
815, 1. er sie] er lis.; ers V. — 815, 2. so Vollmer: zu ungemuoten
poten IIs. — 815, 3. von V. unigestellt. — 815, 4. da her] her Hs.
817, 2. mäge] deiner mage Hs.
818, 2. ein E.] aw«r Hs.
819, 1. durch daz ich im verzech] darumh daz ich vertzech Im IIs.
und Ausgaben. — 819, 4. bewant] getoant Hs. und Ausgaben.
821, 2. shiiniges] hüniges Hs. und Ausgaben.
823, 1. burc] bürge Hs. — gebrochen V.] zerbrochen Hs. — 823, 4-
nach Y. ergänzt.
824, 3. sam] also IIs. — 825, 2. an den] an Hs. und Ausgaben.
825, 3. ergetzen Z.] erhöht Hs. — 825, 4. mV gesetzen V.] mW gesetzet Hs.
826, 1. c/«3r E. V.] vnns Hs.; die andern Ausgaben nach H. uns
daz. — 826, 2. /n'rfe H.J fehlt Hs.
827, 2. die Wortstellung nach Z. — 827, 3. der mäze V.] c?en
müssen Hs.
828, 1. Ate] rcw Hs. und Ausgaben. — 828, 2. so M.] a/so Hs.
829, 2. Zmten] Hessen Hs., freien Ausgaben. — 829, 4. Abakine]
AlbaMne Hs. und Ausgaben.
830, 4. ^n£e H.] fehlt Hs.
832, 3. mmen eren] miner ere Ausgaben und Hs. — 832, 4. warnet]
meinet Ausgaben und Hs. — twingen] zu betzioingen Hs. , betwingen
Ausgaben. — beidenthalp diu] beidenthalbeu deste Ausgaben und Hs.
' 833, 2. so E.] also Hs.
834, 3. bitten E.] puten sy Hs. — 834, 4. rieten] riten Hs. und Aus-
gaben; vgl. 667, 4. — Ormanin] Ormanie Hs. und Ausgaben. — väre]
varen Hs. und Ausgaben.
835, 2. die Umstellung nach Z. — 835, 4. mit im fehlt Hs. und
Ausgaben.
836, 1. da her] der Hs.; H. V. der künec. — 836, 2. vinden] ze
vinden Hs. und Ausgaben.
837, 1. hie mit V. gestrichen. — 837, 3. Wortstellung nach V.
— 837, 4. gerceche V.J geriche Hs.
838, 2. al daz in besidt] als es vmb in stat Hs. und Ausgaben.
839, 4. aber V.] fehlt IIs.
840, 1. dem vil] dem Hs. und E., deme Z. V. — dem wart] ward
IIs. und Ausgaben. — 840, 2. zogeten] zogen Hs., zugen Ausgaben. —
840, 3. ihi] icht speyse Hs. und Ausgaben; sptse war Randglosse. —
840, 4. ez ouch] ez Ausgaben und Hs.
841, 1. Die V.] Da Hs. — 841, 3. sich so gdh.es gerillten niht]
ii. sd gähes s. g. IIs. — 841, 4. mit vil] mit Hs.
BEITRÄGE ZUK GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDKUN. 197
842, 2. und] und ir Hs. und Ausgaben. — 842, 4. jach] sprach
Hs. und Ausgaben. — sohl»' inz geldenV.] soh euch gelten lls., solz iu
gelten Ausgaben. — so sie V.] so wir Hs. und Ausgaben. — ncehest V.]
allernächste Hs. — wunden] komen Minnen Hs. und Z. E., komen künden V.
843, 1. und ßuochten mit E. gestrichen. — michel not] ndt Hs. und
Ausgaben. — 843, 2. vmb mit V. gestrichen. 843, 4. se phande beide]
fehlt Hs.; Z/fü/e V.
844, 2. ir V.] m Hs. — 844, 4. Zu/tue V.] fehlt Hs.
845, 1. von Z. gebessert. — 845, 3. da mit V. gestrichen. —
845, 4. got von himele] daz got Hs.
846, 4. anden] schaden vnd ir Hs.
847, 1. der künic] künic Ausgaben und Hs.
848, 2. 3. nach V. gebessert.
849, 4. nach man mit V. gestrichen.
850, 4. dannoch fehlt Hs. und Ausgaben.
851, 3. gedingen IL] fehlt Hs. — da beliben ze sibeu tagen sohlen]
solten da b. z. s. t. Hs. — 851, 4. den] den vil Hs.
852, 1. nu so verre dan] so verre von in dan Hs. und Z. E. , so
verre gevaren dan V. — 852, 3. deheinen den] deheiner slahte Ausgaben
und Hs. — 852, 4. nach V. gebessert, der aber ze schaden ie schreibt.
853, 2. dem künige hiez erz] hiess ers d. k. Hs. und M. P. —
853, 4. icazren] todren Hs. und Ausgaben.
854, 2. kocken H.] hjelen Hs. — 854, 3. 4. durch gotes ere seiden
truoc an sinen kleiden, des muosten die üz Ormanie engelden: daß so
statt des hs. trüge selten durch die g. e. an s. claiden d. m. entgelten
die helden aus 0. sere gelesen werden muß, scheint mir unzweifelhaft.
Durch fehlerhafte Wortstellung gerieth ere an den Schluß und daher
mußte ein Reimwort (sere) angeflickt werden.
855, 1. nu V.] in nu Hs. — 855, 3. schadete] schade Hs. — 855, 4.
nach M. ergänzt. — mine V.] minen Hs.
857, 2. teuren hat V. richtig mit der Hs., und die Änderung
Ziemanns loceren, die E. M. P. annehmen, ist ungut. — 857, 4. het]
der hat Hs., heete V.
858, 2. kindes spil] kintspil Ausgaben und Hs. — 858, 4. geriche
in] in fehlt Hs. und Ausgaben. — tar Z.] getar Hs.
859, 4. ich ivcen Haupt] ich icil daz Hs. — enlieze] lieze Ausgaben
und Hs.
860, 1. nie laut] nie ain lant Hs. und Ausgaben.
861, 3. da dräten] da fehlt Hs. und Ausgaben.
863, 4. daz von E. ergänzt.
864, 2. louoi] truoc Ausgaben und Hs.j der Schreiber wollte die
198 KARL BARTSCH
Assonanz beseitigen. — under P.] under der Ils. — 865, 4. guoten recken]
guoten fehlt Hs.
867,4. dem küenen fehl! Hs.; E. ergänzt dem fürsten. Vgl. 868, 4.
868, 4. vienden] veinden 11s., vinden Ausgaben. — 868, 4. küenen
mit E. gestrichen.
869, 4. ?m'< einem .-per wol möhte] mocht icol mit einem sper Ils.
870, 2. so] also Ils. — 870, .'5. lant si mohten Müllenhofi.
871, 1. der künic Hetele] IL der küene Hs. — 871, 3. die V.| ihn, Ils.
871, 4- da fanden] da fühlt Hs. und Ausgaben.
872, 1. urborten sie V.] urbort sich Hs. — 872, 2. und von E.]
und die von Hs.
873, 2. ?wc/t «/*<) V.] also nach Hs. — d<j mit V. gestrichen.
874, 2. schiffen V.J sehijfe Hs. — 874, 3. m rfen sorgen H. wol]
do H. in sortjtu wol Hs. — ■ 874, 4. veste] die vesten Vis.
875, 2. er Z.] fehlt Hs. -- 875, 4. uon Tmen E.] fehlt Hs.
876, 3. nach V. umgestellt. — 876, 4. sam] also Hs.
877, 4. eM die] da Hs., c?ä' V.
878, 4. fe'«/« wunden] fehlt Hs., wunden wite ergänzt Z. E. M. F.,
manege wunden V.
879, 1. sorgen] grozen sorgen Ausgaben und Ils. — 879, 2. von
E. gebessert. — 879, 4. der künic] der fehlt Hs. und Ausgaben. — zuo
dem v. 0. kom] kome z. d. v. 0. Hs.
880, 1. enhant] in hant Hs. und Ausgaben. — 880, 3. aneme an-
dern] an ein ander Hs. und Z. E. M. P., an dem andern V. — 880, 4.
vielleicht dö diu herzenleiden meere, was dem Sprachgebrauche der
Kudrun angemessener wäre.
882, 2. ein abentröt V.] ain swein abentrot Hs. Auch P. Besserungs-
versuch kann das fehlerhafte sictn nicht retten. — 882, 4. nach V.
gebessert.
883, 1. von V. gebessert. — 883, 3. Besserung Vollmers.
884, 1. sküniges] des küniges Hs. und Ausgaben. — 884, 3. das
zweite bi mit Z. gestrichen ; die Nichtwiederholung der Präposition
ist durch genügende Beispiele in der Kudrun gesichert.
885, 1. Orticin] der küene O. Hs. und Ausgaben. — 885, 2. mit
menige] mit grosser m. Hs. und Ausgaben; V. tilgt es ganz. Man bemerkt
leicht, daß groz an vielen Stellen auf Rechnung des Schreibers kommt.
886, 1. Ir ein] Ainer Hs. ; von T. einer P. — 886, 3. er Z.] es Hs.
— 886, 4. Horant schaden grozen] Horant Hs.
887, 1. von Z. gebessert. — 887, 2. schiere Z.] fehlt Hs. — 887, 4.
sers P.] fehlt Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 199
888, 4. wer] weret Hs. — lebende V.J lebentig Hs.
889, 2. dringen V.] drunge Hs.
891, 1. sy von V. und M. gestrichen. 891, 3. nach Ilagens
Ergänzung. — 891, 4. rool von E. gestrichen.
892, 1. üzer] iiz Ausgaben und Hs. - ■ 892, 4. der in] der Hs.
und Ausgaben. Die Herausgeber haben nicht erkannt, daß sterben hier
schw. verbum ist.
893, 3. enwcenen] warnen Hs. und Ausgaben. — 893, 4. von V. ge-
bessert.
894, 4. die begunde] die fehlt Hs. und Ausgaben.
895, 1. gebrehte] gebraht Ausgaben, gepracht Hs. Freilich kommt
gebraht vor, aber nur selten und unsere Hs. setzt häufig a für den
Umlaut. — 895, 4. da mit M. und V. gestrichen.
896, 2. tedreu in] ir -waren Hs., in wären E. V. — 896, 4. hinder
in da] da Hs.} da belibeu E.
898, 2. die Tenemarken] die von Tenemarke Z. V. und Hs. ; E. M.
P. streichen mit den. 898, 3. der Mez] Hess Hs. — erschellen Z.]
schellen Hs. und die Andern.
899, 1. die von E. gestrichen. — 899, 2. man IL] fehlt Hs. —
899, 4. nach E. Umstellung.
900, 3. nach Hagens Ergänzung; ebenso 901, 2. 3.
902, 1. von V. gebessert. -- 902, 4. e] e daz Ausgaben und Hs.
— dem Stade noch vil] noch dem stade Hs.
903, 4. mich vil] fehlt Hs.; Z. E. M. P. nu vil, V. vil.
904, 4. der mit V. gestrichen. — vol] xool Hs. und Ausgaben.
905, 3. beuelhen] bestaten Hs. und Ausgaben. Vgl. oben S. 76.
906, 2. niwan V.] wan Hs. — 906, 4. der frouwen] der fehlt Hs.
und Ausgaben. — ze hüse] fehlt Hs. und Ausgaben.
907, 1. der degen] fehlt Hs. — es V.] ir Hs. — 907, 3. diu mit
V. gestrichen.
908, 3. den mit E. gestrichen. — 908, 4. wä V.] wie Hs.
911, 1. der degen IL] fehlt Hs. — sol man V.] man sol Hs. —
911, 4. kristen mit V. gestrichen.
912, 3. von Z. umgestellt. — 912, 4. waren V.] icaren Hs. —
<fj'g] c?a m Hs.
913, 2. sam] a/so Hs. — die degene V.] de« «ie^ew Hs. — 913, 3.
den] und den Hs. — wart] muost Hs.
914, 1. vil habe ich gestrichen.
915, 1. hört mau] man hörte Hs. und Ausgaben. — 915,4. beliben
vil] beüben fehlt Hs. und Ausgaben.
916, 2. daz V.] des Hs.
200 KARL BAKTSCH
917, 2. dar] da Hs. und Ausgaben. -- 917, 3. lieh] leichnam Hs.
918, 1. in got gendden] sg got begnaden Hs. und Ausgaben. -
918, 2. den] der anridern IIs.
919, 2. in des] auf Hs., Cf des Z. E. V. -- recken IL] fehlt Hs.
— 919, 3. m$ mit E. gestrichen. — lierren mit V. getilgt.
921, 4. so Z.] also Hs. — widere] wider Hs. und Ausgaben.
922, 4. gemeinlichen Z.J fehlt Hs.
923, 3. gänt E.] giengen Hs.
924, 2. da rZd,] daz Hs. — 924, 3. friunden] lierren und freunden
Hs. -- 924, 4. der E.] des Hs. — ietsltchen] geglichen Hs. Es ist die
gewöhnliche nihd. Ironie.
926, 2. herren V.] hertzen Hs.
927, 4. sofo der Aüm'c] so£ sem &?Wc Hs.
928, 2. z'cfoe/t] wocä Hs. Die zweite Halbzeile zieht M. noch zum
vorigen Satze!
929, 4. daz] und daz Hs.
930, 1. froun von E. gestrichen.
932, 1. von Z. ergänzt. — 932, 4. ie wider eine in] in ye wider
aine Hs. und Ausgaben.
933, 3. ez in] in Hs. und Ausgaben. — 933, 4. daz] vnd daz Hs.
und Ausgaben.
934, 4. den helt] die helde Hs. und Ausgaben.
935, 4. vil mit Z. gestrichen.
936, 1. Besserung Hagens; Z. und V. schreiben ungut anders. —
936, 4. ich im E.] ich Hs.
938, 2. raaeA den Tenemarken IIs. ganz richtig; die Ausgaben lesen
nach den von Tenemarke(n). — 938, 4. von von Z. gestrichen.
939, 2. Mageten — solden] klagete — sohle Ausgaben und Hs.
940, 2. unze] unz daz Ausgaben und IIs.
941, 1. wanne möht] wann mocht Hs. — 941, 3. aldort in fremeden
landen sitzen] in fr. L s. aldort Hs. und Ausgaben. — 941, 4. ich armiu
kilniginne] ich vil a. künigin IIs. und Ausgaben. — mir min] min Aus-
gaben und Hs.
942, 2. vol Z.J tool Hs. -- 942, 3. herverte V.] heerferten Hs. —
942, 4. die Überlieferung ist lückenhaft. Die Herausgeber ergänzen
auf verschiedene Weise. Ich lese swaz halt die viende (grözes schaden
von uns) dort gewinnen.
943, 1. daz E.j des Hs. — 943, 2. langer tac] der tac ze lanc
Ausgaben und Hs. — 943, 3. gedenke] gedenket Ausgaben und Hs. —
943, 4. dem wil i's] dem wais Hs. — der] der Z. E. V., daz er M. P.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 201
944, 2. gedenke] gedenket Ausgaben und Hs. — 944, 4. unser]
umb unser Ausgaben und Hs.
945, 1. von V. unigestellt. — 945, 2. Westerwalt V.] vesten waldlls.
947, 2. der V.J er Hs. — gie H.] fehlt Hs. — 947, 4. hinnen
wellen E.] dhainen willen Hs.
948, 1. güetliche] güetlichez Ausgaben und Hs. — 948, 4. Ormanin
niht mähten trouioen] Orrnanie nymrner m. gelrawen Hs.
949, 3. beteliuten V.| petleute Hs. — 949, 4. Hilde] Hilde die Hs.
950, 2. ivurken] mären Ausgaben und Hs. — 950, 4. von V. ge-
bessert.
951, 3. hceren H.] fehlt Hs.
952, 3. wunde: Haupt (Z. 5, 506) bessert töwende. — 952, 4.
mdze V.] massen Hs.
953, 4. entrannen H.] einer ynnen Hs.
954, 1. z Orrnanie] Orrnanie zu Hs. und Ausgaben. — 954, 2.
freude erhant] freude fehlt Hs. ; Z. H. ergänzen rt>o/. — 954, 3. von Z.
umgestellt. — 954, 4. i> einer] ir fehlt Hs. und Ausgaben. — Orrnanie
von Z. gestrichen; es ist wieder Glosse.
955, 4. müesten tot M. P. gegen die Hs. und mit Verschlechterung
des Verses.
956, 1. do Ludewic] do fehlt Hs. und Ausgaben. — 956, 4. die
auf daz Hut zu beziehen ist durchaus unanstößig, und daß es auf hinden
und wiben bezogen werden müße, wie Müllenhoff (S. 21) meint, ist
unrichtig.
957, 4. ich warn mit herter toerre] ich warn et hart verre Hs. und
Ausgaben. Haupt (Z. 5, 506) schreibt ich hän et herte swcere. Die
Überlieferung ist sicher unrichtig; ob toerre das ursprüngliche war,
ist zu bezweifeln, jedenfalls aber das von dem Überarbeiter, der den
Inreim hier einführte, gesetzte. — leide] leiden Ausgaben und Hs.
958, 4. beidiu fehlt Hs. und Ausgaben; niwan ergänzen Z. E.,
immer mere M. P.
959, 1. ir E.] er Hs. — 959, 3. von E. gebessert. — 959, 4. ge-
winne] welle so gewinnen Hs. und Ausgaben.
961, 3. sinen Z.] fehlt Hs. — 961, 4. ir] er Hs. und Z.; er ir V.
962, 4. ir Z.] fehlt Hs.
963, 4. noch Z.] fehlt Hs. ; aber an falscher Stelle ergänzt.
964, 4. lip und die] seinen l. und Hs. und Z. E. ; lip und V.
965 , 3. nach den] leben nach Hs. und Ausgaben ; ich habe leben
an die Spitze der zweiten Hälfte gestellt. — 965, 4. nu] vnd Hs. und
Ausgaben.
202 KARL BARTSCH
966, 2. man] frawen IIs. - 966, 4. solde II. j *o//<'/t IIs.
967, 1. ouch ir] ir fehlt IIs. und Ausgaben.
968, 2. nidene] nidere Ausgaben und IIs. — 968, 4. ir sult] solt IIs.
969, l. nider II.] wider IIs. -- 969, 4. duz ir ingesinde] daz gt-
sinde Ausgaben und IIs. •
970,2. mich] meine Hs.; nun fr ende Ausgaben. — 970,4- vinden]
duz ich . .. vinde Hs. und Ausgaben; der Keim wurde auf dieseWei.se
geglättet, vil mit V. gestrichen.
972, 1. suochtens H.] schüttem Hs. Umgekehrt setzt Nib. 6333
Hagen A suochte statt schütte. — 972, 4. schone mit vil zierde] vil
schone mit zierde Hs. und Ausgaben.
973, 2. Gerlinde] Gerlint von Ortrun Hs.; P. Gerlinde Ingesindes
gioan. — 973, 3. fröioem] frolichem Hs. und Ausgaben. Alle Heraus-
geber setzen die falsche Form enphange.
974, 4. fuoren eine] eine, das fehlt, habe ich an Stelle des an der
Spitze stehenden wann on der Hs. gesetzt.
975, 2. vielleicht hieß es möhte siz gefüegen, wenn es in ihrer
Macht gestanden hätte. — 975, 3. diu E,] der Hs. — 975, 4. ab erz E.]
er aber es Hs.
976, 4. done] do Ausgaben und Hs. — liez V.] hiess Hs. —
ir groziu] nicht ir vil grosse Hs.
977, 3. vil habe ich gestrichen. — 977, 4. die mit E. gestrichen.
978, 2. des] da Hs., do Ausgaben. — 978, 4. ungerne Z.] fehlt Hs.
979, 4. harte sere] harte fehlt Hs. und Ausgaben.
980, 2. ouch mit Z. gestrichen.
983, 3. von Z. gebessert. — 983, 4. beide leit] beide fehlt Hs.
. und Ausgaben.
984, 4. von Haupt (Z. 5, 506) gebessert.
985, 1. sie Z.] fehlt Hs.
986, 4. du V.] seit Hs.
987, 4. lieze E.] Hessen Hs. — machtes E.] machtens Hs. — «//#
sani] al zehant Ausgaben und Hs.
988, 4. wol mit M. gestrichen.
989, 2. mm /row] fraw Hs. ; frouwe wie Z. E. schreiben, ist falsch.
— vil von Z. gestrichen. — 989, 4. von Z. umgestellt.
991, 3. minnen V.] gemynnen Hs. ; E. schreibt gewinnen. Vielleicht
ist der echte gerne geminne (: hinnen) ; für geminne des Reimes wegen
we//« geminnen.
992, 1. c/e.s Za«(fg.v] der lande Ausgaben und Hs. , um den Reim
zu glätten. — 992, 2. ze E.] fehlt Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRÜN. 203
993, 1. von H. ergänzt. ■ übele M.] edel Hs. — 993, 4. hoch-
verte mäze\ hochvart müeze mäzen Ausgaben und Hs. ; wiederum des
Reimes wegen.
995, 4. sich wolle ir niht gelieben] sy wolt ir doch nicht gelauben
PIs. und Z. E. M. P., si wolte ir niht gelieben V. — der mit V. gestrichen.
996, J. übele mit M. gestrichen. — 996, 3. erwende] wende Aus-
gaben und Hs. - - 996, 4. min phiesel eiten] hayten meinen phiesel Hs.,
min ph. heizen M. P. hayten weist deutlich auf eilen ; niederdeutsches
ist mit Hahn nicht daraus zu folgern. Nach dieser Stelle habe ich auch
1009, 2. eiten statt haitzen geschrieben.
997, 2. daz ich daz] daz ich Hs. und Ausgaben. — 997, 4. miner
mnoter iohter seiden] vil selten m. m. ewr i. Hs. ; miner muoter tohter
hat schon E.
998, 2. des] duz Hs. und Ausgaben. - - 998, 4. e V.] ee es Hs. —
niegeden] meiden Ausgaben und Hs.
999, 4. beide fehlt Hs. und Ausgaben. — swechen Hs.
1000, 4. daz ichz ir e] ich toolte ee daz ich sy Hs.
1001, 3. ius] euch sein Hs. -- 4. minem dienste] minen diensten Aus-
gaben und Hs.
1002, 2. so] so hart Hs. ; alle Herausgeber schreiben falsch harte
gemuot, es müßte wenigstens herte gemuot heißen. - 1002, 4, ouch V.]
auch ich Hs.
1003, 2. .50] also ze Hs. - 1003, 3. ob] so Hs. und Ausgaben.
— 1003, 4. niht gar uz der fr.] niht gar steht vor läze Hs.
1004, 4. ewr mit V. gestrichen.
1005, 4. ungefüeger sivcere] ungef Hegen swceren Ausgaben und Hs.
1006, 3. daz golt in die] golt in Hs. ; die hat schon E. ergänzt,
aber ebenso darf vor golt der Artikel nicht fehlen. — 1006, 4. michel
von mir ergänzt.
1007, 1. nach V. gebessert. — 1007, 2. sunder] besunder Hs. und
Ausgaben. — siu von Z. ergänzt. — 1007, 3. zOrtriinen] in Ortrün
Hs. und Ausgaben.
1008, 1009. habe ich umgestellt.
1008, 4. hin H.] fehlt Hs. — 1009, 2. eiten] haitzen Hs.; vgl. 996, 4.
1010, 1. umb Z.] vnd Hs. - - 1010, 3. hieze E.] Messen Hs.
1011, 4. von Z. gebessert.
1012, 2. daz E.] fehlt Hs.
1013, 2. welch V.] tvelchs Hs. - - 1013, 4. da H.] das Hs.
1014, 2. ius] euch Hs. si iu V., si iuch (!) E. M. P.
1015, 1. ey mit V. gestrichen. — 1015, 3. gebiten noch gebieten]
204 KARL BARTSCH
gebieten noch verbieten Ausgaben und IIs. Vgl. Germania 8, 381. —
1015, 4. hiete E.] Metten IIs.
1016, 2. der mäge] die mage Hs. und Ausgaben. — 1016, 4. ir
den] im Hs.
1017, 2. vlegten] volgten Hs. ; vlehten Haupt (Z. 5, 506).
1018, 1. ie baz] ie fehlt Hs. und Ausgaben. - 1018, 3. rekle
mit E. gestrichen. — sis] sys Hs., siz Ausgaben. Vgl. uihd. Wb. 1, 597a.
— ende] enden Ausgaben und Hs.
1020, 2. dri stunde V.] zu dreyen stunden Hs. — iecUchem tage,
Besserung Vollmers. — 1020, 3. ivol habe ich gestrichen.
1021, 1. sy mit V. gestrichen. — 1021, 4. von Z. gebessert.
1023, 3. da wände er Kudrünen] da ivannd er daz er Hs.
1023, 4. gerne von mir ergänzt.
1024, 1. si im] im sy Hs. — 1024, 3. G. diu übele] G. die sluog
sy Hs. und V., G. diu sluoc si dicke Z., G. sluoc si dicke E. — 1024,
4. an eren] an grözen eren Ausgaben und Hs.
1025, 3. swd mite daz] daz von mir ergänzt. — 1025, 4. von E.
umgestellt.
1028, 1. von Haupt gebessert (Z. 5, 506). — 1028, 3. eren] ere
Hs. und Ausgaben.
1029,3. aldie] die Hs. und Ausgaben. — 1029, 4. von E. umgestellt.
1031, 4. immer: Besserung Ziemanns. — welle minnen] mynne Hs.
und Ausgaben; der Schreiber änderte des Reimes wegen.
1032, 3. fuortet: Besserung Ziemanns. — 1032, 4. ivaz schaden
iwer recken] w. etore r. seh. Hs.; anders die andern Ausgaben.
1033, 1. iu] es Hs., ez Ausgaben.
1034, 1. zcas V.] ist Hs.; aber V. nimmt die drei ersten Zeilen
als Rede Kudruns. — 1034, 4. harte fehlt Hs. und Ausgaben.
1035, 3. kröne E.] die crom Hs. — 1035, 4. iu H.] fehlt Hs.
1036, 2. e mit V. gestrichen.
1037, 2. die schämen Ortrünen] die vil schone fraiven Hs. ; Haupt
die vil schämen Ortrun. — 1037, 3. gesinde V.] gesinden Hs.
1038, 4. doch enklage] clage Hs. und Ausgaben.
1039, 2. ir V.] fehlt Hs. — 1039, 3. ich ir neige] wil ich ir neigen
Ausgaben und Hs.
1040, 1. sagte ir] sagte Hs. und Ausgaben. — 1040, 3. eren] ere
Hs. und Ausgaben.
1041, 3. von E. gebessert.
1043, 4. bi] bey aines Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 205
1044, 2. ez eniuo] es thüe dann Hs. — 1044, 3 von Z. umgestellt.
— 1044, 4. senfte] senftet Ausgaben und Hs. — ir E.] fehlt Hs.
1045, 3. al II.] fehlt Hs. — sir] sy Hs. und Ausgaben. — 1045, 4.
mühte noch] noch fehlt Hs. und Ausgaben.
1046, 1. bot] empot Hs. — 1046, 4. Küdrün fehlt Hs. und Ausgaben.
1047, 1. irz Z.] ir Hs. — 1047, 2. si gedcehte ie\ sy gedachte Hs.
und Ausgaben. — 1047, 3. mit] vnd Hs. und Ausgaben. — dulde]
diäten Hs. und Ausgaben. — 1047, 4. räch siu] sy lach Hs., si räch E.
1048, 2. min frou] fraw Hs.
1049, 3. von Z. gebessert. — 1049, 4. gerne wesen län] doch gerne
lassen wesen Hs.
1051, 2. cm sedele räwen\ an fraioen sedele Hs. und Ausgaben. —
1051, 3. den H.] fehlt Hs. — 1051, 4. solt alle ztt] alle zeit solte Hs.
1052, 3. so mit E. gestrichen. — 1052, 4. nimmer] n. anders Hs.;
anders ist offenbar Glosse von sus.
1053, 3. allen stunden] aller stunde Hs. und Ausgaben.
1054, 2. von E. gebessert.
1055, 2. die Herausgeber weichen unnöthig von der Überlieferung
ab und verderben den Vers. — 1 055 , 3. dicke mit Z. gestrichen. —
1055, 4. mit E. umgestellt.
1056, 2. here V] heren Hs. — 1056, 3. da mite dienen sol die]
da mit sol dienen Hs. V. wie ich aber ohne die. — 1056, 4. K. diu arme]
d. a. Cli. Hs. und Ausgaben.
1057, 1. eine weschen] ainer andern waschen Hs., eine ander E. V. u.P.
1058, 4. megeden] iunckfraioen Hs. und Ausgaben. — Die zweite
Hälfte von V. gebessert.
1060, 4. die erbeitent: Besserung Vollmers. W. Grimm (bei M.)
liest sie erbeitet.
1061, 1. erhörte] gehörte Hs. und Ausgaben. — 1061, 3. dich] sy
Hs. und Ausgaben. — - zollen stunden] zu aller stunde Hs. und Ausgaben.
— 1061, 4. nach V". umgestellt.
1062, 2. niht eine] aine nicht Hs. und Ausgaben. — ein] eins Aus-
gaben, aines Hs. — 1062, 4. sicie uns . . . gelinge] lät uns . . . gelingen
Ausgaben und Hs., wieder um den Reim zu glätten.
1063, 3. vor ir mäge~\ ir vormagen Hs.
1066, 4. nach Vollmers Ergänzung.
1067, 4. baz da von] da von fehlt Hs. und Ausgaben.
1068, 4. fromoen mit V. gestrichen.
1069, 1. So] Da Hs., dö Ausgaben. 1069, 4. het in der toerlde]
in der weit hette Hs.
206 KARL BARTSCH
1070, 2. sehstehalbez] sehsfehalp Ausgaben und IIs. — 1070, 4.
iämerliche, Besserung Ziemanns.
1071, 4. von V. gebessert.
1072, 3. hocken EL] fehlt IIs.
1073, 1. het, Besserung Zienianns. — 1073, 3. sin ir] sy IIs. —
1073, 4. rehte wol] rehte, am Anfange der Zeile, IIs.
1074, 4. mit Meldern ir baten] ir poten mit cl. Hs.
1075, 4. nach V. ergänzt.
1076, 3. von V. gebessert.
1077, 1. von V. gebessert. — 1077, 4. nach Müllenhofis Besserung.
1078, 1. von E. gebessert. — 1078, 4. daz erbarmet] daz fehlt
Hs. und Ausgaben.
1079, 1. wol von Z. gestrichen.
1080, 1. nu solt du böte guote] du pot solt IIs.
1081, 4. der fromcen] frawen IIs.
1082, 1. stritennes] Streites Hs. und Ausgaben. — 1082, 4. des
habe ich gestrichen.
1083, 2. ir friunden W. Grimm bei M.] fehlt Hs. - 1083, 4.
wolden nach der seh. Kudrünen] n. d. seh. Chaudrunen w. Hs.
1084, 2. sküniges Z.] des kuniges Hs. — 1084, 3. Besserung Zie-
manns. — 1084, 4. von V. gebessert.
1085, 2. wibes H.] fehlt IIs. — klage] Hagen Ausgaben und IIs.;
vgl. 1020, 2. — 1085, 3. das zweite ich habe ich gestrichen. — 1085, 4.
von Z. gebessert , der aber noch nicht vor von , sondern mit der Hs.
nach heeret hat. M. schreibt wie die Hs., wo kinde accus, plur. sein müßte.
1086, 3. sie der] stet Hs. und Ausgaben.
1088, 4. joch Z.] yedoch Hs. — da gelinge] müge da gelingen Hs.
und Ausgaben.
1089, 1. dö hiez daz] da lu'ess do Hs.; do erklärt sich aus de. —
1089, 2. het e fron Hilde} fraio IL hefte Hs. — 1089, 3. helden von E.
gestrichen.
1090, 2. da] loo Hs., swä Ausgaben. — wirs Z.j toir Hs. — 1090, 3.
von Z. gebessert. — 1090, 4. hin mit] mit Hs. und Ausgaben.
1091, 2. wart fehlt PIs. ; was ergänzt H. und die andern,
1092, 4. uzer] aas Hs.
1093, 3. einin IL] fehlt Hs.
1094, 1. loeinde] bewainte Hs. und Ausgaben. — 1094, 2. vil mit
V. gestrichen. — 1094,3. wolde niht tragen] n. tr. w. Hs. — grozeü.]
crone Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 20 7
1095, 1. <1a: Hut was] die leut waren Hs. — 1095, 4. K. bruoder]
Ch. Ortweinen Hs., Ch. bruoder 0. H. Ortinnen ist offenbar Glosse.
1096, 4. Besserung Ettmüllers.
1098, 3. dd, von Z. ergänzt.
1099, 2. umbe] darynn Hs.; dar umbe Haupt, der ausserdem feh-
lerhaft swie — sioen schreibt. — 1099, 4. von Haupt ergänzt.
1100, 4. hceme] kome Hs. und E. V. hume Z. M. P.
1101, 2. diu fronivc] fraw Hs., frou Ausgaben. — 1101, 3. der H.]
den Hs. — vlizzen] vlizzen si Z. Hs., vlizzens E. V. M. P.
1102, 1. von H. ergänzt.
1104, 3. von V. gebessert.
1105, 4. nach V. ergänzt.
1106, 2. von Z. umgestellt. — 1106, 3. ez zäune] es getzam Hs.
und Ausgaben. — ihäzen II.] fehlt Hs. — 1106, 4. bresten] gebresten
Ausgaben und Hs.
1107, 4. die rechen fehlt Hs. und Ausgaben.
1108, 3. 4. sohlen : wolden] wolten : sollen Hs. und Ausgaben.
1109, 1. die teuren] die fehlt. — 1109, 4. von Z. gebessert.
1110, 4. sohle V.] solten Hs.
1112, 4. irs im V.] ir sein Hs. — irm] ir im Hs.
1113, 2. ir helde vil] der helt aus vil Hs. Vielleicht aber ist der
Inreim erst eingefügt, und es biess der helt üz Ortlande. — der] er
Hs. und Ausgaben. — 1113, 4. beginnen] begynnet sein Hs. und Aus-
gaben. — ir im guote recken] ir g. r. im von Hs.
1115, 2. vol H] wol Hs. — 1115, 4. riehen V.] fehlt Hs.
1116, 1. der] den ir Hs. — 1116, 3. Joch M.] auch Hs.
1117, 2. hie die] die Hs.; vgl. 1118, 1.
1118, 2. vil der frouwen] der fraw en vil Hs. und Ausgaben.
1 120, 1. erge : Karade] ergie : Karadie Hs. und Ausgaben. — 1 120, 2.
da her von] von Hs., davon Z. — 1120, 4. dietdegene] degene Hs. und
Ausgaben.
1121, 3. einer] zu ainer IIs. und Ausgaben. — 1121, 4. gegap]
gab Hg. und Ausgaben.
1122, 1. abe den] von den Hs. und Ausgaben. — 1123, 4. von
Z. gebessert.
1124, 1. beste] aller beste Ausgaben und Hs. — 1124, 2. von i?i]
in Hs., kunt getan E. V. - 1124, 3. arbeiten Z.] arbaite Hs.
1128, 2. komen so verre] s. v. k. IIs. und Ausgaben. — 1128, 3.
von kinde] von kinden Hs. und Ausgaben.
1129,3. mite II. I fehlt IIs. -■ 1129,4. harte V. fehlt IIs.
208 KARL BARTSCH
I 130, 1. hätte V] fehlt Hs.
1131, 2. vil wise] vil fehlt Hs. und Ausgaben. — 1131, 4. von
V. umgestellt.
1132, 1. mir Z.] wir Hs. — galme nimmt Müllenhoff (S. 49) als
Nebenform von gälte, galeitle ! — 1132, 2. an] von Hs. — 1132, 3. swüere
e] sivuer IIs. — 1132, 4. von] vor Hs. und Ausgaben. — üzer not]
aus IIs.
1133, 4. vorhten in] in fehlt Hs. und Ausgaben.
1134, 1. von E. gebessert. — 1134, 2. des] da Hs. — üzer not]
aus grosser not Hs. und Ausgaben.
1135, 4. den V.] dem Hs. — 1136, 4. nn gerunnen] nu in der Hs.
und den Ausgaben nach waren.
1139, 1. rief] ruoft Ausgaben und Hs. — 1139, 4. allez mit Z.
gestrichen.
1141, 2. ierc Hs.] pauch Hs., iwoc/i E. (?) , Iwuc V. Der umge-
kehrte Fall Nib. 6215, wo d statt bouc liest perc.
1142, 1. vor V.] von Hs. — 1142, 4. mfa enkunde] künde Hs.
1143, 3. gein dem tanne] in tan Hs., in den tan Ausgaben. —
1143, 4. manne] man Hs. und Ausgaben.
1144, 3. warte] schaioet Hs. und Ausgaben. — 1144, 4. xoar E.]
xoo Hs.
1145, 3. von Z. gebessert. — 1145, 4. inittes tages Z.J mittag es Hs.
1147, 2. hoeret] gehoeret Hs. und Ausgaben.
1148, 4. in V.] im Hs. — 1149, 1. den sani] dem sant Hs. und
Ausgaben. — 1149, 3. da H.] fehlt Hs. — 1149, 4. von V. umgestellt.
Müllenhoff (S. 187) nimmt küelen als entstellt aus queln.
1150, 4. m m'/t£] in fehlt Hs. und Ausgaben.
1151, 2. rätes] rate Hs., r<#te Ausgaben.
1152, 3. von M. umgestellt. — 1153, 1. von E. gebessert.
1154, 4. allem dem] all disem Hs. — gedigene H. ] gedinge Hs.
Derselbe Fehler Nib. 5783.
1155, 2. aber Z.] fehlt Hs. — 1155, 1. einen tac ich nimmer] ich
n. e. t. Hs. und Ausgaben.
1156, 1. ein] eins Ausgaben und Hs. — 1156, 3. und linbe ich
gestrichen. — 1156, 4. von V. umgestellt.
1157, 1. erge ez] ez fehlt Hs. und Ausgaben. — 1157, 2. sUfriunt
friunde ängstlichen dienen sol V. Z. und Hs.; E. dienen angestlichen,
wenigstens den Vers bessernd. Aber ang estlichen hat hier schlechten
Sinn. In äugest liegt gestern , und die Vergleichung von Nib. 1739, 2,
auf welche Stelle schon V. verwiesen hat, ohne mit ihrer Hilfe zu
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 209
bessern, führt auf sit daz friunt friunde geslän mit dienste sol. Statt mit
dienste könnte man auch lesen dienstlichen, was sich der Überlieferung
noch näher anschließt.
1158, 2. von Z. gebessert. — 1158, 3. besten : die Hs. hat pesten;
wofür E. V. M. P. ungut schreiben vesten. — eide : Besserung Hagens.
— 1158, 4. nach E. ergänzt.
1159, 2. werde~\ vielleicht wirt; vgl. 1257, 2. — 1159, 3. mit dem]
dem fehlt Hs. und Ausgaben.
1160, 2. erbilnne man uns lebenes] guttuet man uns ze lebene Aus-
gaben und Hs.; gunne V. P. — 1160, 4. künic habe ich gestrichen.
1161, 4. des mit V. gestrichen. — 1162, 4. Ormanin M.] Or-
niame Hs.
1163, 3. daz V.] da Hs. — 1164, 3. den mit V. gestrichen.
1167, 3. ich bin ein böte dir] ich pote Hs. ; bin ein von H. ergänzt
— 1167, 4. allen fehlt Hs. und Ausgaben; vgl. 1179, 4.
1168, 2. alsam Z.] allesam Hs. — 1169, 3. gef ragen] fragen Hs.
und Ausgaben. — 1169, 4. mich dir] der vor /;er Hs. und Ausgaben.
1170, 2. als siu gen gote ir venie todte] als tet g. g. ir venie Hs.
— 1170, 3. so wol] o tool Hs. und Ausgaben.
1171, 1. hat krist] Crist hat Hs. — 1171, 1. her mit E. gestrichen.
— 1171, 3. du M.] nu Hs.
1172, 3. von V. gebessert. — 1173, 4. vil harte] vil fehlt Hs.
1174, 1. wol mit E. gestrichen. — 1174, 2. die H.] fehlt Hs.
1175, 1. nu sage mere] du sagest mare Hs. — 1175, 3. du Z.] fehlt
Hs. — 1175, 4. ich ouch] ouch steht vor inines Hs. und Ausgaben.
1176, 4. verhomven] zerhaioen Hs. und Ausgaben.
1177, I. von E. gebessert. — 1178, 2. daz mich daz ist] das ist
mir Hs. — 1178, 4. uz den] mich aus Hs.
1179, 4. bi V.] von Hs. — 1180, 4. deichs] da: ich sein Hs.
1181, 4. dem Jf. lande] den H. landen Ausgaben und Hs.
1182, 4. den alden Fruoteu] F. den a. Hs. und Ausgaben. — imner
mwoto'E.] meinem Hs.
1183, 4. friunde keiner V.] freunde dhainen Hs.
1186, 1. scheiden hin] hin fehlt Hs. und Ausgaben. — 1186, 3.
mit V.] in Hs.
1187, 4. magedin vil] mag'en Hs., magedin Z. E., magede V.
1188, 1. der hei] hette Hs. — 1188, 2. ?v7 von Z. gestrichen. —
1188, 3. der] von der Hs. und Ausgaben.
1189, 2. «5 seme] seine Ausgaben und Tis. — 1189, 4. weine] be-
weine Ausgaben und Hs. Müllenhoffs Änderung wcen daz ist ungut.
QEKMANIA X. ]4
210
KARL BARTSCH
1190, 3. dickt] offi oll Hs., ofte V., tn7 E. M. P. -- 1190, 4. tu
r// deste mcre] ofte in deste Ausgaben und Hs. ; vgl. 3.
I 192, .'!. wiziu nihi] mht wiz Ausgaben und Hs.
1194, 3. niwan Z.] nun Hs. — 1194, 4. dne kü*se b'gen] l. a. k.
Ausgaben und Hs.
1195, 1. dicke von Z. gestrichen. — Tl 95 . 3. sie wcen V.j toann
sy Hs., wan si E. - 1195, 4. dar ze lande fehlt Hs.; dar H. Z. V.,
dar ze helfe E.
1196, 2. m V.] /<>> Hs. — 1197, 3. äbendes Z.] ahmt Hs. —
1197, 4. vil] gar IIs. und Ausgaben.
1198, 3. so] da Hs., do Ausgaben. -- 1201, 1. kdrte Z.] horten
Hs. — 1201, 3. nu saget umr umbe] nu saget fehlt Hs. und Ausgaben;
vgl. 1276, 1.
1202, 1. vil von Z. gestrichen. — war H.] wo Ätw Hs. — 1202, 2.
hinaht] heut Hs., /ikic V. — 1202, 4. fo'wie V.] heint Hs.
1203, 4. werre« Z.] were« Hs. — 1204, 4. w7 edefera] eilenden Hs.,
gcfekw V.; vgl. 1250, 2.
1205, 4. nu habe ich gestrichen; vielleicht ist hie zu lesen; vgl.
1253, 4.
1206, 3. ir vaier lande] vaier fehlt. Hs. und Ausgaben. — 1206, 4.
diu r. küniginne] die vil r. künige Hs.
1207, 3. diu frouwe] fraio Hs. — 1208, I. vil mit V. gestrichen.
1208, 2. innecUche V.J jammerliche Hs. — 1208, 3. loten die] die Loten
Ausgaben und Hs.
1209, 4. hie mit E. gestrichen. — 1210, 1. diu frouwe] fraio Hs.
— 1210, 4. beide mit E. gestrichen.
1211, 3. weschen P.J weschin Hs. — 1212, 2. weschen] wescherin Hs.
1213, 4. sinem E. J seiner Hs. — 1214, 3. valsches dne Hs.] o«
valsch Hs. — durch aller megede §re] allen maiden tuot es ze eren Hs.
und Ausgaben. Vgl. oben 8. 59.
1215, 3. nu mit V. gestrichen. — 1215, 4. swe'g tfes] ctes Hs. und
Ausgaben. — nu habe ich gestrichen.
1216, 4. wären\ waren in Hs. und Ausgaben; vgl. 33, 4. —
lourrcn in die] waren die kalten Ausgaben und Hs.
1217, 1. der] do der Hs. und Ausgaben. — 1218, 1. ir von V.
gestrichen. — 1218, 4. dicke we] ivS Hs. und Ausgaben.
1220, 4. und mit M. gestrichen. — meiden E.] fehlt Hs.
1221, 4. immer von mir gestrichen. — 1222, 1. daz mit V. ge-
strichen. — 1222, 3. sohlet Z.] solt Hs. — 1222, 4. weschen V.] we-
schin Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 211
1223, 3. swes] waz Z. V. P. und Hs., wes E.
1225, 3. Derselbe Fall, nur hat hier die Hs. wes , ebenso die
Ausgaben.
1226, 3. äne Z.] ainer Hs. — so H.J fehlt Hs. — 4. niemen H. Z.j
yeman Hs.
1227, 3. von Haupt gebessert. — 1227, 4. in E.] im Hs.
1228, 1. sie EL] fehlt Hs. — 1228, 3. mähten von E. gestrichen.
1229, 3. ligend.e 7j.\ Ligen Hs. — 1229, 4. geriten inder] indert
geriten von Hs.
1230, 2. wiu Haupt] wem Hs. — recken] helde Hs. und Ausgaben.
— so Haupt] fehlt Hs.; ebenso 3. — 1230, 4. mwer selde V.] meinen
seiden Hs. — ein] aines Hs.
1231, 3. Uegelinge V.] Uegelingen Hs. — 1231, 4. a//e zSte V.]
ze allen zeiten Hs.
1232, 1. do V.j doc/i Hs. — 1233, 1. diu V.] fehlt Hs. — 1233, 3.
subi V.] sol Hs. — 1233, 4. srz] «y siYA Hs. und Ausgaben. — offe
wide mit Z. gestrichen.
1234, 3. harte] offle Hs. und Ausgaben; M. streicht es. — 1234, 4.
er E.] es Hs. — vil mit M. gestrichen.
1237, 4. sm wcera V.] ich wan st/ Hs. — 1238, 2. lebend,-] lehentig
Hs. — 1238, 3. ocZer mit V. gestrichen.
1239, 3. noch V.] nach Hs. — der stunde] den stunden Hs. —
1239, 4. a/ c/er E.] aller Hs. — ■ ir von Z. gestrichen.
1240, 4. £mr fehlt Hs. — 1241, 1. si sprach mit V. gestrichen.
1241, 2. einen] ainen den Hs. und Ausgaben. Vgl. 414, 2.
1242, 1. die] die mit Hs. — 1242, 2. gevangen] wart gevangen Hs.
und Ausgaben. — gefuorte] vnd gefüeret Hs. und Ausgaben. — 1242, 4.
grozen mit E. gestrichen.
1243, 3. von Z. umgestellt. — 1244, 1. weinende leide vor ir] baide
vor ir wainen Hs. und Ausgaben. — 1244, 2. vil mit V. gestrichen. —
siu fehlt Hs. und Ausgaben. — 1244, 4. iu] ewr Hs.; iwer Ausgaben.
Derselbe Fehler in d. Nib. 4931. 8274.
1245, 2. von E. umgestellt. — 1246, 3. von V. umgestellt. —
1246, 4. er V.J der Hs. — lebende] lebentig Hs.
1247, 2. z6'/<] z'c'A Herwig Hs. und Ausgaben; Herwic ist Glosse zu so.
1248, 3. ir Z.] fehlt Hs. — 1248, 4. <&m //ww] />w Hs.
1249, 2. uor V.] bevor Hs. — 1249, 3. mir min] nun Ausgaben
und Hs.
1251, 4. von E. ergänzt. — 1252, 4. niwan] ivan Ausgaben und
Hs. — 1253, 4. immer mit V. gestrichen.
14*
2 | 2 KARL BARTSCH
1254, .*!. ihi] ie Ausgaben und 11s. — 1254, 4. in minnen] in nemen
V., nemen Hs. — srit von mir gestrichen.
1255,1. verjehenV.] jehen Hs. — 1255,3. baz dar an] a/s wo/ Hs.,
aus der vorhergehenden Zeile wiederholt. — 1255, 4. der vesteY.] den
testen Hs. — hinnen fehlt Hs. und Ausgaben.
1256, 3. von V. gebessert; ebenso 1256, 4. — 1257, 4. ir deheine]
deheine Ausgaben und Hs.
1258, 1. hie] danne hie Hs. und Ausgaben. — 1258, 3. deis\ des H.
1259, 4. mit swerten] mit der swester mein Hs. Der Vers verlangt
diese durchaus sachgemäße Änderung.
1260, 3. deheine die] dhain Hs.
1261, 3. nach V. ergänzt.
1262, 1. von V. gebessert. — 1262, 2. mir von Z. gestrichen.
1263, 2. rief] ruoft Ausgaben und Hs. — 1263, 4. mich arme\ mich
Hs. und Ausgaben. — ich weise mich getreusten] ich mich armer wayse
treesten Hs.
1264, 3. e des morgens schine] ee es morgen scheinet die sünne Hs.,
e morgen schint diu sunne Ausgaben. Das von Hagen ausgeworfene es
und die unerlaubte Kürzung scJünt führt auf die Besserung. Der Schrei-
ber verstand c nicht als Präposition. — 1264, 4. miner küenen helde]
helden Hs., minen hürnen helden M.
1265, 2. herter V.] hertes Hs. — 1265, 3. danV.] als Hs. — 1265, 4.
rerriste] ulier verrisie Hs.
1266, 2. von Z. gebessert. — 1266, 4. daz E.] des Hs.
1267, 4. so getet siu V.] sy getet Hs. ; so steht nach schlegen. Die
folgenden Worte stellt V. unnöthig um. Müllenhoff S. 53 will si getet
mit siegen uns noch leider (!).
1268, 2. immer] nymmer Hs. und Ausgaben.
1270, 4. e] da für Hs. — 1273, 3. Die Änderung Haupts (Z. 506)
si truoc driu kleider ist nicht statthaft; vgl. 1189, 2.
1274, 2. von Z. gebessert. — 1274, 2. weschen] wescherin Hs.;
vgl. 1212, 2. — sunnden] stoinde Ausgaben und Hs.
1277, 1. lieget V.] heget Hs.; vgl. 1278, 1. — 1277, 2. nach V. er-
gänzt. — 1277, 3. iemen Z.] nieman Hs.
1279, 2. m'c/t£ von E. gestrichen. — 1279, 3. o/Z^n mit V. gestri-
chen. — 1279, 4. so] also Hs. — vil lihte] nu Hs.
1280, 1. übel von Z. gestrichen. — 1280, 3. von V. gebessert;
ebenso 1280, 4. — 1280, 4. anderen] ander Ausgaben und Hs.
1282, 3. Hz ziunen V.] ausziehen Hs. — unde] vnd aus dornen Hs. ;
üz dornen ist wiederum nur eine Glosse des Ausdruckes üz ziunen.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 213
Z. E, M. P. schreiben do hiez sis uz ziehen, ü: dornen besemen binden,
V. uz ziunen dorne brechen und b. b. — 1282, 4. duo] die Hs.
1283, 1. siu sie] st/s Hs. -- 1283, 4. die begunden E.] die fehlt Hs.
1284, 4. es wirt iu\ es wirt .sein Hs. -- 1287, 4. mere V.J fehlt Hs.
1288, 1. die do] die so Hs. und Ausgaben. — 1288, 3. der V.J
die Hs. — 1288, 4. dannen V.J daune Hs.
1200, 2. gcvbe] gaebedir Ausgaben und Hs.; botenbrdt 'als Botenlohn'.
1292, 3. mit V. umgestellt. - - 1292, 4. von E. gebessert.
1294, 2. so H.] fehlt Hs. — 1294, 3. wesche] wescherin Hs. und
Ausgaben. — 1294,4. zceme V.] gelzam Hs. -- ze habe ich gestrichen.
1295, 1. von V. gebessert. — 1295, 3. i'u\ ich Hs., iu Ausgaben.
1298, 1. daz H.] fehlt Hs. -- 1298,3. swä sö\ wie Hs., wieso H.,
swie Ausgaben.
1300, 1. da mit der Hs.; alle Ausgaben haben do H. si swh und
ziehen es zum folgenden Satze.
1301, 3. miner Z.] meinem Hs. - - 1301, 4. da E.] daz Hs.
1302, 3. ingesinden] ingesinde Hs. und Ausgaben. — 1302, 4. von
Haupt ergänzt (Z. 5, 506).
1303, 3. künnes] kunne Hs.; it2 H. Minne sehreibt M. -- 1303, 4.
nach E. umgestellt. — durch da-:] darumbe duz Hs.
1304, I. von H. umgestellt. — 1304, 3. man H.J fehlt Hs.
1305, 4. im E.] in Hs. — 1306, 1. einen V.] fehlt Hs. -- 1306, 3.
von V. gebessert. - - 130ü, 4. ingesinde] junc/rouwen Ausgaben und Hs.;
der Schreiber irrte in die vorige Zeile hinüber.
1307, 3. nach V. gebessert. — • 1307, 4. beide fehlt Hs. und Ausgaben.
1308, 4. weschen] icescherin Hs. und Ausgaben.
1309, 2. so V.J also Hs. — 1309, 4. swar Z.] wo hin Hs.; das
übrige nach V. gebessert.
1310, 2. von H. gebessert. — 1311, 4. ich mich] ich Hs. und
Ausgaben.
1312, 1. künllichen] hintlichen Ils. und Ausgaben. In anderer
Weise wird dasselbe Wort Nib. 6180 in d entstellt, kurzlichen statt
käuflicher. — 1312, 3. von Haupt gebessert. -- 1313, 4. mine E.| ewr
Hs. — iwer recken dannc] d. i. r. Ausgaben und Hs.
1314, l. von V. gebessert. — 1314, 3, diu] dest Hs.
1315, 2. das zweite nu mit E. gestrichen. - - 1315, 4. sy mit Z.
gestrichen.
1316, 1. da mit V. gestrichen. - - 1316, 3. von Z. gebessert.
1318, 1. begunde V.J begunden Hs. — 1320, 4. allen ir sinnen V.]
all irem synne Hs.
214 KARL BARTSCH
1321, 1- vil schiere] vil fehlt Hs. und Ausgaben. - 1321, 4. diu
sc/icene] diu Ausgaben und Hs.
1323, 2. ir Z.J fehlt Hs. — 1323, 4. wcen V.J wcen ich duz Hs.
1325, 4. von M. umgestellt. — 132b', 2. alsam] als Hs. und Aus-
gaben. — 1326, 4. von V. . umgestellt.
1327, 2. was ir] war er Hs. — 1327, 3. der m. meide E. | die m.
maiden Hs.
1329, 3. frouwen mit V. gestrichen. — 1330, 2. rfo der für] dar
für Hs. — 1330, 3. so Z.J a/.so Hs. — 1330, 4. deiz] daz Hs.
1331, 4. friunden liebe] vil lieben Hs. — 1332, 2. denken] gedenken
Ausgaben und Hs. — 1332, 4. künde nach der naht] n. d. n. verkünde Hs.
1334, 1. do V.J da mit Hs.
1335, 2. balde habe ich gestrichen. — 1335, 4. üzer] üz V.J fehlt Hs.
1339, 1. hie ist] ist hie Hs. und Ausgaben. — 1339, 3. üz V.J
fehlt Hs.
1340, 4. üf der schände] schände Hs. und Ausgaben.
1341, 4. fraiven mit Z. gestrichen.
1342, 1. gesach] sach Hs. und Ausgaben. — 1342, 3. alle V.J allen
Hs. — 1342, 4. xoizzet nihi] niht fehlt Hs. und Ausgaben. — niht ze]
zc fehlt Hs. und Ausgaben.
1344, 4. Ormarueriche] Ormanie Hs. und Ausgaben.
1345, 1. da V.J das Hs. — 1345, 3, ich noch] noch fehlt Hs. und
Ausgaben.
1346, 4. von Z. umgestellt. — 1348, 4. daz mit V. gestrichen.
1349, 1. sigen] gesigen Hs. und Ausgaben. — 1349, 2. so sprach]
so fehlt Hs. und Ausgaben. — sich niht verligen: Besserung Ettmüllers.
; — 1349, 4. morgen H.] fehlt Hs. — guote recken mit Z. gestrichen;
oder man müßte schreiben daz iueh guote recken iht ensihne.
1350, 1. ouch V.J auf Hs. — 1350, 4. so mit V. gestrichen.
1351, 1. so Haupt] da Hs. — 1351, 2. zen rossen] ze rossen Hs.
— 1351, 3. bereite] bey raite Hs.
1352, 1. sicaz V.J wes Hs. — riet] geriet Hs. und Ausgaben. —
1352, 2. von ir fröweden schiet] schiet Hs.; der Ausfall erklärt sich durch
die Ähnlichkeit von froteen - froiveden. — 1352, 3. dem h. strite] den h.
strxien Ausgaben und Hs. — 1352, 4. ncehsten tages] nahtes Hs. und
Z. !£., tages V.
1353, 1. stunt V.] mal Hs. — 1353, 3. min da] alle mein Hs.,
min E. V. da, auf den Rossen.
1354, 3. swiez V.] icann es Hs. — 1354, 4. da V.J doch Hs.
1355, 2. st'in] geslän Ausgaben und Hs. — 1355, 4. miete V.|
nunc Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 215
1356, 2. und habe ich gestrichen. - - 1357, 2. sy sprach mit H.
gestrichen.
1358, 3. mcere mit E. getilgt.
1359, 2. von, von E. gestrichen. - - 1359, 3. von Z. umgestellt.
— 1359, 4. von V. umgestellt.
1360, 1. meistec] maists tau Hs., meint teil Z. E., meiste V., meistez
M. P. — 1360, 4. her künic] ir häene Hs. und Ausgaben.
1361, 1. daz] hünig Hs.
1363, 2. alle] alles Hs.
1364, 4. mine Haupt] inne Hs.
1365, 4. daz mit Z. gestrichen.
1367, 2. die H.] fehlt Hs. -- 1367, 4. mcA H.] s«m Hs. - wol]
vil wol Hs. und Ausgaben.
1368, 1. ein H.J fehlt Hs.
1369, 1. der von] der vorn von Hs., der voget von Ausgaben. —
1369, 2. häene H.] fehlt Hs. — kan V.J han Hs. — 1369, 3. werben]
erwerben Hs. und Ausgaben. — 1369, 4. lit der helde] d. h. I Hs. und
Ausgaben.
1370, 4. gefüeret wider morgen] w. m. g. Hs. und Ausgaben.
1372, 3. von E. umgestellt.
1373, I. der ist mit V. gestrichen.
1374, 4. ir V.J fehlt Hs.
1375, 4. den E.] fehlt Hs.
1376, 4. garten H.] gurten Hs.
1377, 2. übele guot] übel und guot Ausgaben und IIs. — 1377, 4.
ir ciniu] ir fehlt Hs. und Ausgaben.
1378, 4. zuo in dar] dar fehlt Hs. und Ausgaben.
1379, 4. daz gestehe] gesteine Ausgaben und Hs. — dem E.J fehlt
Hs. — die Z.] fehlt Hs.
1380, 3. wandet] maynet Hs., meintet E.
1381, 3. diniu H.] dein Hs.
1382, 2. diu] dester Hs. — 1382, 3. gesippen] gesipter Hs. und
Ausgaben. — 1382, 4. ir ie] ie Ausgaben und Hs. — zehene H.J fehlt Hs.
1384, 1. dem] den Hs. und Ausgaben. — 1384, 3. von V. gebessert.
1385, 3. ich V.J ichs Hs. — swerte] mit schwerten Hs., der swerteV.
1386, 4. ersterben] sterben Hs. und Ausgaben. — dem E.] fehlt Hs.
1387, 3. lät läute] h. L Hs. und Ausgaben. — 1387, 4. guotes V.J
guten Hs.
1389, 2. von E. gebessert. — 1389, 4. den Z.J dem Hs.
J391;, 1, vieren] vier Hs. — 1391, 4. von V. umgestellt.
21(5 KAHL BARTSCH
1393, 4. nr/r/, W. Grimm] fehlt Ils.
1394, 2. von II. gebessert; mit Unrecht weichen Z. E. M. 1'. davon
ab. — 1394, 3. fiz der märe mähten \ mökten üz d. m. Ausgaben und
Ms. — 1394, 4. der schämen Hilden] der II. Ils., daz IL Ausgaben.
1395, 4. recken fehlt Hs. und Ausgaben. — 1396, 1. was ouch]
was Hs. und Ausgaben; ouch steht in der Hs. nach und.
1397, 1. vieren] vier Hs. und Ausgaben. — die Haupt] dreyen Hs.,
dri Ausgaben. — 1397, 3. gespenge] das g. Hs. und Ausgaben. — 1397, 4.
alsam] als Hs. und Ausgaben.
1399, 3. der müre] zu der rnaure Hs. und Ausgaben. — 1399, 4.
harte fehlt Hs. und Ausgaben.
1400,2. ir] wol Hs. und Ausgaben. — 1400,4. weinende stuonden]
st. w. Ils. und Ausgaben.
1404, 1. ersach] sach Hs. und Ausgaben. — 1404, 2. und säurt
u/ts iemen] vnd yemand sagt Hs. — 1404, 4. von V. gebessert.
1406, 4. lebende V.] lebentig Hs.
1407, 2. sin Z.] fehlt Hs. -- hiew] haute Hs. — 1407, 3. sin H.|
eins Hs. — deiz] das Hs. und Ausgaben.
1409, 2. ins] in Hs. und Ausgaben.
1410, 2. man] mau sy Hs., maus Ausgaben. — 1410, 4. eil vaste]
vaste Ausgaben und Hs.
1411, 1. der V.j die Hs. — 1411, 3. leidet] leidet ez Ausgaben
und Hs. — 1411, 4. dringen*] des dr. Hs. und Ausgaben.
1412, 2. von E. gebessert.
1413, 1. weigerliche] wackerliche Ausgaben und Hs.
1415, 1. Hute habe ich gestrichen; es war wohl Glosse zu Holz-
seezeu. — 1416, 2. hiew] haioet Hs.
1417, 3. von Haupt (Z. 5, 507) gebessert.
1419, 4. roubet E.] beraubet Hs.
1420, 2. iht IL] ist Hs. — 1420, 3. gemachet] het gemachet Aus-
gaben und Hs.
1424, 2. ein H.] fehlt Hs.
1425, 2. vil H.J die Hs.
1426, 3. gebunden] ze binden Ausgaben und Hs.
1427, 3. hie] nu Hs. und Ausgaben. -- uncerscheideu] underscheiden
Ausgaben und Hs.
1428, 1. icol mit E. gestrichen; ebenso ein. — 1428, 4. gescheiden
niht] u. g. Hs. und Ausgaben.
1429, 1. daz V.] des Hs. — 1429, 2. an ein zil\ on zal Hs. , äne
zil Ausgaben. — 1429, 3. verhouwen] zerhawen Hs. und Ausgaben.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 217
1430, 3. aldä er] als er da Hs. — 1430, 4. da] daz Ausgaben
und Hs. — wunder vil Haupt (Z. 5, 507)] vnnder seinem zaichen vil.
1431, 1. Umgestellt von V. und M. — 1431, 3. allez\ al Hs. und
Ausgaben. — 1432, 4. umgestellt von Z. — wol habe ich gestrichen.
1433, 4. sinen handen V.] seiner handt Hs.
1434, 4. und] du Hs. — miner Haupt] deiner Hs.
1435, 4. laut] lande gar Hs.
1436, 2. von E. umgestellt. — 1436, 4. nimmer H.] fehlt Hs.
1437, 1. einander liefens] l. e. Ausgaben und Hs. — 1437, 2. die
V.] dise Hs. — 1437, 3. von M. gebessert.
1439, 3. dne V.| an Hs. — 1439, 4. sich von mir ergänzt.
1442, 1. altgrise] alte grtse Ausgaben und Hs. — 1442, 4. niht Ideen]
l. n. von Hs.
1444, 3. kundes E] künde des Hs.
1445, 1. über Z.] vnder Hs. — 1445,3. stiiten] gestriten Ausgaben
und Hs.
1448, 2. lute weinen] Inte fehlt Hs.
1449, 3. tumbe V.| fehlt Hs. Offenbar die richtige Lesart, die zu
der fehlerhaften Einschiebung einer Halbzeile im nächsten Verse Anlass
gab. — 1449, 4. schrien litte] l. seh. Hs. und Ausgaben.
1450, 3. dem h. strite] den h. striien Ausgaben und Hs. — 1450, 4.
unze daz] vntz Hs. und Ausgaben.
1451, 2. von V. gebessert. — 1451,4. widere von mir ergänzt. —
Das zweite von mit Z. gestrichen.
1452,2. miner\ immer Ausgaben und Hs. — 1452,4. tuo-schenke]
tuot-schenktt Ausgaben und Hs. schenke ist des Verses wegen not-
wendig, denn weder die Kürzung schenkt noch die Betonung met linde
win ist statthaft.
1453, 2. 3. sin kundenz hän getan bezzer] sij künden nicht getan
pessers Hs. ; hän von H. ergänzt. — 1453, 4. sie sürnde] säumet sich Hs.,
sibnt si V. — unde mit im] mit Hs.
1454, 3. in zöget es] in zürnet es Hs., in zowet es Haupt, zouwen
steht fehlerhaft an Stelle von zogen in einigen Hss. Nibel. 5298. 6611
Hagen.
1455, 2. grbz Z.] fehlt Hs. — 1455, 4. stuont im] im fehlt Hs. und
Ausgaben.
1456, 3. wcerltche Mute] h. werlich vast Hs. — 1456, 4 uns E.]
fehlt Hs. — ■ riveigen \ veigen Ausgaben und Ils.
1457, 4. i'rn keines] ich im dhaines Hs.
1462, 2. wä] war Ils. und Ausgaben. — 1462, 4. et lange siner
friunde] et s. fr. I. Hs. und Ausgaben.
218 KARL BARTSCH •
1463, 3. mugen V.| kunnen IIs. -- niht keren] niht Ausgaben und
Ils. 1463, 4. in E.J fehlt IIs.
1464, 4. hinder sich ze] hinder Ausgaben und Hs.
1469, 1. daz von E. gestrichen. — 1469, 3. da her] der herre Hs
und Ausgaben.
1470, 4. der] der reche Hs. und Ausgaben.
1471, 2. des edelen] des Hs. und Ausgaben.
1474, 2. als] als ob IIs. und Ausgaben. - - 1474, 3. sam E.j also
IIs. — 1474, 4. unten ven&iern] leiten fehlt Hs. Vgl. 1670, 3.
1475, 3. hoher von E. gestrichen. — 1475, 4. dö rüefen] rüefen do
Ausgaben und Hs.
1477, 2. von Z. umgestellt. ■ — ndcK\ nahen Hs. und Ausgaben.
1481, 2. der von E. gestrichen. — 1481, 3. von V. umgestellt. —
— eine V.] ainen Hs. — 1481, 4. ze leide mit V. gestrichen.
1482, 3. ich enwosre] ich war dann Hs.
1483, 4. iemen recken] yemand Hs.
1484, 4. iu Haupt] nu Hs.
1485, 4. üz strite von] von Hs. Vgl. 1488, 4.
1486, 4. vor] hie vor Hs.
1488, 4. üz] üz dem Ausgaben und Hs.
1489, 3. hin entgegene] veinde Hs. — 1489, 4. sine degene] die sine.
Hs. und Ausgaben.
1490, 1. Ein V.J Sein Hs., Sin Ausgaben. — 1490, 3. er sprach Z.]
fehlt Hs.
1491, 2. war H.] wo hin IIs.
1492, 2. der küene Z,J fehlt IIs. — 1492, 4. torste II J fehlt IIs.
1493, 3. dar] da Hs., do Ausgaben. — 1493, 4. vor — vor V.]
von — von Hs.
1494, 4. von E. gebessert.
1495, 3. vil von E. gestrichen.
1496, 1. von E.J vor IIs. — 1496, 2. würfen] werffen IIs.
1497, 2. volgle] volgeten IIs. - 1497, 3. besten] aller pesten Hs.
und Ausgaben. — 1497, 4. in der bärge inder E.J ynndert; vgl. 1302, 4.
1499, 3. joch Z.J auch Hs.
1500, 4. c/a mite Haupt J da IIs.
1501, 1. zäw?] gezam Hs. und Ausgaben. — 1501, 4. der] die Hs.,
c/o? Ausgaben. — da manigez V.] m. <ia Hs.
1503, 2. den V.J tZer Hs.
1504, I. manigen] manigem IIs. und Ausgaben. — 1504, 2. sjV]
sy des IIs. und Ausgaben. — 1504, 4. dannoch fehlt Hs. und Aus-
gaben; E. M. P. ergänzen grözen.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRÜN, 219
1505, 1. min frou] fraw Hs. — 1505, 4. von Haupt gebessert.
1506, 3. tcol beliben] lebenfi<j wol b. Hs., w. I. bliben V. ; lebendic
ist Glosse von beliben. — 1506, 4. von M. gebessert; her E.J fehlt Hs.
1507, 3. und von Z. gestrichen. — 1507, 4. entwiche»] nicht entw.
Hs. und Ausgaben. — si Z.j so Hs. — verhouwen] zerhoincen Aus-
gaben und Hs.
1509, 3. ir mir E.J yemand H.
1510, 2. huop] zeliannde Jtuob Hs., zehant huop Ausgaben, zeharide
halte ich für eine fehlerhafte Wiederholung von zenden. — 1510, 3.
nehmenden Haupt] sehennden Hs. — 1510, 4. von] von den, Hs. und Ausg.
1511, 1. er icas Z.J was er Hs. — ivas im] im fehlt Hs. und Aus-
gaben. — 1511, 3. von Z. umgestellt. — 1511, 4. iht minniclichA miii-
nicliche fehlt Hs. ; vgl. 1529, 4.
1512, 1. Wan] Nun Hs., Niwan Ausgaben. — 1512, 3, nu wis
fehlt Hs. ; wis ergänzt Haupt. — 1512, 4. hie H.J fehlt Hs.
1513, 3. diu frouu-e K.\ Chaudmn Hs. — 1513, 4. harte fehlt Hs.
und Ausgaben.
1514, 4. uns armen] arme uns Ausgaben und Hs.
1515, 4. do vil manigen fehlt Hs.; manigen ergänzt H.
1516, 3. 4. nach V. gebessert. — 1516, 4. edele frouwe] edtle
fehlt Hs. und Ausgaben.
1518, 1. von V. gebessert.
1519, 1. grimmicliche] grimlich Hs.
1520, 3. ruht V.\ fehlt' Hs. — 1520, 4. hie E.J fehlt Hs.
1521, 4. er sprach von Z. gestrichen. -- der H.] die Hs.
1523, 1. des] der Hs. , die Ausgaben. — sales \l.\ pales Hs. —
1523, 3. het Haupt | fehlt Hs. — 1523, 4. vil] gar Hs. und Ausgaben.
1524, 3. heizent Haupt] liaysset Hs. — 1524, 4. so H.J fehlt Hs.
1525, 4. /fc] von Hs. und Ausgaben.
1526, 2. vil mit V. gestrichen. — 1256, 4. von E. gebessert.
1530, 3. er H.] fehlt Hs. — ze von Z. gestrichen. — der] den
Ils. und Ausgaben.
1531, 3. durch daz] dar umb da:: LIs. und Ausgaben. — 1531, 4.
vil guot] vil fehlt Ils. und Ausgaben.
1532, 4. minneclicher] minneclieh Hs., minnecliche Ausgaben.
1533, 1. von Z. gebessert. — 1533, 2. der Ar.j die Hs. — daz
mit V. gestrichen. — 1533, 3. von Y. gebessert. — 1533, 4. werden
von Z. gestrichen.
1534, 1. wurden des] des fehlt Hs. und Ausgaben. — 1534, 3.
betwungen ivceren] warn bezwungen Hs.; weeren E.
220 KABL BAETSCB
1535, 4. diu min] dest mynnder Tis.
15.37, 1. von Z. unigestellt.
1539, 2. von IL gebessert. - 1539, 3. meide X .} fehlt Hs. _
1539, 4. et Z.] fehlt Hs. -- Die Unistellung nach Haupt.
1510, 1. den E.J fehlt Hs.
1541, 2. da der] derJls. und Ausgaben. — 1541, 4. bazdä von] Ja«Hs.
1542, 1. vierzic] der vierzic Ausgaben und Hs. — 1542, 2. sehs V .]
sech/zig Hs. — 1542, 3. er was Z.] war Hs.
1544, 2. da beliben] da fehlt Hs. und Ausgaben. — 1544, 3. Tene-
marken] Ten mar che Hs., von Tenemarke Ausgaben.
1546, 1. die E.J fehlt Hs. - 1546, 3. roup H.J weih Hs. - da
von Z. gestrichen. — 1546, 4. das zweite von mit E. gestrichen.
1547, 2. cferj t/a Hs. — 1547, 3. urliuges] ir urliuges Ausgaben
und Hs. — 1547, 4. dannoch fehlt Hs. und Ausgaben.
1549, 4. iu jimgelingen] jung dingen Hs. , iu Uegeiingen Ausgaben.
1550, 4. stunde V.J mal Hs.
1551, 4. von V. gebessert.
1552, 3. käener manne] Jcüenen mannen Hs. und Ausgaben.
1555, 3. dem lande] den landen. Ausgaben und Hs.
1556, 2. und mit E. gestrichen.
1557, 3. liezet] lazet Ausgaben und Hs.
1558, 4. sin mit Haupt gestrichen. — den banden V.] dem pande Hs.
1560, 2. und V.] fehlt Hs.
1561, 4. besunder] haymlich b. Hs. und Ausgaben, heimlich ist er-
klärende Glosse zu besunder, wenn auch eine falsche.
1562, 2. raup H.] fehlt Hs. — 1562, 4. den frouwen heim] heim
Ausgaben und Hs.
1563, 2. von Haupt gebessert. — 1563, 3. ir] es Hs. , ez Aus-
gaben. — 1563, 4. der] daz der Hs., daz V. P.
1564, 3. darf Z.J bedarf Hs.
1505, 3. sok E.J softs Hs. — 1565, 4. von H. unigestellt.
1566, 3. golt H.] fehlt Hs.
1567, 2. niht H.j fehlt Hs. — swerz] daz wir Hs., swer daz V.
1568, 1. siz V.] sy Hs.
1569, 1. 2. von H. gebessert.
1570, 4. dar Z.] da Hs. — <& H.] fehlt Hs.
1571, 4. wo/ mit Z. gestrichen.
1572, 1. in] nu Hs. und Ausgaben.
1573, 1. uzer] uz Ausgaben und Hs. - 1573, 2. in hin] in Hs.
und Ausgaben. — 1573, 4. vor ir frouwen] vor ir fehlt Hs.
1574, 1. den E.J fehlt Hs. — 1574, 2. stner V.J ir Hs.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 221
1575, 4. sint Z.] sein Hs.
1576, 2. ir V.] ye Hs - 1576, 4. ?V E.] fehlt Hs.
1577, 2. JFaJm siu V.| FFate «VA Hs. — 1577, 4. ?nm? «M^i« dir]
man gebe dir dann Hs.
1578, 1. swa ich] was ich Hs. Vgl. 1590, 1. — 1578, 3. sam iet
sin] also tet ouch Hs.
J579, 3. dise H.] die Hs.
1580, 1. ern sl mir] er sey mir dan Hs. — 1580, 2. ist E.] sein
Hs. — 1580, 4. von V. gebessert.
1581, 3. so vil] vil Ausgaben und Hs.
1582, 4. haben dine E.] haben Hs., maget haben P.
1583, 1. sän] an Hs , dan V., allezan Haupt (Z. 5, 507).
1584, 3. uzer] uz V. und Hs. , dar ftz Z. , diu mag et uz P. —
1584, 4. rfü'^e mit V. gestrichen.
1585, 1. fron mit E. gestrichen. — 1585, 2. bezzer] bezzcrs Aus-
gaben und Hs. — 1585, 3. edel habe ich gestrichen.
1586, 3. der mit Z. gestrichen. — 1586, 4. rehten von mir getilgt.
1587, 3. von Z. umgestellt. — 1587, 4. s?/ willekomen] w. s. Hs.
und Ausgaben. — alle her ze] alle ze Hs. und Ausgaben.
1588, 4. bezzisten] pesten Hs. und Ausgaben.
1589, 4. *oZ E.] solt Hs.
1590, 1. ttion H.] rf?>n Hs. — 1590, 2. feere Z.] fcwwie Hs.
1591, 3. 4. vonH. ergänzt. — äbende] äbendes Hagen und die andern.
1592, 2. ouch von E. gestrichen. — ■ 1592, 3. golde Haupt] icalde
Hs. — 100I fehlt Hs. und Ausgaben.
1595, 3. von E. umgestellt. — 1595, 4. dem känie IL] H. dem
känige Ausgaben und Hs.
1597, 1. diu frouwe Orfrün] 0. fraic Hs. — lät et] lät Ausgaben
und Hs. — 1597, 3. halten Haupt] behalten Hs. — 1597, 4. der siner]
der fehlt Hs. und Ausgaben.
1598, 1. durch habe ich gestrichen.
1599, 3. erstatten Z.] erstatten Hs.
1600, 4. baz da] dd fehlt Hs. und Ausgaben.
1601, 1. von E. umgestellt. — 1601, 2. nie V.] fehlt Hs. —
1601, 4. von Z. ergänzt.
1602, 2. bezzersit] s. b. Ausgaben undHs. — 1602,4. von Z. gebessert.
1603, 3. luot V.] ladet Hs. — 1603, 4. werte] gewerte Hs. und Ausgaben.
1605, 2. ander künige] aines anndern küniges Hs. — 1605, 3. ir
eteslicher] yetzlicher Hs.
1606, 1. mir H.] fehlt Hs. — 1606, 4. [kröne V.j die kröne Hs.
Derselbe Fehler in der Hs. Nib. 178. 2794.
222 KARL BARTSCH
J60T, 1. volgles E.] volo<lt> des 1 Is. — 1607, 4. diu frouwe] fraio
11s. und Ausgaben. — in ir] m't I ls — harte E.J fehlt Hs.
1609, 1. <?II.] er Hs. —1609, 2. von mir umgestellt. — vor Z.] von Hs.
1610, 3. dar Z.] fehlt Hs. - 1610, 4. r/m mV schcene II. tete]
es tet d, v. .<?. II. Hs.
1611, 2. t/er von E. gestrichen. — 1611, 4. schiere sande] schiere
fehlt Hs. und Ausgaben.
1614, 1. daz Hut] die leid Hs. — 1614, 4. man den gesten\ man
Hs., man do Z. E.
1615, 1. gcebe] gab Hs. und Ausgaben.
1618, 2. wZ von E. gestrichen. — 1618, 3. von Z.j vom Hs. -
1618. 4. gie mit im] gie Hs. und Ausgaben.
1619, 3. freuden] fr ende Hs. und Ausgaben.
1620, 2. niht so E.] so nicht Hs. — 1620, 3. so] wann Hs. —
1620, 4. ir lüterc ez] vnnd wann es ir Hs.
1621, 3. gewänne] gewan Hs. und Ausgaben. — 1621, 4. du hast
mit ir wünne soft sy dir werden ze frawen vnndertan Hs. ; die Heraus-
geber ändern solt in sol und streichen ze frouwen (E. V.) Der Grund
der Änderung des Schreibers lag in dem rührenden Reime, den er
meiden wollte. Er stellte daher in der zweiten Zeile die Worte um
und fügte undertän hinzu, um einen Reim zu gewinnen. Daher muß
gelesen werden: sol siu dir ze frouwen \ werden, du hast mit ir wünne.
1622, 3. von Haupt gebessert. — 1622, 4. jane haust du In ir]
ja h. d. b. ir nymmer Hs.
1624, 3. üz Tenelant fehlt Hs. ; uz Tenelande V.
1625, 3. vor] von Hs. und Ausgaben. — lande] landen Ausgaben
und Hs. — frouwe E.J fehlt Hs. — 1625, 4. von V. umgestellt. —
herliche fehlt Hs.
1626, 1. in heimliche] heimlichen Ausgaben und Hs. Vgl. Nib. 544
Hagen, in heinliche, wo d ebenfalls in weglässt, — 1626, 2, die] zu
der Hs. und Ausgaben.
1627, 3. gewande E.j fehlt Hs.
1 628, 4. mit den] den Hs., hie den E. — in sende heim V |. ich in h. s. Hs.
1629, 2. destebaz] deste fehlt Hs. und Ausgaben. — 1629, 4. von
Z. umgestellt. — ze friunde gewinne] zu friunden müge gewinnen Aus-
gaben und Hs.
1631, 4. beide fehlt Hs. und Ausgaben. — 1632, 4. von V. gebessert.
1633, 1. mirz] mir Hs. und Ausgaben. — 1633, 3. michz E.j es
mich Hs. — 1633, 4. ichz iht] ichs Hs.
1 634, 2. sprächen E.j sprechen Hs.
1635, 1. niwan E.j wan Hs. — 1635, 4. iuch von Z. gestrichen.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 223
1636, 4. harte gerne fehlt Hs ; frou Küdrün ergänzen Z. E. V.
1637, 1. dir fristen] die friste Hs. - ■ 1637,4. mit V. umgestellt.
1638, 3. nnd auch mit Haupt gestrichen. — mme möge da keime
diuJite] d. h. m. m. d. Hs. — 1638, 4. irrer -liehe V.j fehlt Hs. — ge-
scehe Haupt] sähe Hs.
1639, 1. schämen H] fehlt Hs. — 1639, 2. mit V. umgestellt. —
1639, 4. ninder] nynndert dir Hs. und Ausgaben.
1640, 3. von Z. umgestellt. — 1641, 3. das erste ouch habe ich
gestrichen.
1641, 4. da werde] werde Ausgaben und Hs.
164-2, 1. nach V. ouch gestrichen. Vielleicht aber ist und lohet p~
eine fehlerhafte Wiederholung; auch an ir hant ist dann entstellt aus
iu an iwer hant. — 1642, 2. sivie schiere] wie Hs., swie Ausgaben.
1643, 4. Karade] Karadie Hs. und Ausgaben.
1644, 1. wart] gef Heget ward Hs., als Glosse zu betrachten. So
bessert auch E.
1644, 3. üzer Tenelunde\ aus Tennemarehe lannde Hs.
1646, 1. wer Z.] fehlt Hs. — süenen Z.] versuenen Hs. — 1646, 4.
wände] vnd Hs., wan V. — eine E.J allaine Hs. -- alle E.] alles Hs.
1648, 4. Küdrün V.] Hilde Hs. — mit V.j in Hs.
1649, 4. gar von h] von ir Hs., von ir gar E.
1650, 2. ietweder] 'iefwederz Ausgaben und Hs.
1651, 1. diu H.] diu fehlt Hs. und Ausgaben; ebenso 1653, 1. —
lieber mit V. gestrichen.
1652, 4. es V.] sein Hs.
1653, 4. iuz] iuehs Hs., iuehs Z. E. ; ichs iueh V.
1655, 2. der V.] die H. — 1655, 3. er mit in riten \ hat] pat er
mit in reiten Hs. — 1655, 4. werten] geioerten Hs. und Ausgaben.
1656, 4. recken V.] helde Hs.
1 658, 3. si fuoren] frieren Hs.
1659, 3. frouwen] den fueren Hs , den frouwen II. und die andern.
— 1659, 4. verbrennet ivcere] war verbrennet Hs.
1660, 2. von Z. umgestellt. — 1660, 4. horte] hört ivolHs. und Ausgaben.
1661, 1. riche H.] fehlt Hs. — 1661, 3. wer V.] weihe Hs. —
1661, 4. hie mite so] so fehlt Hs. und Ausgaben.
1663, 4. vil Z.] fehlt Hs.
1666, 2. von H. gebessert. — 1666, 4. vierer] vierlls. und Ausgaben.
1667, 3. hochzite] hochzeit Hs. — 1667, 4. ze V.] vor Hs. —
da ff] fif Ausgaben und IIs.
1668, 3. helde] recken Hs. und Ausgaben. — 1668, 4. vil schefte
hört man] m. h. vil seh. Hs. und Ausgaben. — recken] helde Ausgaben und Hs.
224 KARL BARTSCH. BEITRÄGE etc.
1669, 1. windes] wint Hs. und Ausgaben. — 1669, 3. von E. um-
gestellt. — 1669, 4. da mit V. gestrichen.
1671, 3. an dein] unz an den Hs. und Ausgaben. — zite] -uteri
Ausgaben und Hs. — 1671, 4. da] als Hs. und Ausgaben.
1672, 2. hande IL] fehlt Hs.
1673, 2. vil iooI H.j fehlt Hs. — 1673, 4. in Z.J den verenden Hs.
1674, 2. von Z. gebessert.
1675, 3. den] disen Hs. und Ausgaben. — 1675. 4. du da: sarli]
da: sack du Ausgaben und Hs.
1677, 3. zwo] ze Hs. und Ausgaben.
1678, 3. als niht] ob er niht Ausgaben und Hs
1680, 4. warn V.J wanet Hs.
1681, 1. kamer en H.] kamerare 7j. und Hs. ■ — 1681, 3. dem diu
küniginne] daz im die junge künigin Hs. und Ausgaben. — 1681, 4.
silber unde u-dt] toat Hs.
1682, 1. den von den] den Hs. den von Ausgaben.
1684, 1. dein V.J gestain Hs. 1684, 3. Ab.ili] Abagy Hs. AI akie
Z. E. — 1684, 4. Waten V.J Wate Hs. - holden E.J helde Hs.
1685, 2. dein küenen] dem Hs., deine Ausgaben.
1686, 4. so von Z. gestrichen.
1687, 1. ein von E. gestrichen. — 1687, 2. wo/ von E. gestrichen.
- 1687, 3. siner E.J seine Hs. — 1687, 4. es] sein Hs.
1688, 2. ouch H.j fehlt Hs.
1689, 1. in E.J mw Hs.
1690, 3. gesähen ein ander selderi] s. g. an einander Hs.
1691, 3. uz V.J von Hs. — 1691, 4. von V. umgestellt. — heim
iehlt Hs. und Ausgaben.
1692, 3. freuten] freut da Ausgaben und Hs. — diele] diet Hs. und
Ausgaben. — 1692, 4. freuden da beriete] beriet Hs. und Ausgaben.
1695, 3. noch deheine] noch Hs. — 1695, 4. Karade, dem lande]
Karadie in dem lande Hs. und Ausgaben.
1696, 4. der V.J die Hs.
1699, 3. sehen des jdres] d. j. s. Hs. — 1699, 4. ich sus] ich Hs.
und Ausgaben. — nimmer E.J ymmer H.
1700, 3. uzer Mateldne] aus Matelanes Hs.
1702, 2. beliben] warn Hs., waren Ausgaben. — 1702, 3. von V.
gebessert.
1704, 4. siz] sis Ausgaben. — immer V.J nymmer Hs.
1705, 1. beide samt] beide ensaml Ausgaben und Hs.
V9.K
ÜBER DEN HANDSCHRIFTLICHEN TEXT DER
GOTHISCHEN ÜBERSETZUNG DES BRIEFES
AN DIE RÖMER.
Der Brief an die Römer enthält nach der gewöhnlichen Zählung
433 Verse, die auf sechzehn Capitel, deren umfangreichstes, das achte,
39 Verse zählt, das kleinste, das dreizehnte, nur 14, vertheilt sind.
Von jenen nahezu fünfthalbhunclert Versen sind uns in der gothischen
Übersetzung nicht mehr als 176 erhalten, die also auch mit Einrechnung
der noch hinzu zu zählenden 15 unvollständigen Verse noch um mehr
als zwanzig hinter der Hälfte jener Gesammtzahl zurückbleiben.
Die gothischen Verse aber vertheilen sich nach den bekannten
Handschriften; einmal der in Wolfenbüttel, die eben nichts weiteres
Gothisches als ihre wenigen Verse aus dem Briefe an die Römer ent-
hält, übrigens, so viel man weiß, die einzige Handschrift in Deutschland
mit Stücken der gothischen Bibelübersetzung ist, und dann der reich-
haltigeren in Mailand, auf folgende Art. In Wolfenbüttel finden sich
vier einzelne Stücke des Römerbriefes, die aus dem elften bis fünf-
zehnten Capitel, deren aber keines darin vollständig ist, zusammen
34 Verse und noch acht Versstücke oder unvollständige Verse enthalten.
Davon sind acht Verse und ein Versstück auch in Mailand, ein zweites
Versstück aber und zwar der Beginn des Ganzen, aus dem 33. Verse
des elften Capitels, ergänzt genau ein Mailänder Versstück zu einem
vollständigen Verse.
Auch das aus dem Römerbriefe in Mailand Erhaltene bildet kein
ununterbrochen Zusammenhängendes mehr, sondern zerfällt in vier größere
Stücke und ein kleineres. Das größte umfasst etwa sechzig Verse ohne
Unterbrechung, das vierte etwa dreißig, innerhalb deren auch das eine
Wolfen!) üttler Stück liegt, dessen acht Verse als auch in Mailand be-
findlich kurz vorhin von uns schon bemerklich gemacht wurden, das
kleinere fünfte aber enthält nur drei unversehrte Verse, nämlich den
22., 23. und 24. des sechzehnten Capitels, denen das Schlußstück des
21. Verses noch vorausgeht. Diese letzteren Verse aber bildeten zugleich
den Schluß der gothischen Übersetzung des Römerbriefes , da gleich
darauf die Worte du RCmionim ustauh „an die Römer endigte" folgen
und du Rümdnim melip 'ist us Kaurirtfidn „an die Römer ist geschrieben
aus Korinth". Die sonst noch folgenden Verse 25, 26 und 27 fehlten
also dem Gothen, wie sie auch einigen griechischen Handschriften des
GERM W'l \ \ 1 5
22(J LEO MEYER
Neuen Bundes abgehen. An einzelnen Versen sind in Mailand aus dem
Kömerbrief im Ganzen 149 vollständig erhalten und dazu noch acht
Versstücke, von denen das eine, wie wir oben schon bemerkten, in
Wolfenbüttel zu einem vollständigen Verse ergänzt wird. Es vertheilen
sich die Verse aber so, daß sie außer den oben bereits bezeich-
neten des sechzehnten Capitels und außer dem bewahrten Schlußverse
des sechsten Capitels, sämmtlich dem siebenten bis vierzehnten Capitel
angehören, von denen aber nur das siebente, mit 25 Versen, das neunte
und zehnte, mit 33 und 21 Versen, und das dreizehnte, mit 14 Versen,
ganz vollständig bewahrt sind. Gar nichts erhalten ist in Mailand aus
dem fünfzehnten Capitel, von dem aber wie schon bemerkt in Wolfen-
büttel einiges gerettet ist und zwar im Ganzen neun unversehrte Verse
und zwei Versstücke. Dagegen sind ganz für uns verloren, mit Aus-
nahme noch des letzten Verses im sechsten Capitel, die sechs ersten
Capitel unseres Briefes.
In einer Kleinigkeit dürfen wir aber die letzte Bemerkung wohl
noch beschränken. Das erste der uns erhaltenen acht dem Umfang
nach einander ziemlich gleichen Stücke einer gothisehen Erklärung des
Evangeliums nach Johannes und zwar ein auch in Mailand befindliches
(das dritte, vierte und achte jener Stücke befinden sieh in der Vaticans-
bibliothek in Kom) beginnt mit den Worten *aei frapjai atypau sökjai
p»P; allai usvandidSdun samana w<brükjai vaurpun, „der verständig sei
oder suche Gott, alle wandten sich ab, zusammen wurden sie unnütz".
Diese Worte gehören ursprünglich dem Psalter an und zwar finden sie
sich sowohl im vierzehnten Psalm, Vers 2 und 3, als in den mit ihnen
fast ganz genau übereinstimmenden Versen 3 und 4 des 53. Psalmes,
.die wir nach den Siebzig hieher stellen, dabei das, was uns in gothi-
scher Übersetzung nicht erhalten ist, einklammernd: [xvgiog (Psalm 53
hat dafür: o •d'fög) ex tov ovqccvov disxvtytv hui tovg viovg räv av-
ftocinaV) xov idsiv ei söxi] övvlcov rj 8x£,>]tg>v xov &fov. nüvxeg s£d-
xkivav apa rjXQEia&qGai' \ovx süxi noiäv xgtjöroTtjTa (Psalm 53: ayad-ov)
ovx eözLV sag ivog]. Aus dem Psalm aber sind die Worte, und zwar
genauer als manche andere von ihm dem alten Bunde entnommene
Stellen, von Paulus angeführt im dritten Capitel des Kümerbriefes,
dessen elfter und zwölfter Vers folgendermaßen lauten, wobei wir wieder
einklammern wie oben: [ovx ioxiv] övvlcov ovx egxiv ix^rav tov
fttov. 7iccvTeg i^sxkivav u\nu r\%Qkiü)%\]<3uv [ovx soxiv tioicöv xQi]6xoxrixK
ovx eöxiv f'ojg ivog]. So weit sie für unsere gothische Übersetzung in
Frage kommen, findet in den beiden Psalmen und bei Paulus eine fast
vollständige Übereinstimmung der Worte Statt, der einzige durchaus
ÜBER DEN HANDSCHRIFTLICHEN TEXT etc. 227
untergeordnete Unterschied besteht darin, daß Paulus das ovx eötiv
wiederholt, während die Psalme kürzer mit jj anreihen, wo nach dem
hebräischen Urtext eigentlich gar nichts hätte stehen sollen. An das %
scheint sich der Gothe mit seinem aippau „oder" eng anzuschließen.
Diese kleine Verschiedenheit von den Worten des Paulus ist nun aber
von so untergeordneter Bedeutung und konnte, auch wenn keine einzige
Handschrift des Römerbriefes, wie es wirklich der Fall zu sein scheint,
das fragliche rj selbst enthielt, dem ganzen Zusammenhange nach be-
grifflich so leicht entspringen, daß das aippau jedenfalls noch nicht als
irgend beweisend dafür gelten kann, daß der Gothe die Psalmenstelle
selbst vor sich gehabt haben müsse. Da der Verfasser der Johannes-
erklärung nun aber auch sonst einige Male seine Bibelstellen nicht ganz
genau giebt, sein ganzes Werk aber in durchaus engstem Zusammen-
hang mit dem Neuen Bunde steht, außerdem aber die fraglichen Worte
in der christlichen WTelt ohne Zweifel erst dadurch geläufiger wurden,
daß Paulus sie im Römerbriefe anführte, so hat für uns die Annahme
ganz und gar kein Bedenken, daß jene in Frage stehenden Worte dem
Gothen zunächst nur neutestamentliche waren. Wir würden sie deshalb
in einer Ausgabe der gothischen Bibelübersetzung nicht als Psalmen-
bruchstück einreihen, wie es von einigen geschehen ist, sondern an der
betreffenden Stelle des Römerbriefes, für den wir darin bei unsern
obigen Zahlenangaben auch noch zwei besondere Versstücke mit in
Anrechnung gebracht haben, deren erstes durch ein vorangehendes bloßes
nist „nicht ist" noch zu einem vollständigen Verse geworden sein
würde.
Die auf die beiden besprochenen Versstücke des Römerbriefes,
wie wir sie also bestimmt glauben bezeichnen zu dürfen , in der Jo-
hanneserklärung unmittelbar folgenden Worte jahju vfdaüpaus atdrusun
staua „und jetzt fielen sie unter das Gericht des Todes" sind dem
Neuen Bunde nicht mehr entlehnt. In Bezug auf sie mag hier noch
bemerkt sein, daß in der Handschrift nicht das dativische stauai, wie
Maßmann in seiner ersten Veröffentlichung: der Johanneserklärunor vom
Jahre 1834 hat, steht, sondern der Accusativ staua, wie Uppström mit
Bestimmtheit versichert. Ihm aber verdanken wir die genaueste und
jetzt allein noch maßgebende Ausgabe der Johanneserklärung, wie sie
mit enthalten ist in seinen Fragrnenta Gothica selecta ad fidem codicum
Aihbrosianonmi Carolini Vaticani (Upsala 1861), über die ich bald nach
ihrem Erscheinen in den Göttingischen gelehrten Anzeigen von Seite
1401 bis 1407 genauer berichtet habe. Der Vollständigkeit wegen mag
hier noch bemerkt sein, daß die oben besprochenen beiden Versstücke
15*
228 LEO MEYER
aus dorn Briete an die Römer genau so wie früher von Maßmann,
von Uppström wieder gelesen worden sind.
Für die in Wolfenbütte] bewahrten Verse des Römerbriefes aber,
die naeh einer neuen genauen Durchsicht der Handschrift in dem oben
angeführten Werke von Uppström auch wieder neu herausgegeben
worden sind, hat er in der That mehreres von der früheren Lesung
Abweichende entdeckt, das hier auch wieder kurz zusammengestellt
sein mag. Capitel 14, Vers 17 steht in der Handschrift piudavgard
und nicht das zu erwartende piudcmgardi „Reich", für dessen auslau-
tendes i kein Platz mehr sei; 14, 11 ist das ursprünglich geschriebene
alla razdö von dem Schreiber noch in all razdö „alle Jungen" verän-
dert, wie denn der Gothe in ähnlichen Verbindungen mit dem Genetiv
auch sonst immer das Neutrum setzt. Statt des unrichtigen mad 12, 20
fand Uppström deutliches mat „Speise", wie es die Mailänder Handschrift
auch hat. Es beschränken sich daher die kleinen Verschiedenheiten in
den Versen , die sowohl in Mailand als in Wolfenbüttel bewahrt sind,
auf leitaidau „es werde gelassen" 12, 19, statt dessen die Mailänder
Handschrift das gewöhnlichere letaidan bietet, und auf hairu „das Schwert"
13, 4, an dessen Stelle in Mailand hairau gelesen wird, die für den
Accusativ minder gewöhnliche Form.
Wie höchst wichtig und gewinnreich nun aber auch schon alle
bisherigen neuen Ausgaben der gothischen Texte durch Herrn Professor
Uppström gewesen sind, die der Silberhandschrift (Upsala 1854), die
der für verloren gehaltenen zehn Upsaler Blätter (Upsala 1857), und
zuletzt die der in Mailand bewahrten Verse des Matthäus, der in Wol-
fenbüttel erhaltenen Verse des Römerbriefes und der Johanneserklärung,
welche letzteren drei Sachen eben in den oben genannten Fragmenta
Gothica selecta (Upsala 1861) zusammengefasst sind, so scheinen in der
That doch alle seine früheren Arbeiten fast in Schatten gestellt werden
zu sollen durch seine neueste, der wir mit dem lebhaftesten Verlangen
entgegen sehen, wir meinen seine Ausgabe aller in Mailand befindlichen
gothischen Denkmäler und also namentlich der umfangreichen Stücke
der paulinischen Briefe. Schon auf der Philologenversammlung in Han-
nover habe ich in einem kurzen Vortrage vor der germanistischen Sec-
tion die hohe Wichtigkeit dieser in Aussicht stehenden Veröffentlichung
hervorgehoben und sie namentlicht in einigen Einzelnheiten verdeutlicht,
wie deren Herr Professor Uppström mir eine erkleckliche Anzahl in
freundschaftlichster Weise vorläufig brieflich mitgetheilt hatte. Nun hat
der Druck bereits begonnen, und wenn seine Förderung auch noch ge-
raume Zeit in Anspruch nehmen wird, so werden wir doch in nicht all-
zuferner Zeit der Vollendung des Ganzen entgegen sehen dürfen.
ÜBER DEN HANDSCHRIFTLICHEN TEXT etc. 229
Die ersten beiden Bogen, in denen das vom Kölnerbrief Bewahrte
schon vollständig enthalten ist und einige Stücke auch schon aus dem
ersten Briefe an die Korinther, hat Uppströms Freundschaft mir bereits
in die Hände gelegt und mit ihnen in uneigennützigster Weise die. Er-
laubniss völlig freier Benutzung. Da kann ich ihm nicht besser danken,
und ich möchte es gern auf die beste Weise, als wenn ich, sogleich nach-
dem eine andere mühvolle und langwierige Arbeit wieder die Hand frei
gelassen hat, an diesem Orte seine köstlichen Blätter gewissermaßen mit
ihm selbst wieder durchlese und des neuen Gewinnes gemeinsam mit
ihm mich von Neuem erfreue. Meine Bemerkungen und Mittheilungen
sollen sich aber ganz auf den Römerbrief beschränken. Aber auch an
diesem in der Mailänder Handschrift kaum anderthalb hundert Verse
zählenden Stück wird sich schon aufs Allerdeutlichste berechnen lassen,
wie ungemein viel Neues Uppströms sorgsames Auge gefunden hat und
wie neben seiner neuesten Arbeit nun plötzlich alle früheren Ausgaben
der gothischen Denkmäler, von ihren sonstigen zum Theil sehr großen
Verdiensten ganz abgesehen, doch in ihrem gothischen Text als völlig
veraltet und wirklich unbrauchbar geworden erscheinen müßen.
Im siebenten Capitel, Vers 3, giebt Uppström 'ip jabai „aber wenn"
statt des bisherigen einfachen jabai, neben dem dem griechischen dg
gegenüber die Bezeichnung des Gegensatzes empfindlich vermisst wurde;
Vers 7 wird gelesen nis sijai und ebenso Vers 13 statt der früheren
ni sijai; man las jenes nis sijai auch früher schon Römer 9, 14; 11, 1 und
1 1 , während ni sijai gar nicht im Römerbriefe vorkommt. Über die
weibliehe Form nimandei Vers 8 und Vers 11 statt des früheren un-
richtigen vimands, das nur männlich sein konnte, habe ich schon im
neunten Jahrgange der Germania, Seite 137, gehandelt uud ebenso
zwei Seiten früher über Uppströms naus vas „sie war todt" am Schluß
des achten Verses statt des alten vas navis; die Form navis ist gänzlich
beseitigt. Vers 9 giebt Uppström von dem bisher Gelesenen, oder darf
man wohl sagen nur Gerathenen, ip ik simle inu vitop libaida at qvimandein,
wesentlich verschieden ip ik qvim inu vitdp simli 'ip qvimandein , dnß
alsoMaßmanns nach qvimandein eingeschobenes pan durchaus missrathen
ist; übrigens ist, wo es sich um strenge Behandlung handschriftlicher
Überlieferung handelt, auch durchaus unnöthig, die zahllosen Änderungs-
vorschläge und auch wirklich ausgeführten Änderungen dieses sonst
so verdienten Gelehrten irgend wie zu berücksichtigen, und ganz ins-
besondere in Bezug auf die gothischen Texte, in denen jeder Buch-
stabe ein schweres Gewicht für uns hat und nicht gleich beliebigen
Meinungen und Muthmaßungen geopfert werden kann. Vers 18 schließ*
•2'M) LEO MEYER
bei Uppström mit ni dem einfachen griechischen ov der besseren Hand-
schriften gegenüber, während früher bigita „ich finde" zugefügt wurde,
wie mehrere griechische Handschriften allerdings noch evQiGxa haben.
Vers 23 steht andveihando, nicht unrichtiges andvaihando; das einfache
veihan „kämpfen" (nicht veigan, wie mehrfach mit Unrecht geschrieben
wird) ist noch belegt Timotheus 2, 2, 4 im Infinitiv veihan und Ko-
rinther 1, 15, 32 im Präteritum vaih „ich kämpfte". Vers 24 beginnt
dem griechischen xakaincjQog „unglücklich, elend" gegenüber nicht
mit vainans, sondern mit dem durch mehrseitige Muthmaßungen ge-
wissermaßen schon vorbereiteten vainags, das in den gothischen Denk-
mälern, falls man nicht etwa veinei „wenn doch" damit zusammenstellen
darf, sonst keine nahzugehörige Formen zur Seite hat; es entsprechen
aber genau althochdeutsches wenac, icenag, xceneg „unglücklich" mittel-
hochdeutsches wenec „unglücklich, klein, gering, wenig" und unser
wenig, die man schwerlich mit unserm weinen, dem gothisches gvaindn
entspricht, zusammenbringen darf.
Im achten Capitel sind am Ende des vierten Verses die den grie-
chischen alXa xccrcc nvevy^a entsprechenden Worte ah bi ahmin, die
wir bei Uppström lesen, bisher ganz übersehen ; sie bilden den Schluß
einer der etwas längeren handschriftlichen Zeilen. Den Ausgang des
neunten Verses las man früher habai pis ni ist is, was Maßmann in
habai'p is ni 'ist u änderte, eine wegen des in ganz verschiedener Be-
deutung wiederholten 'is jedenfalls sehr wenig zusagende Ausdrucks-
weise ; Uppström giebt habai]) sa nist is, wodurch alle Bedenken gehoben
werden und namentlich auch das die ungewöhnliche Trennung von ni
und ist betreuende, statt deren sonst überall nur nist vorkommt. Die
Vers 36 ganz vereinzelt begegnende Verbindung in ]nth „deinetwegen",
statt deren man wohl hätte in peina erwarten mögen, wie zum Beispiel
Markus 8, 35 und sonst in nieina „meinetwegen" gebraucht ist, giebt
Uppström auch. Im 38. Verse waren die Worte ni libains „nicht Leben"
ganz übersehen, Uppström hat ni dauj)us ni libains nih aggeljns; im
folgenden Verse steht dem griechischen dvvn6£rai nicht mahteiga ist
gegenüber, sondern nach dem gewöhnlicheren Gebrauche kürzer magi;
nur die Participform dvvdfisvog ist ein paarmal (Epheser 3, 20; Ti-
motheus 2, 3, 7 und 15) durch mäht ei gs übersetzt.
Das neunte Capitel erhält durch Uppströin zunächst Bestätigung
tiir die auffällige Form unhveilo Vers 2 und für usbida in Vers 3; dann
aber wird das trübere IsraelUai Vers 4 in Jsraeleitai verändert, wie die
fremde Namensform auch sonst nur ei im Innern hat, nämlich nach
Römer 11,1 und Korinther 2, 11, 22. Vers 6 giebt Uppström aus
ÜBER DEN HANDSCHRIFTLICHEN TEXT etc. 23 1
der Handschrift us Israela statt des alten us Israel, wie der Gothe
auch sonst ganz gewöhnlich den im griechischen und lateinischen Text
unflectierten hebräischen Namensformen gothische Flexion zufügt, wie
zum Beispiel gleich im folgenden Verse in in Isoket. In Bezug auf die
wahrscheinlich zu fijaida „ich hasste" V. 13 gehörige Randlesart andvaih
„ich bekämpfte", wie man geglaubt hat lesen zu dürfen, müßen wir
abwarten, was Uppström in seinen Anmerkungen bringen wird, die
nicht wie in seiner Ausgabe der Silberhandschrift und den übrigen
gleich unter den Text gestellt sind, sondern den Schluß des Ganzen
bilden sollen. Dem schließenden ov av oixxaiQta Vers 15 gegenüber
giebt Uppström das unentbehrliche panei bleipja ohne die handschrift-
liche Beglaubigung, da er nach einem gewiss nicht zu scheltenden
Grundsatz offenbare Fehler der Handschrift seinem Text entzieht.
Vers 17 erscheint an Stelle des störenden larafmi die rein gothische
Dativform Faraona; gleich darauf heißt es an Stelle des griechischen
ort, £tg avxo xovxo i^yetgä Ob nicht mite in pize jah raisida puk, son-
dern genauer sich anfügend unte du pamma sübm ur raisida pule; neben
dem häufigen urraisjan „aufrichten, erwecken" und dem noch häufigeren
urreisan „aufstehen, sich erheben" begegnet keine einzige nahzugehörige
Form ohne das Präfix ur — (für us). Statt des unrichtigen andatandi
Vers 19 giebt Uppström andstandip, das eine Zeile der Handschrift
schließt, wie mit allen Versschlüssen die Handschrift auch die Zeilen
abzubrechen pflegt. Im folgenden Verse erhalten wir statt des stören
den gadikis „Gebilde" ein gadigis, das mit dem nah darauf folgenden
digandin „dem Bildenden" eng zusammen gehört. Von dem daraus sich
ergebenden Zeitwort kommen sonst nur noch die passiven Particip-
formen gadigans (Timotheus 1, 2, 13) und digana (Timotheus 2, 2, 20)
vor, was alles zusammen für das Gothische den in der Regel ange-,
setzten Infinitiv deigan „bilden" noch nicht erzwingt; er ergiebt sich
indess aus dem ohne Zweifel zugehörigen daigs „Teig, Masse" und
wird auch sonst noch sehr wahrscheinlich gemacht durch weiter ver-
wandte Formen, wie das altindische dih (für digh) „beschmieren, be-
streichen", dem das lateinische fingere „bilden" (aus dhingere für dmghere)
entspricht. Vers 25 steht nicht die Namensform Osein, sondern Osaien
also ausnahmsweise mit ai für griechisches rj , da man ein altes 'ilöse
neben Slorje doch schwerlich wird vermuthen dürfen. Am Schluß des-
selben Verses steht statt der ungeschlechtigen Pluralformen po unlivbdna
liubona, über die von der Gabelentz und Loebe gar nichts bemerken,
dem griechischen xy\v ovx rjyaTtrifievnv r[yanr\^ivY\v genau entsprechend
pöunliubon liubon. Für das griechische xycet,u finden wir Vers 27 hröpeip,
232 LEO MEYEK
nicht das bisherige schon durch sein ei störende greteip ; grütan über-
setzt sonst nur xhaisiv, xqcc£,slv ist stets durch hropjan oder auch uf-
hropjan wiedergegeben. Nicht das fragende niu, wie man früher gelesen
hat, wobei freilich die große Ähnlichkeit der gothischen xi und h sehr
leicht auf das Richtige leitete, sondern das unbedenkliche nih finden
wir Vers 29 dem griechischen sl [xi] gegenüber, das auch sonst noch
mehrfach damit übersetzt wird. Der folgende Vers beginnt mit liva
„was", wo nach der alten Angabe die Handschrift hvo haben sollte, [^und
schließt mit galaubeinai, deren drei Schlußzeichen früher nicht gefunden
sind; über beides werden Uppströms Anmerkungen ohne Zweifel das
Genauere angeben. Noch ist für das neunte Capitel zu bemerken, daß
in seinem Schlußverse die Handschrift allerdings nur lanbjands „glaubend"
bietet, wie Uppström mir brieflich mittheilte, den zahllosen Formen mit
dem Präfix ga gegenüber ohne Zweifel aber nur durch ein Versehen,
weshalb im Texte auch galau'jands gegeben ist.
In Bezug auf das zehnte Capitel ist für Vers 7 noch zu erwarten,
ob Uppström über einige am Rande gefundene Buchstaben, rjo wie an-
gegeben ist, etwa Genaueres mittheilen wird. Im neunten Verse steht
nicht fraujan, sondern der Dativ franjin, von vorhergehendem andhaitis
„du bekennst" abhängig; ähnlich ist das häufigere andhaitan „bekennen"
auch sonst nur mit dem Dativ verbunden. Im selben Verse wurden in
urraisida us daufiaim „er erweckte von den Todten" die Silben da us
nicht vermisst, sondern stehen in der Handschrift über der Zeile, wie
Uppström mir schreibt; Maßmann giebt es nicht an, von der Gabelentz
und Loebe aber haben es in ihren Nachträgen schon bemerkt. Auch
im elften Verse ist in galaubjunds das ga übergeschrieben. Der folgende
Vers enthält bei Uppström sa sama „der selbe", wo man das erste sa
in der Handschrift bisher nicht fand. Vers 14 steht nicht bloßes pammei
„welchem", sondern dujtammei, von ni galaubidSdun „sie glaubten nicht"
abhängig; beide Verbindungsweisen, bloßer Dativ oder Dativ mit du,
sind bei galaubjan sehr gewöhnlich. Über das schließende inu merjandan
„ohne Verkündigenden" ist noch nichts bemerkt, nach der alten Mit-
theilung stände in der Handschrift störendes Ina statt inu. Vers 18
giebt Uppström andins „Glänzen", eine bisher nur unsicher gelesene
Form, über die seine Anmerkungen gewiss auch genauer berichten
werden; die Grundform andi- „Gränze" scheint sonst nur noch belegt
in der Zusammensetzung andi-lausaize „gränzenloser" Timotheus 1, 1, 4,
wo aber die eine Handschrift andalausaize haben soll; in der Zusammen-
setzung könnte indess das andi- auch sehr wohl aus andja „Ende"
verkürzt sein. Statt des alten durchaus bedenklichen inuh piudörn in
ÜBER DEN HANDSCHRIFTLICHEN TEXT etc. 233
'piuda Vers 19, dem griechischen \% ovx e&vsi sjiI s&vsi gegenüber,
bringt Uppström alle Schwierigkeit auflösend 'in unpiudön 'in piudai
„in Nichtvölkern, in einem Volke", daß also das gleich folgende un-
frapjandein „unverständig" Dativ ist, nicht, wie man früher meinen
mußte, Accusativ; die Zusammensetzung uripiuda „Unvolk, Nichtvolk"
begegnet nur hier, ist also eine neugewonnene Wortform, wenn sie
auch schon früher gemuthmaßt worden ist. Vers 20 giebt Uppström
bigitans varf) paim ohne mip vor der letztgenannten Dativform , wie
früher gelesen wurde; Maßmann hat das mip allerdings auch nicht,
aber, da er gar nichts darüber sagt, wohl nur aus Versehen.
Das elfte Capitel hat gleich in seinem ersten Verse eine wesent-
liche Besserung erfahren, es steht nicht das unmögliche managein sein-
amma, sondern arbja seinamma „seinem Erbe", wornach der Gothe
also nicht xbv kccov gelesen haben kann , sondern , wie auch ein paar
andere Handschriften haben, xv\v xXrjgovo^iiav , das auch sonst immer
durch arbi übersetzt ist. Der zwölfte Vers beginnt nicht mit up]mn
„aber", wie man bis jetzt hatte, sondern mit ip , das noch mit mehr
Nachdruck entgegensetzt; im folgenden Verse finden wir piudom ohne
das vorausgehende Demonstrativ paim der alten Ausgaben. Der dann
folgende Vers hat nach dem voraus gesandten ei hvaiva „ob etwa"
statt des indicativen brigga jetzt ein optatives briggau erhalten, das mit
dem bald folgenden gajiasjau also im schönsten Einklang steht. Im
15. Verse ist die störende Verbindung des männlichen hvas „wer" mit
dem weiblichen andanumts „Annahme" verschwunden, und mit einem
zugewonnenen ö heißt es jetzt sehr einfach hva so andanumts „was (ist)
die Annahme". Zwei Unglücksformen Vers 17 und 18, dort das dati-
vische vaurhtsa und hier accusativisches vaurts finden wir auch nicht
mehr; als Dativ giebt Uppström vaurtai, als Accusativ vaurt, zwei
ganz regelmäßige Casusformen zu der auch sonst mehrfach gebrauchten
weiblichen Grundform vaurti- „Wurzel". Nicht quipais, sondern die
Indicativform qvipis beginnt den 19. Vers, dem griechischen Futur egsig
gegenüber. Vers 22 steht nicht mehr das anstößige appan „aber",
sondern das erwartete aippau „sonst", mit dem auch noch Korinther
1, 15, 29 das griechische IneC übersetzt ist, und Korinther 1 , 7, 14
fjttl ccqcc. In diesem Verse steht nicht, wie man früher las, ]>is vilpeis,
sondern pis vilpjis „des wilden", statt dessen man wohl die schwache
Form pis vilpjins erwarten mußte, wie Uppström auch in seinen Text
aufgenommen hat; der selbe Vers enthält noch eine wichtige Verände-
rung in der Participform intrusgips „eingepfropft" an Stelle des frü-
heren intrusgans, die einzige Bildung, nach der man bisher ein starkes
2IU LEO MEYER
Verb Intrisgan anzusetzen sich für berechtigt hielt, das also nun erloschen
ist; die noch zugehörigen gothischen Bildungen schließen sich eämint-
lich an ein abgeleitetes Zeitwort intrusgjan. Im folgenden Verse war
das unentbehrliche unveisans „unwissende" früher übersehen; es geht
dem Vocativ broprjus unmittelbar voraus. Für das elfte Capitel ist
dann nur noch zu bemerken, daß Vers 33 dem griechischen ca ßa&og
gegenüber o diupipa gelesen wird, wo man das ö früher nicht hatte.
Das zwölfte Capitel zeigt Vers 10 nicht mehr friapvamüdai, son-
dern friapvamildjai „liebesmild, liebreich", das also mit unmildja
„lieblos" Timotheus 2, 3, 3 in vollstem Einklang steht und außer
Zweifel stellt, daß unser milde in gothischer Grundform mildja\ lautete;
von nahzugehörigen Formen finden wir in unsern gothischen Denk-
mälern sonst nur noch das weibliche mildipa „Milde, Erbarmung,,
Filipper 2,1. Im 16. Verse giebt Uppström vor hnaivam „niedrigen"
den früher nicht gelesenen Artikel paim; dann ist aber nah voraus
noch eine Störung beseitigt, die in den Worten ni hauhipa fropjandans
lag, dem griechischen firj xcc vxpriXa q)Qovovvxsg gegenüber. Außer in
der mehrfach begegnenden Verbindung pata sarno frapjan „das selbe
denken, einmüthig sein", die auch gerade in diesem 16. Verse vor-
kommt j steht nämlich sonst nie der Accusativ neben frapjan, sondern
der Dativ, wie noch neulich von Arthur Köhler in seiner schätzens-
werthen kleinen Schrift 'Über den syntaktischen Gebrauch des Dativs
im Gothischen, (Dresden 1864) hervorgehoben ist. Da ist aber Seite 27
aus Versehen angegeben, es habe sich statt jener störenden Verbindung
die Lesart ni hauhaba fra!pjandans ergeben; Uppström giebt ni hanbaba
Imgjandans, wie zum Beispiel Filipper 2, 2 auch das griechische tu
avxo (pQovelv durch pata sarno Imgjan „das selbe denken" übersetzt ist.
Im 13. Capitel sind von Uppström mehrere kleinere Wörter bei-
gebracht, die früher übersehen waren, so steht Vers 6 dem griechischen
£lq ctvto xovxo 7CQog xccQxspovvxeg „eben dazu beharrlich arbeitend"
im Gothischen gegenüber in pamma silhin skalkinöndans „in demselben
dienend", worin man früher das in unbeachtet gelassen hatte, das in
der Handschrift eine Zeile schließt, und Vers 9 fügt Uppström nach
aiiabusne ein ist zu, das in der Handschrift auch den Schluß einer
ziemlich langen Zeile bildet. Dann ist Vers 8 unmittelbar vor misso
„gegenseitig" noch die Pronominalform izvis „euch" hervorgetreten;
so steht das misso nirgend mehr ohne zugefügtes Pronomen : denn die
einzige Stelle, wo es außer an der vorliegenden früher noch so vorkam,
Galater 5, 26 , ist durch Uppström , wie er mir schon früher brieflich
mittheilte, auch anders geworden; die Handschrift hat dort nicht ni
ÜBER DEN HANDSCHRIFTLICHEN TEXT etc. 235
vairpaima ßautandans missd usliailandavs an Stelle des griechischen fif]
yivcdfie&cc h£v6dot,oi dl^Xovg 3iQotcccA.ov(ievoi , sondern ni vairpaima
flautai uns missd ushaitandans „werden wir nicht prahlerisch , uns ein-
ander herausfordernd", durch welche letztere Änderung ein neues Ad-
jectiv flauts „prahlerisch" ans Licht gekommen ist und die störende
Verbalform flautan beseitigt, statt deren aus der einzig belegten Form
ni ßauteip „sie prahlt nicht" Korinther 1, 13, 4 nur ein ßautjan sich
ergiebt. Im schon angeführten neunten Verse ist noch eine ganz neue
Wortform gewonnen: statt des bisherigen faihugeironjais giebt Uppström
ein durchaus neues faihugeigais „du seiest habsüchtig", das als zusammen-
gesetzt nur ein abgeleitetes Verb sein kann mit dem Präteritum faihu-
geigaida. Die Verbalform faihugeiron, die eben nur hier vorkam, ist damit
also erloschen. Man hatte aber an zwei Stellen noch nahzugehörige
weiter bestätigende Substantive, nämlich faihugeiro Timotheus 1, 6, 10
als Nominativ dem griechischen (pilagyvgia „Habsucht" gegenüber und
faihugeironi Kolosser 3, 5, dem griechischen nksovs^Cav entsprechend
als Accusativ, statt dessen man ein naheliegendes faihugeiron vermuthet
hat als regelmäßig gebildeten Accusativ zu jenem weiblichen faihugeiro.
Nun fand aber Uppström an der letzteren Stelle vielmehr faihugeigon und
an der vorausgehenden/m'/iw^r^o, die sich also deutlich an jenes faihngeigan
„begehren" anschließen, und weiter wohl nah zusammenhängen mit dem
mehrere Male auftretenden ga-geigan oder ga-geiggan „gewinnen", mit dem
das griechische xsQdaivsiv übersetzt wird. Mit jenem faihugeiron und fai-
hugeiro ist aber auch noch eine dritte bisher dazu gestellte Form gefallen,
nämlich das sächliche gairuni, das man aus dem Dativ gairunja Thessaloni-
cherl,4, 5 entnahm, wo Uppström vielmehr gairnein ans Licht gebracht hat,
das dem griechischen nad-os „Leidenschaft" übersetzend gegenübersteht,
während es Korinther 2, 7, 7 und 11 dem griechischen ejiiTto&nöig „Ver-
langen" und Korinther 2, 8, 19 und 9, 2 dem griechischen TtQO&vpia
„Lust, Bereitwilligkeit" entspricht. Somit ist alles verschwunden, was
die bisher angesetzte auch in sich durchaus unwahrscheinliche Verbal-
form geiran „begehren" anzusetzen hätte erlauben können; was dazu
gestellt worden ist, beschränkt sich jetzt auf wenige Formen, die sämmt-
lich auf ein adjectivisches gairna- „verlangend" zurückkommen. Darin
steckt aber ganz gewiss kein Grundvocal i, sondern a und es stellt sich
unmittelbar zum altindischen hdryati (aus altem ghdryati) „er liebt, er
verlangt", zu dem zum Beispiel auch das lateinische grälus (aus ghrätu*)
„erwünscht" gehört. — Über drugkaneim „Trunkenheiten" , das im
13. Verse entgegentritt, werden Uppströms Anmerkungen ohne Zweifel
Näheres sagen: von der (isibelentz und Loebe gaben das bedenkliche
236 LE(> MEYEB, ÜBEB DEN HANDSCHRIFTLICHEN TEXi etc.
dragkameim, bemerken aber in der Anmerkung zu drugkaueim Galater
5, 21, daß dort vielmehr bei neuer Prüfung drugkameim gelesen sei, für
das nun drugkaneim werde gesetzt werden müssen. Wir haben in drag-
kanei „Trunkenheit" das einfach gebildete Abstractum zu der Particip-
form driigkans, wie sie zum Beispiel Korinther 1, 11, 21 mit ut dem
griechischen [is&vei „er ist trunken" gegenübersteht.
Im 14. Capitel gestaltet sich gleich im ersten Verse der auffällige
Pluralgenetiv mitond „der Gedanken" von der Grundform initoni- durch
Uppström in das regelmäßige mitöne um, wie auch Epheser 2, 3 das
gleichbedeutende gamitone schon früher gelesen wurde und zum Bei-
spiel Markus 7, 21 der entsprechende Pluralnominativ mitoneis sich
findet. Im dritten Verse enthält wirklich die Handschrift das unrichtige
pa?ia maljandin statt des richtigen pana matjandan »den starken", wie
auch Uppström in seinen Text aufnahm , während sich einige Wörter
früher das handschriftliche frakuni statt frahmni rer verachte" eher
festhalten ließ. Auch im folgenden Verse hat Uppström eine hand-
schriftliche Form verändert, nämlich das ganz vereinzelt stehende ga-
stopanan „feststellen", das dem griechischen 6xi\6ai gegenüber steht,
in gaslopan. Wenn der Zusammenhang jener Form mit standan „stehen"
und dem Präteritum stop „ich stand" auch unverkennbar ist, so hatte
man doch keine andere abgeleitete Form dieses sonst so häufigen Ver-
bums , die sich ganz nah dazu stellen ließ , als das versschließende
ungastöpanai ,.unstät, unbeständig" Korinther 1, 4, 11. Statt dessen
hat nun aber Uppström ein kürzeres ungaslöpai gefunden und das hat
jene Änderung der handschriftlichen Lesart wohl veranlasst.
Von Vers 9 an befindet sich der übrige Theil des 14. Capitels
und ebenso was vom 15. Capitel bewahrt ist, in den Wolfenbüttler
Stücken, von denen schon oben die Rede war. Für die Schlußverse
des 16. Capitels ist durch Uppström noch dem griechischen TsQztog
gegenüber die Form Tairtius gebracht, statt des bisherigen durch sein
inneres e anstößigen Tertius. Damit haben wir das für den Römerbrief
durch Uppströms unermüdliche Bemühungen neu Gewonnene im We-
sentlichen bezeichnet, das für den verhältnissmäßig geringen Umfang
in der That ganz außerordentlich viel ist und für unser Verständniss
des Gothischen von allerhöchster Bedeutung. Als Ankündigung der
Arbeit Uppströms mag dieß hier genügen; wenn wir erst so glücklich
sind, das Unschätzbare vollständig in Händen zu halten, darf ich wohl
in ausführlicherem Bericht in dieser Zeitschrift darauf zurückkommen.
GÖTTINGEN, den 15. Februar 18(J5. LEO MEYEli.
237
NEUES BRÜCHSTÜCK VON ALBRECHT VON
HALBERSTADT.
Ein glücklicher Zufall führte mir vor einiger Zeit ein neues
Bruchstück von Albrecht von Halberstadt zu. Der Herr Assessor
Steinfeld übergab mir nämlich einen beschriebenen Pergamentstreifen,
der ihm beim Durchsuchen der auf dem hiesigen Regierungsgebäude
befindlichen Acten unter die Hände gerathen war. Dieser Streifen ent-
hält 144 Verse von Albrechts Ovidübersetzung (Ovid. Metam. VI,
440 — 480). Der Augenschein lehrt, daß er ein Stück desselben Exem-
plares ist, von welchem ein anderes Stück mein Freund, der Herr
Geh. Archivrath Dr. Leverkus, auf dem hiesigen Rathhause aufzufinden
das Glück hatte. Ohne Zweifel gehörte es zu der gräflich-oldenburgi-
schen Bibliothek, die Graf Christoph (f 1566) gesammelt hat, die
später zum Theil verbrannt, zum Theil zerstreut ist. Was Leverkus
in Haupts Zeitschrift f. d. A. II, 360 - 7 über das Äußere der Hand-
schrift mitgetheilt hat, gilt auch von diesem Bruchstücke; es findet
sich indess dort ein Druckfehler, der hiermit berichtigt wird. Wenn
es dort heißt, die Schrift sei eine schöne und große Majuskel, so ist
das unrichtig; es muß 'Minuskel' heißen. Außerdem ist noch zu er-
wähnen, daß die Columne des neuen Bruckstückes 36 Zeilen enthält,
während die Columne des alten Bruchstückes nur 35 hat. Bemerkens-
werth ist noch, daß oben ein großes C und unten das römische Zahl-
zeichen IX steht. Damit ist die 9. Lage der Hs. bezeichnet und unser
Blatt war somit, die Lage zu 4 Doppelblättern (einem Quaternio) ge-
rechnet, das 72. der Hs.
Leider ist aber auch dieses Bruchstück nicht ganz unversehrt
auf uns gekommen; die Scheere des Buchbinders hat es beschnitten,
wodurch mehrere Buchstaben zum Opfer gefallen sind; sodann ist mit
großen Buchstaben darauf geschrieben:
Copia küche[n]
Abrechnun[g]
623.
Dies hat an den betreffenden Stellen das Lesen einiger Wörter ersehwert.
Die Jahreszahl [1]623 — das ältere Bruchstück diente als Umschlag
eines Einquartierungsregisters aus dem Jahre 1625 — lässt vermuthen,
daß um diese Zeit die damals vielleicht noch unversehrte Handschrift
zerrissen und zu Buchbinderzwecken verbraucht sein muß.
•j.S.x A. LUBBEN
Es folgt nachstellend eine wortgetreue Abschrift; Alles was zwi-
schen Klammern steht, ist ergänzt; es fehlte entweder am Rande voll-
ständig oder war, in der Mitte stehend, unleserlich. Die Ergänzungen,
die mit geuauer Berücksichtigung des Raumes, den die fehlenden Buch-
staben eingenommen haben würden, gemacht sind, rühren von Leverkus
und mir gemeinschaftlich her.
a. Diu jvrowe irem manne
"ob] ich ettes wanne
Ju v]liz in hulden icht getete,
vo]lgt herre, miner bete.
5. Lat Jmich varen über se,
vf] daz daz ich gese
Den] vater vnde die swester min.
inajch des aber nicht sin,
Diu] swester kome zu mir here.
10. vf] daz er dich gewere,
Gib] ime den eit ze phande,
daz] wir sie ime ze lande
Sond]en in uil kürzen tagen.
ich] wil iz ze grozer [ere] sagen,
15. Mac]h min wille vure gan."
de]r vrowen bete wart getan.
Der] koning nicht en beite,
wa]n daz er sich bereite
Mit] den schüfen an die vart.
20. ou]ch stunt der wint dare wart,
Dar] der koning wolde vare.
dc]s quam er uil schiere dare.
Do] der sweher vernam,
da]z sin eidem dare quam,
2."). Er] in gesehen wolde.
do] tet er als er solde.
Er] grüzte sine geste,
di]e snoden vnde die beste,
Mi]t sconem antfange.
30. do] ne redete nicht lange
Tejreus die krumbe,
erjen sagete war vmbe
Er] dar komen were.
"dilch lazet biten sere
NEUES BRUCHSTÜCK VON ALBRECHT VON HALBERSTADT. ->39
35. Di]d tochter uz der mazen,
d]az du sie wellest lazen
I». Ir s wester gesellen.
mach unser wille geschehn,
\V iltu dar an genenden,
40. daz wir sie heim senden
In kurzen tagen beide,
daz swer ich bi dem eide."
Die wile quam her gegan,
dar vmbe daz biten wart getjan].
45 An grozeme homvte
kleidere uil gute
Trüch sie ane uon golde.
ob sie tragen solde
Da ze rome ein keiserin,
50. des wil ich gewis sin,
Sie worden da uil tiure.
doch was div creatiure
So wunnechlich dar vnder,
daz man gotes wunder
55. Dar ane mochte scowen.
vür megede, vür vrowen,
Vür alle erdesche wip
g[at] ir wWneehlicher lip
Ze uorne alse verne
60. so der tage sterne,
Swenner luter uf gat,
vnd in diu trübe verlar,
Vnde die Sternen alle
vil gare mit talle
(>.">. Mvzen ime vnt wichen,
recht al samelichen
Erleschete div reine
daz edele gesteine
An ir übe also gare,
70. daz is niemen wart gewar[c|.
Durch ir selbes scone
sie truch eine kröne
240
A. LUHBKN
c. In der] koninginne sal.
si]e trat uil lise in den sal,
75. Diu sc]one phylomena,
vnd] ir gesellen dar na.
Dar] under sie ze uorn schein,
wu]nnechlicher uil dan ein
Bin] me in dem meyen.
80. ein]er wilden feyen
Gelic]he sie erl uchte.
daz] sie so scone duchte
Dem] gaste zu dem male,
daz] wart ir beider quäle.
85. Wan d]o sie Tereus gesach,
ni]e geschieht daz ime gescach.
Gar er] der rede vergaz,
vnd] allez swigende saz.
Er be]gund en binnen
90. ra]zen uon vnsinnen
Vnd v]on gedanken manechvalt.
do] gedacht er mit gewalt
Pand]yony dem alden
die] maget uor behalden,
95. Vnde] sie beherten
mit] bliitegen s werten.
Do ge]dachter aber, wie
er] einer vrowen, div sie
Hete] in grozer hüte,
100. ver]gebe mit deme gute,
Daz si]e daz kint verriete
dur]ch Ion vnde durch miete,
Vnd] ob sie ouch ze lone
eisch]ete die kröne
105. Vnd] aisin koning riebe.
also] tobeliche
Was er] des tiubels genoz,
in d]uchte nicht ze groz,
d. Alle ding durch sie ze tvne.
J10. so tumplichen kvne
Machet ime div minne
d:\z herz vnd al die sinne.
NEUES BRUCHSTÜCK VON ALBRECHT VON HALBERSTADT. 241
Daz swigen ducht in al ze lanc,
went in div liebe betwanc
115. Keren ander weide
mit bete ioch mit leide
Zu siner vrowen botescaft.
div minne tet in redehaft.
Swen er uz dem wege trat
120. vnd uzer mazen gebat,
Verrer den er solde,
so sageter, daz wolde
Sin vrowe recht al samelich,
iz wäre uil vmbillich7
125. Ob er nicht en tete,
des in sin vrowe bete.
Ouch weinet er dar vnder;
wie getan ein wunder,
Daz meinen an der erden
130. vber ne mach werden.
Zu sinem ungelucke
ouch hanget an deme ruck[e]
Vf deme vater uil na
div scone philomena
135. Mit wizen iren henden,
vnde bat sich senden
Vlizechlichen über se,
daz sie die swester gese.
Dar vmbe kuste sinen mvnt
140. die scone maget wol dusent [stunt,]
Des vater. zu dem male
daz was ein groz quäle
Dem ungetruwen gaste,
vnde wucherte vaste.
Was die Reime betrifft, so bietet dieses Bruchstück folgendes
Bemerkcnswerthe dar. were (für wcere) : sere (wie Br. a. 278). heiserln :
sin 49. unliuichen : alsameliehen 65. (hier begegnet also -liehen im Reime
s. Bartsch Albr. v. H. CLXXXVI). konincriche : tobeliche 140. alsamellh:
billlcli 123 (s. Bartsch CCXLII). Rührende Reime, die fast eine Lieb-
haberei Albrechts zu sein scheinen, giebt es selbst auch in diesem
kleinen Bruchstück mehrere. Außer dem bereits angeführten lieh : lieh
noch salzsal 73. über st:ges<? 5. 137. alle '.mitalle 03. nä : Philouiend
GERMANIA X. IG
242 A. LUBBEN
75. 133. — Die niederdeutsche Sprache ergiebt sich aus dem mangeln-
den Umlaut in snode, scone, kuone, vber, ungelucke, rucke, ungetruive;
(Umlaut des a in e findet sich in henden : senden 135); ferner aus ein-
zelnen Ausdrücken wie alden : behalden 93. honing 73. 140. vntivichen 65.
BEMERKUNGEN.
V. 1. Diu vrowe irem manne, zu ergänzen etwa: sagete, nämlich
Procne zum Tereus.
V. 3. vliz getete: 'wenn ich euch je Fleiß und Eifer gethan habe',
d. h. gegen euch je (dienst)beflissen gewesen bin. (Ovid. 440 si gratia,
dixit, Vlla mea est.) In Müllers mhd. Wb. findet sich unter vliz (3, 352)
nicht die Redensart: einem vliz tuon; indess steht sie dem vlizen tuon:
do loart von schämen vrowen vilmichel vlizen getan (Nibel. 261, 4. 1593, 4)
und der xoirt gen sinen gesten sich sere vlizen began (725, 4) grammatisch
und logisch so nahe, daß an ihrer Richtigkeit wohl kein Zweifel ist.
V. 25. Man hätte hier ein vnde erwartet: 'als sein Schwäher ver-
nommen hatte, daß sein Eidam dahin gekommen war und ihn besuchen
wollte, da that er (der Schwäher) etc.'; und ich war auch geneigt,
dies zu ergänzen; allein Leverkus belehrte mich, daß die letzte Hälfte
des durchschnittenen r noch dastehe und also die Ergänzung von vnde
unwahrscheinlich sei. Ergänzt man er, so beginnt mit er der Nachsatz
und gesehen steht in der Bedeutung des einfachen sehen. Vielleicht —
denn der Ausdruck hat etwas Holperiges — hat ein anderes Wort
als er da gestanden. Wickram (nach Bartsch S. 108, V. 25) hat:
do der sweher sin vernam
daz sin tochterman quam
und in heimsuchen wolde
do tete er als er solde.
Wickram ist aber für die Herstellung des ursprünglichen Textes eine
gar zu unsichere Autorität.
V. 28. die snoden vnde die beste] Zusammenfassend : alle miteinander;
wie auch Walther von der Vogel weide seinen Gruß bietet: Quoten tac,
baes xinde guol (Parz. 297, 25). Auffallend ist hier, daß in demselben
Verse nach dem Artikel die starke und die schwache Form des Ad-
jectivs steht.
V. 31. die krumbe reden] Umschweife machen; eine sonst nicht
belegte Redensart.
V. 39. dar an genenden] 'Willst du es wagen, so schwöre ich dir,
daß wir sie bald wieder heimsenden werden'.
V. 45. an grozeme h.] In großem Hochmuthe, Stolz. Ovid 451.
Ecce venit magno dives Philomela paratu. Das Komma ließe sich auch
NEUES BRUCHSTÜCK VON ALBRECHT VON HALBERSTADT. 243
ohne Beeinträchtigung des Sinnes nach homüte setzen: fSie kam stolz,
herrlich hergegangen'. Vielleicht steht es sogar besser da, indem dann
das Folgende nicht so überladen erscheint.
V. 51. worden — wurden als Conj. Imperf. Als Indic. Imperf. steht
worden Brachst, a. 35.
V. 59. zevorne] ze vorne gän vure übertreffen; mit Dativ bei Bartsch
Albr. S. 250, V. 151:
ich gie doch eteswanne
an kinden unde an manne
an cidemen unde an snorn
manger kunegin zuvorn.
cf. V. 77. darunder de ze vorne schein; sie erschien als die erste, vor-
züglichste.
V. 66. alsamelichen]. Als Adv. nicht in Müllers mhd. Wb. auf-
geführt.
V. 75. Philomena. Über diese, besonders bei den Franzosen nicht
seltene Verderbniss von Philomela s. Grimm und Schindler, latein.
Dichtungen des 10. und 11. Jahrh. S. 322.
V. 77. gesellen] hier von den Gesellschafterinnen , welche die
Fürstentochter umgeben.
V. 82. daz sie so scone duckte dem gaste]. Ein Beispiel zu dünken
mit dem Dativ; denn gaste kann nur Dativ sein.
V. 87. gar]. Diese Ergänzung von Leverkus; ich stimmte für daz-
als Einleitung des Erklärungssatzes zu daz ime geschach.
V. 90. razen]. Dies ist freilich ein Wort, das der mittelhoch-
deutschen Sprache fast ganz fremd ist, und das, wo es erscheint, mit .«,
nicht mit z, geschrieben wird; da indess ein Begriff der Art, 'daß er
von Verstand kömmt', nothwendig ist (cf. Bartsch Albr. S. 109, V. 76 sq.
ir schone in enzunde \ und tet in also brinne \ daz er vergaz der sinne \
und gewan gedanke manecvalt*) und die Ergänzung toben oder t umhin
wegen des noch stehenden Restes eines z unzulässig war, so haben
wir nichts Besseres zu finden gewusst.
V. 94. vorbehalden] vorenthalten, nicht wieder herausgeben.
V. 95. beherten] Ovid 464. et saevo raptam defendere hello.
V. 100. vergebe] einem mit guote vergeben, bestechen (Ovid 461.
nutricisque fidem corrumpeiej.
V. 116. mit bete jorh mit leide]. Die schwierige Stelle ist vielleicht
so zu erklären: 'die Liebe nöthigte ihn zum zweitenmale (das erstemal
ist es V. 40 geschehen : aber T. wurde in seiner Bede durch die Er-
scheinung der Philomela unterbrochen) die Botschaft seiner Gemahlin
16*
244 A- EUI3BEN, NEUES BRUCHSTÜCK etc.
auszurichten, indem er die PL. bat ; doch that er es mit Leid, wie ja
liebe und leide zusammen gehören ; das joch ist demnach im adversa-
tiven Sinn zu nehmen, wie häufig; s. Müllers mhd. Wb. u. d. W. Die
beiden mit sind verschieden aufzufassen ; das erste mit (bete) giebt den
Gegenstand an, in Bezug worauf die Aussage stattfindet, in Betrefi',
wie Nibel. 496, 3. wir sümen uns mit den mceren, und 421, 3. alle Prün-
hilde man möhten samfte gän mit ir übermüete; das zweite mit (leide)
bezeichnet Gemeinschaft, Verbundensein; das joch mit leide ist daher
wohl zwischen zwei Kommata zu setzen. Ovid 466 ff. nee capiunt in-
clusas pectora flammas. Jamque moras male fert; cupidoque revertitur
ore Ad mandata Procnes.
V. 119. siven er üz dem wege trat]. Die bildliche Redensart erklärt
sich hinlänglich aus dem Folgenden : 'wenn er nicht die Linie des ge-
ziemenden Austandes inne hielt. Ovid 469. quotiesque rogabat Vlte-
rius justo.
V. 129. meinen]. Das Wort kann auch niemen gelesen werden;
dies schien uns keinen passenden Sinn zugeben. Was soll aber dieses meinen
bedeuten? meinen als 'gedenken, liebend gedenken' als synonym mit
minnen ist auch dem Zusammenhange nach sinnlos. Der Gedanke würde
allerdings nicht unpassend sein: 'Es ist nichts stärker als die Liebe,
wie sich auch an dem Beispiele des Tereus zeigt'; aber dieser lässt
sich weder mit Güte noch mit Gewalt aus den Worten herauslesen.
Einen Schlüssel zur Erklärung giebt Ovid. Dieser sagt V. 471 fg. :
Addidit et lacrimas; tamquam mandasset et illas. Proh Superi! quan-
tum mortalia pectora caecae Noctis habent! ipso sceleris molimine
Tereus Creditur esse pius. Es erhebt also Ovid Klage über die Fin-
sterniss und Bosheit im Herzen des Menschen, der das Verbrechen
selbst in den Schein der Tugend zu kleiden verstehe. Etwas Ähnliches
wird auch wohl Albrecht sagen wollen. 'Tereus weinte auch dabei ;
das waren aber nur verstellte Thränen , Krokodilsthränen : welches
Wunder ist es doch, daß Lug und Trug (meinen) in der Welt nicht
aufhören, daß man dessen nicht überhoben sein kann!' Bedenklich sind
indess bei dieser Erklärung erstens der Infinitiv meinen, indem das
Verbum meinen in diesem Sinne sonst nicht in Gebrauch ist; sodann
der absolute Gebrauch von über teerden. Vielleicht hat der Schreiber
hier einen Fehler gemacht. Wie aber diese Stelle sonst zu erklären
oder zu heilen sein mag, weiß ich nicht.
V. 132. ouch hanget an dem rucke vf dem vater F.] Ovid 475.
patriosque lacertis Blanda tenens humeros.
V. 141. des vater]. Nachholende Erklärung des dnen V. 139.
Der Punkt nach vater rührt nicht von uns her, sondern steht in der
REINHOLD KÜHLEE, EIN ENGEL FLOG DURCHS ZIMMER. 245
Handschrift selbst, die sonst ohne Bezeichnung der Interpunction ist,
nur daß an einigen Stellen am Schlüsse der Zeile ein Punkt steht,
der aber nicht die Geltung eines Interpunctionszeichens haben kann.
Nach den graphischen Regeln des MA. aber würde in der Mitte kein
Punkt stehen , wenn er nicht die Bedeutung irgend einer Unterschei-
dung haben sollte. Der Schreiber will demgemäß wohl so construieren:
rdie Jungfrau küsste den Mund ihres Vaters. Ganz besonders dieser
Umstand war es, der dem Tereus Qual verursachte', tomalen in diesem
Sinne ist gut mittelniederdeutsch. Verwirft man diese Interpunction
des Schreibers, so ist ein Punkt noch zu dem male zu setzen, das dann,
dem gewöhnlichen Sprachgebrauch gemäß7 wie auch V. 82, nichts
anders heißen würde als 'damals', fin jener Zeit'.
OLDENBURG, im Juni 1865. A. LÜBBEN.
EIN ENGEL FLOG DURCHS ZIMMER.
Gibt es für diese bekannte Redensart ältere Belege? Im Grimm-
schen Wörterbuch fehlt sie, und demnach haben den Verfassern keine
Beispiele für dieselbe vorgelegen und sie haben so sie anzuführen ver-
gessen. Daß sie ihnen bekannt war, wäre jedesfalls anzunehmen, auch
wenn nicht Jacob Grimm sie anderwärts erwähnt hätte. Er sagt näm-
lich gelegentlich in seinem Aufsatz über das finnische Epos (Höfer's
Zeitschrift für die Wissenschaft der Sprache 1, 55): 'Wenn plötzlich
unter versammelten Menschen Stille entsteht, heißt es: ein Engel ist
hindurch gegangen , ein Engel flog hindurch , sein hehres Erscheinen
hat den weltlichen Lärm geschwichtigt. Die Griechen sagten 'Eg^rjg
ix stör} Ade *). — Auch Sanders weiß nur zwei Belege aus Schriftstellern
unsres Jahrhunderts beizubringen **).
Aus den Werken Fernan Caballero's sehe ich , daß die Redens-
art auch in Spanien geläufig ist. In den Cuentos y Poesias populäres
audaluces dieser Schriftstellerin lesen wir (S. 41 der Leipziger Aus-
gabe): 'Sabemos que cuando varias personas reunidas callan, no es,
porque vaya el coche sobre arena como dicen las personas cultas.
*) Zu dieser griechischen Redensart hat bereits Franz Passow in seinem grie-
chischen Wiirterlmche bemerkt: unser 'ein Engel flog durchs Zimmer'.
**) Mörike Maler Nolten, Stuttgart 1832, S. 244: Ists nicht ein artig Sprüch-
wort, wenn man bei der eingetretenen Pause eines lango gemüthlich fortgesetzten Ge-
sprächs zu sagen pflegt: es geht ein Engel durch die Stube? Immermann Münchhausen,
Düsseldorf 1838, 1, 71: Der Mythus sagt, in solchen Zeiten (liege ein Engel durch das
Zimmer, aber nach der Länge derartiger Pausen zu urtheilen, müßen zuweilen auch
Engel diese Flugübungen anstellen, deren Gefieder aus der Übung gekommen ist.
246 LITTERATUR.
sino porque ha pasado sobre ellas un angel, infundiendo al aire que
mneven sus alas, el silencio del respeto ä sns airaas, sin que defina
la causa sa comprension . Und in der Novelle La familia de Alvareda,
Madiid 1856, S. 49: 'Dicen euando todos callan a la vez, que un angel
ha volado sobre nosotros, y el aire de sus alas nos ha infundido el
respeto del silencio'. Und in der Novelle Un verano en Bornos, Ma-
drid '858, S. 131: rAcaso habra, segun la poetica creencia religiosa
del pueblo, pasado volando un angel entre nosotros, causando el aire
de sus alas el silencio, esa incontestable senal de respeto'.
WEIMAR, Februar 1865. REINHOLD KÖHLER.
LITTERATUR.
Deutsche Bibliothek, herausgegeben von Heinrich Kurz. 3.-6. Bd.: H. J. Chr.
v. Grimmeishausen Simplicianisehe Schriften. — 7. Bd.:
Jörg Wickram 's Rollwagenbüchlein. Leizig. J. J. Weber.
1863 — 1865. 8.
Die freundliche Aufnahme, welche die beiden ersten Bände dieses verdienst-
vollen Unternehmens fanden,' darf unbedingt in gleichem, wenn nicht höherem
Maße auch den vorliegenden entgegengebracht werden, die uns zunächst den
Simplicissimus , den bedeutendsten Roman seiner Zeit, ein für Culturgeschichte
höchst wichtiges und daher für weitere Kreise interessantes Denkmal nebst einer
Auswahl aus den übrigen Schriften Grimmelhausens bieten. Dieselbe Sorgfalt
und Umsicht, mit der der Herausgeber an den ersten Bänden arbeitete, findet
sich auch hier wieder mit lobenswerther Ausdauer angewendet, um dem Leser,
sei er Fachmann oder nicht, durch kurze aber gründliche Einleitungen, Erklä-
rungen und Anmerkungen, sowie ein sehr dankeswerthes Wörterverzeichniss am
Schlüsse das Verständniss möglichst zu erleichtern. Dafür haben wir dem Her-
ausgeber unsern vollsten Dank auszusprechen, der dadurch nicht im geringsten
vermindert werden soll, wenn wir in Folgendem hie und da auch etwas zu be-
richtigen oder der Ansiebt des Herausgebers eine andere gegenüberzustellen
haben. Wenn wir uns bei diesen Bemerkungen auf die beiden den Simplicissimus
enthaltenden Theile (doch die weitaus wichtigsten von allen) beschränken, so
geschieht dies um den Raum der Germania nicht zu sehr in Anspruch zu
nehmen für ein Werk, das streng genommen außer den Grenzen ihres Be-
reiches liegt.
Die Einleitung im 3. (resp. 1.) Bd. stellt außer der Litteratur und der
Bibliographie auch alles, was wir über die Person des Verfassers wissen, ge-
drängt aber sorgfältig zusammen. Dabei wird S. XVIII — XXII die Frage wieder
besprochen, ob Grimmeishausen Protestant oder Katholik war. Unserer Ansicht
nach ist es am wahrscheinlichsten, daß er zwar von protestantischen Eltern
stammte, aber später katholisch wurde. Für das erstere sprechen sein Geburtsort,
seine Widmungen, der Verlagsort seiner Schriften und mehrere auch von Kurz
S. XIX angeführte Stellen seiner Schriften, für den Übertritt zum Katholicismus
das Gespräch zwischen Simplicius und Bonamicus und die Notiz im Todtenbueh
von Renchen. Das Gespräch zwischen Simplicius und Bonamicus scheint uns
LITTERATUR. 247
wenigstens viel ernstlicher gemeint, als das Passow zugeben will; die Suprematie
des Papstes abgerechnet, die unerwähnt bleibt, werden die übrigen streitigen
Glaubenslehren von Bonamicus, der den Katholioismus vertritt, keineswegs 'mehr
entschuldigt, als gerechtfertigt, sondern im Gegentheil, wenn auch, wie es von
einem Grimnielshausen zu erwarten, nicht fanatisch, aber doch mit aller Ent-
schiedenheit und Schärfe der protestantischen Lehre gegenüber als die einzige
volle Wahrheit hingestellt und Simplicius ist zum Schluß vollständig überzeugt,
daß seine Prediger ihn auf die falsche Fährte geführt hatten. Das 'entschuldigen',
das Passow darin finden will, ist vielmehr eine ziemlich strenge Abweisung aller
unbegründeten Verdächtigungen des Katholicismus. Die Notiz im Todtenbuch
von Renchen : saneto (sacramento ?) Eucharistiae pie munitus obiit hat die volle
Beweiskraft, die ihr Passow gab. Keller und mit ihm Kurz sind im Irrthum,
wenn sie meinen, diese Worte könnten auch auf einen Protestanten gehen, denn
damals wie heut konnte die katholische Kirche nur diejenigen von protestan-
tischen Geistlichen gespendeten Sacramente als solche anerkennen, zu deren Aus-
spendung nach ihrer Lehre kein Priester nothwendig ist: die Taufe und
die Ehe. Zum Überfluß spricht das Bonamicus an mehreren Stellen der 'Ange-
regten Ursachen sehr deutlich aus, so daß es zu wundern ist, daß es Kurz ent-
gehen konnte. Die Stellen sind folgende. Nachdem Bonamicus zweimal vom
protestantischen Abendmahl als von einem vermeinten Sacrament' und 'ver-
meinter Empfahung gesprochen, fährt er fort (Gesammtausgabe Nürnberg
1695. 8. 3, 6 7 5): Das Ablatt und der Wein, den der Prädicant mit sich bringt,
seind vor seiner Segnung eben so ein schön Sacrament als darnach, und darnach
so gut gemein Brod und Wein als zuvor, wie sie selbst bekennen . Und als
ihn Simplicius fragt, was er mit dem vermeinten Sacrament sagen wolle, ob
die Protestanten nicht das rechte Sacrament hätten, erwidert Bonamicus ganz
entschieden (S. 6 7 6): Nein, ihr habts nicht, weil ihr keine Priester habt, die
es machen können. Denn daß man Brod und Wein zum Leib und Blut Christi
segne, darzu gebort ein göttliche Kraft, welche keiner haben kan , als der sie
ordentlicher Weise von Christo durch die Apostel und dero Nachkömmlinge die
catholische Bischöfe empfängt: derer Empfahung sich euere Piädicanten nicht
rühmen können und dannenhero auch die Worte das ist mein Leib, das ist
mein Blut nicht kräftiger als ein Comoediant über Brod und Wein sprechen :
daß es nämlich nur bloß leeres und lauteres Brod und Wein bleibt und kein
Sacrament wird Über diß gestehen sie (die Prädicanten) auch, daß es
nach ihrer Segnung Brod und Wein bleibe und durchaus kein Sacrament sei,
wenns nicht genossen wird. Derohalben folgt, daß es ihre Segnung nicht zum
Sacrament mache , und weils deine Genießung eben so wenig macht , ihr
allen t halben ein Un- Sacra inen t habt. Diesen Stellen gegenüber kann es wohl
kaum mehr einem Zweifel unterliegen , daß ein katholischer Pfarrer die Notiz
im Renchener Todtenbuche von einem Protestanten nicht schreiben
konnte, daß also Grimmelshausen als Katholik gestorben sei. Dazu kommt nun
noch die ebenfalls von Passow mitgctheilte Notiz, daß im Bisthum Straßburg,
zu welchem Renchen damals gehörte, alle Prätores Katholiken sein mußten.
Aus dieser Notiz lässt sich vielleicht ein Anhaltspunkt gewinnen für die Fest-
stellung der Zeit, in diu der Übertritt fällt. Wie, wenn statt daß man nach
Kurz eine Ausnahme von der Regel machte, Grimmelshausen sich entschlossen
hätte, um Prätor in Renchen werden zu können, seine Confession zu ändern?
Das Motiv wird zwar Vielen odios erscheinen und daher verworfen werden, aber
248 LITTERA.TUR.
bei einem Mann, der wie Gr. von sich selbst sagt, daß er weder Petrisch noch
Paulisch sei und der offenbar nicht sehr viel religiöses Bedürfniss empfand,
seheint es mir nicht so sehr bedenklieh. Dann mußte er spätestens 166 6 oder 6 7
übergetreten sein, denn im letztgenannten Jahre ist er schon Prätor. In diese Zeit
müßte dann auch das angezogene Gespräch, die Rechtfertigung seines Schrittes, fallen.
Was die vorliegende Ausgabe betrifft, so weicht sie von der Keller's darin
bedeutend ab, daß ihr und wie uns scheint aus schlagenden Gründen der Druck
D anstatt B zu Grunde gelegt ist. Nicht ebenso einverstanden erklären können
wir uns mit der Orthographie. Hier wird doch dem Bestreben nach diplomati-
scher Treue zu weit nachgegeben. Was sollen all die überflüssigen, zum Theil
falschen Dehnungszeichen , die barbarischen Consonantenhäufungen und Verdop-
pelungen und der ganze Wust inconsequenter Orthographie jener Zeit, an der
oft der Setzer ebensoviel Antheil hat als der Autor? Gewisse Eigentümlich-
keiten, soweit sie diabetisch oder in der Lautlehre begründet sind, müßen aller-
dings bewahrt werden, alles Übrige sollte man vereinfachen und consequenter
machen ; der Forscher lernt aus jeuer hässlichen Orthographie nichts und beim
Lesen stört sie nur. Jedesfalls heißt es die diplomatische Genauigkeit zu weit
treiben, wenn man wie Kurz, der Inconsequenz der Drucke folgend, den Infinitiv
mit zu bald zusammenschreibt, bald kaum eine Zeile weit entfernt wieder trennt
(I, 13, 7. 8. 7 6, 15 u. ö.). Da könnte man doch ebensogut die wirre Inconsequenz
der Interpunction auch aus den alten Drucken in die neuen Ausgaben aufnehmen.
Was die beinahe überreichen Erklärungen unterm Text, die Anmerkungen
und das auch dem Fachmann höchst willkommene Wörterverzeichniss am Schlüsse
sämmtlicher Bände betrifft, so kann man darüber im Allgemeinen nur volles Lob
aussprechen. Hie und da ist ein Irrthum untergelaufen oder eine Stelle unerklärt
geblieben, wie es bei einer Arbeit von solchem Umfang leicht geht. In den
folgenden Bemerkungen sollen , ohne auf absolute Vollständigkeit Anspruch zu
machen, solche Stellen besprochen werden. I, 9, 6. ist deren unrichtig durch
den (Dat. Plur. des Artikels) erklärt; es bezieht sich auf Sucht und ist Dat. Sing.
wie I, 6 9, 2 8. — 2 8. Die neue Aufstellung des Abgesangs scheint uns unrichtig,
denn es entstehen dadurch Zeilen mit bloßem Binnen- ohne Endreim; wir würden
daher die Aufstellung Lachmann's (zu Walther S. 205) vorgezogen haben:
Laß dein
Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben. —
65, 18. Daß von einem Gebäck, das den Namen Türkischer Bund führt, nicht
die Rede sein könne, zeigt der Zusammenhang, es kann nur der Türkenbund
(Turban) im eigentlichen Sinne gemeint sein. — 6 6, 13. versehen ist hier so-
viel als 'ausgeben, bezahlen für's Anschauen', ähnlich gesagt wie veressen, ver-
trinken'. — 103, 23. weil naut im Schank war = 'weil Noth im Schank war,
ihnen nichts geschenkt, nichts zu trinken gegeben wurde? — 13 2, 14. Hippe
ist ein oblatförmiger Kuchen, das Wort ist noch heute im Gebrauch in Hohle-
hippen', wie diese Kuchen genannt werden, wenn sie cylinderförmig eingerollt
sind. Schindler 2, 221. — 135, 15. Gauckelfuhr ist nicht wie Kurz erklärt:
'Narren/Wir, Narrenzw//, von einem Zug ist gar keine Rede. War dem Heraus-
geber das mhd. gougel/uore , närrisches Gebahren, nicht aus Walther 31, 29 u. a.
erinnerlich? — ■ 17 1, 3. Die Erklärung der Redensart zu häufen fallen durch
nieder, auf die Erde f.' ist, wenn auch nicht gegen den Sinn, doch mindestens
LITTERATUR 249
ungenau; zu häufen ist natürlich soviel als zusammen, übereinander'. Derselbe
Mangel an Genauigkeit begegnet öfter in den Ei-klärungen. — 177, 3. Der
Ausdruck gern so groß für leicht s. g. hätte bei der sonstigen Ausführlichkeit
der Erklärungen wohl Erwähnung verdient. — 18 7, 6. laureten ist nicht 'be-
trogen , sondern sie erspähten den Augenblick, wo es bei dem Andern Geld
zu erhaschen gab'. — 2 2 0, 25. Kost kann hier nur von der Speise gemeint
sein. — 22 7, 1. Wildbahne scheint ohne Zweifel Wildgehege zu bedeuten,
Wildban als Jagdrecht ist masc. — 249, 19. ich ist zu streichen. — 257, 22.
ob natürlicher Mensch hier soviel als sterblicher bedeuten solle, zweifle ich, es
genügt die Bedeutung wirklicher, gewöhnlicher. — 261, 15. Ja-Herre bedeutet
sonst allerdings einen, der zu allem Ja sagt, hier scheinen jedoch dem Zusammen-
hang nach eher jene Herren verstanden, die überall Recht behalten wollen und
zu allem, was sie sagen, nur ein Ja hören können. — 3 92, 11. Complimenle
bedeuten nicht Genüsse, sondern wie 2 9 2, 1. Lobreden, Artigkeiten, Schmei-
cheleien. — - 3 3 5, 28. Die Erklärung von gemeint durch betrogen, hintergangen,
getäuscht ist wieder zwar dem Sinne nach zutreffend, aber sprachlich ungenau,
indem der Sinn von Betrug erst durch den Beisatz mit der allcrgrösten Untreue
dazu kommt; einen meinen heißt im Gegentheil ihn lieben und der Ausdruck
ist hier ironisch zu nehmen, wie Äsop II, 45, 3 9 ff. vgl. Liebrecht Germ. 7, 49 7.
— ■ 3 46, 2 2. neiden steht hier in seiner ursprünglichen Bedeutung hassen'. — ■
3 5 2, 1. heunt mhd. hlnte hint aus hinaht ist nicht heute', sondern diese Nacht,
heute Nacht' und heunt Nacht ist also ein Pleonasmus. — 3 6 0, 10. Die Stelle
ist ohne Zweifel zu erklären : wenn irgend das eine (Theil d. i. Exemplar) nicht
hinüber käme (an seinen Bestimmungsort).' — II, 134, 11. ist verdrängt wohl
Druckfehler statt vordrängt. — 168, 28. Der Sinn ist wahrscheinlich: einen
Brief bis auf den kleinsten Strich so zu schreiben (nämlich in Chiffren), daß nie-
mand ihn entziffern kann. Was der Herausgeber zur Erklärung beibringt, genügt
nicht. — 2 6 8, 6. Catharinen-Oel soll jedenfalls ein heilsames Ol bedeuten; der
Ausdruck erklärt sich vielleicht am besten aus der Legende , der zufolge vom
Sarg der hl. Katharina v. Alexandrien, nachdem die Engel ihn auf dem Berg
Sinai beigesetzt hatten, Öl floß, das alle Krankheiten heilte; vgl. Germ. 8, 17 9.
186. — - 282, 10 soll kaum auf eine besondere jüdische Ceremonie hinge-
deutet, wie wir eine solche auch nirgends zu finden im Stande waren, sondern
wohl einfach die Stärke des Mästens ausgedrückt werden. — 29 6, 8. 9. Die
Redensart dieser und jener = der Teufel, hätte im Wörterverzeichniss nicht unbe-
merkt bleiben sollen ; mit der Erklärung anthue für ausseng ist der Sinn der
Stulle allerdings nur sehr allgemein getroffen. Ich glaube, die Meuder will sagen:
daß dies (nämlich was du so unmäßig saufest) der Teufel mit seinem Feuer
wieder herausbrenne', heraussenge. — 3 10, 2 9 ist eoaeuiren nicht abgehen,
sondern entfernen. — 3 12, 9. Unter Nasenschleiferei ist ohne Zweifel nur die
Kunst verstanden, die Nasen, wie es weiter unten Z. 15 heißt, nach belieben
proportionirn, ihnen eine beliebige Gestalt geben zu können.
War die Nachlese zum Simplicissimus schon eine nur geringe , so haben
wir zum Rollwagenbüchlein noch weniger zu bemerken. Genaue Nachforschungen
in der mittelalterlichen Novellenlitteratur werden vielleicht die Nachweisungen
noch hie und da ergänzen helfen, gewiss hat aber Kurz Recht, wenn er (S. XXXV)
vermuthet, viele Geschichten möchten nach mündlicher Überlieferung erzählt sein.
Zu den Anmerkungen nur Folgendes: 20, 19. Butts tauben ast gehört
250 LITTEEATÜR.
wohl zu den Ausdrücken, die Grimm 2, 279 gesammelt sind, wo dieses Beispiel
fehlt. — 28, 12 in der Wüste predigen heißt allerdings tauben Ohren predigen,
hier aber kann es diesen Sinn nicht haben, da der arm gebliebene Landsknecht
ja im Gegentheil der Predigt des b. Johannes folgte. — 4 3, 7. in glaubhoftig
sehe ich nur einen Ausdruck der Bekräftigung wie wahrhaftig, traun, in der
That etc. Die Bedeutung nach glaubhaf Ligen Berichten vermuthe ich darin weniger.
— 53, 12. rochen zusammen. K. erklärt trafen zusammen? Sollte es nicht
eher bedeuten erregten zusammen solchen Gestank d. h. Unwillen und Auf-
sehen? — 69, 2. Feder schioing er ist wohl Raufbold, Renommist. Nach vorne
gerichtete Federn gelten unter den Bauern noch heute als Aufforderung zu
Streit und Rauferei. — 8 9, 19 verküsen ist gering achten, verzichten. Wickram
will sagen: Kein Frevel war den Bauern zu groß, um auf ihn zu verzichten,
von ihm abzulassen oder um ihn nicht gering anzusehen, sich nichts aus ihm
zu machen. — 13 4, 15. vgl. hiezu die Erzählung die Nachtigall bei v. d. Ha-
gen GA. 2, 7 1.
Das Rollwagenbüchlein des Jörg Wickram erscheint hier zum ersten Mal
vollständig: bisher war es jedem, der nicht in der Nähe einer größeren Biblio-
thek lebte, nur in einzelnen Proben zugänglich. Und doch verdient es trotz dem
harten Urtheil, das Gervinus (3, 125 f.) über Wickram fällt, nicht vergessen
zu werden. Es ist eine Sammlung von Schwänken und kurz skizzierten Erzäh-
lungen, wie der Verfasser selbst sagt, bestimmt, in schiffen und auf den roll-
wegen *) deßgleichen in scherheuseren und badstuben erzählt zu werden und
reich genug an echtem Kernwitz, um auch heute noch zu erfreuen und zu unter-
halten ; freilich muß man über manche Derbheit, über manches Wort, das bei
uns in guter Gesellschaft nicht darf genannt werden (und das schon Fischart
nicht eben billigte), ein Auge zudrücken. Aber ehe man Wickram deshalb ver-
urtheilt, muß man erwägen, daß man zu seiner Zeit die Geschlechtsverhältnisse
mit großer Unbefangenheit und Nnivetät anzusehen und zu behandeln gewohnt
war, was aus der gleichzeitigen Litteratur allenthalben hervorgeht. Und darauf
möchte ich das Hauptgewicht legen, um die im Rollwagenbüchlein' begegnenden
Zoten in Einklang zu bringen mit der im Vorwort ausgesprochenen Absicht des
Verfassers, mit seinem Buch die unverschämten Erzählungen, wie sie auf Roll-
wagen gebräuchlich wären und an denen züchtige Frauen und Mädchen An&toß
nehmen müßten, zu verdrängen. Wenigstens ist mir die von Kurz schon beim
Esopus ausgesprochene und hier wiederholte Ansicht, daß die Verfasser ihren
ursprünglichen Zweck vergaßen und nur an männliche Zuhörer dachten (Einl.
S. XLIV) wenig wahrscheinlich.
Über Wickram's Leben wissen wir sehr wenig, das Wenige, was durch
umsichtige Bemühung über ihn und sein Geschlecht zu gewinnen war, hat Kurz
sorgfaltig (S. V — X) zusammengestellt. Darnach war er wahrscheinlich aus Colmar
gebürtig, Meistersänger und zwar Gründer der Colmarer.chule, die er nach einer
eigenhändigen Notiz zu Weihnachten 154(5 eröffnete. Als Stadtschreiber zu
Burckheim nennt er sich im Rollwagen und andern Schriften. Welches Burg-
heiin gemeint ist, das Elsäßische oder Badische, ist nicht entschieden, doch
neigen die Vermuthungen zum letzteren. Sei Todesjahr lässt sich ebensowenig
*) Fuhrwerke, die den Verkehr an bestimmten Tagen zwischen entfernten Orten
herstellten, wie die sauber nachcopierte Titclvignete zeigt, nicht unähnlich unsern
Leiterwagen.
LITTERATUR. 251
sicher bestimmen als sein Geburtsjahr. 1562 nennt ihn der Buchdrucker Thiebold
Berger bereits als verstorben, Kurz vermuthet das Ende 155 6 oder 155 7 als
die Zeit seines Todes, da nach dem letztgenannten Jahr k» ine seiner Schriften
mehr in erster Ausgabe erscheint, was nach der reichen Fruchtbarkeit, die er in
den 5 0er Jahren entwickelt, allerdings auffallen muß.
Der neuen Ausgabe ist natürlich die älteste s. 1. 1555 zu Grunde ge-
legt: die Zusätze in Bb (1557) und C (Mühlhaus<-n s. a) sind als Anhang
mitgetheilt. Zu den von Kurz Einleit. XVI ff. beschriebenen Ausgaben können
wir noch zwei aus der Wiener Hofbibliothek hinzufügen, eine aus dem J. 1555
o. O. u. Dr. und eine gedr. zu Mühlhausen s. a. Keine von beiden ist iden-
tisch mit den entsprechenden bei Kurz A und C. Die hier folgende Beschrei-
bung wird das zeigen.
l) 1555 o. O. u. Dr. Titel Bl. Al.: Das Rolwagen büchlin (schwarz).
Ein newes vor \ vnerhvrts buchlein, darinn | vil guter schwenck vnnd Historien
be | griffen werden, so man in Schiffen vnd auff den | Rollwägen erzelen mag,
die schweren Melan | colischen gemuter zu ermundtern. Allen Kauf | leuten, so
die Messen hin vnd wider brau | chen zu einer Kurtzweil an tag bracht | durch
Jörg Wickramen, Stadt | schreyber zu Burckhaym, Anno | 1 5 5 5 . Titelbild wie
in A, ein Rollwagen, aber in umgekehrter Richtung fahrend und nur mit zwei
voreinandergespannten Rossen. Bl. lb leer. Bl. 2a (mit der Sign. A2) Dedication :
Dem Ersamen Jürnemen \ vnd achtbaren Martin Neuen | Burger vnd Wirt zu
der Blumen zu Col- | mar, meinem insondern gunstigen | Herren vnd guten |
Freund. | ES haben sich die Alten vor langer zeyt [ eines gemeinen Sprichworts
gebrau- | chet u. s. w. Schluß der Dedication Bl. 2h Z. 2 4. Z. 18. Datum Burek-
haim, auff Marie das newe | Jar, nach der geburt vnsers Seligmachers | 1555.
Jar | Ewer allzeit dienstwilliger. | Jörg Wickram, Statt- | Schreiber zu Burck- |
haim. | (schwarz) Bl. 3a (A3) Zum gütigen Leser (schwarz). | ES ist von alter
her, freuntlicher | vnnd gütiger Leser, ein Sprich- | wort vnder vilen gewesen,
u. s. w. Schluß 3 6. Z. 24. Dein allzeit williger | Jörg Wickram. | Bl. 4a (Ax)
Wie ein gut frum man am [ Kochersperg, einem guten ein- | feltigen ein Walfart
verdinget, | zu Sant Veiten zu \ Wallen. [ DJeweil wir jetzundt auch auff | einer
fart oder reiß sind u. s. w. Am Schluß ist das Exemplar unvollständig, es sind,
da auch Bl. Ml ausgeschnitten ist, im Ganzen 9 2 Bll. 8 ohne Zahlbezeichnung
und Columnentitel. Die Signaturen ^gehen von Ay bis M5. Bl. 92b Z. 17, der
Schluß entsprechend Bl. 6 2b Z. 2 3 in A. Darzü helff vns | Gott der Vatter,
Gott der | Son, vnd Gott der hei- ( lig Geist, Amen | . Hierauf folgt auf der-
selben Seite noch der Titel einer neuen Erzählung, die ich in keiner Ausgabe
finde: Vonn einem Wirt, welcher sei- | nem Pfarrer in der büß nachfol- | gen
wolt, weil er jm im Eh- | bruch nachgefol- | get hett. | Unsere Ausgabe hatte
also mehr Erzählungen als A und schon das, verbunden mit dem Umstand, daß
diese an die unveränderte Reihe der früheren bloß äußerlich angefügt werden,
wobei der Schluß, den Wickram seinem Büchlein gab, an nunmehr unpassender
Stelle stehen blieb, spricht dafür, daß unsere Ausgabe nicht von Wickrain selbst
herrühren kann , sondern unberechtigter Nachdruck ist. Noch mehr bestätigt
wird diese Ansicht durch das Bestreben unserer Ausgabe, den Dialekt des Ver-
fassers zu verwischen: so steht statt semliche fast durchgehends solliche, statt
har, harfir, her, herfur, die 2. Plur. ihr sind wird fast durchgehends in seit
geändert, oft wird sogar die gute hochdeutsche Form in der Meinung, sie 6ci
alamannisch, geändert, was Kurz Einl. XXXVI schon beim Verfasser selbst
252 LITTERATUR.
bemerkte, z. B. erscheint öfter rauchlos statt ruchlos in A. Ist diese Aus;;
nun zwar als Nachdruck für den Text werthlos, so wäre es doch interessant,
die Zusätze kennen zu lernen. Vielleicht findet sich irgendwo noch ein voll-
ständiges Exemplar dieser Ausgabe, aus der sie dann rnitgetheilt werden können.
Nach dem Titel gleich des ersten Zusatzes ist manches Neue zu erwarten, was
sich in keiner andern Ausgabe findet.
2) o. J. Mülhusen , bei Hans Schirenbrand und Peter Schmid. Bl. la.
Titel : Das Rollwagen büchlin, | Der Erst Teil, j Ein neüws Buch- \ lein, darinn
vil guter schwände (roth) | vnd Historien begriffen werden , so man in | schiffen
vnd auff den Rollwagen, deßgleychen inn barbier heüsern vnd badstuben, zu
langweyligen zeyten | erzelen mag, sampt einem kurtzen Register, Yetzt [ viderumb
von neüwem getruckt, | gemert vnd gebessert. | Durch Jörg Wickgrammen | Statt-
schreyber zu Burckhaini (roth). Hierauf die Titelvignete. Der Rollwagen ähnlich
wie in der oben beschriebenen Ausgabe, mit 3 Pferden; im Vordergrunde neben
der Landstraße ein Fluß , worauf ein Schifflein in entgegengesetzter Richtung
vom Wagen fährt, in dem außer dem Fährmann 2 Paare sitzen, reebts ein Mann,
mit der Linken eine Frau um die Schultern fassend, in der Rechten einen Becher
haltend, links zwei Männer im Gespräch. Im Hintergrund auf einem Hügel zwei
Hunde. Die Vignette wurde später zum Theil roth, braun und grün bemalt.
Bl. 1 . Der Jungkfrawen Gloß | über den Rollwagen | . Holzschnitt, drei Weiber
um einen Brunnen plaudernd, wieder bemalt. Darauf folgende Verse
Ir gspilen mein ich muß euch sagen Der wägkürtzer der ist das dritt
Es ist nit lang vor wenig tagen Ich dorfft warlich wol wetten mit
Hab ich drey neüwe büchlin glesen Einem umb ein groß gut vnd gelt
Das erst ist der Rollwagen gwesen Wo man trib in der gantzen weit
Das ander büchlin wol bekannt So seltzam bossen vnd gut zotten
Das ist die Garten gsellschaft gnant Ja wenn wir thüu einander spotten
Beym brunnen so wir wasser reichen
Horts mancher thet in dhosen seichen.
Bl. 2* (ohne Zahlbezeichnung mit der Sig. Aij) Zum gütigen Leser | ES ist von
alter här, freundtlicher | vn gütiger Leser, ein sprüchwort vnder vilen gewesen
u. s. w. Schluß der Vorrede 2b. Z. 2 3 Dein allzeyt williger | Jörg Wickram |
Bl. 3a (mit Zahlbez. 1 und Sign. Aiij) Von einem Schärer der ei- | ner Dorff-
frauwen einen Dorn | auß einem Fuß zohe | ES begab sich auff ein zcyt | zu
Basel in der kleinen statt u. s. w. Bl. 3b (mit Zahlbez. 3) Von einem der sein
schuld beyehtet j IM Schweitzerland zu Lucern ist es inn der | Fasten u. s. w.
Bl. 1 5b (mit Zahlbez. 2 6) Z. 1 7 Wie ein gut from mann am Kochers- | sperg
einem guten einfaltigen ein Walfart | verdinget, zu Sanct Veyten | zu wallen | .
DIeweyl wir yetzund u. s. w. Bl. 7 5b (mit Zahlbez. 146) Z. 24 (Nam) men
preysen vnd ehm. Darzu helff vns Gott | der Vatter, Gott der Sun, vnd Gott |
der heilig Geist, | A | M -f- E | N. Bl. 7 6a (Z. 14 7) Einer kennt seine eigne
hendt- | schuch nimmer | MAn sagt gemeinlich etc. Schluß Bl. i)4b (Z. 188)
Z. 4. (vnko-)sten der schandtlichen vnnd | lästerlichen plo | derhosen | . Ende
des Rollwagen | bücblins j Nun volget härnach das | Register | Bl. 9 5a (ohne
Zahlbez. mit Sign. iV.) Register vnnd kurtze anzei- | gung an welcher Colum
ein ie | des zu finden sey | Schluß des Registers Bl. 9 8" (ohne Zahlb. und Sign.)
Z. 8. Gelruckt zu Mülhusen im oberen El j saß, durch Hans Schirenbrand | vnd
MISCELLEN. 253
Peter Schmid. 9 8b. Holzschnitt (bemalt) rechts spielt ein Weib die Harfe, wozu
links ein Mann im Narrengewande tanzt. Die Hände hat er erhoben, in der
rechten schwingt er eine kurze Peitsche. Die Frau ist durch einen schwaizen
Rahmen abgetrennt. 2 ungezählte Blätter Vorstoß; 9 8 mit Seitenzahl 1 — 188
und 4 ungezählte Bll. 8° mit Sign. A — N und Columnentitel, links: Das Roll-
wagen, rechts: Büchlin. Die Ausgabe, wahrscheinlich nach C besorgt, enthält
sämmtliche Erzählungen aus A, ausgenommen Nr. 38 (die auch C fehlt), Bb und
C und dazu auf S. 4 und 5 noch eine überzählige, die wir hier in gereinioler
Orthographie mittheilen.
Von herrn Hansen derwürst trüg im sack, und wolt Mesz halten.
Es was einmal ein pfaff im Fricktal, der hieß herr Hans, der gieng umb
S. Martins tag und wolt mesz halten. Als er aber durch die dorfer gieng (wie
es dann ein dorf an dem anderen hat) und eben in der zeit was, daß die bauren
die schwein metzgen oder schlachten , so kumpt er in ein dorf, da ein beürin
gemetzget hat, die ruft dem pfaffen hinzu und sprach: herr Hans, herr Hans,
kompt und nempt da die wärst, dann ich hab die beste sauw gemetzget, so ich
im stall gehaht hab. Do sprach herr Hans: Ach mein liebe frauw, ich hab nichts
darinn ich si trage. Do gab die beürin dem pfaffen ein leinis säcklin, und thet
im die würst darein. Also nam der pfaff das säcklin mit den wursten und steckt
es binden auf den rugken under den gürtel, geht damit sein straß seine bauren
zu versehen und mesz ze halten. Als er nun über den altar kumpt und es an
der zeit was daß er elevieren oder den Herrgott aufheben solt, kumt der sigrist
von binden zu und wil im die alb aufheben. In dem ers aber also aufhebt,
vermeint der gut herr, es seie ein hund und schmöcke im nach den wursten,
und gedenkt nit mer an den sigristen, der hinder im kniet, stoßt derbalben
mit dem einen fuß und trift den sigristen an halß, daß (5) er vier staflen
herunder fiel : dann er vermeint, es wer ein hund und wölte im die würst fressen.
Do liefen die bauren zu , und meinten der sigrist bette den hinfallenden siech-
tagen, so stieß in aber der pfaff also übel etc. J. LAMBEL.
MISCELLEN.
i.
Übersicht
der Vorlesungen über deutsche Sprache und Litteratur, welche auf den Univer-
sitäten Deutschlands und der Schweiz im Jahre 1864 — 1865 sind gehalten
worden. '*)
1. Basel. Wackernagel: I. IT. Germ. Alterthümer; vgl. Grammatik
der Deutschen, Griech. und Latein.; germanist. Kränzchen.
2. Berlin. I. Müllenhoff: Nibelungen; Abriss der nord. Grammatik
und Eddalieder J altdeutsche Übungen. — ■ Maßmann: Über den Ursprung der
*) Germania IX, 4S)f> habe ich an meine Fachcollegen dio Bitte gerichtet, mich
in meinem Streben nach Vollständigkeit und Genauigkeit der Angaben durch künftige
regelmäßige Zusendung der Lectionscataloge zu unterstützen. Aus dem Umstand, daß
mir nur ein einziger Catalog zugeschickt wurde, muß ich vermuthen, meine Kitte sei
unbemerkt geblieben, daher ich dieselbe zu wiederholen mir erlaube.
PFEIFFER.
254 MISCELLEN.
deutschen Sprache; goth. Sprachdenkmäler; Übungen im Lusen der Handschriften
und Documente. — Steinthal: Über Form und Charakter der indogermani-
schen Sprachen, bes. Griechisch, Latein und Deutsch. — II. Müllenhoff:
deutsche Grammatik; altd. Metrik und Minnesangs-Frühling von Haupt; deutsche
Übungen. — Maß mann: Handschriftenkunde; goth. Sprachdenkmäler; über
den Ursprung der deutschen Sprache. — Steinthal: Wesen und Geschichte
der epischen Poesie.
3. Bern. I. Pabst: Geschichte der neudeutschen National - Litteratur
von Luther bis zum Anfang des 19. Jhs. — Tob ler: Erklärung von Boethius
de consol. philos. mit der ahd. Übersetzung; deutsche Mythologie mit Rück-
sicht auf Schweiz. Volksglauben. — IL Papst: Geschichte der alt- und mhd.
Litteratur; Erklärung ausgewählter Gedichte deutscher Classiker. — Tob ler:
mhd. Grammatik; Erklärung mhd. Liederdichter nach Bartsch.
4. Bonn. I. Diez: Markus des Ulfilas. — Simrock: Geschichte der
deutschen Sprache und Litteratur; ausgewählte altd. Gedichte. — v. Noorden:
deutsche Litteraturgeschichte des Mittelalters. — - IL Diez: altd. Grammatik.
— Simrock: deutsche Mythologie; ausgewählte Gedichte Walthers von der
Vogelweide.
5. Breslau. L Stenzler: vergl. Grammatik der indogerm. Sprachen. —
Rückert: goth. Grammatik mit Übersetzungsübungen; über die hauptsächlich-
sten Epiker des deutsch. Mittelalters: Hartmann, Wolfram, Gottfried; germanistische
Gesellschaft. — Friedr. Pfeiffer: Gothisch. — IL Rückert: deutsche My-
thologie; germanir-st. Gesellschaft. ■ — Pfeiffer: altsächsisch und Heüand.
6. Erlangen. Rud. v. Raumer: I. geschieht!. Grammatik der deutschen
Sprache ; über althochdeutsche Sprachdenkmäler. — II. Geschichte der deutschen
Litteratur seit Lessing ; über goth. und ahd. Sprachdenkmäler.
7. Freiburg. M. Lexer: I. Geschichte der deutschen Litteratur; goth.
Grammatik; deutsche Gesellschaft. — IL Geschichte und System der altd. Religion;
mhd. Grammatik und Lecture aus den Gedichten Walthers von der Vogelweide.
8. Gießen. I. Weigand: Geschichte der deutschen Nat.-Litteratur bis
1720; ausgewählte Gedichte Walthers von der Vogelweide. — Zimmermann:
Geschichte der deutschen Nat. -Litteratur bis 1300; über Wolfram v. Eschenbach.
— IL Weigand: Grammatik der goth. Sprache und aus der Bibelübersetzung
des Ulfilas das Evang. Matthai. — Zimmermann: Geschichte der deutschen
Nat.-Litteratur vom Ausgang des 13. bis zum Beginn des 18. Jhs.; die deutsche
Nat.-Litteratur der Jahre 17 94 — 1815.
9. Göltingen. I. W. Müller: deutsche Litt.-Geschichte ; alt- und mhd.
Dichtungen; diplomat. und paläographische Übungen; deutsche Societät. —
L. Meyer: goth. Sprache und Ulfilas Erklärung. — Tittmann: deutsche
Heldensage. — IL Müller: bist. Grammatik der deutschen Sprache; Walther
von der Vogelweide; deutsche Societät. — L. Meyer: Tacitus' Germania;
altsächsisch und Heliand. — Bohtz: Geschichte der deutschen Nat.-Litteratur
von Lessing bis jetzt. — Tittmann: Geschichte der neuern deutschen Lit-
teratur.
10. Graz. Tomaschek: I. Althochdeutsch, Grammatik und Lecture;
die deutschen Dichter der Gegenwart in Charakteristiken und Kritiken. —
IL althochd. Lecture; die deutschen Dichter der Gegenwart. 2. Folge.
11. Greif sivald. Hocfer: I. ausgewählte Capitel der vergl. Grammatik;
MISCELLEN. 255
einige goth. Stücke und älteste deutsche Gedichte, nach vorausgeschickter gram-
matischer Unterweisung. — II, Erklärung von W. Wackernagels kleinem altd.
Lesebuch.
12. Halle. I. Leo: ausgewählte Stellen aus Dietrich's altnord. Lesebuch.
— Pott: Vergleichung der goth. und ahd. Sprache mit den beiden classischen.
— Zacher: deutsche Grammatik; Einleitung in die deutsche Grammatik; litt.-
hist., exeg.-krit. und grammat. Übungen. — Lucae: Hartmann's von Aue Gre-
gorius. — IL Leo: isländ. Grammatik. — Zacher: ausgewählte Capitel der
deutschen Grammatik; Wolframs von Eschenbach Parzival; Übungen der deut-
schen Gesellschaft. — Haym: Geschichte der deutschen Litteratur im 18. und
19. Jhd. — Lucae: Geschichte der altern deutschen Litteratur und Erklärung
ausgewühlter Stücke aus Wackernagels oder Schades altd. Lesebuch. — Heyne:
Geschichte der Kirchenbaukunst im deutschen Mittelalter.
13. Heidelberg. I. Holtzmann: Geschichte der deutschen Litteratur
bis Schiller's Tod; germanische Alterthümer mit Erklärung von Tacitus' Ger-
mania.— Lemcke: Schiller und seine Dramen. — v. Reicklin- Meldegg:
ästhet. Vorlesungen über den 1. und 2. Thl. von Göthe's Faust. — ■ IL Holtz-
mann: deutsche Mythologie; ausgewählte alt- und mhd. Stücke. — Lemcke:
Geschichte der deutschen Poesie seit Opitz ; Lebensbilder aus der Litteratur-
und Kunstgeschichte.
14. Innsbruck. Zingerle: I. Gottfrieds von Straßburg Tristan; Ge-
schichte der neuesten deutschen Litteratur ; alt- und mhd. Übungen, — II. Bo-
ners Edelstein; mhd. Metrik; über Schiller's Leben und Werke; mhd. Übungen.
15. Jena. I. Schleicher: Mittelhochdeutsch und Nibelunge. — Klop-
flei seh: deutsche Mythologie; Kunstkritik und deutsche Mythologie. —
11. Schleicher: Geschichte der altern deutschen Litteratur. — Klop-
flei seh: Übuogen im Bereich der nord.-heidn. Realalterthümer.
16. Kiel. I. Weinhold: deutsche Grammatik; über Göthe s Leben und
Schriften. — Groth: Geschichte der deutschen Sprache und Poesie seit 1600.
— II. Wein hold: Geschichte der deutschen Litteratur bis zum 16. Jhd.;
ausgewählte altd. Sprachdenkmäler. — Th. Möbius: Übersicht der germanischen,
besonders nord. Sprachen, nebst goth. Grammatik. — Groth: deutsche Syntax;
über Göthe s Faust. 2. Theil.
17. Königsberg. Schade: I. deutsche Grammatik; mhd. Sprachproben
nach s. Lesebuch ; Einleitung in die Geschichte der deutschen Sprache. —
II. altdeutsche Metrik ; Gedichte Walthers von der Vogelwcide ; goth. und ahd.
Sprachdenkmäler.
18. Leipzig. I. Zarncke: Nibelungenlied (nach s. Ausg.); Otfried's
Evangelien-Harmonie (nach Kelle); deutsche Gesellschaft; Lachmaun's Anmer-
kungen zu Iwein. — Th. Möbius: nord. Mythologie; altnord. Leseübungen. —
Minckwitz: Gesch. der deutsch. Poesie seit Schiller's Tode. — IL Zarncke:
altnord. Grammatik mit Übungen im Übersetzen; über Walther von der Vogel-
weide; über Wolframs Parzival; Übungen der deutschen Gesellschaft (Althoch-
deutsch, Erklärung Otfrieds etc.). — Fiat he: über Göthe und Schiller (Leben,
Werke und Kunst). — Minckwitz: Geschichte der deutschen Poesie seit
Schiller's Tode (Forts.). — Brandes: germanistische Gesellschaft.
19. Marburg. I. Justi IL: Heliand; Geschichte der altd. Poesie. —
Lange: Tacitus' Germania. — Bickell: Angelsächsisch; vgl. Grammalik der
256 MISCELLEN.
indo^orin. Sprachen. — II. Just i II. : vergl. Grammatik der indogerm. Sprachen;
angelsächsisch. — B ick eil: Gothisch.
2 0. Manchen. (Die Lectionscataloge sind weder im litt. Centralblatt,
noch scheinen sie in der Augsburger allg. Zeitg. veröffentlicht.)
21. Münster, I. Storck: Geschichte der neuern deutschen Litteratur. —
II. Deycks: Geschichte des deutschen Epos und Erklärung der Nibelungen.
Storck: Fortsetz, der Geschichte der deutschen Litteratur ; ahd. Grammatik.
2 2. Prag. Kelle I. : althochd. Grammatik; Geschichte der deutschen
Litteratur im Mittelalter; Iwein. — II. Grammatik der mhd. Sprache; mhd.
Mc trik ; ausgewählte mhd. Lesestücke.
23. liostoch. Bartsch. L: Geschichte der deutschen Litteratur vom
16. Jhd. an; deutsch-philolog. Seminar. — II. über Göthe's Faust; ausgewählte
mhd. und provenz. lyr. Stücke (im Seminar).
24. Tübingen. I. v. Keller: deutsche Grammatik mit Sprachproben nach
W. W^ckernagel'a Lesebuch; Lieder der alten Edda. — Holland: deutsche
Mythologie; Gudrun; Beowulf. — II. v. Keller: deutsche Litt.-Geschichte ;
Otfried's Evangelienbuch; Nibelungenlied. — Holland; Erklärung von Göthe's
Gedichten.
25. Wien. I. Pfeiffer: Erklärung des Nibelungenliedes; neuhochdeut-
sche Grammatik mit bist. Begründung; deutsche Gesellschaft. — W. Seh er er:
Erkläruno- deutscher Lyriker des 12. Jhs. nach des Minnesangs Frühling. —
Boller: vgl. Grammatik der indogerm. Sprachen. — IL Pfeiffer: Geschichte
der deutschen Litteratur von der ältesten Zeit bis zur Reformation; deutsche
Gesellschaft. — Scherer: Über die öst. Litteratur des 12. und 13. Jhd. —
Boller: Wortbildung der indogerm. Sprachen.
2 6. Würzburg. I. Contzen: Geschichte der deutschen Nat.-Litteratur
seit 1750. — H. Müller: vgl. Grammatik der indogerm. Sprachen; über die
Bedeutung der griech. und lat. Quellen für die Kunde der germ. Sprache. ■ —
IL Contzen: deutsche Alterthumskunde. — Müller: ausgewählte Stücke der
altd. Poesie; Grundzüge der vgl. Grammatik der indogerm. Sprachen. — Wegele:
deutsche AlterthQmer mit Zugrundelegung der Germania des Tacitus.
27. Zürich. I. Ettmüller: Geschichte der deutschen Litteratur. l.Thl. :
Mittelalter ; der Nibelunge not; Poetik (Lehre von der Dichtkunst). — Schweizer:
Grammatik des Gothischen , Alt- und Mittelhochdeutschen, mit Übungen. —
Vi seh er: über Göthes Faust. - — Wislicenus: die deutsche Heldensage; die
Edda. — II. Ettmüller: altnord. u. ags. Grammatik nebst Leseübungen; Er-
klärung des Reineke de Vos, nach Hoffmann's Ausg. — Schweizer: Inter-
pretationsübimgen an altd. Texten. — Wislicenus: gothisch; das Nibelungenlied.
2.
Die kostbare Liedersammlung aus dem 16. Jhd. — 143 weltliche und
geistliche — im Ganzen 8 2 Piecen aus der Bibliothek Möhlmann's in Stade
hat der Antiquar Star gar dt in Berlin unlängst käuflich erworben. — Ihrer
wird schon in dem Vorwort zum Schneeberger Gesangbuch v. J. 1784 von
Tromler Erwähnung gethan und ist aus dem Nachlasse des Predigers Sied hoff
an Möhlmann übergegangen. Daß dieser Schatz nicht ins Ausland wandere,
soll der Zweck dieser Notiz sein.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN
AUF DEN HANNOVERSCHEN GOLDBRACTEATEN UND AUF
DENKMÄLERN HOLSTEINS UND SCHLESWIGS,
ENTZIFFERT VON
FRANZ E. CHR. DIETRICH.
Der Geschichte leisten vor allen andern solche Denkmäler frü-
herer Jahrhunderte wichtige Dienste, welche mit Schrift versehen sind
und einer Vorzeit angehören, über die auch nur spärliche Nachrichten
in Schriftwerken vorkommen, wie es der Fall ist mit der gesammten
norddeutschen Geschichte in der vorkarolingischen Zeit.
Der auf den folgenden Blättern vorgelegte Versuch, die Inschrif-
ten der Dannenberger Runenbracteaten zu deuten und ihnen Aussagen
über die Zustände des alten Sachsenlandes an der Niederelbe abzu-
gewinnen, darf daher nach seinen schon jetzt zur Wahrscheinlichkeit
gebrachten Ergebnissen die Aufmerksamkeit der Freunde des Alter-
thumes in Anspruch nehmen.
Nicht zu trennen waren aber von den genannten Denkmälern die
noch wichtigeren und umfänglicheren , mit Runen beschriebenen Ge-
brauchsgegenstände, welche in Holstein und besonders reichlich in
BÖ /
Schleswig zu Tage gekommen sind, schon wegen der verhältnissmäßigen
Nachbarschaft der Fundorte, namentlich aber, weil die Art der Runen
genau dieselbe ist, als auf den hannoverschen Bracteaten.
Früher dachte man bei Gegenständen des Alterthums, wenn man
von Runen dabei hörte, sofort nur an nordische Völkerschaft und Hei-
math. Zur endlichen Beseitigung dieses Vorurtheils dient auch die
hier gegebene Untersuchung.
Die hauptsächlichsten und sichersten Ergebnisse derselben sind,
daß die Sprache der gesammten besprochenen Runeninschriften, was
nicht ohne Interesse für Schleswig ist, einem Dialeet angehört, der
im Allgemeinen als ein nordsächsischer bezeichnet werden muß, und
daß die durchgehends hier angewendete Runengattung nicht die angel-
sächsische, geschweige denn die nordische ist, sondern eine Art, wovon
die angelsächsische die Tochter ist, und welche die ältere deutsche
heißen muß, nicht sowohl wegen der übereinstimmenden sogenannten
GERMANIA \ 17
258 FRANZ DIETRICH
marcomannischen Runen, :ils wegen der deutschen Sprachgestalt der
bei weitem größten Mehrzahl der sie enthaltenden Inschriften.
Die einzige Berechtigung dieser Benennung aber kann nun auch
deshalb gar nicht mehr geleugnet werden, weil vor kurzem eben die-
selbe Runenart in einem uralten Grabe der Bourgogne. und zwar in
ehemaligem Besitz und Gebrauch eines burgundischen, nicht fränki-
schen, Volksstammes gefunden worden ist.
Um meinen Lesungen der gedachten Inschriften diejenige Sicher-
heit über den Thatbestand der auf den Denkmälern vorliegenden Schrift-
züge zur Unterlage zu bringen, die für die sprachliche Bestimmung
des Inhalts erforderlich ist, habe ich die Copien wo immer möglich
mit den Originalen aufs Neue verglichen.
Für die zahlreichsten, die Schleswiger Alterthum9gegenstände
leisteten den Dienst des Originals die Photographien, welche im ersten
Band von Thorsen's Runendenkmälern (Kopenh. 1864) in Farbendruck
gegeben sind. Bei den Dannenberger Bracteaten gebrauchte ich außer
der zuerst 1860 in der Zeitschrift für Niederdeutschland veröffentlich-
ten Abbildung, sicherstellende Abdrücke von den Originalen, welche
Hr. Archivrath Dr. Grotefend in Hannover mit der dankenswerthesten
Gefälligkeit mir zugehen ließ.
Die mehrfach verglichenen sonstigen Runenbracteaten, welche im
königl. Museum zu Kopenhagen aufbewahrt werden, sind nach den
Abbildungen benutzt, welche in dem f Atlas for nordisk Oldkyndighed'
(Kjöbenh. 1857) erschienen sind.
Während eigentliche Goldmünzen des Alterthums in verschie-
denen deutschen Ländern aufgefunden worden sind, gehören die dünnen,
nur auf einer Seite ein Gepräge tragenden und mit einem Ohr zum
Anhängen bestimmt gewesenen goldenen Schaustücke, oder die Gold-
bracteaten , deren ziemlich viele im Umfang des heutigen Däne-
mark und auf schwedischen Küstengegenden ausgegraben sind, in
Deutschland zu den Seltenheiten. Man kannte einzelne am Rhein und
in Baiern gefundene, so wie einige andere, die aus Meklenburg, Hol-
stein und Schleswig stammten, das meiste Aufsehen erregten durch
ihr bestimmbares Alter die von Cöslin in Pommern nach Berlin ge-
kommenen. Eine Runeninschrift enthielt nur ein Meklenburger Bracteat,
so wie der bei Cöslin mitgefundene goldene Ring, dessen kleine In-
schrift noch ungelöst ist, was eben auch von den wenigen Runenzeichen
der Sehleswiger gilt.
Uni so erfreulicher war es, daß im Königreich Hannover in dem
einen Jahr 1859 außer einer den Bracteaten ähnliehen goldenen Spange,
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 259
drei eigentliche Bracteaten bei Landegge, und was der nach Umfang
und Inhalt bedeutendste Fund war, bei Dannenberg elf Stück zum
VTorschein kamen , von denen vier mit gleichartigen Runen versehen
sind, und zwei offenbar ganze Sätze in Runenschrift enthalten. Alle
drei Funde, von denen der Dannenberger besonders nach seinen In-
schriften hier besprochen werden soll, wurden ausführlich beschrieben
von Dr. C. L. Grotefend, in der Zeitschrift des historischen Vereins
für Niedersachsen, Jahrgang 1S60, Hannover 1861, S. 391 — 400, und
wurden die Bracteaten selbst nach ihren Hauptarten abgebildet auf
Taf. I, Nr. 1—7 und Taf. II, Nr. 8, die Goldspange Nr. 9.
Über den Fundort und die in früherer Zeit wechselnd gewesenen
Bewohner und Herren der Umgegend ist Folgendes bekannt *). Eine
geraume Strecke nördlich vom Einfluß der Havel in die Elbe berührt
Meklenburg das erstemal die Elbe bei dem schon durch seinen Namen
auf wendische Gründung hinweisenden Orte Dömitz. Dieser Stadt
ungefähr gegenüber liegt an der Jeetze oder Jeetzel, nicht sehr weit
südlich von ihrer Mündung in die Elbe die kleine Stadt Dannen-
berg mit einem alten 1376 vollends zerstörten Schloss, welches an
die Stelle eines noch älteren getreten war. Seit dem 13. Jahrh. im
Besitz der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg, war es im
12. Jahrh. der Mittelpunkt einer eigenen Grafschaft, und zwar hatte
der erste 1158 erwähnte Graf von Dannenberg diese Gegend den hier
von jenseit der Elbe her eingedrungenen Wenden wieder abgewonnen.
Daß es ursprünglich eine sächsische Niederlassung war, beweist
der deutsche Name, Dannenberg ist der Berg des Danno oder Dano.
ein sächsischer Name, der unter Kaiser Hlothar in den Tradd. von
Corvey §. 357 vorkommt. In der karolingischen Zeit und früher ge-
hörte die Gegend wohl noch zum Bardengau, der die Elbe bei Har-
burg zur Nordgrenze und denselben Strom nordöstlich zur Grenze
hatte, nur wenig westlich von Dannenberg liegt an der Ilmenau die
schon in ihrem Namen bedeutsame Stadt Bardowick. Man nimmt an,
daß die letzte südlichste Strecke der Ostgränze der Wald war zwischen
der Ilmenau und der Jeetze (Delhis in der Hall. Encycl. VII, 1821
n. Bardengau). In die von den Longobarden verlassenen Gegenden
breitete sich der ostfalische Stamm der Sachsen aus, während die frü-
heren Angrivarier an der Weser verblieben.
In der Nähe von Dannenberg liegt das Dorf Nebenstedt, auf
*) C. Einfeld, in der Zeitschr. d. bist. Vereins f. Nieders. Jahrg. 1859, S 201.
L860, S. 73. 74.
IT*
260 FRANZ DIETRICH
einer sumpfigen Wiese dieses Orts wurden die 11 Bracteaten, etwa
einen Fuß tief vergraben, aufgefunden. In Bezug auf die Beschreibung
derselben verweise ich auf den vorhin genannten ausgezeichnet genauen
Bericht des Herrn Dr. Grotefend.
Nach dem Gesichtspunkt des Umfangs der Runeninschriften und
der Runenlosigkeit stellen sich 5 Arten in folgender Ordnung dar.
Obenan steht der Bracteat mit 18 Runen, dessen Bild die männliche
Figur ist mit den zwei Ringen am Gelenk der rechten Hand (Grotef.
Nr. 2), demnächst folgt der mit 15 Runen, dessen nahe verwandtes
Bild ohne Ringschmuck ist und die rechte Hand weniger hoch hat
(Grotef. Nr. 1), eine dritte Art mit 6 Runen und sehr undeutlicher
nicht menschlicher Figur, die links einem Vogelkopf ähnlich ist, stellt
sich, in Runen und Bild gleich > auf zwei Bracteaten des Fundes dar
(Gr. Nr. 5 und, wo nur der Rand verdoppelt ist, Nr. 6); eine vierte
Art gibt ohne Runen das völlige Bild eines Mannes mit Schlangen
(Gr. Nr. 4, gefunden in drei Exemplaren), die fünfte enthält nur
Schlangenwerk als Verzierung ohne Runen (Gr. Nr. 5, gefunden in
vier Exemplaren).
In dieser Reihenfolge sollen nun zunächst und vornehmlich die
Bracteaten mit Inschriften zur Besprechung kommen, um den Versuch
einer Entzifferung vorzulegen, und zwar ohne irgend ein Vorurtheil
über ihre Heimat, einstweilen daher auch ohne Berücksichtigung der
in dem mehrerwähnten gelehrten Bericht S. 393 ausgesprochenen Mei-
nung, daß die Dannenberger Bracteaten wegen der Ähnlichkeit mit
denen des Kopenhagner Atlas und schon wegen der gleichartigen
•Runen ihrem Vaterland nach als skandinavische zu betrachten seien.
Man ist dem trefflichen dänischen Gelehrten, Dr. Thomsen in Kopen-
hagen , an den sich Herr Dr. Grotefend als einen vorzugsweise durch
Studien über die Bracteaten verdienten Forscher um Auskunft gewen-
det hatte, da ihm selbst jener Atlas nicht zugänglich war, zu Dank
verbunden für vergleichende Bemerkungen, namentlich für die Hinwei-
sung auf einen seinem Bilde nach mit den ersten Dannenbergeru sehr
ähnlichen Goldbracteaten (Nr. 218 des Atlas), der auf Fünen gefunden
wurde, nur mit einer andern Inschrift. Inzwischen von dem Urtheil
über den Ursprung dieser Schaumünzen konnte fürs Erste um so mehr
abgesehen werden, da es noch nicht eine Deutung der Inschriften zur
Seite hatte. „Eine Lesung der Runeninschriften dieser Bracteaten,"
so heißt es S. 394 des Berichtes mit Einschluß dessen von Fünen,
„ist bisher, obgleich die Bedeutung der einzelnen Runen bekannt ist,
nicht gelungen, da man noch nicht einmal weiß, in welcher Sprache
diese Runeninschriften verfasst sind."
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 261
Auch seit 1860 ist dem Schreiber dieser Zeilen eine Lesung der-
selben nicht bekannt geworden , da er sieh aber bereits mit manchen
andern der ältesten Inschriften in Runen der sogenannten angelsäch-
sischen Gruppe, wie auf dem goldenen Hörn aus der Nähe von Ton-
dern, dem Ring von Bukarest, dem Stein von Tunöe in Norwegen
u. a. eingehend beschäftigt hat, hält er sich für hier mitzusprechen
berechtigt, nachdem er insbesondere auch dem Verständniss derjenigen
in gleichen Runen veifassten Inschriften näher gekommen ist, welche
sich auf fast fünfzig der Goldbracteaten des werthvollen Kopenhagner
Atlas vorfinden, der ihm durch die Güte der alle wissenschaftliche
Forschung so gefällig unterstützenden Göttinger Bibliothekare zur Be-
nutzung überlassen wurde.
Über die muthmaßliche Zeit und Heimat der Dannenberger
Bracteaten wird nach der Deutung ihrer Inschriften gehandelt, es sind
einfach aus Schrift und Inhalt derselben gemachte Folgerungen , über
die ich gern Belehrung annehme, sie werden aber stehen oder fallen
mit dem Ergebniss über das, was auf diesen merkwürdigen Gegen-
ständen des Alterthumes geschrieben steht. Um aber zu diesen vor
allem wichtigen Aussagen dieser Gegenstände über sich selbst zu ge-
langen, bedarf es klarer Vorstellungen über die Schrift, die keineswegs
eine gemischte ist, und des ruhigen Fortschreitens von der Bedeutung
und der Richtung der Schriftzeichen zur Bildung klarer Worte durch
naturgemäße Abtheilung der scriptio continua, und durch die so wenig
und so einfach als möglich vorzunehmende Ergänzung von ausgelas-
senen Lauten.
Denn von vorn herein darf man nicht erwarten, daß alles werde
vollständig ausgeschrieben sein, und daß alles nach unserer gramma-
tischen Erkenntniss gut werde in Schrift gesetzt sein; dieses nicht,
weil die alten Goldschmiede sich durch keine Schulbildung über die
schwankende Aussprache und Schreibung des Volkes erheben konnten,
und auch die Runenmeister, je weiter zurück, desto weniger Sprach-
meister waren, wie jeder wissen kann, der sich einigermaßen um Runen-
inschriften bekümmert hat; und auch das erste, daß alle Laute weiden
in die Schrift aufgenommen sein, ist namentlich in Absicht auf Vocale
eine vergebliche Erwartung, weil gerade auf so kleinen Denkmälern
wie Münzen sind, besonders wenn die Zeichen, wie es hier meist der
Fall ist, verhältnissmäßig groß gemacht werden, der schon durch das
Bild beschränkte Raum zu Auslassungen von Vocalen in bekannten
geläufigen Wörtern nöthigen konnte. Mit keinen andern als diesen,
durch die Natur der Sache gerechtfertigten Voraussetzungen wenden
wir uns nun zur Untersuchung, und zwar
2(52 FRANZ DIETRICH
Über den Inhalt, der Inschriften.
Die Schriftzeichen der drei Danncnberger Inschriften sind im
Allgemeinen dieselben sehr alten Runen, die auf dem goldenen Hörn
erschienen, auf dem Ring von Bukarest und auf dem Stein von Tunöe.
Durch diese Denkmäler ist ein fast vollständiges Runenalphabet dar-
gestellt, welches mit dem angelsächsischen am nächsten verwandt, doch
auch einige Abweichungen enthält, durch die es sich als einfacher und
alterthümlicher erweist.
Der Lautwerth dieser Runen steht in der Weise vollkommen fest,
in welcher er bei den unter sich verschiedenen Erklärungen des gol-
denen Horns von nordischen Gelehrten wie Munch und von deutschen
wie Jacob Grimm und Müllenhoff übereinstimmend angesetzt wurde,
und kann durch den Versuch, einzelne wieder ins Ungewisse und
Schwankende zu ziehen, den Rafn zu Gunsten eines dänischen Inhalts
der gedachten Inschrift machte, und zwar um die modern nordische
Copula og herauszubekommen, nicht im mindesten wieder unklar und
ungewiss gemacht werden. Die Rechtfertigung dieser Behauptung wird
indess bis zuletzt aufzuheben sein, damit hier der Gang der Unter-
suchung nicht aufgehalten wird.
Zwei auf den Dannenberger Bracteaten etwas eigentümliche
Zeichen, die auf den genannten verwandten Denkmälern nicht ganz
so auftreten, werden nach ihrer Stellung sofort aus ihrem anfänglichen
Dunkel erhoben zu völliger Klarheit. Wenden wir uns zunächst zur
größten der Inschriften, wo nur eins der fraglichen Zeichen vorkommt,
so ist am wenigsten Schwierigkeit in der Lesung und Deutung.
1. Der Bracteat mit 18 Runen.
Es ist der auf Grotefends Tafel die zweite Stelle einnehmende,
dessen Bild ziemlich ähnlich ist mit dem des voranstehenden Bracteaten:
ein großer Kopf mit einem Diadem in den bloßen Haaren , welches
durch kleine Kreise angedeutet ist, darunter sind vereinzelt die Hände
und die Füße zu sehen in gebogener Stellung:. Das Diadem scheint
von der Stirn an in die Höhe zu gehen und über dem Kopfe her zu
laufen, vielleicht nur die alte ungeschickte, das Gedachte mit aus-
drückende Zeichnung, welche andeuten soll, daß der Kopfschmuck
rings herum gehe.
Die rechte Hand ist mit geschlossenen Fingern nach dem Mund
gehalten, als sollte sie Speise oder ein Trinkgefäß heranführen, die
linke ist mit ausgebreiteten Fingern nach unten gerichtet.
Von der bildlichen Darstellung können die Inschriften , die ja
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN ete. 263
meist mit einem besondern Stempel zum Bild hinzugethan wurden,
unabhängig sein , eine ähnliche Richtung der Hände rindet sich auf
verschiedenen Bracteaten des Atlas (Nr. 26, 84, 85, 218), immerhin
aber könnte ein Runenmeister einen Spruch auch einmal zu der wenn
auch sonst üblichen Gestalt nach seiner Auffassung in Beziehuno- ge-
setzt haben, deshalb sollte nicht unerwähnt bleiben, daß hier das Bild
den Schein erregt, als stellte es einen edlen an Ringen reichen Herrn
dar, der eben Befriedigung von irgend einem Genuße hat, obwohl dieser
Betrachtung kein besonderes Gewicht gegeben weiden soll.
Der erste Schritt zum Lesen der Inschrift ist, daß man die Rich-
tung der Schrift bestimmt, wodurch zwar noch nicht der Anfang, aber
die Reihenfolge der Laute gegeben ist.
Es gibt neben den zweiseitigen Runenzeichen, die bei jedem Lauf
der Schrift sich gleich bleiben, wie die für E, auch mehrere einseitige,
die einen Zusatz zum Stabe nur auf einer Seite haben, wie ^ für L,
und £ für A, Runen, welche bei der Schreibung von rechts nach links
die umgewendete Richtung mit dem Zusatz auf der linken Seite be-
kommen. Nun ist aber auf unserem Bracteaten die Rune für A am
linken Oberarm und über die Stirn umgewendet gestellt, und dasselbe
gilt von der Rune L, welche links und rechts dem zuletzt gedachten
A benachbart ist, so wie von dem Zeichen für TB dem linken Ober-
arm gegenüber, mithin ist die Schrift von rechts nach links
zu lesen.
Der Anfang der in zwei Absätzen vorliegenden Inschrift kann
daher nur entweder über der Stirn der Figur, oder am linken Hinter-
fuß gesucht werden. Das letztere hat die Analogie vieler Denkmäler
für sich, auf denen von unten nach oben gelesen werden muß. wie
es z. B. auf den Blekinger Steinen der Fall ist.
> Demzufolge ergiebt sich die Runenreihe, nach Umwendung der
einseitigen Zeichen in folgender Gestalt und Ordnung:
m^YHtr fcrMtxsYnr
Das zweite Zeichen kann nicht wohl etwas anderes sein als ein N,
dessen sonst durchgehender Querstrich nur halb gemacht oder nur
halb erhalten ist. Den sehr kleinen Haken oben nehme ich als eine
Ausweichung des Meißels beim Eingraben des Grundstriches in den
Stempel.
Das dritte Zeichen, welches auch zweimal auf dem folgenden
Bracteaten vorkommt (bei Grotefend Nr. 1), muß das für S sein,
welches sonst fehlen würde, da sein Nichtvorkommen unter zusammen
2(54 FRANZ DIETRICH ;,
33 Runen bei der Häufigkeit dieses Lautes in germanischen Spraehen
unwahrscheinlich wäre, und da es den beiden Zeichen £ und $, die
auf dem goldnen Hörn und beziehungsweise auf dem Stein von Tunöe
für aS vorkommen, ähnlich ist. Fast ebenso zeigt es sich auch zwei-
mal auf dem Bracteaten Nr. 85 des Atlas.
An die angelsächsische Bedeutung des Zeichens *t, welches im
Runenliede den Namen eoh (Pferd) führt, und für EO steht, ist schon
deshalb gar nicht zu denken, weil bei dessen Anwendung hier eoa
folgen würde, und auf dem andern Bracteaten, wo es zweimal wieder
vor Vocalen steht, sich erst ein eou, dann ein eoau ergeben würde.
Überdies ist die genannte Bedeutung bisher nur in handschriftlichen
Alphabeten, noch nie auf einem Denkmal nachgewiesen worden.
Da nun der Lautwerth der übrigen Runen feststeht , so kann
ohne Bedenken in lateinische Schrift umgeschrieben werden; indem
ich dies thue, führe ich gleich einen zweimal zwischen vier Consonan-
ten, die natürlich nicht alle unmittelbar folgen konnten, ergänzten Vocal,
und die Wortabsetzung, welche durch die Erklärung gerechtfertigt wird,
in der Umschreibung ein:
INSATH MiD TiL ALET GOMÜL.
Als erstes Wort kann wegen der folgenden vier Consonanten
nichts mehr angenommen werden, als insa\>, ein componiertes Adjectiv,
dem im Lateinischen ein per-satur entsprechen würde. Der zweite
Theil ist das altsächsische Adj. sad, Plur. sade, wie in dem Satze:
Nu sint thina gesti sade Hei. 62, 21, vgl. 87, 22. 88, 1. und angels.
säd : Jii säde vaeron, in Thorpes Psalmen 80, 15 and sade vurdon eb. 77, 29.
Der erste Theil der Composition, welcher auf das Innerliche verweist
und daher verstärkend wirkt, hat sich nicht nur im Isländischen, son-
dern auch im Ags. reichlich erhalten, wie in indryhten (pernobilis),
inj'rod (persapiens) , inflede (peraquosus), vgl. meine Besprechung der-
selben in Haupt's Zeitschr. XI, 413, wo auch Beispiele dafür aus dem
Plattdeutschen beigebracht sind. Die hier auftretende Form des Adj.
8äfh mit th ist älter als die mit d, weil sie durch das lat. satnr ge-
fordert ist. Noch im Gothischen besteht th neben d in dem Wort.
mid, die bekannte Präposition, regiert hier, wie das Folgende
zeigt, nicht einen Dativ, sondern einen Accusativ. Diese Verbindung
ist für das Althochdeutsche und für das Angelsächsische mit unzweifel-
haft hinlänglichen Belegen gerechtfertigt in meiner Abhandlung über
den instrumentalen Gebrauch des Accusativs, der aus dem adverbialen
hervorgeht, in Haupt's Zeitschr. XI. 393—409. Daß hier die Präp.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 265
f mit' nach dem 'satt' steht, kann nicht befremden, da die Vorstellung
des Sattseins unter die des Voll- oder Angefülltseins gehört, wonach
sich das fMit' z. B. in den ags. Ps. 64, 12 und im Cädmon G- 319 zeigt.
til heißt gut. Dieses Adjectiv, wofür das gothische gatils nur die
Bedeutung passend, füglich hat, ist im Angelsächsischen in dem aus-
gedehntesten Gebrauch für die Begriffe angemessen und gut. Es wird
nicht nur von Personen gesagt für gut und brav, wie wenn tue and
yfle gute und böse entgegengesetzt werden, Cädm. II, 610, sondern
auch von Sachen aller Art, so von einem Kampfe, der nicht angenehm
war, Beov. 2609, von gutem Rathe in Räths. 16, 16, von einem guten
Lohne, Cädm. Gen. 18 J0.
alet, ungenau gesprochen oder geschrieben für aleth, ist das Ge-
tränk, welches noch jetzt in England Ale heißt, bei den alten Sach-
sen alo in alofat Hei. 61, 8-, bei den Angelsachsen ebenso, und mit
Brechung des Vocals ealo; woneben auch die längere Form olad (ur-
sprünglich alad), sowie mit Umlaut alod, und mit der Brechung ealad
für dieselbe Art Bier vorkommt. Daß diese Nebenform von sehr alten
und im alltäglichen Leben vom häufigsten Gebrauch war, dafür scheint
schon der Umstand zu beweisen, daß sie bereits in den frühesten Ur-
kunden die Flexion verloren hat, denn solchen Verlust erleiden nur
die durch den Gebrauch abgenutztesten Wörter. Bereits in einer Ur-
kunde vom Ende des 8. Jahrh. bei Kemble Dipl. Anglosax. 1, 203
liest man den Genitiv dreimal nur in der Form alod, und so lautet
es auch bei Alfred: tvegen fätels fall ealad odde väteres, zwei Gefäße
voll Bieres oder Wassers, im 1. Cap. des Orosius, so wie in einer
Urkunde von 835: dritig ombra alad, Dipl. 1, 312. Ebenso heißt es
im Dativ: bütan flaesce and ealad, (außer Fleisch und Ale) statt ealade,
in Thorpe's Laws p. 357. Übrigens waren mehrerlei Arten von Alath
bei den Angelsachsen vorhanden. Man unterschied fremdes, insbeson-
dere welisches von dem einheimischen, und bei diesem lauteres, d. h.
gewöhnliches und unversetztes, also wohl bitteres, von einem linden
d. h. süßgemachten. Diese drei Arten kommen Dipl. 1, 203 neben
einander vor. Noch jetzt gibt es in England neben dem süßen ein
bitteres und altes Ale. Ein Schenkort dieser Getränke hieß cedp-ealeäel,
den Priestern mußte verboten werden ät ceapealedelum zu essen oder
zu trinken , Th. Laws p. 473. — Das Genus des Wortes alo ist in
allen alten Dialekten das Neutrale, danach wird auch das synonyme
alad dasselbe gehabt haben. Hier liegt es vor durch die Endungen
der damit verbundenen Adjectiva.
gomul ist die dunkelvocaligc Nebenform des einst mehreren Dia-
266 FEÄNZ DIETRICH
lekten gemeinsamen Adj. gamal, alt. Das Gothische gewahrt es nicht;
sein Vorhandensein im Althochd. ist durch Eigennamen vorausgesetzt,
vgl. Grimm Gramm. 3, 618; im Altsächs. durch das davon abgeleitete
Verbum gamalon altern, Uiel. 2, 24. Im Angelsächs. ist es so gangbar
wie im Altnordischen, besonders im Sinne von senex, doch nicht
minder auch von Sachen, so heißt es vom Schwerte: sveord Beovulfes,
gomol and graegmacl (alt und graufleckig) B. 2682, wie vom Vogel
Phönix: gomol, gedrum frod Phon. 154, womit auch unser gomul der
Form nach, so nahe als nöthig ist, belegt und gerechtfertigt wird.
Die Wortstellung der Runeninschrift ist vollkommen dem
höheren Alterthum gemäß. Die beiden Prädicate des Aleth , gut und
alt, sind durch das Nomen getrennt, die Stellung beruht darauf, daß
in alter Zeit ein attributives Adjectiv auch seinem Hauptwort nach-
gestellt werden kann. Daher findet sich von zwei solchen Adjectiven
oft eins vor- und das andere nachgesetzt. Für das Mittelhochdeutsche
wurde dies nachgewiesen von Grimm Gr. 4, 489 durch Verbindungen
wie: ein ziere lodfen breit. Für das Angelsächsische kann ich dieselbe
Stellung belegen; of pissum strongan style heardan (von diesem
starken, harten Stahle) liest man in dem Räths. 41, 79, hi deupne
smi, dulfon vidne (si gruben einen tiefen weiten Brunnen) in Thorpes
Ps. 56, 8. Ein anderes Wort steht zwischen zwei Adjectiven in : fram
päm eceum hider äctehtm bcorgum (von den ewigen edeln Bergen hierher)
Ps. 75, 4. In reiner Prosa wäre diese Wortstellung gleichwohl auf-
fallend, aber ganz einfache Prosa liegt eben auch hier nicht vor.
Der Runenspruch trägt die Alliteration an sich, indem insap
und aleth vocalisch gebunden sind. Hieraus erklärt sich einerseits, daß
statt des einfachen Adjectivs 'satt* eine Composition damit (insap) vor-
gezogen wurde, und andererseits, daß das zweite Prädicat (gomul)
seinem Substantiv nachgesetzt wurde, damit dieses Substantiv, welches
den Hauptstab trug, nicht die letzte Stelle erhielte, was nach einem
bekannten Gesetz der Alliteration unstatthaft ist. Die rythmische Zeile,
sehr ebenmäßig gebaut, da in jeder Hälfte zwei Hebungen mit vier
Silben sind, hat nun ebenso regelrecht den Reimstab bei jedesmal der
ersten Hebung.
Was nun den genaueren Sinn und die Anwendung des ohne
Verbum ausgesprochenen alliterierenden Spruches betrifft, der nach
seiner Bauart etwas formelhaftes hat, so wird es wohl kein großes
Bedenken haben können , das Verbum substantivum im Imperativ
oder Optativ zu ergänzen. Der Ausdruck: Reichlich satt mit
gutem alten Ale (seiest du), würde in einer Reihe stehen mit dem
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 267
ahd.: wir iamer bilde (simös), d. h. mögen wir immer fröhlich sein!
sowie mit dem altn. vel ])u kominn! (sei du willkommen!) und dem
mhd. gote und mir wiUehommen (sistu) Gr. Gramm. IV, 132. So wäre
es ein Trinkspruch für den dauernden Besitzer des Bracteaten gewesen,
womit ihm jederzeit ein guter und fröhlich machender Trunk gewünscht
worden wäre, eine Art %aiQE itivmv. Allerdings sind Glückanwün-
schungen auf den Bracteaten des Kopenhagener Atlas vertreten, und
eben auch solche, die eine Befriedigung durch besondere alltägliche
Bedürfnisse aussprechen. Es kann aber auch sein, daß der Runenmann,
sowie der Besteller oder der Träger des Bracteaten, mehr als Wunsch,
nämlich Bannung eines Gutes oder Genusses dabei beabsichtigte, daß
der Spruch in Beziehung steht zu dem besprochenen Bild, um das er
herumsteht, und daß demnach ein: ist oder war dieser zu ergänzen
wäre. Auf die Wirkung, welche man mit dem Ansichtragen eines
solchen beschreibenden oder epischen Spruches erwarten konnte, kommen
wir bei Prüfung des zweiten Spruches zurück.
2. Der Bracteat mit 15 Runen.
Das Bild zeigt denselben nach links gewendeten Profilkopf mit
demselben Haarschmuck (bei Grotef. Nr. 2) als auf der vorigen Schau-
münze. Die rechte Hand ebenfalls aufgerichtet nach dem Kinn zu, die
linke herabgehend , nur sind an beiden Händen die Daumen von den
übrigen Fingern abgestreckt, die Beine, die gleich unter den Händen
beginnen, ebenfalls vereinzelt ohne Rumpf, sind deutlicher in der Be-
wegung des Gehens. Die Handringe fehlen hier. Nur sind um das Bild
herum einzelne große Ringe dargestellt wie um und zwischen dem
vorigen.
Dieser Bracteat ist etwas größer als der zuerst besprochene, und
sein Rand scheint eine andere losere Art von Flechtwerk zu enthalten.
Gleichwohl ist die Ähnlichkeit zwischen beiden in Bild und Schrift-
zeichen so groß, daß man sicher mit Grotefend einerlei Anfertiger bei
beiden annehmen kann.
Die Richtung der Schrift ist auch hier , wie die einseitigen Zei-
chen beweisen, die von rechts nach links. Denn das A-Zeichen
gegenüber dem Munde der Figur ist so gewendet , nicht minder das
L-Zeichen am Hinterkopfe , und das U-Zeichen bei der Biegung des
linken Arms. Ausnahmsweise hat seine gewöhnliche Richtung das U
vor den Fingern der rechten Hand. Die Schrift will wie die vorige
und wie gewöhnlich von innen heraus gelesen sein, nur das U vor dem
Vorderfuße steht dann auf dem Kopfe, da es von unten und außen
2ßg FRANZ DIETHICH
gesehen seine gewöhnliehe Form hat. Vielleicht um den Schluß zu
bezeichnen.
Die Einerleiheit des Runenritzers lässt erwarten, daß der Anfang
der Inschrift auch hier rechts unten am Hinterfuß des Bildes zu suchen
sei. So ergiebt sich mit den nöthigen Umwendungen:
jnpxYr xrnnxiYh
Die Runen sind derselben Art wie auf dem vorigen Bracteaten,
und daher ist das erste Zeichen und das dritte des zweiten Absatzes
unbedenklich für S zu nehmen.
Das dritte Zeichen des ersten Absatzes ist kein völliges Dreieck,
wonach es ein Ven sein würde , sondern ist oben offen. Ich halte es
für ein P, dessen Figur unter den angelsächsischen Runen, wie denen
der altern Art, ein wahrer Proteus ist. Sie ist gewöhnlich aus der Rune
für fc durch eine oder zwei Öffnungen auf der rechten Seite differen-
ziirt. Auf dem Goldbracteaten von Vadstena erscheint sie in der Gestalt
y mit Öffnung nach oben , die Abrückung und Vereinfachung der
rechten Seite mag die vorliegende Gestalt herbeigeführt haben. Auf
der ags. Inschrift des Kreuzes von Bewcastle, dessen erstes Wort pinas
ist, erscheint sie mit Öffnung nach unten, in der Gestalt (? (Wormius
dan. lit. p. 161). In den ags. Alphabeten der Handschriften und bei
Cynevulf in Exeterbook hat sie Öffnung sowohl nach oben als nach
unten, und Auseinanderrückung der beiden Ecken oder Schleifen der
rechten Seite erlitten, zu f, fc und £. (Hickes thes. gramm. isl. p. 4
Tab. VI unten.)
Das zweite Zeichen der zweiten Reihe hat den Schein der L-Rune,
sie ist aber sachlich wenig wahrscheinlich zwischen G und S, zumal
da schon drei Consonanten ohne Vocal vorhergehen. Auf dem Brac-
teaten ist ohne Umdrehung die Gestalt 1, ist dies verritzt für einen
einfachen Strich | , so ergiebt sich das Erwartete, ein Vocal. Diese
Conjectur lässt sich sprachlich rechtfertigen, wovon nachher, sie ist
aber auch graphisch sehr wahrscheinlich zu machen durch die Ver-
gleichung der ags. Schreibung der Rune für i in Cynewulfs Räthseln,
sowie auf dem Stein von Dover (Arch. Brit. Bd. 28 Tab. XVI Fig. 13),
wo sie oben einen Zusatz hat, durch den sie ebenso der Rune f für L
ähnlich wird. Giebt man der Vermuthung Raum, so lässt sich, mit
Ergänzung eines a zwischen GM und vor dem hier unmittelbar fol-
genden L abtheilen
SUP GaMaL GISAUG IMU.
Begränzt ist das erste Wort süp durch die Wahrscheinlichkeit des
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 269
zweiten, eines Adjectivs, mit dem man schon vom vorigen ßracteat
her bekannt ist.
Das Nomen süp gehört zu dem Verbum süpan (sorbere, bibere),
welches im Angels. die Übersetzung ist von absorbere in Thorpes
Psalmen 68, 15. 123, 3 (wo gesüp in dafür steht). Die Angelsachsen
gebrauchten es im edelsten Stil vom Trinken der Menschen. So heißt
es in einer Stelle vom Abendmahlskelch: er nahm einen Kelch and
tealde his gingrum of to siipen?ie, und gab seinen Jüngern davon zu
trinken, Alfric Hom. 2, 244. Demnach steht dem Nomen süp die Be-
deutung Trunk zu, eigentlich ein Schluck (sorptio). So kommt es in
mehreren neueren zum germanischen Kreise gehörigen Sprachen vor,
und ist thatsächlich auch im Angelsächsischen, nur in der durch Um-
laut getrübten Form syp vorhanden.
gamal, wovon die Vocale nicht mitgeschrieben sind , es war ja
ein allbekanntes häufiges Wort, könnte auch gomul ergänzt werden,
in welcher Gestalt es für den Begriff alt in der vorigen Inschrift als
Prädicat des Ale erschien. Da es hier nach dem folgenden transitiven
Verbum ein Accusativ sein muß, die Masculinendung des adject. Acc.
aber ein n enthalten müßte, so ergiebt sich, daß süp als Neutrum be-
handelt ist, während es in modernen Sprachen Masculin ist. Das sächliche
Geschlecht ist im Altnordischen dafür herrschend, auch hier kann es
sich nach dem von Ale, Bier gerichtet haben.
gisaug imu (suxit sibi) habe ich des klaren Sinnes halber und
nach der Forderung der nachher zu erwähnenden Alliteration hergestellt
aus glsaugimu, da der Zeichnung nach auch unter den Runen l und i
sehr ähnlich sind. Denn einigermaßen wahrscheinliche Worte könnten
nur gewonnen werden, wenn man zwischen g und / einen Vocal er-
gänzte, aber das allenfalls denkbare: geh aug' imu d. h. ein alter Trunk
erheitert ihm das Auge, wäre höchst gezwungen und nicht ohne meh-
rere grammatischen Härten. Die Entdeckung aber zu machen, daß das
nordische og (und) hier vorliege, daß Gilsa ug Jmu zu lesen, und
dativisch „für den Gilsi und die Ima" zu erklären sei , überlasse ich
billig denjenigen, welche eine halb alt, halb modern skandinavische
Inschrift herauszubringen wünschen würden.
Die Form gisaug ist das regelrechte alte Prät. von gisügan, welches
fast gleich mit sügan, noch stark erhalten ist in unsern saugen, ich sog ;
im Gothischen hat sein Dasein nur eine Spur in einem derivierten
Verbum (sugün) hinterlassen, während es im Alth. und Altnord, voll-
ständig vorhanden, im Ags. fast verdrängt ist durch das verwandte sücan.
Auflallen kann neben dem gothisch-sächsischen Consonantenstand der
270 FRANZ DIETRICH
vorigen Inschrift und dieser selbigen, der sich in säp verräth, der un-
verschliflene reine Diphthong; darüber wird weiter unten bei der Be-
stimmung über Alter und Ort der Inschrift eine Aufklärung versucht.
Einstweilen sei nur bemerkt, daß reine Diphthongen bei alten Conso-
nanten außer im Gothischeu und Nordischen , auch z. B. im alten
Fränkischen, wie die Namen bei Gregor von Tours unwiderleglich be-
weisen , noch in vollem Umfang geblieben sind , obwohl sie später
Einschränkungen erleiden.
Der Zusatz des im«, des Dativs vom Personalpronomen, wie es
im 8. Jahrhundert im Heliand noch vollständig neben im auftritt, be-
ruht auf dem reflexiven Gebrauch dieses medialen Dativs, der im Ahd.,
Alts, und Ags. vorhanden , und am häufigsten im Altsächs. ist. Da
findet sich: gong imu Hei. 61, 1. 73, 1. giwet imu 60, 21. 63, 18. 82, 17.
93, 9. 128, 3. 13. för imu 82, 4. 17. imu stSg 82, 7. imu gisteg 130, 15.
stud imu 72, 23. endi imu ivunode 128, 3. moste imu libbien 125, 21.
bigan imu wahsen 73, 11. 15 u. a., was sich ebenso bei dem Plural
wiederholt, vgl. Gr. Gramm. 4, 37 f.
Zu übersetzen ist also das Ganze potum veterem suxit sibi, und
deutsch könnte man sagen : Einen alten Trunk nahm er zu sich.
Was das heißen solle, davon sogleich; vorher wolle man die Bauart
dieses Spruches beachten.
Eine nicht geringe Bestätigung für die gegebene Erklärung der
Inschrift ist sicher dies, daß sie wieder einen alliterierenden Spruch
herausstellt, und einen nach alter Weise gut gebauten Vers mit vier
auf zwei Hälften gleichmäßig vertheilten Hebungen , wozu noch ins-
besondere die gleiche Stellung der Stäbe wie in der vorigen Inschrift
kömmt. Vergleicht man die beiden Sprüche:
insa]> mid til alet gomul,
süp gämal gisäug imu,
so zeigt sich, wie jedesmal der Reimstab auf die erste Hebung der
Halbzeilen fällt, und wie übereinstimmend daher beide Sprüche ge-
baut sind.
Es fragt sich aber, was nun der letztere Spruch für einen
Sinn haben konnte, nach seiner Stellung auf dem als Schmuck
eetrao-enen Bracteaten. Einen Wunsch für den Besitzer, wie er sich
OD
in der Inschrift des vorigen finden lässt, enthält er wenigstens zunächst
und unmittelbar nicht, da er in erzählender Form ausgesprochen ist.
Schwerlich kann er auch bloß als eine witzige Bemerkung des Runen-
meisters zu dem fröhlichen Aussehen des mit Diadem gezierten edlen
Herrn, der die Hände vergnüglich ausbreitet, betrachtet werden. Denn
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RHNEN ßtc. 271
-ein Dichten und Sehreiben in Kuneu für den Zweck einer müßigen
Betrachtung oder Beobachtung ist im höheren Alterthum wenig wahr-
scheinlich.
Regelmäßig sollte das Schreiben und Ansichtragen von Kunen-
wörtern oder Sprüchen dem Eigenthümer etwas Gutes , irgend einen
Glücksstand bringen und sichern. Einer Person das Übel fernzuhalten
oder ein Glück stetig zu verbinden , genug den Zauber darf man als
Zweck der getragenen Bracteaten ansehen. Zauberformeln aber
wurden nicht nur in Form einer Anwünschnng, sondern auch in Form
einer Erfahrung oder einer geschehenen Thatsache, deren Wiederholung
entweder ausdrücklich angewünscht, oder durch das Reden davon still-
schweigend herbeigeführt gedacht wurde, von den zauberkundigen Per-
sonen des Heidenthums aufgestellt und ausgesprochen.
Für die erzählende, einst völlig epische Form von Zaubersprüchen
erinnere ich an die Merseburger Heilsegen. Der Spruch , welcher aus
Fesselung der Feinde helfen soll, beginnt mit einer Erzählung von den
Jungfrauen, die die Kriegsfesseln einst zusammenhefteten, ist aber durch
seine Abkürzuno; bereits ohne Angabe des Erfolgs, die ehedem nicht
gefehlt haben wird ; der andere Zauber, der die Beinverrenkung heilte,
bringt eine noch vollständige Erzählung von dem einst verrenkten Beine
des Pferdes Balders, welches durch Besprechung mehrerer Göttinnen
hergestellt wurde. Die nicht ausgesprochene Anwendung auf die gerade
vorliegende Verrenkung scheint zu beweisen, daß man die Wirkung
schon von dem Zurückgehen auf die alte Thatsache erwartete.
Man kann nicht wissen, aus welchem Zusammenhang die Formel
„Einen alten Trunk nahm er zu sich" herstammen mag. Liegt ihr eine
Göttergeschichte zu Grunde, so lässt sich etwa an Vodan denken, dem
Gunnlath auf goldnem Stuhle den Trunk des kostbaren Meths gab,
der ihm den Geist der Dichtkunst erregte, wie das Hävamal erzählt.
mit noch größerer Wahrscheinlichkeit aber doch wohl an den weithin
verehrten Thor oder Donar, der nach dem eddischen llammerliede
drei Faß Meth zu sich nimmt, der in der Trinkwette bei dem Riesen
Utgardaloki nur das Meer nicht auszutrinken vermag, und der einst
den Äsen zu ihrem Gebrau den Riesenkessel des Ilymir durch Kraft
und List zu verschaffen wusste. Ich vermag auf dem Bilde des Brac-
teaten nichts zu entdecken, was auf einen Gott hindeutete, denn die
sogenannte Thorsmarke, die crux ansata, zu welcher hier das X
der G - Rune umgestaltet ist , ist ein zu unsicheres Anzeichen.
Wenn aber auch die bildliche Darstellung auf einen gewöhnlichen
menschlichen Edeling geht, konnte immerhin der Spruch davon unab-
hängig auf eim' alte, ehedem bekannte Erzählung zurücksehen.
272 FRANZ DIETRICH
So viel ist indesseu klar, daß die beiden Dannenberger Runen-
sprüche, wenn anders sie, wie ich behaupten muß, richtig gelesen und
übersetzt sind, in die Reihe von Formeln gehören, wodurch ein Ge-
tränkzauber beabsichtigt wurde. Wie lange die Meinung fortdauerte,
daß man Speise und Trunk durch Zauber herstellen könne, beweisen
zahllose Mährchen mit ihrem Tischchen decke dich, und, mit Anknü-
pfung an viel höheren Segen , die Sage von der heiligen smaragdenen
Schüssel, dem Gral. Im Heidenthum wurden Götter angerufen und
durch Gelübde ihr Beistand gebunden, auch schon wenn etwas darauf
ankam , gutes Bier zu brauen , wovon ein bekanntes Beispiel in der
nordischen Halfssaga erzählt ist.
Ebenso konnte man überall im germanischen Heidenthum Runen-
sprüche benutzen, um gutes Ale oder anderes gutes Getränk zu ge-
winnen, und sich reichlicher Fülle desselben gleichsam zu vergewissern.
Das nordische Heidenthum hat einen Namen dafür, wenn es von al-
lerlei Bierrunen „allar ölrünar" (Sigurdrifumäl V. 10) spricht, er setzt,
richtig verstanden, Zaubersprüche voraus, durch die mau zum gedeih-
lichen Genuß guten Ale's zu gelangen wähnte.
Denn das Wort rün bezeichnete ebenso den geheimnissvollen Spruch
als die geheimnissvolle Schrift, da es im Hävamäl V. 147 mit //otT,
und V. 153 mit galJr (Zauberspruch) synonym steht, wie es auch im
Sigurdr. V. 5 der Fall ist. Wie nun die in Brunhilds Spruehliede,
dem Sigurdrifumäl, neben den ölrünar genannten sigrünar als solche
Zaubersprüche bezeichnet werden , die zu Sieg verhelfen , wie die fol-
genden biargrünar Formeln sind, die das hiarga (die Geburtshilfe) be-
fördern, die niälrünar zu guter Rede, die hugrünar zu guter Einsicht
helfen, so ist die allgemeine Bedeutung der ölrünar, daß sie zu gutem
Getränk verhelfen , und die im Sigurdr. V. 7 hervorgehobene Hilfe
gegen die Folgen einer möglichen Besprechung des Trankes ist nur
eine besondere Art dieser Getränksprüche.
Es wird also dem Geist des Alterthums nicht zuwider sein, wenn
man in den beiden alliterierenden Runenformeln der besprochenen Brac-
teaten eine eigene Art der Alezaubersprüche sieht. Wer sie umgebunden
an sich trugf, konnte ihrem Inhalt nach zwar nicht gerade bei der Zu-
bereitung des Getränks darauf eine Einwirkung erwarten , aber wohl
für seine Lebenszeit den Genuß davon und die Sättigung damit sich
anzuzaubern glauben. —
Wir wenden uns nun zur Erklärung der Inschrift auf den zwei
noch übrigen Bracteaten, welche kürzeren Umfangs und anderer Art ist
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 273
3. Die zwei Bracteaten mit 6 Runen.
Es ist ein und dieselbe Inschrift, welche auf den Bracteaten Nr. 5
und 6 bei Grotefend auf der linken Seite hineingedrängt ist in den
geringen vom Bilde übrig gelassenen Raum.
Nur die Randverzierung ist verschieden, die bildliche Darstellung
auf beiden ist genau dieselbe, denn die beiden dunkeln Flecke auf dem
Bracteaten mit doppeltem Rande sind nach Hrn. Dr. Grotefends Be-
merkung spätere Verletzungen.
Über den dunkeln Sinn des Bildes, welches fast das ganze Innere
der Scheibe einnimmt, — in der Mitte stellen sich drei Wülste dar,
die rechte und die unterste scheint in einen Zweig auszugehen, die
links gewendete in einen Vogel mit großem Kopf und einem nach links
aufgesperrten Schnabel, — kommt uns eine auf gelehrter Vergleichung
beruhende Deutung des Kopenhagner Gelehrten , des Conferenzraths
Dr. Thomsen, welche Dr. Grotefend a. a. O. beibringt, entgegen. Es
heißt da S. 346: „nur die Vergleichung einer ziemlichen Reihe von
ähnlichen Goldbracteaten (s. z. B. Danske Medailler ok Mynter Gl. 1
Fig. l27), wie sie der oftgenannte Atlas bietet, lässt ein Pferd in ihr
erkennen." Weiter ist nichts gesagt, wie dies zu erkennen möglich werde.
Zur Erklärung füge ich hinzu, daß die Möglichkeit es so anzu-
sehen entsteht, wenn man die Figur nicht wie gewöhnlich von unten,
dem Ohr gegenüber, sondern von der rechten Seite her betrachtet.
Dann kann das Stück, welches das Ansehen eines Vogels hat, für den
Kopf des Pferdes genommen werden, mit einem sehr großen Auge,
über dem sich unmittelbar die Ohren erheben; man muß freilich an-
nehmen, daß die beiden Vorderfüße zu einer Wulst zusammengeflossen
wären, wie auch die Hinterfüße nur eine Wulst darstellen würden,
was bei einem galoppierenden Pferde wohl erträglich wäre. Aber schwer
begreiflich wäre, wie die Masse der Fußpaare jedesmal in einen viel-
gliedrigen Zweig endigen könnte, und wenn die beiden Querbänder
über die mittlere und hintere Wulst die Gurte wären, wie sie nicht
auf Brust und Rücken, sondern an Vorder- und Hinterschenkeln an-
gebracht sein sollten.
In der That fehlt es in dem Atlas, worauf verwiesen wird, wenn
auch nicht an sehr rohen Pferd ge stalten , wie Nr. 152 — 156, so doch
an einer analogen Auflösung der Hufe in Finger oder Zweige. Auch
ist unter allen dort vorgeführten 253 Bracteaten und Münzen meines
Wissens nur ein einziger Fall, nämlich Nr. 90 vorhanden, wo das Ohr
durch Versehen unrichtig angelöthet ist, und man bei der Betrachtung
GKKMAN1A X. 18
Ü74
FKANZ DIETRICH
des Bildes seinen Standpunkt auf der Seite nehmen muß. Nach dem
allem bleibt zwar die Möglichkeit, daß ein Pferd vom Münzer beab-
sichtigt ist, aber einige Wahrscheinlichkeit hat es nicht.
Bei der natürlichen Betrachtung vom gewöhnlichen Standpunkt
aus stellt sich in der Mitte des Bildes ein nach links gebogenes Hörn
dar mit allerdings phantastischen , aber doch erklärbaren Zuthaten.
Die alten Trinkhörner der Germanen waren unten wie oben ofi'en *).
Dir vorhin so genannte Vordergurt bezeichnet den oberen Rand des
Ilornes , der untere Rand ist zwar nicht bei Nr. 6, aber auf Nr. 5
angedeutet bei der Biegung links nach dem Vogel zu. Ein Zweig
scheint unmittelbar aus diesem untern Ende herauszuwachsen. Dies
leitet auf die Vorstellung eines Füllhorns. Aus dem oberen Ende er-
heben sich gleichmäßig nach links und rechts umgebogene Ströme,
die sich als Ausströmungen der Lebensfülle betrachten lassen. Die
linke geht aus in den Kopf, den Lebenssitz des gedachten Vogels,
die rechte Strömung endet in dem Boden einer herabgehenden Figur,
die einem Baumstamm mit Zweigen gleicht , woran sich der schon
besprochene zweite Gurt als der Boden ansehen lässt, aus dem sich
der dicke Stamm erhebt , wobei man ihn natürlich von oben her an-
sehen muß. Über dem Ganzen zeigt sich wieder ein Thierkopf, dessen
dünner Leib mit der linken Ausströmung in Verbindung gesetzt ist.
Vielleicht also sollte die Fülle des Naturlebens in seinen Haupt-
erscheinungen , dem thierischen Leben und dem Pflanzenwachsthum,
zur Darstellung gebracht werden, als ein einziger Lebensstrom.
Allerdines ist das Füllhorn bisher nur aus griechischer und rö-
mischer Mythologie bekannt. Doch liegt die Vorstellung eines Quellens
und Ausströmens des Lebens in den germanischen Mythen von den
Brunnen unter dem Weltbaum, und eine nur zu wenig bekannte Göttin
der Fülle, die sich schon mit der Amalthea vergleichen ließe, ist auch
bei uns vorhanden in der Person der Fulla, die nur in der nordischen
Darstellung als Dienerin der obersten Göttin erscheint, in der deutschen
aber, nach den Merseburger Zaubersprüchen, unabhängig als Schwester
einer Göttin. Vielleicht konnte auch das Giallarhorn, das Trink- und
Signalhorn Heimdalls, als ein lebenspendendes betrachtet werden.
Übrigens wäre selbst ein Einfluß römischer Vorbilder nichts
Unerwartetes. In allen Gegenden Deutschlands, auch in Nordsachsen,
z. B. bei dem Lengericher Fund, sind römische Kaisermünzen aus-
gegraben worden, deren Kehrseite bald eine Friedensgöttin mit Zwvig
*) Vgl, m. Abh. de inscript. duabus rmiicis, ad Gothorum gentein relatis p. fo'.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 275
und Füllhorn, bald eine Felicitas mit Stab und Füllhorn, bald eine
Fortuna mit Füllhorn vor Augen stellte.
Doch dies sei nur als Vermuthung gegeben, die gegen jede ein-
leuchtendere Erklärung der bildlichen Darstellung bereitwillig zurück-
genommen werden soll, gegen die aber nicht schon das eingewendet
werden kann, daß sie etwas Neues unter die symbolischen Zeichen
und Zierrathen der Bracteaten bringen würde *).
Die Inschrift, deren Inhalt von dem Bilde völlig unabhängig sein
kann, ist auf beiden Bracteaten identisch, wenn auch in einzelnen Zügen
ein wenig verschieden. Die Richtung der Schrift ist, wie aus der Stel-
lung der fünften Rune wahrscheinlich wird, von links nach rechts,
so daß zugleich von unten nach oben gelesen werden muß:
1 y r r ► m
So namentlich auf Nr. 6. — Auf Nr. 5 bei Grotefend ist das fünfte
Zeichen mit einem kleineren rechten Zusatz versehen und um so deut-
licher ein TH. — Ebenda steht bei dem ersten Zeichen der links ab-
gehende Haken etwas tiefer, wodurch jedoch nichts geändert wird;
es ist die auch in nord. Denkmälern häufige verkürzte Gestalt des f,
die auch unserer Runengattung zusteht. Umzuschreiben ist also
TMLLTHE.
Die schon oben erwähnte Beschränktheit des Raums für die In-
schrift auf diesem Bracteaten, der fast ganz durch die bildliche Dar-
stellung eingenommen ist, ist offenbar der Grund der auflallenden
Erscheinung, daß von den 6 Runen nur eine einzige, und zwar die
letzte ein Vocal ist, daß mithin für die beginnenden vier Consonanten
mindestens zwei Vocale ergänzt werden müßen. Dies aber macht die
Deutung der kurzen Inschrift zu einer viel schwierigeren als die der
beiden vorigen war. Etwas einigermaßen Wahrscheinliches lässt sich
aus dem Kreise des Möglichen doch vielleicht durch die Analogie
anderer Inschriften empfehlen.
*) Denn jedenfalls neu, d. h. auf keinem der Bracteaten des Atlas vorhanden,
ist das Bild, welches einen von Schlangen umgebenen Mann darstellt (Grotef. Nr. 4),
und wenigstens in seiner besondern Zusammenstellung neu das auf den beiden Landeg-
ger Bracteaten (Grotef. Nr. 7. 8), worin ich zwei sich kreuzende Vögel erkenne, die
mit ihren Schnäbeln gegen einen gehelmten Kopf gerichtet sind. Um freilich die rechts
für sich stehende, sehr entstellte Figur als einen Kopf wieder zu erkennen, dessen Helm
nach links hin sich in einer Verzierung endet, bedarf es der Erinnerung, daß die Helme
der Bracteaten mit ihrem hintern Ende oft in einen Vogelkopf, oder einen sonstigen
langen Schweif ausgehen.
18*
276 FRANZ DIETRICH
Am einfachsten würde man in der Inschrift einen Namen ver-
muthen, sei es des Besitzers oder, was viel öfter vorkommt, des Mün-
zers. Einen wahrscheinlichen Namen zu finden gelänge aber nur, wenn
man annimmt, daß die erste Rune 1 oder \ jedesmal aus ^ d. h. a
entstellt wäre. Ein Name Amalpe würde zusammengesetzt sein aus
Amal-peo, der erste Theil ist in deutschen Namen häufig, wie in Amal-
beraht, Arnalhere, Amalthrud, der andere nicht weniger gewöhnlich,
wie in Arindeo, Adildeo, Eccantheo, Gotatheo trad. Fuld. p. 135, Wolf theo
eb. 69. 209, und in gothischen Namen Agintheus, Alatheus, Arintheus,
FeleiheuSj Flacitheus, Odotheus, Gottheus. Im Ags. Vathpeo Frauenname
im Beovulf.
Bedenken erregt nur das alsdann .überflüssig geschriebene zweite L7
während der Vocale zwei weggelassen wären, da am wenigsten Con-
sonanten überflüssig geschrieben zu werden pflegen.
Danach wird es gerathener sein, das erste L als das Ende, das
zweite als den Anfang eines Wortes zu betrachten, und die überlieferte
Schreibung der Runen nicht zu verlassen.
Für das zweite Wort muß dann natürlich ein Vocal zwischen L
und TH ergänzt werden; nimmt man den zunächst liegenden a, so
ergiebt sich lape, welches, sei es Dativ oder Nominativ, sich dadurch
empfiehlt, daß sein Vorkommen auf Bracteaten mehrfache Analogie hat.
Unter den Anwünschungen von Glücksgütern , wrelche im Atlas auf
den Runeninschriften der Bracteaten vorkommen, zeigt sich zweimal,
nämlich auf Nr. 84 und 101 des Atlas auch das Wort läpa. In der
historischen Zeit bedeutet lad, ags. laett den Besitz, früher aber muß
es Gut und noch weiter Glück oder Glückseligkeit bedeutet haben,
denn das negierte Adj. ags. unlaed ist elend, unselig (Andr. 30 im sitt-
lichen Sinne) und gothisch unledi Elend, Armuth. Unser läpe! ist also
mit voller Wahrscheinlichkeit durch Glück zu erklären und für einen
dasselbe anwünschenden Ausruf zu halten.
In dem ersten Worte könnte ein einfacher Eigenname liegen und
die Person genannt werden, der das Glück angewünscht wurde, wie
es der Fall ist auf der ags. Münze des 4. Jahrhunderts: „victuria Adulfo",
Ilickes-Fountaine Tab. III, wenn nur eine Dativendung ersichtlich wäre.
Da diese fehlt, so wird es sicherer sein, um nicht zu viele Vocale er-
gänzen zu mäßen, ein Adjectiv darin zu suchen, welches als Prädicat
zu dem Wort für Glück oder Gut treten kann.
Nun kann aber die erste Rune 1 nichts anders sein, als die auch
auf den Uuneninschriften anderer Bracteaten vorkommende Abkürzung
von f, was also geschrieben steht, ist, da die zweite Rune durch die
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN KUNEN etc. 277
vorigen Inschriften fest steht, wenn man es in lat. Unzialen ausdrückt,
TML, und dies wird nach Analogie von GaMuL auf dem unter Nr. 2
besprochenen Dannenberger Bracteaten , durch TaMuL zu ergänzen
sein. Nachzuweisen steht ein ags. Adj. tamul (domefactus , domabilis),
denn es zeigt sich ags. nntamul (indomabilis) in den gl. Prucl. 674.
Im Gegensatz zu der nach gewöhnlicher Erfahrung herrschenden Ver-
änderlichkeit, Launenhaftigkeit und Unfesselbarkeit des Glückes wäre
hier ein gezähmtes, dem Eigenthümer heimisch bleibendes Glück an-
gewünscht. Dürfte man ein tämul annehmen und aus dem mhd. zceme,
gezceme (angemessen, angenehm) erklären, so käme der Wunsch auf
gut Glück! hinaus, aber die sprachliche Begründung dafür wäre um
so misslicher, da bei den ags. Dialecten das Verbum timan, gatimau
(geziemen) abgeht, während tamul, wenn es auch selten ist, fest steht.
Auch so noch ist parallel, was sich mehrmals auf den sonstigen Gold-
bracteaten mit sächsischen Runen angewünscht findet: (h)el til (Atlas
Nr. 237, auch Nr. 132. 133. 220) d. h. gut Heil!
Genau dasselbe Adjectiv würde hervorgehen, wenn man die zweite
Rune Y für eo nehmen dürfte, wie ihr Werth in dem ags. Runenliede
durch eolx bezeichnet ist, und in den von Hickes gramm. isl. p. 4 auf
Tab. VI im zweiten Alphabet, auch im vierten und fünften. Dann wäre,
ohne daß ein Vocal ergänzt zu werden brauchte, das Adj. teol, in der
klaren Nebenform zu til (gut) ausgesprochen. Auf allen Inschriften ist
indessen meines Wissens der voealische Gebrauch jener häufigen Rune
noch niemals nachgewiesen , und so wird man sich bis auf weiteres
mit der vorhin vorgeschlagenen Lesung, die auf sicherer Bedeutung
der Zeichen beruht, begnügen müßen.
II. Von der Zeit.
Über die Zeit der Dannenberger Bracteaten sagt das Einzelne des
Fundes selbst nicht viel aus. Zusammen mit den 11 Goldbracteaten,
wovon vier die besprochenen Runeninschriften enthalten, sind Stücke
verrosteten Eisens gefunden worden. Aber das sogenannte Eisenalter,
dem sie dadurch zugewiesen werden, ist ein sehr weitschichtiger Be-
griff. Das ist nicht etwa vorzugsweise die Zeit, die der Einführung
des Christenthums im Norden zunächst vorhergeht, sondern offen ist
der ganze Zeitraum seit der Berührung mit den Römern in den ersten
nachchristlichen Jahrhunderten.
Das Zeitalter der Goldbracteaten überhaupt, von denen 253 aus
verschiedenen Ländern meist aus nördlichen Fundorten abstammende
in dem Kopenhagner Atlas abgebildet, und von Thomsen in den An-
278 FRANZ DIETRICH
naler for nordisk Oldkyndighed 1855 S. 265 ff. beschrieben und mit
Abhandlungen über Zeit und Ort ihrer Entstehung abgehandelt sind,
wird von diesem Gelehrten zu weit ausgedehnt, es ist mit voller
Wahrscheinlichkeit auf den Zeitraum vom 4. — 7. Jahrh. zu bestimmen.
Die Dannenberger Bracteaten scheinen mir zu den älteren zu
gehören, schon weil die Runenschrift, stimmend zu der des goldnen
Horns , älter ist als die angelsächsische, die wir seit dem 8. Jahrh.
in England entwickelt finden, und namentlich die Gestalt \ für das S
sonst nur auf den ältesten Bracteaten, und ähnlich auf dem Ring von
Cöslin erscheint, der, offenbar ein Zauberring, zusammen gefunden
wurde mit Münzen, deren jüngste von Leo I. (457 — 474) ist, und Ende
des 5. Jahrh. oder Anfang des 6. zu setzen ist. Seine Inschrift enthält
sälu, einen ähnlichen Heilswunsch, wie die Dannenberger Bracteaten
Nr. 5 und 6 mit ihrem Mpe, Glückseligkeit.
Damit stimmt die alterthümlicbe Zeichnung in den bildlichen
Darstellungen der Bracteaten überein, die sich zwar als Nachahmungen
besserer Vorbilder zu erkennen geben , aber sich nur an die ältesten
Nachahmungen anschließen lassen. Dahin ist zu rechnen, daß das Auge
der männlichen bärtigen, mit Händen und Füßen aber ohne Mittelleib
dargestellten Figur auf Nr. 1 und 2 noch ein einfacher Kreis mit einem
Punkt im Centrum , noch nicht die volle ovale Zeichnung mit den
Augenwinkeln ist, und daß an allen Seiten neben den Figuren Ringe
erscheinen (auf Nr. 1 sind ihrer 6, auf Nr. 2 zwei und dreimal drei),
die vielleicht auf Reichthum an goldnen Ringen hinweisen sollen, deren
die zweite Figur auch drei am Handgelenk hat. Nur das letztere hat
mehrfache Analogie auf sonstigen Bracteaten.
Zahlreiche Windungen von Schlangen giebt es auf den Dannen-
berger Bracteaten Nr. 3, von dem vier Exemplare gefunden wurden,
und Nr. 4, von dem sich drei gleiche Stück zeigten. Auf Nr. 4 vermag
ich in der Figur am Hinterkopf des Mannes nicht einen Vogel zu er-
kennen, sondern trotz des schnabelförmig aussehenden Vorderkopfes
nur wie in Nr. 3 und hier gegenüber eine Schlange. Da sich nun eine
dritte um den Leib windet, die in den linken Fuß zu beißen scheint,
der Kopf des Mannes aber krampfhaft nach hinten gebogen ist, so
geht die Darstellung auf einen drei Schlangen Preis gegebenen Mann,
und, da er waffenlos ist, wird nicht an die vermuthete Abbildung des
Kampfes Thors mit der Midgardsschlange gedacht werden können,
wohl aber an einen in einen Schlangenhof geworfenen Mann, wie es
der Gunthere der Heldensage ist. Wenn sich aber aus der Häufigkeit
der Bracteaten mit Schlangenwindungen, wie Nr. 3 darstellt, auf eine
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 279
Zeit allgemeiner Beliebtheit derartiger Verzierungen schließen lässt,
so eignet sich dies bereits fürs 6. und 7. Jahrh. , denn im Beovulf
kommt die Schlaugenverzierung (vyrmfäh) schon auf Schwertern vor,
auch zeigt sie sich auf dem sehr alten goldenen Hörn von Gallekuux.
Die Zeit endlich eines Bracteaten, dessen Bild mit dem auf Nr. 1
und 2 nahe verwandt ist, und wie gleichen Geschmack, so auch gleiche
Zeit verräth, lässt sich durch Mitgefundenes annähernd bestimmen.
Dies ist der bei Bolbro auf Fünen ausgegrabene Bracteat Nr. 218 des
genannten Atlas, über dessen eigenthümliche, aber in Runen derselben
Art geschriebene Inschrift weiter unten die Rede sein wird.
An derselben Stelle mit diesem Nr. 218 ist ein massiver Gold-
halsring gefunden worden (nach Annaler f. n. Oldk. 1855, S. 336)
gleicher Art und Arbeit mit dem in dem Funde von Broholm auf
Fünen , bei dem auch ein Bracteat von Constans und Constantius
(407—411) zum Vorschein kam, Nr. 6 des Atlas (vgl. Annaler a. a. O.
S. 336 und 282), sowie ein anderer Nr. 11 mit dem Bilde eines Fürsten,
dessen Namen ich nach den umstehenden deutschen Runen lese Gun-
thious, ein Gunthiuchus aber war König der Burgunder um 490.
Nach allen den besprochenen Anzeigen wird man das Alter der
Dannenberger Bracteaten ungefähr auf das 6. Jahrhundert mit Wahr-
scheinlichkeit ansetzen können.
III. Über die Heimath
der in Rede stehenden Bracteaten wird natürlich durch den Fundort
an sich nichts entschieden. Daraus daß sie bei Dannenberg im alten
Sachsenlande ausgegraben sind, folgt nicht, daß sie altsächsische Be-
sitzthümer und noch weniger, daß sie sächsische Arbeit waren, ent-
standen unter denselben Sachsen.
Eben darum aber muß es Erstaunen erregen, daß man den er-
wähnten ähnlichen Bracteaten, der im Atlas mit Nr. 218 bezeichnet ist,
sofort für einen in Skandinavien entstandenen erklärt, weil er auf der
Insel Fünen gefunden ist, und die crux ansata, das von nordischen
Gelehrten sogenannte Thorzeichen tragen soll, welches aber diesmal,
in der Reihe der Runen stehend, vielmehr selbst eine Rune ist.
Man beruft sich freilich auf die Zusammeno-ehörigkeit dieser Stücke
mit den meisten übrigen Bracteaten, auf denen dieselbe Runenart herrscht,
und die zum größten Theil in Kopenhagen aufbewahrt und in skan-
dinavischen Küstenländern aufgefunden sind.
Es sind auf Gothland und in andern nordischen Ländern Tau-
sende von cufischen Münzen ausgegraben worden, und haben sich
28() FRANZ DIETRICH
ebenda Tausende mit lateinischer Schrift gefunden , deren Inhalt sie
als angelsächsische, im alten England geprägte erwies; die Entscheidung
über die Heimath von Altert hüniem, die mit Inschriften versehen sind,
kommt doch ganz und gar nicht aus den Fundorten, sondern aus der
Sprache und den Schriftzügen der Inschriften, denn bildliche Darstel-
lungen , symbolische Zeichen und Verzierungen wiederholen sich im
Mittelalter in allen Ländern mit ähnlichen Gestaltungen, wie denn z. B.
das Schlangenwerk (auch auf den Bracteaten im Atlas Nr. 187 — 197)
keineswegs bloß nordisch und angelsächsisch ist, sondern auch auf
fränkischen und alemannischen Bildwerken vorkommt, und zwar gerade
die auf Bract. 3 erscheinenden sogenannten zerhackten Schlangen, die
nur unbeholfene Darstellung fortgehender vom jedesmal deckenden
Theil der Windung unterbrochener Schlangenlinien sind, giebt es auch
auf Denkmälern der alemannischen Gräber, vgl. Lindenschmid , die
vaterl. Alterthümer zu Sigmaringen, Mainz 1860 S. 110. Eben so wenig
führen Bilder und Kreuzeszeichen sicher.
Wie ist man aber bei Bestimmung des Volkes, unter dem die
Runen tragenden Bracteaten entstanden, zu Werke gegangen? Ich habe
keine anderen Beweise für Skandinavien zu entdecken vermocht, als
die Hinweisung auf bildliche Darstellungen, die mit der nordischen
Mythologie zusammen hängen sollen, und zwar auf Verehrung Thors
und Odhins, als ob diese nicht durch alle germanische Länder gegangen
wäre — thatsächlich ist sie nicht einmal vorhanden — und hauptsäch-
lich die Berufung auf die Ausgrabung solcher Bracteaten in skandina-
vischen Gegenden und in Norddeutschland, wo sie dann auf Kriegs-
züofen von Wikingern verloren sein sollen - als ob nicht die berufenen
Raubzüge, welche die Normannen zu Schiffe und zu Lande nach allen
Gegenden hin ausführten, diese verlockenden schimmernden Schmuck-
sachen als Beute aus der Fremde in den Norden gebracht haben könnten.
Das Verfahren, wonach man die Gol d bracteaten mit
Runeninschriften der nicht nordischen Art ohne Weiteres bloß wegen
des Fundortes für in Skandinavien gemünzte erklärt,
wo das Münzen erst gegen Ende des 10. Jahrb. von den Angelsachsen
gelernt wurde, und zwar ohne irgend eine der über 50 In-
schriften gelesen und in Bezug auf die Sprache geprüft
zu haben, muß als ein wissenschaftlich unbegründetes bezeichnet
werden.
Um zu einer haltbaren Bestimmung über die Anfertigungsorte
der Bracteaten zu gelangen, muß man vor allem Klarheit über die
Heimath der ihnen eigenthümlichen Runenart verbinden mit den Er-
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 281
gebnissen über die in den Inschriften herrschende Sprachgestalt, und
dann nach culturhistorischen Erkenntnissen seine Richtung nehmen.
1. Es kann niemanden einfallen zu läugnen, daß die Runenart
der besprochenen, sowie der sonstigen Bracteaten nicht die nordische
ist, mit der die Inschriften in skandinavischer Sprache in Schweden,
Norwegen und Dänemark geschrieben sind. Wenn aber nordische Ge-
lehrte die Meinung zu verbreiten suchen, daß die Runenzeichen der
Bracteaten gemischte seien, indem nordische mit angelsächsischen ver-
setzt seien, so beruht das entweder auf Unkenntniss oder auf dem
Streben, den weniger in die Runenarten Eingeweihten Sand in die Augen
zu streuen, um für die Zuweisung derselben an nordischen Ursprung
der Inschriften einen Boden zu gewinnen.
Das Thatsächliche ist kurz gefasst dieses. Es giebt drei Gattungen
von Runenschrift, deren Feststellung in den älteren Schriften über
Runen auch bei Willi. Grimm noch nicht klar sein konnte, weil die
Inschriften mit den seltenern Runenarten noch unentziffert waren *).
Alle drei Gattungen haben mehrere Zeichen gemeinsam , weil sie ja
gleichen germanischen Ursprungs sind, aber die besondern zur Gattung
gehörigen sind auf den Denkmälern gleicher Art eben so constant.
Die skandinavische Gattung von nur 16 Zeichen unterscheidet
sich durch ihre Einfachheit, wonach sie eine Reihe von Lauten durch
die nächst verwandten mit vertreten lassen, oder was später herrschend
wird, durch diacritische Puncte oder Striche unterscheiden muß. Die
angelsächsische Gattung, wie sie im alten England, und zwar mit
den im ags. Runenlied benannten 30 und mehr Zeichen auftritt, ist dem
lateinischen Alphabet angepasst, hat selbständige Zeichen für die
früher durch die verwandten Laute vertretenen oder diacritisch unter-
schiedenen Laute D, E, G, P, V, hat ein neues Zeichen für NG und
ein abweichendes für M eingeführt, so wie für die dem ags. eigenthüm-
lichen vocalischen Laute EA, EO und andere, und gebraucht ein neues
Zeichen für O, nachdem das ältere für diesen Laut, genannt üthel,
den umgelauteten Namen oethel oder ethel bekommen, und nur für oe
*) Gegenwärtig vollkommen ungenügend ist auch, was 1837 in dem Leitfaden
zur nordischen Alterthumskunde S. 7(J. 77 über die nicht nordischen Runen gesagt ist,
da dem skandinavischen Alphabet nur ein angelsächsisches zur Seite gestellt ist, aber
ein vielfältig verstümmeltes, worin so irrige Angaben stehen, wie daß die Rune Asc
für u stehe, während sie nie für O vorkommt, dein ja das diflferenziierte Zeichen p ge-
geben ist, z.B. Codex Exoniensis p. -IM';, 1. (J. 10. -107, 1, und dal; zwischen den wirk-
lichen Runen für II und K vier Zeichen eingeschoben sind, die jedes zugleich 11, K, <'
bedeuten sollen.
282 FRANZ DIETRICH
oder t zu gebrauchen war. Von dieser rein angelsächsischen
Gattung: ist die herrschende S c h r i f t der Bracteaten v e r-
schieden. Sie gehört zu der dritten deutschen, nach den Denk-
mälern nordsächsischen Gattung, welche den Sachsen zwischen Elbe
und Weser und den Angeln in Schleswig zuzuschreiben ist, und am
nächsten der angelsächsischen Art verwandt, 22 besondere Zeichen
besitzt. Ihr Alphabet liegt fast vollständig auf der Inschrift des goldenen
Ilorns vor, und, nur in Bezug auf das Zeichen für M und ein auf
lat. x beschränktes, hinüberleitend zum ags. Alphabet, auf den Brac-
teaten von Wadstena. Unterschieden ist dieses vom Ags. vornehmlich
dadurch, daß es keine besondere Zeichen hat für ä, ea, eo, io, y, daß
£ noch für o gilt, daß die Zeichen für C und NG noch einfacher sind,
und daß für M noch ausschließlich die alte Rune Y gebraucht wird.
Die auf den Dannenberger Inschriften gebrauchte Runengattung
verweist sie also auf deutschen, nicht auf skandinavischen Ursprung,
wie es eben mit dem goldnen Hörn der Fall ist, dem Rafn nur durch
unglaubliche Verdrehungen, wie weiterhin bewiesen werden soll, einen
skandinavischen Schreiber anzudeuten vermochte. Auch auf den übrigen
Goldbracteaten herrscht die dritte Runengattung, indem, wie man mir
einstweilen glauben kann, kein einziger die skandinavische Schriftart
an sich trägt, ein einziger aber nur die angelsächsische Gattung. Schon
dies lenkt vollkommen von skandinavischer Heimath ab, es müßte denn,
wie bei den verwandten, übrigens aber mit nordischen Zeichen ge-
mischten Blekinger Inschriften , die Sprache ein skandinavischer Dia-
lect sein.
2. Ziehen wir also nun besonders die Sprache der oben be-
sprochenen Dannenberger Bracteaten in Betracht, mit deren Bild und
Gepräge der Bracteat Nr. 218 des Atlas so große Ähnlichkeit hat,
daß er auch in Bezug auf die Heimath nicht wohl weit davon getrennt
werden kann, wenn anders nicht die verschiedene Inschrift abzugehen
nöthigt.
Auf dem mehrfach gedachten Bracteat Nr. 218 muß der Anfang
rechts, nicht wie Thomsen wollte, links gesucht werden*), denn die
Richtung der einseitigen Zeichen fordert die Lesung von rechts nach
links, hiernach sind die deutlich ausgeprägten Runen so anzuordnen:
y r n t:M HrnYx^i5
*) Thomsen Anualer for nord. Oldkyndighed 1855 S. 272, die Inschrift beginne
mit Otha.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 283
Setzt man dies in lateinische Schrift nach dem deutschen Runenalphabet
um, so zeigt die Reihe MLUTEAbLUMGObA, daß zwischen
den beiden ersten Consonanten ein Vocal zu ergänzen ist, übrigens
aber drei Worte vorhanden sind , von denen das erste ein Eigenname
ist, nämlich Malut, eaplum göpa, denn der Doppelpunkt nach dem
vierten Zeichen lehrt deutlich nach Malut zu interpungieren.
Der Zusatz zum Eigennamen ist wesentlich derselbe, der apelum.
gdd lautend, im Beov. V. 1870 einem König beigelegt wird, hier ist
nur die grammatisch eben so mögliche schwache Adjectivform vor-
gezogen und d weicher wie dh gesprochen. Das Prädicat heißt also
„gut von Geschlecht", ein solenner Ausdruck für einen vornehmen
Herrn, wie hiernach der Malut war, für den der Bracteat wahrschein-
lich angefertigt wurde. Malet ist ein englischer Name, das EA für A
ist im Angelsächsischen berechtigt, auch im Altsächsischen spuren-
weise vorhanden, im altnordischen aber unerhört, die schwache Adjectiv-
endung ags. a, alts. o, ursprünglich aber gleichfalls «, würde altnord. i
sein. Die Sprache gehört also einem deutschen und zwar einem säch-
sischen, vielleicht dem ags. Dialecte an.
Blicken wir zurück auf die drei Legenden der vier Dannenberger
mit Runen versehenen Bracteaten, die ich hier nach der Ordnung der
Untersuchung und mit cursiver Bezeichnung der ergänzten Vocale
wiederhole:
1. insab m?'d ti] alet gomul,
2. sup gamal gisaug imu,
3. tamwl labe,
Nr. 218. Malut, eaplum göpa,
so ist im Allgemeinen der deutsche, unnordische Charakter der Sprache
über allen Zweifel erhaben. In der Norroena, der den skandinavischen
Reichen im höheren Alterthum gemeinsamen Sprache, müßte der erste
Spruch gelautet haben: insapr ruep gdtt öl gamalt; neben öl (Ale, Bier)
zeigt sich nur das (Neutrum? und) Masc. öldr als Synonym, wovon
der Dativ öldri Hav. 140 beweist, daß R zur Ableitung des Worts
gehörte. Nur im Angelsächsischen findet sich neben alo die Nebenform
a/o(f, die dem alet d. h. aleth der Inschrift am nächsten steht. Das
Adj. til ist nur ags.
Der zweite Spruch, unter der bei ihm nothwendigen Voraussetzung,
daß ihm ein neutrales süp (Trunk) zu Grunde liegt, ins Nordische
übertragen, wäre: süp gamalt saug konum oder vielmehr ser, denn der
reflexive Gebrauch des persönlichen Demonstrativs ihm, ihn, der im
Deutschen bis in Luthers Bibelübersetzung fortdauernd zu finden ist,
284 FRANZ DIETRICH
blieb dem Altnordischen jederzeit fremd, welches zum Ausdruck jener
Reflexion, die einem Medium des Verbums gleich kommt, entweder
aer und sik, oder seine Mediatform, hier saugt statt saugsk, zu ge-
brauchen hatte.
Die dritte Formel würde, wenn es ein Neutrum lad im Sinne
von Besitz und allgemein Wohl oder Glück gegeben hätte, da dem
Adj. nur tamr zur Seite steht, geheißen haben: tarnt lap. Aber das
Nordische könnte zur Erklärung des mehrfach auf Bracteaten begeg-
nenden lapu (Glück) schon deswegen nicht herbeigezogen werden,
weil eine Spur dieser allgemeinen Bedeutung nur in dem gothischen
und angelsächsischen Adjectiv unläp, goth. unleds (unglücklich, elend)
vorhanden ist. Gothisch aber die Sprache der Bracteaten zu nennen,
wäre vollkommen willkürlich.
Lässt man sich nach wissenschaftlicher Methode durch die aus-
gemachten Thatsachen wirklich leiten, daß das zweimal gebrauchte
Adjectivum gamal den beiden sächsischen Dialecten zuständig war,
daß die adj. Composition insa]j (sehr satt) allgemein sächsisch ist *),
daß die Wörter til und tamul nur angels. sind, daß aleth nur im Ags.
nachweisbar, und daß der Begriff von lad oder lädu, sowie die Ver-
bindung eaplum göfta vorzugsweise dem Ags. zuzuweisen sind, so
muß für die H e i m a t h der Sprache der Landstrich erklärt
werden, aus dem die Sachsen mit den Angeln und Juten
nach England zogen.
England selbst wird als Heimath nur deshalb unwahrscheinlich,
weil es zu früh das Christenthum annahm , als daß die durch unsere
Bracteaten vorausgesetzte allgemeine Pflege solcher mit Runensprüchen
behafteter Anmiete, die ohne solche wohl eine Zeitlang geduldet werden
konnten, sich unbedenklich annehmen ließe, und auch durch einige
nicht unbedeutende sprachliche Erscheinungen , nämlich daß auf der
zweiten Inschrift die sächsische Form itvu , nicht die constante ags.
him vorkommt, ferner das sächs. svgan mit G, und nicht das angels.
sücan mit C, sowie auch daß in dem gisaug eben dieser Inschrift der
volle Diphthong au auftritt; da der Entstehungsort des zweiten Brac-
teaten von dem des ersten, des Gepräges halber, untrennbar ist, bei
den Angelsachsen in England aber ein reiner Diphtong weniger als
im diesseitigen Altsächsischen zu belegen ist.
*) Nächst dem oben S. 7 über das Ags. Bemerkten ist für das Sächsische zu
vergleichen Woeste Volksüberlieferungen der Grafschaft Mark, Iserlohn 1848, der als
noch gangbar die Compp. infett (sehr fett), inbrav (sehr brav) anführt.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 285
Im alten Sachsenlande dagegen muß es mehrere Gegenden ge-
geben haben, in denen entweder wegen längerem Verbleiben bei ur-
sprünglicher Sprachgestalt, oder wegen Nachbarschaft und Mischung
mit nordthüringischen und andern hochdeutschen Stämmen, das Schwan-
ken zwischen reinen Diphthongen und ihrer Zusammenziehung sich
länger erhielt. In dem südsächsischen des Heliand, welcher der Gegend
von Lippe-Detmold mit Recht zugewiesen ist, zeigen sich noch im
9. Jahrh. einige Spuren des au (in glau und krau), die heutige platt-
deutsche Volkssprache um Lippe herum hat noch beträchtliche Bei-
mischung von Diphthongen; das nördlichere Sächsich von Corvey,
dessen Schenkungsurkunden sich bis an die Nordelbegegenden erstrecken,
giebt nach dem Zeugniss der Eigennamen noch seit dem 9. Jahrh.
herrschend zwar die Contraction des au in ö, lässt aber doch darin,
daß daneben auch noch d erscheint, eine größere Nähe nach dem rei-
nen Diphthong hin erkennen*), und verräth die noch nicht weit zurück-
liegende Zeit des Schwankens darin bei dem ai dadurch, daß dafür
ebenso ä als e gesprochen wird, daß ei (aus egi) neugebildet wird,
(z. B. in Ailmer statt und neben Agilmer) , und daß zuweilen dicht
nebeneinander noch altes ei neben e, in den Fällen, wo auch das Hoch-
deutsche ei hat, auftritt. Als Beispiele für dieses Schwanken entnehme
ich aus den Traditiones Corbejenses: „Autburga in pago Asterburgi
§ 22, Steinhem 43, Lahheim 137; Adallef et Ellilef et Hrodleif 308;
Waldisleif 268; Sileif 476." Noch in den sächsischen Psalmen zeigt
sich feit und feitit neben fet (feist).
Da nun in den genannten Urkunden auch der ags. Übergang des
kurzen a zu e (ags. a) und selbst zu i vorkommt, wie z. B. gut statt
gast gesagt wurde, und die Brechungen des a zu ea, des e (?) vor r
zu belegen sind, und da die alte Gestalt der schwachen Masculina der
angelsächsischen noch vielfach gleich ist, wofür ich mich berufe auf
„Dodica comes 169, Enna 172 und: pro fllio suo Ennan 78, pro patre
suo Abban 24, pro filio suo Hadda 129," so wird um so weniger Be-
denken sein können, daß eine nordsächsische Gegend zwischen Weser
und Elbe genügt, um auch die weniger im Altsächsischen gewöhnlichen
sprachlichen Erscheinungen der obigen Inschriften zu erklaren, wenn
man namentlich für das Übrigsein von Diphthongen die Zeit dieser
Bracteaten in Anschlag bringt, die mindestens ins 6. Jahrhundert
zurück zu setzen sein kann.
*) Wie in Asterburg, hdh [hoch) in HähgSr, Häburg, Häanstedihüsen ; gäk (gauch)
in Gäkeshüsen, gät (g6t) in Amalgät, Gätmir; Rädenbeke (Rotheiibaeh) , Rärbeke i (Rohr-
bach). Offenbar steht dem au dieses ä näher als ags. ea und das gewöhnliche 6.
286
FRANZ DIETRICH
3. Wenn denn die Art der Runen, und was noch wichtiger ist,
die Sprachgestalt der Inschriften zu den nördlichen Sachsen und unter
ihnen am meisten zu einem den Angeln nahe stehenden Stamm führt,
so könnte nur noch die Frage sein, ob einem solchen sächsischen Volks-
stamm denn auch der Besitz, und was aus der Sprache hervorgehen
würde, die Anfertigung von Goldbracteaten mit Runeninschriften sich
zutrauen lasse.
Für diese mehr culturgeschichtliche Frage stehen freilich einige
Mittel zur Beantwortung erst aus dem 8. und 9. Jahrh. zu Gebote,
wo die schriftlichen Quellen für jene Gegenden anfangen umfäng-
licher zu werden.
Reichtimm an goldenen Schmucksachen ist genug durch solche
vorausgesetzt. Das Epos von Beovulf, welches im 8. Jahrh. seine heu-
tige Gestalt erhielt, durch einen angelsächsischen Dichter, kann, wo
es kostbare Waffen, Kleinode und sonstige uns alterthümliche Gegen-
stände und Sitten beschreibt, natürlich wissenschaftlicher Weise nicht
als Quelle für die Alterthümer der Geaten, Dänen, Friesen u. s. w,
an denen dergleichen erwähnt wird, gebraucht werden. Das wäre un-
gefähr ebenso, als wenn man den Dichter des Heliand als Zeugen für
die Sitten und Zustände der Bewohner Palästinas zu der Zeit, die er
schildert, benutzen wollte. Die alten Dichter lassen eben die Personen
jeder Zeit in dem Costume ihrer eignen auftreten.
Im Beovulf, dessen Verfasser mithin nur als Zeuge für die bei
den Angelsachsen gewöhnlichen Anschauungen gelten kann, ist vielfach
die Rede von goldenem Helmschmuck (segn aus lat. signum), von gol-
denen Kleinoden mit Bildwerk (sigl, aus lat. sigillum), wobei man
theils an gegrabene Gemmen zu denken hat, theils aber auch an um-
gehängte Medaillen mit Bildwerke erinnert wird *), wozu auch Schau-
münzen mit Fürstenbildern, wie sie vom römischen Reiche her ver-
breitet wurden**), gedient haben mögen, insbesondere vom goldenen
Halsschmuck {mene, oder halsmene, letzteres Übersetzung von crepundia
gl. Aid. 2167, von ornamenta eb. 3996, von lunulae Haupt IX, 517,
von torques aurea Gen. 41 , 42 Alfric : dyde gyldene healsmyne ymbe
las svuran für: et collo torquem auream circumposuit) welcher Hals-
*) Denn sigl wird glossiert theils durch ornamentum annuli (Gemme), theils durch
bulla (Amulet) gl. Erf. 20 und ist daher ganz verschieden von sigl (früher sugil) Sonne.
**) Neben den guldine scattös für den Stater Hei, 98, 19 und andere goldene
Münzen 117, 1 gab es auch diure medmos, kostbare Kleinode, und solche heißen bei
den Angelsachsen insonderheit siglu: geseah mäddumsigla fehl, gold glitnian B. 2758
Mg und siglu 31Ü5.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 287
schmuck, auch im Hei. 52, 7 als hftag halsmeni bekannt, theils aus
halbmondförmig zusammengesetzten concentrischen Ringen bestand,
da sie lunulae genannt werden (eine Abbildung eines solchen in der
Zeitschr. des hist. Vereins für Niedersachsen 1860 S. 40 u. Worsaae
Afbildninger fra det kon. Museum kph. 1854 Nr. 171 — die Sache
wird jetzt auf Haarschmuck bezogen — ) , theils als goldene Ketten,
theils als goldene Bänder (svurhedli) oder massive Halsringe (healsbedh,
B. 1196. 2173) mit vorn angehängten Goldmünzen und Medaillen.
Auch ein Name, der die als Halsschmuck getragenen Bracteaten
andeutet, ist bei den Angelsachsen vorhanden. Das schon besprochene
lunulae wird auch wiedergegeben durch menescillingas , d. h. Schil-
linge und zwar Goldmünzen, getragen am Halsband, so in den Epinaler
Glossen Nr. 428 vom 9. Jahrhundert, sie sind verwandt mit den säch-
sischen (ags.) Glossen im Sanct Galler Codex Nr. 299, worin lunulae
glossiert wird durch hlibas vel scillingas, letzteres sind wieder die Gold-
schillinge oder Bracteaten, ersteres die scheibenförmigen Brustschilder.
Aufgefunden sind nun in den nordsächsischen Gegenden nicht etwa
einzig die 1 1 bei Dannenberg, sondern auch 3 mit Öhren, wenn auch
nicht mit Runen versehene Goldbracteaten bei Landegge im Amt Mep-
pen, jetzt im Besitz des Herrn Hofbuchhändler Dr. Hahn in Hannover,
die gleiches Alterthum in Anspruch nehmen , so wie 4 in der Nähe
von Hamburg auf holsteinischem Boden *), mehrere einzelne in Holstein
und in Anglien, und auch 6 Goldbracteaten in Cöslin, zugleich mit
dem oben besprochenen goldenen Ring, der in sächsischen Runen das
sächs. Wort sälu (Glück) an sich trägt.
Wo nun der Name für goldene Schmuckmünzen zu Hause ist,
dahin muß auch die Bekanntschaft mit der Sache gelangt sein, und
so haben wir im Lande der Sachsen und Angeln diejenigen als Eigen-
thümer zu betrachten, in deren Nähe die Bracteaten aus Gräbern oder
vergrabenen Schätzen wieder zum Vorschein gekommen sind, und will-
kürlich wäre es, überall ein verlorenes Eigenthum von durchziehenden
Fremden darin sehen zu wollen.
Eine andere Frage ist noch , ob sich aus allgemeinen Gründen
geschichtlicher Art auch Entstehung von Goldbracteaten und zwar mit
Runen im alten Sachsenlande wahrscheinlich machen lasse.
*) Zeitschr. für Niederdeutschi. 1860 S. 396 ff. u. 393 not. Dagegen die ebend.
S. 397 beschriebene schüsselartige Goldspange von Sievern, in welcher 3 Ottonische
Denare lagen aus Cöln, scheint mir fränkischen Ursprungs zu sein, da die Verzierung
in ihrem Innern dem eigens fränkischen Giebelschmuck gleich ist.
288 FRANZ DIETRICH
Sind auch die bildlichen Darstellungen in der Zeichnung sehr
roh, so setzt doch die Verarbeitung des dünnen Goldblechs, das Prägen
der Figur und dann der Umschrift, so wie die Einfassung des runden
Stücks mit gewundenem Golddraht einige Kunstfertigkeit voraus. Diese
konnten die Sachsen von ihren Nachbarn, den Franken, welche zuerst
das Ausmünzen des Goldes von römischen Provincialen angenommen
hatten, und mit denen sie oft und bereits eben im 6. Jahrh. im Kampf
gegen die Thüringer verbündet waren, sehr wohl gelernt haben.
Ob der Ausdruck vunden gold in Beovulf, was auch bei den alten
Sachsen (Hei. 16, 24 wundern gold te gehu ohne Veranlassung des Textes)
erwähnt wird, nur spiralförmig zu Ringen gewundenes Gold bedeutet,
wofür aber der besondere Ausdruck : wuntane longa gilt , oder auch
den Golddraht einschließt, kann ich nicht entscheiden. Aber einen alten
lange dunkel gewesenen Ausdruck für zu Blech geschlagenes Gold
gewährt der älteste ags. Dichter in der Verbindung faeted, faet gold,
wie von mir ausführlich bewiesen ist (in Haupts Zeitschrift XI, 420 fi.).
Und da solches nicht nur an Schwertern, an Bechern (jaeted vaege B. 2254),
an Pferdezäumen, an Helmen, Schilden und Ringen als getriebene Ar-
beit vorkommt, sondern auch einzeln neben Ringen und andern Gegen-
ständen als selbständiger Theil von Schätzen erscheint, B. 1094. 1922.
2247, so lässt sich bei solcher Ausbreitung des Gebrauchs und dem
Erscheinen des Goldblechs in besonderen Stücken des Männerschmucks
und Besitzes nicht verkennen, daß diese Bearbeitung eine heimische
war, und daß es auch in dem Lande der Angeln und Sachsen nicht
an Goldschmieden fehlte, welche feinere Goldarbeiten auszuführen ver-
mochten. Dazu gewähren aber die goldenen, im alten Anglien gefun-
denen Hörner eine Bestätigung aus sehr früher Zeit.
Mit Recht ist bemerkt worden, daß die Bilder der runden Gold-
bleche, die Bracteaten benannt werden, meist Nachahmungen byzanti-
nischer Goldmünzen sind, indem an die Stelle der Kaiserbilder all-
mählich einheimische Fürsten und vornehme Herren oder Edelinge
traten. So können auch die Heilswünsche der germanischen Bracteaten
als Nachahmungen oder Fortsetzungen der Wünsche betrachtet werden,
die durch die Inschrift Salus, Felicitas, Pax, Fortuna u. s. w. für Ober-
haupt und Reich, meist mit den dazugehörigen Bildern auf der Kehr-
seite der römischen Kaisermünzen erscheinen.
An solchen Vorbildern fehlte es unter den alten Sachsen und
Angeln keineswegs. Für die byzantinischen Goldmünzen war eine eigene
Benennung keisuring, ags. caesering vorhanden, der man die Entstehung
aus dem Kaiseiibilde ansieht, und wovon man aus dem Hildebrandslied
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 289
des 8. Jahrhunderts erfährt, daß sie gelegentlieh auch umgeschmolzen
wurden zu Armringen.
Auch sind dort silberne und goldene Kaisermünzen in beträcht-
licher Menge aus hinlänglich früher Zeit wieder aus dem Boden zu
Tage gekommen. Wichtiger als der Neu h aus er Münzfund von 344
Denaren, die bis M. Antoninus reichten, war der Lengericher Fund
('beschrieben von Dr. Fr. Hahn. Hannover 1854), der neben deutschen
Ringen und römischen Schmucksachen Goldmünzen von Constantius
Magnus und dessen Söhnen bis 361 enthielt, und nach Hahn S. 34—38
noch im 4. Jahrhunderte als der Schatz eines Sachsen in der Erde
verborgen wurde.
Von vornehmen Sachsen besessen waren auch offenbar die 5 zu
Schmuck und Schaustücken verwendeten, weil mit Öhren versehenen
römisch-byzantinischen Goldmünzen, welche mit einem großen goldenen
Ring zusammen im Mulsumer Moor im Gebiete von Bremen gefunden
wurden, Münzen von Valentinian (363 — 376), von Leo I. (457—474)
und von Anastasius, der mir nicht der spätere Anastasius von 713,
sondern, nach den vorigen Münzen, Anastasius I. (491 — 518) zu sein
scheint; ein Fund also aus dem 6. Jahrb., beschrieben von Blumenbach
im neuen vaterl. Archiv für d. Königreich Hannover v. 1824 S. 342 ff.
Übrigens sind die als sächsisch von mir bezeichneten Nachbil-
dungen der Fürstengestalt auf den Dannenberger Bracteaten gerade so
durch bessere Mittelstufen vermittelte, und in der Ausführung gerade
so barbarisch und roh ausgefallene, wie wir sie bei diesem noch wenig
gebildeten Stamm im 5. oder 6. Jahrh. erwarten. Die Köpfe haben
zwar die üblichen Diademe, ausgedrückt durch Reihen von Perlen oder
Punkten um die Stirn, und auch über die Oberseite des Kopfes hin-
weg, aber, und das theilt nur der genannte Bracteat Nr. 218 mit den
Dannenbergern, die Figuren des Leibes, die sonst eng anliegende Be-
kleidung haben, sind vollkommen nackt dargestellt, auf Nr. 218
selbst mit Zeichnung der Brustwarzen und Erhebungen (die sich auch
auf Dannenb. Nr. 4 erkennen lässt, sogar mit einer Andeutung des
Nabels). Gemeinsam haben sie auch das Verschwenderische in Bezeich-
nung des Reichthums an Ringen, und zwar geben D. Nr. 2 und Atlas
Nr. 218 nicht nur Ringe am Gelenk der rechten Hand, sämmtliche
Figuren scheinen auch Ringe um den Hals zu haben, D. Nr. 4 stellt
zwei massive Ringe um den Hals dar, D. Nr. 1 eine Kette kleiner Ringe,
D. Nr. 2 und Nr. 218 einen breiteren Halsschmuck, den man bei seiner
Ausdehnung unmöglich für die Zeichnung eines Bartes halten kann,
sondern nur für eins der besprochenen halsmenu
t.i.rniANiA X. 19
290 FRANZ DIETEICH
Aber die Bracteaten tragen zum Theil Runenin Schriften. Für
die Bekanntschaft der alten Sachsen mit den Runen ist es wenigstens
ein Anzeichen, daß das Wort dafür vorhanden ist. Der Verfasser des
Heliand hatte zwar bei seinem Stoffe keine Veranlassung , sein rüna
im Sinne von Schrift zu gebrauchen; hätte er auch das alte Testament
bearbeitet, so würde er bei der Geheimschrift, die an der Wand er-
schien, in Daniels Geschichte darauf geführt worden sein, wie der
Angelsachse Cädmon , der eben an dieser Stelle rün für Schrift ge-
braucht, die durch runenkundige Männer (rüncräflige) entziffert wird.
Ebenso werden die Runenbuchstaben vom ags. Dichter des Beovulf
erwähnt; er kennt solche auf Schwertgrifi'en , um den Namen des Be-
sitzers daran zu schreiben, B. 1695.
Ein nicht undeutliches Anzeichen des Gebrauchs der Runen zum
Zauber sind die mit rün, rüna zusammengesetzten Personennamen, wor-
über Grimm D. Myth. 1175 und Müllenhoff zur Runenlehre S. 42 — 56
aufgeklärt haben. Solche Compositionen sind bei den alten Sachsen
noch eben so gangbar als im Althochdeutschen. Die Corveier Tradi-
tionen gewähren den Frauennamen Frithurün, sowie Rüngtr und Itim-
heri als Mannsnamen.
Viel bestimmter spricht das Zeugniss des angelsächsischen Ge-
brauchs. Obwohl die frühe Annahme des Christenthums der Fortdauer
der Runen ungünstig sein mußte, so sind die in England erhaltenen
Denkmäler mit angelsächsischen Runen begreiflich zwar wenige, aber
doch genug, um die einstige allseitige Anwendung der Runen der
zweiten Gattung zu beweisen. Auf drei Ringen gibt eine solche
Inschrift die Worte einer unverständlich gewordenen Zauberformel.
Christliche Münzen unter dem northumbrischen König Eanred (808 bis
840) prägen ihren Namen auch noch mit Runen *). Ein Kreuz zu Bew-
castle in Nordengland, ein anderes zu Lancaster, besonders ein drittes
zu Ruthwell, ist mit vielen Runen beschrieben. In Dover ist ein Grab-
stein zum Vorschein gekommen, mit dem rein ags. Namen Gislheard
in ags. Runen; er war ein Christ, wie das seinem Namen vorgesetzte
Kreuz beweist**), um so mehr wird dadurch als Sitte vorausgesetzt,
daß die heidnischen Sachsen auch ihren angesehenen Todten Runen-
steine errichteten.
*) Archaeol. Brit. Tom. XXV (1S34) im Fund von Hexham, nach p. 306* nämlich
Plate XXXV und LVI Nr. 13 Brother, und PI. XL1 Nr. 218 Wintred.
**) Arch. Brit. XXV p. 604. Zwei Namen in Runen von Grabsteinen in Hartlepool
in Northumberlaud gab Kemble Arch. Brit. XXVIII PI. XVI, nebst andern Runen-
nschriften von Denkmälern und aus Handschriften.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 291
Man wählte zu Begräbnissstätten in heidnischer Zeit vorzugsweise
gern Anhöhen; weist daher der Name eines Berges auf Runen hin,
so liegt die Vermuthung nahe, daß er einst Runensteine hatte. Einen
Ort (te) Runibergun gab es im Gau Maerstem bereits im 6. Jahrhundert,
in dessen Nähe die Thüringer 530 von den Sachsen und Franken nach
Widukind besiegt wurden. Von Alten (Zeitschr. d. Ver. für Nieders.
1860 S. 4) weist den Ort nach in dem heutigen Dorf Ronnenberg im
Amt Wennigsen mitten zwischen Deister und Leine.
Wie es aber auch mit dem Ursprung dieses Namens stehe, so
kann man doch, da sich die Sachsen und Angeln in England noch in
christlichen Zeiten der Runen bedienten, wie von northumbrischen Un-
terthanen des 9. Jahrh. und von dem Dichter Cynewulf im 8. Jahrh.
feststeht, den genannten Stämmen den Gebrauch dieser entschieden
heidnischen Zeichen in ihrer heidnischen Vorzeit und mithin in ihrer
alten Heimath in Anglien und dem nördlich der Elbe, sowie zwischen
Weser und Elbe gelegenen Sachsenlande, mit keinem Schein eines
Rechtes absprechen.
Dafür reden aber auch Thatsachen , die besonders in Bezug auf
das alte Anglien reichlich vorhanden, hier einer besonderen Zusammen-
stellung und Erläuterung bedürfen.
IV. Die Denkmäler Holsteins und Schleswigs, welche deutsche Runen
enthalten.
Gänzlich abzusehen ist hier natürlich von den Steindenkmälern
christlicher Zeit, auf denen Grabschriften in skandinavischen Runen,
besonders in Schleswig gefunden worden sind *). Es handelt sich eben
nur um die Schriftart, wie die der Dannenberger Bracteaten ist.
In dieser Art, d. h. in deutschen Runen, sind nun erstlich noch
einige kurze Inschriften auf Goldbracteaten aus den genannten Herzog-
thümern vorhanden.
Allem Anschein nach aus Holstein stammt der in Hamburg
aufbewahrte Bracteat Nr. 219 des Atlas, dessen Bild die meiste Ähn-
lichkeit mit dem oben erwähnten Nr. 218 hat, beschrieben bei Thomsen
Annaler S. 336. Die Inschrift von links nach rechts gelesen lautet f* r H?
was, wie anderwärts ausführlicher bewiesen werden wird, in hALU
umzusetzen, und durch halü, ags. haelo, Heil! zu erklären ist.
*) Verzeichnet im 7. Bericht der Schlesw. Hülst. Lauenb. GfeseUsch. von 1842
S. 10. Am besten abgebildet und erklärt in P, G. Thursen De Danske Runemindes-
maerker Bd. 1 (iSlesvig) Kiöb. 1SU4.
19*
2{)2 FRANZ DIETRICH
In Schleswig gefunden sind zusammen jetzt fünf Bracteaten mit
deutschen Runen. Darunter gibt der von Skrydstrup im Amt Haders-
leben, Nr. 83 des Atlas, zwei Inschriften, am rechten Rande nämlich
von links nach rechts gelesen, wiederum das obige hALU Heil! in
der Mitte aber fünf Runen, von denen die vierte £ eine Binderune ist,
die aus N und A zusammengesetzt scheint, so daß daraus LAUNAM,
d. h. zur Belohnung! (ein Dativ Plural von laun Lohn) hervorgeht,
so wie die Wahrscheinlichkeit, daß das besonders große und schöne
Schaustück ein Geschenk war.
Nr. 88 des Atlas, aus der Nähe von Hadersleben, zeigt — nur
gerade auf den Stempel eingeritzt und daher in verkehrter Richtung
auf das Goldblech geprägt — die beiden Runen AL, d. h. die aus
der sonstigen Form des Worts (Jijälu abgekürzte Gestalt (A)a/, Heil!
Nr. 253 von Ulderup, dargestellt in der Vorrede des genannten
Atlas, hat vier undeutliche Runen, die wahrscheinlich das auf den
Bracteaten häufige MACU, Gemach! anwünschen sollen.
Nr. 117 des Atlas, aus der Gegend von Eckernförcle, nennt rechts
unten den Namen des Anfertigers IVITA, der seiner Endung nach
unnordisch ist, und wenn Ivita , was unbedenklich ist, für Ibita ge-
sprochen ist, sich in sächsischen Urkunden nachweisen lässt, links oben
aber das Verbum dazu, TaVADa, d. h. fertigte an, machte; dasselbe
Verbum , welches auch auf dem goldenen Hörn nach dem Namen des
Künstlers am Ende steht.
Dazu kommt ein Bracteat mit einer Umschrift von 37 Runen,
der erst 1863 in Skodborg Sogn ausgegraben und in Thorsens DeDanske
Runemindesmaerker Bd. 1 nach S. 324 zusammen mit den vier vori-
gen in Farbendruck dargestellt ist. Das Bild ist hier ausführlich er-
klärt, über die Inschrift aber findet sich nur dies bemerkt, daß 10 Runen
zweimal, und von diesen wieder die letzte Gruppe von 6 Runen zu-
sammen dreimal vorkommt. Die Zeichen sind im Ganzen die auf den
Bracteaten gewöhnlichen deutschen Runen, doch merkwürdig und von
den übrigen abweichend ist er durch ein viermal vorkommendes Zeichen
besonderer Art. Nämlich an der sechsten, vierzehnten, drei und zwan-
zigsten und drei und dreißigsten Stelle, wenn man von unten dem Öhr
gerade gegenüber zu zählen anfängt, findet sich ein *=j, welches auf den
ersten Anschein für ein abgerundetes ng gehalten werden könnte. Da
es aber an der vierzehnten Stelle auf ein n folgt, so ist dieser Werth
vollkommen unwahrscheinlich; ich erkläre es für ein S, indem es dem
Zeichen V\ am ähnlichsten ist, und weil unter den 37 Runen sonst
kein S vorkommen würde, was bei einem so gewöhnlichen und häufigen
Laute wegen die Erwnrtnns- wäre.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 293
Aus der Richtung der Zeichen geht hervor, daß die Schrift von
rechts nach links zu lesen ist. Den Anfang setze ich unten, genau
dem Mittelpunkt des Öhrs gegenüber. So stellt sich die Reihe heraus :
VINA USA ALA VIN SA LA VI DA USA ALA, VINA USA ALA.
Hierin ist in dem dreimaligen ALA schwerlich etwas anderes
als das in den bisherigen Bracteaten häufige {Ji)äl zu suchen, zumal
da in SALA das ebenfalls geläufige säl (Glück) deutlich hervortritt.
Daher erkläre ich: vinn-ä üsa (h)dla, vinn sola vidä, üsa (A)a/a,
vinn-d üsa (Ji)äla, d. h. mache unser Heil, mache weites Glück, unser
Heil, mache unser Heil; angeredet ist das Goldstück als Amulet oder
Zaubermittel, welches das Glück und Heil herbeizaubern soll. — In
vinn-ä und vinn liegt der Imp. von vinnan (gewinnen, eig. erkämpfen),
das erstemal mit der Interjection -ä, die dem Imp. im Mhd. so ge-
wöhnlich angehängt wird, und selbst Substantiven, wenn sie als Ausruf
gebraucht sind (Grimm Gramm. 3, 290 f.)
Daß aber in den Herzogthümern einst ein Volk wohnte, welches
sehr reich an Gold und Goldschmuck war, das beweisen für Holstein
die beiden Goldschalen von Depenau (hochd. Tiefenau), in deren einer
ein großer über 4 Loth schwerer Goldring lag, ferner der Armring
von Bebensee bei Segeberg, sowie für Schleswig der Ring von Rends-
burg und das ebenfalls goldene Armband aus der Nähe von Apenrade.
Die wichtigsten in Schleswig gehobenen Schätze sind die mit
Runen der deutschen Art beschriebenen Geräthe, das goldene Hörn,
das goldene Stirnband und der kürzlich erst bekannter gewordene
bronzene Schildbuckel, welche noch ausführlicher zur Sprache kommen
müssen.
1. Das goldene Hörn mit 32 Runen,
welches 1734 bei Gallehuus unweit Tondern gefunden wurde, an der-
selben Stelle, wo beinahe hundert Jahre früher ein ähnliches goldenes
Trinkhorn, aber ohne Inschrift, zu Tage gekommen war — beide jetzt
aber nur noch in Abbildungen vorhanden, am besten dargestellt am
Ende des vielgenannten Kopenhagener Atlas, — ist seiner Inschrift
nach so vielfältig und gründlich behandelt, daß die Lesung in der That
bei Allen feststeht, und nur über die Erklärung der Legende Verschie-
denheit obwalten kann , wozu auch der Verfasser dieser Zeilen einen
Beitrag lieferte in der Schrift fDe inscriptionibus duabus runicis, ad
Gothorum gentem relatis'. Marb. 1860, worin auch der hauptsächlich-
sten früheren Deutungen gedacht ist. Unter diesen war ihm damals
die Abhandlung von Rafn entgangen , welche sich in den Annaler for
nordisk Oldkyndighed, Kiöbenh. 1855 S. 347-381 findet.
294 FRANZ DIETRICH
Diese Abhandlung gelangt zu dem Ergebniss, daß zwar die Runen
altangelsächsiche seien, die Sprache aber mit alleiniger Ausnahme des
ersten Namens rein altnordisch S. 379. Daß Rafn dabei gleichwohl
nicht das al tangeis. Alphabet zu Grunde gelegt hat, sondern in der
Bedeutung mehrerer Runen sich etwas eigenes erfunden hat, wird sich
sogleich zeigen. Die Runen sind nach der altern Copie :
M< NrMF^XF'STIY ! IWrioFY l H£R+f* 1 tmM* \
Während als Legende, nach der sonstigen Geltung dieser Runen,
übereinstimmend von Munch, Jacob Grimm, Müllenhoff und Massmann
angesetzt wurde EK HLEVAGASTIM . HOLTJNGAM . HORNA.
TAVIDO., was, um nur der ersten Erklärung des nordischen Gelehrten
zu gedenken, von Munch übersetzt wurde: „Ego Hleva hospitibus
silvicclis (s. Holsatis) cornua fabricavi" giebt Rafn S. 372, ohne in der
von ihm befolgten Copie andere Varianten zu finden, als ein Theilunu;s-
zeichen nach der 6. Rune, und ein ^ im Anfang des letzten Wortes
statt f, die Lesung
ECHLEV . OG OSTIR . HULTJNGOR . IiURNO . TvO VIgpU.
die er umsetzt und erklärt durch: „Echlev äk Ästi'r (Eyleifr ok Ästyr)
Hyltfngar hurna tvä (tvo) vigpu", d. h. die Holtinger (Holsteiner)
Echlev und Astyr weiheten die zwei Hörner.
Dabei muß schon die Willkür im höchsten Grade auffallen, wo-
mit die in Unzialen gegebene Legende bei der erklärenden Umschrei-
bung in gewöhnliche kleine Buchstaben wieder verlassen und vielfältig
umgeändert wird. Steht in der Inschrift OG als zweites Wort, so kann
dies nimmermehr zugleich äk sein, denn sieht man einstweilen von der
Vermengung von A mit O ab, welche die ags. Schrift in allen Alters-
chassen unterscheidet, so ist es doch unerhört, daß die Rune X die
in der Unzialschrift richtig durch G gegeben ist, unter der Hand ver-
tauscht wird mit K , für welchen Laut die ags. Alphabete dieselbe
Rune haben wie für C.
Aber die in Unzialen gegebene Transcription selbst ist vollkommen
falsch. Denn erstlich ist die Deutung der von ihm vorgezogenen Va-
rianten grundlos. Das Zeichen, welches nach der 6. Rune in der andern
Copie (Krysings) steht, nämlich ' der kleine Haken am obern Ende
der Zeile, würde nicht ein Theilungszeichen sein können, wofür jeder
Beweis fehlt, wofür hier vielmehr die übereinandergesetzten Punkte
jedesmal wo Theilung der Worte ausgedrückt werden sollte, gebraucht
wurden, sondern es wäre die Rune für C oder K, und da diese an
der gedachten Stelle sprachlich höchst unwahrscheinlich ist, so schwindet
.schon hier die vermeintliche Vorzüglichkeit der andern Copie. Die
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 295
zweite Variante, die sie giebt, daß an der T-Knne des letzten Wortes
vorn ein Strich mehr ist, wird dadurch unsicher, daß Krysing in seinen
zwei Abschriften das einemal *v\ das anderemal nicht dasselbe gab, und
wenn wirklich auf dem Original ein solcher Strich mehr war, so kann
er nur als eine Verritzung betrachtet werden, nimmermehr aber, wie
Rafn will, als eine Binde-Rune für TV, denn wenn an die T-Rune das
Charakteristische der V-Rune angesetzt wurde, so mußte es die Ge-
stalt "£ annehmen oder f ; genug der Zusatz mußte rechts stehen, und
ein Zusatz links konnte vieles andere, nur nicht TV ausdrücken.
Auf ebenso bodenloser Willkür beruht andererseits Rafns Abwei-
chung von der herrschenden Bestimmung der in beiden Copien gleichen
Runenzeichen. Ohne die geringste Spur eines Beweises ist S. 370 be-
hauptet, £ bezeichne hier den Laut U und den davon abgeleiteten
Laut Y, während doch diese rein sächsische und ags. Othel-Rune in
alter Zeit nichts anders als O bedeutet (im Ags. oe) und in allen Runen-
alphabeten vielmehr p) für U und Y vorhanden ist. Deutlich ist also,
die Behauptung ist rein erfunden zu dem Zwecke , eine altnordische
Sprachform, das hyltingar , herauszubringen, nach einem Sprachstand,
von welchem der durch das vermeintlich altn. hurna statt Hörn voraus-
gesetzte um viele Jahrhunderte verschieden sein würde.
Für die weitere Versicherung, daß f: neben A auch O bedeute,
welche Einschwärzung der nordischen Bedeutung schon bei Bredsdorf
vorkam, und schon von Munch aufgegeben wurde, wird zwar von Rafn
S. 370 ein Beweis versucht, er führt zwei Denkmäler dafür an, wovon
das zweite von ihm selbst als nicht entscheidend bezeichnet ist, da er
sagt, daß es hier 6 oder d ausdrücke. Das erste ist die Spange von
Himlingöie (Annaler 1836 — 1837 p. 345 Tab. VII). Aber welche Sicher-
heit entsteht aus dieser Inschrift von sechs Runen? Rafn las DORISO,
um Thorir ö, d. h. Thorir hat (ist der Eigenthümer dieser Spange),
und somit etwas altnordisches zu gewinnen; ich sehe davon ab, daß
o statt ä unbewiesen ist, daß im Anlaut I) für Th graphisch höchst
unwahrscheinlich ist, da es jederzeit für TH ein besonderes Zeichen
gab, so viel ist klar, daß da der Schlußvocal £ geschrieben ist, was
natürlich O ist, das zweite Zeichen und der erste Vocal f* nicht auch
O bedeuten kann, sondern A sein muß, daß also der vorliegende, un-
nordisch auf O endigende Name höchstens DARISO sein könnte*);
*) Wahrscheinlich ist es nur eine Nachlässigkeit oder ein Druckfehler, daß S. 3SO,
wo der Name in Runen ausgeschrieben ist, an der entscheidenden Stelle als zweite Rune
die für U steht, da die A-Rune auch durch Kafn S. :!70 anerkannt ist
296 FRANZ DIETRICH
wobei es hier von geringerem Belang ist, daß das erste Zeichen wahr-
scheinlich als ein H aufzufassen ist, so daß als Name des Eigenthü-
mers oder Anfertigers vielmehr Hariso hervorgeht, der altnordisch
Hersi lauten würde.
Gegen die Behauptung, daß f5 im sächs. und ags. Alphabet zu-
gleich O bedeute, streiten die triftigsten Gründe; einmal der Name
ags. Äse, dem ein asc ohne Umlaut vorhergeht, woneben aber ein ose
unerhört sein würde; zweitens die Gewissheit, daß für den Laut O im
älteren sächs. Alphabet vielmehr die Rune £ feststeht, im jüngeren
angelsächsischen aber die Rune |tf, daß also kein Bedürfniss entstehen
konnte , noch ein anderes Zeichen für denselben Laut herbeizuziehen,
wodurch vielmehr die Schreibung beschädigt worden wäre; und endlich
drittens, daß thatsächlich die zuerst genannte Rune auf allen Denk-
mälern der sächs. u. ags. Schriftart nur A bedeutet, was im Einzelnen
klar zu machen erst dann nothwendig würde, wenn das Gegentheil
nachzuweisen versucht werden sollte.
Für das goldene Hörn ist es offenbar von Rafn nur versichert
worden, um die rein nordische Copula ok herauszubringen, mit aller
möglichen wissenschaftlichen Sicherheit ist aber so eben bewiesen, daß
die Lesung OG für |*X hier eme graphische Unmöglichkeit ist, ebenso
wie das in der Umschreibung dafür untergeschobene äk, was aber nach
seiner eigenen Betrachtung über das Vocalzeichen nur AG oder OG
sein könnte, und jeder der einigermaßen über Sprachgeschichte klar ist,
muß einsehen, daß für „die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts" (Rafn
S. 378) dieses og statt aulc auch eine sprachliche Unmöglichkeit wäre.
Willkürlich für jede Zeit vor dem 8. Jahrh ist ferner die Be-
hauptung, daß Y unter den sächsischen Runen nicht soll M sein, son-
dern R; aber alles bisherige übertrifft an leichtsinnigem Uniherfahren
der Einfall, daß die Rune, welche im ags. Däg heißt, und im älteren
deutschen oder sächsischen Alphabet die Figur ^ hat, nicht bloß D,
wie aus dem Namen ]~>äg hervorgeht, sondern auch GTH bedeutet
haben soll, was S. 372 in dem Alphabet versichert, und S. 375 mit
der Legende des Bracteaten von Tjörkö bei Carlskrona Nr. 102 des
Atlas belegt wird, in welcher das Dagzeichen die drittletzte Stelle
einnimmt, aber auch als zwölftes Zeichen vom Ende in derselben Gestalt
vorkommt.
Ist aber was unter dieser Annahme herauskommt, etwas Wahr-
scheinliches oder auch nur Erträgliches? Rafn hat bei seiner Lesung
von den 35 Runen der Inschrift nicht weniger als 12, womit er
nichts anzufangen weiß , als unerklärlich über Bord geworfen , obwohl
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 297
sie völlig deutlich geschrieben und in ihrer Bedeutung sicher sind. In-
dem ich seine Lesung anführe , setzte ich sie wieder hinein , und be-
merke, daß die zwei Punkte, die zwischen den beiden Absätzen der
Inschrift stehen, im Original zwei kleine Kreise sind, die als Theilungs-
zeichen gebraucht sind, wie die drei Kreise am Ende des Ganzen.
Rafn liest: pör paer rünor „an vllhacurv eu helgpar kuni rtrögpiu,
und erklärt: Thor seien die Runen (die angeführten nämlich) geheiligt;
(obwohl nicht por paer, sondern ])ur ter geschrieben steht) und fügt die
Versicherung hinzu: jede von den 12 Runen hat für den Eigenthümer des
Amulets ihre besondere Bedeutung gehabt. Über das Jcuni rnijgpiu er-
fährt man weiter nichts als „die Schlußworte lassen sich schwer erklä-
ren, mycip, dementia?" — Da ist denn doch wohl nichts leichter als
dies zu sehen, eine Erklärung von 35 Runen, wobei 12 über Bord
geworfen und 9 andere durch ein Fragezeichen ihrem Schicksal über-
lassen , in der That aber sinnlos werden , ist eben keine Erklärung,
worauf irgend etwas gebaut werden kann: sie muß auf unrichtiger
Lesung beruhen.
Der Versuch einer wenigstens vollständigen Erklärung nach der
gewöhnlichen Bedeutung der Zeichen soll anderwärts begründet werden:
nothwendig sind in der Mitte und sonst einige Ergänzungen ; ich ver-
muthe: f HURTE RUNOMAN ViLL HACUan RuNE HELD AM
CUNIDrUDIU, d. h. der Runenmann Thurte will die Runen zum
Heil der Cunidrud einstechen, mit einem Verbum , dem ahd. hakjan
stechen, hauen entspricht.
Jedoch es bedarf gegenwärtig nur des ebengelieferten Beweises,
daß der Vorschlag Rafns in Bezug auf die Inschrift Nr. 102 in sich
zu einer Deutung gänzlich unzulänglich ist, um das Urtheil zu be-
gründen, daß die darauf gewagte Behauptung, die Rune für D könne
auch GTH vertreten, nothwendig zurückzuweisen ist.
Damit fällt auch die Annahme, das letzte Wort der Inschrift des
goldenen Horns sei vigpu, in Nichts zusammen, und stehen bleibt die
längst gefundene Erkenntniss, daß die letzte Gruppe zwischen den
Abtheilungspunkten TAVIDO (fecit) zu schreiben ist.
Die sicheren Ergebnisse dieser kritischen Beleuchtung der Erklä-
rungen Rafns sind diese: erstlich die Runen des goldenen Horns sind
ihrer Bedeutung nach keine anderen, als die des einfacheren deutschen
Alphabets, woraus die ags. entstanden sind, namentlich bezeichnet Ae. sc
hier nur A, die Rune Othel nur O, das Däg nur D, und das bei den
Angelsachen Eolx benannte, auch dem lat. x zugewiesene Zeichen viel-
mehr M, was es von jeher war.
298 FRANZ DIETRICH
Das andere geht aber eben so sicher hervor, die Sprache ist nicht
die skandinavische, sondern ein von der gothischen Stufe formell noch
nicht ganz entfernter sächsischer Dialect, der materiell dem ags. am
nächsten steht, weil favjan (machen) nur im ags. erhalten ist, und dort
auch das hleva in Hlevagast seine Erklärung findet.
Wenn gleich nun Rafus Deutung wegen der Willkürlichkeiten
ihrer Lesung vollkommen haltlos und in ihrer der Inschrift fjesfebenen
Sprachgestalt voller Undinge ist, so daß sie nur seinem dänischen
Patriotismus zu verzeihen ist, so hat sie doch etwas Gutes, was nicht
übergangen und nicht gering angeschlagen werden soll: es ist der
Vorzug, den gewöhnlich die Deutungen der nordischen Gelehrten vor
denen der deutschen haben, nämlich der richtige epigraphische Tact und
der gesunde Geschmack für alterthümliche Erscheinungen, welcher in
der Erkenntniss Hegt, daß hier der Anfertiger oder Schenker mit Namen
genannt sein muß. Etwas so Unerhörtes, wie der Satz enthält „Ich
habe den Holtingen die Hörner gemacht oder geschenkt", ohne alle
Nennung eines Namens dazu, wie er bei deutschen Erklärern Beifall
gefunden hat, das haben sich nordische Ausleger, die mit ihren In-
schriften vertraut sind, nicht zu Schulden kommen lassen.
Und so entnehme ich selbst aus diesem einzigen guten Sinn, der
Rafns sonst unrichtig ausgefallener Deutung zu Grunde liegt, eine
gewisse Bestätigung für meine schon mehrmals vertheidigte Erklärung
„EK HLEVAGAST (th)IM HOLTINGAM HÖRN ATAVIDO«:
d. h. ich Hlevagast habe den Holtingen das Hörn gemacht; zu welcher
ich jetzt hinzufügen kann, daß die Form des Dativplurals thim in
dieser Aussprache sich auch auf dem Bracteaten Nr. 112 des Atlas
.völlig sicher vorfindet.
Ein anderes in Schleswig gefundenes wichtiges Denkmal ist
2. das goldene Diadem von Strarup.
Im Jahr 1840, wie es scheint, fand der Gutsbesitzer Kammerrath
Kier auf Strarup, welches Gut zu dem Kirchspiel Dalbye gehört, in
einem Hügel einen goldenen Stirnring von dem Umfang eines Teller-
randes und der Dicke eines Federkiels. Auf einer Abplattung desselben
standen äußerlich einige Verzierungen, inwendig aber die 5 Runen
Die erste Nachricht davon kam im 6. Bericht der schlesw. holst.
Gesellschaft vom Januar 184! mit der Bemerkung, daß man in der
Inschrift „Lurup oder Rurop (viell. für Strarup)" also den Ort des
Eigenthümers zu linden geglaubt habe. Eine Abbildung erschien in
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 299
den Annaler for nord. Oldkyndighed 1842-1843 Tab. VIII von Rafn
mit der Erklärung p. 167—71, die er auch 1855 p. 380 ebenso wieder-
holte, wonach zwei Worte darin liegen sollen, nämlich Luftr ö, letz-
teres statt ä (dabet), ersteres der Name des Besitzers im 6. Jahrh.
Ähnlich hatte einmal Müllenhoff hingeworfen, aber nur im Scherz, der
Name Ve/'ga auf dem Meklenburger Bracteaten könne vielleicht Veig ä
abgetheilt werden (Veig habet), und dies werde nordischen Gelehrten
gefallen *).
Auf diese Weise kann man sich freilich aller unnordischer Namens-
formen der schwachen Declination, sofern sie unbequem sind, entledi-
gen, daß man das a absondert, und für das Verbum, nord. ä, welches
früher äh oder äg lauten mußte und in noch älterer Zeit aig (aih) wie
im Gothischen für: Er eignet, hat zu eigen. Wie und wann und wo
dies zu ö hätte, werden können , den Nachweis ist Rafn schuldig ge-
blieben.
Der Name des Denkmals, von welchem wir nicht wissen können,
ob der Anfertiger oder der Besitzer genannt ist, lautete den Runen
zufolge, natürlicher Weise LUTHRO, welcher aus liuth Gesang, goth.
liuthön singen erklärt werden kann, und am nächsten dem im goth.
liuthareis Sänger einfacher erhaltenen ags. loddare, herumziehender Sän-
ger, zu stehen scheint.
Bei weitem die wichtigste Runeninschrift ist die noch ungelesene,
die auf einem sehr alten runden Schilde erst vor kurzer Zeit entdeckt
worden ist:
3. Der bronzene Schildbuckel von Taschberg.
Unter einer großen Menge von Überresten besonders römischer
Waffen und Rüstungsstücke, fanden sich, in einem Moor bei Taschberg,
südlich von Flensburg in der Nähe von Siiderbrarup, auch mehrere
bronzene Schildbuckel; einer der römischen trug auf dem äußern Rande
in lateinischen Buchstaben die Inschrift AEL. AELIANUS, einer aber
der für nichtrömische und wahrscheinlich germanische erkannten hat
auf der inneren, dem Holze zugewendet gewesenen Seite des Randes
6 mit einem scharfen Griffel dünn eingeritzte, hier und da jetzt ab-
geriebene Runen, welche namentlich gegen rechts hin durch zufällig
entstandene Querstriche, einmal auch durch Ausgleiten des Griffels
*) Müllenhoff im 14. Berieht der sehlesw. holst. Gesell. S. 19 Anm., wo übrigens
der unzerstüekelte Name Veiya durch den hochd. Mannsnamen Weiko belegt und somit
ßicher gestellt wurde.
3()0 FRANZ DIETRICH
entstellt sind. Die folgende Darstellung derselben ist entlehnt ausEngel-
hardts Schrift: Thorsbierg Mosefund u. s. w. Kjöbenh. 1863, womit
die Beurtheilung von Waitz in den Göttinger gel. Anz. 1863 S. 1655
bis 1661 zu vergleichen ist. In der genannten Schrift Note 8 Nr. 16
ist die Inschrift:
H- I X * M
Aus der Richtung der letzten Rune, der für a, ergibt sich, daß die
Schrift von rechts nach links zu lesen ist. Die Runen selbst sind
aber nicht, wie Engelhardt sagt, „oldnordiske eller gotiske" — es gibt
nämlich zwar angeblich gothische Namen, aber durchaus keine gothi-
schen Runenzeichen dazu — , sondern die der dritten Art, die säch-
sischen, aus denen die angelsächsischen hervorgiengen, wie schon das
Zeichen X für g nebst dem Alter der Inschrift beweist.
Das vierte Zeichen von links oder das dritte von rechts ist die
alte Rune für S, das fünfte von rechts her ist ein |, woran der obere
Strich nur eine Ausgleitung des von unten nach oben gezogenen Griffels
sein kann, das letzte, oder von links das erste hat auch eine Fortsetzung
des Querstrichs zu viel, und stellt sich als ein H dar. Ich muß indes
aus sachlichen Gründen vermuthen, daß in diesem Zeichen noch ein
den vorigen kreuzender Querstrich einst vorhanden war, und daß die
Rune für D beabsichtigt ist.
So ergibt sich — einen Namen muß man nach Analogie des
Aelianus erwarten — der Name AISGID, schwerlich aber Aisgih,
weil als zweiter Theil eines Namens ein -gih vollkommen unwahr-
scheinlich ist.
Der erste Theil des Namens zeigt sich in den Namen Eis-got,
Eis-ulf, Eis-ward, die in den Tradit. Corbej. 236. 324. 281 auf-
treten, und aus Egisgdt, Egisulf, Egisward entstanden sind. Die beige-
brachten Namen sind altsächsische, neben denen auch viele hochdeutsche
mit Egis- vorhanden sind. Dieses Wort ist umgelautet aus dem go-
thischen agis n. Schrecken, woraus das vorliegende Ais- zusammen-
gezogen ist. Im Mittelhochdeutschen bestand eislich (schrecklich) noch
neben egeslich, doch bereits das Ags. hat in demselben Sinne eiseg und
(in den Epinaler Glossen) eislic neben dem gewöhnlichen egeslic.
Die zweiten Theile von zusammengesetzten Namen pflegen den
meisten Wandlungen in ihrem Vocal ausgesetzt zu sein; offenbar ist
auch hier eine solche vor sich gegangen, denn das -gid entspricht
einem in sehr alten Namen gangbaren -ged, welches z. B. vorkommt
in dem Namen der Frau Pipins des zweiten, der bei Bouquet Rerum
Franc. Script. II, 654a geschrieben ist: Alpa- gedis. Aus dem 6. Jahrh.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN UUNEN etc. 301
nennt Procopius IV, 33 einen Meli gedius. Dieses -ged ist aber con-
trahiert aus -gaid; nach Jordanes c. 16 gab es unter Ostrogotha einen
gothischen Heeresführer Ar-gaitus, d. h. Hari-gaid. Derselbe Bestand-
teil zeigt sich in mehreren langobardischen Mannsnamen: Ar-gaid
bei Paulus Diac. VI, 24, Rat-chait eb. VI, 26, und Gaid-nl/lV, 3.
Das Wort gaida bedeutete nach den langobard. Glossen einen kurzen
Speer, es ist das goth. gardv, ags. gäd, alts. ged. Was aber die vor-
liegende Behandlung des Vocals betrifft, so gleicht sie dem oben er-
wähnten pim statt paim, pem, und der Aussprache Gesa lieh (bei Pro-
copius Güelich-os) für den Namen des Sohnes Alarichs, der die West-
gothen 507 — 511 beherrschte, den Cassiodor Gesalec, die Series re-
gum Gothorum bei Bouquet aber Gezalaicus nennt.
Die nunmehr klare Bedeutung des alten Namens ist also Schrecken-
speer, so daß er seinem zweiten Theile nach den nachher häufigem
Compositionen mit -ger, -gär (aus gais) entspricht, in denen allmählich
die Nennung des Geers, die den mit einem Geer bewaffneten Krieger
meinte, erlischt, und nicht viel verschieden von Mann wird.
Die Wichtigkeit dieses Taschberger Denkmals besteht darin,
daß als seine Zeit die um das dritte Jahrhundert feststeht, wie
Engelhardt in der angeführten Schrift p. 73 aus den mitgefundenen
römischen Münzen, die bis 194 p. Chr. reichen, klar bewiesen hat.
4. Die bronzene Zwinge von Taschberg.
Eine Inschrift von 20 Runen fand sich auf den beiden Seiten
einer rundlichen Zwinge zu einem abgebrochenen hölzernen Geräthe,
so daß auf jede Seite 10 Runen gebracht waren, und nur noch Reste
des hölzernen Gegenstandes in der Zwinge erschienen. Dargestellt ist
das merkwürdige Denkmal in Farbendruck in dem genannten Werk
von Thorsen auf der dritten Tafel nach S. 324 vgl. S. 354. Die deutlich
erhaltenen Runen sind, indem ich die beiden Reihen neben einander stelle:
+ IH*<bRfcklY *PM>A>nH*Y
5 10 15 20
Die fünfte Rune ist deutlich NG, nur abgerundet, während sie sonst
eckig ist. Die sechste ist offenbar eine Binde-Rune, R enthält erstlich
ein n? was als 17. und auf dem Diadem von Strarup die Rune für U
ist, und sodann f*{ die Nebenform des D; die 15. ist eine nicht un-
gewöhnliche Vereinfachung der Rune für U. Daher ist umzuschreiben :
NI VANGUDA RIMOVLTHU fHUVAM.
Keinerlei Wortabtheilung ist durch Punkte angegeben, um so mehr
liegt einzig die Forderung vor, nach sprachlichen Gründen der Wahl-
302 FRANZ DIETRICH
scheinlichkcit die Worte abzuth eilen. Da nun das letzte Wort nicht
thuthuvam, sondern nur tlmvam sein kann, ein Nomen in Form des
Pluraldativs , und da der Anfang deutlich die Negation ni ist, diese
aber in alter Zeit unmittelbar vor dem Verbum zu stehen pflegte, so
wird das zweite Wort vcmguda, was seiner Endung nach möglich ist,
ein Verbum schwacher Conjugation sein. Zwischen den drei Conso-
nanten V L TH ist aber nothwendig ein Vocal zu ergänzen ; ich ver-
mnthe daher, daß mit der unbedenklichen Ergänzung eines I nach
dem V zu lesen ist:
ni vanguda rimo v (i) 1 p u nuvam
wahrscheinlich: nicht behagte Ruhe den Burschen der Wilde (Wildniss).
Ein sprichwörtlicher Ausdruck ist in der Inschrift möglich, da sie Al-
literation an sich trägt (v:v), und da Sprichwörter in alter Zeit mehr
als in der neuern das Präteritum, die Form der Erfahrung zu haben
pflegen. Da vang im Alts, wonniges Feld ist, wie mhd. wunne, wünne,
liebliche Wiese, dann Wonne, und da hiervon abgeleitet mhd. mir
wurmet^ mich erfreut bedeutet, so ist von vang ein vangian in gleichem
Sinne anzunehmen. Zu goth. rirnis, Ruhe, mag sich rimo verhalten,
wie zu goth. sigis, ags. sigor, das alts. sigi, ags. sige, nur daß es als
Abstractum die Form des Feminin erhielt. Spuren der kürzern Form
zeigen sich in altdeutschen Personennamen.
Das Subject vilpu, welches der Alliteration halber dem Object
nachgesetzt ist, enthält die rein ags. Endung der von Adjectiven ab-
geleiteten Abstracta, welche auf den Bracteaten auch in den Wörtern
ftälu (Glück) und (h)älu (Heil) mit u erscheint. Es ist, nur mit der
kleinen Anomalie des p statt d, abgeleitet von vild (wild). Die Wilde
kann nach altnordischer Bedeutung das Umherirren in der Wildniss
sein, oder, nach allgemeiner Geltung, die Ungezähmtheit.
Für den Dativplural puvam lässt sich nun mehrfache Analogie
beibringen , nämlich das Holtingam des Goldhorns , das launam des
Skrydstruper Bracteaten, das heldam des Bracteaten von Tjörkö (Nr. 102),
und ein te villam des Wäsbyer (Nr. 153 des Atlas). Der Stamm puo
kann schwerlich etwas anderes sein als piuv , goth. thius (wovon der
Nora. pl. thivös, der Dat. pl. thivam lautet), ags. peov, was hier nur
den Diener, ursprünglich aber den Jüngling oder Knaben (als Knappen)
bezeichnete. In der älteren Bedeutung für den jungen Mann muß es
liier genommen werden, wie das synonyme ags. pegn, was derselben
Wurzel angehört. — Endlich sind auch noch einige kleinere Inschriften
auf hölzernen Gegenständen zu erwähnen.
INSCHRIFTEN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 303
5. Die Pfeile vom Nydamer Wiesen moor.
Auf einer sumpfigen Wiese bei Nydam im Sundewitt wurden
hölzerne Pfeile und Pfeilstücke ausgegraben, theils mit einzelnen, theils
mit mehreren Runen beschrieben , die in dem mehrgenannten Werk
von Thorsen nach p. 358 abgebildet sind. Von den vier dargestellten
Pfeilen trägt einer die Rune für M, ein anderer die für L, ein dritter
aber eine Binde-Rune, das Zeichen % worin von rechts nach links ge-
lesen offenbar f* £, d. h. (Ji)äl (Heil) enthalten ist.
Der vierte giebt ^A1; ich nehme an, daß es für ^A verschrie-
ben ist, und nichts anders als das so oft angewendete, auch auf den
Bracteaten so oft vorkommende Zauberwort (h)dlu (Heil!) beabsichtigt.
Vgl- IV, 1.
Fassen wir nun die Ergebnisse zunächst über die Denkmäler aus
Holstein und Schleswig zusammen, so ist unverkennbar, die Runen
stellen dieselbe unskandinavische Art dar , wie die im alten Sachsen-
lande gefundenen Goldbracteaten. Die sächsischen Bewohner der
Länder nördlich der Elbe bis nach Anglien hin , bei denen einst ein
großer Reichthum an Gold vorhanden war, bedienten sich der un-
nordischen Runenart zu Inschriften auf Waffen, Trinkhörnern, Ringen
und andern Schmucksachen schon wenigstens seit dem 3. Jahr-
hundert, und über das 6. hinaus.
Daß aber die Bewohner der genannten Gegenden in der eben
gedachten Zeit dem sächsischen Volksstamme angehörten, das beweist
die Übereinstimmung der Sprache auf den dort gefundenen Bracteaten,
auf dem Golddiadem und auf dem Schilde mit der Sprachgestalt der
Inschrift des goldenen Horns, welche ohne alle Widerrede unskandi-
navisch ist, und vielmehr eine ältere Stufe des Diaiects darstellt, den
wir bei den Angelsachsen in England wiederfinden, den wir daher mit
voller wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit dem alten Anglien zuzu-
schreiben haben.
Daß dahin auch der Name des ältesten Denkmals Aisgid gehöre,
beweist, wenn der zweite Theil richtig bestimmt ist, der Umstand,
daß kein nordischer Name mit — geid componiert ist, welches Wort
eben auch als Appellativ dem Altnordischen fehlt und abgesehen da-
von schon die Erscheinung, daß der erste Compositionstheil eis — wie
auch eqis — den skandinavischen Namen wie diesen Dialecten selbst
abgeht, während die offene Form und namentlich auch die Contraction
davon beiden sächsischen Dialecten besonders geläufig ist. Der Besitzer
des Schildes war also aller Wahrscheinlichkeit nach ein Krieger von
sächsischem Blute.
304 FRANZ DIETRICH
In Hinsicht auf die Dannenberger Runenbracteaten, denen die
Untersuchung hauptsächlich gewidmet war, ergibt sich nun mit um
so größerer Sicherheit, erstlich daß sie nicht darum, weil ihre Bilder
und Runen denen gleichen, die auf Bracteaten von meist skandinavischen
Fundorten vorkommen, nordischen Ursprungs sein müßen.
Schon 1849 gab Müllenhoff bei seiner Erklärung der Inschrift
des goldenen Horns im 14. Bericht der schlesw. holst. Gesellschaft
mit Recht das Urtheil ab: „Die Ansicht, daß alle und jede Denkmäler,
die für den epigraphischen Gebrauch der Runen sprechen, bis auf einige
wenige in England erhaltene, unbedenklich für nordisch anzusehen seien,
ist nunmehr als beseitigt zu betrachten, und zwar durch Entzifferung
einer Inschrift, die unserer Vorzeit zunächst angehört."
Der inzwischen aufgetretene Versuch einer Lesung derselben,
wonach die Sprache „reen oldnordisk" sein sollte, ist in dem obigen
nach allen Seiten hin vollständig widerlegt.
Dazu ist nun durch meine Entzifferung der mit gleichen Runen
geschriebenen Inschriften von Strarup und von Taschberg der Nach-
weis zweier weiterer Denkmäler gekommen, welche den Gebrauch dieser
Runen einem deutschen Namen führenden Volksstamme und zwar seit
dem 3. Jahrh. sichern.
Ferner sind Bracteaten aus Schleswig, der Heimath des goldenen
Mornes, und aus Holstein nachgewiesen, die zufolge der Sprache ihrer
Inschriften, als Heimath eben die Gegenden ihrer Fundorte in Anspruch
nehmen, wie z. B. die Vergleichung des Ivita taoada mit Hlevagast
tavido klar macht, und die Vergleichung des mehrfachen hälu mit
ags. haelu unbedingt fordert.
Hieraus springt aber in die Augen zunächst die Möglichkeit,
daß die Dannenberger Bracteaten dem weniger südlich gelegenen säch-
sischen Lande, wo sie gefunden sind, entsprungen sein können, weil
die nah verwandten und nahe wohnenden Anglier ebenfalls Bracteaten
schlugen.
Geboten aber wird diese Annahme, d. h. die Möglichkeit der
deutschen Heimath wird zu voller Wahrscheinlichkeit durch die oben
S. 284 aus der Sprache der Dannenberger Inschriften umständlich ge-
lieferte Beweisführung dafür, daß der unnordische und vielmehr deutsche
Dialect derselben stark hervortretende Eigenthümlichkeiten des Angel-
sächsischen an sich trägt, davon aber auch nach nicht unbedeutenden
Merkmalen noch verschieden ist, wonach er in den Kreis des allgemein
Altsächsischen zu verweisen ist. Die Dannenberger sind daher im
Sachsenlande zwischen Bremen, Hamburg und Bardowiek zu Hause.
INSCHR'FTKN MIT DEUTSCHEN RUNEN etc. 355
Endlich kann auch das Urtheil über die gelegentlich im Obigen
mitbesprochenen Denkmäler, die mit sächsischen Runen beschrieben
und auf Inseln oder Küsten Skandinaviens gefunden sind, das Urtheil,
so unbequem es auch nordischen Gelehrten sein wird, nicht mehr
schwankend sein. Der ags. Sprache nach (vgl. S. 24) gehört der Bracteat
Nr. 218 des Atlas, der nach Fänen gekommen ist, in die Landschaft
Anglien als seine ursprüngliche Heimath , von ebendaher mag der
Bracteat Nr. 102 etwa durch einen schwedischen Wikinger in die
Gegend von Carlskrona mit fortgenommen worden sein , denn seine
Sprache ist sächsich (und das heldam, Dat. pl. von held findet sich
für Heil nur im Angelsächsischen), und daß auch die Spange von
llimlingöe (vgl. S. 295) eine Beute aus sächsischen Landen sei, geht
aus der sächsischen Endung des darauf stehenden Namens deutlich hervor.
Die noch bitterere Folgerung aus all den sprachlichen Unter-
suchungen der bisher zur Sprache gekommenen Denkmäler, daß näm-
lich dadurch auch die bisher festgeglaubte nordische Heimath, der
mit den besprochenen verwandten Bracteaten nordischer Fundorte, in
Frage gestellt wird, kann hier nur angedeutet werden, die nicht fern
liegende Entscheidung darüber bleibt einer vollständigen sprachlichen
Erforschung aller Runeninschriften der übrigen zahlreichen Goldbrac-
teaten vorbehalten.
KLEINE MITTHEILUNGEN
VON
C. W. M. GREIN.
1. Das Reimlied des Exeterbuchs.
Daß dieses ags. Reimlied, das ganz in derselben künstlichen Weise
wie das altn. Gedicht Höfudlausn Egils Skallagrimssonar (Dietr. Leseb.
S. 55) durchgehends den Endreim neben der Alliteration durchführt,
den Dichter Cynevulf zum Verfasser hat, setzt die überaus nahe
Verwandtschaft des Inhalts mit dem des Epilogs zu Cynevulfs Elene
außer Zweifel. Meine durchgreifenden zum Theil kühnen Änderungen
des sehr corrumpierten Textes habe ich an den betreffenden Stellen
meines Sprachschatzes bereits im Allgemeinen begründet. Zur Vervoll-
ständigung dieser Begründung gebe ich hier nun statt eines ausführ-
lichen Commentars einfach eine möglichst wörtliche lateinische Über-
Setzung meiner Textrecension (Bibl. d. ags. Poesie II, 139—141), die
natürlich weit entfernt ist, auf Classicität Anspruch machen zu wollen.
L.U'.iJANLA X. 20
306 c- w- *•■ < ; ui :ix
Mihi vitam concessit, qui haue hicem revelavit et splendidam
disciplinam eximie revelavit. Hilaris fui facetiis, ornatns novis laeti-
tiarum deliciis, florum decoribus. [5.] Viri me visitarunt, (convivia
non defecerunt), thesauri largitione gavisi sunt; ornati currebant
equi*) in campis admissariorum gressibus suaviter cum longis mem-
brorum festinationibus, quum fuit plantis expergefacta terra fructetosa
[10.1 sub coelis expansa, turma equestri supertecta. Hospites ierunt,
joculationem inimiscuerunt, voluptatem prolongarunt, Isetitiis ornarunt.
Navis (?) labebatur per divortium in latum: erat in maris fluento iter,
ubi mihi coniitatus non defecit. [15.] Habui altam conditionem ; non
erat mihi in aula inopia, quin strenuus verbis eo equitaret: saepe ibi
vir evspectavit, ut in aula videret thesauri distributionem viris accep-
tam. Tumidus fui potentiä: prudentes me laudabant, pugnä tuebantur,
[20. J pulchre comitabantur, ab hostibus defendebant. Ita me Jaetitiae
concessio sustinuit, familia circumdedit; fundi divitias possedi, pedise-
quorum potestatem habui : sicut segetis plantam **) habui sedem do-
minicam , carminum verbis cantavi; laetitia pacis non decrescebat,
[25.1 sed fuit ludicerrima joculatio, sonans chorda: durans pax rivum
lamentationis amputavit. Famuli erant fortes, sonans erat harpa, so-
nore clangebat; sonitus strepebat, tibiae modulatio clangebat valde,
non minuebatur: [30.] arcis aula contremuit, lucida eminuit. Robur
invaluit, divitiae expergefiebant, laetis redundabant, commodis polle-
bant; animus invaluit, mens gavisa est, fides pullulavit, gloria abun-
davit, [35.] successus laetificavit, [venustas splenduit] : aurum paravi,
gemma circumvolitavit (i. e. distributa est); thesaurum machinatus
sum, concordia arctabatur. Strenuus fui in ornamentis, überaus in
.armaturis; fuit jubilatus meus dominicus , conversatio jucunda. [40.]
Terram protexi, populis cantavi. Vita mea erat diu in hominum
societate gloriae dedita, narrationum stndiosa.
Nunc pectus meura est turbidum, luctuosis sortibus pavidum,
molestiae laboribus propinquum : conditio nocte effugit, [45-] quae
antea die erat grata. Ingreditur nunc profundus igne thesaurus in-
cendii florescens pectori innatus, volatu affluxus. Nequitia (?) effloruit
valde in mente; animi naturam aggreditur fundo carens moeror ci-
sternae instar, [50.] in malum promptus urit, amare accurrit. Fessus
laborat, longam peregrinationem ingreditur, gravem cruciatum con-
tinuum, anxietatibus hiscit: prosperitas ejus evanescit, gaudio priva-
tur, artificiis privatur, laetitiis non studet. [55.] Jubila sie hie cadunt,
*) ornatos a^itabant equos?
öl \i\ quod erevit, planta?
KLEINE MITTHEUiUNGEN 307
dominationes ruunt; vitam hie viri perdunt, crimina saJpe eligunt.
Fiduin tempus est nimis segne, infirmum ineumbens ; altae sedi male
profecit et omne Studium (?) depressum est. Sic nunc mundus con-
vertitur, fatum affert [60.] et odium apprehendit , viros dehonestat.
Virorum genus perit, mortis hasta lacerat, fraudulenta iniquitas certat,
sagittam nequitia candefacit, mutuationis cura mordet, audaciam se-
nectus exscindit (?), exihum rixa importat (?) , inimicus jusjurandum
inquinat, [65.] peccati laqueus expanditur, insidiae labuntur (?). Luc-
tuosus moeror fodit , sculptilia mueor tenet, armatura Candida pol-
luitur, aestatis calor frigescit. Terrae divitiae ruunt, inimicitia asstuat,
terrae vis inveterascit, vigor frigescit. [70.] Mihi haec fatum texuit
et meritum dedit, ut foderem sepulcrum, et diram constitutionem
evitare carne nequeo, quum [mors] sagittis praeeeps diem violenta
arreptione surripit, quum nox venit, quae mihi patriam invidet et
me hie habitatione privat. [75.] Tunc corpus jacet, membra vermis
comedit et voluptatem gerit et eibum sumit, donec sint ossa de-
strueta usque ad unum et ultimo [supersit] nullum nisi necessitatis
sors peccatis hie dueta. Fama non est segnis. [80.] Antea hoc beatus
cogitat, eo saepius se castigat, se abstinet amaris peccatis, exspeetat
melius gaudium, recordatur gratiae praemiorum, ubi sunt misericor-
diae gaudia jueunda in coelorum regno. Agiteduin! nunc sanetis si-
miles peccatis liberati eo intendamus redemti, [85.] a maculis defensi,
gloriä honorati, ubi genus humanuni debet laetum coram Creatore
verum deum aspicere et semper in pace gaudere!
2. Zu den Räthseln des Exeterbuchs.
Eins der glänzendsten Verdienste Dietrichs ist seine scharfsinnige
Behandlung der zahlreichen Käthsel des Exeterbuchs in H. Z. XI,
448 — 90 und XII, 232 — 52, wo unter andern auch eine zusammen-
hängende Lösung der sämmtlichen 89 Käthsel gegeben ist. Bei weitem
die überwiegende Mehrzahl seiner Deutungen steht in der Hauptsache
zweifellos fest, wenn auch hier und da einzelne Züge, die der Dichter
von seinem Gegenstande aussagt, in ihrer Beziehung auf diesen- noch
mehr oder weniger dunkel bleiben. Bei einigen Räthseln jedoch scheint
mir Dietrichs Lösung weniger zutreffend und ich will hier den Versuch
machen, meine abweichende Ansicht über diese Käthsel vorzutragen,
natürlich weit entfeint, Dietrichs großes Verdienst um die Käthsel im
Geringsten schmälern zu wollen: hat er doch selbst in dem zweiten
seiner eben genannten Aufsätze bereits einzelnes zurückgenommen,
was er in dem ersten aufgestellt hatte.
20*
308 C. W. M. GREIN
Nr. 14 deutet Dietrich auf die 22 Buchstaben des Alphabets
und bezieht die an der Wand hängenden Felle auf die in den Bücher-
gestellen an der Wand befindlichen Membranen (bocfell); die Zahl 22
bringt er durch Summierung der Zehn (v. ]) mit 6 Brüdern und
Schwestern (v. 2) heraus. Die Zulässigkeit dieser Summierung muß
ich in Abrede stellen; es ist gar nicht einmal ausdrücklich von sechs
Schwestern, sondern nur im Allgemeinen von Schwestern die Rede,
deren Zahl sich daher aus den directen Zahlenangaben des Räthsels
auf eine einfache Weise unmittelbar ergeben muß: was aber in v. 1—2
über die Zahlen gesagt ist, kann, wie es dasteht, nicht füglich anders
verstanden werden, als daß es im Ganzen zehne, nämlich 6 Brüder
nebst deren (4) Schwestern waren. Vor allem passt auf Dietrichs Deu-
tung in keiner W7eise der Inhalt von v. 6b— 9% daß die in Rede ste-
henden Wesen sollten graue Gewächse zerfleischen (sceoldon müde
slitan hasve blede). Wohl aber passt alles auf die einer Häutung unter-
zogen gewesene Raupe und zwar, wie ich bereits in meiner Bibl. II,
410 angab, speciell auf eine Raupe aus der Familie der Spanner
(Phalaenodea oder Geometrae) mit ihren 10 Füßen, von denen die
vorderen 6 mit Krallen versehenen Hauptfüße als Brüder, die hinteren 4
an der Spitze verbreiterten Stummelfüße als Schwestern bezeichnet sind.
Nr. 53 deutet Dietrich als 2 durch ein Seil verbundene
Eimer, welche eine Magd trägt. Die erste Hälfte dieser Deutung
ist sicher richtig; auf die zweite Hälfte aber passt v. 5—8 nicht, daß
die Magd nur zu dem einen von beiden in enger Verbindung stand
(väs pdra odrum getevge) und doch beider Fahrt lenkte. Es sind viel-
mehr die durch ein Seil verbundenen Brunneneimer, von denen
der eine in die Höhe geht, während der andere in den Brunnen (räced)
hinabfahrt (vgl. den Brunnen im Reineke Fuchs, wo Reineke den Wolf
überlistet). Dem aufsteigenden Eimer, den sie heraufzieht, ist die Magd
yrtenge und durch dies Heraufziehen setzt sie zugleich den andern
Eimer mit in Bewegung.
Nr. 59 ist Dietrichs Deutung auf den Ziehbrunnen mit
einem Schwengel zweifellos richtig; hinsichtlich des Namens aber
kann ich ihm nicht beistimmen. Er nimmt die 3 ryhte rünsta/as des
Namens als Consonanten (im Gegensatz zu dem von Aldhelm für die
Vocale gebrauchten Namen literae nothae), was zu burna (Born) stimme,
zu dem noch das Wort räd kommt, also rädburna. Ich fasse dagegen
die ryhte rünstafas als 'wirkliche Runen' im Gegensatz zu Bad, das
zwar auch der Name einer Rune ist, hier aber nicht als wirkliche Rune,
sondern als Wort gelten soll. Der aus 3 Buchstaben bestehende Name
des Brunnens aber ist pyt, das ohnedies gerade die Grube des Brun-
KLEINE MITTHEILUNGEN. ;;0<)
nens ist, während burna, bume mehr die Quelle bezeichnet. Statt des
aller Deutung widerstrebenden furum v. 15 setze ich das den ags.
Schriftzügen nach überaus nahe liegende fultnm (Hilfe) : dem pyt als
dem allgemeinen Namen für Brunnen kommt noch das Wort räd zu
Hilfe, um die hier gemeinte specielle Art von Brunnen als räd-pyt
(Reitbrunnen, mit Rücksicht auf den reitenden Schwengel) zum Unter-
schied von der andern in Nr. 53 angedeuteten Brunnenart näher zu
bezeichnen.
Nr. 65: Die Runen dieses Räthsels V. I. B. E. H. Ä. b. E. F.
A. EA. S. P combiniert Dietrich, indem er b für D nimmt, zu ped
bedh-svifeda. Ich glaube nicht, so ansprechend diese Deutung auch
erscheint, daß wir sämmtliche Runen zur Bildung eines einzigen Na-
mens verwenden dürfen, da die Erzählung des Räthsels deutlich in
drei scharf gesonderte Gruppen zerfällt, welche die Namen von 3 un-
bekannten Größen ergeben. Scheiden wir die Runen B. E. H. A
(= bedli) als Namen des Getragenen und EA als Namen des Wassers
(ed), über welches der Hauptgegenstand fliegt, ab, so bleiben für den
letzteren (deutlich genug als zusammengehörig bezeichnet durch die
Zusätze pryda dcel und sylfes päs folces, zur Gesellschaft selbst gehörig)
die Runen V. I. p. E. F. A. P. S. Bildet man alle möglichen Permu-
tationen dieser 8 Runen, so bietet sich darunter nur die Gruppierung
A. S. P. I. n. E. V. F als einer Deutung fähig. Nimmt man nämlich
V für U, so hat man aspide-üf oder, b für D genommen, aspide-üf.
Die erste Worthälfte aspide m. aspis, coluber habe ich in meinem
Sprachschatz nachgewiesen, und für die zweite Hälfte bietet sich hie
vultur pes üf Alf. gr. 922 und die Glosse 'bubo üf Wr. gl. 29, so-
wie ahd. üvo bubo dar. Somit wäre aspide-üf der Name eines schlangen-
fressenden Raubvogels; der bedh aber ist nichts anderes als eine sich
krümmende Natter, die er beutefroh (c/efeah) über ein Wasser flie-
gend im Schnabel trägt.
Am Schluß seiner ersten Abhandlung über die Räthsel des Exeter-
buchs (H. Z XI, 489—90) behandelt Dietrich anhangsweise noch das
in meiner Bibl. II, 410 abgedruckte Prosarät hsel, welches die Eva
zum Gegenstande hat. Im Einzelnen weiche ich theilweise von Diet-
richs Deutung ab. Meine Auffassung ist folgende: „Grüße du meinen
Bruder (Adam), meiner Muttor (der Erde) Bauer (ceorP) , den mein
Eigen-Weib (agen-vlf, die der Eva unterthane Erde) gebar, und ich
war meines Bruders (Adams) Tochter und bin meines Vaters (Gottes)
Mutter geworden (als Ahnfrau Christi) und meine Kinder sind ge-
worden meines Vaters (Adams) Mutter (Erde, d. h. sie sind im Tode
wieder zur Erde geworden)."'
310 C. W. M. GREIN, KLEINE MITTHEILUNGEN.
3. Das Wessobrunner Gebet.
Mehr denn ein Versuch ist gemacht worden, dies kleine Gedicht
kritisch herzustellen und namentlich seinen zweiten Theil in eine regel-
rechte metrische Form zu bringen. Keiner dieser Versuche ist zu einem
völlig befriedigenden Resultate gelangt. Ich gebe hier einen neueu
Versuch, indem ich das Gedicht in folgender Weise herstelle:
Dat gafregin ih mit firahim firiwizzö meista,
dat ero ni was noh ufhimil,
noh paum noh pereg [noh pulga] ni was
ni [sand] nohheinig, noh sunna ni seein
5. noh mäno ni liuhta noh der märeo seo.
Do dar iuwiht ni was enteo ne wenteo,
enti dö was der eino almahtieo cot,
manno miltisto, enti dar warum auh manake mit inan
cootlihhe keista, enti cot heilac!
10. cot almahtieo! du himil enti erda gaworahtös
enti du so manac coot man mim forgäpi.
Forgip mir in dino gaiätiu rehta galaupa
enti willeon cötan, wistöm enti spähida
enti [tiurlihha] craft tiuflun za widarstantanne
15. enti [ellan cötan] arc za piwisanne
enti dinan willeon za gawurehanne!
v. 3 — 4: pulga, bulga, altn. bylgia, mhd. nhd. brdge, Welle, Woge
(s. Müller mhd. Wb. I, 125 und Grimm DW:); durch meine Ergänzungen
schließt sich unser Gedicht enger an die Stelle der Völuspa an, wo
es heisst: vara sandr ne scer ne svalar uunir, iörd fannsk ceva ne upphiminv ;
statt scei?t hat das MS. stein. — v. 6: niuuiht MS. ist nicht niwilu,
sondern in iuuuiht = iuwiht aufzulösen, wodurch die Alliteration voll-
ständig geregelt ist. — v. 9: geista MS; in 9b mitten im Satz plötz-
liches Überspringen in eine directe Anrufung Gottes, wodurch das
mit v. 12 beginnende eigentliche Gebet eingeleitet ist. — v. 11: du
mannum so manac coot MS. — v. 12: in dino ganada MS.; gardfi h.
consilium, secretum, mysterium ; daß der Schreiber unserer Handschrift
garätiu zu ganada machte, erklärt sich leicht aus der Annahme, daß
in seiner Vorlage, die er nachlässig genug scheint abgeschrieben zu
haben, das r in der dem n näher kommenden Form des ags. r stand,
während er ti leicht für ein d und das u für ein nach oben offenes a
verlesen konnte; beiläufig sei bemerkt, daß in der letzten Silbe von
ganada unsere Handschrift gerade ein solches nach oben offenes a hat
(s. das Facsimile in Gräters Bragur V, 1 18). — v. 13: e.otan uuilleon MS.
:;n
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN J UNGEHALTEN
HERAUSGEGEBEN
VON
MAX RIEGER.
Die von Simrock in seinem Wartburgkriege S. 309 erwähnte
Papierhandschrift des Lebens der h. Elisabeth, die mir durch seine
freundliche Vermittelung zur Benutzung anvertraut war, enthalt hinter
jenem Leben eine bisher unbekannte zweite Bearbeitung des von Ludwig
Bechstein (Wartburg-Bibliothek Heft 1, 1855) herausgegebenen Spieles
von den zehen Jungfrauen. Die Handschrift ist auf ihrer letzten Seite
vom Sonntag Cantate 1428 datiert und wäre sonach ohngefähr hundert
Jahre jünger als die Mühlhäuser, wenn anders deren Alter von Bech-
stein nicht zu hoch geschätzt ist. Aber die Vergleichung beider ergiebt
neben einer Masse gleichgültiger Verschiedenheiten der Bearbeitung
zahlreiche Fälle, worin die jüngere Handschrift nicht nur den bessern,
sondern den allein richtigen Text überliefert: so in den ersten zwei
Reden gleich fünfe (Z. 3. 11 f. 22. 32. 33 f.); und wenn der Text in
der Jüngern Gestalt durch Interpolationen angewachsen ist, so denke
ich in dem der altern Handschrift sogar zwei Interpolationsschichten
nachzuweisen. Reicht daher ihre Aufzeichnung, wie Bechstein meinte,
bis in die Zeit der historisch bezeugten Aufführung des Spieles (1322)
hinauf, so dürfen wir diese Aufführung jedenfalls nicht für die erste
halten, müßen vielmehr die Abfassung und erste Aufführung des Spieles
um einen nicht näher zu bestimmenden Zeitraum über 1322 empor
rücken. Ein Umstand freilich erregt Zweifel, ob der Mühlhäuser Text
die treue Gestalt des 1322 vor Landgraf Friedrich aufgeführten Spieles
gewähre. Die betreffende Stelle des chron. S. Petri sagt: ubi dum
quinque virgines fatue precibus b. virginis Marie et ornnium sanctorum
non possent gratiam invenire ; während eine Fürbitte der Heiligen
neben der der Jungfrau Maria in keinem der beiden überlieferten Texte
vorkommt. Indes kann der Chronist aus ungenauer Kunde so ge-
schrieben haben.
Wie dem sei, die beiden abweichend ausgebildeten Texte, des
Spieles, die uns vorliegen, geben für sein Fortleben, für seine Beliebt-
heit auf dem geistlichen Volkstheater ein Zeugniss, das uns fast so
viel werth ist, als die Kenntniss seiner ursprünglichen Gestalt sein würde.
Es kommt dazu, daß die Handschrift von 1428 in oberhessischer Mund-
art geschrieben ist, also auch die örtliche Verbreitung des Spieles
312 MAX RIEGER
bezeugt. Freilich die Bearbeitung, die sie enthält, stammt so gut wie
der Mühlhäuser Text aus Thüringen. Nicht nur sind die thüringischen
Keime, die den Infinitiv mit abgeworfenem n voraussetzen, mit wenigen
wohl zufälligen Ausnahmen (wie Z. 506 und 521) vom Bearbeiter nicht
weggeschafft, nicht nur zahlreiche reimende Infinitive auf e vom ober-
hessischen Schreiber sogar treu wiedergegeben : sondern die ganze
Masse von etwa 160 Reimzeilen, die sich nur hier und nicht im Mühl-
häuser Texte vorfindet, zeigt in den Reimen neben derselben volks-
mäßigen Ungenauigkeit auch dasselbe mundartliche Gepräge wie der
den beiden Handschriften gemeinsame Rest. Die Beispiele ergeben sich
so zahlreich auf den ersten Blick , daß ich ihre Aushebung füglich
ersparen kann.
Nicht bedeutungslos ist auch die Weglassung sämmtlicher latei-
nischer Gesänge, neben welchen in der Mühlhäuser Handschrift der
deutsche Text in alter Weise als Auslegung hergeht, verbunden mit
der deutschen Abfassung aller scenischen Anweisungen. Will man nicht
das Unwahrscheinliche annehmen, daß die oberhessische Handschrift
aus bloßer literarischer Liebhaberei am deutschen Texte statt zu dem
Zweck, als Grundlage der Aufführung zu dienen, sei hergestellt worden,
so zeigt sich in jenem Umstände, wie das deutsche Schauspiel sich
hier bereits auf eigene Füße gestellt und die Anlehnung an den latei-
nischen Text, ans dem es hervorgewachsen, aufgegeben hat.
Das Spiel von den zehn Jungfrauen nimmt durch Einheit der
Handlung und gute dramatische Entwickelung, durch einen in aller
volksmäßigen Kunstlosigkeit edeln Ton, durch echtes Gefühl und die
Macht ergreifenden Ausdruckes eine so hohe Stelle unter den Denk-
mälern unserer alten dramatischen Litteratur ein, daß ihm durch den
Abdruck einer zweiten Bearbeitung gewiss nicht zu viel Ehre geschieht
und daß ich auch nicht zu viel zu thun fürchte, wenn ich dem Texte
von 1428, den ich mit B bezeichne, die Abweichungen des schon be-
kannten A beigebe. Jeder wird so über das Verhältniss beider zu
einander desto leichter urtheilen; ich selbst kann Vieles sparen, was
sonst hervor zu heben wäre, und über Anderes mich kürzer fassen.
Bei den Verschiedenheiten im Textbestande scheint mir, wenn
ich von den geringfügigen, mehr vom Zufall der Überlieferung be-
dingten absehe, das größere poetische Verdienst überwiegend auf
Seiten von B zu stehen. Ich mache darauf aufmerksam, wie der Zusatz
Z. 83 — 90 eine gute Ausführung des sonst etwas mager dastehenden
Rathes in Z. 82 giebt; wie die Zeilen 95 — 104 frische Züge aus dem
Leben hinzufügen. Die weitere Ausführung der Verlegenheit ums Ol
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 373
in zwei Reden 171 — 206 statt der einen von A ist an sich zweckmäßig
und zum Theil gut, doch leidet die zweite Rede an Wiederholungen.
Vortrefflich ist aber die in 215—250 eintretende Rückkehr zu der
leichtsinnigen Stimmung, aus welcher die thörichten Jungfrauen schon
bis zur Verzweiflung aufgerüttelt schienen; vortrefflich daß sie wieder
völlig beruhigt sitzen und spielen, da der Bräutigam kommt und die
klugen Fünfe zur Hochzeit holt. Demselben Streben nach psychologi-
scher Ausführung und dramatischer Steigerung entspringt nach dieser
Scene der Zusatz 291 — 352. Wieder regt sich in einer der Thörichten
die vorhin aus dem Sinn geschlagene Sorge ums Ol und wird von der
andern abermals beschwichtigt; nun aber bemerkt mit Entsetzen die
dritte — sie war auch die erfolglose Warnerin in 131 ff. — daß die
Klugen bereits zu der Hochzeit eingegangen sind. Die vierte, die noch
immer gutes Muthes gewesen , beruhigt auch jetzt noch und räth,
Gottes Barmherzigkeit mit Bitten zu rühren; die fünfte, nicht ohne
strafenden Spott über den späten Rath , stimmt ihm lebhaft bei, und
nun folgt erst die Anrufung Gottes, die sich in A gleich an den Ein-
gang der klugen Jungfrauen zur Hochzeit anschließt.
Das poetische Verdienst dieser Zusätze von B, die Zuträglichkeit
zur dramatischen Wirkung, die man ihnen nachrühmen muß, darf na-
türlich nicht verführen, in ihnen ursprüngliche, in A nur ausgefallene
Bestandteile des Spieles zu sehen. Es ist vielmehr durchaus wahr-
scheinlich, daß nach Anleitung des zu Grunde liegenden heiligen Textes
(dum autem irent emere venit sponsus Matth. 25, 10) während des
vergeblichen Versuches der thörichten Jungfrauen irgendwo Öl zu
kaufen , die Erscheinung des Bräutigams erfolgte und die Anrufung
der göttlichen Barmherzigkeit durch jene sich an die Einführung der
klugen zur Hochzeit unmittelbar anschloß. Hat man nur den Stoff im
Auge, so fehlt bei diesem Zusammenhange nichts, und eine reichere
dramatische Ausbildung aus ursprünglicher mehr liturgischer Einfalt
ist, was wir erwarten dürfen. Aber das Spiel kam nicht nur diesem
einen glücklichen Interpolator unter die Hände. Ein anderer hat uns
seine Spuren in A hinterlassen, und diese werden um so leichter als
das was sie sind erkannt, nachdem ihnen nunmehr die Handschrift B
ihr Zeugniss versagt.
Die 8 Zeilen, welche A hinter 380 einschiebt, sind zwischen der
vorhergehenden und nachfolgenden Rede nicht nur müssig und über-
lästig, sondern stören die dem dramatischen Fortschritt dienliche Ver-
theilung der Rollen , wonach die dritte Jungfrau zur Anrufung der
Maria räth und die vierte den Rath ausführt. Ich denke, der Bearbeiter
314 MAX KIKCF.K
fühlte sich zu diesem Einschub verpflichtet, weil er eine andere An-
rufung Gottes und der Jungfrau 413 — 428 getilgt hatte, um seine
Teufelseene anzubringen. Diese, fremdartig und die Einheit der Hand-
lung störend wie sie ist, führt nicht einmal das Motiv, von dem sie
ausgeht, den Rechtsanspruch des Teufels auf Verdammung der Sünder,
zu einiger Befriedigung aus. Ja sie ist in sich selbst von so übler
Beschaffenheit, daß dieselbe nur durch die Annahme zweier Interpo-
lationsschichten erklärt wird. Z. 9 — 27 der Scene verdanken offenbar
ihre Entstehung dem Wunsche, das dankbare Tberna der Teufelei
etwas reicher auszubeuten, als es der erste Interpolator gethan ; leider
kam die Rede des Secundus diabolus sowohl an sich wie im Ver-
hältniss zum folgenden sehr ungeschickt heraus, und um sein Mach-
werk anzuknüpfen, setzte der Pfuscher ganz einfach den Rechtsspruch
des Herrn, den er vorfand, bereits nach Z. 4, so daß er nun Z. 5—8
und 40 — 43 mit denselben Worten vorkommt. Die erste Interpolations-
schicht hatte mit Z. 1 — 4, 28 — 44 wenigstens einen gesunden Zusam-
menbang, wenn auch dürftigen Gehalt. WTie der zweite Interpolator
vom ersten, so borgte dieser, nur weniger plump, vom echten Texte
selbst. Die viermal variierte Phrase vom rechten Gericht (Z. 2.28. 39.40)
geht zurück auf Z. 458 ich müz nu vil rechte richte, und Z. 3. 4 nü
laz dese vorvluchten schar one orteil zu der helle var auf die Worte der
Maria Z. 447 f. laz dese jemerlichen schar ane orteil zu dinir wertschaft
var; im zweiten Fall ist freilich die Nachahmung sinnlos, weil der
Teufel das Urtheil gerade verlangen muß, das Maria abzuwenden wünscht.
Andrerseits könnte Maria sich nicht so ausdrücken, wie sie 448 thut,
und wäre das feierliche und ausführliche Urtheil in Z. 458 — 472 müßig,
wenn der Herr auf Antrag des Teufels bereits geurtheilt hätte.
Betrachtet man nun die 16 Zeilen, welche B statt der Teufelseene
bringt, so lassen sie als Einleitung zur zweiten Fürbitte der Maria
nichts zu wünschen übrig, mochten aber dem Interpolator nach seinem
Machwerk überflüssig vorkommen. Ich glaube daher in dieser nur von
B überlieferten Stelle den ursprünglichen in A verdrängten Text er-
kennen zu dürfen.
Die kunstlose Reimprosa des Dialoges war dem oberhessischen
Schreiber von 1428, oder dem frühern, dem er folgte, vollkommen
mundgerecht, die Strophe in den Wechselgesängen dagegen unver-
ständlich. Nachdem er sie zwei oder dreimal leidlich wiedergegeben
hatte, begann er ihre Glieder aus einander zu nehmen und sie in
Reimpaare umzuarbeiten. Während ich daher im Dialog die Handschrift,
welche die Reimzeilen absetzt, einfach wiedergebe, habe ich die durch
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 315
metrische Form dazu auffordernden Wechselgesänge auf Grund von A
mit Benutzung von B kritisch bearbeitet, wobei ich mich der ortho-
graphischen Barbarismen entschlagen durfte. Verdient doch dies kleine
Denkmal, dem das untergegangene Volksepos von Walther und Hilde-
gund die Form geliehen hat, unsere besondere Liebe.
Im Dialog wie in den Strophen ist Auszuwerfendes durch Klam-
mern, Ergänzungen durch Cursivschrift bezeichnet, Besserungen aus
der andern Quelle oder aus Vermuthung sind in den Strophen voll-
zogen, im Dialog nur unter dem Texte vorgeschlagen.
Die Überschrift von B, die sich auf St. Ausnistins Auslegung
des Gleichnisses bezieht, weiß nicht was sie sagt. Das Spiel hat mit
jener tiefsinnigen Deutung, die sich in sermo XCIII, ferner in §. 74 — 81
De gratia novi testam. und in Nr. 59 De div. quaestt. findet, auch
nicht das Mindeste gemein.
Sanctus Augustinus leid vns uß das byspelle von den zehen
juncfrauwen, der funfe wyse vnde funfe dorecht waren, vnde hebit
sich ane als dan hernoch geschreben stet.
Nu ruffet an die guten
Marien gotes muter,
daz sie bidde sere
ir liebes kint vor vns armen sundere *).
Got sprichit zu eyme engele.
Frunt myn, ich will dich senden
verre in daz elende
zu mynen lieben frunden:
den soltu daz künden
vnde allen mynen hulden, 5
die durch mich liden wulden
mancher hande hertzeleit,
vnde sage yne by myner warheit,
daz ich yne darumbe wulle geben
ewig lone vnde ewig leben, 10
Abweichungen des Mültlhauser Textes (A) und Besserungsvor-
schläge zum ober hessischen (B).
*) Statt dieses Eingangs liest A: Nu swigit üben lute. lazzit v berlutr.
swigit lazt vch kunt tun. von deme üben gotis son. Jhesu Christ wy sücze
syn name czu nennen ist.
1 Frunt niyn] lies Bot* mit A- 3 lieben] holden. 9 wulle] wtl.
3.16 MAX RIEGER
vnde sage yne daz sie nicht enbeiden,
sie sullen sich bereiden
zu myner großen wirtschafft,
[Bl. I1'] die ich durch ir liebe han gemacht:
ich wil sie by mich setzen 15
vnde alles vngemaches ergetzen.
Der engel sprichet zu den juncfrauwen.
Nu höret, ir lieben, sunder spot:
vch enbudt von hymel der riche got,
vnser aller scheppere
gar liepliche mere, 20
der uch alle lieber hat
dan ye kint syme vater ader muter wart,
daz ir alle bereidt syt
zu siner großen hochtzyt,
es sy dag ader nacht, 2j
daz sin mit guden wercken werde gedacht,
ir sullet auch sin alle gemeine
gar kusche vnde reine;
ir sullet auch tragen alle gewisse
burnende liecht zu rechtem bekentnisse ; 30
so wil got, der hymelische brutegum,
durch liebe noch uch selbes komen.
so wen he dan bereidt findet,
ach wie wol dem gelinget!
[2] wer auch sin bereidunge zu Jange spart, 35
we dem daz er ye geborne wart!
Die erste wyse sprichet alsus.
Eya, nu mirke vnser yglich
daz wir alle sin dotlich.
der dot suchet faste herzu
beide spade vnde fru: 40
vnser keine ym nommer enpluget.
wir wißen nit, wanne er sin netzen über vns zuget
11 nicht beyten. 12 su en sullen. 16 alles fehlt. 17 ir fehlt. 18 vch
enputit der hemelichsche got. 2 2 wan icheyn kinde syn mutir eder syn vater
wart. 2 7 sin fehlt. 2 8 sy gar. 2 9 tragen fehlt. 3 0 bornde] lampeln tragen czü
cyme rechten bekeyntenisse. 3 2 dorch üwere libe. selbes] selben. 3 3 wan he
(\en bereyte vch vindit. 3 4 dem] vch den. 3 6 deme wirt we daz her ie gewari.
4 1 nommer enpluget] enphlüt. 42 wißen] enwizzen. zuget] slet.
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 317
ader sin angel swinde.
ich wil vns einen guden rat finden.
wir sin geladen alle gemeine, 4")
beide groß vnde kleine,
darzu die jungen vnde die alden
zu den freuden manigfalden.
wir sullen in vnser kintheit
werben vmbe Sicherheit: 50
wirdet es an daz alder gespart,
wir mögen versumen die wirtschafftfart.
findet vns [got] der brutegum bereidet,
so werdent wir geleidet
zu den freuden, die kein ende hat. 55
[2h] sehet ir lieben, daz ist myn rat.
Die ander wise sprichet alsus.
Frauwe, wir sullen noch dime rade faren.
wir sullen auch daz nit lenger sparen
(gewisheit ist zu allen dingen gut),
wir sullen wenden vnsern mut 60
nach gütlichen dingen:
so mag vns wol gelingen.
was hulff vns vnser gampilen?
wir bereiden vnser ampilen.
daz wirdt in truwen vnser fromme : 65
so mögen wir zu der wirtschaffte kommen.
Die erste dorechte sprichet alsus:
Lieben swester, volget myner leren:
wir sullen vns an den rat nicht keren.
ich wil vns einen beßern geben.
wir sullen nach vil lange leben. •"
wir finden geschreben also vil,
daz got des sunders dot nicht enwil,
dan er sich bekere vnde ommer lebe.
diesen guden rat ich vns gebe:
43 edir synen angel slynden. 44 guden] bezzern. 50 vmme eyne sicher-
heyt. 5 1 wer- iz. 52 fart fehlt. 53 got fehlt 55 Lies in der ireude; in dy
vroude A. kein] nicht. 56 set liben swestern daz dunkit mich vnse beste rat.
57 Frauwe] lies truwen; entrouwen A. sullen] wollen gern,. 58 rn woln iz oucb.
6 2 wol fehlt. 6 3 waz helfen vns vnse sehapel. 6 4 lampelen. 6d 10 1 fehlt.
6 7 Swe^tere liben. 6 8 wollen. 6 9 beßern] bezzern rat. 7 2 enw.l] wel.
TA dan] lies mit A war, da/., ommer] lange. 7 4 ich bin eyn bezzer rat gebe.
318 uax kikokii
godes barmhertzekeit ist also vi], 75
[3] daz ich mich truwen dar vff laißen wil.
wir wullen vns vnsers jungen lybes wol genyden.
got thu mit vns ader gebiede,
zu der wirtschafft kommen wir nach harte wol.
laßet vns die ^pielsteine holn 80
vnde vergeßen vnser leide.
wir wullen vns auch von diesen scheiden:
wir wullen gen an ein ander stat.
sehet, swestern, daz ist myn rat.
sie werden irs gemudes nommer fry: 85
wir wullen iach nit lenger by yne sine.
was mögen sie vns geraden?
wir kommen zu der wirtschaftete also trade,
als ir irgen keine :
vns ist ir bedden als ein steine. 90
Die ander dorechte sprichet alsus :
Intruwen, wir wullen gerne volgen diner lere,
wer sulde sich nach keren
an fasten vnde an bedden
als die alden tempeltreden?
die sagen vns dovon also vil, 95
daz ich es nommer gefolgen wil.
sie mogent wol laißen abe :
[3b] wir wullen vnsern willen habe.
want teden wir große cleider an?
so musten wir zu metten vnde zu vesper gan 100
vnde vnsern salter lesen :
intruwen, des wullen wir alle ledig wesen.
wir wullen dantzen vnde reyen
mit phaffen vnde mit leien.
wir frauwen vns nach wol ein zwentzig jare; 105
die wyle werdent vns wol grae die hare,
daz vnser dan achtet nymant me:
sehet, so wullen wir dan ein ander leben an ge.
7 5 also] so. 7 7 genyden] nite. 7 8 ader] wy be. 7 9 harte] vil. 80 lacz.
die] den bal vH die. holn] here hol. 82 auch fehlt, diesen] desen alten tempel
treten. 8 3 — 9 0 fehlen. 91 Wy volgen gerne. 9 3 an beten vn an vasten.
94 also dy alten tempeltretere. 95— 1 H4 fehlen. 99 want] lies wanne. 105
wol ein zwentzig] drizzic. 106 darnoch laze wy schere abe vnse Bart 107 f.
fehUk.
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 319
also hau ich mich versunne,
daz ich dan wil werden ein gude nunne. 110
als es dan kommet zu oistern,
• to thun wir vns in ein kloister:
hat vns dan got die wirtschafft beschert,
ich weiß dazs vns sancte Peter nommer gewert.
Die dritte wise sprichet alsus:
Frauwet uch, lieben swester myn: 115
got wil vns dolden vngemach vnde pyn,
daz er vns schliffe gemach,
was vns ommer geschieht ader ye geschach,
[4] daz wirdet vns vffgerichtet schone
mit dem tusentfeldigen lone. 120
waß nu ob vns die lüde
haßen ader nyden,
' es mag vns nit geschad<m:
got wil vns seibist liep haben.
werden wir [dan] von den luden versmehet, 125
was vns dan got lieplich enphehet!
nu syt fro vnde wol gemut:
der milde got ist also gut,
er gibt vns sicherliche
daz frone hymelriche. 1^0
Die dritte dorechte sprichet alsus ;
Waffen, herre, waffen!
ich vochten groß straiffen:
daz mag vns sicher gescheen.
wie lange- wullen wir alsus mußig gen,
daz wir vns nicht besinnen? 135
wir sulden ye etzwas beginnen,
daz vns doren nutze were.
nu sin wir guder wereke lere.
10 9 — 112 vfi begeben vns in eyn closter. neyn ich wel noch beyte bez
ostern. also habe ich mich vorsunnen. vn wel den werde eyn nunne. 113 die
wirtschafft] syn riche. 114 ich weiz wol daz iz vns numniir sente peter gewart.
116 wil vns] lies wolde wit A. 117 dorch daz. schüfe. 1 1 8 geschieht] ge-
schee. 119 schone] vil schone. 120 hundert valdigen. 121 — 123 sint wy nu
von den luten gehazt. von vnser geselleschai't gesazt. waz mac vns daz geschade.
124 seibist] selben. 125 dan fehlt. 128 ist also] der ist so. 130 frone]
schone. 132 groß] gotis. 133 sicher] lies schiere; daz vns daz schire möge
...sehe A. 134 alnus] so. 135 vorsinnen. 186. ye fehlt. 138 lere] so lere.
;••),) MAX RIEGER
intruvven, wir sulden wachen
vnde vns bereide machen. 140
[4'] wir wissen nit wanne der bruteguui kommet;
so han wir leider wenig gerumet
vnser wirtschaflftgezauwe :
wes mögen wir vns dan gefrauwen?
Die vierde dorechte sprichet alsus:
Do snllen wir truwen borgen des wir nit enhan. 145
wir wullen zu jenen juncfrauwen gan :
mich duncket sie syn gereide,
sie mögen wol des brutegams beiden,
wir wullen sie mit gutlichen sidden
harte flyßlichen bidden 150
vnde frolichen versuchen,
daz sie vns geruchen
irs oleys zu geben :
daz kommet vns vil eben.
Die ander dorechte sprichet alsus:
Wir bidden uch, juncfrauwen wol gemut, 155
daz irs durch uwer selbs ere dut:
vns ist des oleies gebrosten,
vnser lampaden sint gar verloschen,
gude wercke sin vns leider dure:
nu gebet vns zu sture 160
[5] vwers oleies ein deile,
daz uch volge glucke vnde heile.
Die vierde wise sprichet alsus:
Ir lieben, wie gerne wirs uch teden,
ob wirs die stade heden!
sulden wirs uch mit deiln, 165
so wurde es vns beiden zu dein.
139 intruwen] trüve. 142 lies gevromet mit A. 143 gezauwe] ge
schowe. 144 wes] waz. dan] toren. Darnach: dy wile wy leben in den sorgen.
145 — 146 da sul wy trouwen borgen, des wy selben nicht enhan. wy sulten
czü den wisen gan. 147 — 148 Fehlen. 149 vii mit flelichen seten. 150 sul
wy sü gutlichen beten. 15 1 Lies flelichen; fliziclichen A. 152 vns] vns loren.
153 eres oleys röchen czü gebene. 155 wol] hoch. 156 daz ir durch vwers
selbes ere willen tut. 157 gebrochen. 158 gar] vns. 163 Liben wy teten
gerne vwt-re bete. 164 ob wirs] wer daz wy. 166 so gewinne wy iz lichte
vzu cleyne.
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 321
vns duncket beßer da/, ir get
vnde uch selbes vor sehet:
wir mögen es uch nit mit geteiln.
kauftet es do irs findet feil. 170
Die erste dorechte sprichet alsus:
Eya vater, oberster got!
vns ist des oleys also not,
want vns dorheit versumet hat:
nu gib vns, herre, selbs dinen rat,
war wir noch dem oleie mögen gan. 175
wir keufften es gerne, wisten wir wo.
eya! hette ymands icht oleis veil,
der es vns hude mit wulde teil,
dem wulden wir vnsers gutes geben
als vil ers selber wulde nemen. 180
Die ander dorechte sprichet alsus :
[5b] Waffen hude vnde ommer me!
war sullen wir noch dem oleie gen?
owe was sulden wir ye geborn!
wir mußen haben godes zorn:
ist es daz vns des oleys gebricht, 185
so leßet man vns zu der wirtschafft, nicht.
nu get mich an die leide,
daz ich mich sal scheiden
von mynen swestern allen:
darumbe ist mirs übel gevallen. 190
weren wir by ein blieben biß here,
so hetten wir erfüllet vnser beger.
daz zu so radet was ir wißet.
wer nu ichtsicht vergißet
siner wirtschaff'tgezauwe, 195
der endarff sichs nommer gefrauwen.
do lyt auch vil schaden an:
ane oleie werden wir nommer in gelan.
168 vor] vmme. 169 mögen] inmogen. 171 — 206. Dafür A: O vil
süze milter got. dorch dyne martir vn dorch dyne tod. so gerüche dich
erbarmen, hüte obir vns vil armen, eya liben swestere ratet hy czü. prüvet
waz wy mögen tu. vns ist des oleys gebrochen. vnse lamptlen sin vns vor
loschen, wüste wy wo des oleys beten. myt czüchten vn mit guten esten.
wan iz were leyder vnse schade, solde wy vnse lampelen verloschen trage.
GERMANIA X. 21
322 MAX ßlßGEK
wir wullen nach versuchen me,
ob jmant vnß jamer an sehe[n], 200
der vns wysete etzwar,
do wir sin keufften etlichen zar:
[6J want sullen wir sin anig bliben,
man wiset vns mit sele vnde mit libe
von der wirtschafft an eine stadt, 205
do vnser nommer wirdet rat.
Die dritte dorechte sprichet alsus: *)
Ach wer sal sich erbarmen
vber vns vil armen,
ader welch rat sal vnser werden ommer me?
war sullen wir nach dem oleie ge? 210
des were vns so rechte not,
hette ich tusent marcke von gulde rot,
die wulden wir alle darumbe lan,
mocht es vns werden ein eynig dran.
Die vierde dorechte sprichet alsus:
Wir wißen nit was vns wirret, 215
daz wir alsus sin verjrret
allen disen langen dag.
ob es vns dan nit werden mag,
zwar darumbe wullen wir keinen kommer dol.
zu der wirtschafft kommen wir rechte wol. 220
wanne jene werden do hyne gan,
so volgen wir yne faste nahe:
[6b] kommen wir dan hien yn vor die thore,
zwar man gestoißet vns nommer wider hervor.
der dan gerne gebe vnde nicht enhat, 225
des willen nymet man vor die dait.
sehet, lieben, als mag vns auch wol gescheen.
wir enwullen ioch doling vorbaß gegen.
sint vns des oleys nicht mag werden,
so setzen wir vns uff diese erden: 230
wir ruwen wole ein gude wile.
warumbe sulden wir ioch sere ile,
*) Secunda fatua. 20 7 sal sich] wel sich obir vns. 209 sal vnser werden]
wirt vns vil armen. 210 ge] hene ge. 211 were vns] nü vns ist. 212 ich]
lies wir nach A. 213 alle darumbe] gerne. 214 daz iz vns worde. 215 — 25 0
fehlen. 22 8 Vgl. 29 2. 3 2 3.
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 323
des vns doch nit not ist?
wir haben nach wol ein frist.
wir mögen wol frylich beiden. 235
wir durften vns nach nit bereiden
vnde vnser wirtschafftgezauwe:
wir wullen vns nach ein wile mit einander frauwen.
duncket es uch gut alle gemeine,
so spielen wir dirre spielsteine. 240
Die erste dorechte sprichet alsus:
Intruwen, nu sprichet vnser keine dar widder.
swester, setzen wir vns hie nyder
vnde vergeßen vnser swere.
vnser eine sage der andern ein mere,
ader ob es uch geualle, 245
[7] spieln wir mit diesem balle,
wirft' mir den balle here!
dit spiel sal ein gude wile weren,
biß daz wir gesehen,
ob ymand zu der wirtschafft werde gen. 250
Nu sitzent die dorechten juncfrauwen an eyner stad vnde kommet der
brutegum mit zweien engelen vnde die engele hebent ane vnde spre-
chent alsus:
Hie kommet der wäre brutegum.
der zu der wirtschafft wulle kommen,
dem wirdt not daz er sy bereidt:
es sy ime liep ader leit,
man beidet siner muße nicht me, 255
want es uch ist gesaget e,
ir sullet sin bereidt zu aller zit:
want got des nit enplit,
daz er ymand thuwe kunt,
wie der dot komme ader zu welcher stunt. 260
Die funffte wyse hebet alsus ane:
Wir haben der wer! de ere
versmehet durch die godes lere,
hoffart vnde oppekeit
han wir verkorn durch die ewekeit,
251 Hie] Set hy. 252 wer zu. 25 3 wirdt] ist. 2 54 eme. 255 wan
man. 25 6 want es uch ist] iz ist vch vel. 25 7 sin bereidt] bereyte sy.
2 60 wie] wane. 26 3 oppekeit] kundicheit. 0. „
324 MAX RIEGER
vndc alles daz in der werlde [lustig] ist, 265
[7b] daz han wir gelaßen durch vnsern herren Crist,
den wir gesehen han vnde mynnen
vnde liep han von allen vnsern synnen.
Jhesus sprichet zu den wisen:
Syt ich uch han fanden
gereide zu allen stunden, 270
dar vinbe wil ich uch breiigen
vß diesem elende
zu der ewigen selekeit.
die uch myn vater hat bereit.
Maria cronet sie vnde sprichet alsus:
Syt willekommen, lieben kint myn: 275
ir sullet nommer leit me geliden ader pin.
ich wil uch selbes Ionen
mit der hymelischen krönen.
Die funffte wise sprichet alsus:
Gelobet sistu, milder got.
du hast vns bracht vß großer not 280
vnde vns wol gelonet vnser erbeit
mit der ewigen selekeit.
ere vnde lob sy dir, milder Crist,
want du ein rechter richter bist.
gelobet sistu, heiliger geist, 285
[8] want din hulffe allermeist
vns zu diesen freuden hat bracht.
wol vns daz vnser ye wart gedacht,
want wer din antlitz beschauwen mag,
den duncken dusent jare als ein dag. 290
2 65 lustig fehlt. 266 Crist] ihesum crist. 26 7 — 6 8 an den wy gelouben.
vn han ge mit vnsen ougen. vn den wy von herzen minnen. mit alle vnsen
sinnen. 2 70 bereyt. 27 1 dar vmme wel ich vch geben, ewic Ion vn ewic leben,
vfi wel vch selben brenge. Nach 27 4 maria libe mutir myn. ich bevele dy
dese ivnfrüwelyn. du salt sü bi dicb selben seczen. vn alle ers vngemachs
ergezczen. 275 lieben] ir vzerwelten. 276 ir sult nummir vngemach lide eder
pyn. 27 7 selben. 27 8 der hymelischen] den ewigen, ir sult daz hemelriche.
besieze mit mir ewicliche. 27 9 got] crist. 2 80. 281 du hast vns in korczer
vrist. wol gelonet alle vnsir erbeyt. 288 ye fehlt. Darnach: wol uns hüte
vn vmmir mer. daz wy dich ie sohlen gesen. 2 89 wan wy bi dy wese mag.
2 90 den] dem. als fehlt.
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 325
Die dorechten sitzen nach vnde die erste sprichet alsus:
Intruwen, wir ruwen nu zu lange:
wir sulden vorbaß sin gegangen,
vns ist gar übel gescheen,
daz wir nit noch dem oleie han gesehen,
des vnser keine enhat. 295
eya der vns nach gebe sinen rat,
war wir darnoch mochten gegen,
so mocht vns nommer baß gesehen;
dan brengen wirs nit zu der wirtschafft,
so wirdt vnser do nommer gedacht. 300
Die ander dorechte sprichet alsus :
Was magestu gesorgen?
sitz nyeder, wir wullen sin gnug geborgen,
gehabe dich, biederbe meyd, wole.
der brudegum wirdt vns nach selbs zu der Wirtschaft holen :
siech, so werden wir dan frolich do hien geleidt. 305
[8bl wiltu wenen, vnser schußein sin auch do bereidt?
Die dritte dorechte sprichet alsus:
Owe was rades ist vns gegeben!
zezar über vnser lip vnde vnser leben,
daz wir also übel sin bereidt!
zezar über vnser großen dorheit, 310
der wir so ferre gefolget han!
stet vff vnde lat vns gan.
mich duncket, jene syn zu der wirtschafft gegangen.
wir haben geseßen alzu lange,
daz wir nit mite sin gegen: 315
owe wie dorlich ist vns gesehen!
betten wir mit yne gegangen,
so hette man vns lieplich enphangen:
nu aber des nit ist gesehen,
so mußen wir vns selber vor sehen. 320
ob wir ommer künden kommen dar,
so wulden wirs furter me bewar.
Die vierde dorechte sprichet alsus:
Wir enwullen ioch toling haben vninut.
ich weiß wol, got ist also gut,
2 01—352 fehlen.
326 MAX RIEGER
daz er durch sin barmhertzekeit 325
enleßet vns vnser dorheit
[9] doling entgelden,
daz er vns icht zu sere scheide.
stet vff, wir wullen gen
vnde ym lieblich flehen, 330
daz ers thuvve durch sine gude
(vnde sehe an vnser demude)
vnde durch die großen smacheit,
die er an dem crutze leit,
vnde durch alle sine pin, 335
daz er vns laiße zu der wirtschafft hien yn.
Die funffte dorechte sprichet alsus:
Intruwen, daz ist ein gut rat.
wo daz den din hertze behalden hat!
hettistu vns geraden hude san,
so weren wir mit den andern zu der wirtschafft gegan. 340
zetar über vnser reien vnde über den dantz,
vber ballespil vnde manchen rutenkrantz,
daz wir also sere dar vff sin verflißen,
daz wir ny kein bekentenisse
hatten gein gode 345
vnde alles taden widder sin gebode!
daz ist vns nu von hertzen leit,
daz wir vnser dorheit
[9b] also vil gefolget han.
stet vff, wir wallen gan: 350
wir haben geseßen gnug.
ich hoffen daz man vns nach gnade dut.
Die erste dorechte sprichet alsus:
Herre vater, hymelischer got,
thuwe es durch diuen bitteren dot,
den du liede an dem crutze frone, 355
vnde habe vnser armer juncfrauwen schone,
vns hat leider versumet vnser dorheit:
laß vns genyßen diner großen barmehertzekeit
vnde Marien, der lieben muter din,
vnde laß vns zu der wirtschafft hien in. 360
35 4 thuwe es] wy beten dich. 35 6 juncfrauwen] vrowen. 35 7 leider fehlt.
tumpheyt. 358 nü laz. 359 der] di. 3 60 vns armen czü dyner. hien fehlt.
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 327
Jhesus spriehet alsus :
Wer die zyt der ruwe versumet hat
vnde nit enbußete sin missedat,
kommet der vor myn thore stan,
er wirdet nommer in gelan.
Die ander dorechte spriehet alsus:
Thuwe vff, herre, din thore! 365
die gnadenlosen junefrauwen sten hie vore.
wir bidden dich, lieber herre,
daz du din gnade wullest zu vns keren.
Jnesus spriehet alsus:
[10] Ich weiß nit wer ir syt,
want ir zu keiner zyt 370
mich seiden erkant hat
nach die andern myn hantgedat:
des wirdt uch vil unuerdroßen
die hymelthore vor besloßen.
Die dritte dorechte spriehet alsus:
Sint vns got hat verseid, 375
so bidden wir die reinen meid,
muter aller barmehertzekeit,
daz sie sich erbarme über vnser große hertzeleit
vnd bidde[n] iren sone vor vns armen,
daz er sich über vns wulle erbarmen. 380
Die vierde dorechte spriehet alsus:*)
Maria muter vnde meit,
vns ist dicke geseit,
du sist aller gnaden vol :
nu bedurfien wir gnaden wol.
361 syne czyt der jogent. 362. 363 vn syne sunden nicht gebuzit hat.
korat her vor myn riche stan. 3 64 nommer] nicht. 366 junefrauwen sten] vrowen
sint. 36 7 wir] vn. 3 68 din fehlt, vns] en. 3 69 weiß] enweiz. 37 1 seiden]
lies selben mit A. 372 noch den andirn armen ny eyn gut getat. 3 73 vil] al.
37 4 die hymelthore] daz schone hemelriche. 3 75 got] nü got selber. 37 6 die
reinen] mariarn dy milde. 377 muter] vn die inütir. 3 79 vn bete er trüt kint.
380 er] is. wulle fehlt. Darnach: Quarta. Wy beten dich maria mutir vn mayt.
wan du dyne barmeherezicheyt nimane vor sayst. daz du betes den muten got.
gar lypliche dorch sinen tot. den he an deme cruce leyt. dorch aller men-
schen selickeit. daz he synen czorn vn synen vnmüt von vns kere. dorch sich
selben vn dorch aller iunevrowen ere. *) Quinta. 382 ia ist vns dicke von
dy gesayt. 3 83 du] daz du. 3 84 wol] also wol.
328 MAX RIEGEH
diß bidden wir dich sere 385
durch aller juncfranwen ere,
daz du biddest dinen sone vor vns armen,
daz er sich über vns wulle erbarmen.
Maria sprichet alsus:
[10b] Hettit ir mir ader myme kinde ye keinen dinst getan,
daz muste uch nu zu staden stan. 390
des entadet ir leider nicht:
des wirdit vnser beider bedde vnuerfenclich.
doch wil ich versuchen an myme lieben kinde,
ob ich keine gnade möge finden.
Maria feilet vff ir knye vor vnsern herren vnde sprichet:
Eya liebes kint myn, 395
gedencke an die armen muter din.
gedencke an die manifaldigen not,
die ich leid durch dinen dot.
herre sone, do ich din genas,
do hatte ich wedder hus nach palas, 400
dan alles armude:
daz leit ich [alles] durch din gude.
ich hatte mit dir arbeit, daz ist wäre,
me wan dru vnde dryßig jare.
siech, liebes kint, des lone mir 405
vnde erbarme dich über diese armen hier.
Jhesus zu Marien sprichet:
Muter, gedencket an die wort,
die sie finden geschrieben dort:
[llj wölken unde erden sal zugen,
mine worte sullen ommer stille sten. 410
du nach alles hymelisch here
mögen einen sunder nit ernern.
3 85 vn beten dich vel sere. 38 7 vor] noch vor. 3 88 wulle fehlt.
389 ye keinen dinst] icheyn lip. 391 des enhat {der Rest fehlt). 392 des
vurt ich daz onser beyder bete sy vnvorvenclich. 3 93 ich] iz. 39 4 möge]
an eme konde. 3 95 liebes kint] übe son. 39 6 gedenke hüte an. 39 7 ge-
dencke] vn. 398 dot] bittirn tot. 4 00 hatte] enbatte. 401 alles fehlt.
405 mir] du mir. 406 hier] alhy. 407 gedenke. 408 vunden beschreben.
4 0 9. 410 hemel vn erde solde er czu ge. er myne wort in bruchen solden
ste. 411 du nach] dar noch- 412 mochte,
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 329
Die erste dorechte sprichet alsus : *)
Eya herre, durch dine gude
entwich hude dim gemude
vnde erzorne dich nit so sere! 415
durch aller juncfrawen ere
siech an hude vnser ianierkeit.
was wir gein dir getan han, daz ist vns leit:
wir wullen din gebot nie halden stede.
erhöre hude diner muter bedde 420
vnde laß vns armen juncfrauwen
din wirtschafft beschau wen
Maria, aller sunder drosterin,
hilff vns zu der wirtschafft hien in!
Maria sprichet alsus :
Ich will gerne uwer vorsprecherin sin. 4"2.~>
weret ir von sunden fry,
so mocht ir desto baß herin kommen.
ich wil aber vor uch bidden myn kint Jhesrxm.
[llb] Maria sprichet alsus:
Liebes kint, la dich myner bede nit verdrießen.
laß hude vnser trehen vor din äugen fließen 430
vnde gedencke an daz vngemach,
daz von diner martel mir geschach,
*) 413 — 42 8 dafür A: Lucifer ad dominicam persona m.
Here du gelabes my. daz du recht richter wolles sy. nü Iaz dese vorvluchten
schar, ane orteyl czü der helle var. Dominica persona. Recht gerichte sal
ge sehe (ö). dy vor vluchten muzen von mir ge. in dy tyfen helle, wan sü sullen
werde der täfele geselle. Vnus diabolus sc. Belczebüg dicit. Jhesus der redt
wol in vnse spei, dy keten ich vns here hole wel (l0). he sy wib oder man.
den wy gevan dar an. wy wellen met eme yle. wy wellen en böses weys
vüre hundert myle. Secundus diabolus Lucifer. Here got vil libe (15).
wys ein recht richtere. du salt ouch vornemen myne mere. ich lucifer vn alle
myn her. wy clagen dir daz dorch vnsen rat. dy sundere sich vorsumit hat (2 0).
von en so lide wy pyne me wan trophen in dem mere sten. des hette
wy alles nicht getan. hette sü von der sunden gelan. des sin sü vorvlücht
ane czel (2 5). sweuil bech vfi alliz we. daz habin sü mit vns vmmirme.
Dominica persona. Nü wel ich recht richter sy. nu sege böser tüfel my.
nü sprich an vorvluchte geyst (3 0). worvmme bastü allir meyst. dese iunc-
vrowen czü den sunden bracht. daz nummir wirt gedacht. Secundus Lu-
cifer. Here daz tet ich darvmme. wan ich en vorgvnde (3 5). mynes hemel-
riches stat. der ich leydir nummirme gehabe mac. here schephere. nü richte
recht obir dese sündere. Dominica persona. Recht gerichte sal gesche (4 0).
dy vorvluchten muzzen von my ge. in dy tifen helle, vn werde der tüfele
geselle. Omnes diaboli clamant. Prelle here prelle. 429 Eya libes kint
myn. 4 30 nü ben ich doch dy mütir dyn. 4 32 mir von dyner martir.
o'M MAX RIEGER
do ein swert durch myne sele ging.
so was ich pine durch dich enphing,
der lone mir mit diesen armen 435
vnde laß sie dich erbarmen.
du bist ir vater vnde sie din kint:
gedencke wie sure sie dir worden sint
mit mancher hande vngemach«.
mit so welcher hande sachg 449
der sunder dich erzornet hat,
so ist er doch din hantgedat.
drut sone guter,
erhöre din muter.
ob ich dir ye keinen dinst getede, 445
so gewere mich dieser einigen bede
vnde laß diese jemerlichen schare
ane vrteil zu hymel varn.
Jhesus sprichet alsus:
Nu swyget, frauwe muter myn:
die redde mag nit gesin. 450
[12] die wyle sie in der wernde waren,
guder wercke sie verbaren,
gereidt was yne alle bosheit:
des versage ich yne alle barmhertzekeit,
want sie ir dort nit geruchten. 455
des beuel ich sie den verfluchten:
ir spade ruwe daug zu nicht«.
ich wil nu zu rechte richten.
get, ir verfluchten ane sele vnde ane libe,
von mir wil ich uch vertriben: 4(30
get in daz füre, daz [uch] bereidt ist
dem tufel vnde sime genist.
sunder, gang von mir:
droist vnde gnade versagen ich dir.
kere von den äugen myn, 465
min antlitz wirdt dir nommer schin.
43 4 so was ich] waz ich ie. 435 der] dez. 436 sie dich] dich obir sü.
438 eya nü gedenke. 43 9 mancher hande] lies manchem nach A. 44 0 so fehlt.
hande] leyge. 441 dich der sundir. 44 2 eya vil libe gotis craft. 44 3 guter]
vil gutir. 44 4. 44 5 nü erhöre dynir mutir. vn ab ich dy icheyn gut getete.
4 48 hymelj dynir wertschaft. 449 Nu fehlt. 45 0 mag] dy mag. 45 4 alle]
lies mine nach A. 455 ir] myn. 458 wil nu zu] müz nü vil. 461 uch
fehlt. 46 2 den tufelen vn alle ere genist. 46 3 arme sündere.
das spiel von den zehen Jungfrauen. 331
scheide von myme riche,
daz du vil jemerliche
mit dinen sunden verlorn hast:
drag mit dir der sunden last. 470
gang hien vnde schry ach vnde we:
din wirdt rad nu iach nommer me.
Nu furent sie die tufele hien vnde die erste sprichet alsus:
[I2b] Ach dieser jemerlichen vart!
owe daz ich ye mentsch wart!
waffen, muter, daz du mich ye getruge! 475
daz du mich nit zu hant ersluge,
e ich zu der werlte quam !
daz mich der dot nit ennam,
e dan mir cristen name wart kunt!
daz ich nit enstarb als ein hunt, 4S0
e ich den heiligen dauff enphing,
daz man mich nit dar vor enhing!
so were mir nu nit also we.
nu muß ich clagen aber als e.
owe, vater, daz ich ye din kint wart! 485
warumbe zuge du mich so zart,
daz du mich nit erdrencketes,
do du mir verhengetes
mines willen alzu vil?
nu mag ich nach enwil 490
gewunschen dan daz ich eyne krode were,
aller der werlde vnmere,
so kruche ich doch in eynen phule:
nu muß ich arme des tufels stule
ommer eweclich besitze. 495
wer nu habe witze,
[13] der gedencke was deme sy beschert,
der mit sunden von hynnen vert.
471 hien] hen von my. we] owe. 472 iach] noch. 47 3 dieser] der.
474 owe fehlt. 475 muter] mütir obir dich. 47 6 czü hant nicht. 47 9 e dan]
er. 480 enstarb] starp. 4 82 daz man mich san nicht erhing. 4 83 were]
werde, also] so. 4 84 aber fehlt. 48 6 so] ie so. 4 90 nü enmac ich nich
gewünsche noch enwel. 491 gewunschen dan] wan. 4 93 phule] vnreynen phül.
49 6 wer nü ha synne vn wicze. 49 7 gedencke] denke.
332 MAX RIEGER
Die ander dorechte sprichet alsus:
Waffen hude vnde ommer mere!
wir haben vns versumet alzu sere. 500
wer sal sich erbarmen
vber vns vil armen?
nu windet uwer hende
vnde schryet elende,
want do wir ommer sullen sin, 505
do werden wir nommer fry der pin.
nu weinet, armen, sere:
ja nu geschieht vns nommermere
drost nach gnade me.
wie sal es vns armen ergen? 510
wanne wir geweinen also sere
als waßers ist in dem mere,
so hebet sich vnser weinen aller erst,
ach Maria aller herist,
daz wir mit vnseren äugen 515
den freudenrichen got nommer sullen beschau wen!
nu schryet, reuffet uß die hare.
nu aller erst ist vns vffenbare
worden an dieser stunde
[13b] alle vnser sunde, 520
die wir by manchen jaren
vnserm bichtere ny wulden geoffenbaren,
owe verfluchte hoffart!
du bist vns nu alzu stark:
die wyle got in dem hymel sal leben, 525
so mußen wir in der helle qwelen.
owe vnreine kundekeit!
du gibist vns iamer vnde leit.
owe haß vnde nyt,
wie sure ir vns worden syt! 5o0
499 hude vnde fehlt. 501 nu sich niraan wel irbarme. 502 vns] vns
sunderin. 5 03 windet] windit alle. 504 vn clagit des enelende. 505 want fehlt.
506 fry der pin] pine fri. 508 nu und vns fehlt. 510 owe wy saliz vns
erge. 511 sere] vel. 514 noch clage wy armen allerserst. 516 freuden
fehlt, sullen nummer. 5 18 ist vns] iz vns worden. 5 19 an deser selben stunde.
52 1 mangeme iare. 522 vffenbare. 5 24 du bist] lies din Ion ist; dy Ion
ist vns worden alezü starc A. 526 qwelen] lies sweben nach A. 52 7 vnreine]
vorvluchte.
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 333
ir werdet vns alzu leide:
wir mußen vns von gode scheiden.
Die dritte dorechte sprichet alsns :
Nu boret, lieben, lat uch sagen,
verneinet jemerliche clage.
mir armen gnadenlosen meit 535
got sin riche bat verseit
vnde sin liebe muter Maria
mag mir nommer zu staden gesta:
mir sin die heiligen gar gebaß.
nu vernemet myne clage baß. 540
der tufel ist mir selber gram,
[14] daz er mir alles guden vergan:
darumbe alles daz nu leben hat,
daz enhulffe mir nit daz myn wurde rat.
owe her dot, daz ir myn nit enruchet! 545
wie bin ich so gar verfluchet!
ir wäret doch über mynen lip
gar vnbarmhertzig vor der zit.
eia dot, mochtistu mich getoden,
so enhede ich nit so großer node. 550
eya dot, gib mir doch rat,
want myn pine keine end[e] enhat.
mir were lieber ein ewig sterben
dan alsus ein ommer werende leben.
seligen lüde, do versinnet uch by, 555
also liep uch daz sy,
daz ir icht kommet in die grundelosen pin,
do inne wir armen [juncfrauwen] eweclich mußen sin.
Die vierde dorechte sprichet alsus:
Nu höret, seligen alle, die do leben,
wir sin uch zu eime Spiegel gegeben, 560
532 wan wy vns muzzen. 533 höret] hercz. 534 clegeliche. 535 niirj
daz mir. 536 sin riche] vns syne hulde. 538 nommer] nicht. 539 die hei-
ligen gar] ouch alle syne heyigen. 540 myne] vn6er aller. 541 vns selbyn.
5 42 wan her vns gütis. 54 4 daz hilfit vns nicht daz vnsir vmme werde rat.
5 45 nicht geruchtit. 5 46 so gar] arme so. 54 7 ie vare doch obir mynen lip gar
vnbarmehcrczic. 5 48 varumme nemet ie nü mich nicht. 55 0 so enhede ich nit]
daz ich nicht dorfte lide. 551 dot] gruwelichir tot. 5 52 nicht endes. 5 53 ewig]
lies jemerlich mit A. 65 4 ommer werende] vnreyniz. 556 uch] also vch. 55 7 gna-
delosen pyne. 5 58 dy wir armen muzzen ewiclichen lydc. 55 9 alle fehlt, do] nu.
334 MAX RIEGER
daz ir bilde by vns sullet nemen
vnde wartet flyßlich wie ir sullet leben,
ir sullet in uwern lebetagen
got vnde sin lieben muter [Marien] vor äugen haben.
[14'] wir wanden wir sulden lange leben 565
vnde wulden nicht noch godes hulde streben,
der dot was vns verborgen:
des mußen wir ommer sorgen
vnde pine liden ane ende.
eya, nu windet uwer hende: 570
alle, die in sunden leben,
die bidden got daz er yne gut ende gebe
vnde rechte ruwe vmbe ir sunde:
daz raden ich yne als ein frunt sim frunde,
want wer sin guden wercke gespart 575
biß an sin lesten hienefart,
des ruwe wirt gar deine,
daz wißet alle gemeine:
also ist vns gesehen vil armen;
des laßet uch erbarmen. 580
daz wir des nit geruchten,
des sin wir die verfluchten,
die in die helle mußen gen
vnde pine liden von e zu e.
Die funffte dorechte sprichet:
Owe gruwelicher dag, 585
daz dir nymant enpliehen mag!
owe daz din y wart gedacht!
[15] ja sin wir hude uß allen freuden bracht,
nu mögen wir dir wol fluchen,
syt unser got vnde sin liebe muter Maria nit
wollen geruchen. 590
eya muter aller barmhertzekeit,
syt du nit macht gewenden vnser groß hertzeleit,
561 nemet. 562 lebet. 563 an. lebenden tagen. 564 Marien fehlt.
56 6 des wolde wir armen toren nicht. 568 wir] wy armen. 57 1 die] dy nü.
57 2 die bidden] vn betet. yne] vch eyn. 573 ir] uwere. 5 74 yne] vch.
57 6 sin] dy. 57 7 des] der. gar] vil. 579 gesehen vns. 580 des] daz.
582 die] der. 584 von e zu e] ane eynde vm mir me. 58 7 owe we dyn
ny gedacht. 590 wollen geruchen] wel rüche. 591 aller] maria der. 59 2 er-
wenden macht.
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN. 335
wem sullen wir es dann künden?
so mögen wir vns wol vermunden,
daz vns armen nommer drost nach gnade me geschieht 595
die wyle godes ryche stet.
owe sunde, welch ein toderinne du bist!
want vor dir wenig ymant genist,
by den du wirdest funden
an iren lesten stunden. 000
owe stinckeninge sunde!
suide ich durchgrunden
die manicfaldigen pinefn],
die wir durch dich mußen liden,
die were groß ane zal. 605
nu höret, lieben, über al,
ob es icht sy ein pin groß,
daz wir ommer mußen sin der tufele genoß?
was sulde großer pin me,
wanne daz wir got vnde sin lieben muter nommer
sullen gesehe? 010
darumbe raden ich uch mit truwen
daz ir büß enphahet vnde ruwen
vnde die sunde me bewart,
ob ir wullet vermyden diese jemerlichen vart.
Post hec fatue vadant inter populum cantando planctos.
Prima cantat:
Nu hebet sich groz schrigen und weinen ummerme: 615
got hat uns vorvlüchet, von eme hiz er uns ge.
wi haben en erzornit, uns wirt nummir rät:
des lät üch, Üben, unse not erbarme, wan iz uns kumirlichen gilt.
Alie respondent ad quemlibet versum:
Owe unde owe,
sul wi Jhesum Cristnm nummir me gese! 620
594 vns] iz. 5 95 armen nommer fehlt, me] nummir mer. 5 96 dy
wyle daz. 59 9 den] dem. 600 iren] erer. 601 stinckeninge] vorfluchte.
60 2 wer sal dich nü. 603 pyne ( : lide). 605 were] wert. 507 es] daz.
ein fehlt. 6 09 me fehlt. 610 nommer] nummir mer. 611 mit fehlt. 612 büß
enphahet] beezyte enphat büze. 613 die fehlt. 614 vor myde wollit. 617 vns
A wie 209 (neben vnser 544); vnser B. 618 lat B, lazet A.
336 MAX KIEGEJR
Secunda fatua.
Wi clagen üch liben allew was unse herre tet:
ja enwalde he nicht erhöre siner mütir bet.
die bat vor uns vil armen: daz enhalf uns leider nicht,
he sprach 'war urnme solde ich mich [obir sü] erbarmen? jo getäten
sü ni nicht dorch mich.'
Tertia fatua vertit se ad Mariam inclinando caput, cantat:
Maria gotis mütir, bis du ein loserin, 625
so kom ouch uns zu hülfe, wan wi gevangen sin.
du worde gotis mütir dorch unse missetat:
nü kom vil schire, reine vrouwe gute! der tüfel uns gevangen hat.
Quarta fatua.
Nü clagit, armen, alle daz unser [ie] wart gedächt,
uns haben unse sunde in gröz herzeleit gebrächt. 630
wi muzzen in der helle manigen kummer dol.
ie liben, weinit unse ungevelle und hütit üch, so tut ir wol.
Quinta fatua.
Sint sich got der gute [obir uns] nicht irbarmen wel
noch sin übe mütir, wo sül wir armen hen?
her Tot, wolt ir uns morden, so were uns also wol: 635
wi muzzen anders ewiclichen sorge, [beide] jämer unde kummer dol.
Item prima fatua.
Got unser nicht gerüchet noch di übe mait.
ja si wi vorvlüchet, daz si üch geclait.
ie mosfit üch wol vorsinne bi unser henevart,
und wolt ie gotis hulde wol gewinne, so si di sunde me bewart. 640
Secunda fatua.
Ich clage üch liben allen daz ich vel arme mait
zü ewiclichem valle ben jemerlich betait.
di wile di vil guten in vrouden sollen lebe,
so müz ich ummerme mit den vorvlüchten in endeloser pine swebe.
621 alle] vgl. 641. 62 2 siner B, syne A. bedt B, gebet A. 6 24 obir
su] vgl. 6 3 3. 628 schire] schine A, B abweichend. 629 ie A B\ vgl. aber
6 5 7. 631 manchen B, groczen A. 63 2 ie vrowen weynit vnse A, weinet ir
lieben dit B. 633 obir uns] vgl. 6 2 4. 6 35 also] armen A ; eya der vns
wulde ermorden der thede vns armen also wol B. 6 38 gecleit B , gesagt A.
04 2 so ienierliehe ben betagt A, bin vil jemerlich gezalt B.
DAS SPIEL VON DEN ZEITEN JUNGFRAUEN. 337
Tertia fatua.
Nu haben alle rüwe, di in der werlde sint! 645
nü wel uns icheine sune gebe der meide kint.
he wel uns vortribe: wi ubel ist uns gesehen!
he wiset uns met sele und. ouch met libe da wi got nummirme gesen.
Quarta fatua.
O we dirre leide und jemerlicher vartl
nii muzze wi uns scheide von der hemelischen schar. 650
got den vroudenrichen den gesen wi nurnmir nie:
so ist uns alle vronde gar vorswunden i.nd allez herzeleit insten.
Quinta dicit:
Owe desir swere und engestlicher not!
nü mögen wi nicht ersterbefn] und sin ewielichen tot.
di grnndelöse pine di werdit unse grab: 655
da muzze wi jämer ewielichen lide, wan niman uns gehelfen mac.
Quarta fatua.
Ach und we uns [vilj armen, vvaz solde wi geborn!
got hat vil groze martir gar an uns vorlorn
und sine tiefen wunden helfen uns leidir nicht:
wi sin vorvarn an unsen letsten stunden gar äne rüwe und äne bicht. 660
Quinta.
Vrünt unde mäge, ie endorft üch muwe nicht:
spende unde gäbe daz ist uns gar ein wicht,
waz man uns gutes tete, daz were gar vorlorn :
ein tot baz hülfe denne ein selgeiete. wi hau vordinet eotis zorn.
Alie respondent:
Des si wi ewielichen vorlorn. 665
G45 haben />, habit A. riiwe A. 04G sune B , rüwe A. 647 bO]
er B, vn A. owe wie ubel ist vns gescheen />'; wo sul wy armen heu .1,
vgl. 034. C49 owe wie jemerliche wir hinnen varn B. G51 A B den vrouden
riehen got; den fehlt in B. G5G gehelffen /-', geheile A. 657 wi] wir y B-
GG2 wicht 77, nicht .A. 6G3 waz man vns gutes noch tut daz ist gar vorlorn A,
want was man vns gudea tede daz were verlorn B. 6 64 denne] dem ^ ; B ab~
weichend, tum fehlt A.
GERMANIA X. 22
33S J- LAMBEL
ZUM HILDEBRANDSLIEDE.
Man hat zur Vergleichnng mit der deutschen Sage von dem Kampf
zwischen Ilildebrand und Hadebrand die persische von Iiustum und
Zohrab herbeigezogen: gewiss mit Recht, aber viel näher auf euro-
päischem Boden lag eine andere Fassung derselben Sage, die sich mit
unserem deutschen Gedichte noch viel unmittelbarer berührt als die ferne
persische: ich meine das gallische Gedicht von Conlach und Cuchullin
(M' Lauchlan and Skene The Dean of Lismore's book S. 50 — 53 der
englischen Übertragung und 34 — 36 der Originale). Latham hat in den
Transaetions of the royal society of literature, second series, vol. VII,
p. 474— 481 bereits darauf hingewiesen, freilich nicht genügend, indem
er die eigentliche Vergleichnng dem Leser selbst überlässt und das
deutsche Gedicht ihm unüberwindliche Hindernisse des Verständnisses
scheint entsxearenorestellt zu haben; trotz dem und trotz der geringen
Verbreitung solcher englischer Bücher in Deutschland würde ich es
dabei haben bewenden lassen, hätte ich nicht in den Zügen der galli-
schen Sage eine weitere Bestätigung zu finden geglaubt für die neue,
unlängst (Germania 9, 310 — 315) von M. Rieger vorgebrachte und
durch germanische Belege gestützte Ansieht, einerseits daß dem Kampf
zwischen Vater und Sohn mehrere Kämpfe zwischen Hadebrand und
einzelnen Helden aus Hildebrands Heer voraufgiengen , andererseits,
daß nicht der Fall des Vaters, sondern umgekehrt der des Sohnes
den unzweifelhaft tragischen Schluß unseres Gedichtes gebildet habe.
Ich gebe, um dem Leser das Urtheil zu erleichtern, den Inhalt des
gallischen Gedichtes vollständig aber kurz an.
Conlach, der Sohn Cuchullins, kommt nach Erin in das Land
des ruhmreichen Connor. Dieser fordert seine Mannen auf, dem kühnen
Jüngling zu begegnen. Aber er schlägt ihrer ein Hundert, darunter
Connal, den Bruder des Königs. Da sendet dieser nach Cuchullin,
daß er zu Hilfe komme und den Fremdling bezwinge. Als der Greis
den Jüngling sieht, fragt er, von Ahnung gerührt, ihn um Namen und
Heimath. Aber dieser hat, eh' er von Hause fortzog, gelobt, sie vor
niemand zu nennen, 'sonst, sagt er, dir zu Liebe würd' ich sie sagen.'
„Dann, erwidert der Greis, mußt du mit mir fechten, oder erzähle
deine Mähre als Freund: wähle, theurer Jüngling, aber gedenke, daß
es gefährlich ist, mit mir zu fechten; laß uns nicht fechten, ich bitte
dich darum." Umsonst. Der Kampf entbrennt und der Jüngling fallt
tödtlich getroffen. Aber der Sieger, fährt das Gedicht schön fort, hat
ZUM HILDEBRANDSLTEDE. 339
an diesem Tag den Sieg verloren, denn nun erführt er von dem Ster-
benden, daß es sein eigener Sohn sei, den er ungeboren in der Hei-
math gelassen, um in die Fremde zu ziehen, und den er, als sieben-
jährige Wanderung sie endlich zusammengeführt, unwissend erschlagen,
und darüber verfällt er in unvergleichbaren Kummer.
Die Verwandtschaft, und zwar wie gesagt, eine viel nähere als
das persische Gedicht zeigt, ist nicht zu verkennen. Hier wie dort
haben wir einen Vater, der furlet in lante luttilat sitten prüti in Iure
harn umvahsan oder gar noch ungeboren, und der endlich, nachdem
der Sohn ihm nach langer Wanderung begegnet, unwillig mit ihm
kämpfen muß, nachdem er ihn vergebens vor dem Kampf gewarnt.
Die Voraussetzungen der Handlung treffen so genau zusammen, als
man es wünschen kann. Aber auch was Rieger vermuthet, findet sich:
die Kämpfe, die dem Gefecht der beiden vorausgehen, in denen der
Sohn Sieger bleibt und gerade dadurch den Vater zwingt einzugreifen,
nur sind sie im gallischen Gedicht an anderer Stelle angebracht, was
übrigens den Vergleich nicht viel beeinträchtigen wird; bedeutsamer
ist, daß auch der von Rieger supponierte tragische Schluß in gleicher
Weise erfolgt, was mir um so schwerer ins Gewicht zu fallen scheint,
als die Voraussetzungen, wie gesagt, so bis ins Einzelne stimmen und
nicht wie im Fersischen der Vater den Kampf unvermeidlich macht,
sondern wie im Deutschen der Sohn, wenn auch etwas milder, die
Friedensinahnungen des Vaters zurückweist.
WIEN, 12. December 1864. J. LAMBEL.
ZU FREIDANK.
3, 9 — 14. vgl. den Anhang der Heidelberger Hs. des Freidank
bei Pfeiffer Z. d. Litteraturg. S. 76, Str. 7, 5—7 *wä er (got) erkennet
reinen viuol, da nimt er willen für daz guot. den wehsei niemon mPre tuot.
6, 22 ist die von 6 Hss., darunter AB, bezeugte Leseart allez,
der W. Grimm in der ersten Ausgabe folgte, vorzuziehen.
7, 5*. wan der uns l>rähte?
7, 10. vgl. Germania 7, 470 ff.
11, 23. vgl. Germania 8, 304.
27, 21 ff. vgl. die 'Himmelstraße', Gedicht des 14. Jahrhunderts
in Wolfsohn's Nord. Revue 1, 181: sich hebet nach dime dode einkriec:
den er1 'en icere dtn gut liep, die worme wollent drn fleisch nagen, der düfel
ivil din sele haben ; doch wird dies nicht speciell vom Wucher, sondern
22 *
340 J. LAMBEL
vom Alter überhaupt gesagt. Weiter vgl. altd. Bl. 1, 31 Der tvfel hett
gern die seile (: Michahel), der wurm das fleisch, der frimt das gut.
31, 12. 13. vgl. 'Himmelstraße' (Nord. Revue 1. 180) Und merke
daz Wund/r allen dingen magst niht wart dri dinc hie vinden, diu dinein
übe in disem leben drust und freude mögen gegeben: daz ist libes bist und
gut und erc, da werbe wir alle nach gar sere, und wie vast xoir sie begern,
so mogent sie uns niht lange toern.
38, 13. Daß 'mit gewalt1 dem ganzen Spruch nicht recht ange-
messen sei, hat schon W. Grimm in der Anmerkung erkannt; man
erwartet vielmehr einen die böse, hinterlistige Absicht bezeichnenden
Ausdruck: ich schlage daher vor mit geveerde zu lesen.
40, 24. AGaEH lesen: suchen und der Conj. scheint hier
ganz an seinem Platze: arm und reich, jeder soll sich zu seines glei-
chen halten ; nach V. 22 kann man dann (:) setzen statt des (.).
48, 9 ist zeren, wie in der 1. Ausg. nach 13 Hss., darunter ABD,
steht, gewiss richtig; vgl. Germ. 2, 142 n. 44.
58, 6 ist die durch die überwiegende Zahl der Hss. gebotene
Lesart der 1. Ausg. sam tuot sorge den lotsen herzustellen; vgl. übrigens
inhaltlich den Anhang der Heidelberger Hs. (Pfeiffer Z. d. Litt. S. 84)
St. 25, 6. sorge derret sam der rosi.
60, 23. vgl. Heidelb. Anh. (Pfeiffer S. 74) 3, 7 siver im selben wol
gevallet, der treu gouches houbet.
63, 10 scheinen nur bf das richtige zu überliefern den andern
schelten.
73 , 6. 7. Die alten erben hat W. Grimm als Vorfahren , Eltern
erklärt. Aber warum sollen bloß die Fürsten an ihren Kindern Feinde
haben? Freidank machte diese Erfahrung überhaupt an allen Reichen
42, 3 — 6, und die Einschränkung derselben an dieser Stelle scheint
unpassend. Ich sehe in den alten erben die Sprossen alter, durch
Reichthum und Macht hervorragender Geschlechter, auf die die Fürsten
wegen ihrer wachsenden Größe eifersüchtig und ihnen daher feind
sind: denn wie der forsten ebenhere steeret des riches ere (73, 7.8), so
könnten wieder den Fürsten die unter ihrer Herrschaft stehenden ade-
ligen Geschlechter gefährlich werden. Auch W. Wackernagel scheint
nach Gloss. S. 78 die Stelle so zu fassen.
75, 18—20. vgl. Berthold 'von der e (S. 309, 1. 14 ed. Pfeiffer)
Ez gent drie wege zem himelriche von der heiligen h-istenheit Per
eine wec... der heizet diu heilige e; der ander heizet icitwentuom; der
dritte heizet magettuom. Die hiuscheheit bei Freid. neben dem magetuom
kann nichts anderes sein, als die Witwenkeuschheit, von der in der
Predigt Bertholds die Rede ist.
ZU FREIDANK. 341
86, 21. vgl. Zingerle Sprichwörter S. 17. 110, wo dies Beispiel
nachzutragen ist.
87, 26. Ich vermnthe, vinden wird mit 12 Hss., darunter 0, zu
streichen sein.
95, 16. 17. vgl. Iwein 2702 — 8 die wisen wellen, ezn habe delieiniu
grcezer kraft, danne unsippiu seUeschaft, gerate si ze guole, und sint si
in ir muote getriuioe under in beiden, so sich gebruoder scheiden.
120, 5. 6. vgl. Graf und Dietherr Rechtssprichwörter S. 218.
120, 27. 121, 1. vgl. Rechtssprich Wörter S. 74.
121, 26. 27. vgl. Boner 49, 94.
131, 19. Berthold 533, 38 sie stelent sich diepliche ze der helle.
138, 17. vgl. Morolf 230. Fastn. 337, 3.
139, 9. 10. vgl. Tristan 9, 1-6 (ed. Maßmann) swer keinen schaden
vertragen kan, da wehset dicke schade van und ist ein veiclieher site: hie
vähet man den bern mite, der richet einzele schaden, unz er mit schaden
toirt beladen.
142, 5. 6. vgl. gold. Schm. 902. den (krebz) siht man a/lez hin-
der sich kriechen unde galten.
146, 13. 14. vgl. bei Zingerle Sprichw. S. 33 u. 160 die ver-
wandten Fassungen dieses Spruchs, aus denen sich ergibt, daß anstatt
simele, das W. Grimm in der 2. Ausg. nach C an die Stelle des in
der Überlieferung vereinzelt stehenden albel gesetzt hat, der Name
eines kleinen unbedeutenden Fisches gestanden haben muß. Die Hss.
gehen ziemlich auseinander, ich vermuthe das Richtige in der Lesart
v. IHM. und lese smerle, woraus die (Korruption in simile sehr leicht
erklärlich ist. Dem Gedanken geschieht mit dieser Lesart vollkommen
Genüge: smirle, smerle oder smirlinc, smerlinc ist ein kleiner Fisch,
identisch mit Gründling, s. Frisch 2, 207,c, der aus dem Grobianus
(Frankf. Christ. Egenolfs Erben 1572) Fol. 127a anführt: wann kleine
Fisch werden aufgetragen soltu mit schmirlein fidlen den kragen, und
schmirlein fundulus aus einem vet. voc. v. 1482 nachweist. Weitere
Belege dazu finden sich Grabianus Tischzucht (1538) im 6. Artikel,
„wann schmirlen, gründien, krebssen oder ander dergleichen kleine fisch
auff den tiseh kummen" Bl. Az. und Diefenbaeh S. 252 s. v. fundulus,
270 s. v. gubea, 558 s. v. suates, mhd. Wb. IP 426a.
163, 15. vgl. Germania 4, 374. 5, 64. 486.
164, 16. 'Peinliche Strafen* sehe ich in dem Ausdruck noch den
ganzen Zusammenhang nicht; es ist wohl überhaupt Sehaden gemeint,
wie in dem von W. Grimm angezogenen Vers von der Trunkenheit.
179, 18 — 21. vgl. Muspilli (Denkmäler von Müllenhoft' u. Scherer)
23. 24 u. 94 — 98. so mac huckan za diu, sorgen dräto: der sih sunt igen
342 KARL SCHENKL, ZUM MÄRCHEN „DER GAUDIEB etc."
uueiz u. dar ni ist &6 listic man, der dar uuiht arlivgan niegi, daz er
kitarne tätd dehheina, niz al fora khuninge kikhundit uuerde, üzzan eriz
mit alamuasnü . . . enti mit fastun diu virind kipuazta.
WIEN, 8. December 1864. J. LAMBEL.
ZUM MÄRCHEN „DER GAUDIEB UND SEIN
MEISTER" (Grimm 68).
In diesem Märchen beredet der Gaudieb, welcher die Kunst ge-
lernt hat, sich in beliebige Gestalten zu verwandeln, seinen Vater, ihn
als Pferd, Windhund u. dgl. zu verkaufen, worauf er dann immer wieder
seine frühere Gestalt annimmt und so den Käufer um das Geld betrügt,
das seinem Vater zu Gute kommt. Wir wollen nun hier aufmerksam
machen, daß sich ein ganz ähnlicher Zug in der Sage von Erysichthon
findet. Als nämlich Erysichthon vom verzehrenden Hunger gequält wird,
verkauft er seine Tochter Mestra, um sich für den Erlös Nahrung zu
verschaffen. Diese aber weiß sich durch die Gabe der Verwandlung,
die Poseidon ihr verliehen hat, dem Käufer zu entziehen und zu ihrem
Vater zurückzukehren, wie es bei Ovid Met. VIII, 874 heißt:
Sa?pe pater dominis Triope'ida vendit; at illa
Nunc equa, nunc ales, modo bos, modo cervus abibat:
Prasbebatque avido non iusta aliincnta parenti.
Bezeichnend ist auch der Name MijGtqcc, d. i. „die Ersinnerin, Erfin-
derin", worüber noch Pott Zeitschrift für vergl. Sprachforschung Bd. 6,
S. 357 ff. zu vergleichen ist. Endlich sei noch bemerkt, daß die ganze
Sage von Erysichthon bisher wohl falsch erklärt worden ist (wie bei
K. O. Müller Dorier I, 404, Preller griech. Myth. I, 606, 2. Aufl.,
Welcker griech. Myth. III, 107). Erysichthon ist nämlich ein Beiname
des Poseidon, und deutet auf den Umstand hin, daß das Meer fort
und fort an das feste Land anschlägt und dasselbe abspült. Die Woge,
welche immer fort gierig am Ufer leckt und niemals ruht, ist die
Grundlage zu jenem Bilde verzehrenden Hungers, das uns in der Sage
begegnet. Und so, meine ich, ist auch der Umstand erklärt, daß Ery-
sichthon den heiligen Ilain der Demeter zerstört (Ovid 743 ff. Kalli-
machos in seinem Hymnos auf die Demeter 32 ff.). Bedeutsam ist noch,
daß diese Saj;e in Thessalien, wo der Kultus des Poseidon besonders
zu Hause war, einheimisch gewesen ist. Auch nennt Piaton im Kritias
p. 114, c unter den Söhnen des Poseidon einen Mi'jötcoq, welcher der
oben erwähnten MrjöTgu entspricht.
GRAZ. KARL SCHENKE.
343
BIBLI06KAPH1SCHE ÜBERSICHT
DER
ERSCHEINUNGEN AUF DEM GEBIETE DER DEUTSCHEN
PHILOLOGIE IM JAHRE 1864.
VON
KARL BARTSCH.
I. Begriff und Geschichte der deutschen Philologie.
1. Steinthal, Heinrich, Philologie, Geschichte und Psychologie in ihren
gegenseitigen Beziehungen. Ein Vortrag, gehalten in der Versammlung der
Philologen zu Meißen 186 3 in erweiternder Überarbeitung, gr. 8. (IV, 7 6 S.)
Berlin 18 64. Dümmler. % Rthlr.
Vgl. Rivista Italiana 1864, 208; Magazin für die Litteratur des Auslandes 1864,
Nr. 34 (von Bechstein); Litter. Centralbl. 1865, Nr. 4; Österr. Wochenschrift 1865, Nr. 5.
2. Dwight, B. W., Modern philology : its discoveries, history and iniluence.
2 Voll. 8. London 1864. Trübner. 24 Shill.
3. Bechstein, Reinhold, Die deutsche Philologie in Jacob Grimm's
Todesjahr.
Deutsehe Jahrbücher für Politik und Litteratur, 1864, April und September.
4. Erinnerung an Joseph Freiherrn von Lassberg auf der alten Meersburg.
Historisch-politische Blätter, 53, 425 — 441. 505—522. Meist nach mündlichen
Mittheilungen Lassberg's.
5. Grimm, Jacob, Rede auf Wilhelm Grimm und Rede über das Alter.
Zweiter unveränderter Abdruck. Mit zwei Photographien, gr. 8. Berlin 1864.
Dümmler. ~/3 Rthlr.
Vgl. Bibliographie 1863, Nr. 1, und Blätter für litterarische Unterhaltung 1864,
Nr. 22; Europa 1864, Nr. 23.
6. Scholl, Adolf, Erinnerungen an Ludwig Unland.
Orion, Monatschrift für Litteratur und Kunst. (Hamburg 1863.) 1. Bd. 2. lieft,
S. 122—132.
7. Keller, Ad. v., Urkundliches zu Uhland's Leben.
Würtembergischer Staatsanzeiger 1863 , Nr. 25 ; Berichtigung mehrerer verbrei-
teter Irrthümerj Geschichte von Uhland's Anstellung in Tübingen ; Verzeichnis* seiner
Vorlesungen und bedeutenderen Zuhörer.
8. Vi scher, Fr. Tb.., Ludwig Unland.
Kritische Gänge, neue Folge. 4. Heft, S. i)\) — 16!).
9. Ludwig U bland.
The quarterly review. July 1864, S. 34 — 5U. Anlehnend an mehrere deutsehe
Schriften über Uhland und an die von Holland besorgte Ausgabe der Gedichte (1863).
10. Sandvoß, Fr., Rede auf Uhland, gehalten bei der Uhlandfeier in
Fricdland. 8. Friedland 1864. Richter. 5 Ngr.
11. Klüpfel, K., Johann Ludwig Uhland.
Unsere Zeit, Bd. VII, Februar 1863, S. 81 — 108.
12. Scher er, Wilhelm, Jacob Grimm. Eistcr Artikel.
Preußische Jahrbücher 1864, December, S. 632 — 680. Januar 1865, S. 1 — 32.
Das Umfassendste und Eingehendste, was bis jetzt über J. Grimm geschrieben worden.
344 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
Dieser erste Artikel gibt nach einer Geschichte der deutschen Philologie von ihren An-
langen als Einleitung eine Darstellung von Grimm's Leben und Entwicklung bis etwa 1816.
IS. Zarncke, Jacob Grimm.
Die Wissenschaften im 19. Jahrhundert (Sondershausen 18f>4). 9. Bd. I. Heft.
Die in der germanistischen Section der Philologenversammlung zu Meißen gehaltene
Kede; vgl. Germania 9, 123 — 127.
M. Haupt's Gedächtnissrede auf Jacob Grimm, gehalten am 7. Juli 1804 in der
Berliner Akademie (vgl. Monatsbericht 1864, Juli), ist noch nicht im Druck erschienen.
14. Jacob Grimm über Schule und Lehrer.
Protestantische Blätter für das evangelische Österreich 1864, Nr. 6.
15. Jacob Grimm's Schüler und Verehrer nach ihrer kirchlichen Seite.
Evangelische Kirchenzeitung 1864, 75. Bd., 1. Heft.
16. Baudry, F., Les freres Grimm, leur vie et leurs travaux. 8. (48 S.)
Paris 186 1. Durand.
Extrait de la Revue germanique et franeaise , livraison du 1. Fevrier 1864.
17. Zwei Lieblinge des deutschen Volkes.
Magazin für die Litteratur des Auslandes 1864, Nr. 1, S. 2 — 4.
18. Eine Erinnerung au die Brüder Grimm.
Österreichische Wochenschrift 1S64, Nr. 8.
Ich schließe hier noch an:
19. Grimm, Jacob, Kleinere Schriften. 1. Band: Reden und Abhand-
lungen, gr. 8. (IV, 412 S.) Berlin 1S64. Düinmler. 2% Rthlr.
Vgl. Österr. Wochenschrift I8b'5, Nr. 3 ; Kölnische Zeitung Nr. 72 ; Kivista ital. 235.
2 0. Neuere Germanisten. IL Karl S i m r o c k. III. Adalbert Kuhn.
Dlustrirte Zeitung 1864, Nr 1080 und 1112. Vgl. Bibliographie 1863, Nr. 14.
Eine Selbstbiographie von Vilmar enthält das zweite Heft der Grundlage zu einer
Hessischen Gelehrten-, Schriftsteller- und Künstler-Geschichte von Gerland in Kassel 1864.
IL Handschriftenkunde und Bibliographie.
2 1 . Zahn, Verzeichniss der Handschriften der k. k. Universitätsbiblio-
thek zu Graz.
Beiträge zur Kunde steiermärkischer Geschichtsquellen. 1. Jahrg. Graz 18b'4.
2 2. Scherer, Gustav, Nachlese stil't-sauctgallischer Manuscripte.
Mittheilungen zur vaterländischen Geschichte. Herausgegeben vom historischen
Verein zu S. Gallen. 2. Heft, 1863. Nachträge zu des Verfassers St. Gallische Hand-
schriften (1859).
23. Bibliotheca philologica, oder geordnete Übersicht aller
auf dem Gebiete der classischen Alterthumswissenschaft wie der älteren und
neueren Sprachwissenschaft in Deutschland und dem Auslande neu erschienenen
Bücher. Herausgegeben von Dr. Gustav Schmidt. 16. Jahrg. 186 3. 2. Heft,
Juli bis December; 17. Jahrgang 1864, 1. Heft, Januar bis Juni. gr. 8.
(S. 63 — 150 und 1 — 74.) Göttingen 1864, Vandenhoeck und Ruprecht. 8 und
7 Ngr.
24. Grässe, Theodor, Tresor de livres rares et preeieux ou nouveau
dictionnairc bibliographique. 26 — 30. Livr. gr. 4. (reicht bis T. VI, S. 96).
Dresden 1864. Kuntze. ä 2 Rthlr.
25. Brunei, Jacques Charles, Manuel du libraire et de l'amateur de
livres. 5me edition entierement refondue et augmentee d'un tiers par Tauteur.
Paris, Didot.
T. V. der Schluß des Ganzen. Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 45.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 345
26. Weller, Emil, Repertorium typographicuni. Die deutsche Litteratur
im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts. Im Anschluß an Hain's Repertorium
und Panzer's deutsche Annalen. Lex. 8. (XVIII, 506 S.) Nördliugen 1864.
Beck. sVo Rthlr.
Vgl. Bulletin du bibliophile beige XX, 4. ; Anzeiger f. Kunde d. deutsch. Vorzeit
1865, Nr. 3.
2 7. Wiechmann, C. M. , Meklenburgs altniedersäehsische Litteratur.
Ein bibliogi-aphisches Repertorium der seit der Erfindung der Buchdruckerkunst
bis zum dreißigjährigen Kriege in Mecklenburg gedruckten niedersächsischen oder
plattdeutschen Bücher, Verordnungen und Flugschriften. Erster Theil. Bis zum
Jahre 1550. 8. (X, 220 S.) Schwerin 1864. Bärensprung. 1 '/4 Rthlr.
Vgl. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Nr. 11.
III. Sprachwissenschaft und Sprachvergleichung.
28. Steinthal, IL, Über den gegenwärtigen Zustand der Sprach-
wissenschaft.
Haym's preußische Jahrbücher 13, 563 — 587.
2 9. Sandvoß, Fr., Zur Wissenschaft der Sprache.
Blätter für litterarische Unterhaltung 1864, Nr. 24.
3 0. Raum er, Rudolf von, Herr Professor Schleicher in Jena und die
Urverwandtschaft der semitischen und indoeuropäischen Sprachen. Ein kritisches
Bedenken, gr. 8. (17 S.) Frankfurt a. M. 1864. Heyder u. Zimmer. 3 Ngr.
Entgegnung auf eine Recension Schleicher's über Räumer' s 15. Abhandlung der
gesammelten sprachwissenschaftlichen Schriften (Bibliographie 1863 , Nr. 46) in Kuhn's
und Schleichers Beitrügen zur vergleichenden Sprachforschung (Bd. IV, Heft 2). Vgl.
Schleicher in den Beiträgen 4, 365 — 368.
3 1. II i r z e 1 , Ludwig; Zum Futurum im Indogermanischen.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 13, 215 — 223.
IV. Deutsche Grammatik.
3 2. V i 1 m a r, A. F. C, Anfangsgründe der deutschen Grammatik, zu-
nächst für die oberen Classen der Gymnasien. I. Lautlehre und Flexionslehre
nebst gothischen und althochdeutschen Sprachproben. 6. Aufl. gr. 8. (VIII, 9 6 S.)
Marburg 186 4. Elwert. 12 Ngr.
33. Hahn 's, K. A., Mittelhochdeutsche Grammatik. Neu ausgearbeitet
von Dr. Fricdr. Pfeiffer, Stadtbibliothekar in Breslau. 8. (XV. 2 00 S.) Frank-
furt a. M. 18 65. Brönner. 2 4 Ngr.
Eine gänzlich umgearbeitete neue Ausgabe, die auch mit einem Abriss der mhd.
Metrik (S. 161 — 1!»5) versehen ist. Vgl. Allgem. Litt.-Zeitung 1865, Nr. 8.
34. Thurnwald, A., Lehrbuch der mittelhochdeutschen Sprache für
Gymnasien, gr. 8. (VI, 199 S.) Prag 18 64. Tcmpsky. 21 Ngr.
35. Aasen, Norsk Grammatik. Omarbeidct Udgave af Dct norske
Folkesprogs Grammatik.' S. (XVIII, 400 S.) Christiania 186 4. Mailing.
36. A Gram mar of the Ani;!o-Saxon Tongue, from the Danish of
Erasm. Rask, by Benjamin Thorpe. Second edition, corrected and iniproved. 8.
(VI, 192 S.) London 1865. Trübner.
37. Marsh, G. P., The origin and bislory of the cnglish languagc. 8.
London 18 63. Low.
38. Da vi n, K. II. G., Die Sprache der Deutsehen nach ihrer Geschichte,
ihrer Litteratur und ihren Mundarten dargestellt und für Deutschlands Volks-
346 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
selmllebrer , sowie für den Gebrauch in Schullehrer - Seniinarien etc. gr. 8.
(VIII, 351 S.) Erfurt 1864. Körner. 1 '/2 Rtülr-
39. Der od e, V., Analogies de la langue Quichee et du Flamand.
Bulletin du comite flamand de France. T. III, 1863.
40. Pfeiffer, Franz, Die Kanzleisprache Kaiser Ludwigs des Baiern.
Pfeiffer's Germania 9, 159 — 172. '
41. Holtzmann, Adolf, Das lange A.
Germania 9, 179—191.
42. Tob ler, L., Über die Bedeutung des deutschen ye- vor Verbis.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 14, 108 — 138.
43. Köhler, Arthur, Über den syntaktischen Gebrauch des Dativs im
Gothischen. Inaugural-Dissertation (Göttingen). 8. (54 S.) Dresden 1864.
44. Birlinger, A., Die substant. neutra auf -ir im Pluralis. Wechsel
der IV. und V. Classe der starken Zeitwörter. Participia depon. (part. prät. etc.)
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 14, 159 — 160.
45. Meyer, Leo, Über das deutsche, insbesondere gothische Adjectivum.
Germania 9, 137 — 145.
46. Zingerle, J. V., Zum Gebrauch des Comparativs im Mittelhoch-
deutschen.
Germania 9, 403—406.
47. Weber, Dr. Franz, Lehrer in Halberstadt, Magister Fabian Franck,
der erste deutsche Orthograph. 8. Halberstadt 1863.
48. Rochholz, E. L., Briefe über die Rechtschreibung, gerichtet an
eine deutsche Frau. gr. 8. (VII, 113 S.) Aarau 1864. Christen. 12 Ngr.
Vgl. Vogler, Musik- und Litteraturblatt 1864, Nr. 10; Magazin für die Litt, des
Auslandes 1864, Nr. 48; St. Galler Blätter 1865, Nr. 3; Europa 1865, Nr. 13; Allgem.
deutsche Lehrerzeitnng 1864, Nr. 12.
49. Schreiber, Prof. Job Max, Einheit der deutschen Schreibung.
Denkschrift an den Lehrerverein die Volksschule in Wien. 2. Auflage, gr. 8.
(16 S) Wien 1864. Hoffmann u. Ludwig. 6 Ngr.
V. Deutsche Lexicographie.
50. Mittelhochdeutsches Wörterbuch mit Benutzung des
Nachlasses von G. F. Beneke, ausgearbeitet von W. Müller und Fr. Zarncke.
2. Bd., 2. Abth., 3. Lief. (S. 385 — 576.) Slahe — Stande. 1 Rthlr.
51. Engl mann, L. , Glossar zum mittelhochdeutschen Lesebuch, gr. 8.
München 186 4. Lindauer. 4 Ngr.
Vgl. Bibliographie 1863, Nr. 374.
5 2. Kehr ein, J., Ältcrneuhochdeutsches Wörterbuch. Ein Beitrag zur
deutschen Lexicographie. Besonderer Abdruck aus des Verfassers Sammlung:
Katholische Kirchenlieder, Hymnen, Psalmen, aus den ältesten deutschen gedruck-
ten Gesang- und Gebetbüchern. 8. (IV, 150 S.) Würzburg 1865. Stahel. 1 Rthlr.
5 2\ Jütting, W. A., Biblisches Wörterbuch. Leipzig 1864. Teubner.
Vgl. Germania 10, 114—115 (von R. Bechstein).
5 3. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm
Grimm. Fortgesetzt von Dr. Rudolf Hildebrand und Dr. Karl Weigand. Fünften
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 347
Bandes erste Lieferung. [K - Kartenbild]. Bearbeitet von Dr. H. Hildebrand,
hoch 4. (Sp. 1 — 24 0). Leipzig 186 4. Hirzel. % Rtblr.
Vgl. Litt. Centralbl. 1864, Nr. 34. Österr. Wochenschrift Nr. 37; Grenzboten
1865, Nr. 1.
54. Sanders, Daniel, Wörterbuch der deutschen Sprache. Mit Belegen
von Luther bis auf die Gegenwart. 28. — 31. Lieferung, gr. 4. (Bd. 2, S. 1121
bis 1440.) Leipzig 1864. O. Wigand. a % ßthlr.
55. Bouterwek, Niederdeutsches Glossar zu dem Büchlein von der
Rache und einigen die Wiedertäufer betreffenden Schriften.
Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereines, 1. Band, 4. Heft.
5 6. Fritzner, Job., Ordbog over dat gamle norske Sprog. 4. u. 5. Heft,
[hrimforssin-noring]. Christiania 186 3 — 6 4.
57. Stratrnann, F. H., A dictionary of the englLh language on the
13, 14. and 15. centuries. Part I. gr. 8. Crefeld 1864. Gehrich in Comni.
1 Rtblr. 3'/, Ngr.
Vgl. Litt. Centralbl. 1865, Nr. 10, Sp. 268 (von Grein).
5 8. Müller, Eduard, Etymologisches Wörterbuch der englischen Sprache.
1. Lieferung. 8. (S. 1 — 176.) [A-Carve.] Cöthen 1864. Scbettler. 3/» *&tk\r.
Das Werk ist auf sechs Lieferungen berechnet, deren drei erste, die Buchstaben
A — K umfassend , den ersten Theil bilden werden. Mit der dritten wird die Vorrede
ausgegeben, die den Plan und Zweck erörtern soll ; ebenso ein Quellenverzeichniss. Das
Ganze hat wissenschaftliche Haltung. Vgl. Litter. Centralbl. 1865 , Nr. 10 (Grein) ;
Herrig's Archiv, 36. Band, 4. Heft.
59. Vries, Dr. M. de, Middelnederlandsch Woordenboek. 1. Heft.
A - Afdinken. (IV, 128 Sp.) Royal 8. 's Gravenhage 1864. Nijhoff. (Leipzig,
Brockhaus.) 1 6 Ngr.
Vgl. Litt. Centralbl. 1865, Nr. 25.
59a. De Vries en te W i n k e 1 , Woordenboek der Nederlandsche Taal.
Arlev. I. 's Gravenhage 1864. Nijhoff. 16 Ngr.
Vgl. Litt. Centralbl. 1865, Nr. 25.
60. R o c h h o 1 z , ,E. L., Die deutschen Ortsnamen.
lllustrirte Zeitung 1096- Eine Recension von Förstemann's Ortsnamen (Bibl.
1863, Nr. 72).
61. B(e c h s t e i n), R., Fremde Ortsnamen in Deutschland.
Magazin für die Litteratur des Auslandes 1864, Nr. 31; ebenfalls an Förstemann
angelehnt.
62. L ü t o 1 f , Alois, Zur Ortsnamenkunde, besonders in den fünf Orten.
Der Geschichtsfreund. 20. Bd. Einsiedeln 1864.
63. Oligschlägcr, F. W., Beiträge zur mittelalterlichen Ortskunde
des Niederrheins.
Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein. 15 Heft. Köln 1864.
61. Fontaine, Essai etymologique sur les noms de lieux du Luxein-
bourg germanique.
Publications de la societe pour la recherche et 1a conservatimi des muuuments
historiques dans le grand duche de Luxembourg. Annee 1862. Lnxeinbourg.
65. Bechstein, R., Harz.
Germania 9, 294.
66. Griechen und Deutsche und ihre Personennamen,
Europa 1864, Nr. 3.
348 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
67. Crecelius, Dr. W. , Collectac ad augendam noininurn propriorum
Saxonieorum et Frisiorum scientiam spectantes. I. Index bonorum et redituum
monusteriorum Werdinensis et Helmostadensis sasculo X vel XI consoriptus.
(Programm des Gymnasiums in Elbcrfeld 186 4.) 8. (3 8 S.) Berlin 186 4.
Cal vary. 2 0 Ngr.
Enthält das Heberegister der Klöster Werden und Helmstadt. Vgl. Germania
9, 432 — 484 (von F. Stark). Anzeiger für Kunde der deutsehen Vorzeit 1865 , Sp. 40.
68. Stracker jan, K., Die jeverländischen Personennamen mit Berück-
sichtigung der Ortsnamen, gr. 4. (46 S.) Jever 1864. Mettcker. 1 2 x/2 Ngr.
6 9. Ruprecht, L. , Die deutschen Patronymica , nachgewiesen an der
ostfriesischen Mundart, gr. 4. (2 3 S.) Göltingen 186 4. Vandenhoeck u. Ruprecht
in Comm. 8 Ngr.
Programm des Gymnasiums zu Hildesheim 1864.
7 0. W i 1 1 a t z e n, P. J. , Die Personennamen auf Island.
Bremer Sonntagsblatt 1864, Nr, 8.
71. Andresen, Dr., Die deutschen Familiennamen. Programm der
Realschule erster Ordnung in Mühlheim a. d. Ruhr. gr. 4. (20 S.)
Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 16, Sp. 376. Zusammenstellung der Familien-
namen nach Gruppen, in der Weise, wie man es mit den Namen einer bestimmten Stadt
gethau , und mit beigefügten Etymologien.
7 2. Bechstein, R. , Die deutschen Familiennamen.
Die Wissenschaften im 19. Jahrhundert. 9. Bd., 1. Heft. Sondershausen 1864.
7 2a. Becker, Friedr., Die deutschen Geschlcchtsnamcn, ihre Entstehung
und Bildung. (Programm der Gewerbeschule zu Basel 1863 — 64.) 4. (27 S.) Basel
186 4. Felix Schneider.
73. Latendorf, Friedr., Zu den deutschen Appcllativnamen.
Germania 8, 208—210. 9, 449 fg.
73a. Verwijs, Dr. E. , De namen der vrouw bij den Germaan. Eenc
Voorlezing.
De vriije Fries. 10. Deel, Nieuwe Recks. 4. Deel, 1. Stuk. Leeuwardeu 1863. 8.
7 4. Holtzmann, Ad., Der Name Germanen.
Germania 9, 1-13.
7 5. Mahn, Dr. K. A. F., Über den Ursprung und die Bedeutung des
Namens Germanen. Ein Vortrag in der germanistisch-romanistischen Section der
n Hannover tagenden Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner am
29. September 186 4 gehalten. 8. (3 2 S.) Berlin 1864. Dümmler. 10 Ngr.
Vgl. Germania 10, 113 (von A. Holtzmann).
7 6. Glück, C. W., Die neueste Herluitung des Namens Baier aus dem
Keltischen beleuchtet, gr. 8. (17 S.) München 186 4. Finsterlin in Comm. '/6 Rthlr.
Abdruck aus den Verhandlungen des historischen Vereins für Niederbayern. 10. Bd.
7 7. Glück, C W., Der deutsche Name Brachio nebst einer Antwort
auf einen Angriff Holzmanns. gr. 8. (15 S.) München 1864. Finsterlin. 5 Ngr.
7 8. Pauli, C, Deutsche Etymologien.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung. 14. Bd., S. 97 — 103. Behandelt
goth. duginnan, ahd. bägan, goth. fadar, mothar, brothar.
79. Hof mann, Conrad, Nasahelm.
Germania 9, 228 fg.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 349
80. Möller, Fr., Beide.
Germania 9, 45G.
81. Müller, K., Das Wort Natur.
Die Natur, herausgegeben von O. Ule und K. Müller, 18G4, Nr. 13. Vgl. Bibliogr.
1S63, Nr. 82.
81a. H o 1 z e r, Anton, Die Fremdwörter im Deutseben. (Programm des
Gymnasiums in Krems 1864.) 4. (15 S.) Krems 18G4. Max. Pammer.
VI. Deutsche Mundarten.
8 2. R ü c k e r t, H., Die deutsche Schriftsprache der Gegenwart und die
Dialekte.
Deutsche Vierteljahrsschrift 1864, Juli— September, S. 90—137.
83. Morikofer, J. C. , Die schweizerische Mundart im Verbältniss
zur hochdeutschen Schriftsprache aus dem Gesichtspunkte der LandesbeschaÖen-
heit, der Sprache, des Unterrichts etc. Neue Ausgabe. 8. (VI, 158 S.) Bern
18G4 (18 3 8). Heuberger. '/2 Rthlr.
84. Haupt, Mundart der drei Franken.
Enthalten in : Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreiches Bayern. 3. Bd.
1. Abth. S. 191-266.
85. Maister, Andreas, Die Vocalverhaltnisse der Mundart im Burg-
grafenamte. 4. (18 S.) Innsbruck 1864.
Programm des Gymnasiums zu Meran für 1863 — 1864.
86. Seh rö er, K. Jul., Versuch einer Darstellung der deutschen Mund-
arten des ungrischen Berglandes , mit Sprachproben und Erläuterungen. [Au9
dem 4 4. Bande der Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften abge-
druckt]. Lex. 8. (l 86 S. mit einer Karte). Wien 1864. Gerold in Comra.
1 % Rthlr.
8 7. Schröer, Karl Jul., Die Laute der deutschen Mundarten des un-
grischen Berglandes. [Aus den Sitzungsberichten 18 04 der Akademie der Wissen-
schaften abgedruckt.] Lex. 8. (78 S.) Wien 1S64. Gerold in Comm. 12 Ngr.
88. Petters, Ignaz, Beitrag zur Dialekt -Forschung in Nordböhmen.
4. (12 S.)
• Sonderabdruck aus dem Jahresberichte des Leitmeritzer Obergymnasiums 1864.
89. Petters, Ignaz, Andeutungen zur Stoffsammlung in den deutschen
Mundarten Böhmens. 8. (52 S.) Prag 1864.
In: Beiträge zur Geschichte Böhmens, Abtheil. II, Bd. 1, Nr. 2.
9 0. Rank, Joseph, Deutsche Sprachalterthömer im Dialekte des Böhmer-
waldes.
Österreichische Wochenschrift 1864, Nr. 53.
91. Müller, Max, Über die Mundarten in Schleswig- Holstein.
Das Ausland 1864, Nr. 41.
9 2. Kok, J. , Det danske Folkesprog i Sönderjylland forklaret af Old-
nordisk, Gammeldansk og de nynordiske Sprog og Sprogarter. 1. Deel. 8.
(438 S.) 1863. 2 Rthlr. 12 Ngr.
93. Lyngby, K. J., Udsagnsordenes Böjning in den jyske Lov og i den
jyske Sprogart. 8. (l 30 S.) 186 3. 2 4 Ngr.
350 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
94. Birlinger, Dr. Anton, Schwabisch-augsburgisches Wörterbuch. Im
Verlag der k. b. Akademie der Wissenschaften. 8. (VIII, 49 0 S.) München
1864. Franz in Comm. 22/3 Rthlr.
Ein Anhang (S. 451 — 490) enthält Lieder, Sagen, Sitten, Kinderspiele.
95. Schöpf, J. B., Tirolisches Idiotikon. Herausgegeben auf Veranlas-
sung und durch Unterstützung des Ferdinandeums. 8. Lieferung, gr. 8. (S. 673
bis 7 6 8) Innsbruck 1864. Wagner. 14 Ngr.
9 6. Schiller, Gymnas.-Oberl. Dr. Karl, Zum Thier- und Kräuterbuche
des mecklenburgischen Volkes. 3. Heft. gr. 4. (42 S.) Schwerin 1864. Stiller
in Comm. Y3 Rthlr.
9 7. Rietz, Joh. E., Ordbok öfver Svenska Allmoge-Spraket. 4. u. 5. Heft
(bis Löte, S. 400). Lund 18 63.
Vgl. Bibliogr. 1163, Nr. 92.
9 8. Gutzeit, W. v. , Wörterschatz der deutschen Sprache Livlands.
1. Lieferung. 8. Riga (Leipzig) 1864. I Rthlr.
9 9. Germaniens Völkerstimmen. Sammlung der deutschen
Mundarten in Dichtungen, Sagen, Märchen, Volksliedern etc. Herausgegeben
von Joh. Math. Firmenich-Richartz. 2 7. Lief. Berlin 1864. Schlesinger. V2 Rthlr.
100. Breitenstein, Jonas, 's Vreneli us der Bluemmatt. Ein Idyll
aus dem Baselbiet in allemannischer Mundart. 8. (IV, 198 S.) Basel 18 64.
Georg. 24 Ngr.
101. Na dl er, Karl Gottfried, Fröhlich Palz, Gott erhalt's ! Gedichte
in Pfälzer Mundart. 4. Auflage, gr. 16. (X, 346 S.) Frankfurt a. M. 1864.
Brönner. 2/3 Rthlr.
Vgl. Erheiterungen 1864, Nr. 6; S. Galler Blätter Nr. 20; Volksblatt für Stadt
und Land 48; Kritische Blätter 13; Thüringer Zeitung 166.
102. Verse und Reime eines alten Pfälzers. In pfälzischer Mundart. 8.
(IV, 124 S.) Heidelberg 1864. Winter. T/2 Rthlr.
10 3. Greistorfer, Karl, Die oberösterreichischen Dialektdichter.
Programm des Obergymnasiums zu Linz 1863.
104. Kiesheim, A. v., 's Schwarzblatl aus'n Weanerwald. Gedichte in
österreichischer Volksmundart. 3. Band. 2. Auflage. 8. (VIII, 176 S.) Wien
18 64. Gerold. 1 Rthlr.
105. Schnadahüpfeln, 450, Österreicher G'sang'ln, nebst Gesängen
aus den Alpcnscenen „'s letzte Fensterin" etc. 32, (VIII, 152 S.) Weiden 1864.
Straub. 3 Ngr.
106. Feldzug ka'gen de Trichinen. Humoivske. Ei schläs'scher Schprocho.
8. Leobschütz 1864. Bauer. 2l/„ Ngr.
107. Giebelhausen, C. F. A., Nischt wie lauter Hack un Mack,
alles dorchenannerdorch. Ein Denkstein der alten Mansfelder Mundart gesetzt.
1. Heft. 8. Hettstädt 1865. Hüttig. l/4 Rthlr.
108. Plattdeutsche Litterat ur.
Blätter für litterarische Unterhaltung 1864, Nr. 12.
109. Sackmann, J. , Plattdeutsche Predigten aus Flugblättern des
vorigen Jahrhunderts zusammengetragen und mit andern merkwürdigen Predigten
derselben und späterer Zeit herausgegeben von Frd. Voigts. 8. (14 3 S.) 8. Aufl.
Celle 1864. Schulze. V, Rthlr.
Vgl. St. Galler Blätter 1805, Nr. 6; Blätter für litter. Unterhaltung Nr. 26.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 351
110. Reuter, Fritz, sämmtliche Werke. 1. Bd.: Läuseben un Rimels.
7. Auflage. 8. (XVIII, 269 S.) Wismar 1864. Hinstorff. 1 Rthlr.
111. Dieselben, 3. Band: De Reis' nacb Belligen. 2. Auflage. 8.
(XVIII, 294 S.) Ebenda. 1 Rthlr.
112. Dieselben, 4. Band: Twei lustige Geschichten. 5. Auflage. 8.
(26 8 S.) Ebenda. 1 Rthlr.
113. Dieselben, 7. Band: Hanne Nute un de lütte Pudel. 3. Aufl.
8. (307 S.) Ebenda. 1 Rthlr.
114. Dieselben, 8. und 10. Band: Ut mine Stromtid. 1. Theil.
3. Aufl. (VI, 293 S.) 3. Theil (IV, 345 S.) Ebenda, a 1 Rthlr.
Vgl. Litt. Centralbl. 1864, Nr. 44.
115. Groth, Klaus, Quickborn. 9. Auflage, gr. IG. (XU, 304 S.)
Hamburg 186 4. Perthes- Besser und Mauke. 1 Rthlr. 6 Ngr.
116. Groth, Klaus, En geschichte vun min Vetter voer min Herzog
to sin Geburtsdag den 6. Juli 1864. kl. 8. (15 S.) Kiel 1864. Schwers. 3 Ngr.
117. Ein plattdeutscher Volksdichter (Claus Groth).
Illustrirtes Familienjournal 1864, Nr. 45.
118. Leder, fiv nie, ton Singn un Beden voer Schleswig-Holstein. 8.
Hamburg 18 64. Perthes-Besser u. Mauke. 3 Ngr.
119. Justus, L. (L. Schuemann) , Dat Bödekerlied. 4. Uplage. Han-
nover 18 64. Kniep. 2 Ngr.
VII. Deutsche Mythologie.
120. Simrock, Karl, Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß
der nordischen. 2. sehr vermehrte Auflage, gr. 8. (X, 631 S.) Bonn 1864.
Marcus. 22/3 Rthl.
Vgl. Allgemeine Zeitung 1864, Nr. 302 — 304; Anzeiger für Kunde der deutschen
Vorzeit, Nr. 11; Germania 10, 107 — 113 (von F. Liebrecht).
121. Reusch, Dr. R., Die nordischen Göttersagen, einfach erzählt. Mit
Holzschnitten nach Zeichnungen von L. Pietsch. 8. (IV, 139 S.) Berlin 1865.
Schindler. 2/3 Rthlr.
Vgl. St. Galler Blätter 1864, Nr. 48; Kölnische Zeitung Nr. 265; Europa 43;
Hamburg. Nachrichten 1864, Nr. 265; Dresdener Journal Nr. 238; AltpreuIHsche Mo-
natsschrift 1865, Nr. 1.
122. Ricard, S., Precis de la mythologie Scandinave, d'apres les meil-
lcurs sources avec des illustrations et un commentaire. 8. (VIII, 5 7 S.) Copen-
hague 1863. Hagerup. 14 Ngr.
Ganz werthlos.
123. S ai n t i n e, X. B., La mythologie du Rhin et les contes de la
mere-grand. 18. (318 S.) Paris 18 63. Ilachette. 3 V2 Francs.
124. Naturmythen.
Illustrirte Zeitung 1104; nach Rocliholz.
12 5. Weininger, IL, Nachklänge aus der deutschon Vorzeit.
Unterhaltungen am häuslichen Ileerd 1864, Nr. 52.
12 6. Meyer, Joh., Seelen und Blumen.
Der Unoth. Zweites Heft.
127. Pletscher, A., Der Schimmilirütcr in Schieitheim.
Der Unnoth. Zweites Heft.
352 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
128. Weininger, Hans, Das wilde Heer. I. II.
Deutsches Museum [864, Nr. 40. 50.
1 29. S c h weiche 1, Robert, Ostern, die Göttin Ostara und die Ostereier.
Magazin für die Litteratur des Auslandes 1864, Nr. II, S. 210-214.
13 0. B i r 1 i n g e r, A., Nachtfahrerin.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit IS64, Spalte 248.
131. Müller-Samswegen, E. , Culturgeschichtlich.es über Unehr-
liche, Verrufene und Hexen.
Blätter für litterarische Unterhaltung 1864, Nr. 25.
13 2. D e r s e 1 b e, Zur Litteratur der Hexenprocesse.
Ebendaselbst 1864, Nr. 28.
133. Birlinger, A., nin beschwerung zu der ruetten.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 96. Aus München, cod.
gerni 733.
Zur vergleichenden Mythologie gehören:
134. Braun, Julius, Naturgeschichte der Sage. Rückführung aller
religiösen Ideen, Sagen, Systeme auf ihren gemeinsamen Stammbaum und ihre
letzte Wurzel. 1 . Band. gr. 8. (IV, 444 S.) München 1864. Bruckmann. 2 '/3 Rthlr.
Vgl. Heidelberger Jahrbücher 1864, Nr. 54; Litter. Centralbl. 1865, Nr. 14;
Allgemeine Zeitung 1864, Nr. 230; Österreichische Wochenschrift Nr. 45 (Die Einheit
der Mythologieen) ; Blätter für litter. Unterhaltung Nr. 37; Bremer Sonntagsbl. Nr. 41.
135. Delbrück. Berthold, Die Entstehung des Mythos bei den indo-
germanischen Völkern.
Zeitschrift für Völkerpsychologie 3. Bd., ;'». Heft.
136. Seh war tz, F. L. W. , Die poetischen Naturanschauungen der
Griechen, Römer und Deutschen in ihrer Beziehung zur Mythologie. 1. Band.
Sonne, Mond und Sterne. Ein Beitrag zur Mythologie und Culturgeschichte der
Urzeit, gr. 8. (XXIT, 298 S.) Berlin 1864. Besser. 1 Rthlr. 26 Ngr.
Vgl. Heidelberger Jahrbücher 1864, Nr. ,">2, von F. Liebrecht; Zeitschrift für
das Gymnasialwesen 1865, S. 22i;-2:>.4; Germania 10, 104—105.
137. Sonne, Sprachliche und mythologische Untersuchungen.
Vgl. Bibliographie 1S63, Nr. 12!l; Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung
13. mi-445. 14, 1—33.
138. Kuhn, A., Indische und germanische Segenssprüche.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 13. I!' 71, 113—157.
130. Miklosich, F., Die Rusalien. Ein Beitrag zur slawischen My-
thologie. [Aus den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften.] Lex. S.
(2 0 S.) Wien 180 4. Gerold in Comm. 4 Ngr.
140. WrCatko, Vorstellungen dir heidnischen Böhmen von Seele
und Leib.
Sitzungsberichte der kön. böhm, Gesellschaft der Wissenschaften in Prag 1863
141. Monin, Philologie gauloise. Dieux et deesses.
Revue des Societes savantes des departements. T. II. 1863.
VIII. Sagen u n d M iL r e h c n.
142. Bechstein, Reinh., Sagen- und Milrchen-Litteratur.
Blätter für litter. Unterhaltung IS64, Nr, 36
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 353
143. Grimm, Jacob und Wilh. Grimm, Kinder- und Hausmärchen.
Große Ausgabe. 2 Bde. 8. Aufl. gr. 16. (XXX, 914 S.) Göttingen 1864.
Dietrich. 2 Rthlr.
144. Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Kleine Ausgabe.
11. Aufl. 16. Berlin 1864. Duncker. ]/2 Rthlr.
145. Simrock, Karl, Deutsche Märchen, gr. 16. (VIII, 37 3 S.)
Stuttgart 1864. Cotta. 1 '/G Rthlr.
Vgl. Orient und Occident III, 2; Kölnische Zeitung 1864, Nr. 320.
146. Bechstein, Ludwig, Neues deutsches Märchenbuch. Neue wohl-
feile Ausgabe. 8. (V, 306 S.) Wien 1864. Hartleben. 12 Ngr.
14 7. Pflaume, K. L. W., Deutsche Märchen.
Illustr. Familienjournal 1S64, Nr. 9, 12, 16, 20, 22, 25.
148. Mich eisen, Ed., Deutsche Märchen, Skizzen und Phantasien(?).
Aus der Heimat von Roßmäßler 1864, Nr. 25 — 27.
14 9. Liechti, S. , Zwölf Schweizer-Märchen. 16. Frauenfeld 1865.
Huber. 2 1 Ngr.
150. Meier, Prof. Dr. Ernst, Deutsche Volksmärchen aus Schwaben.
Aus dem Munde des Volkes gesammelt und herausgegeben. 3. Auflage. 8.
(XII, 3 22 S.) Stuttgart 18 64. Schober. 2 1 Ngr.
151. Holland, H., Ein altbayorisches Märchen.
Bayerische Zeitung 1864, Morgenblatt 298.
15 2. Vernaleken, Theodor, Österreichische Kinder- und Hausmärchen.
Treu nach mündlicher Überlieferung. 8. (VII, 35 5 S.) Wien 1864. Braumüller.
1% Rthlr.
Umfasst 60 Märchen, meist ihrem Inhalte nach schon bekannt, aber mit abwei-
chenden Zügen, aus Niederösterreich, Böhmen und Mähren. Die Anmerkungen S. 341
bis 355 enthalten Verweise auf ähnliche Sammlungen. Vgl. Litter. Centralblatt 1864,
Nr 51, Sp. 1234 fg. (von Kuhn); Allgem. Litteratur-Zeitung 1864, Nr. 13; Novellen-
zeitung 1865, Nr. 6.
153. Bartsch, Karl, Schlesische Märchen und Sagen.
Schlesische Provinzialblätter . neue Folge, 3. Band. S. 224 ff. Aus einer beim
Krakauer Brande 1850 untergegangenen Sammlung K. Weinhold's.
154. Schenk 1, K. , Das Märchen von Sneewittchen und Shakespeare's
Cymbeline.
Germania 9, 458—460.
155. Köhler, Reinhrld, Zu dem Märchen von dem dankbaren Todten.
Orient und Occident, 3. Bd., S. 93—103
156. Simrock, Karl, Der gute Gerhard von Köln. Erzählung. Andere
Auflage. 16. (III, 146 S.) Stuttgart 186 4. Cotta. % Rthlr.
157. Storni, Theodor, Die Regentrude. Ein Mittsommermärchen.
Illustr. Zeitung Nr. 1100
Wegen der darin befindlichen Beziehungen auf deutsche Märchen sei noch
erwähnt:
158. Hahn, Consul J. G. v., Griechische und albanesisebe Märchen.
Gesammelt, übersetzt und erläutert. 8. (XX, 6 58 S.) Leipzig 18 64. Engelmann.
3 Rthlr.
Vgl. Heidelberger Jahrbücher 1864. S. 203 — 220 (von F. Liebrocht': Litterar.
Centralbl Nr. 32, Sp. 758 (von Kuhn); Chronik der Gegenwart I, 5; Allgem. Lütter«
Zeitung 1865, Nr. !).
GEKMANIA X. 23
354 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
159. A 1 s a t i a. Beitrage zur elsäßischen Geschichte, Sage, Sitte und
Sprache. Herausgegeben von A. Stöber. Neue Folge. 1862 — 1864. 1. Abth.
gr. 8. (225 S.) Basel 1864. Bahnmaier in Comm. 1 Rtblr. 24 Ngr.
16 0. Schön huth, Ottmar, Die Burgen, Klöster, Kirchen und Capellen
Badens und der Pfalz, mit ihren Geschichten, Sagen und Märchen. 21. und
2 2. Lieferung. 12. (2. Bd. S. 385 — 480). Lahr 1864. Geiger, ä 3 Ngr.
161. Lauer, J., Der vergrabene Schatz. Sage aus der Pfalz.
Münchener Sonntagsblatt 1864, Nr. 9.
162. Birlinger, Anton, Volksthümliches und Geschichtliches: Aus
den Stauden ; der Kreuzpartikel von Klimmach ob Augsburg.
Bayerische Zeitung 1864, Morgenblatt Nr. 193.
163. B a v a r i a. Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern, be-
arbeitet von einem Kreise bayerischer Gelehrter. 2. Bd. Oberpfalz und Regens-
burg, Schwaben und Neuburg. 2. Abtheilung, gr. 8. (VI, S. 545 — 1188).
3. Bd.: Oberfranken, Mittelfranken. 1. Abtheilung. 8. (480 S.) München
1863—64. Litter. artist. Anstalt. 2 % und 2 Rthlr.
16 4. Fentsch, Über bayerische Sitte und Sage. Vortrag.
Zeitschr. des Vereins zur Ausbildung der Gewerke in München. 14. Jahrgang, 1864.
165. Zwei Sagen aus dem bayerischen Innthale.
Bayerische Zeitung 1864, Morgenblatt Nr. 5.
16 6. Wucke, C. L., Sagen der mittleren Werra nebst den angrenzenden
Abhängen des Thüringer Waldes und der Rhön. 2 Bde. 8. (l. Bd. XV, 150 S.)
Salzungen 18 64. Scheermesser. 1 Rtblr.
Vgl. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1865, Nr. 5.
167. Hör mann, L. v., Die saugen Fräulein und das Nörgele. Aus dem
lyrolischen Volksleben.
Heimgarten 1864, Nr. 28, 29.
168. Hinter huber, Rudolf, Aus den Bergen. Geschichten, Sagen
und Wanderbilder, gr. 16. (X, 195 S.) Wien 18 64. Gorischek. 14 Ngr.
169. Kisfaludy, A. , Sagen aus der magyarischen Vorzeit. Deutsch
von J. v. Machik. S. (127 S.) Pesth 1863. Heckenast in Comm. % Rthlr.
17 0. Meyer, K. G., Sagen und Märchen aus der Vorzeit Böhmens.
Die Biene 1864, Nr. 31.
171. Waldau, A., Böhmische Christussagen.
Unterhaltungen am häuslichen Heerd 1864. Nr. 12: Das Fest der Vögel, Sanct
Peter als Spielmann; Nr. 13: Die Bienen, Jesus und die Seele, des Mägdleins Himmels-
gang, das Mägdlein im Walde ; Novellenzeitung Nr. 21 ; Magazin für die Litteratur des
Auslandes Nr. 31, 38, 45, 51; Bremer Sonntagsblatt Nr. 45, 47, 48.
17 2. Derselbe, Der Fichtenbaum. Böhmische Sage.
Novellenzeitung 1864, Nr. 17.
17 3. Derselbe, Der wilde Jäger. Böhmische Sage.
Novellenzeituiig 1864, Nr. 13.
17 4. Derselbe, Die Obstbäume in der böhmischen Sage.
Die Biene 1864, Nr. 32.
175. Lausit. zische Sagen.
Europa 1864, Nr. 12; vgl. Bibliographie 1S63, Nr. 156.
17 6. Höpfner, A., Sagen und Geschichten der Altmark und Priegnitz.
Gedichte. 16. (VIII, 166 S.) Berlin 1865. König. 18 Ngr.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 355
177. Grothe, Willi., Schildhorn und Teufelssee. Märkische Sage. 16.
(VIT, 8 2 S.) Berlin 1864. Grothe. % Rtblr.
Vgl. Illustr. Journal 1865, Nr. 7.
17 8. Hennings, Karl, Sagen und Erzählungen aus dem hannoversehen
Wendlande. 16. (III, 196 S.) Lüchow 1864. Säur. l/2 Rtblr.
Vgl. Europa 1865, Nr. 11.
17 9. Holm, A., Sagen aus dem Fürstenthume Lüneburg.
Hausblätter 1864, 4. Heft, S. 304.
180. Vorm bäum, Sem. Dir. Frdr., Die Grafschaft Ravensberg und
die Stadt und vormalige Abtei Herford in ihren alten Ämtern, in ihren jetzigen
landräthl. Kreisen und in ihren Geschichten und Sagen. Für Schule und Hans
dargestellt. Mit in den Text gedruckten Holzschnitten, gr. 8. (IV, 120 S.)
Leipzig 1864. Hoffmann. V6 Rtblr.
181. Bentlage, C, Sagen aus dem Münsterlande: Die Kronenschlange.
Münchener Sonntagsblatt 1864, Nr. 38.
18 2. Seiler, Jos., Westfälische Klostersage. Gedicht.
Illustr. Familienjournal 1864, Nr. 10.
183. Zur Sammlung der Sagen, Märchen und Lieder, der Sitten und
Gebräuche der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg.
Jahrbücher für die Landeskunde der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauen-
burg, 6. Band.
184. Arnason, Jon, Islenzkar thjddsögur og ajfintyri. 2. Bindi.
Lex. 8. (VIII, 581 S.) Leipzig 18 64. Hinrichs. 4V3 Rthlr.
Vgl. Germania 9, 231 — 245 (von K. Maurer).
185. Arnason, J., Icelandic legends. Translated by G. E. J. Powell
and E. Magnusson. 8. London 1864. Bentley. 10 s. 6 d.
186. Schnellen, E., Die Thiersage.
Unterhaltungen am häuslichen Heerd 1864, Nr. 24.
18 7. Zingerle, Ign., Tirol als Schauplatz der deutschen Heldensage.
Osterreichische Wochenschrift 1864, Nr. 33, 34.
188. Herschel, Archivar, zur Pilatussage.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 364 — 369. Hauptsächlich
Abdruck aus Johannes Rothe's poetischer Bearbeitung der Sage in der Dresdener 11s
M. 101, Bl. 29—32; vgl. auch Germania 9, 172 und unten Nr. 514.
189. Creizenach, Dr. Theod. , Die Aencis, die vierte Ecloge und
die Pharsalia im Mittelalter. 4. (3 7 S.) Frankfurt a. M. 18 64.
Programm des Frankfurter Gymnasiums. Enthält die mittelalterlichen Traditionen,
die sich an Virgil anknüpfen. Vgl. Magazin für die Litt, des Auslandes 1864, S. 366.
190. Vernaleken, Theod., Die Sage vom heiligen Georg.
Germania 9, 471 — 177.
191. Oppert, Gustav, Der Presbyter Johannes in Sage und Geschichte.
Ein Beitrag zur Völker- und Kirchenhistorie und zur Heldendichtung des Mittel-
alters. 8. (V, 208 S.) Berlin 1864. Springer. 21/, Rthlr.
Vgl. Das Ausland 1864, Nr. 41: Über den asiatischen Erzpriester Johannes;
Magazin für die Litt. d. Auslandes '.'>'>: Der Priester Johannes in Sage und Geschichte ;
Theol. Litteraturblatt 1865, Nr. 6: Hist. Zeitschrift 1865, I, 300.
23*
350 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
191 \ Grieben, Karl, Die Vineta-Sage. Nov. 18 64.
Kölnische Zeitung 23 und 24.
19 2. Erzählungen von Carl dem Großen. Aus einem osnabrückischen
Lagerbuche.
Mittheilungen des historischen Vereins zu Osnabrück, VII. Band, 1864.
193. Geißler, Robert, Der Kyffhäuser.
Illustr. Familien-Journal 1864, Nr. 1.
194. Pasquee, Ernst, Über Inventionen und eine Aufführung der Kyff-
häuser-Sage am Hofe in Weimar 1627.
Recensionen und Mittheilungen über Theater 1864, Nr. 16.
195. Pfannenschmid, Dr. H., Der gegenwärtige Stand der Teilsage.
Allgemeine Zeitung 1864, Beilage 140, 141. Hauptsächlich an Liebenau (Bibliogr.
1863, Nr. 190) anschließend; der Verf. hält die mythische Grundlage fest.
19 6. Lütolf, Alois, Ist der Versuch einer mythologischen Erklärung
der Teilsage unstatthaft?
Germania 9, 217—224.
19 7. Pfannenschmid, H. , Die Tellsage bei den Persern.
Germania 9, 224—226.
19 8. Eine religiöse Erklärung der Tellsage.
Allgemeine Zeitung 1864, Nr. 174. Knüpft an einen arabischen Brauch, wonach
zur Zeit der Dattelernte jährlich ein fünf- bis sechsjähriger Knabe unter eine Scheibe
gestellt und nach der Scheibe geschossen wird, und sucht in der Sage einen allgemeinen
mythischen Gedanken.
19 9. Ein historischer Gesichtspunkt bei der Tellsage.
Allgemeine Zeitung 1864, Nr. 206.
200. Roquette, O., Das schweizerische Volkstheater und die Tellsage.
Preußische Jahrbücher (1864) 13, 525—533.
201. Die Tellenscbauspiele in der Schweiz vor Schiller.
Grenzboten 1864, Nr. 30—33.
202. Hesse, L. F., Schrilten über die Erzählung von der Doppelehe
eines Grafen von Gleichen. Beitrag zur Litteratur der deutschen Sage.
Serapeum 1864, Nr. 8, 9.
203. Körner, A. , Die Sage von der weißen Frau, oder Kunigunde
Gräfin von Orlamünde, Nürnberg und Plassenburg. 3. Auflage. 1 6. Tübingen
186 3. Oslander in Comm. 3 Ngr.
204. Schönhuth, Ottmar, Die Sage vom Ritter von Rodenstein und
Schnellert, als Herold des Kriegs und Friedens. 8. (III, 60 S.) Tübingen
1864. Oslander in Comm. 4 Ngr.
205. Moser, Otto, Auerbaeh's Keller und die Faustsage.
Illustr. Familien-Journal 1864, Nr 30.
20 6. Die Sage von der Amselfelder Schlacht.
Das Ausland 1864, Nr. 39.
207. Köhler, R., Sagen von Landerwerbung durch zerschnittene Häute.
Orient und Occident 3, 185—187.
2 0 8. Wappensagen.
Bayerische Zeitung 1864, Morgenblatt Nr. 6.
209. Weininger, Hans, Wappensagen.
Bayer. Zeitung 1864, Morgenblatt Nr. 149 ff.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 357
IX. Volks- und Kinderlieder, Sprichwörter, Sitten
und Gebräuche.
210. Mittler, Dr. Ludwig, Deutsche Volkslieder. Zweite mit einem
Quellenverzeichniss vermehrte wohlfeilere Ausgabe. Lex. 8. (VII, 1028 S.)
Frankfurt a. M. 1865. Völcker. 2 Rthlr.
Bis auf das angefügte Quellenverzeichniss nur eine Titel-Ausgabe.
211. Volkslieder, deutsche, aus alter und neuer Zeit gesammelt
und mit (Klavierbegleitung versehen von T. W. Arnold. 1. Heft. gr. 8. Elber-
feld 1864.
Vgl. Litter. Centralbl. 1865, Nr. 2.
212. Volksliederbuch, neues. Sammlung der beliebtesten Gesänge
aus alter und neuer Zeit. Dritte Auflage. 32. (VIII, 152 S.) Weiden 1864.
Straub. 3 Ngr.
213. Über das deutsche Volkslied.
Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen. 2. Jahr-
gang. 1864.
214. Volkslieder, schwäbische. Beitrag zur Sitte und Mundart des
schwäbischen Volkes, gr. 8. (IV, 172 S.) Freiburg i. Br. 1864. Herder. 3/4 Rthlr.
Vgl. Volksblatt für Stadt und Land 1865, Nr. 28; Blätter für litter. Unterhal-
tung Nr. 18.
215. Volkslieder, schottische und schweizer.
Europa 1864, Nr. 34.
216. Rodenberg, Jul., Die Schweizer Kühreihen. Ein Beitrag zur
Geschiebte des Volksliedes.
Illustr. Familienbuch 1864, IV, 8, S. 264.
217. Süß, Maria Vincenz, Salzburgische Volkslieder mit ihren Singweisen.
8. (XVI, 37 2 S.) Salzburg 1865. Mayr. 1 Rthlr. 18 Ngr.
Vgl. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Nr. II; Österreichische
Wochenschrift Nr. 14.
218. Ein Gottscheer Volkslied, mitgetheilt von L. A. Frankl.
Magazin für Litteratur des Auslandes 1864, Nr. 30. Gottschee, ein Landstrich
im südlichen Krain.
219. Volkslieder, polnische, der Oberschlesier, ins Deutsche über-
tragen von Hoffmann von Fallersieben.
Schlesische Provinzialblätter , neue Folge, 3. Bd., 7. — 9. Heft. Vgl. Bibliogr.
1863, Nr. 194.
220. Hommel, Friedrich, Geistliche Volkslieder aus alter und neuerer
Zeit mit ihren Singweisen. Lex. 8. (XIX, 309 S.) Leipzig 1864. Teubner.
1 Rthlr. 21 Ngr.
Vgl Blätter fär litter. Unterhaltung 1864, Nr. 35 ; Anzeiger für Kunde der deut-
schen Vorzeit 1865, Nr. 5; Das Reich Gottes 1864, Nr. 52.
221. Crecelius, Wilhelm, Über zwei ältere geistliche Lieder und
ihre Fortpflanzung im Volksmunile.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Nr. 11, Sp. 409 — 413.
222. Schade, Oskar, Deutsche Handwerkslieder, gesammelt und heraus-
gegeben. 16. Leipzig 18 64. Vogel. 1 Rthlr.
Vgl. Blätter für litter. Unterhaltung 18<>'5, Nr. 11; Europa 1864, Nr. 52; Wissen-
schaftliche Beilage zur Leipziger Zeitung IStiö, Nr. 28; Magazin für die Litteratur des
Auslandes, Nr. 16.
358 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
223. Grün, Anastasius, Robin Hood. Ein Balladenkranz nach alteng-
lischen Volksliedern. 8. (VI, 224 S.) Stuttgart 1864. Cotta. 2 7 Ngr.
Freie dichterische Gestaltung. Vgl. Österreich. Wochenschrift 1864, Nr. 19;
Blätter für litter. Unterhaltung 21; Unterhalt, am häusl. Heerd 28; Kölnische Ztg. 225.
224. Voll mar, P., Kinderreime aus Schaffhausen.
Der Unoth, 3. Heft. Vgl. Bibliogr. 1S63, Nr. 196.
22 5. Birlinger, A., Zur älteren Räthsellitteratur.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 449. Aus Müuchen , cod.
germ. 756, ßl. 44b.
226. Sandvoß, Friedr., Zur Sprichwörterlitteratur.
Blätter für litterar. Unterhaltung 1864, Nr. 49.
227. Die Sprichwörter.
Unterhaltungen am häuslichen Heerd 1864, Nr. 23.
228. Wand er, K. F. W., Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Haus-
sehatz für das deutsche Volk. 5. — 8. Lieferung, hoch 4. (Sp. 513 — 1024.)
Leipzig 1864. Brockhaus, ä 2/3 Rthlr.
Vgl. Allgemeine Schulzeitung 1864, Nr. 8, 21; Schles. Provinzialhlätter, neue
Folge, III, 5, 6.
229. Zingerle, Dr. J. V., Die deutschen Sprichwörter im Mittelalter,
gr. 8. (l 99 S.)- Wien 186 4. Braumüller. 1 Rthlr. 16 Ngr.
Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 34; Allgemeine Litteratur-Zeitung Nr. 21, 37;
Blätter für litt. Unterhaltung Nr. 31 , 41 ; Magazin für die Litteratur d. Auslandes 34.
2 30. Neander's, Michael, Deutsche Sprichwörter, herausgegeben und
mit einem kritischen Nachwort begleitet von Friedrich Latendorf. kl. 8. (5 8 S.)
Schwerin 1864. Bärensprung. j ^ Rthlr.
Vgl. Blätter für litterar. Unterhaltung 1864, Nr. 49; Anzeiger für Kunde der
deutschen Vorzeit 1865, Nr. 1; Magazin für die Litteratur des Auslande«, Nr. 15.
231. Steiger, Karl, Pretiosen deutscher Sprichwörter. Mit Variationen.
Ein Angebinde auf alle Tage des Jahres. 2. Aufl. 8. (IV, 450 S.) St. Gallen
1865. Scheitlin u. Zollikofer. 1 l/2 Rthlr.
23 2. Frischbier, H. , Preußische Sprichwörter und volksthümliehe
Redensarten. 8. (104 S.) Königsberg 1864. Nürmberger. V» Rthlr.
233. Rethwisch, E. , Plattdeutsche Redensarten. Couplet, gr. 8.
(4 S.) Hamburg 1864. 1 Ngr.
234. Bulletin de la societe Liegeoise de litte'rature wallone. Cinquieme
Annee. Liege. 12.
Enthält von H. Hoffmann in Hamburg ein Verzeichniss in Norddeutschland üb-
licher Sprichwörter, welche mit deu in Dejardin's wallonischem Dictionnaire aufgeführten
wallonischen stimmen (S. 17 — 25).
235. S uringar, W. H. D., Verhandeling over de proverbia communia,
ook proverbia seriosa geheeten , de oudste verzameling van Nederlandsche Spreek-
woorden. 4. Leiden 1864. 2 Rthlr.
2 3 6. Harre bom de, P. J. , Spreekwoordenboek der Nederland. taal,
of verzameling van Nederland. spreekwoorden en spreckwoordenlijke uitdrukkingen
van vioegercn en lateren tijd. 3. Deel. gr. 8. 1863.
"J37. Nemo, Historische Sprichwörter und Verwandtes.
Sehlesische Provinzialhlätter, neue Folge. 3. Bd., 1. Heft.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 359
2 3 8. Das apologische oder Beispielssprielrwort.
Blätter für litterar. Unterhaltung 1864, Nr. 8.
239. Reinsberg-Düri ngsfeld, O. v., Das Kind im Sprichwort.
8. (IV, 107 S.) Leipzig 18 64. Fries. V3 Rthlr.
24 0. Das Kind im Sprichwort.
Europa 1864, Nr. 28; an das vorige anknüpfend.
241. Reinsberg-Düri ngsfeld, O. v., Das Wetter im Sprichwort.
8. (VII, 216 S.) Leipzig 1864. Fries. 2/3 Rtblr.
Vgl. Europa 1864, Nr. 40; Novellenzeitung 44; Der Globus 7 Bd., 7. Lieferung;
Österreich. Wochenschrift 1865, Nr. 10; Magazin für Litteratur des Auslandes Nr. 1J.
2 4 2. Der Teufel im deutschen Sprichwort.
Unterhaltungen am häuslichen Heerd 1864, Nr. 9.
24 3. Volksbücher, die deutschen. Gesammelt und in ihrer ursprüng-
lichen Echtheit wiederhergestellt von Karl Simrock. 10. Band. 8. (V, 54 7 S.)
Frankfurt a. M. 18 64. Brönner. 1 T/3 Rthlr.
Enthält: Die sieben Schwaben, das deutsche Räthselbuch (dritte Sammlung),
Oberon, Eulenspiegel, Helena. Vgl. Allgem. Litteraturzeitung 1S64, Nr. 18; St. Galler
Blätter 18; Litter. Centralbl. Nr. 10, Sp. 237; Novellenzeitung 28.
244. Volksbücher, deutsche, nach den ältesten Ausgaben hergestellt
von Dr. Karl Simrock. 39. — 43. Heft. Frankfurt a. M. 1864. Brönner.
1 Thlr. 6 Ngr.
Enthält: Die sieben Schwaben, Oberon, Eulenspiegel, Helena und Pontus und
Sidonia.
2 4 5. Schönhuth, O. F. H. , König Appollonius von Tyrus. Eine gar
wunderbare und rührende Historie. 8. (64 S.) Reutlingen 1864. Fleischhaut r.
2 Ngr.
Von demselben Verfasser ebenda: Faust (160 S., 4 Ngr.); Genovefa (48 S., 1 Ngr.) ;
der arme Heinrich (32 S. , 1 Ngr.); Crescentia (32 S. , 1 Ngr.); Heinrich der Löwe
(40 S., 1 Ngr.); Heymonskinder (144 S., 5 Ngr.); Magelone (88 S., 2 Ngr.); Schwanen-
ritter (56 S., 2 Ngr.).
2 4 6. Der heutige Volksglaube.
Illustr. Zeitung Nr. 1074.
247. Holland, H., Verschiedene Sitten aus alter Zeit. I. Steintragen,
Holztragen, Kettenabbeißen.
Westermann's illustr. Monatshefte Nr. 90, März 1864-
248. I 1 w o f, Fr., Germanistisches aus Shakespeare.
Germania 9, 158 — 59. 'Die Ruthe küssen' in Richard II , Akt 4, Scene 2.
249. Meyer, Elis., Aberglauben aus der Stadt Schaffhausen und aus
Merishausen.
Der Unoth, 3. Heft.
2 5 0. Holland, IL, Donner und Blitz im altbaierischen Volksglauben.
Westermann's illustr. Monatshefte, Dccember 1S64.
251. DerWerth alter Überlieferungen aus den Dörfern Thüringens.
Die Grenzboten 1864, Nr. III.
25 2. Grohmann, V., Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und
360 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
Miiliren. Gesammelt und herausgegeben. I. Band. gr. 8. (X, 350 S.) Prag
1864. Calve in Comm.
In: Beiträge zur Geschichte Böhmens. Herausizejeben von dem Vereine für Ge-
schichte der Deutscheu in Böhmen. Abtheilung II, Band II. Vgl. Allgem. Litteratur-
Zeitung 1865, Nr. 9.
253. Siegmund, F. , Aus der Heimatb. Ernst und Scherz aus dem
Leben der Deutschen in Böhmen. 1. Heft. 8. Reichenberg 18 64. Schöpfer
u. Wage. Vo Rthlr.
25 4. Volksbrauch und Aberglaube im Erzgebirge. I. II.
Grenzboten 1864, Nr. 35, 36; nach Spiess (Bibliographie 1862, Nr. 111).
255. Rudi off, Grußformen.
Schlesische Provinzialblätter, 3. Band. 1 Heft.
256. Pommerland, das liebe. Monatsschrift zur Hut und Pflege
pommerscher Heiligthümer und pommerschen Volksthumes. Im Auftrage des
Vereins Pommerania herausgegeben von Pastor W. Quistorp. 1. Jahrgang. 1864.
12 Nummern, gr. 8. Anclam 1864. Dietze in Comm. 2/3 Rthlr.
Enthält mancherlei Mittheilunsren aus dem Volksleben, so Erntegebräuche und
Erntesprüche aus Rügen, hinterpommersche Volkssprüche u. s. w.
257. Hartmann, H., Der Volksaberglaube im hannoverschen West-
falen (Landdrostei Osnabrück).
Mittheilungen des historischen Vereins zu Osnabrück, VII. Band, 1864.
25 8. Sitten und Gebräuche der holsteinischen Bauern.
Unterhaltungen am häuslichen Heerd 1864, Nr. 34 — 36.
2 5 9. Die Nordschleswiger. Ihre Abstammung, Sprache und Sitte.
Grenzboten 1864, Nr. 24.
260. Sitten, Gebräuche und Charakter der Westdalekarlier. (Aus dem
Schwedischen.)
Ausland 1864, Nr. 21 fg.
26 i. Deutsche Volks- und Gedenkfeste. I. Die Kinderzeche in Dinkelsbühl.
Die Gartenlaube 1864, Nr. 2.
262. Rößler, R., Sitten und Gebräuche der Schlesier bei ihren Festen.
Schlesische Provinzialblätter, neue Foljie, 3. Band, 1. Heft.
263. Arvin, Des Schlesiers Geburt, Hochzeit und Begräbniss, Freud
und Leid; seine Volksfeste, häusliche und öffentliche Feierlichkeiten.
Schlesische Provinzialblätter, 3. Band, 3. — 8. Heft, enthält Kindtaufe, Kinder-
spiele, Hochzeit und Begräbniss.
26 4. ßeinsber g-Düringsfeld, O. v., Festkalender aus Böhmen.
Ein Beitrag zur Kenntniss des Volkslebens und Aberglaubens in Böhmen. Neue
(Titel-) Ausg. gr. 8. (XVI, 62 7 S.) Prag 186 4 (l86l). Kober. 1 Rthlr. 18 Ngr.
265. Waldau, A., Das Schütteln der Bäume in Böhmen.
Unterhaltungen am häuslichen Heerd 1864, Nr. 42.
266. Hartmann, Hermann, Die Familienfeste des westfälischen Land-
volkes.
Bremer Sonntagsblatt 1864, Nr. 18: Die Taufe; Nr, 32: Die Hochzeit.
267. Hartmann, Hermanm Beschreibungen einiger festlicher Aufzüge
und Gebräuche und Mittheilung einer Sage vom Bischof Piewit.
Mittheilungen des historischen Vereins zu Osnabrück, VII. Band, 1864.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 361
268. B rosin, Dr. Oscar, in Wehdem, Kreis Lübbeke, ein Volksfest.
Ebendaselbst.
2 69. Zingerle, J. V., Faschingsbräuche in Tirol.
Bayerische Zeitung 1864, Nr. 17 ff. Morgenblatt.
27 0. Löffler, Ludw., Volksfeste der Deutschen. VI. Das Osterwasser.
Über Land und Meer 1864, Nr. 26.
2 7 0a. Thurnwald, A., Das Pfingstreiten. Aus der Gegend von Cho-
tieschau.
Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen , 3. Jahr"-.
Prag 1864.
2 7 1. Das Johann isfest.
Unterhaltungen am häusl. Heerd 1864, Nr. 29.
27 2. Scholtz, Alexander, Gymnasiallehrer in Großglogau, Der Jobannes-
name und seine Bedeutung im deutschen Volksglauben. 4. Glogau 18 64.
Programm des Gymnasiums.
273. Müller, W. von Königswinter , Das Sanct Martinsfest am Rhein.
Gartenlaube 1864, Nr. 46.
2 7 3\ Feierabend, Aug., Der Samichlaus (St. Nicolaus) in der Inner-
schweiz.
Über Land und Meer 1864. Nr. 15.
274. Rei nsberg-D üringsf eld, O. v., Deutsche Weihnachtsgebräuche.
Illustrirte Zeitung Nr. 1121.
2 7 5. Simrock, Karl, der Weihnachtsbaum.
Illustrirte Zeitung Nr. 1121.
276. Rochholz, E. L., Weihnachten und Neujahr in der Schweiz.
St. Nikolausabend etc.
Grenzboten 1864, Nr. 49 ff.
277. Opel, J. O., Das Pölzinger Weihnachtsspiel. Neue Mittheilungen
aus dem Gebiete histor. antiquar. Forschungen. Im Namen des thüring. sächs.
Vereins herausg. v. J. O. Opel. 1 0. Bd. 1. Hälfte. Halle und Nordhausen 1 8 63. 8.
278. Pro hie, H, Weihnachten im Harze.
Über Land und Meer 1864, Nr. 13.
279. Ein Herodesspiel aus dem Eulengebirge und ein Cbristkindellicd
aus dem Riesengebirge; mitgetheilt von Rob. Scbück und J. G. Kutzner.
Schles. Provinzialblätter N. F. 3. Band, 2. Heft.
28 0. Weihnachten und Neujahr in Schleswig-Holstein.
Illustrirte Zeitung Nr. 1122.
281. Hochzeit und Ehe. Eine culturhistorische Skizze aus dem alten
Münchener Leben.
Illustrirte deutsche Monatshefte von Westermann, Nr. 95.
282. Thurnwald, A., Die Bauernhochzeit in der Tepler Gegend.
Mittheilungen des Vereine« für Geschichte der Deutschen in Böhmen, 3. Jahr-
gang, 1864, Nr. 1.
283. Müller, A. K., Eine Bauernhochzeit in Mecklenburg.
Illustrirtes Familienjournal 1864, Nr. 49.
284. Leibbert, Otto, Hochzeitsgebräuuhe im westlichen Norwegen.
Das Ausland 1864, Nr. 50.
362 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
285. Lütolf, Alois, Sanct Kümmerniss und die Kümmernisse der Schwei-
zer. Mit Darstellungen der Kümmerniss-Bilder zu Bürgein, Steina und Ehrlen.
Der Geschichtsfreund, 19. Band (1863.)
2 8 6. Weininger, H., Die St. Leonhardsfahrten in Oberbayern.
Münchener Sonntagsblatt 1864, Nr. 32.
2 8 7. Aus dem bairischen Gebirge. I. Das Bauernspiel zu Kiefersfelden.
II. Zum Tatzelwurm.
Illustrirte Zeitung Nr. 1089—92 und 1093—95.
2 88. Feifalik, J., Volksschauspiele aus Mähren mit Anbang: 1. Stern-
dreherlieder, 2. Weihnachtslieder, 3. de sancta Dorothea; Pas^ional 1495, und
einem Nachtrage. 8. (VII, 232 S.) Olmütz 1864, Hölzel. 1 \ Rthlr.
Vgl. Österreich. Wochenschrift 1864, Nr. 37.
X. Alterthümer und Kulturgeschichte.
289. Diefenbach, Lorenz, Vorschule der Völkerkunde und der Bildungs-
geschichte, gr. 8. (XII, 746 S.) Frankfurt a. M. 1864, Sauerländer. 3 Rthlr. 20Ngr.
Vgl. Göttinger Gel. Anzeigen 1865, Nr. 5 ; Blätter für literar. Unterhaltung Nr. 9 ;
Osterreichische Wochenschrift Nr. 11; Deutsches Museum Nr. 10; Wissenschaftl. Bei-
lage der Leipziger Zeitung 1864 Nr. 84; Aus der Heimath Nr. 45. Kuhn und Schleicher,
Beiträge 4, 373 — 377.
290. Brugsch, Dr. Heinrich, Germanen und Perser.
Aus dem Orient von Brugsch, 2, Theil.
291. Pfahler, G. , Handbuch deutscher Alterthümer. gr. 8. (7 7 7 S.1
Frankfurt a. M. 1864 — 5. Bräuner. 3 Rthlr. 4 Ngr.
292. Horae ferales; or studies in the archeology of the northern nations.
By the late John M. Kemble, edited by R. G. Latham , and A. W. Franks,
director of the society of antiquaries. Mit 3 4 Tafeln, gr. 4. Berlin 1864. Asher.
3 L. 3 e.
Enthält vier Abhandlungen Kemble's, unter denen die wichtigste die Todten-
verbrennung und das Begräbniss bei den nordischen Völkern betrifft. Vgl. Göttinger
Gel. Anzeigen 1864, Nr. 37, S. 1469 — 76 (von G. Waitz); Magazin für d. Lit. d. Aus-
landes Nr. 16 ; Europa Nr. 23.
293. Staub, J., Die Pfahlbauten in den Schweizerseen. Mit Holzschnitten
u. 8 Tafeln, gr. 8. (180 S.) Zürich 186 4, Schabelitz in Comm. 12 Ngr.
29 4. Maurer, Franz, über Alter, Zweck und Bewohner der Pfahlbauten.
Ausland 1864, Nr. 39 ff.
295. Die dänischen Kjökken möddin gs, die Pfahlbauten in der Schweiz
und Deutschland und die irischen Seewohnungen.
Der Globus von K. Andree, 6. Band.
2 9 6. Jäger, Alb., Über das rhätische Alpenvolk der Breuni oder Breonen.
[Aus den Sitzungsberichten 1863 der Wiener Akademie.] Lex. 8. (9 0 S.)
Wien 1863, Gerold in Comm. 14 Ngr.
297. Schmitz - Aur b ach, C. v., Die Baiern, ein teutisches Urvolk
und Stammväter der Boji, und das Land Altbaiern von tiefster Urzeit her echt
teutisch und Stammland der Baiern.
Archiv für das Studium der neuern Sprachen von L. Herrig 34, 466 — 478.
2 9 8. Dederich, Oberlehrer in Emmerich, Der Gau der Attuarier.
Mittheilungen des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde in Frankfurt a. M.
2. Band, Nr. 3.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 363
299. Ritter, Über die Namen der Chatti oder Catti.
Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande, 18. Jahrgang
2. Heft, S. 19—27.
300. Frau Stadt, Pastor, Die Suevenstämme des mittleren Deutschlands.
Archiv für die sächsische Geschichte , von W. WachsmuJh und K. v. Weber.
I. Band, 1863.
301. Hylte n - Cavallius, G. O., Wärend och Wirdarne, ett försök
i Svenska Etbnologi. 2. Haftet. 8. (S. 235 — 503, nebst Nachtrug und Anmer-
kungen S. I— XIII) Stockholm 186 4.
Vgl. Bibliogr. 1863, Nr. 235; beide Hefte bilden den ersten Theil dieses fürden
Mythen- und Sagenforscher ergiebigen Werkes; er enthält I. Land och Folk, S. 1 — 107.
II. Hadna-kult S. 108—203. III. Hadna-tro S. 204—503.
302. Taciti Germania. Ex Hauptii recensione recngnovit et perpetua
annotatione illustravit Frid. Kritzius. Editio altera aucta et emendata. 8. (XVI,
13 1 S.) Berlin 1864. Schneider. 18 Ngr.
303. Boot, J. C. G. , Over de Germania von Tacitus. In: Verslagen
en Mededelingen der koninklijke Akademie van Wetensehapen. Afdeeling Letter-
kunde. 7. Deel. Amsterdam 18 63. 8.
3 04. Mün scher, Dr. Fr., Beiträge zur Erklärung der Germania des
Tacitus. Zweite Abtheilung. 4. (4 6 S )
Programm des Gymnasiums zu Marburg 1864.
305. Göbel, E,, Zur Germania des Tacitus.
Eos, Süddeutsche Zeitschrift für Philologie und Gymnasialwesen. 1. Jahrg. 4. Heft.
305a. Halm, Über einige controverse Stellen in der Germania des Tacitus.
Sitzungsberichte der bayer. Akademie der Wissensch. zu München. 1864. 2. Heft.
306. Becker, J., Zu Tacitus.
Rheinisches Museum für Philologie, 19. Band (1864) S. 637-639. Handelt über
Albruna, Germania cap. 8.
3 0 7. Baumstark, A., Über das Romanhafte in der Germania des Tacitus.
Eos 1. Jahrgang 1. Heft.
308. Wiedemann, Th., Über eine Quelle von Tacitus' Germania.
Forschungen zur deutschen Geschichte 4. Band l. Heft. Versucht nachzuweisen,
daß Tacitus und Horaz (für eine Ode) aus derselben verlorenen Quelle geschöpft haben.
309. Fiedler, Über den Wohnsitz der Veleda.
Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande, 37. Heft.
3 10. Holtzmann, Ad., die Centeni der Germanen.
Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. 38. 1 1 < i't.
311. Brockhaus, F. A., De comitatu Germanico. 8. (61 S.) Jena 1863.
Haliili tationsschrift.
Handelt cap. 1 — 4 von dem Gefoltrswesen dos Tacitus. und cap. 5—1(1 von den
merovin^ischen Antrustionen, welche beide Erscheinungen der Verf als Entwickelung
einer Grunderscheinung darstellt. Vgl. Literar. Centralblatt L864, Nr. 39.
312. Pe ucker, General v., Das deutsche Kriegswesen der Urzeiten in
seinen Verbindungen und Wechselwirkungen mit dem gleichzeitigen Staats- und
Volksleben. 3. Theil. Wanderung über die Schlachtfelder der deutschen Heere
der Urzeiten. 1. Theil. Die Kampfe in den beiden letzten Jahrhunderten vor
dem Beginne unserer Zeitrechnung, gr. 8. (XI, 4 15 S.J Berlin 186 4, Decktr.
2 Rthlr. (1-3: 6 Rthlr.)
3G4 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
Vgl. Germania 9, 22Ü fg. (von A. Holtzmann); Militär-Literatur-Zeitung 1864,
Nr. 9; Göttiwr. Gel. Anzeigen 1865, Nr. 1 (von G. Waitz); Litterar. Centralbl. 1865,
Nr. 8; Deutsch. Museum 1865, Nr. 3; Mag. f. d. Litt. d. Ausl. 1864, Nr. 49.
313. Silberschlag, K., Das Kriegswesen der Deutschen von den ältesten
Zeiten bis in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts. I. II.
Deutsches Museum 1864, Nr. 20. 21.
314. Derselbe, Das Kriegswesen der Deutschen von der Zeit Karls
des Großen bis zum Ende des Mittelalters.
Deutsches Museum 1864, Nr. 25.
315. Über das Kriegswesen vom 13. bis 17. Jahrhundert in Baden,
Bayern, Elsaß, Schweiz, Vorarlberg. Hessen und Rheinpreußen.
Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins von Mone, 16, 1 — 17; Fortsetzung
im 17. Bande (1865).
316. Der Stat Passaw Zewg Regisster. Ein Beitrag zur altern Kriegs-
wissenschaft. Mitgetheilt von Erhard.
Verhandlungen des historischen Vereines für Niederbayern, 10. Band, 1. Heft.
317. Thorsen, P. G. , De Danske Runemindesmaärker , forklarede af
P. G. Th. 1. Afdel., Runemindesmajrkcrne i Slesvig. (IV, 359 S.) Kjöbenhavn
18 64, Hagerup. 3 Rthlr. 22lj2 Ngr.
318. Dieterich, Lyc. Prof. Rect. Dr. U. W., Enträthselung des Odini-
schen Futhork durch das semitische Alphabet. 8. (VIII, 9 5 S.) Stockholm 1864,
Maass. 18 Ngr.
Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 7, Sp. 178—180.
319. Die Alterthümer unserer heidnischen Vorzeit. Nach den in öf-
fentlichen und Privatsammlungen befindlichen Originalien zusaminengt stellt und
herausgegeben von dem römisch - germanischen Centralmuseum in Mainz durch
dessen Conservator L. Lindenschmit. 2. Bd. 1. Heft. gr. 4. (8 Taf. und 1 0 S.
Text.) Mainz 1864, v. Zabern. 5/o Rthlr.
320. Eye, Dr. A. v. , und Jac. Falke, Kunst und Leben der Vorzeit
von Beginn des Mittelalters bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Skizzen und
Originaldenkmälern. 2. nach chronologischer Reihenfolge zusammengestellte Aus-
gabe in 3 Bänden. 3. Bd. 3 — 5. Heft. gr. 4. (3 2 Taf. und 3 2 Bl. Text.) Nürn-
berg 1864, Bauer u. Raspe, a 1 Rthlr.
321. Stillf r ied - Alcan tara, Rudolf Graf, Alterthümer und Kunst-
denkmale des Erlauchten Hauses Hohenzollern. Neue Folge. 10. Lieferung.
(2. Band, 4. Lief.) Imp. Fol. (6 Steintaf. und 12 S. Text mit eingedruckten Holz-
schnitten.) Berlin 1864, Korn. 1 1 l/3 Rthlr.
322. Alterthümer und Denkwürdigkeiten Böhmens. Mit Zeichnungen
von Jos. Hellich und Wilh. Kandier. Beschrieben von Ferd. B. Mikowec und
K. Wl. Zap. 2. Bd., 10. u. 11. Lief. (S. 173 — 208 mit 6 Stahlst.) Prag 1864,
Kober. ä 1 2 Ngr.
323. Photographisches Album böhmischer Alterthümer. Nach den
Originalen aufgenommen von dem ersten hiesigen Maler und Photographen
J. Brandeis. Text von B. Mikowec. Fortgesetzt von A. Ambros. 10 Hefte.
Prag 186 4, Kuranda. 4 0 Rthlr.
3 24. R u p p, Theophil, Aus der Vorzeit Reutlingens und seiner Umgegend.
Mit vier Photographien, gr. 8. (50 S.) Reutlingen 1864.
Vgl. Anzeiger für Kunde der deutscheu Vorzeit 1865, Nr. 1; Lit. Centr. Nr. 19.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. ^G.-,
3 2 5. Birnbaum, H., Zur Alterthumskunde Skandinaviens.
Blätter für litter. Unterhaltung 1864, Nr. 23.
326. Antiquarisk Tidskrift för Sverige utgifven af Kongl. Vitterhets-
Historie- och Antiquitets Akademien, genom Bror Emil Hildebrand. 1. Delen.
(VIII, 324 S.) Mit 23 Tafeln und eingedr. Holzsehn. Stockholm 1864, Norstedt.
3 2 7. Banck, O., Blicke in das Leben des Mittelalters.
Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 1864, Nr. 62 — 64.
32». Das häusliche Leben der Engländer im 13. und 14. Jahrh.
Berliner Revue. 39. Band, 3.-6 Heft.
329. Sachse, Friedr., Über die Verstandescultur der Deutschen im Mittel-
alter. 8. (2 8 S.) Berlin 18 64. Jahresbericht über die höhere Knabenschule in
Berlin, Potsdamerstraße Nr. 3.
Vgl. Germania 9, 78.
330. Deutsche Gemüth 1 ich kei t im Mittelalter.
Illustrirtes Familienjonrnal 1864, Nr. 10.
331. (Härtung.) Deutscher Trunk. Kulturhistorische Skizzen. (Aus den
Collectaneen eines Antiquars.) 8. (7 6 S.) Leipzig 186 3, Härtung.
Nicht im Buchhandel.
3 3 2. Falke, Jakob, Die irrende Ritterschaft.
Raumer's notorisches Taschenbuch, 4. Folge, 4. Jahrgang, 1S63, S. 141—232.
3 3 3. Roch holz, E. L., Frau Aventiure.
Illustrirte Zeitung, Nr. J088
3 3 4. Reich, Dr. med. Ed., Geschichte, Natur- und Gesundheitslehre
des ehelichen Lebens. 8. (IV, 568 S.) Cassel 1864, Krieger. 3 '/., Rthlr.
Enthält bis S. 464 eine Geschichte der Ehe, oder vielmehr der Stellung der Ge-
schlechter zu einander bei gebildeten und ungebildeten Völkern, der Heirathsgebräucha etc
Vgl. Litt. Centralbl. 1864, Nr. 18.
3 3 5. Hertz, Dt. W , Über den ritterlichen Frauendienst.
Heimgarten 1864, Nr. 44 ff
3 3 G. Wolf, Ferd., Über einige altfranzösische Doctrinen und Allegorien
von der Minne, nach Handschriften der k. k. Hofbibliothek, gr. 4. (60 S.)
Wien 1864, Gerold in Comm. 5/6 Rthl-
Besonders abgedruckt aus den Denkschriften der Akademie, philos. hist. Classe,
13, 135 — 192. Aus den Wiener Handschriften 2609, 2621, 2585. Vgl. Litt. Centralbl.
1864, Nr. 39; Allgemeine Litteratur-Zeitung 1865, Nr. 2.
337. Burgundische Hofsitten.
Wochenblau der Johanniter-Orderjs-Balley Brandenburg 1864, Nr. 30, 31.
33 8. Über die Markbrüder und Federfechter und über das älteste
bisher noch unbekannte, gedruckte deutsche Fechtbuch.
Deutsche Turner-Zeitung 1864, Nr. 45.
339. Hautz, Hofrath Prof. Joh. Fr., Geschichte der Universität Heidel-
berg etc. (Bibliographie 1863, Nr. 266) 10. — 14. (Schluß-) Lieferung, gr. 8.
(2. Bd., XVI, S. 161 — 507.) Mannheim 1864. Schneider, ä */3 Rthlr.
3 3 9\ Schröder, Dr. Job. Fr., Das Wiederaufblühen der classischen
Studien in Deutschland im 15. und zu Anfang des 16. Jahrh., und welche Männer
es befördert haben, gr. 8. (IV, 286 S.) Halle 1864, Schwetscbke. 1 Rthlr. 6 Ngr.
Vgl. Litter. Centralbl. 1865, Nr. 12.
3 4 0. Der Buchhandel im Mittelalter.
Das Ausland 1864, Nr. 17.
36(5 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
341. Finckenstein, Priv. Doc. Dr. Raph. , Dichter und Ärzte. Ein
Beitrag zur Geschichte der Litteratur und zur Geschichte der Medicin. Mit poe-
tischen Proben und gelehrten Anmerkungen ausgestattet. 8. (IV, 20 8 S.) Breslau
1864, Maruschke u. Berendt. 5/6 Rthlr.
342. Weltliche Kranken- und Armenhäuser im Mittelalter.
Wochenblatt der Johanniter-Ordens-Balley Brandenburg 1864.
343. Kriegk, Ärzte, Heilanstalten, Geisteskranke im mittelalterlichen
Frankfurt am Main. Frankfurt 1863. 4.
Abdruck aus den Schriften des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde in
Frankfurt a. M.
344. Finckenstein, R., Die Epidemien des 15. und 16. Jahrhunderts.
Deutsche Klinik von Göschen 1864, Feuilleton.
345. Vorschriften eines mittelalterl. Kalenders über Gesundheitspflege.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 332 — 336. Mitgetheilt aus
dem Nürnberger Archiv von Jos. Baader. Am Schluße Reimsprüche über diesen Ge-
genstand.
346. Birlinger, A., Kalender und Kochbüchlein aus Tegernsee.
Germania 9, 192 — 207. Aus einer Papierhandschrift des 15. — 16. Jahrb. im
Münchener Nanonalmuseum.
347. Flügel, Dr., Volksmedizin und Aberglaube im Frankenwalde. Nach
zehnjähriger Beobachtung dargestellt. 8. (VIII, 81 S.) München 1863, Leutner.
Vgl. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 224.
34 8. Fromm, L. , und C. Struck, Sympathien und andere abergläu-
bische Curen , Lebens- und Verhaltungsregeln und sonstiger angewandter Aber-
glaube, wie er sich noch heute im Volke findet. Ein Beitrag zur Kenntniss des
mecklenburgischen Volkes.
Archiv für Landeskunde, 9. Heft.
3 4 9. Leist, A., Die Sprache der Zigeuner. Nach eigener Forschung.
Das Ausland 1864, Nr. 37.
35 0. Wesen und Sprache der Zigeuner.
Blätter für litter. Unterhaltung 1864, Nr. 36.
351. Die Gaunersprache.
Ebendaselbst 1864, Nr. 30.
352. Steinschneider, M. , Jüdisch-deutsche Litteratur und Jüdisch-
Deutsch. Mit besonderer Rücksicht auf Ave-Lallemant.
Serapeum 1864, Nr. 4, 5.
3 5 3. Heyne, M. , Über die Lage und Construction der Halle Heorot
im angelsächsischen Beovulfliede. Nebst einer Einleitung über angelsächsischen
Burgenbau. gr. 8. (VII, 6 0 S.) Paderborn 1864, Schöningh. l/3 Rthlr.
Vgl. Recensionen über bildende Kunst 1864, Nr. 28; Anzeiger für Kunde der
deutschen Vorzeit, Nr. 11 ; Kölnische Zeitung, Nr. 190.
35 4. Schultz, Alwin, Das altdeutsche Haus. Mittheilungen der k. k.
Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale. 8. Jahr-
gang, December. Wien 186 3. 4.
3 5 5. Das Schloß Runkelstein bei Bozen.
Ileimgarten 1864, Nr. 17.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 3(37
35G. Holland, H. , Zwei Burgen: Tolenstein an der Altmühl und
der Hohen-Twiel.
Westermann' s illustrirte deutsche Monatshefte, Nr. 93, Juni 1864.
357. Heß, IL, Über die mittelalterlichen Burgbauten Thüringens.
Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte, 5. Band, 4. Heft,
3 5 8. Jungermann, W., Dorfanlage und Hausbau in Deutschland.
Gartenlaube J864, Nr. 48, 49.
35 9. Brückner, Das nordfränkische Bauernhaus.
Globus von K. Andree, 7. Band.
360. Sammlung von Hausmarken auf Siegeln und an Archivurkunden
des germanischen Museums.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 101 — 163
361. P e e t z, Hartwig, Beitrag zu den Forschungen der Hausmarken und
Ilausnamen im bayerischen Hochgebirge und im Franken walde.
Bayerische Zeitung 1864, Nr. 110.
362. Inschriften, deutsebe, an Haus und Gerätb. Zur epigrammatischen
Volkspoesie. 16. (XI, 82 S.) Berlin 1865, Besser. '/2 Rthlr.
Vgl. Deutsches Museum 1S64, Nr. 48; Volksblatt für Stadt und Land 98; Ma-
gazin für die Litt, des Auslandes 1865, Nr. 7; Herrig's Archiv 37, 110.
3 6 3. Zur (Häuser-, Grab- etc.) Ins ehr ift e n sam ml u n g. Aus dem Re-
gierungsbezirk Magdeburg.
Volksblatt für Stadt und Land 1864, Nr. 83.
36 4. Vierling, A., Häuser-Inschriften in der Oberpfalz.
Bayerische Zeitung 1864, Nr. 297, Morgenblatt.
3 6 5. Scheffer, H. , Inschriften und Legenden Halberstädter Bauten.
Ein Beitrag zur Geschichte der Stadt aus den letzten vier Jahrhunderten, gr. 8.
(VIH, 56 S.) Halberstadt 1864, Halm. l/3 Rthlr.
366. Berjean, Ph. Ch., The horses of antiquity, middle ages and
renaissance , from the earliest monuments down to tbe sixteentb Century. 4.
London 1864, Dulau. 12 s.
3 6 7. Stark, F., Zur Farbensymbolik.
Germania 9. 455 fg.
36 8. Zingerle, J. V., Farbenvergleiche im Mittelalter.
Germania 9, 385—402.
369. Zingerle. J. V., röter munt.
Germania 9, 402 fg.
370. Gott ehre das Handwerk. Eine Sammlung der alten Ilandswerks-
gebräuche und Gewohnheiten verschiedener Zünfte. I. 8. (99 S.) Meißen 1864,
Schindler. '/3 Rthlr.
3 7 1. Heffner, Dr. Ludwig, Über die Baderzunft im Mittelalter und spätrr,
besonders in Franken.
Archiv des historischen Vereines für Unterfranken und Aschaffenburg, 17. Band,
1. Heft. Würzburg 1864. 8.
3^8 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
3 7 2. Fahne, A. , Die Düsseldorfer Schützen und die Kölner Gewand-
zunft. Forschungen auf dem Gebiete der rheinischen und westfälischen Geschichte,
v. A. Fahne. 2. Heft. Cöln 186 4.
373. Schultz, Alwin, Zur Geschichte der Breslauer Goldschmied-Innung.
Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Altenhum Schlesiens. 5 Bd., 2. Ht't.
37 4. Wehrmann, C. , Die älteren Lübeckischen Zunftrollen. Heraus-
gegeben, gr. 8. (VIII, 5 26 S.) Lübeck 1864, Asschenfeldt. 3 Rtblr.
Sammlung von Statuten der Innungen 1330—1543, voraus eine Einleitung (S. 1
bis 156), die eine Darstellung des Handels- und Zunftwesens in Lübeck gibt. Am
Schlüsse (S. 504—526) ein Glossar. Die Zünfte folgen in alphabetisier Ordnung auf
einander. Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 23; Glaser's Jahrbücher II, 1.
37 5. Wehrmann, C. , Staatsarchivar, Der lübeckische Rathsweinkeller.
Zeitschrift des Vereins für lübeckische Geschichte, 2. Bd., S. 75 — 128 (1863).
3 7 6. Siegel des Mittelalters aus den Archiven der Stadt Lübeck.
6. Heft. gr. 4. Lübeck 186 4, v. Rohden in Comm. 2 4 Ngr.
377. Kret«chmer, A. , und C. Rohrbach, Die Trachten der Völker.
16. — 19. Lieferung. Imp. 4. (S. 201 — 308) Leipzig 1864, Bach, a 22/3 Rthlr.
Vgl. Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 1864, Nr. 60.
3 7 8. Von dem vnzymlichen gewandt etlicher frawen. Mitgetheilt von
Dr. A. Birlinger.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 175 fg ; Verordnung des
Salzburger Concils von 1418, aus der Münchener Hs. cod. germ. 688, Bl. 238.
37 9. Birlinger, A., Über Gugel und Gugelmänner.
Bayerische Zeitung 1864, Nr. 179 Morgenblatt.
XI. K u n s t.
380. Schnaase, Carl, Geschichte der bildenden Künste. 7. Band.
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter. 5. Band. gr. 8. (XV, 711 S.)
Düsseldorf 1864. Buddeus. 6 Rthlr.
381. L ü b k e, Prof. Dr. Wilh., Grundriss der Kunstgeschichte. 2. durch-
gesehene Auflage. 3. und 4. Lieferung, gr. 8. (XX, S. 385 — 763) Stuttgart
1864. Ebner u. Seubert. 1 Rthlr. 22 Ngr.
3 8 2. Denkmäler der Kunst, zugleich Bilder-Atlas zu Lübke, Grundriss
der Kunstgeschichte. Volksausgabe. 2. — 6. (Schluß-) Lieferung, qu. Fol. (IV,
4 8 S. und 4 6 Kupfertafeln.) Stuttgart 18 64. Ebner u. Seubert. 5 Rthlr. 12 Ngr.
383. Förster, Prof. Dr. Ernst, Denkmale deutscher Baukunst, Bild-
nerei und Malerei von Einführung des Christenthums bis auf die neueste Zeit.
207 — 222. Lieferung. Imp. 4. Leipzig 1864. T. O. Weigel. ä 2/3 Rthlr.
Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 36.
384. Kunstwerke und Geräthe des Mittelalters und der Renaissance
in der k. k. Ambraser Sammlung, in Original-Photographien herausg. und er-
läutert von E. v. Sacken. 1. Heft. Fol. Wien 1864. Typographische Anstalt.
22/s Rthlr.
385. Denkmale der Geschichte und Kunst, der freien Hansestadt
Bremen. 1. Abth. 2. Lieferung, gr. 4. Bremen 1864. Müller. 6 Rthlr.
386. Baudenkmale, mittelalterliche, aus Schwaben. Die ehemalige
freie Reichsstadt Ulm. Herausgegeben von J. Egle. Stuttgart 18 64.
Vgl. W. Lübke in der Allgem. Zeitung 1864, Nr. 91 S. 1474.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 369
387. Baudenkmäler, mittelalterliche, in Kurhessen. Herausgegeben
von dem Verein für hessische Geschichte und Landeskunde. 2. Lieferung. Fol.
(14 S. mit eingedr. Holzschn. und 7 Steintafeln.) Kassel 1864. Freysehmidt
in Co mm. 2 V2 Rthlr.
388. Quast, Ferd. v., Denkmale der Baukunst in Preußen. Nach Pro-
vinzen geordnet. Heft IV. gr. Fol. (4 Steintaf. und 2 Kupfertaf. mit Text
S. 3 5 — 5 0) Berlin 18 64. Ernst u. Korn. 25/0 Rthlr.
389. Fahne, A., Der Kölner Dom in seinen Umgebungen. Zwei topo-
graphische Bilder aus dem 13. und 16. Jahrhundert.
Forschungen auf dem Gebiete der rheinischen nnd westfälischen Geschichte von
A. Fahne. 1. Heft. Cöln 1864. Heberle.
39 0. Zur Geschichte der Christus- und Marienbilder.
Historisch-politische Blätter, 54. Band, S. 190 — 207. Anknüpfend an Glückselig's
Christus- Archäologie (Bibliographie 18b'2, Nr. 164).
391. Schulz, A. (San-Marte), Schildmaler und Malerwappen.
■Germania 9, 463—471.
392. Falke, Jakob, Die freien und fahrenden Künstler des Mittelalters.
Illustr. Familienbuch IV, 3.
393. Ambros, Dr. A. W., Geschichte der Musik. 2. Band: Die Musik
des Mittelalters. 2. Hälfte. Breslau 18 64, Leuckart. 2 Rthlr.
Vgl. Götting. Gel. Anzeigen 1864, Nr. 44, S. 1732—1748 von E. Krüger; Grenz-
boten 1864, Nr. 26; Österreich. Wochenschrift Nr. 29; Dresd. Journal Nr. 143.
3 9 4. Nohl, L, Die geschichtliche Entwickelung der Musik in ihren
Hauptzügen. 2. Die Polyphonie des Mittelalters.
Österreichische Wochenschrift 1864, Nr. 4L
3 95. Reissmann, A., Allgemeine Geschichte der Musik. 2. Band
Lex. 8. (III, 428 S.) München 186 4. Bruckmann. 4 Rthlr.
Vgl. Magazin für die Litt, des Ausl. 1865, Nr. 8.
396. Westphal, R., Geschichte der alten und mittelalterlichen Musik.
1. Abtheilung, gr. 8. (XII, 248 S.) Breslau 1865. Leuckart. 1% Rthlr.
XII. Rechtsgeschichte und Rechtsalterthümer.
397. Wasserschieben, H., Die germanische Verwandtschaftsberech-
nung und das Princip der Erbenfolge nach deutschem, insbesondere sächsischem
Rechte, gr. 8. (4 4 S.) Gießen 18 64. Heinemann. '/3 Rthlr.
Vgl. Litt. Centralbl. 1864, Nr. 51, Sp. 1228. Gegen Homeyer gerichtet.
3 9 7 a. Lewis, W. , Die Succession der Erben und die Obligationen der
Erblasser nach deutschem Recht, gr. 8. (VIII, 208 S.) Berlin 1864. Weid-
mann. 1 x/z Rthlr.
Vgl. Litt. Centralbl. 1865, Nr. 9.
398. Friedberg, E., Ehe und Eheschließung im deutschen Mittel-
alter. Eheschließung und Ehescheidung in England und Schottland. Zwei Wir-
träge. 8. (67 S.) Berlin 1864. Mittler. 12 Ngr.
Ein Auszug aus des Verf. Abhandlung 'zur Geschichte der Eheschließung' im
ersten Bunde von Dove's Zeitschrift, für Kirchenrecht , für ein größeres Publicum. Vgl.
Litt. Centralbl. 1864, Nr. 36; Bibliotheque universelle et Revue Suisse, November l t.
GERMANIA X. 24
370 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
89 9. Laband, Dr. Paul, Die rechtliche Stellung der Frauen im alt-
römischen und germanischen Hecht.
Zeitschrift für Völkerpsychologie, 3. Band.
400. Bekker, E. J., Feudalität und Unterthanenverband.
Glaser's Jahrbücher für Gesellschafts- und Staats Wissenschaften, 1, 273 — 288.
Angelehnt an P. Roth's Buch (Bibliogr. 1863, Nr. 316).
401. Dove, R. W., Das sogenannte Sendrecht der Main- und Rednitz-
wenden. Zugleich ein Beitrag zur Kritik des III. Bandes von Pertz leges.
Dove's Zeitschrift für Kirchenrecht IV, 157-175. Vgl. Histor. Zeitschrift 1864.
2. Heft, S. 422.
402. Dove, R. W., Beiträge zur Geschichte des deutschen Kirchenrechts.
I. Die fränkischen Sendgerichte. 1. 2.
Dove's Zeitschrift für Kirchenrecht, 4. Bd., 1. Heft (S. 1—45) und 5. Bd., 1. Heft
Vgl. Historische Zeitschrift 1864, 2. Heft, S. 421.
403. Franklin, O., Das königliche und Reichshofgericht in Deutsch-
land in der Zeit von Heinrich I bis Lothar von Sachsen.
Forschungen zur deutschen Geschichte, 4. Bd., 3. Heft.
404. Müller, Amtsrichter, Die germanischen Schöffengerichte nach ihrer
Entwicklung und Bedeutung als künftige erstinstanzliche Gerichte Deutschlands.
Archiv für die civilistische Praxis 46, 125—162. Handelt ganz kurz auch von
den Schöffengerichten im Mittelalter.
405. Berchtold, Dr. Jos., Die Entwickelung der Landeshoheit in
Deutschland in der Periode von Friedrich II. bis einschliessig zum Tode Ru-
dolfs von Habsburg, staatsrechtlich erörtert. 1. Theil. gr. 8. (VIII, 156 S.)
München 1863. Rieger. 1 Rthlr.
Vgl. Allgem. Litt. Zeitung 1864, Nr. 22; Pözl's Vierteljahrsschrift 5, 430-436;
Histor. Zeitschrift 1864, 2. Heft, S. 436; Haimert, Vierteljahrsschrift 1864, Nr. 4; Litt.
Ceutralbl. 1865, Nr. 1: Litt. Handweiser 1864, Nr 26.
406. Tomasche k, Dr. J. A., Recht und Verfassung der Markgraf-
schaft Mähren im 15. Jahrhundert. Mit einer Einleitung über die Geschichte
des böhmisch-mährischen Landrechts in seinem Gegensatz zum deutschen Weich-
bildrechte. 8. (8 7 S.) Brunn 1863. Nitsch.
Vgl. Schletter's Jahrbücher (1864) 9, 207.
407. Fliegel, Maxim., Quae sit ratio juris ducalis in veteribus do-
cumentis Silesiacis. 8. (4 0 S.) Vratislav. 186 4.
Doctordissertation.
408. Lancken, C. E. von der, Om länsförfattningen i Sverge under
Medeltiden. 8. (5 6 S.) Lund 1864.
Doctordissertation.
409. Brandes, H., Dritter Bericht über die germanistische Gesellschaft
an der Universität Leipzig, gr. 8. Leipzig 1864. Dürr. l/2 Rthlr.
410. Weinhold, Karl, Über die deutschen Fried- und Freistätten. 4.
(19 S.) Kiel 1864.
Zur Feier des Geburtstages Herzogs Friedrich VIII.
411. Thomas, G. , Ein Fragment zu den Ordalien.
Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1863, II, S. 262—265. Aus cod. lat.
Monac. J4407 (IX— X. Jahrh.) Bl. 74''.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 371
412. Hiltl, Georg, Aus den Rechtshallen des Mittelalters. IL Folter
und Strafwevkzeuge.
Gartenlaube 1864, Nr. 34, 38.
413. K r i e g k , G. C, Die Frankfurter Schuldhaft und Frankfurter Privat-
gefängnisse im Mittelalter.
Deutsche Gemeindezeitung 1864, Nr. 19, 20.
414. R u 1 a n d 's Bilder in Altpreußen.
Altpreußische Monatsschrift 1864, 2. Heft.
415. Das Wahrzeichen der abgehauenen Hand. Ein Königsberger
Rechtsalterthum.
Altpreußische Monatsschrift 1864, 1. Heft.
416. Tobler, L., Über 'Wunn und Weid im altdeutschen Recht.
Neues schweizerisches Museum, herausgegeben von W. Vischer, H. Schweizer-
Sidler, A. Kießling. 4. Jahrg. 3. Heft (1864).
417. Schramm, H., Das Wehrgeld. Ein Beitrag zur Sittengeschichte
unserer Vorfahren.
Hausblätter 1864, 13. Heft.
418. Platner, Dr., Der Wiederkauf. Eine deutsch-rechtsgeschichtliche
Abhandlung.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte 4, 123—167.
418'. Homeyer, G., Der Dreissigste.
Abhandlungen der Berliner Akademie 1864, S. 87— 270: auch in Separatabdruck
419. Stobbe, O. , Geschichte der deutschen Rechtsquellen. 2. Abth.
gr. 8. (XII, 516 S.) Braunschweig 1864. Schwetschke. 2 Rthlr. 16 Ngr.
Der erste Theil dieses den ersten Band einer 'Geschichte des deutschen Rechtst
in sechs Bänden bildenden Werkes erschien 1860. Der vorliegende zweite umfasst die
Zeit von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart; und zwar zuerst die
Geschichte der Reception des römischen Rechtes (S. 1 — 142), dann die Geschichte der
einheimischen Rechtsquellen, und die deutsche Rechtslitteratur. Vgl. Litter. Centralbl.
1864:, Nr. 47, Sp. 1119—21. Bekker und Pözl, Vierteljahrschrift VI, 4 (von Stintzing).
Altpreußische Monatschrift 1864, 7. Heft; Europa Nr. 48.
42 0. Steffenhagen, Noch einige Nachträge und Notizen zu Homeyer,
die deutschen Rechtsbücher des Mittelalters und ihre Handschriften.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte 4, 178 — 185.
421. Derselbe, Litterärgeschichtliche und rechtshistorische Mittheilungen
aus Königsberger Handschriften.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte 4, 188 — 204.
42 2. Hin s chi us, P., Die germanischen Volksrechte.
Historische Zeitschrift 1864, 2. Heft, S. 391—416. Anknüpfend an den dritten
Band der Leges in Pertz MonunenteD.
4 2 3. Pott, Romanische Elemente in den langobardischen Gesetzen.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 13, 321 — 364 (Schluß).
4 2 4. Pertz, Über eine bisher nicht bekannte noch benutzte Hs. der
Leges Wisigothorum.
Monatsbericht der k. preuß. Akademie der Wissenschaften, Februar 1864.
24 *
372 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
4 2 5. M nassen, Frdr. , Ein Capitulare Lothars I. [Abdruck aus den
Sitzungsberichten derAkad.] Lex. 8. (4 S.) Wien 1864, Gerold in Comm. 1 J/2 Ngr.
426. Boretius, Dr. A. , Die Capitularien im Langobardenreich. Eine
rechtsgeschichtliche Abhandlung, gr. 8. (XIV, 196 S.) Halle 1864, Buchhand-
lung des Waisenhauses. 2 5 Ngr.
Vgl. Lit'erar. Centralbl. 1864, Nr. 48; Deutsche Geriohts-Zeitung Nr. 50; Köl-
nische Zeitung Nr. 319; Haimerl, Viertel jahrschrift XV, 1. 2.
427. Muther, Th., Kleine Beiträge zur Geschichte der sächsischen Kon-
stitutionen und des Sachsenspiegels.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte 4, 1G8— 174.
428. Schröder, Rieh., Zur Lehre von der Ebenbürtigkeit nach dem
Sachsenspiegel.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte 3, 461—480.
42 9. Stadtrecht von Kirchberg im Hunsrücken 124 9.
Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins von Mone, 16, 46 — 52 (1863).
430. Das Löwenberger Kampfrecht aus dem rothen Buche des
Rathsarchivs zu Löwenberg in Schlesien mitgetheilt von Korn.
Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterth. Schlesiens, 6. Bd. 1. Heft.
431. Die Weistbümer.
Österreich. Wochenschrift 1864, Nr. 5.
43 2. Weistbümer. Herausgegeben und mit urkundlichen Bemerkungen
begleitet von Dr. Kittel.
Archiv des bist. Vereines von Unterfranken u. Aschaffenburg. 17. Bd. 1. Heft (1864).
433. Weistbümer vom 13. — 16. Jahrhundert aus der Schweiz, Baden,
Elsaß, Bayern und Rheinpreußen.
Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins von Mone, 17. Band, 2. Heft.
434. Weisthümer, mitgetheilt von Dr. Ennen. Weisthum von Paffrath,
Kreis Mülheim, mitgetheilt von Dr. G. Eckertz.
Annalen des histor. Vereins für den Niederrhein. 15. Heft. Köln 1864. 8.
434\ Aus den österreichischen Pantai dingen. Von Karl Obertimpfler.
(Progr. des Ob. Gymn. zu Wiener - Neustadt 1864.) 4. (6 S.) Wien 1864,
C. Gerolds Sohn.
435. Gen gier, H. G. , Codex juris municipalis Germaniae medii aevi.
1. Band, 2. Heft (S. 257 — 512). Erlangen 1864, Enke. 1 Rthlr. 14 Ngr.
Vgl. Bibliogr. 1863, Nr. 338 und Germania 9, 76; Götting. gel. Anzeigen 1864,
S. 864—878 (von Frensdorff); altpreuß. Monatschrift 1864. Nr. 2; Histor. Zeitschrift
1864. 2. Heft, S. 442—445; Deutsch. Museum 1864, Nr. 20; 1865, Nr. 9; Lit. Central-
blatt 1865, Nr. 11.
XIII. Deutsche Li tteraturgeschichte und Sprachdenkmäler.
4 3 6. Vilmar, A. F. C. , Geschichte der deutschen National-Litteratur.
10. Auflage. 8. (XII, 6 24 S.) Marburg 1864, Elwert. 2 Rthlr.
4 3 7. Kurz, H. , Geschichte der deutschen Litteratur mit ausgewählten
Stücken aus den Werken der vorzüglichsten Schriftsteller. 4. Aufl. 8 — 34. Lief.
Lex. 8. Leipzig 18 64, Teubner. ä % Rthlr.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 3.73
438. Burckhardt, J. G. E. , Geschichte der deutschen Litteratur.
Die Poesie. Für Schulen und zum Selbstunterrichte, gr. 8. (X, 245 S.) Leipzig
1865, Klinkhardt. T/2 Rthlr.
Vgl. Allgem. Litter. Zeitung 1864, Nr. 40.
439. Gredy, F. M. , Geschichte der deutschen Litteratur für höhere
Lehranstalten, zum Privat- und Selbstunterricht. 3. verbess. Aufl. gr. 8. (X,
137 S.) Mainz 186 4, Kirchheim. '/2 Rthlr.
Vgl. Litter. Handweiser Nr 32.
440. Lange, Prof. Dr. Otto, Grundriss der Geschichte der deutschen
Litteratur für höhere Bildungsanstalten. 4. verbess. Aufl. gr. 8. (VI, 9 2 S.)
Berlin 18 65, Gärtner. 8 Ngr.
Vgl. Litter. Handweiser Nr. 32.
441. Scheinpflug, B. , Kurze Litteraturgeschichte der Deutschen
für den ersten Unterricht, gr. 8. (IV, 160 S.) Prag 186 5, Dominicus. % Rthlr.
442. Raumer, Fr. v., Handbuch zur Geschichte der Litteratur. 2 Theile.
gr. 8. (XIII, 640 S.) Leipzig 186 4, Brockhaus. 22/3 Rthlr.
Vgl. Allgem. Litter. Zeitung 1864, Nr. 12. Die deutsche Litteratur des Mittel-
alters ist auf drei Seiten abgehandelt.
44 3. Shaw, Thom. B., History of english literature. New edition, en-
larged and re-written. Edited with notes and illustratious by Will. Smith. 12.
(X, 5 00 S.) London 1863, Murray.
444. Dalen, Dr. C. von, Grundriss der Geschichte der englischen Sprache
und Litteratur. gr. 9. (III, 2 4 S. mit 1 Tabelle). Leipzig 1864, Hartmann. 6 Ngr.
445. Morley, H. , English Writers. The Writers before Chaucer ; with
an introductory sketch of the four Periods of english Literature. London 1864,
Chapman and Hall.
446. Elze, Karl, Die englische Sprache und Litteratur in Deutschland.
Eine Festschrift zur 3 0 0jährigen Geburtsfeier Shakespeares. 8. (9 2 S.) Dresden
1864, Ehlermann. 15 Ngr.
Gehört insofern hieher, als die sprachlichen Wechselwirkungen zwischen England
und Deutschland, welche besonders durch die großen Handelsgesellschaften vermittelt
wurden, von dem letzten Jahrhundert der ags. Periode an dargelegt werden. Vgl. Lit-
terar. Centralbl. 1864, Nr. 32; Magazin für die Litteratur des Auslandes Nr. 46;
Allgem. Schulzeitung 1865, Nr. 7.
447. Scherer, W., Über den Ursprung der deutschen Litteratur. Vor-
trag, gehalten an der k. k. Universität zu Wien am 7. März 18 64. Aus dem
13. Bande der preuü. Jahrbüoher besonders abgedruckt. 8. (20 S.) Berlin 1864,
Reimer. 5 Ngr.
Vgl. Litterar. Centralbl. 1864, Nr. 24, Sp. 572—574; Germania 9, 71 ff- Grenz-
boten 1864. Nr. 39; Österreichische Wochenschrift 1864, Nr. 27- 28.
448. Weller, Emil, Annalen der poetischen National-Litteratur der
Deutschen im 16. und 1 7. Jahrhundert. 2. Band. gr. 8. (VII, 597 S.) Freiburg
im Br. 186 4, Herder. 2 Rthlr.
Vgl. Allgem. Litter. Zeitung 1864, Nr. 37; Westermanns illustr. deutsehe Mo-
nntsheftc, April 1864; Deutsches Museum Nr. 31; Europa Nr. 34; Bremer Sonntags-
Matt L865, Nr. 4.
374 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
449. Hauck, Dr. H. , Über Bayerns Antheil an der Entwicklung der
altdeutschen Dichtkunst.
Album des literarischen Vereins in Nürnberg für 1864, S. 235 — 251. Angelehnt
an H. Hollands Geschichte der altdeutschen Dichtkunst in Bayern.
450. Kurz, Eduard, Das Wiederaufleben deutscher Dichtung in Öster-
reich seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. (Programm der Landes - Ober-
realschule in Krems 1864.) (45 S.) 8. Krems 1864. Max Pammer.
451. Aurell, Claes Joh. Emil, Om bailaden och romanzen, med särskildt
afseende pä den Tyska bailad- och romanz-diktningen. 8. (37 S.) Upsalal864.
Doctordissertation; handelt auch von der deutschen Volksballade.
452. Wackernagel, Phil., Das deutsche Kirchenlied von der ältesten
Zeit bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts. 8. Lieferung. Lex. 8. (l. Bd. XXV,
S. 795—897.) Leipzig 18 64, Teubner. 2/3 Rthlr.
Vgl. Vilmars pastoral-theologische Blätter 1864, S. 49 — 54 (von Vilmar); Allg.
Litter. Zeitung 1864 Nr. 39; Magazin für die Litteratur des Ausl. Nr. 19; Volksblatt
für Stadt und Land Nr. 48; Österreichische Wochenschrift 1865, Nr. 4.
45 3. Kehrein, J. , Katholische Kirchenlieder, Hymnen, Psalmen, aus
den ältesten deutschen gedruckten Gesang- und Gebetbüchern zusammengestellt.
3. Band. Die ältesten katholischen Gesangbücher von Vehe , Leisentrit , Corner
u. A. in eine Sammlung vereinigt. 3. Band. Lex. 8. (430 S.) Würzburg 1863,
Stahel. 2 Rthlr.
Vgl. Allgem. Litter. Zeitung 1864, Nr. 33.
454. Gesang und Lied im Mittelalter.
Europa 1864, Nr. 42.
455. Maehly, Über Alliteration.
Neues schweizerisches Museum, 4. Jahrgang 3. Heft (1864).
45 6. Zingerle, J. V., Die Alliteration bei mittelhochdeutschen Dichtern.
[Aus den Sitzungsberichten 1864 der Akademie d. Wissensch.] Lex. 8. (7 2 S.)
Wien 186 4, Gerold in Comm. Vs Rthlr.
Vgl. Blätter für litter. Unterhaltung 1865, Nr. 10.
457. Heyne, M. , formulae alliterantes ex antiquis legibus lingua frisica
conscriptis extractae et cum aliis dialectis comparatae. 8. (32 S.) Halle 1864.
Doctordissertation.
458. Heyne, M., Allitterierende Verse und Reime in den friesischen
Rechtsquellen.
Germania 9, 437—449.
459. Olawsky, Ed., Die prosodische und metrische Messung der Nibe-
lungenstrophe.
Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik. 89. und 90. Band, 5—9. Heft.
460. Vogelmann, Prof. Dr. Alb., Bruchstücke zur vergleichenden Rhyth-
mik und Metrik, gr. 8. (III, 45 S.) Ellwangen 1864. V3 Rthlr.
461. Müllenhof f, Karl, Altdeutsche Sprachproben, gr. 8. (IV, 124 S.)
Berlin 18 64, Weidmann. 2 0 Ngr.
Vgl. Zeitschrift für die Österreich. Gymnasien 1864, S. 627 fg.; Anzeiger für
Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 384.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 375
46 2. Heintze, A., mittelhochdeutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten.
Zusammengestellt und mit einem Wörterbuche , so wie den Haupt - Paradigmen
der Flexion versehen. 8. (VI, 322 S.) Stolp 1864, Eschenhagen. 1 Rthlr.
Vgl. dazu A. Heintze, das mittelhochd. Lesebuch, im Pädag. Archiv 1864, Nr. 4.
463. Vernaleken, Th., Litteraturbuch. Deutsches Lesebuch nebst den
Anfängen der Kunst- und Literaturgeschichte , Altertumskunde , Mythologie und
Poetik. l.Thl. Aus dem Altertume. 6. Aufl. gr. 8. Wien 1865. Braumüller. 28 Ngr.
4 6 4. Lüben, A. , Auswahl charakteristischer Dichtungen und Prosa-
stücke zur Einführung in die deutsche Litteratur. Aus den Quellen entnommen.
Ein Lehr- und Lesebuch für höhere Schulanstalten und zum Selbstunterricht.
1. und 2. Theil. gr. 8. Leipzig 18 64, Brandstetter. 2 6 Ngr.
Der erste Theil (VIU, 268 S.) umfasst die Urzeit bis Lessing uud kostet 12 Ngr.
465. Müller, Friedr., Deutsche Sprachdenkmäler aus Siebenbürgen. Aus
schriftlichen Quellen des 12. bis 16. Jahrhunderts gesammelt. Herausgegeben
vom Verein für siebenbürgische Landeskunde, 8. (XXXII, 23 6 S.) Hermann-
stadt 18 64, Steinhausen.
Das Buch- würde kaum aufzuführen sein, wenn nicht sein Titel täuschte;
vgl. K. Schröer in Pfeiffers Germania 9, 477—482.
466. Gantter, L. , The home treasury of british poetry. Hausschatz
der britischen Dichtkunst von Chaucer bis auf die neueste Zeit, mit sprachlichen,
kritischen und biographischen Anmerkungen begleitet und als Festgabe zu Sha-
kespeares 3 00jäl.rigem Jubiläum dargereicht. Lex. 8. (5 2 8 S.) Stuttgart 1863
bis 6 4, Becher. 2 '/2 Rthlr.
467. Schneider, Gustav, Englisches Lesebuch aus den besten Schrift-
stellern nebst einem kurzen Abriss der englischen Litteratur. gr. 8. (VIII, 25 6 S.)
Frankfurt a. M. 18 64, Hermann. 2/3 Rthlr.
468. Dietrich, F. E. C. , Altnordisches Lesebuch. Aus der skandinavi-
schen Poesie und Prosa bis zum 1 4. Jahrhundert zusammengestellt und mit
litterarischer Übersicht, Grammatik und Glossar versehen 2. Auflage, gr. 8.
(LXXXVIII, 618 S.) Leipzig 18 64, Brockhaus. 2% Rthlr.
Vgl. Litter. Centralblatt 1864, Nr. 22, Sp. 520-522 (von Grein); Ileidelb. Jahr-
bücher Nr. 30; Germania 9, 337 — 352 (von Möbius); Mag. für d. Litt. d. Ausl. Nr. 42.
A. G o t h i s c h.
469. Hahn, K. A. , Auswahl aus Ulfilas gothischcr Bibelübersetzung.
Mit einem Wörterbuch und mit einem Grundriss zur gothischen Buchstaben-
und Flcxionslehre. 2. Auflage, gr. 8. Heidelberg 1864, Mohr. a/3 Rthlr.
47 0. Bernhardt, E., Kritische Untersuchungen über die gothische Bibel-
übersetzung. Ein Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte und zur Kritik des
neuen Testaments, gr. 8. (31 S.) Meiningen 18 6 4, Brückner u. Renner. 8 Ngr.
Das Resultat dieser Untersuchungen ist: Vulfila übersetzte die Evangelien nach
einer andern Handschrift als die Episteln; die Evangelienhandschrift stimmte am meisten
zu A, der Hs. im British-Museum ; die Epistelhandschrift neigte sich der italienischen
Gruppe zu. Die gothische Übersetzung wurde, als die Guttun nach Italien gekommen,
nach d'sr Itala corrigiert und interpoliert, besonders nach der Handschrift von Brescia,
dir äußerlich große Ähnlichkeit mit dem cod. argem hat. daher ein näherer Zusammen-
hang zwischen beiden zu vermnthenj aueb der cod. Biese, ist wohl von einem Gothen
geschrieben. Vgl. Litter. Centralblatt 1864, Nr. 17.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT
B. Althochdeutsch.
471. Müllenhoff, K., und W. Scherer, Denkmäler deutscher Poesie
und Prosa aus dem 8. — 1 2. Jahrhundert, gr. 8. (XXXV, 548 S.) Berlin 1864,
Weidmann. 22/3 Rthlr.
Vgl. Germania 9, 55 — 75 (von Bartsch und Holtzmann); Litterar. Centralbl. 1864,
Nr. 10, Sp. 233—237; Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit Sp. 107 und 223;
Allgem. Litter. Zeitung Nr. 17; Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 15, 357
bis 360 (von E. Dümmler).
472. Holtzmann, Ad., Zum Hildebrandslied.
Germania 9, 289—293.
47 3. Rieger, Max, Bemerkungen zum Hildebrandsliede.
Germania 9, 295—320.
474. Das hohe Lied, übersetzt von Willeram, erklärt von Rilindis und
Herrat, Äbtissinnen zu Hohenberg im Elsaß [1147 — 1196]. Aus der einzigen
Hs. der k. k. Hofbibliothek zu Wien herausgegeben von Josef Haupt, gr. 8.
(XXIV, 180 S.) Wien 1864, Braumüller. 1 '/3 Rthlr.
Der Übersetzung, die dem 12. Jahrhundert angehört, liegt Willeram zu Grunde,
die Erklärung aber weicht von der im Mittelalter üblichen ab, indem sie das Lied nicht
auf Christus und die Kirche, sondern auf Christus und Maria bezieht. Der Herausgeber
sucht wahrscheinlich zu machen, daß diese Erklärung von den beiden auf dem Titel
genannten Frauen herrühre; aber seine Gründe sind so nichtssagend, daß von einem
Beweise nicht die Rede sein kann. Vgl. Litterar. Centralbl. 1864, Nr. 5, Sp. 113 — 115;
Germania 9, 352-370 (von Bech); Allgem. Litter. Zeitung 1864, Nr. 9; Chronik der
Gegenwart I. 5; Märkisches Kirchenblatt Nr. 5.
47 5. Wiedemann, Theod., Wileram, Abt zu Ebersberg.
Österreich. Vierteljahrschrift für kathol. Theologie. III. Jahrg. 1. Heft.
476. Rieger, Max, Altmitteldeutsche Glossen zu Heinrici Summarium.
Germania 9, 13 — 29. Aus der Pergament-Hs. Nr. 6 der Darmstädter Bibliothek.
C. Mittelhochdeutsch.
4 7 7. Bech, Fedor, Anthonius von Phor.
Germania 9, 226 — 228. Als Verfasser des Buchs der Beispiele der alten Weisen
nachgewiesen, und zwar durch ein Acrostichon, wodurch dem Verf. schon so manche
schöne Entdeckung geglückt ist.
Apollonius von Tyrus.
478. Wrtätko, Über den antiken Roman Apollonius Tyrius.
Sitzungsberichte der königl. böhm. Gesellschaft der Wissenschaften in Prag,
Jahrgang 1863. Ich führe diese Abhandlung wegen des Zusammenhanges mit der
deutschen Litteratur hier an.
47 9. König Arthur und die Tafelrunde.
Heimgarten 1864, Nr. 10.
Berthold von Regensburg.
480. Weininger, H., Der Grabstein des Bruders Berthold.
Münchener Sonntagsblatt 1864, Nr. 50 fg.
Brant, Sebastian.
481. Wiechmann, C, Sebastian Brant.
Serapeum 1864, Nr. 18.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 377
Eckhart, Meister.
482. Preger, Lic. tbeol. W. , Professor in München, Ein neuer Tractat
Meister Eckharts und die Grundzüge der eckhartischen Theosophie*).
Zeitschrift für historische Theologie von Niedner, 1864, S. 163—204. Aus der
Münchener Handschrift, cod. germ. 2J4.
483. Bach, J. , Meister Eckhart der Vater der deutschen Speculation.
Als Beitrag zu einer Geschichte der deutschen Theologie und Philosophie der
mittleren Zeit. 8. (X, 243 S.) Wien 1864, Braumüller. 1 2/a Rthlr.
Vgl. Allgem. Litter. Zeitung 1864, Nr. 25; Litterar. Centralblatt 1864, Nr. 33;
Germania 9, 77; Götting. Gel. Anzeigen Nr. 31, S. 1201-1221 (von H. Ritter);
Wiedemanns Vierteljahrschrift Nr. 4; Bayer. Zeitung, Murgenblatt Nr. 155 ff.; Theol.
Quartalschrift 1865, Nr. 1.
484. H ei d rieh, R. , Das theologische System des Meister Eckhart. 4.
(2 0 S.) Posen 1864.
Programm des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Poseia. Vgl. Germania 9, 78.
Eilhart von Oberge.
4 85. Bruchstück aus dem Tristan des Eilhart von Oberge. Mitgetheilt
von K. A. Barack.
Germania 9, 155 — 158. Ein Pergamentblatt in 8. vom Ende des 12. Jahrhunderts,
derselben Handschrift angehörig wie die Bruchstücke in den Fundgruben und das
Rothische. 109 Verse.
486. Birlinger, Dr. Anton, Bruder Felix Faber's gereimtes Pilger-
büchlein, gr. 8. (31 S.) München 1864, Fleischmann. 9 Ngr.
Vgl. Germania 9, 370 — 376 (von Bechstein); Blätter für litter. Unterhaltung 1864,
Nr. 24; Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, Sp. 115; Deutsches Museum Nr. 12;
Europa Nr. 25.
Frauenlob.
487. Freudenberg, G. , Heinrich Frauenlob. Ein rheinisches Gedicbt.
16. (60 S.) Wiesbaden 1864, Limbarth. 14 Ngr.
Natürlich von keiner wissenschaftlichen Bedeutung.
488. Futilitates germanicae medii aevi, ad fidem codicum manu script.
nunc primum editae. 16. (l6 S.) O. O. 1864.
Ein Scherz eines ungenannten Fachgenossen.
488a. Gedicht auf die Schlacht von Seckenheim (l 46 2) : das liet der
nyderlag (von Gilgenschein).
Mone's Quellensammlung zur badischen Geschichte 3. Band. Eben darauf bezüg-
lich 'Ein Lied von des bösen Fritzen Schlacht' von Hans von Westernach.
489. Zwei deutsche und drei lateinische Gedichte auf Peter von
Hagenbach (14 7 4).
Quellensammlung zur badischen Geschichte 3. Bd.
*) Dieser Tractat ist kein neuer, auch ist er nicht von Eckhart, sondern von
Bruder Franke v. Köln und von mir nach einer alten Münchener IIs. längst heraus-
gegeben in Haupts Zeitschrift 8, 243 ff. Pfeiffer.
378 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
48 9a. Geiler von Kaisersberg, Das Schiff des Heils. In freier Über-
setzung und Bearbeitung von H. Bone. 8. (XVI, 444 S.) Mainz 1864, Kirch-
heim. 1 V6 Rthlr.
Vgl. Philothea 1865, Nr. 2.
Genesis und Exodus.
490. Bartsch, Karl, Zu Genesis und Exodus.
Germania 9, 213—217.
Haß, Cunz.
491. Barack, Dr., Hofbibliothekar in Donaueschingen, zum Lobgedicht
des Cunz Haß auf Nürnberg.
Anzeiger für Kuned der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 95 fg. Nachweis einer
zweiten Ausgabe (1492) dieses in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte (1858)
abgedruckten Gedichtes, in Berlin.
Die Heidin.
492. Zingerle, J. V., Die Heidin und Wittich von Jordan.
Germania 9, 29—54.
493. Heldenbuch, das. Von Dr. Karl Simrock. 5. Bd. Auch unter dem
Titel: Das Amelungenlied. 2. Theil. 2. Aufl. 8. Stuttgart 1864, Cotta. 2 Rthlr.
49 4. Die Himelstraze. Eine altdeutsche Pergamenthandschrift der
k. öffentl. Bibliothek zu St. Petersburg, mitgetheilt von R. Minzloff.
Nordische Revue, 1. Band, 2. Heft. (August 1864).
495. Johann von Dalberg, Gedicht auf einen Besuch Friedrich III.
in Maulbronn (1473).
Mone's Quellensammlung zur badischen Geschichte, 3. Band. Ebenda zwei Lob-
gediehte auf Johann von Dalberg von Jacob Questenberg (1485) und Adam Wernher
von Tbemar (1491).
Karl und Elegast.
49 6. Bech, Fedor, Zur Sage von Karl und Elegast.
Germania 9, 320—337. Mittheilungen über eine von dem niederländischen Ge-
dichte ganz abweichende poetische Fassung der Sage, aus einer Papierhandscbrift des
Kapitelarchivs zu Zeitz.
4 9 7. Fortsetzung des Königshofe n.
Mone's Quellensammlung zur badischen Geschiebte 3. Bd.
49 8. Liederdichter, deutsche, des XII. bis XIV. Jahrhunderts. Eine
Auswahl von Karl Bartsch, gr. 8. (LXVI, 390 S.) Leipzig 18 64, Göschen.
1 Rthlr. 24 Ngr.
Vgl. Allgem. Litt. Zeitung 1865, 22; Allgemeine Zeitung Nr. 131; Österreich.
Wochenschrift 1865, Nr. 12; Deutsches Museum 1864, Nr. 51, S. 915—918; Unterhal-
tungen am häuslichen Herd Nr. 51.
499. Lütolf, Alois, Urkundliches zu mhd. Liederdichtern.
Germania 9, 460—463. Über Otto vom Thurn und Eberhard von Sax.
500. Bartsch, Karl, Urkundliche Nachweise zur Geschichte der deutschen
Poesie.
Germania 9, 145—157. Meist auch zu Liederdichtern.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 379
Der Maget kröne.
501. Zingerle, J. V., der maget kröne. Ein Legendenwerk aus dem
XIV. Jahrhunderte, gr. 8. (7 6 S.) Wien 1864, Gerold in Comm.
Abdruck aus den Sitzungsberichten der phil. hist. Classe der Akademie 47, 489 ff.
Mittheilungen über eine noch unbekannte Dichtung aus einer Innsbrucker Handschrift.
502. Die Meinauer Naturlehre und das Buch der Natur. Ein Bei-
trag zur Geschichte der Naturwissenschaften im 14. Jahrhundert. Programm
des Gymnasiums zu Znaim, 18 62.
Vgl. Herrig's Archiv 34, 460 fg.
Der Mönch von Salzburg.
502". Ampferer, Jos., Über den Mönch von Salzburg (Programm des
Staatsgymnas. in Salzburg 1864. (3 2 S.) 4. Salzburg, Zaunrit'sche Buchdruckerei.
Nibelungenlied.
503. Mos ler, Prof. Karl, und Dr. Nikola Mosler, Der Nibelunge Noth,
Heldengedicht des 12. Jahrhunderts. Studien und ausgewählte Stücke zur Her-
stellung des ursprünglichen Werkes, gr. 8. (XIV, 134 S.) Leipzig 1864, Engel-
mann. 2 Rthlr.
Vgl. Germania 9, 245—249 (von Lambel); Österreich. Wochenschrift 1864, Nr. 29.
504. Mosler, Dr. N. , Ausgewählte Stücke der Nibelunge Noth nach
dem hergestellten mittelhochdeutschen Texte übersetzt, gr. 8. (16 S.) Düsseldorf
1864, Gestewitz. l/3 Rthlr.
Vgl. Österr. Wochenschrift, 1864, Nr. 29; AUgem. deutsche Lehrerzeitung Nr. 44.
5 05. Krieger, Dr., Die Nibelungen. Altdeutsche Volkssagen, nach den
vorhandenen mittelhochdeutschen Gedichten erzählt. 8. (III, 57 3 S.) Berlin 18 64,
Winckelmann u. Söhne. 1 V3 Rthlr.
506. Thausing, M., Nibelungen-Studien. 1. Der Dichter. 2. Die Küren-
berger und Aribonen. 3. Pilgrim und die Klage. 4. Volker von Alzei.
Österreich. Wochenschrift 1864, Nr. 2—5.
507. Pasch, Prof. Conr. , Die Frage über die Entstehung oder den
Dichter des Nibelungenliedes. 4. (15 S.)
Programm des Gymnasiums zu Cilli 1864.
508. Schleicher, August, Über Strophe 7 6 der Nibelunge Not.
In: Symbola philologorum Bonnensium in honorem Friderici Ritschelii collecta.
Fase, prior. Lex. 8. Leipzig 1864, Teubner. 3 Rthlr. Sucht den Text von A als den
ecbien zu erweisen.
509. Höfler, C., Zum Nibelungenlied. Ein Zeugniss. Wann erfolgte zum
ersten Male documentierte Erwähnung des Nibelungenliedes oder der Nibelungensage?
Germania 9, 152—154. Vgl. Haupt's Zeitschrift 12, 421.
510. Nusch, Zur Vergleichung des Nibelungenliedes mit der Ilias.
Gymnasialprogramm. Speier 1863.
Über die Nibelungenstrophe vgl. Nr. 45 9.
Oswald von Wolkenstein.
511. Der letzte Minnesänger.
Heirogarten 1864. Nr. 20.
380 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
512. Reimchronik über Peter von Ilagenbach und die Burgunderkriege
(1432 — 1480).
Mone's Qaellensammlung zur badischen Geschichte 3, 183 — 434, und Nachträge
681—684. 1480 in Breisach verfasst.
Reinhard Fuchs.
513. Hansen, C. J., Dietsche Letterkunde; over Reinaard den Vos. 8.
Antwerpen 18 64.
513\ Bleek, W. H., Reynard the Fox in South- Afrika or Hottentot fables
and tales. Chiefly translated froni original manuscripts in the library of Sir G.
Grrey. 8. London 1864, Trübner. 3 s. 6 d.
Aufgeführt wegen des vergleichenden Studiums der Thiersage. Vgl. Europa 1864,
Nr. 17; Das Ausland Nr. 16.
Rothe, Johannes.
514. Bech, Fedor, Über Johannes Rothe. VIII.
Germania 9, 172 — 179. Mittheilungen aus einer gereimten Passion in einer
Dresdener Handschrift; vgl. oben Nr. 188.
515. Tauler's, Joh., sämmtliche Predigten. 2. verbesserte Auflage, heraus-
gegeben von Prof. Dr. Jul. Hamberger in München. 3 Bde. In 6 Lieferungen.
Lex. 8. 1. — 4. Lieferung, (l : X, 336 S., 2: S. 1 — 240) Frankfurt a. Main 1864.
ä 18 Ngr.
Walter von der Vogelweide.
516. Walther von der Vogelweide. Herausgegeben von Franz Pfeiffer. 8.
(LVIII, 3 38 S.) Leipzig 18 64, Brockhaus. 1 Rthlr.
In: Deutsche Classiker des Mittelalters. Mit Wort- und Sacherklärungen heraus-
gegeben von Franz Pfeiffer. Erster Band. Vgl. Europa 18b'4, Nr. 41 ; Österreich. Wo-
chenschrift 41; Morgenblatt zur bayerischen Zeitung Nr. 253; Blätter für litterar. Unter-
haltung Nr. 43 (von A. Henneberger); Allgem. Litter. Zeitung Nr. 44; Allgem Zeitung
Nr. 313; St. Galler Blätter Nr. 47; Litter. Handweiser Nr. 29; Allgem. litter. Zeitung
Nr. 48; Stuttg. Beobachter Nr. 217 (von Herrn. Kurz); Zeitung für Norddeutschland,
Nr. 4781 (von H. Pfannenschmid); Neue Freie Presse Nr. 30; Deutsche allg. Zeitung
Nr. 463; Wiener Botschafter Nr. 297; Deutsches Museum Nr. 43 (von R. Prutz); Cor-
respondent von und für Deutschland, Nr. 596; Österreich. Zeitung Nr. 258; Zeitschrift
für Gymnasialwesen. 4. Heft, S. 316 — 321 (von W. Wilmanns).
517. Walther's von der Vogelweide Gedichte. Vierte Ausgabe von
K. Lachmann, besorgt von M. Haupt, gr. 8. (XVIII, 234 S.) Berlin 1864,
Reimer. 1 Rthlr.
Der Text unverändert; die Lesarten von t (der Kolmarer Handschrift) und ein-
zelne Bemerkungen von Haupt sind hinzugefügt. Vgl. Europa 1865, Nr. 1.
518. Bechstein, Reinhold, Die neuesten Forschungen über Walther
von der Vogelweide.
Blätter für litterar. Unterhaltung 1864, Nr. 5.
518*. Spach, Louis, Les Minnesinger: Walther von der Vogelweide
(1190 — 1240). Strasbourg, impr. de veuve Berger-Levrault 1864. 3 4 pp. in 8.
(Extrait du Bulletin de la Societe litt, de Strasbourg).
Früher erschien von demselben Verf. ebd.: Les Minnesinger: Godefroi de Stras-
bourg I8t)2. 43 pp. in 8.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 381
Wernher der Gartenaere.
519. Keinz, Friedrich, Meier Helmbrecht und seine Heimat. Mit einer
Karte, gr. 8. (9 6 S.) München 18 65. Fleischmann.
Diese Abhandlung weist mit voller Evidenz die Heimat des Gedichtes nahe an
der Salzach nach. In den Sitzungsberichten der bayer. Akademie (am 5. November
1864) gab Conr. Hofmann, der den Verf. zu dieser Arbeit angeregt, einen vorläufigen
Bericht über die Resultate ; auch diesem Berichte ist eine Karte beigefügt, auf welcher
der Schauplatz des Gedichtes nach den früheren Auffassungen angegeben ist. Vgl. Bayer.
Zeitung, Morgenblatt, 1865, Nr. 32.
520. Niemeyer, Der Bauernsohn Helmbrecbt nach einer altdeutschen
Novelle Wernhers des Gärtners.
Programm. Dresden 1863.
521. Wolfdieterich, der große, herausgegeben von Adolf Holtzmann.
gr. 8. (CI, 364 S.) Heidelberg 1865. Mohr. 2 Rthlr. 12l/2 Ngr.
Die Einleitung handelt von den verschiedenen Bearbeitungen, den Handschriften
derselben, und gibt eine ausführliche Analyse des Inhalts. Der Text ist nicht ins Mhd.
zurückübertragen, weil die ursprüngliche Gestalt, die ohne Zweifel dem 13. Jahrb. an-
gehört, wiederzugewinnen unmöglich schien. Im Ganzen 2242 Strophen, mit Lesarten,
Namenverzeichniss' und einem Glossar bemerkenswerther Wörter versehen. Vgl. Allgem.
Zeitung 1865, Nr. 80.
Wolfram von Eschenbach.
522. Hense, Director Dr., Erinnerungen an Wolfram von Eschenbach.
4. (22 S.) Parchim 1864.
Programm des Gymnasiums zu Parchim 1864. Gibt eine Charakteristik Wolframs
und seiner Werke.
523. Meyer, H., Wolfram von Eschenbach.
Bremer Sonntagsblatt 1864, Nr. 9.
52 4. Glaser, Ad., Der Parzival des Wolfram von Eschenbach.
Westermann's illustr. deutsche Monatshefte, Nr. 89, Februar 1864.
Zur Litteratur des 16. Jahrhunderts:
525. Wagner, Jos. M., Österreichische Dichter des 16. Jahrhunderts.
Serapeum 1864, Nr. 18—20.
526. Lützelberger, C, Einiges von den Meistersängern.
Album des litterarischen Vereins in Nürnberg für 1864, S. 210—234. Aus Nürn-
berger Handschriften.
D. Altsächsisch.
52 7. Zur Entstehungsgeschichte des H e 1 i a n d.
Volksblatt für Stadt und Land 1864, Nr. 66.
52 8. Behringer, Zur Würdigung des Heliand.
Würzburger Schulprogramm 1863.
E. Mittelniederdeutsch.
529. Latendorf, Friedr., Zu Reineke Vos.
Germania 9, 207 fg. 451—455.
5 3 0. Derselbe, Zum Theophilus.
Germania 9, 210—211.
382 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT,
531. Derselbe, Ein vermeinter Anachronismus im Sündenfall des Ar-
noldus Immessen.
Germania 9, 212 fg.
53 2. Pfeiffer, Franz, Niederdeutsche Erzählungen aus dem XV. Jahr-
hundert.
Germania 9, 257 — 289. Aus Korner's Chronik nach einer Wiener Handschrift.
F. Mittelniederländisch.
53 3. Bartsch, Karl, Flovent. Bruchstücke eines mittelniederländischen
epischen Gedichtes.
Germania 9, 407 — 436. Die in der vorjährigen Bibliographie Nr. 470 erwähnten
Pergamentblätter.
53 3a. Bormans, J. H., Fragment d'une ancienne traduction ou imita-
tion en vers thiois de la chanson de geste d'Aiol.
Bulletins de l'academie roynle des sciences de Belgique. 2. Serie , Tome XV.
Bruxelles 1863.
5 34. Regel, Karl, Mittelniederländische Plalmen, Hymnen und Gebete,
aus zwei handschriftlichen Breviarien der herzoglichen Bibliothek zu Gotha in
Auswahl mitgetheilt und sprachlich beleuchtet. 4. (30 S.) Gotha 1864.
Vgl. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1864, Sp. 383.
G. Angelsächsisch.
53 5. Grein, C. W. M., Bibliothek der angelsächsischen Poesie in kri-
tisch bearbeiteten Texten und mit vollständigem Glossar herausgegeben. 4. Bd.,
2. Heft. Sprachschatz der angelsächsischen Dichter. 2. Bd., 2. Heft. gr. 8.
Göttingen 18 64. Wigand. 4 Rthlr.
Der Schluß des ganzen Werkes ; vgl. Germania 9, 484—486 (von Pfeiffer) ; Kuhn's
Zetschrift 14. Bd., 3. Heft (von Regel).
H. M i 1 1 e 1 e n g 1 i s c h.
536. Early english alliterative poems in the West Midland
dialect of the fourteenth Century. Edited from a unique Ms. in the British
Museum, with notes and glossarial index by Richard Morris. 8. (XXXVI, 216 S.)
London 186 4. Trübner. 16 s.
Veröffentlichung der Early English Text Society.
537. Sir Gawayne and the grene knyght: an alliterative romance-
Poem (1330 — 1330 A. D.) by the author of early english alliterative poems.
Reedited from Cotton Ms. Nero A x in the British Museum by Richard Morris.
8. (XX, 124 S.) London 1864. Trübner. 10 s.
538. Arthur, a short sketch of bis life and history in early English
verses of the first half of the 15. Century. Edited from the Marquis of Bath's
Ms. by F. J. Furnivall. 8. (VII, 20 S.) London 1864. Trübner. 4 s.
539. Chaucer. With notes and glossary by Tyrwhitt, and portrait and
Vignette. Leipzig 1864. Denicke. 10 s. 6 d.
I. Altnordisch.
540. E d d a, die, die ältere und jüngere nebst den mythischen Erzäh-
lungen der Skalda übersetzt und mit Erläuterungen begleitet von Karl Simrock.
3. verm. und verbess. Aufl. gr. 8. (VIII, 514 S.) Stuttgart 18 64. Cotta. 2 Rthlr.
Vgl. Litt. Centralb!. 1865, Nr. 2; Köln. Zeitung 1864, Nr, 85.
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 383
541. Homiliebog, gammel Norsk (Cod. A. M. 619. 4), udgiv. af
C. R. Unger. 2. (Schluß-) Heft. (S. 161—223 und Vorrede S. I — VIII).
Christiania 18 64.
54 2. Heimskringla eller Norges Konges agaer , forfallede ai Snorre
Sturlassön, udgivne ved C. R. Unger. 1. Heft. (S. 1 — 160, Text der Heinis-
kringta bis zur Olafs sage Trygyvasonar, Kap. 47) Christiania 1864.
543. Norröne Skrifter af sagnhistorisk Indhold, udgivne af Sophus
Bugge. 1. Heft (Hälfs saga und Nornagests thättr). Christiania 186 4.
Nr. 541—543 bilden die IV., V. und VI. Publication der 'norsk Oldfkrifcselskab'
(Bibliographie 1863, Nr. 487). Den deutschen Leser wird namentlich die an vielen schönen
Eraendationen reiche neue Augabe der Hälfssaga und des Nornagests tbattr mit ihren
alten Liederfragmenten interessieren.
54 4. Snorre Sturlesön, Norges Konge-Krönike, fordansket ved
N. F. S. Grundtvig. 2. Udgave. 1. und 2. Heft. 8. (160 S.) 1863. 12 Ngr.
545. Flateyjarbök, en Sämling af Norske Konge sagaer. II. Band.
8. (7 01 S.) 186 3. 3 Rthlr.
546. Eyrbyggia Saga. Herausgegeben von Guctbrandr Vigfüsson.
Mit einer Karte» 8. (IV, 145 S.) Leipzig 1864. F. C. W. Vogel. 1 '/3 Rthlr.
Vgl. Germania 9, 352; Litter. Centralbl. 1865, Nr. 9.
547. Svensso n, S. H. B., Hallfreds-Sago. Ofversättning fran Isländs-
kan jemte Anmärkningar. 8. (82 S.) Lund 1864.
54 8. Samlingar utgifna af Svenska Fornskrift-Sällskapet. 41. Heft.
(128 S.) Stockholm 1864.
Enthält: Heiige Bernhards Skrifter, 1. Haftet.
549. W i 1 1 a t z e n, P. J., Alt-isländische Volksballaden und Heldenlieder
der Färinger. Zum ersten Mal übersetzt. 8. (VI, 354 S.) Bremen 1864. Geisler.
1 Rthlr. 21 Ngr.
Vgl. Europa 1864, Nr. 48 (Alt-isländische Volkspoesie); Litter. Wegweiser Nr. 11 ;
Wissenschaftl. Beilage der Leipziger Zeitung Nr. 99; Bremer Sonntagsblatt Nr. 52;
Das Ausland Nr. 53.
Wiederum lasse ich einige Chroniken- und Urkundenwerke folgen.
55 0. Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis 16. Jahr-
hundert. 3. Band. A. u. d. T. : Die Chroniken der fränkischen Städte. Nürn-
berg. 3. Band. gr. 8. (XI, 4 63 S.) Leipzig 1864. Hirzel. 22/3 Rtblr.
Vgl. Göttinger Gel. Anzeiger 1864, Nr. 12, S. 441—458 (von Frensdorff); Preuss.
Jahrbücher XIII, 4; Österr. Wochenschrift Nr. 18; Deutsch. Museum Nr. 19; Grenz-
boten 1864, Nr. 26; 1865, Nr. 9; Litter. Centralbl. 1864, Nr. 31.
551. Kurze Chronik des Gotzhaus S. Gallen (1360 — 149 0) von einem
unbekannten Conventualen , besonders der Klosterbruch zu Rorsach , mit darauf
bezüglichen Verträgen und Liedern.
Mittheilungen für vaterländische Geschichte. Herausgegeben von dem histor.
Verein in St. Gallen. 2. Heft (1863).
552. Leben der sei. Liutgart (1291 — 1348) aus dem XIV. Jahrhundert.
Mone's Quellensammlung zur badischen Geschichte. 3. Band.
553. Gersdorf, E.G., Codex diplomaticus Saxoniae regiae. 2. Haupt-
theil. 1. Band. Urkundenbuch des Hochstifts Meissen. 1. Band. gr. 4. (XLIV,
426 S. und 2 Tafeln mit Sicgelabbildungen.) Leipzig 1864. Giesecke und
Devricnt. 8% Rthlr.
384 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT.
Die gediegene Einleitung enthält u. a. Escurse über das Münzwesen des 12. bis
14. Jahrh. Die älteste deutsche Urkunde dieses Bandes ist vom Jahre 1305. Der
zweite Band wird die Register nachbringen. Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 12,
Sp. 265 — 268; Germania 9, 376 — 379 (von Bechstein); Blätter für litter. Unterhaltung
Nr. 20; Wissenschaft! Beilage der Leipziger Zeitung Nr. 57; Dresdener Journal Nr. 81;
Allgem. Zeitung Nr. 240 fg.; Götting. Gel. Anzeigen, Nr. 43, S. 1713—1720 (von
Waitz); Allgem. Litteraturzeitung Nr. 46.
5 5 4. Riedel's, A. F., Codex diplomaticus Brandenburgensis. Sammlung
der Urkunden, Chroniken und sonstigen Geschichtsquellen für die Geschichte
der Mark Brandenburg und ihrer Regenten. Fortgesetzt auf Veranstaltung des
Vereines für Geschichte der Mark Brandenburg. 1. Haupttheil. 24. u. 25. Bd.
gr. 4. (1000 S.) Berlin 1863. Reimer, ä 4 % Rthlr.
555. Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig
und Lüneburg und ihrer Lande, gesammelt und herausgegeben vom Archivrath
Dr. H. Sudendorf. 4. Theil. 1370 — 1373. gr. 4. (CLX, 27 0 S.) Hannover
1864. Rümpler. 4 Rthlr.
Zur mittellateinischen Poesie :
556. Hobein, Ed., Buch der Hymnen. Ältere Kirchenlieder aus dem
Lateinischen ins Deutsche übertragen, kl. 8. (XXIV, 248 S.) Schwerin 186 4.
Stiller. 1 Rthlr.
Mit den lateinischen Originalen. Auswahl, nach Jahrhunderten geordnet; die
Übersetzungen sind meist gewandt. Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 44; Blätter für
litternr. Unterhaltung Nr. 51; Allgem. Litt. Zeitung 1865, Nr. 10; Volksblatt für Siadt
und Land 1864, Nr. 94.
557. Stadelmann, H., Sionsgrüße. Eine Auswahl altchristlicher Hymnen
und Lieder aus dem Latein, übersetzt. 16. (VI, 7 4 S.) Halle 1864. Buchh.
d. Waisenhauses. '/3 Rthlr.
558. Sehen kl, Prof. Dr. Karl, Zur Kritik späterer lateinischer Dichter.
[Aus den Sitzungsberichten 1863 der Akad. d. Wissenschaften.] Lex. 8. (63 S.)
Wien 1863. Gerold in Comm. 9 Ngr.
Über Symposii aenigmata; Claudian's Gigantomachia; Carmen de Philomela;
Carmen de ponderibus et mensuris; Gedichte der 12 poetae scholasticae etc. Disticha
de septem (aus XII) mensibus. Vgl. Litter. Centralbl. 1864, Nr. 18.
55 9. Schmitt-Blank, Zur Texteskritik des Cornutus.
Eos. Süddeutsche Zeitschrift für Philologie, 1. Jahrgang, 1. Heft.
560. Praefatio de S. Marco evangelista. Gereimte Vorrede zu der
(Quellensamml. 1, 6l) abgedruckten, sagenhaften Erzählung von den Reliquien
des heiligen Marcus.
Quellensammlung zur badischen Geschichte, von Mone. 3. Band. Handschrift des
10. Jahrhunderts.
561. Planctus beati Galli (um 10 80).
Ebendaselbst. Handschrift des 11. Jahrhunderts.
562. Planctus huius Augiae.
Ebendaselbst. Aus dem 13. Jahrhundert.
56 3. Gedichte, zwei Salmansweiler, des 13. Jahrhunderts.
Ebendaselbst. Das eine auf Bischof Diethalm von Konstanz (1206), das andere
auf Otto von Witteisbach (1208).
ERDICHTETE LIEBESBRIEFE DES XV. JAHRH.
IN NIEDERDEUTSCHER SPRACHE.
Bei der Bearbeitung des Göttinger Stadtarchivs fand ich unter
Nr. 620 zwölf Liebesbriefe und zwei Pergamenturkunden , die über
die Beziehungen jener Auskunft geben.
Der Rektor der Stadtschule, Meister Curd Hallis1), Geistlicher,
erhält eine Reihe von Briefen durch Vermittlung seines Locaten (Unter-
lehrers) Hermann Konemund , eines Sohnes des Göttinger Bürgers
Konemund von Gandra. Als Schreiberin erscheint Edelend, Hans
Schreibers Ehefrau, die von Liebe für den ehrbaren Rektor glüht (zwei
ihrer Briefe zeigen als Liebes-Symbolum das bis auf die neueste Zeit
beliebte pfeildurchbohrte Herz). Aber gleich im ersten Briefe erschei-
nen für die Zeit ganz charakteristisch sehr materielle Geldforderungen,
die sich allmählich steigern, bis zuletzt dem Liebhaber die artige Summe
von 18 Goldgulden und 40 böhmischen Groschen abgeschwindelt ist.
Denn es sind nicht wirkliche, von jener Frau oder in ihrem Namen ge-
schriebene Briefe, sondern sie sind von dem Locaten betrüglich fabriciert,
um Meister Curd Geld abzunehmen; eine Absicht, die auch glücklich
erreicht ist. Sie fallen sämmtlich in die letzten Monate des Jahres
1458 und erst nach dem zwölften Briefe scheinen dem Magister die
Augen darüber aufgegangen zu sein, daß er das Opfer eines Betrugs
geworden. Denn bis dahin hat er, wie ein moderner Verliebter, jedes-
mal auf die Rückseite des Briefes I* oder 2a u. s. w. littera mihi
missa ab Edelinde geschrieben. Auf dem dritten steht außerdem
zu lesen, was ihn bis dahin seine vermeintliche Liebe gekostet. Leider
ist von den Antwortschreiben des Magisters nichts auf uns gekommen,
doch sind auch so schon diese Briefe ein charakteristischer Beitrag
') Über seine Annahme in Göttingen sagt das Kathsprotokoll : 'A. etc. LV. circa
festnm Michahelis hebbe we mester Curde Hallis de schole dijt neiste iar uppe Passeljen
neistkomende antoghande to regerende gedan und sal Ion nomen, alse van older ge-
nomen is, und sal uns dijt iar 22'/, mr gheven. — A. LVII. hefft mester Cord Halli.«
de schole noch eyn iar angenamet uppe Passchen nehist körnende antogande unde schal
uns darvon 50 fl. werd geldes geveu, de helffte tippe Mich, neist körnende unde de
andern helffte uppe Passchen darneist folgende. Actum IV. feiia proxima post Lucie
virginis. — A. LIX iterum aeeeptavit scholam ad annura et dabit ut supra, und eff ha
anders sek helde und regerde, so he schoJde, 10 schal he altijd orloff hebben.'
GERMANIA X. 25
386 GUSTAV SCHMIDT
zur Denk- und Schreibweise der Zeit. Die drei ersten Briefe sind
scheinbar von anderer Hand geschrieben als die neun anderen, aber der
Verfasser hat nachher gestanden, daß er sie alle zwölf selbst geschrieben;
zudem sind sie absichtlich wir würden sagen unorthographisch ge-
schrieben, die letzten neun außerdem in abenteuerlichen Schriftzügen,
da anzunehmen ist, daß die Frauen in den Städten keine besonderen
Meisterinnen in der Schreibkunst waren. So bieten die Briefe auch
sprachlich manches von Interesse.
Als dieser Betrug entdeckt war, nahm der Rath die Sache in
die Hand, setzte den Verfasser der Liebesbriefe fest, der [s. u. das
Notariatsprotokoll] am 4. Februar 1459 vor Zeugen geständig war,
indessen als Geistlicher nicht vom Rath bestraft werden konnte. So
wurde er an den damaligen Provisor des Mainzischen Eichsfeldes,
Grafen Adolf von Nassau, ausgeliefert. Sein Vater mußte den 16. Febr.
eidlich vor dem herzoglichen Schultheißen versprechen, daß er weder
gegen die Stadt noch die Herzoge von Braunschweig, noch den Pro-
visor des Eichsfeldes wegen des Verfahrens gegen seinen Sohn irgend
wie Gewaltthätigkeiten sich zu schulden kommen lassen wolle.
Die Briefe sind ganz genau copiert, damit das sprachlich Interes-
sante besser hervortritt, auch die letzte Urkunde : nur die Interpunc-
tion ist gleichmäßig hinzugefügt.
GÖTTINGEN, 4. Oct. 1864. GUSTAV SCHMIDT.
I.
(Auf der Rückseite steht von des Empfängers Hand geschrieben : Prima littera mihi
missa ab Edel.)
Myuen steden denst vt mynes herten beger, myn leyf, ek iu grole,
noch so enbyn ek nicht ver. Myn alder leueste myn, mochte ek by iu
eyn halue stunde syn, dat scholde my wol to danke syn: vnd wolde
gy d6n nach deme synne myn, so schal dat wol körnende syn. Myn leue
Irunt, so alse iu wol to sinne were, dat wy to samende kernen schere,
vnd dat nicht so drade is ghekomen, dat en heft mynem herten nicht
ghedan groten fromen. Gude fruntschap vnd gud, dat iu nocht beko-
men schaj., ven od nicht scholde komen over al. Myn leue gülden
frunt, so alse Hermans Konemunt my heft berichtet, vmme welker sake,
schal ek an iu dat bevynden sodene trwe vnd fruntschap, so alse he
my seght heft vnd dot noch alle tid vnd stunde, de he by my kummet,
wen gy de so doyn willen, so schal iu von my soden fruntschap be-
scheyn von my, dat gy des schullen to bet mögen. Des dredden dages
na allen goddes beigen dau scholde gy to my gekomen hebben, dau
was mvn man evn nacht vte. dau scholde iu Hannans my ghebracht
ERDICHTETE LIEBESBRIEFE DES XV. JAHRH. etc. 3^7
hebben. Des enwolde he nicht don, he sede, gy hedden al iuwen
ghesellen redde gelt gegeuen sunder ome: anders hedde gy reyde by
my west. Ek sege iu vor war, so helpe my [god?], dat ek iu alle tyd
in mynem synne dacht und nach. So seght Hermans Konemunt wort
to my von iu, de behagen my wol vnd met allem goyden, vnd wat
Hermans my seght, des loue ek wol vnd wet, dat he nicht en luch.
Leue frunt, ek en dorste iu nicht scriven vor dut erste: in kort schul
gy by my syn. Ecken Remensnyder sone heft dussen breyf ghescreven:
den roden remen 2) den bewart wol. Denket mynen wente sintte Märten
auende, wan gy goyden bogen syn: de wyl wil ek gerne uppe iu.
Dusses möge gy Hermanse Konemunde danken, geue ome 1 ß. edde
2 ß. uppe Martens avent, de wil ek iu des mandages darna, so wil
gy vnd ek to haupe reden, vnd de vil ek iu dreuelt betalen. Da me
[-de] heffet hundert dusen gul[den] iar. Denket myr ok vaken.
*) Edelent.
Eyn fruntlick antwor enbeiden my by Hermanse, so werde ek vro.
(Mynen alderen leuesten frunde, den ek heffe, mester Corde: des
gelouet my.)
II.
(Auf der Rückseite : 2a litera mihi missa ab Edel.)
Met gansem flite, met stedem denste, met groter leue vnde wer-
dicheit, mynen denst to allen tyden ane twivelichet. Myn leueste levf,
in trwe bleyf vnde ek danke iuwer goyte, de gy my hebbet bewiset:
des wil ek iu danken , dat bewinde gy in korter tyd. Item myn leue
frunt, ek dancke iu fruntliken vnde leyfliken vme iuwe gaue, dat gy
my an myddeweken sanden by Hermanse Konemunde, by namen eyn
honnigkoiken, vnd de fruntschap, de gy Hermanse bewiseden an syntte
Martens auende vnde 2 ß, de gy my sanden, alse ek iu den ersten
breif screyf. Myn leue frunt, nu byn ek in deme synne vnde wil iu
des so leyfliken danken in körten tyden, gy schuldes to bet mögen.
Ek hebbe rede welck tuch vnd late nottol wat bringet von Erferde,
dat ek iu wil dat wol af vordeynen. Ok so wetet, dat ek nicht goydes
bogen up iu enbyn, dat gy iuwe synne uppe iuwe vadderen 3) de Ger-
lageschen settet: dat behaget my nicht. Ervare ek, dat gy iuwe danken
uppe se setten, so schulle gy in mynem herten neyne stede mer heffen,
dat wil ek iu loven vnde ok wol holden. Myn leue frunt, scriven my
2) Mit dem der Brief umwickelt war. 5) Gevatterin.
") Hier ibt eiu vou einem Pfeil durchbohrtes Herz eingezeichnet .
25*
388 GUSTAV SCHMIDT
ock eyn breif, daf my de rnorne werde, den wil ek Hermanse laten
leysen, so schulle gy mor4) eynen breyf von my beffen, da schulle
gy wat inne ervaren. Ek hebbe iu in rnynen syn ghesat, dat ek iu
alle dage mot seyn edder von iu segen: inet körten reden eyn ende:
maked et dat my morne tomyddage werde, so wert iu weder eyn uppe
den auent, so wil ek an iu eyne bede legen. Nicht 5) wen dusent gude
iar. Mor so schulle gy wat ervaren , dat sege ec vor war.
Edelent.
(Ohne Adresse.)
III.
(Auf der Rückseite : Litera 3*.)
(Item XIX ß. sande ik Edelinghe Scrivers an sente Elisabet daghe
den auent, do Hermen Giselers by slcyp 6). Dat gelt sande ik or by
Hermanße Konemunde mynem locaten vnd lech 7) or dat. — XVIII dn.
sande ik or by Hermanße Konemunt. — II ß. do sey my erst screyf.
— III ß. gaf ik Hermanße Konemunt an sent Mertins auent. — Item
V ß. sande or Hermanß Konemunt des dinstages na sente Elyzabet
dage bi orem sone den auent, do ek or anlende (?) — Item I fl. an
golde sande ek or an sent Katherinen auende by Hermanno Konemunt.
— Item IX ß. den suluen auent sande ik or bi dem suluen Hermanse.
- Suma III fl III ß. IV dn.)
Mynen fruntliken vnd willigen denst, darmede dar ek iu ynne
deinen kan, dat wil ik don, darynne alse gy wol weten. So wetet, dat
my iuwe scryft leyfliken vnd vol 8) behaget hef't. So enkan ek nicht
leng von iu blyven, ek moyt iu sulues tospreyken, dat ga ui 9) ot ga.
Ek hadde iu sulues ghescreuen in deme ersten breue, dat gy des man-
dages na Martens daghe scholden by my wesen, dat kam also nicht,
dat dat scheyn konde: iu ,0) wil ek Hermanse segen, alse iu schal
to my bringhen, so wil wey vnses dynges wol vnder vns wol eyns
werden. Ek enkan anders nicht myn herte in froyden setten : wat we
vnder vns to sprekende heffe, dat mach vnser eyn deme andern segen.
Gy synt de erste, deme ek breue ghesant hebbe: gy schullen ok wol
de leste syn, wil gy anders na mynem willen don. My heft in der
werde menmchfyn geselle anghesunnen : desensyn nochneyne VIII daghe
vorgan, dat my eyn baut n) VI fl., dat he moste eyns to my komen.
Hermans de weyt dat vol, we he was, den fraget, de seght iu dat wol.
Ek wolde iu vol vnde scholde wol vele scryven, nu wil ek ot huden
*) = morgen. ») == nichts weiter. ") Hochzeit hielt : ein Patrizier. ') = lieh.
= wol. ') = wie. '") = nnn? ") = bot.
ERDICHTETE LIEBESBRIEFE DES XV. JAHRH. etc. 389
so lange twisch hyr vnde myddeweken, so wil ek iu suluen spreken
vnd enwil ock nicht leygen , dat ek iu scriue, dat don ek in groter
leue vnd fruntschap vnde Hermannus is des io eyn sake ,2). So heffe
gy my gheleynt XVIII dn., II ß. vnd IUI ß., de ge Hermanse geuen
an synte Martens auende, dar doit to so wele 13), alse vor eynen golt-
gulden des geldes, uppe dat gy my reyde sant heffen vnd sendet my,
dat dat my auentlanck werde, up deme fote '*) wil ek iu II fl. an golde
weder senden. Dat is de erste beyde, de iek an iu ghelecht hebbe,
de twidet I5) my vnde late des ok nicht, gy schuldes nenen schaden
hebben. Ek wil eynen doick kopen morne gait tyd vor IUI gulde
wort geldes, darvmme senden my by Hermanse vnde weygeret my des
nicht, gy-schullet vol seyn, wen on morne uppe hefi'e. Nicht mer men lö)
dusent frolicke iar. Latet des nicht, gy senden my io XIIII ß. , so
vele feylt my noch an den IUI guldewort geldes. Ek sende iu golt
weder : weset des denkende, dat ek dat kryge, er ek to deme
danse ga, so schal Hermans to iu körnen, ven l7) de cloke XIII sleyt.
*) E.
Weset dus dechtich, alse ek iu scryve.
(Ohne Adresse.)
IV.
(Auf der Rückseite : littera 4a missa ab eadem.)
Minen denst touorent nv vnde to allen tiden, wat ek wormach
dach vnd ok de nacht. Myn alder leueste myn, ek danke iu gotliken
vor dat gi my sanclen negentein scillinge, de gi my sanden bi Hermanse,
vnde vyf ß. by mynem sone, dat wyl ek alle tyd vordenen. So wetet,
dat ot my leyt is, dat gi an myddeweken my gesogt haden, des en-
laten iu nich vordreten uppe de tid, alse iu Harmans wol segen schal,
do wert my to male lack ,8), er gi to my komen, went sundage so
moyt myn man to Kassele syn, do sede my Hermans, gy wolden my
eyn goltdulden lenen.. hellen; hedde gy dat gedan, dat scholde iu
wol heffen gebatten. Dat ek iu vmme gelt byddet, dat doy ek vmme sake
wyllen. Ek schal deme goltsmede geuen VI fl. , wyl gy my 1 fl.
lenen edder wat gy wyllen, dat wyl ek iu wedergeuen, byn ek von
eyner iromen vrvven gbeboren. Lene gy den gülden, dat schal tyd 10)
vordenet werden, dat de my worde noch auentlack.
Edelent.
") = Zeuge? ,s) = viel. ") auf der Stelle. IS) das mhd. 2widen = gewähren.
8) statt wen. ,7) = wenn. '•) = lang. ") = altyd.
*) E;"~ Her2 rc'.x Pfei . vi e ober bei 'Nr l.
390 GUSTAV SCHMIDT
V.
(Auf der Rückseite: 5" littera missa ab eadem. Illam nota.)
Mynen denst to allen tiden , wat ek godes vormach , den dach
vnde ock de nach. Myn leue gülden gülden golden frunt, myn leueste
frunt, ek danke iwer leue fruntliken vnd gvttliken, dat gy my sanden
anderen halven gülden , 1 an golde, V2 an gelde. Nu weten, myn leue
here, dat Wedekint Swanenflogel heft siner vrvven gesant 1 engeis
graw laken, dat hylt ver vnd twyntich elen: des heft se achte elen
laten afgesneden vnd nu heft se sesteyne elen, nu de XVI elen heffe
ek or afgekoft, alt 1 elen vor XVI ß, vnd dat heä'e ek, vnd des heffe
betald achte gülden vnd VI ß, de achte gülden guden gaf ek ut an
golde, nv feylt my noch V gülden an golde vnd V2 an gede 20). Wolde
gy nu deme manne afborgen, deme gy nv XX gülden geuen, gegen
Synte Johanse 2I), deme scholde gy betalen in ver dagen, so schol iu
dat want morne tagen 22) verden, so wolde ek or awentlanck dat gelt
geven: ok ys dat beste want, dat gy gehat heffen, dat latet my to
wetende werden, wen twey sleyt, vnd scrivet my 1 breyf, wat gy my
senden, so kryge ek dat want. Hermans Konemunt heft dat rede seyn.
Nv alse ek iw begegende dav up deme kerbowe 23), daw wolde gy my
nich anseyn, so homodich syn gy. In kort wil ek by iv syn. Hefiet
dusent gude nacht. Edelent.
Alle tyd wil ek don, wat iw leyf is.
VI.
(Auf der Rückseite: 6* littera mihi missa ab eadem.)
Mit ganser leue vnd flyte vnd ane arge lyst. God grote dich,
leyf, al wor du byst. Eyn leyf heffe ek ghekorenTÜach gaust (?) mynes
harten beger : wen ek de leyte varen, dat brocte 24) mynem herten swer.
In leue ek moyt leu.en eyn 1 vnd twey daby, in trwe ek mot screuen,
des moghe gy gelouen my. Ach scheyden du bytter crudelyn, du kren-
kest myne mqt, ach leyf mochte ek by dy syn vnd denen nach leue
gloyt, yd mach wol komen also, vnd dat ek doy myt herten fro nach
iwem beger, ek sy gy den na efte ver.
Myn leue frunt , ek danke iw alto leyflyken, dat gy my sanden
V gülden an golde, des weyt ek iw goyden danck, ek da iw to goyde,
dat schul gy wol befynden. Nu wetet, dat ek Harmanse heffe gelouet
11 elen wandes morne to geuende: nu doyt eyn dynck vnd komet up
vse boyden 25) vnd borget de, so wyl ek iw scenken vnd met iu douen
20) = gelde. ai) = S. Johannis Kirche gegenüber. **) «= morgen am Tage.
2S) = Kirchhofe. a4) = brächte. I5) = Kramladen.
ERDICHTETE LIEBESBRIEFE DES XV. JAHRH. etc. 391
vnd wyl dat sulwen betalen: vnd dat dot morne, wemme dat ander-
male lut to der mysse, so wil ek wente myddeweken awet by iu we-
sen. Damede heffet dusent gude iar. Edenlent.
VII.
(7* littera mihi missa ab eadem.)
Erwerdige leve here , so gy my heben gescreuen, dat gy helfen
ghehalt twey elen wandes, des schul gy neynen schaden hebben, hedde
gy up my eyn heyl doyck 26) gehalt, dat my got help vnd hylgen:
nv halt Hermanse soden want, alse vyf elen, vnd wil gy nicht de twey
elen behaulden, so sendet se my weder, ek wyl se iw wol betalen. So
scrywe gy my, dat ek iw scholde senden eynen snor an iwe badelaken.
Myn lewe here, wetet, vor dat gelt, dat iw Hermans bracte, da wolde
ek met 1 gulden yngelaust twey par laken vnd II badelaken vnd
III par hemede, de scholden iw iav wis 2?) morne hat heffen. No moyt
ek nocht ennen dach beyden, ek endorste iw nicht umme so wele
wandes bydden to borgende, dat ek dat gelt half behaulden hedde.
Myn leue frunt, wat gy ome borget, dat wil ek, so help my got, wol
betalen. Ok so wyl ek iw in kort von der pyn losen, dat schal gy
befynden vnd wyl ok iwer wol denken went my wol geyt. Darmede
heffet dusent gude iar. Edelent.
VIII.
(8Ta littera mihi ab eadem missa.)
Mynen denst ut al mynes herten gründe myt fruntschap vnd leve.
We de den anderen belucht vnd bedruch, de is syn erger wen ieu-
gerleyge defe.
Erwerdige leue gulden frunt, ek danke iwer lewer leue, dat gy my
sanden II gulden an golde , des wil ek alle tyd iu danken , wen gy
deden my leue daranne, dat ek deme homodigen her kremelynge 28)
syn gelt gaf: nv is Wedekynt Swanenflogel ghekomen vnd ek wyl iw
nv von den pynen losen, dat schulle gy so befynden. So hadde ek iw
laten beden umme gelt, iw to goyde, dat gy iwe want hedden kregen,
ok umme der Swanenflogelschen wyllen. Nv is iw alle tyd leyde, dat
ek iw beheyge. Hefe gy my leyf, gevet Hermanse soden gelt, alse
II gulden vnd LTH ß , so möge iw nyge werden uppe der hylgen
dryger koninge dach. Heffe gy my leyf in trwen, so sendet my dat,
went 9 sleyt, so wyl ek or dat gelt gewen. Heffet dusent gude iar.
Edelent.
" — ganzes Stück Tuch ;' (a bit /= -- KrSmer.
392 GUSTAV SCHMIDT
IX.
(9na littera mihi missa ab eadem.)
Swygen dat is kunst, claffen dat brynget Ungunst, allen luden
gotlicb, wenich luden heymilich, sigh vor dich, de loue de is myslych,
de trwe de is eyn selten gast, ve 29) se hebbe, de hode 30) se vast.
Myn lewe frunt, latet iwer lewe nicht worlangen wnd bydde iwer
leve, dat gy nich vor unwyllen nomen, dat ek iu hebbe upgeholden,
ek enhebbes nicht gedan, dat ek iw heigen 3I) wylle, alse iu wol leyde
vor is. Ek enbyn der neyn, de so plech to doynde, gy heffet my ge-
sant X gülden, des schul gy neynen schaden hebben vnd vors X naarck
ek kan iu veder lenen eyn gülden edder twyntich 32), so en is de frwe
nich to hus ghekomen met deme wände , dat schal iw vol werden,
wen gy schallen nicht denken, dat ek iw oven wylle. Wore Hans en-
wech, gy scholden wol sen, ef ek iw heygede. Hermans de lyt my
dach vnd nacht upme halse. Nicht to dusser hyd, myn lyf, myn syn
steyd uppe iw. Hochtydet de Lyndeschen vol, ven gy by se komen,
Scryvet my 1 bref, so werde ek fro. Hunde[r]t dvsent gvde iar.
Edelent.
X.
(Decima littera mihi missa ab eadem.)
In aller werden guden stad, dede ek iw goyt, gy deden my quat,
Borde ek my up, gy setteden my neder, erde ek iw, gy sehenden my
weder. Erwerdige leue here, ek heffe iwe scryft wol vorstan, so vmme
de ersten beyde, de gy my beyden, alse eynen snor an iwen badebudel,
so bracte Herman9 my den budel vnde ek makede iw den snor: be-
haget he iw nv, so hebbe ek gerne den snor gerne maket heffen : so enwste
ek on to Gottingen nicht deme ek scryven wolde edder soden don
wolde. De anderen bede de schal ok scheyn. So sede my Hermans
gysteren von deme swartem wände, ek wyl iw de senden, 1 elen hebbe
ek vorcleydet, ek wyl se betalen gotliken. Myn leue gülden frunt, ek
wyl alle tyd gerne don, wat iw leyf is. So clage ek iw over her Corde
Hvllen, deme was ek schuldich III marck, des gaf ek ome VI gülden
an myddeweken, hedde an my synen wyllen heffen wolt, so hedde
ome in achte daghen neyn gelt gegeuen, so hebbe ek geldes ennoch.
Nv bydde ek iw vmme aller frvntschap vnd lewe wyllen, de gy gy
iw to eyner mynschen hat hebben vnd borcet my twey gulde wer83)
<>ö) = wer. 30) = hüte. 31) — höhnen. 32) = ein Stücker 20 fl., wie man
noch hier zu Lande volksthümlich ?a<rt: ähnlich auch bei Luther: ein Tag- oder vier
Gulden "'Tth
ERDICHTETE LIEBESBRIEFE DES XV. JAHRH. etc. 393
geldes, da wil ek 1 pant iw vorsettet, ek wil iw soden gelt in achte
dagen weder senden, do ek des nycht, ek wyl iw 1 cleynode senden,
gy schullen XX gulden darup borgen, dat gy deme nycht vorlegen,
deme gy dat af'borgen , so mach ek omc syn gelt moghe geven , da
bydde ek iw vmme, ek wyl iw leuen bewysen met al deme*, dat ek
iw screwen heffe. Scrywet my von stnnt, ef gy deme so don wyllen,
ek en wyl iw nummer vmme gelt mer bydden. Nycht mer wen dusent
gude iar. Edelent.
XL
(Undecima littera mihi missa ab eadem.)
Mynen denst to vorent. Des latet iw nicht vorlanghen, met kör-
ten reden. Senden my dat gelt vor de Bemesche, so schul gy iwen wil-
len met my morne hebben. Ek danke iw leyfliken wor iwe latwarien3*)
Edelent.
XII.
(12ma littera mihi missa ab eadem.)
Goyd schal me met goydeme vorghelden. Met iweme gelde wyl
ek iw nycht wor snellen : darmede mynen denst. Myn leve frunt, so
alse gy vnwyllich syn met Hermanse umme soden gelt, XVIII ghu[l|den
vnde vertich Bemesche, de vyl ek iw gotliken veder senden, dat ek
des nicht geholden heffe, dat maket sake, doch en wyl ek nycht laten,
ek wyl iw spreyke, de warheyt wyl ek iw scryven , sciywet my awent-
lanck iwen syn: wente sonavende wyl ek iw alle warheyt scryven.
Darriede dusent gude iar. Edelent.
Das Protokoll über das Schuld bekennt niss des Locaten.
1459, Febr. 4.
In godes namen Amen. Kund vnde openbar sy allen den, de dyt
iegenwardighe instrument sehin effte hören lesen, dat na Christi geboid
vnsers heren dusent veyrhundert in dem negen vnde vefftigisten i;uv,
der seueden indictien, ame sondage des veyrden dages des manten
Februarij, tor tercie tid dagis edder darby, paweßdome des allerhilli-
gisten vnses in god vaders vnde heren hern Pii von godlicker vorsich-
ticheit des anderer^ paweses in deme ersten iare, in iegcnwardicheit
my openbaren notarij vnde tughen nabeschreuen , darto sunderges ge-
beden vnde geropen, stunden vnde erschineden personlicken de ersamen
vnde vorsichtigen Wedekind Swaneflogil de eider vnde Giseler von
Munden de iunger, ratmanne to Gottingen, Mentssches sprengils vnde
bisschupdoms, von deme rade to Gottingen sundergen in dusser nage-
394 GUSTAV SCHMIDT, ERDICHTETE LIEBESBRIEFE etc.
sehreuen sake geschigket, de denne itwelke breue vnde schriffte, der
wol twelue by enander was, in oren banden hadden vnde de vor Her-
manne Konemunde, clerico des vorscr. bisschupdoms, openbarlicken
lechten , de alle openden , ome de ock in sine bände deden vnde ome
de eigentlicken entogiden 37) vnde sehin leten: de sulven breue denne
von eyner fromen fruweßnamen an mester Corde Hallis, prestere vnde
scbolemestere darsuluest to Gottingen, vthgesand vnde geschreuen
scholden sin, so se ludeden vnde ynnehilden. Des fragiden one de
vorbenomeden Wedekind vnde Giseler, efft he icht sodanne breue
hedde geschreuen edder nicht. De vorschreuen Hermannus, wo wol he
vpgeholden vnde gefangen was, stund he doch do suluest vppe frigen
foeten , leddich vnde loß , vnde nara sodanne schriffte vnde breue in
sine hande vnde besach de all, sede vnde bekande mit frigeme gudem
willen, vmbetwungen, vngebunden alles dinges, ock vngenodiget vnde
vngedrunghen, dat he sodanne breue all, wo wol id twyerleye schrifft
gestalt were, mit siner band vnde de so vorwandelt hedde, hinder so-
danner fromen fruwen, de in den breuen benomet was, vnde vthgesand
scholde hebben, sunder ore weten, willen vnde fulbord hedde gedichtet
vnde an den vorbenomeden mester Corde geschreuen, ore darvon de-
ger vnwitlick, vnde hedde dat in deme synne vnde meynunge gedan,
den genanten mester Corde to bedregende vnde dat he itwelk gelt
darmede von ome wolde krigen vnde erweruen. So he denne bekande,
he gedan vnde gelt so von ome darmede erworuen vnde vpgenomen
hebbe. Vppe dyt vorschreuen all vnde besunderen de vorben. Wede-
kind vnde Giseler to des vorben. rades behoff my openbaren notarium
esscheden vnde requirerden, begherden darvp von my openbaren no-
tario vorscreuen eyn edder mehir openbar bewisinghe vnde instrumenta
one to makende vnde to conficerende. Vnde dijt is gescheen vppe deme
radhuse to Gottingen vorschreuen vnder iaren, indictien, daghen, man-
ten, stunden vnde paweßdome, so allet bouen gerord is. Dar by, an
vnde ouer sin ghewesen de vorsichtigen Clawes von Sneyn hovetman
vnde Roland von Northen, borger to Gottingen, des vorscr. bisschup-
doms, also loffwerdighe tughen hirto sunderges geesschet, geropen
vnde gebeden.
Vnde eck Andreas Brun, Sleßwickes-
sches bisschupdoms, von macht der
(Signum notarn.) keyserliken gewold eyn openbarer nota-
rius etc. etc. etc.
sf. das rahd. dugen = zeigen.
395
KLEINE BEITRÄGE.
VON
FEDOR BECH.
1. Geheime, geborgze, gebuscheze u. s. w.
Zu den eigentümlichen Wortbildungen mitteldeutscher Dialecte
gehören die auf — eze, — ze endigenden Ableitungen mit dem Präfix ge — ,
über welche J. Grimm Gramm. 2, 214 u. 3, 526 gehandelt hat. Sie
entsprechen fast durchweg den niederdeutschen und besonders den
niederländischen Wörtern auf — ete, — te, ja sind ihnen zum Theil wohl
erst nachgebildet. Die Sprache bedient sich ihrer hauptsächlich da,
wo sie eine Menge, eine Masse, ein Durcheinander bezeichnen will.
Da dieselben einem in lexikalischer Hinsicht noch wenig beachteten
Mischdialeete angehören, werde ich eine Zusammenstellung der mir
bisher erreichbaren Formen hier versuchen.
Geheime = Gebein , bei Pfeiffer, Beitr. z. K. der köln. Mundart
S. 98; Karlm. 444, 28 sin gebentze xoas so groes, vgl. Bartsch über Karlm.
S. 285; im Mnd. lautete die Form gebenete, so Eike von Repgow im
Zeitb. 323 (7) de* heiseres gebende („imperatoris ossa") und 351 (12)
&e toworpen al dat gebenede; Sassenchron. ed. Scheller 43 er gebente ward,
erhaven; 301 dewile one sin gebente drog; oder gebeinte wie 256 dewtle
ön sin gebeinte drog; Bruder Hans Mar. 2406 ein vleisch mit dir, ein
bloet und ein gebeinte (-.vereinte); strenger an das Niederd. hält sich
auch das Passional ed. H. 70 , 69 und zugen vaste hin zu tal sin ge-
beinde über al, vgl. mhd. Wort. 1, 101b, 43. — Geborgtze = sponsio,
vadatio, bei Schannat de clientel. 356 (a. 1370) umb alle geborgtze l ei-
stun ge atzunge schaden u. s. w. — Gebuschetze neben gebuschete findet
sich bei Diefenb. Gloss. 501° s. v. rubetum. — Gebüwetze = mhd gebü,
Var. zu Megenb. 108, 8 und S. 804; Oberlin. 488; vgl. gebuode in
der Kaiserchr. 54, 3 (Maßm. 1747) und gebuwede im Eisenacher Rechtsb.
S. 704 und 705; Job., v. Guben 53, 15 und 29. — Gedärmze = mhd.
gederme, Gramm. III, 526; gederme, Diemer Wb. z. Genesis; Martina
101, 95; Köditz v. Salfeld 89, 6; gedirme Wb. zu Jeroschin und zu
Megenberg. — Gedingetze = mhd. gedinge, im Henneberg. Urkundenb.
ed. Schöppach u. Brückner III, 139, 20 (a. 1385) neme ouch gräfe Hein-
rich von des krieges wegen fromen an sloszen, an gefangen, nämen, braut -
Schätzungen, Schätzungen , gedingetzen oder andern sachen ; daselbst Z. 1 1
auch sal gräfe H. unser, unser heubtlüde und amptlüde gedingetze, tro-
stunge und Vorwort holden und ähnlich 140, 33; Schannat de clientel.
396 FEDOE BECH
Fuld. 366 (a. 1.388). Vgl. gedingete im sächs. Lehnrecht ed. Homeyer
7, 2; 35, 1; 76, 4 n. 8. — Kintgedingtze = kintgedivgpde, Kindlinger
Gesch. der Deut. Hörigk. S. 600 und S. 608; vgl. Haltaus Gloss.
1086 über kintgedinge. — Gehimelze, mhd. Wb. 1, 686b, 35 und Haupts
Zeitscbr. 11, 547 (436) ein gehimeltz oben swebet vor der künigin ; gehimi-
lizi laquearia bei Graff. 4, 944 aus einer Trierer Handschr. u. Diefenb.
Gloss. 318° s. v. laqnear. Vgl. weiter unten gemelze. — Gehundctze —
mhd. gehünde, im Urkundenb. des Klost. Arnsbnrg. ed. Baur Nr. 1133
(a. 1401) wir hän daz dosier gefryghet von soll eher jngerye und gejagetze
in erme hohe — alse da etzwan unsz aldern sei sie besweret und uberlacht
hatten, so daz sie voitme dar yn mit gejagetze} gehundetze vnd fogeln
immer me ewechche gedronget sollent werden von uns. Das Wort erinnert
an die noch lebenden Ausdrücke hunzen, verhunzen, zerhunzen, vgl.
Frisch 1, 477b; Stalder 2, 62; Schindler 2, 221 und 211. Zu den
Stellen über gehünde im mhd. Wb. 1, 728b, 42 füge noch J. Tit. 4801 , 4;
5753, 4 des gehündes valt [rrf] ein unbilde; v. Laber 203; Helbl. 4, 438;
Lassb. LS. II, 295, 75; Pfeiffer zu Jerosch. S. 156. — G,jagetze —
mhd. gejägede gejeide und gejaget gejeit, Urkundenb. des Kl. Arnsb. 1. 1.;
Jac. v. Königshofen bei Oberlin. 505 wenne Isuac ouch von sinem geje-
geze dicke wol az. Vgl. jagoz (?) bei Graff 5, 581 ■= jagod. — Gekörnte
= mhd. körn, getreide (vgl. gekorne bei Frisch 1, 558b), Förstemann, Die
Alt. Ges. v. Nordh. S. 120 wer ouch gekorneze vorkou/et, der sal zitlihen
kouf gebin , also daz er keine tiude enmache; an und erme gekorneze sal
maus holde noch der einunge; vgl. auch Nürnb. Polizeiord. ed. Baader
S. 150 und 151 gekwn's und kurnts = „geschmolzenes Metall, na-
mentlich Silber in Körnern". — Gemelze = mhd. gemcelde, schon Graff
Sprachsch. 2, 718 aus einer Trierer Hs.; Heinr. v. Krolew. 1282 und
1310 (= gehimelze, laquearia?) nach mhd. Wb. 2", 25; Haupts Zitschr.
8, 433 letzte Zeile: ich enmag nicht mit Siner angesiht sthen alle die spe/te
und alle die löcher und alles das gemelze das dar an (= an dem liüse) ist;
Renner 1857 des ist manger leute leben als ein gemeltze, daz man niht
eben merket und 1862 ez sei maure oder icant, an der dn gemeitze klebet;
12541 ez wirt ofte ma><ec gewant (inangß loant?) von irem gemeltze baz
bekant; Joh. Rothe's Chron. 635 wird erzählt, wie ein Blitz die Wart-
burg zerstörte und vorterbite vil schönes gemelis (cod. Dr. gemelczis)
wunders, ferner wie das Schloß, namentlich der Thurm darauf wieder
hergestellt wurde und auch daz gemele (cod. Dr. gemelcze) ein teil wedir
angehabin von dem stride vor Lucä; Wierstraats Reimchron. 23 gemeels.
Königshoven S. 97 gemelze; Frisch. 1,635" führt an gemahldste; Diefenb.
Gloss. 433c.au8 Glossarien des 15: Jabrh, pictnra, gemelcz, gemilcze,
KLEINE BEITRAGE.
397
gemilsche. — Gemfiritze = mhd. gemiure, Kellers Erzähl. 605, 13 ich
sach ein g emuritze schon und f in, daz stvent enbor gemarmelt; sonst aemü-
rede mhd. Wb. 2% 275 und Eisenach. Kechtsb. S. 708 gemürde. --
Gerufze = mhd. gemofe gerüefe, Joh. v. der Pusilie Chronik 124 alle
gingen mit grossem gerüfczin tag und nacht misericordiam et pwem; vgl.
das md- geruofede, geruofte im mhd Wb. 2% 807. — Gesteinte — mhd.
gesteine, Pfeiffer Beitr. zur K. der köln. Mundart S. 99; Janota, Über-
setzung der Psalmen aus dem 14. Jahrb.. (Krakauer Progr. 1855) S. 7;
mnd. gesteinte in der Minneregel von Eberh. Cersne 4133; Bruder
Hans in Marienl. 3305; Merzdorf, Die vier BB. der Könige 145 gesfente.
— Gestirnze = mhd. gesterne gestirne, Janota 1. 1. S. 7; mnl. bei Kil.
Duffl. 176 ghesternte sidus. — Gestültze = mhd. gestuole gestüele, Weist.
1, 446 (ä. 1457) die da vor dem dorfe — under der linden — vf iren
gewonlichen lantschrannen und gestültz gesezzen wären ; 448, Z. 15 und
Z. 19 si säzen vf ir gewonlieh schrannen und gestültz; Diefenb. Gloss.
550b staüum gesiultz, gestiltz, gestolcze, nd. gestehe; Pass. H. 124, 4
daz über der engele köre dir diu gestülde si bereit; Pass. K. 325, 37 da
in bereit was worden ir gestülde und ir Hat. — Geteiltze = mhd. geteilte
geteilet, Gedicht auf Heinrich d. Löwen aus dem 15. Jahrb.. in Maß-
manns Denkm. S. 133 (70 ich to>l dir ein gedeiltze geben; und in der
Hamburg. Hs. von Rudolfs Weltchron. bei Gottfr. Schütz (Die ge-
reimte Übersetzung der hist. Bücher des A. T.) II, S. 232 Josephus
Daviden sere lopte daran, daz in der demüde gezam, daz er diz gedeiltzte
nam und mit den sinen auch sin leben er in ivcige dö wolde geben. Das
im Mhd. hin und wieder vorkommende Substantiv daz geteilte bezeich-
nete das unter zwei oder mehreren Dingen zu Wählende, die Wahl,
die Alternative , die Bedingung — daz geteilte spil; es gehören zum
Theil die im mhd. Wb. 3, 25b, 28 fg. vermerkten Stellen hierher,
außerdem aber noch Grieshab. Predd. 2, 27, Z. 4 von unten : der wh-
saije der gib im d>iu sweriu geteilten (?) = „trium rerum optio" ; (Jose-
ners Chron. 38, Z. 2 dö gab inen der kunic driu geteilte: antweder daz
— — oder daz — — ; 45, Z. 1 dö gab er dem kunig zwei geUilte, daz
er neme weles er wolle, ant weders daz — — oder aber — — ; Die Hei-
dinn (Ges. Abent. 1, S. 425) 1350 ich wil dir zwei geteilte geben, diu
doch beide hübsche sivt — Kolocz. cod. S. 226, 1352; Lassb. LS. 3,
547, 314 so daz geteilt in danket guof ; und eben dahin gehören die im
mhd. Wb. 3, 25b herangezogenen Stellen aus Parz. 215, 13 und Walth.
S. 150, V. 77; Ernst v. Kirchb. S. 626 um sind gefeilte zuo gesxoorn
= unsere Lose sind fest bestimmt; Berthold ed. Pfeiffer 226, 3 ez ist
gar ein ungeteiltez, daz ewige leben und der ewige tot. Endlich wage ich
398 FEDOR BECH
auch die mir verdorben scheinende Stelle im Parz. 466 , 7 hierher zu
ziehen: die seihen sint geteilet'. AI der werlde ist geveilet Bediu sin minne
und ouch sin liaz. Nu prüevet wederz helfe bazy vielleicht diu selben ge-
teilet al der werlde sint geveilet ? Nicht zu verwechseln mit dem hier
besprochenen Worte ist daz geteilit, geteilide — die Theilgenossenscbaft,
die geteilen , welche sich in ein gemeinschaftliches Erbe theilen, wie
z. B. Weist. I, 9, Z. 3, 4 u. 6; 15 (47); 16 (49); 25 Z. 19; 304, Z. 1;
als st. m. = Theilgenosse Theilhaber 42, Z. 5 u. 6 (vgl. die ver-
wandten Ableitungen geswistergit, geswisteride, jungide, geveieride, diehteride,
gediel deride) ; im mhd. Wb. finde ich nichts davon vermerkt. — Getierze
= mhd. getier, nach der Heidelberger Hs. der Crone (a. 1479) zu
V. 12766 und bei Wigand, Wetzlar. Beitr. 2, 201 (a. 1521) ich wyse
ere lichname den fögeln vnd gedyrtz in der Ivfft zu vertzeren; vgl. dert
in der Sass. Chron. 292 und Merzdorf 1. 1. 36, 54, 147 den derten des
ertrlkes. — Gevogelze = mhd. gevügele (Herrn, von Fritzlar 59, 33 ge-
vogele) , Interlinearvers, der Psalm, nach cod. Trevir. S. 364 volatilia
pennata diu gevogelze gevideret; mnl. ghevoghelte bei Kilian. 180 Anm.
— Gewelz = mhd. geivelde, Waldung, Weist. 1, 639 wo ein lehnman
sitzet baussent dem kirspell , der sal keine gerechtigkeit im hogen gewelz
haben; 640 sd sol sich niemands des hogen geweldts gebrochen; 641 in
des lehnhem holze oder gewelz; alle drei Stellen aus einem Kirburger
Weisthume des 14. Jahrh. Zu gewelde vgl. mhd. Wb. 3, 472; J. Tit.
5536, 1; 6086, 1; Karlmeinet 377, 56; Kehrein, Samml. 31\ — Ge-
wulfze, gewulfz = mhd. gewelbe, Pfeiffer Beitr. 1. 1. S. 100, vgl. das
mnd. welvte in German. v. d. H. 6, 72. — Gezimerze = mhd. gezim-
bere, Pfeiffer Beitr. 1. 1. S. 100; md. gezimmerde, Fromm, zu Herbort.
15934 (mhd. Wb. 3, 893b); EisenacL Rechtsb. S. 687 geczüne und
gecimmerde. — Gewürmze = mhd. gewürme, Gramm. 3, 526.
Außer den genannten führe ich noch folgende Beispiele an, von
denen ich die im Md. übliche Umformung noch nicht nachweisen kann:
gebirgete, gebergete = mhd. gebirge, Eberhard Cersne 4272, Eicke von
Repg. Zeitb. 40, 1, gebircht bei Bruder Hans Mar. 1913, 2177, 2992.
— Gedurnte, ebend. 217, 3765 = mhd. gedürne. — Gehurnte, ebend.
3537 = mhd. gehürne.
Dagegen sind diejenigen Wörter, welche wie gedenze, gekelze,
gestrenze auf einer andern Ableitung beruhen, oder in denen wie in
gebrochze, gekrechze die Endung — ze eine andere Modification der Be-
deutung als in den oben angeführten bewirkt, absichtlich unerwähnt
geblieben. (Vgl. Gramm. 3, 526. — Koenigshoven 892 geregeze = ve-
litatio Oberlin 528).
KLEINE BEITRÄGE. - 399
2. Poten, boten sw. v.
Wir lesen im Pass. K. 439, 46 daz ich dir drfif ein glosel pote
(\gote). Köpke deutet dieses poten hier im Glossar S. 706 und 758 mit
„verkündigen, anzeigen", leitet es also von böte nuntius her. Ein solches
boten habe ich nirgends wieder finden können. Dagegen kennen die
mnd. und mnl. Dialecte das Wort poten, boten = locare, ponere, plantare,
inserere, so z. B. das mnl. Gloss. Bernense aus dem 14. Jahrh. bei Graff,
Diut. 2, 219b inserere poten vel enten (= mhd. impheten); Frisch. 2, 66b;
Sachsensp. ed. Homeyer (2. Ausg.) 28, 2 Anm. nach Qfh. houwet he
holt dat gesät oder potet is. Da das Passional auch sonst hin und wieder
niederdeutsche Formen aufweist, kann von Seiten des Dialectes gegen
poten in diesem Sinne um so weniger etwas eingewandt werden, als
es so gedeutet dem Zusammenhange der Stelle durchaus bequem ist;
einen ganz ähnlichen Gebrauch hat derselbe Dichter von dem syno-
nymen pfropfen gemacht, vgl. darüber Köpke im Glossar S. 757.
3. Verwillen, verweilen, verzollen.
Karlmein. 453, 67 id endoch neit, dat sich der man verwilt (: schilt);
diese Stelle vermag ich mit Sicherheit nicht zu erklären; ist er verwilt
sich = er übernimmt sich im Wollen, überhebt, übereilt sich? so daß
es von ich wil abzuleiten wäre ? Altd. Beisp. ed. Fr. Pfeiffer in Haupts
Zeitscbr. 7, 343, 76 swaz snel ist, daz wirt dicke laz: also verveilet guot
vederspil, der ez ze sere zwingen wil; hier hat die Hs. A. also verweilet
sich vil guot vederspil, daher man auch schreiben könnte als verwilet
sich vil guot v. (ähnlich gemessen wie vorher V. 68), denn dieselbe Hs.
schreibt auch reichez V. 91 statt riches, geheit V. 92 statt gehit. Sich
verwilen könnte dem in der Zeile vorher gebrauchten Ausdrucke laz
werden sinnverwandt sein. Oder ist auch hier vielmehr sich verwilt an-
zunehmen? und ist dies etwa ein technischer Ausdruck aus der Sprache
der Falkner? dem Zusammenhange nach muß es nämlich so viel be-
deuten als diu gir, der wille vergdt im, denn die Worte wiederholen
dem Sinne nach das was in V. 56 fg- gesagt war: er beiwanc daz terzel
so sere, daz im diu gir gar vergienc und in V. 69 fg. sus twinget manic
man sin lip durch ein woztlxchez wip also lange unz üf die stat , daz im
diu gir gar zergät. Eine sichere Entscheidung lässt der so wenig be-
zeugte Ausdruck bis jetzt noch nicht zu. Nicht besser steht es mit
jenem obirwillen oder obirwellen, das sich im König ßuother findet
V. 4468 got der gildet harde vil, Swenne sich der mensche ouir wil, So
tut he unrechte, obwohl man auch hier, falls die Lesart unverdorben ist,
auf den ersten Blick übersetzen möchte mit: sich überheben, sich zu
4()(l FEDOK BECH
viel vornehmen. Der Bedeutung, wenn auch nicht dem [Stamme Dach
verwandt scheinen die Zeitw. verweilen und überwellen. Das erstere ist
im mhd. Wb. von schwankender Hand untergebracht unter wüle wal
gnoollen 3, 673", 42 und 675a, 25. An der letzteren Stelle — aus Die-
mer 223, 5 — kömmt sich vencellen dem sich verwallen im mhd. Wb.
3, 47lb, 12 sehr nahe. Ich trage noch nach J. Tit. 3371, 4 so ivcenet
des Ackriii und sin gesellen, ir si wan zwene und sibenzic, daz wir uns
sust mit armuot verweilen; hier scheint sich die Bedeutung der von
beivellen im mhd. Wb. 672", 43 zu nähern. Überwellen steht im J. Tit.
3566, 4 man giht im si unmozre höchvart und den [*?«] richeit überwellet
(: gevellei); an dieser Steile lässt sich eine Ableitung von walle wiel
gewallen (mhd. Wb. 3, 470 — 71 *) denken, eigentlich machen, daß etwas
überwallt, dann übertragen: bewirken daß jemand sich überhebt, über-
müthig wird.
Die eben aufgeführten Beispiele zeigen, wie schwierig, ja zuweilen
unmöglich es ist, die verschiedenen Ableitungen von ich wil, ich wille,
ich walle, welche sich so sehr ähnlich sehen, scharf zu sondern und
ihren besondern Wortstämmen zuzuweisen. Die Sprache selbst gewährte
hier dem individuellen Gefühl bei so naher Berührung verwandter
Stammgebiete gegen willkürliche Grenzverletzungen keinen Halt.
4. Behielt Rerouben.
Marias Himelf. von Conrad von Heimesfurt 250 daz snewize eren-
kleit solt du an dinern llbe haben, nach Hs. C. aber rechhlaid statt eren-
kleit, und eben so V. 456 unser herre häte an sich geleit Daz selbe sne-
wize kleit Daz ouch ir der enge! brdhte nach Hs. C. die snebeizen rech-
hlaid für daz seihe sn. kleit. An beiden Stellen scheint rckleit = bärkleit
dev ältere und echte Ausdruck zu sein, wenn man erwägt, daß auch
V. 515 für gerewet in C. gerekrhet geschrieben ist. Vgl. das alts. hreogi-
wädi und reluocha exsequias bei Graff. 5, 366. Im mhd. Wb. vermisse
ich noch rerouben sw. v. = rauben, plündern, welches Meister Sigeher
hat bei v. d. Hagen MS. 2, 361a man siht rerouben eigen, kirchen, sträzen,
dörfer hern u. s. w.
5. Vermeistern.
Altd. Beispiele ed. Pf. in Haupts Zeitschr. 7, 342 er betwanc daz
terzel so sere, Daz im diu gir gar vergienc Und darnach niht ^ere vienc.
*) Das im mhd. Wort. 3, 470 aus Ziemann aufgenommene, bis jetzt 'unbelegte*
verwalten findet sich in Wolframs Willeh. 69, 24 nü heten ouch üz verwallen sin ougen
an den stunden ursprinc den si funden; verderbt steht es bei Ulrich v. d. Türlin im
Willeh. ed. Casparson S. 52b der herze in minne si verwiel, wo bessere Hss. ver-
ÄHithlich in minne fiuwer wiel haben werden.
KLEINE BEITRAGE. 401
Sa« vermeistert er sin vederspil, d h. verdarb es durch das Abrichten.
Im rohd. Wb. ist dieser treffende Ausdruck übersehen worden.
6. Einzec, einzigen. Einzelich, einzelichen.
Zu den Anführungen im mhd. Wb. 1, 425a und in dieser Zeit-
schrift 8, 323 ist noch nachzutragen Fundgr. 1, 364"; Ottocar in Maßm.
Kaiserchron. 2, 626 V. 51 man sach sie dannen keren An urloup bein-
ziqen, Wand in beleip wwerswigen Des küniges krancheit; Nürnberger
Polizeiordn. ed. Baader 128 (15. Jahrh.) nichtz nicht hey einzigen ver-
kaufen oder ausswegen; 129 nicht mit eintzigen tüchen verkaufen noch
aussmessen (opp. mit ganzen stücken, samentlich); 140 die abganc von dem
gezogen blei bei einzigen jfundsioeiss verkaufen; 325 was si an pfenning
bei einzig hinleihen. Andere Stellen aus dem 15. Jahrh. im Glossar zum
2. Band der Chronik der Fränkischen Städte S. 545 , auch 1 , 484".
Merkwürdig sind ferner einige Fälle im J. Titurel 6131, 1 er sitzet dar
niht einzic (: vier und zweinzic); 5309, 1 die fumfe und ouch die zweinzic,
die Secundillen bäten, alle sunder einzic wann mit tjoste da gein im ge-
rdte?i; 4209, 2 SSrüt mit sunen zweinzic den bruoder nü loil rechen, die
wurden des gar einzic, daz da heizet heim und schilde brechen und hier-
nach bei Ernst von Kirchb. 816 enzig : zwenzig. Verderbt scheint die
Stelle im Kenner 13647 (vielleicht einziger f).
Den adverbialen Ausdrücken einzigen, zeinzigen, beinzigen gleich-
bedeutend findet man auch einzlichen „singulariteru in dem Windb.
Psalm. 140, 11, S. 643; singulatim einzlichen in Haupts Zeitschr. 8, 142
aus dem 10. — 12. Jahrb.; ebrietas trunchenheit diu einzelich geschit in
den Altd. Bl. 1, 365 aus dem 13. Jahrh.; ez xoer zu ho — daz gar zu
intrichtene und enzellich zu tichtene bei Jerosch. 5868; entzlichen vor-
kaufen in einer Urkunde bei Dreyhaupt Beschreibung des Saalkreyses
2, 559 (an. 1350); eyntzellich und elensweise versneiden in Nürnberg.
Polizeiord. 188; bey eyntzlichen elen verkaufen ebend. Im mhd. Wb.
kann ich dies Wort nicht finden; neuere Belege bei Grimm, Deutsch.
Wb. 3, 351 und 358.
7. Widernüllen.
Das im mhd. Wb. fehlende Wort steht in den Altd. Beispielen
ed. Pf. 379, 81 = Ges. Abent. 2, 385, 81: sus het er ividemüllet, daz
er was betrüllet *). Bei widernüllen darf man zunächst nicht an das im
*) betrüllen = bezaubern, berücken, bethören, sieh mhd. Wort. 3, 113; füge dem
hinzu J. Tit. 2961, 2 di wisen sam die kinde Sint dar an betosret und betrüllet (: ge-
fallet); behüllet : unbetrüllet 2990, 2; ich warn ie grozzer valsch wart behüllet Mit also
klarem velle, sin Hehler glänz manec ouge noch betrüllet 5215, 4. In dem mhd. Wort
3, 113", 12, ist Bari. Druckfehler (ih- Berth Berthold <•.!. Pfeiffer 56, 29.
Lii;KMANIAX.
402 FEDOR BECH.
mhd. Wb. 2", 422b aufgeführte „nullen wühlen" denken; letzteres lau-
tete wohl ursprünglich genauer nüelen, worauf auch die Erwähnungen
von Oberlin 1138, Stalder 2, 245 und Schmeller 2, 689 deuten, und
hätte hiernach schon wegen der gemeinsamen Grundbedeutung fügli-
cher unter nuoil nuol = sulcatorium , beide zugleich vielleicht wieder
unter nüwen nüen, = hindere und conterere fricare (vgl- Zwei D.
Arzneibuch, von Fr. Pfeiffer S. [182] 75) gestellt werden sollen. Näher
zu liegen scheint mir das in dieser Zeitschrift 8, 471 berührte nel nol
nulle, welches nach den dort gegebenen Beispielen aus der Elisabet,
so wie nach Graff 4, 1131; 2, 113 den Scheitel, die Stirn (auch den
Hinterhopf?) bezeichnete und womit verwandt ist die im Glossar zu
Klaus Groths Quickborn S. 415 besprochene niederd. Redensart „nüel
dal fallen vorn über aufs Gesicht fallen." Darnach könnte widernüllen
so viel sein als mit dem Kopf, der Stirn wieder- oder zurückstoßen,
jemand wieder eins versetzen, sich rächen.
8. Nezzelcehe.
Altd. Beisp, 354, 25 dane schadet mir krüt noch hör noch daz nez-
zelcehe (: spcehe) ; = urticetum urticinetum nezzelnbuch bei Diefenb. Gloss.
306c; vgl. Gramm. 2, 312 und Fromm, z. Herb. 1577.
9. Tarsen, dcesen.
Von dem bisher fast bloß aus Notker (Graff. 5, 229) bekannten
und im Mhd. nur mit einem Beispiele belegten tossen oder dcesen = dis-
perdere, corrumpere (mhd. Wb. 1, 386") brachte das von Bartsch in
dieser Zeitschr. 8, 273 neu herausgegebene Bruchstück des „ältesten
deutschen Passionsspieles" *) in II, 28 ein Beispiel: da von wil ich mich
vh'::en, Daz ich si danne lasse Und ih die helle tcese. Ganz ebenso drückt
sich Walther v. Rheinau aus im Marienl. 121, 27 daz ich den tievel
binde Und ouch widerwinde, Sinen geicalt tcese Und die menschen loese;
13, 42 si befunden ir leit toesen Mit süezen wehselkoesen; 130, 36 gotes
lamp — al der icelte sünde gar hin nimt unde tceset Und von sünden laset.
10. Ferpel.
Über die mitteldeutschen Formen vorebil , vorebele , vorevelich
= mhd. vrevel, vrevele, vrevelich hat J. Grimm im Deut. Wb. 4, 171
und 174 ausführlich gehandelt und sie mit Beispielen aus Jeroschin
und dem Kulmer Recht, sowie auf dem Umschlag der ersten Lieferung
*) Die Sprache des genannten Bruchstückes hat überraschend viel Ähnliches mit
der Walthers von Rheinau, was nicht bloß in der gemeinsamen Mundart seinen Grund
zu haben scheint. Zu riuwaere S. 278 vergl. Walth. 133, 44; zu pülhiciz J. Tit. 5467, 3
und v. d. Magens Gernian. 8, 2 ;:>.
KLEINE BEITRÄGE. 403
des 4. Bandes aus Daliinils Chronik belegt. Andere Beispiele in der
Düringer Mundart liefern die von Förstemann herausgegeben Nord-
häuser Gesetze, worüber sieh in dieser Zeitschrift 5, 233; 7, 100*).
Die Form virebilt findet sich auch im Freiberger Stadtrecht (Schott,
Samml. III) S. 281. Ob man bei Erklärung dieser Bildungen von einem
Grand worte evele hier auszugehen habe, wie J. Grimm mit Bezug auf
eine Variante bei Jeroschin 9122 gethan hat, oder ob man einfach eine
Metathesis annehmen darf, wie z. B. in den nd. Wörtern borst, verst,
vorsc, forst, versch — mhd. brüst, vrist, vrosch, frost, vrisch, wage ich
nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden. Für die erstgenannte Ansicht
ist der vereinzelte Beleg aus Jeroschin wohl kaum ausreichend und
gegenüber der Lesart in der auch sonst besser berathenen Königs-
berger Hs. höchst verdächtig; sieh in dieser Zeitschr. 7, 94. Die letz-
tere Annahme wahrscheinlicher zu machen, verweise ich noch auf ein
bisher nicht zu Rathe gezogenes mnd. Wort, auf ferpel, ßrpel, ferpelic,
welches offenbar mit dem mhd. frevel gleiches Stammes ist. So Kind-
linger, Gesch. der Hcerigk. S. 439 (a. 1350) verpel ende all argelist hir
üt gesproken und so S. 449 (a. 1357).; 452 (a. 1359) verpel ind dröch
ind al argelist lär üt gesproken; 502 (a. 1393) sunder irhande ferpel off
arghelist; Lacomblet, Archiv. 1, 123 sonder firpell gedroch und argelist;
132 sonder fyrpell und argelist; 141 sonder gedroch und fyrpell; Wier-
straat 2627 dorch gyrheit nyt ind firpely.
11. Geltich, glüch.
Cröne 19659 brd und wintbrä waren rüch, Sin nase gröz unde ge-
l/1 ch; 19715 geblcet was si (= diu wambe) und gelüch (: buch). Nach
Scholls Vermuthung bedeutet das Wort: „weit offenstehend oder auf-
gedunsen" und gehört zu liechen. Vielleicht gehört auch 6037 hierher:
ez ist sieht unde rou, Uz gewahsen und gelou, wo V. rouch : gelouch und
P. rieh : gleich hat, also wohl rüch : gelüch? Ein neues Beispiel gewähren
die Fragmente aus dem Leben des heiligen Adalbert von Nie, von
Jeroschin in den Scriptt. Rer. Pruss. II, S. 428, V. 274 daz kint er
angesante ein such michel unde gröz — daz im grozer -wart der buch wen
al der lib von sivuhten glüch , also daz von der suche not dem kinde nc-
hete der iöt.
12. Jochen, jöchen, jouchen.
Grieshab. Predd. 1 , 125 >amson — vie driuhundert fühse — un
*) Die Anführungen sind dort nach dem seltenern Sonderabdruck gegeben. In
der Zeitschrift selbst, 'Neue Mittheilungen' 3. Band sind sie an folgenden Stellen
zu finden: 2. ITeft S. 7, 12; II, 45 ; 12, 4!»: 8, 13; H, 25; jl, 44.
2(! *
404 FEDÖE BECH
bant entwischen brinnende vacella un jocliet *) si also durch der haühm
körn; 2, 42 do jocheter die fühse mit den brinnenden vacellon durch der
haiden samen. Diese Stellen , aus denen die Bedeutung von Jochen
=-jagen, treiben unzweifelhaft erhellt, sind im mhd. Wb. 1, 773b über-
sehen worden; dort finden wir nur ein Beispiel, ohne Angabe einer
Deutung, aus einem unter Neidharts Namen gehenden Liede (v. d.
Hagen MS. 2, 1 13b) Boppe jö-het enunt her, wo Haupt im Neidhart
v. R. S. XLI, 18 gegen die Handschriften gähet für jöchet geschrieben
hat (lochet in Ca, jauchet in z.). Für die Richtigkeit der Überlieferung
spricht indessen auch eine Stelle in der jüngst herausgegebenen ale-
mannischen Bearbeitung des Hohen Liedes 70, 9 von diu so jouchet
siu der tieuuel von ainer stete ze der anderen. Aus den genannten Pre-
digten Grieshabers gehört endlich noch hierher das Compositum zer-
kochen S. 6: swenne der (miethirte) den wolf sihet komen, so lät er die
schäf un fliuhet von in, un swenne der icolf daz sihet, so zucheter diu
schdf un zeriochet si u. s. w. = Ev. Johan. 10, 12 ed. Vulg. mercenn-
rius videt lupum venientem et dimittit oves et fugit: et lupus rapit et dis-
pergit oves; ungenau ist hier die vom Herausg. in der Einleitung zur
2. Abtheil. S. XXI gegebene Erklärung „zeriochen, zerreichen", es ent-
spricht vollkommen dem dispergere des Grundtextes = auseinander-
jagen. Jedesfalls ist das Wort als eine Ableitung von jagen anzusehen
und gehört, nach den beigebrachten Beispielen zu urtheilen, vorzugs-
weise der alemannischen Mundart an. Auch Stalder 2, 71 — 72 kennt
es in den Formen jaucken, jeucken und erklärt es mit „vorwärts treiben,
zunächst vom Vieh"; ebenso^Schmeller 2, 267 rjaugken, stark antrei-
ben"; Frisch 1, 483h jachen, jeuchen jouchen = „jagen"; Oberlin 736
jävhen und verjächen ; vgl. auch Diefenb. Gloss. 250a „fugare jachen,
jechen, jeuchen, vel weg treiben11. Ausführlicher handeln noch darüber
Zarncke z. Narrensch. S. 322 und Lexer, kärnth. Wb. 151. In mir
bekannten Gegenden Düringens hört man heute noch jochen und jechen
(im Osterlande gechen) = jagen, treiben.
13. Bezeln, bezellen.
Von dem mit einem Beispiel aus Lanzelet im mhd. Wb. 3, 847"
aufgeführten bezeln finden sich bei den altern Schriftstellern noch fol-
gende Stellen: J. Tit. 5097, 1 mit mezer rede geblüemet sin pris da
wart bezellet {: gev eilet); Walth. von Rheinau 17, 24 du unser geslehte
Vor aller diet hast uz ericelt Und dir ein lieht vom im bezelt, vgl. 127,
*) Juclicum über 15, 4 dimisit »t huc i//t(></>ir discurrerent.
KLEINE BEITRÄGE. 405
16; 132, 64; 135, 7; 138, 43; H.Lied, herausg. von Jos. Haupt 64, 4
swaz wir haben, daz bezelen siner gnade == das wollen wir seiner Gnade
befehlen, anheimstellen ; 86, 8 swaz ze guotäte geschihit, daz hezelent du
der gotes genäde; und ähnlich 96, 8; 135, 7; 137, 2.
14. Smer wert to kort.
Die Redensart sm[«r] wert to kort {sin werdit zu kurz) = es geht
mit ihm zu Ende, auf die Neige, er stirbt, begegnet in niederdeutschen
Urkunden nicht selten und ist sogar in mitteldeutsche Gegenden vor-
gedrungen; aus südlichem Gegenden kenne ich bis jetzt kein Beispiel.
Mir sind davon folgende Stellen zur Hand: Eine Vergleichsurkunde
zwischen Erzbischof Burchard und dem Käthe der Stadt Magdeburg
aus dem J. 1315 bei Dreyhaupt, Beschreib, d. Saalkreyses I, S. 52
xoere ok, dat unses herren under des to kort worde, des god nicht en wiVe,
so scholde u. s. w.; ebendaselbst II, 853 in einer Urkunde des Ratlies
von Halle a/S. vom J. 1328 di von Mansveld oder sin bruder, af smer
tu kurt worde, schal uns dat hüs weder autwerden; Henneberg. Urkun-
denb. 3, S. 27, 2 (an. 1360) oh uns er s herin unde vatir zu kurtz worde
bynnen disser zeit, des god nicht enivulle, so u. s. w. ; Urkundenb. der
Stadt Hannover S. 249, 264, 290, 302; Urkundenb. von Göttingen S. 162
u. 184; Homeyer , Die Stadtbücher des Mittelalt. S. 51 (aus dem
Quedlinburger Stadtr.) svelich vrowe hevet eynen sone, de bi oren tideu
nicht to scdle gät, wert der vrowen to kort, sat en de vader dar nä to
scole, he ne mach der rdde nieh behalden und die „Worterklärung" Ho-
meyers dazu S. 78, welcher wohl darin irrt, wenn er der frowen für
den Dativ hält; Stadtbuch von Cönnern a/S. (an. 1434 — 38) bei Förste-
mann, Neue Mittheil. I, 4, S. 121 wert sähe, dat der bedderfen frouwen
to kort wurde, von dodes wegen, dar got lange vor sy , so schal u. s. w.
und S. 123 äff or beider to kort worde. Zu vergleichen ist endlich der
Genitiv bei kurz in Wolframs Willeh. 113, 29 des houbtes er d6 kürzer
wart und bei Förstemann Alt. Ges. v. Nordh. S. 175 (bald nach dem
J. 1375) sie wolden der gerneyn bürgere also vele uff reddere seezre, duz
alle der rade in der stad zeu kortz worde, d. i. daß alle Räder in der
Stadt darauf giengen, nicht mehr hinreichten. Einen andern Sinn ge-
währen die Redensarten, in denen bei kurz der Dativ steht, so Gries-
haber Predd. 2, 125 werde aber dir ze kurz ze bildende, dannoch f er zage
niht; Eisenach. Rechtsb. 3, 89 (S. 727) sie duncken, daz en wedir got
und recht zeu korcz gesche; Purgoldts Reehtsb. 8, 29 (S. 239) her mag
den wirth darum beclagen , das her om und seynen gesten ;en kort getan
hat, ivan her die kost gehlen »ins; in einer Erfurter Urkunde von 1449
406 FELIX LIEBRECHT
in der Zeitschr. d. Ver. für thüring. Gesch. 3, S. 324 sie meynten, das
wir yne zu kurtz thetthen; Weist. 1 , 365 und wer oueh, das ein vogt
dem gotshüs zu kurtz wölt tun-, Bruder Hans Mar. 4037 wen ym noch
enger deed zu kurtz = sich wider ihn vergienge; Buch der Beispiele
ed. Holland 15, 15 heb dich und mach nit wechßelwort! es wirt dir zu
kurtz; 91, 15 er spien sin armbrost und leyt darujf ein slräl, und ward
im zu kurtz, das er zu schütz nit kummen mocht,
ZEITZ, Februar 1864.
ZUR VIRGILIÜSSAGE.
Daß es in den ältesten Zeiten Sitte war, Menschen lebendig zu
begraben, um so Abwehr von Feinden oder Sicherung gegen sonstigen
Schaden zu erlangen, ist hinlänglich bekannt; vgl. meinen Aufsatz im
Philologus 21, 687 ff. „Eine römische Sage" '). Besonders war es das
Einstürzen oder die anderweitige Zerstörung von Bauwerken, die man
auf diese Weise verhindern wollte; s. D. M. 1095 ff. 2); zu Gervas. S. 170.
A. Kuhn, Westphäl. Sag. 1, 115 zu no. 122 3). Statt lebendiger Men-
schen wurden für denselben Zweck auch bloß Leichname oder selbst
nur Köpfe oder statt beider auch metallene Nachbildungen in Anwen-
dung gebracht; s. Philol. a. a. O. Ebenso gebrauchte man als Er-
satzmittel für die ursprünglichen Menschenopfer wie bei andern Ge-
legenheiten so auch hier bloß Thiere; s. D. M. a. a. O. Scheible's
Kloster 9, 361 ff. 372 ff. Nork hat dort von den Wahrzeichen ver-
schiedener Bauwerke auf Thiervergrabungen bei Gründung derselben
geschlossen; doch ist eher anzunehmen, daß diese Wahrzeichen in
spaterer Zeit anstatt der letztern eintraten und sie ersetzten, wobei
wahrscheinlich der ursprüngliche Sinn dieser Symbole oftmals ganz
verloren gieng. Gleiches lässt sich wohl auch von den Menschenköpfen
sagen, die sich oft als Wahrzeichen an Gebäuden fanden, so schon
;m der porta Raudusculana zu Rom (s. Germ. 4, 263, Anm. 14). Diese
') Unter den zahlreichen Druckfehlern in demselben will ich hier nur folgende
berichtigen; S. 687 Anm. st. Fuley 1. Frey u. st. Lykien 1. Syrien. — S. 689 Z. 15 u.
20 v. u. st. Tali 1. Toli; ebenso S. 690 Z. 16 v. o. — An letzterer Stelle Z. 11 v. o,
1. „ein wahrsagendes Zauberhaupt" ; — ebend. Z. 13 v. u. 1. „dieser hat übrigens u. s. w."
— ebend. Z. 8 v. u. st. 369 1. 269.
') Zu den das. 1096 in Bezug auf Arta und Scutari angeführten Sagen vgl.
Theod. Kind, Anthol. neugr. Volkslieder. Leipzig 1861 S. XXI u. 205 ff.
a) Hieher gehört auch die Gründungssage des Straßburger Münsters s. Günthers
Sagenbuch des deutschen Volkes 1, 33, vgl. Stöber, Oberrhein, Sagenbuch S. 501 ff.
ZUfi V1KG1LIUSSAGE. 40 7
Köpfe mögen anfänglich meist einen heitern , lachenden Ausdruck
gehabt haben ; denn auch die ursprünglichen Opfer fielen , bei den
Römern und Griechen wenigstens, unter Lärm und Flötenspiel, „ne
flebilis hostia immoletur" ; s. D. M. 40. So meldet Papebroch (f 1714)
in seinen Annal. Antverp. 2, 274, daß zu seiner Zeit noch an dem
Leguit genannten Gebäude sich zwei sehr alte Thürmchen befanden,
woran zwei durch Fenster guckende Köpfe gemeißelt waren, die ein-
ander auszulachen schienen. Erst später wohl , als die anfängliche
Bedeutung solcher Köpfe vergessen war , erhielten sie , vielleicht des
Gegensatzes wegen, einen verschiedenen Ausdruck, wie die zwei stei-
nernen Köpfe, welche das Wahrzeichen der Stadt Döbeln bilden;
s. Grässe, Sagenschatz des Königr. Sachsen, S. 216, no. 287. Gleiches
meldet Gervas. ed. Liebr. S. 16 von der Porta Dominica zu Neapel, und
El-Bekri in seiner Beschreibung von Nord- Afrika (geendet um 1068) von
den Ruinen Karthago's sprechend, berichtet unter anderem von denMauern
des Theaters : „On y distingue des figures qui representent les vents :
celui de 1' Orient a 1' air souriant, celui de 1' occident, un visage refrogne".
Journal asiat. Vme serie 12, 520 f. Der Bezug auf die Winde ist muth-
maßlich ohne allen Grund und nur von El-Bekri erdacht, um etwas
Unverstandenes zu erklären. Wie aber bei Gründungssagen statt der
vergrabenen Thiere anch bloß Thierhäupter vorkommen, z. B. bei den
karthagischen ein Rinder- oder Pferdekopf (s. Justin. 18, 5. Aen. 1, 442.
Steph. Byz. vo.Kug%r]d(6v), so finden sich solche auch als Wahrzeichen,
z. B. das Wolfshaupt über dem Kirchthor zu Georgenzell (Bechstein,
Frank. Sagensch. S. 47) und so erklärt sich denn auch der Ursprung
der geschnitzten oder gemeißelten Pferdeköpfe an den Hausgiebeln.
DM. 626 4). Wolf, Niederl. Sag. no. 536. Hocker, Deutscher Volks-
glaube, S. 15 nebst Anm. 5).
4) Die Schrift von Chr. Petersen, Die Pferdeköpfe auf den Bauernhäusern, Kiel
1860, kenne ich nur dem Titel nach.
5) Hieher gehört auch wohl die Sage von dem Pferde des Rechenbergers, welches
den Kopf auf einem hohen Thurme zum Fenster hinausgesteckt haben soll. D. S. 1, 253.
Sie ist wahrscheinlich gleich andern der Art aus einem alten Bildwerk entstanden. —
Da ich hier mehrfach von Wahrzeichen gesprochen, so will ich diese Gelegenheit be-
nutzen, um das von mir in Ebert's Jahrbuch für rom. u. engl. Litt. 3, 151 in Bezug
auf das Wahrzeichen der fränkischen Stadt Buchen Bemerkte zu berichtigen , indem
nämlich dergleichen zum Spott der Nachbarn aufgestellte Bildwerke sich auch in andern
Ländern, z. B. Portugal, zu finden scheinen, wie sich aus folgender etwas verhüllter
Angabe entnehmen lässt : „En nous montrant l'eglise de Caminha [an der Mündung der
Minho], Gaspar nous mit au courant d'une particularite" dont les yülea portugaiees de la
frontiere offrent, purait-il , plus d'une edjtion. En guise d'ornement, la bftsiliqiv
408 FELIX LIEBRECHT
Wir sehen also, daß die ursprünglichen averruncierenden Menschen-
opfer sich wie so oft endlich auch hierbei in bloße Symbole ver-
wandelt hatten, die an die Stelle derselben traten. Als ein solches ist
natürlich auch jenes Ei zu betrachten, das in dem Castel dell' Uovo
bei Neapel aufgehängt war und woran Virgilius das Schicksal und die
Dauer dieses Schlosses geknüpft hatte (s. meine Notiz Germ. 5, 484 ff.) G).
Bemerkenswerth ist nun aber, daß nach einer andern Sage Virgil die
Stadt Neapel selbst auf ein Ei gebaut oder gestellt haben sollte (s. zu
Gervas. 106, Germ. 4, 263, Anm. 16). Beide Versionen finden sich
verbunden außer in den Volksbüchern auch in folgender Stelle des
Myreur des Histors von Jean d'Outremeuse I, 255 7), die manches
Besondere bietet: „Item, l'an Vc et LI, le XIe jour de mois de julet,
commenchat Virgile ä fondeir une citeit qu' ilh fist mult belle sns la
mere, et le nomat Naple: ehest fut edifiie noblement sor un port de
mere et sour I oef de ostriche, le queile oef ilh mist apres chu en I
castel que ilh fondat enssy deleis Naple, en I pileir entretalhiet; se
le nomat castel d'üef; et encor y est ilh, et dist ons qui moveroit
aecrochee ä Tun de ses angles une figure d'homine; le dos tourne' vers l'Espagne, ce
personnage fait a l'adresse de la nation voisine un de ces gestes de moquerie grossiere,
de bravade indecente , dont la description n'est pas permise" S. Le Tour du Monde.
Paris 1861 vol. III p. 276 (Voyage dans les provinees du Nord du Portugal par Merson
1857). Diese Stellung unverhüllten Spottes war dem Leben entnommen; s. Grimm Wb.
1, 565 s. f. — Schsefers Deutsche Städtewahrzeichen Leipzig 1858 besitze ich leider nicht.
6) Die Version des Cleomades von Adenes wird von Du Meril Melanges arche'o-
lo£lllues et litteraires. Paris 1850, p. 435 mitgetheilt und lautet so :
„Bien savez que Virgiles fist
grant merveille, quaut il assist
Deus chastiaus seur deus oes en mer;
et si les sot si compasser,
Que qui Tun des oes briseroit,
tantost li chastiaus fonderoit,
Ouens on auroit l'uef brisie.
Encor dist on que essaie
Fu d'un des chastiaus, et fondi:
a Naples le dist on ainsi.
Encor est la I'autres chastiaus,
qui en mer siet et bons et biaus:
Si est li oes, c'est verites,
seur quoi li chastiaus est fondes.
Der mittelalterliche Volksglaube nahm an dergleichen Vorstellungen keinen An-
stoß, so sollte auch der Pharos von Alexandrien auf vier gläsernen Krebsen ruhen;
s. zu Gervas. S. 106; vgl. A. Kuhn Mark. Sagen S. 246. Nr. 230.
') Bruxelles 1864. Collection de Chroniques beiges inedites , publice par ordre
du Gouvernement.
ZUR VIKGILIUSSAGE. 409
l'oef la citeit croleroit." Der Sinn dieser Sage nun, nach welcher
Virgil Neapel auf ein Ei (oder Eier, wie es zuweilen heißt) baute oder
stellte, kann kein anderer sein, als daß bei Gründung der Stadt ein
Ei in die Grundmauern gelegt wurde. Auffallend ist hierbei, daß
statt des sonst erwähnten Hühnerei's (Villani sagt ausdrücklich:
„el primo che fe una gullina) der Lütticher Chronist ein Straußenei
nennt; denn auch in den muhammedanischen Moscheen werden Straußen-
eier aufgehängt und eben solche, aller Wahrscheinlichkeit nach gleich-
falls zum Aufhängen bestimmt, haben sich in der Grotte zu Vulci vor-
gefunden; s. Germ. 5, 484 f., an welcher Stelle Bachofen's Deutung
dieser Eier mitgetheilt ist. Es fragt sich jedoch, ob aus all' dem oben
Dargelegten nicht eher hervorzugehen scheint, daß jene Eier den Bau-
werken, an deren Decke sie aufgehängt waren, Sicherheit und Bestehen
verleihen sollten. Bachofen selbst hat die tiefe Symbolik, die sich mit
dem Ei verknüpfte, ausführlich dargelegt und es wäre daher nicht
eben zu verwundern, wenn bei Gründungen von Bauwerken statt der
ursprünglichen Menschenopfer stellvertretend auch Eier verwandt wurden,
und zwar so, daß man sie anfangs in die Grundmauern legte, später
aber an die Decke befestigte, eine Versetzung aus der Tiefe in die
Höhe, auf welche der von den andern abweichende Bericht des Jean
d'Outremeuse wahrscheinlich unwillkürlich hinweist. Daß diese sym-
bolischen Eier zuweilen aus Metall waren, scheint aus Hemmerlin's
Angabe über das Ei des Castel dell' Uovo hervorzugehen; s. Germ.
4, 263, Anm. 16'. Auch bei andern derartigen Symbolen war dies der
Fall, wie wir gesehen.
Der oben aus der Prosachronik des Jean d'Outremeuse8) mit-
getheilten, aufVirgilius bezüglichen Stelle will ich nun hier in Kürze
auch alle übrigen denselben betreffenden Nachrichten dieser Chronik
folgen lassen, da sie manches Eigenihümliche enthalten, was sich sonst
nirgends findet. Demnach war Virgil am 6. Mai 519 der „Transmigra-
tion de Babylone" zu Rom geboren und ein Sohn des Königs Gorgile
von Bugie en Libe9), der sich während der Schwangerschaft seiner
Gemahlin Geda dort aufhielt (p. 197). Nachdem der junge Virgil auf
einer Insel die Schulen besucht (p. 211), begibt er sich im J. 544
derselben Aera nach Rom (p. 226), woselbst die Tochter des Kaisers
Julius Cäsar, Namens Phebilhe, sich in ihn verliebt und ihre Liebe
in jeder Beziehung erwidert sieht, ohne daß sich jedoch Virgil mit
ihr ehelich verbinden will (p. 227 f.). Demnächst macht er zu Rom
8) Er hat auch eine Reimchronik abgefasst, <He sich hinter jener abgedruckt findet.
•) Bugia in Afrika, in der heutigen Provinz Constantine.
41 1) FELIX LIEBRECHT
zwei eherne Männer, von denen einer dem andern jeden Sonnabend
eine Keule zuwirft und sie am nächsten Sonnabend zurückerhält
(p. 228) I0); — ferner einen Spiegel auf hundert Marmorsäulen, worin
man alle Feinde nahen sieht, so wie das Capitol und die Salvatio
Rornae (p. 229) 11); — außerdem einen kupfernen Mann zu Pferd mit
einer Wage zum Abwiegen der Waaren. Auch baut er zu Rom in
einer einzigen Nacht sein Haus Casdrea oder Cassedrue (p. 230). —
Er zündet für die Armen ein großes Feuer an und stellt daneben einen
ehernen Mann, der mit einem gespannten Bogen zielt (p. 231) ,2). —
Er setzt über die zwölf Thore Roms ebenso viele Kupferstatuen der
Monate des Jahres, die einander der Reihe nach von Monat zu Monat
einen stählernen Apfel zuwerfen, nachdem sie ihn 15 Tage in der einen
und 15 in der andern gehalten (p. 232),!; — Er macht vier Statuen
der Jahreszeiten, die einander alle drei Monate gleichfalls einen Apfel
zuwerfen u), und weissagt von Maria und Christus (p. 233 f.). — Er
verfertigt eine eherne Fliege, die alle andern in der Umgegend Roms
töcltet (p. 236) l5), und lässt von Phebilhe statt seiner eine Zauber-
figur in dem Korbe in die Höhe ziehen, welche aus ihrem Munde
einen dichten, stinkenden Nebel und Finsterniss in ganz Rom verbreitet,
während sie längs des Thurmes auf- und absteigt, bis sie endlich ver-
schwindet (p. 237 f.) 16). — Er löscht alle Feuer in Rom aus und ver-
l0) S. Keller, Rom. d. VII Sages p. 154 V. 3958 ff. Vgl. Maßmann, Kaiser-
chronik 3, 407 über die Bildsäulen der Wochentagsgötter zu Rom.
") Hier wie sonst noch scheint Jean d'Outremeuse oder seine Vorlage verschie-
dene Versionen desselben Gegenstandes als besondere Dinge aufzuzählen, wie z. B. die
verschiedenen Bildwerke der Wochen, Monate und Jahreszeiten ; so auch ist der Zauber-
spiegel eben nur die Salvatio Romae, vgl. Germ. 4, 269 f. Über Zauberspiegel s. auch
meine Bemerkung in Benfey's Or. u. Occ. 3, 360. Die im Mittelalter und noch später
geübte Katoptromantie ist bekannt genug. Vgl. auch noch Du Me'ril 1. c. p. 469 f.
'■?J Germ. 4, 270. Einer ähnlichen Bildsäule begegnet man in denGestaRom. c. 107.
Der daselbst vorkommende Karfunkel ist analog dem Feuer in der Virgiliussage und
beide werden durch den abgeschossenen Pfeil vernichtet. Du Meril 1. c. p. 470 Nr. 8
bemerkt: „Ge'neralement ces grandes clartes qui dissipaient les tenebres etaieut produites
par des escarboucles ; voy. Raoul de Cambrai p. 18 v. 13 et Ogier le Danois v. 1644."
Daß das eben erwähnte Capitel der Gesta Rom. der Hauptsache nach muthmaßlich aus
dem Orient stammt, habe ich zu Gervas. S. 214 f. gewiesen.
,3) In der Fleur des histoires des Jehan Mansel (aus der ersten Hälfte des
XV. Jahrh.) wird dieses Kunstwerk gleichfalls erwähnt. Du Meril 1. c. p. 440 Nr. 1.
1 4) Du Meril 1. c. p. 438 ff. theilt die betreffende Stelle aus dem Cle'omades mit.
,5) Germ. 4, 261. 264. 266.
16) Orientalische Gaukler und Zauberer verstanden es, am hellen Tage finstere
Nacht hervorzubringen und umgekehrt; s. die bei Dunlop S. 108 aus Mandeville mit-
jretheilte Stelle. Di.' egyptischen Zauberer besaßen diese Kunst übrigens schön zu Mosis
Zeiten.
ZÜK VIKGILIUSSAGE. 411
lässt die Stadt, versöhnt sieh jedoch wieder mit dem Kaiser und zündet
das Feuer wieder an (p. 240). — Er bewirkt durch Zauberei, daß alle
römischen Frauen ihre Vergehen, besonders die fleischlichen, mit lauter
Stimme bekennen (p. 241). — Er will sich nach Cäsars Tod an der
Kaiserin Enye und an Phebilhe wegen ihrer Nachstellungen rächen,
wobei sie, auf zauberische Weise geblendet, zwei Hunde statt seiner
und Octavians tödten, wird jedoch daran theilweise durch die Römer
gehindert I?) und verlässt deshalb Rom zum zweitenmal, das Feuer
wiederum auslöschend (p 248 ff.). — Er zündet es wieder an nach
Erfüllung der folgenden Bedingung von Seiten der Römer: „Vos met-
tereis Phebilhe en la thour halt ä la fenestre, ä laqueile ma figure füt
sachie ä la corbilhe, le cuel defour tout descovierte jusques ä la chin-
ture , si c' on veirat tout son eistre et la feniestre qui oevre sens braiie,
si que les gens poront clerement veioir le croissant, et ä celle croissant
covenrat prendre le feu ä chandelle; et ne le poirat li uns prendre ä
l'autre ne rendre, mains tous cascons venrat por ly a la feneistre del
ventre prendre feu qui le voirat avoir , et aultrement ne 1' aront. Et
cascon jour fereis enssi II fois." Phebilhe stirbt hierauf vor Scham
(p. 252) 18). — Virgil baut Neapel und das Castel delF Uovo; er
macht eine Luftbrücke19) und einen Garten mit seltenen, immer blü-
henden Pflanzen, umgeben von einer Luftmauer, die eine wirkliche
Mauer scheint, dahinter aber eine nur ihm sichtbare, wahre Mauer hat
(p. 255) 20). — Er verfertigt zwei ewige Kerzen und eine dergleichen
Lampe21), sowie einen sprechenden Kopf22), sämmtlich zu seinem
besondern Gebrauch (p. 257); — ferner für die Römer die Bocca della
veritä 23), sowie einen künstlichen Reiter, der des Nachts die Straßen
Roms durchreitet (p. 258) 24). — Er lässt in einer einzigen Nacht durch
") "Vgl. Gervas. S. 64 f. namentlich die aus dem Pseudo-Marcellus angeführte
Stelle.
■8) Vgl. Germ. 1, 267 (zu Ges. ab. Nr. 92). 4, 273 ff. Ferd. Wolf, Studien zur
Gesch. d. span. u. portug. Nationallitt. S. 106.
ifl) Germ. 4, 264.
20) Germ. 4, 261. 264. 266. Auch Meister Stephan im Artus de la Bretagne,
so wie andere Zauberer wussten dergleichen Gärten zu schaffen; s. Dunlop S. 108 und
dazu Anm. 181.
21) Germ. 4, 270 Anm. 44. Über ewige Lampen vgl. Walter Scott Lay of kh<§
Last Minstrel, Canto II Str. 17 Anm.
22) Germ. 4, 272 f. 265. Über zauberische Köpfe vgl. Scheiblfe'a Kloster 5, 171.
Philologus 21, 687 ff.; ferner Maury, La Magie et TAstrol. dans l'Antiquite et au
Moyen-Äge Ire e"d. p. 59. 60.
i3) ©örm. 1. 27-"..
21) Germ. -1, 263 Anm. 1.-).
4J2 FELIX LIEBRECHT
seine Geister den Weg durch den Pausilippo brechen, sowie auch unter-
irdische Röhren legen, in denen zwischen Rom und Neapel Oel und
Wein hin- und herfließet (p. 259) 25). — Er macht ein ehernes Pferd,
durch dessen Anblick alle kranken Pferde zu Neapel geheilt werden
(p. 260) 2,?) und baut für sich zu Neapel ein Haus mit zwei kupfer-
nen Dreschern am Eingang (p. 261) 27). — Er tauft sich und macht
den Ägyptern einen Kalender, baut auch die künstlichen Bäder (p. 262) 28).
— Er ergötzt seine Tischgäste durch mancherlei Gaukelspiele und Ver-
wandlungen (p. 263 f.) 29). — Er befragt seinen Zauberkopf wegen der
Zeit seines Todes und dieser antwortete ihm, er solle seinen Kopf vor
der Sonne hüten. Virgil versteht darunter den Zauberkopf, erkrankt
aber an einem Sonnenstich (p. 269 f.) 30). — Er stirbt am 6. Mai des
Jahres 571 der Transmigration de Babylone, wird aber noch 59 Jahre
lang vermöge einer von ihm getroffenen Vorrichtung für lebend ge-
halten, bis der Apostel Paulus ihn in Neapel aufsucht und seinen Tod
-25) Germ. 4, 261. Gervas. S. 108. Die unterirdische Röhrenleitung, welche auch
der Renars contrefais erwähnt (s. die Stelle bei Du Meril p. 441) erinnert an die zwi-
schen Trier und Cöln s. Kaiserchronik 3, 307. 519 f. und Zusatz S. 1188.
26) Germ. 4, 263. 236. Man erinnert sich hierbei der ehernen Schlange 4Mos. c. 21.
2") Nach dem Volksbuch sind es 24 Drescher, s. Dunlop S. 1 87b.
28) Germ. 4, 260. 266.
29) Hirschjagden mit Hunden erscheinen und verwandeln sich dann in Tänzer
und Tänzerinnen , welche auf Tellern frische Trauben tragen , obwohl es im März ist.
Das stimmt alles fast wörtlich zu der bereits oben (Anm. 16) erwähnten Stelle des
Mandeville, wo die Belustigungen geschildert werden, welche, während der Tartaren-
chan bei Tafel sitzt, stattfinden und wo es von den Gauklern und Zauberern desselben
heißt: „Hierauf lassen sie Tänze aufführen von den schönsten Mägdlein der Welt,
die auf das prächtigste gekleidet sind. Dann lassen sie andere Mägdlein hereinkommen,
welche goldene Becher mitbringen und dann den Herren und Damen zu trinken geben. . .
Und dann lassen sie eine Hirsch- und Eberjagd hereinkommen mit Hunden, die mit
offenem Maule einherrennen ; und viele andere Dinge noch thun sie durch ihre Zauber-
kunst, daß es ein Wunder ist anzuschauen. u
30) Diese Weissagung findet sich bereits in dem zuweilen dem Gauthier von
Metz beigelegten Gedichte Image du Monde, wovon Le Grand im V. Band der Notices
et Extraits einen Auszug gegeben, Du Meril 1. c. die Virgil betreffenden Stellen im
Original mitgetheilt hat; die in Rede stehende p. 432. Letzterer erinnert daran, daß es
schon in Virgils Vita bei Servius heißt: „Valetudinem ex solis ardore contraxit." —
Von solch trügerischen, weil falsch verstandenen Antworten in Bezug auf den Tod des
Fragenden, wie sie hier der Zauberkopf dem Virgil ertheilt, kommen zahlreiche Bei-
spiele vor im Alterthume wie in der neuern Zeit; s. G. C. Lewis, Untersuchungen über
die Glaubwürdigkeit der altröm. Gesell, deutsch von Liebrecht. Hann. 1858 Bd. II, S. 350
Anm. und Notes and Queries 2nd Ser. Bd. IV p. 352 ff. V. 174 ff. Über den polnischen
Zauberer Twardowsky, s. ScheiMe's Kloster XI, 265 ff. 526 ff. Vgl. auch Görres, Heldenb.
von Iran 2, 130, die Weissagung, welche Jesdegerd in Bezug auf die Quelle Su erhält.
ZUK VIRGILIUSSAGE. 413
entdeckt s '). Seine Gebeine werden in einem Kasten nach dem von
ihm gebauten Schlosse Ventoise gebracht, wo sie noch sind und Stürme
hervorrufen, sobald der' Kasten von dem Stuhle, worauf er steht, auf-
gehoben wird (p. 275 f.) 32).
Hiermit schließt die Chronik ihre Virgil betreffenden Angaben,
von denen ich minder bedeutende Einzelheiten übergangen habe. In
dem Mitgetheilten wird man, wie bereits erwähnt, manches sich sonst
nirgends Findende bemerken und darunter besonders die Zauberfigur
im Korbe, die dem Virgil die ihn nach allen andern Versionen tref-
fende Schande ersparen soll, so wie das hier zweimal, während sonst
nur einmal ausgelöschte Feuer u. s. w. Von allen dem Virgil beige-
legten Wunderwerken werden sich aber bei fortgesetzter Forschung
die meisten auf orientalischen Ursprung zurückführen lassen, wie wir
dieß bei verschiedenen schon gesehen, so z. B. bei dem Zauberspiegel,
der ehernen Fliege, der plötzlichen Finsterniss, der für Menschen ge-
haltenen und getödteten Hunde, des ehernen Pferdes u. s. w. u. s. w.,
wozu auch die Angabe des Gervasius gehört, daß ganz Neapel auf
unterirdischen Säulen ruhe 33) , denn Benjamin von Tudela berichtet
von Alexandrien gleichfalls : „The city is built upon arehes which are
hollow below." S. Early Travels in Palestine ed. by Thom. Wright.
Lond. 1848, p. 122. Und so wie in Neapel und Rom eine Schola
31) Nach der Image du Monde wie auch nach andern Versionen stirbt Virgil in
Rom ; der Apostel Paulus , der bald darauf anlangt , hört von seinem Tode und dringt
in seine Zauberwohnung ein ; Du Meril 1. c. p. 456 ff. In den übrigen Umständen
weichen die Berichte bedeutend von einander ab.
32) Germ. 4, 259. 293 f. Der lapis manalis , wenn fortgerückt, bewirkte Regen.
Über sonstige auf ähnliche Weise erregte Ungewitter und Stürme s. Gervas. S. 14(j ff.
meine Nachträge in den Heidelb. Jahrb. 1863 S. 584 f. Zu dem Gerv. S. 148 über den
Regenstein der Orientalen Angeführten füge man noch Oppert, der Presbyter Johannes
in Sage und Geschichte. Berlin 1864 S. 104; vgl. S. 102 Anm. 2. Ob ein Schloß Na-
mens Ventoise (ital. also Ventosa) in der Nähe von Neapel je existiert hat, weiß ich
nicht zu sagen. Wahrscheinlich verdankt es Dasein und Namen der oben mitgetheilten
Sage. — In Betreff des Germ. 4, 2!I4 (vgl. Ger/as. S. 159 ff.) erwähnten Zauberbuchs
des Virgil will ich hier noch folgende Stelle aus Vincent. Bellov. Spec. Hist. 2(i, 4
mittheilen: „Alio tempore cum dormiret idem pater [sc. Sanctus Hugo, abbas Clunia-
censis] vidit per somnium sub capite suo cubare serpentum multitudinem et ferarutn,
subitoque capitale excutiens et exquirens supposita, invenit librinn maronis forte ibi
collocatum: mox abjecto codice singulari in pace requievit cognovitque modum materiaa
libri visioni congruere, quem obscoenitatibus et gentiliura ritibus plcnum indignum erat
cubiculo sancti substerni "
33) „Cum civitas illa, in ambitum plnrimum spatiosa, tota coluninis subterrancis
innitatur." p. 14 meiner Ausgabe.
414 FELIX LIEBRECHT
Virgilii gezeigt wurde (s. Germ. 4, 268. 275), so meldet derselbe
jüdische Reisende, daß er in Alexandrien eine Schola Arütotelis ge-
sehen. Er erzählt nämlich in Betreff dieses im Mittelalter nicht weniger
als Virgil sagenberühmten und ebenso wie dieser von einem Weibe
genarrten Weltweisen 3*) : „In the outskirts of the city was the school
of Aristotle, the preceptor of Alexander. The building is still very
handsome and large, and is divided into many apartments by marble
pillars. There are about twenty schools, to which people flocked from
all parts of the world iu order to study the Aristotelian philosophy."
Immer mehr Sagen hefteten sich an Virgil, wie später an Faust, sie
weisen aber immer wieder auf östlichen Ursprung : so das nach Enenkel's
Bericht von Virgilius in Rom zum Minnen geschaffene steinerne
Weib, s. Maßmann, Kaiserchronik 3, 451. Wir begegnen hier einer
rabbinischen Tradition; denn Praetorius, Anthropodemus Pluton. 1, 250
erzählt folgendes : „Eben diese gottlose Buben [nämlich die Rabbinen]
tichten auch , wie der Christen ihr Heerführer Armillns seyn werde,
darwieder ihr Messias streiten soll: Nun beschreiben sie den Armillum
folgender Gestalt (beym D. Christiani de libro R. Benjaminis Tudelensis
& R. Menasse Ben Israel in üb. spes Israelis p. m. 72. 73) , das zu
Rom ein großer Marmel-stein sey, in gestalt eines schoenen Mägdeleins,
der von keines Menschen Hand gemachet, sonder von GOTtes Krafft
erschaffen sey. Und zu solchen sollen die verzweifeltsten Menschen
und bösesten Leute der gantzen Welt zusammen kommen, denselben
erwärmen mit ihrem Beyschlaffe , drauff wurde GOtt etliche Tropffen
des Samens mitten im Steine verhalten, und drauß ein Kind erschaffen,
das eine Menschen-Gestalt gewinnen wurde, wenn der Stein bei der
Geburt zerberste, und solchen wurde man Armillum heissen, der wurde
ihr Wiedersacher sein, und die Hey den wiirden ihn Antichristum
heissen." — Aus dem Orient stammt aber auch die wunderlichste der
Thaten des Virgilius, die sich im Mittelalter und noch später so viel-
fach erzählt findet, wie er nämlich das Feuer in ganz Rom ausgelöscht,
und auf welche Art es wieder angezündet worden, welches Ereigniss
übrigens wie so viele andere nur auf ihn übertragen war, da es sich
bereits vorher in Bezug auf den Zauberer Heliodor und eine griechische
Dame in Umlauf befand (vgl. Germ. 1, 267. 4, 275). Den hierher
gehörigen orientalischen Bericht nun will ich vollständig mittheilen,
da in demselben gleichfalls von einem berühmten Zauberer die Rede
34) Vgl- v- d. Hagen Ges. Ab. Nr. II und dazu Germ. I, 258. Benfey Pantschat.
I, 4(.:i f. so wie dessen Or. u. Occ. 1, 543 Nr. 10.
ZUR VIRGILIUSSAGE. 415
und er überhaupt in mehrfacher Beziehung interessant ist. „Le savant
et vertueux Abou Jakoub es-Sekaki (dont le livre intitule La clef de
la science de la rhetorique et de V Sloquence est un des ouvrages ele'gants)
etait profondement verse dass les sciences merveilleuses et les con-
naissances etonnantes, dans 1' art de soumettre les genies, dans les en-
chantements, l'invocation des etoiles, les talismans, la magie et les pro-
prietes des corps terrestres et des astres. Cela ayant ete revele ä
Djaghatai-Khan 35) par le moyen d'Habech Amid (son vizir) et d'un
autre des ofüciers attaches ä son service, il manda ce savant et en fit
son compagnon et son commensal. Sekaki montrait continuellement
au roi des choses merveilleuses, ce qui augmentait la bonne opinion
et la consideration de Djaghatai ä son egard. Voici un de ses traits:
Un jour que Djaghatai -khan etait assis sur un siege, il vit plusieurs
herons qui volaient dans le ciel; il porta aussitot la main ä son arc
et ä ses fleches. Sekaki lui dit: „Lequel de ces herons 1' empereur
veut-il voir tomber par terre ?" Djaghatai r^pondit: „Le premier, le
dernier et celui qui se trouve au milieu." Sekaki traca un cercle sur
la terre, recita une invocation magique et fit un signe avec le doigt.
Ces trois herons tomberent aussitot par terre. Djaghatai s'en mordit
les doigts d' etonnement. II devint le disciple et l'admirateur d'Abou
Jacoub, a un tel point qu'il lui montrait les plus grands egards. —
Vers le meine temps, Sekaki dit ä Djaghatai: „,,/i V Jpoque oü je me
trouvai ä Bagdad, je fus mecontent du vizir du Khalife et j' empechai par
mes enchantements le feu de brüler (litteralement: je liai de feu), de sorte
que les habitants avaitnt beau faire tous leurs efforts, on ne pouvait V allumer.
Au bout de trois jours et autant de nuifs, une plainle gfox&rale s kUva.
Le Khalife sut que cela etait un ouvrage de mon art; il me manda et me
dit: „Düie le feu". Je rSpondit: „Je le ferai , lors/pu' on aura proclame
dans Bagdad que cet acte a StS ope'rd par Sdkaki, et lorsque le vizir aura
baisS le derriere d'un chien" . On agit de la sorte et Sekaki delia le fea.Uu
En un mot, la faveur de Sekaki aupres de Djaghatai devint si grande
que le feu de la Jalousie et de l'envie s'alluma dans l'esprit du vizir
et qu'il mit tous ses soins ä detruire ce modele des hommes de hh'-
rite. . . . Sur ces entrefaites, Sekaki soumit ä son pouvoir la planete de
Mars et fit paraitre dans la tente de Djaghatai une armee de feu, dont
les bagages et les armes etaient 6galement de feu. Djaghatai ayau'.
ete rempli de crainte, ä la vue de ce spectacle, I fabeeh trouva le moyen
de calomnier Sekaki et dit: „Puisque Sekaki a le pouvoir (Toperer de
35) Zweiter Sohn Dscliingiskans. Er regierte in Tuiau und flössen Depehdettzien
und starb um \'2-V2 *
41 <; C. W. M. GREIN
pareils actes, il peut se faire qu'il ambitionne le rang supreme, et
qu'il assemble une armee de feu contre l'empereur." Ce discours ayant
fait impression, Djaghatai-Khan fit emprisonner Sekaki. Celui-ci mou-
rut, apres avoir passe trois ans en prison." Dies erzählt die Histoire
des Khans mongols du Turkistan et de la Transoxiane, extraite du
Habib Essiier de Khondemer et traduite du persan par Defremery,
s. Journ. asiat. IVme ser. 19, 85 ff. In diesem persischen Bericht also
wird gleichfalls durch einen Zauberer das Feuer in einer ganzen Stadt
ausgelöscht und erst dann wieder angezündet, nachdem der Schuldige
fast ebenso entehrt ist, wie die Königstochter, in der Virgilssage. Noch
näher dieser letzteren liegt jedoch eine kurzgefasste Angabe, die sich
bei arabischen Schriftstellern findet; s. Freytag, Arabum Proverbia
2, 445 no. 124: „Üccurrit podici caniculae." — Narrant, regem quen-
dam Edessae extinctis ignibus imperasse, ut homines ignem ad podicem
caniculae mortuae accenderent. Hanc autem ob causam homines emi-
grasse." Welcher von diesen zwei Berichten, ob der persische oder
der arabische, dem ursprünglichen näher steht, lässt sich zwar zur Zeit
noch nicht sagen; doch zweifle ich nicht, daß durch weitere Forschungen
sich die älteste Gestalt dieser sonderbaren Erzählung einmal wird
sicherer feststellen lassen.
LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT.
ZUR TEXTKRITIK DER ANGELSÄCHSISCHEN
DICHTER.
VON
C. W. M. GREIN.
Bei der Bearbeitung meines Sprachschatzes der ags. Dichter hat
sich , wie zu erwarten stand , eine ganze Reihe von Besserungen der
zu Grunde gelegten Texte, wie diese in den beiden ersten Bänden der
ags. Poesie stehen, ergeben; aber leider habe ich dabei auch noch
manche Druckfehler in den Texten entdeckt. Alles dies (auch was ich
der Art schon am Schluß der beiden Textbände mittheilte) stelle ich
hier einfach zusammen, die Druckfehler mit einem Sternchen bezeich-
net: bei der Angabe von Interpunctionsänderungen wird, wenn bloß
die Vershälfte dabei angegeben ist, immer das Ende dieser Vershälfte
gemeint. Den Beovulf und die Gedichte der Sachsenchronik habe ich
einstweilen mit Stillschweigen übergangen, ersteren weil ich ihn eben jetzt
von neuem im Zusammenhange durcharbeite, und letztere weil dieselben
nach Thorpes trefflicher Ausgabe der Sachsenchronik einer ganz neuen
Bearbeitung bedürfen.
ZUR TEXTKRITIK DER ANGELSÄCHSISCHEN DICHTER. 417
i
GENESIS. 47: redemdde adj. pl. nom. — 60: sticpe. — 72: seo-
modon svearte (pl.) mW [gemyrde]. — 80: *veoxon. — 90: verige gästas.
— 135: ofer timber. — 156: vidlond. — 235: *ni6tad. — 444: häled-
helm. — 452: %vurdon. — 475: him to [vuldre] vceron vitode gepingdo on
pone liedri heofon; zieht man meine frühere Ergänzung vor, so ist to
als adv. (insuper) zu nehmen. — 502: scßdtes vestimenti (Lye)? —
555 : [svä] hvilc airende, svä. — 563-64 : svä ic pe visie cet (esum) pisses
ofätes (vgl. Phon. 401) ; im Glossar ist die Stelle unter cet 2) acc.
nachzutragen; die Note zu 564 ist zu tilgen. — 702: Iure (MS) als
pleonastisches Reflexivum. — 752: heofonrice. — 762: *gesponne. —
835: nis me on vorulde niod (nicht möd). — 849: *forgeäte. — 866:
hedn hleö&rade hrägles pearfa: „Ic vreö nie...". — 884: freddrihten. —
996: *hölunge. — 1030: brOdorcvealmes. — 1115: *mode. — 1132: menge
tcean. — 1138a Komma. — 1211: vgl. dagegen H. Z. XI, 403. —
1256: cneoriin. -- 1265a Komma; 1269" Punkt. — 1311: cvic-lifigendra.
— 1326: *bedtad. — 1341 : mereflöd ncsan. — 1405, Note: ed monne MS
ist in ednioune (d. i. edniovne) aufzulösen. — 1412: v7dla?id. — 1418-19:
siddan nägledbord (adj.) für seleste flod up ähdf. — 1469-70: püs pe hed
gesittan svide verig on treoves telgurn forhtum moste. — 1472 und J496 die
Noten zu tilgen. - 1538: vidland. — 1546-49 sind einfacher so her-
zustellen:
and heora feuver vif Phercoba,
Olla, Olliua, Olliuani
nemde vceron, \pd genered häfde]
vcerfäst meiod vätra läfe.
1638: vidfolc. — 1642b: frdd? — 1650: anmod. - 1 656' kein Kolon,
1657a und 1657' Komma, 1658" Kolon. - 1664: bearm. - 1676: hlcedre.
1684: *redemöd. - 1688 die Note zu tilgen. - 1699: /m Bau? —
1795 kein Komma. 1797: sigora seif cyning sod gecyäde. — 1821
die Note zu tilgen. 1831: for freöndmynde. - 1862: hägstealdra. —
1865: *egesum (MS). - 1905: eaü-tela. 1954: cenig veorded (statt
a'jve MS). -- 1987 : folc-getrume. L995: *genihtsum. — 2000'' Kolon
und 2001" kein Zeichen; eecgum ensibus. - 2008' und 2008'' Komma ;
die Note zu tilgen. 2038: feollan (?). — 2042: peödenholdra. —
2047": [him mid sidedon], — 2051: hildevulfas. ■ 2065 die Note zu
tilgen; 2064'' Komma, 2005" und 2066' kein Zeichen. - 2079: *sttäe.
— 2118, Note: and nichl Präposition (el sancta fides). — 2148'': ac pu
[selfa] most und 2149a: heonon hüde lajdan. 2165' kein Zeichen und
2165" Komma, — 2182-83 sind so abzutheilen:
GEltMANJA X, 27
418 C. W. M. GREIN
fügen freöbeamum: faste mynted
ingepancum, pät me äfter sie
eaforan sine yrfeveardas,
2186: rcedeitpine. — 2205: sidland. — 2208: *sceddect. — 2234: bryde
lamm auf den Rath seiner Frau. — 2251 : *gif ic mot und mint vealdan
über das Meinige schalten. — 2257: *pu. — 2282: drihienhold. —
2291: frumgäran. — 2299: *vedx. — 2324 f. gif ge pät tdcen gegäd
sod-geledfan (inst.) mit wahrem Glauben; hiernach ist im Glossar das
subst. sod-geledfa nachzutragen. — 2400 : Lothes mag (ledhtes MS). —
2492: redemode adj. pl. — 2494: gistmägen die Schaar der Gäste d. i.
die zwei Engel. — 2538: die Note zu tilgen. — 2661 : airendu {-da MS).
— 2705: *ceghvär eordan (ohne on). — 2706: vunian. — 2729, Note:
fletvadas MS nach Thorpe. — 2732 : ceara (MS) imper. sg. mit dem
acc. c. inf. incit. . . secan. — 2747 f. vielleicht [vid] heora bregoveardas
bearnum Scan monrim mägect. — 2786a Komma und 2786b Punkt. —
2790: *äsendest. — 2793: fredtn = freöum ingenuo? — 2810: giena
speöv. — 2833: *siddan. — 2877b Komma.
EXODUS. 2: Moyses ist Genitiv, und das Subject in dem von
gefrigen habbad abhängigen acc. c. inf. ist domas. — 15: godes andraca
(Moses) gyrdvtte band. — 27 : *gesette. — 33 : in gere (== geare penitus).
— 46: heofon (lamentatio) pider becom; die Noten zu 46 und 50 zu
tilgen. — 68: genyddon MS ist herzustellen. — 87: peodenholde. —
99b kein Komma. — 108a Komma, 108b Kolon und 110b kein Zeichen.
— 115: *barn. — 145: am Schluß der Note lies dnvig? — 156: *Fa-
raonis. — 158: peödmearc (?) — 159: güd-[fana] (?) — 165: *oefenleöd.
— 167: /aZ (fulMS). — 169: gehoeged. — 176, Note: Jivcel lüencan MS.
— 182: peodenholde. — 194: ec anlceddon. — 197: päm mägenheapum
(zu häp adj.). — 238: bealubenne. — 242: modheapum (zu häp adj.) —
253: beohäta (= biluda). — 266: *andraidan. — 283: and (MS) ist zu
tilgen. — 293: eorlas cerglade. — 305b: [hie ece\drihten]. — 307: ge~
hyndon (vgl. Cri. 1525). — 313: an ononette. — 321: in der Note lies
*gyldenne. ■ — 333: *saivtcingas. — 339: gearu (d. i. ge-earu). — 352:
*him. — 369 : foldan (gen.) von eallura eordcynne abhängig. — 398 f. : cid-
fyr onbran, fyrst ferhdbana: no py fcegra väs! 399" ist der Scheiterhaufe
als der erste zu einem Menschenopfer bestimmte und 399b geht auf
Tsaac. — 454: genäp. — 456: ac behindan beledc (intr.) vyrd mid vo3ge.
— 469: doch wohl mit Lye fordganges ner. 465: cyre. — 470 f.
sand bäsnodon vitodre vyrde. — 482: lagu (nom.) land (acc.) gefedl, die
Fluth fiel über das Land her. — 491: vi-trod d. i. vtg-trod (acc). —
504, Note: huru fädmum MS. — 514: dgeat von dgitan. — 524: gin-
fästangod {ginf ästen MS). — 532: vräceum. — 564: * After.
ZUR TEXTKRITIK DER ANGELSÄCHSISCHEN DICHTER. 419
DANIEL. 4 : ond (?) Moyses hand. — 37ft : dugoda dyrust gentium
prasstantissima vel fortissima. — 53: and [lieht] vest faran. — 62: svilc
eallsvä alles was. — 66: ßa gen. pl. von feoh? — 119: ]>ät him metod
väf. — 136: nearon ge ihr seid nicht (zu neom). — 143: *sveltad. —
192: on herige [here]-byman sungon und in der Note lies herige MS. —
200: tö böte engl, to hoot insuper. — 205: vazron MS ist herzustellen;
hedran nom. pl. conipar. von hedh (vgl. Dan. 491). — 207: heg an per -
ficere; patrare (vgl. gehegaii), wonach im Glossar II, 29 das unter hegan
Gesagte zu berichtigen ist; ]>is hcedengyld diesen heidnischen Götzen-
dienst. — 220: wohl eher äväcodon 'nachgäben', so daß vereda drillten
auf den Heidenkönig geht; hiernach Glossar I, 46 unter äväcian zu
berichtigen. — 221: ne pan mai gen hvyrfe (mce=ma). — 228: frecne
adv. — 247 ff. vielleicht so:
volde vulfheort cyning veall on stealle
tserne ymb cefäste \eall purhgledan]
[purh äldes ledman], od pät up gevät
Ug ofer leofum u. s. w.
277: dedvdrids (-dreds). — 302: hyldeledse. — 305: ws ec — 317:
frumcyn. — 321: hdd (s. Glossar unter hdd Nr. 6). — 322 ff.: odde
brirn farodes scevaroda sand... grynded (=grinded); oder öd = and wie
Ps. 13528 und pät brim (n.) beizubehalten? — 345: fyr procul? —
413: pät ]>e (= ]jätte) prjj syndon geboden. — 417: '*cväd. — 435: bende.
— 480, Note: lies vitigad. — 490 die Note zu tilgen. — 512: onveg.
— 559 : veste (?). — 563 : bked bid und *geveöx. — 577 : veced. —
591: [viteledste] vyrcan. — 593: *aldre. — 604: anhydig. — 620: hred
(= hräd celer, repentinus). — 633 : nid gepafian sein Unrecht einzu-
gestehen. — 648: pur he. — 651: ÖdJnU gumfredn (dat.) godes in gast
becvom ro&dfäst sefa. — 658: godspellode. — 678: *him. — 722: hed seid.
AZ ARIAS. 2: purh hätne %; nach 2b statt nach 2a das Komma.
67 : *dcedhvatan. — 125: *bihealded. — 127 : ealdgecynd. — 161: *bryne-
brögan. — 163b Komma.
JUDITH. 23: *and hlydde. — 63: *beddes. - 112: beäftan. -
116: hellebryne. — 158: [on last] pära Imdda. — 211: Mldekdä.
222: hildenädran. — 243: vrehton. — 267: bälc. — 269: sveorcend/erhde
(adj.) — 285: *gesvutelod. — 287: mid nUum. — 333: and compvtgi;
die Note zu tilgen.
SATAN. 7: deöpne ymblyt dene ymbltaldeä (ymbliealdeit ist Druck-
fehler). — 20: Adam. --24: Um pär. -42: vergun. — 66: an reor-
dadon redeten ihn an. — 130: limvästmnm und gelutian. — 145: seolfa
nom. pl. — 146": [pära cefästra], — 147: tt ägan v.w Eigen. -■ 169:
27*
420 c- W. M. GREIN
l"> gyt fi'vl" '•'*'^'/'' fireha kerde (— hirde). — 211: *vli(e. — 222: *heo-
frnjiredtas. — 260: *halded. — 301: *cuma&. — 319: hreöpan riefen,
schrien. — 332 : verigan. — 357 : stencas (?). — 376 : rnid liine cum eo.
— 409: in vuldre. dat. statt acc. wie bei Verbis der Bewegung n. s. w.
— 444: elomma. — 479: pät he. — 483, Note: äpla MS. — 504:
pces menigo hanc multitudinem. — 517: näs ndn. — 522: andleofan.
— 589: *purh his Icecedom. — 609: gesceävian. — 614": [gegnum] gon-
gan. — 634: nid abyssurn. — 641 : firne MS. — 658: *heofendema. —
725: sf/nne = sinne suum. — 731: invitum.
CR1ST. Ludw. Chr. Müller Collectanea Anglo-Saxonica (Havnise
1835) theilt nach Grundtvigs Abschrift den Anfang des Crist (v. 1 — 29)
mit; daselbst finden sich folgende Abweichungen von Thorpes Text:
7. geond eordb..g eall; 9. gesvutula; 10. forlet; 12, cräftiga; 20. eddga
us ; 22. nu ve for ]>earfe; 24. pät he ne liete ..oje sprecan; 26. sunnan
virnde (vilsid ist Thorpes Conjectur, nach dem das Wort im MS un-
sicher ist). — Folgendes sind meine Verbesserungen: 7. geond eord-
b[yri]g, wonach im Glossar eordburg f. arx terrestris nachzutragen ist
— 23: pone pe, wie auch im MS steht. — 24: pät he ne Mte [hed]fc
sprecan ceärfulra jung (concionem, multitudinem). — 26: sunnan vyrnde
(part. pl.) denen die Sonne verwehrt, vorenthalten ist; im Glossar
unter vyrnan nachzutragen. — 42: geondspreöt. — 47: ryne. — 59:
sylfa (für sylfe) nom. sg. f. — 69: nidum. — 77: *monvisän. — 93:
mund triihne, wie im MS steht; inne bei Thorpc ist Druckfehler. —
163: videferS. — 199: die Ergänzung [man] ist. überflüssig; conn c. gen.
— 237: pinne engem fredn. — 241: fromeyn. — 328n Komma; fiurhpe
durch welches. — 340: anmddlice-. — 406: *älce. — 471 die Note zu
tilgen (vgl. Tlym. 83). • — 482: vidvegas. - 559: pe lim. — 597: *ge-
fremmanne. - 605: vtdlond. — 612: *peödne (nicht drihtne). — 629n
Semicolon und 631aKomma. — 667: snyttrucräft. — 724: gebyrdu. —
802: verig. — 805: scäcen. -- 807: *bilocen. - 888: *monna. — 854''
Komma. — 951: *bearhtma. — 953 : feorö vitä (vgl. v. 975). — 976:
bläst. — 979: hedhcleofu. — 999: *aml. 1186: vmdon. — 1207:
deädfirenum. — 1270: *vite. — 1272: vräc vinnende. — 1291: *pät hi.
— 1321: *synrust pvedn. 1360: *tryvnedon. — 1364: *vordum. —
14.1;)' Komma und 1440' pone ic; noch on/ing Kolon. — 1400: *goda.
— 1455: pe ge fremedon. 1493: *svtctast. — 1565: verges. — 1583:
and rar veorde. — 1636: *leo/aä, — 1657: ddm-eddigra und 1656''
kein Zeichen. — 1685' vgl. Apocal. 19°.
HÖLLENFAHRT. 2: geonge (Gang.). - 28 ff.: Johannis de-
eollatio lallt auf den 29. August; zwischen diesem und dem nächst-
ZUR TEXTKRITIK DEK ANGELSÄCHSISCHEM DICHTER. 421
folgenden Ostermontag (April) liegen 7 volle Monate; daher sind diese
Verse nunmehr so herzustellen:
pät he nie gesoh[te ymb seo/on] mdnad,
ealles folees fruma ; nu [is se fyrst\ sceacen :
reue ie ful sxn.de und vitod [talige],
[ fiätte us] to däge u. s. w.
74: *cyneprymma. — 87 : helledorum. -- 122: for pmre me[aglan mcer]an
näma (s. Glossar unter nom). — 125: *prymmum.-
DOMES DÄG. 14: gylp%. -- 32: godes. - - 48: *ouldre. — 57"
Semicolon und 57' kein Zeichen.
REDEN DER SEELEN. 24;i Komma. - 24b: M ]m. - 40:
prymful punedeät. — 49: gescenta. — 119: ncedle. — 124: verge. —
135: sdftlice(?). — 139: 0/ MS braucht nicht geändert zu werden, da
die Seele vom Himmel kommt, den Leichnam zu besuchen. — 154:
älangad.
CKAFTAS. 53: sunt \on] fealone vmg stefnan steöred.
VYRDE. 25: svorcen/erd. — 74: vi/ und dahinter ein Komma;
75a Komma: die Note zu 75 zu tilgen. — 83: Iwtan scralletan scearo
se ]>e hledped nägl neömegende (s. Glossar unter scearu). 95: seeop.
MOl). 14: vinburgum. 20: evide scralletad. — 24: prymrn§
pringed; in der Note lies pryme pringe MS. -- 55" Komma, 77'' Ko-
lon und 79a Komma.
SCHÖPFUNG. 6: pä pe ddgra gehvam park dorn godes. - 19:
bevriten nom. absolutus. -- 37: pis here spei 40: miclan gecynd. -
47: vlite. — 49: *tid. — 7<>: ütgärseeges.
PHÖNIX. 15: MäU. ■ 49: Nute: lies heolstercofan Grdtv. -
54: särvracu. — 75: beöd ist zu tilgen; nach 77'' Komma: 77 ist nom.
(acc.) absolutus. — 12(5: hremig. - 213' kein Komma. 240: bräd
veorded. — 296: bläcum nach dem 'metallis' i\y> Lactantius. — 31!):
Mm pät edd. — 3GG: purli äledfyr und 365'1 kein Zeichen. 373:
"./'/ of ascan. — 399: Viälges. - ■ 433 : feorhgeong adj. nom. 434:
bläst. ■ 622: snyttrueräft. — (143: on rode treove räfnun.
PANTHER. 14: eyddan. - 21: *gcesthälige. - 38: prednilUa.
WALFISCH. 1' kein Komma, da fitie subst. ist. - 22: hedhfyr.
35: vemad. — 73: ädoylme (?).
REI5I1UIIN. 3-4: . . .fäger, pät vordi p( gecoäd vuldres caldor.
WANDERER. 29: veman. - 34: selesecgas. 38 Komma. —
4G: vegas. — 77: hrydge pä ederas und 77" Komma. — 100'' und l02l
Komma, 102' kein Zeichen.
422 c w- M- GREIN
SEEFAHRER. 26h: frefran meahte. — 33: forpon \mec\ cnyssact.
5lb: pone pe? — 51a: Semicolon und 52b Komma? — 63: vaüveg (?).
68b und 69h Komma. — llOb kein Zeichen, da gevis und ckene auf
möd gehen. — 112b: vielleicht [bütan leahtor]-bealo.
KLAGE. 15: herh-eard. — 25: ge neah, — ■ 31: herum. — 53
on langotte (?).
BOTSCHAFT. 8: scealt (sc. pu). --20: listumf — 36: [and on]
elpeode edel healdc[d]. — 40: on yda geong (Gang).
RUINE. 1 : vyrde gebrceco?i fata confregerunt (eum). — 3 : hreörge
ruinosi. — 4: hrungeat-torras berufen oder bloß hrungeat (sg.) berofen,
hrim on Urne; denn torras v. 4 könnte irrthümlich dem Schreiber aus
v. 3 nochmals in die Feder gekommen sein; hrungeat ist hrung-geat
Balkenthor, Gatterthor. — 7: valdendvyrhtau. — 8: cnea gen. pl. von
cneöo. — 17: lämrindum. — 21: veallvälan. — 28: vestenstadolas. —
31: tedfor gedpu und scedded. — 32: hröstbedges hröf.
DEÖR. 1: be vimman (=vifman)? — 14: Hilde n. pr. — 27:
*päs. — 32h Komma und 33a kein Zeichen. — 33 : gescedvad manifestat.
FINNSBURG. 1: [beorhtre hor]nas nach Rieger. — 5: ac her
fyrd beräd. — 6. *güdvudu. — 12: vindad.
BYRHTNÖTH. 2": das Komma zu tilgen. — 53b und 85b Komma.
— 173: Gepance pe mit Ellipse von ic. — 182: big stodon. — 256:
ofer eall. — 302: *cruncon. — 310: ealdgenedt.
MENOLOGIUM aus dem Cod. Cot. Tiber. B. I am Ende der
Sachsenchronik; von v. 1-30" gibt Thorpe in seiner Ausgabe der Sach-
senchronik ein Facsiinile; daraus ergeben sich folgende handschrift-
liche Lesarten: 1. äcennyd; 5. tiid; 7. sekalendus; 10. gerüm; 11. tiid;
15.' emb; 19. and ]>äs ; 23. emb ; 25. svyle. — Auch die Abweichungen,
welche Bouterweck in seiner Ausgabe des Menologium (Calendcvide)
hat, stelle ich für sich zusammen, obgleich man bei seiner Art die
Texte zu behandeln nicht immer sicher ist, ob er Handschriftliches
oder eigene Änderungen gibt: 30. vel gelivär; 65. forpan hi hvearfaä;
70. vtse (carmine); 71. nihgontyne; 73. rozran; 74. hälig\r\a; 85. drovade;
95. eahta; 97. Augustinus ; 124. ofer midne sumor micle gevisse (valde
certo); 125. feorhbealo ; 137. smicere gebrihted; 142. geyved; 178. menigo;
180. geyved; 188. seofon nihtum (Emendation); 210. embe ; 213. pe iu;
229. pe man. — Folgende Besserungen sind in den Text aufzunehmen:
7. se holend us; 10. gerüm; 15. emb; 19. *andpäs; 23. emb; 28. päs pe;
70. vise; 75. in bar hracte(?); 76a \päs embe siex niht] ; 101. guman
ä fyrn; 124". *ofer midne sumor; 136-37. ein ]>äs ist zu tilgen; 137b.
smicere gebrihted; 178. menigo; 188. seofon nihtum; 211. fän gode ini-
mici deo.
ZUR TEXTKRITIK DER ANGELSÄCHSISCHEN DICHTER. 423
FATA APOSTOLORUM. 14* Kolon und 15" Komma. - 36;
ealdre. — 43: genedde? — 49: pces (— päs In). — 64,J kein Komma
und 93b Komma.
ANDKEAS. 4: hneötan (von hnätau). — 39: gedrehte. — 64: seödad.
— 116* kein Zeichen und 116'' Komma (sc. vesan). — 198: vidland.
— - 230 : *cempan. — 2431' kein Komma, da bläc Verbum ist. — 262 :
medelhegendra. — 298: ära. — 384 : p eödenhold. — H2: bri'm. — 483:
este vyrdest gnädig wirst. — 495: hviled von Jtvelan. — 499: udldde
{-läfe MS). — 504: brondstäfne. — 552: vis (unflect. acc.) on gevitte.
— 575: gif n. beneficium. — 609: mädelhegende. — 659: symble (inst.);
im Glossar ist die Stelle unter syinbel (festivitas etc.) nachzutragen und
unter symble adv. zu streichen. — 828: lyftgeldc. — 839: bläst. —
848: fore gescräf zuvor. — 850: birihte. — 934: vega. — 954: scealpin
hrä dceled vundum veordan, vättre gelicost faranßode bldd. — 958: slage.
— 964: pät me (MS). — 998a: Punkt. -- 1001: godes dryhtendom. —
1069 kein Komma. — 1080: unhydige. — 1081: ladspell. — 1085:
*ah pär. 1 J 04" : Komma und 1104b keins. 1141": [pearl and]
Prohtheard. — 1156: freöd (freöndMS). — 1 160* Komma. — 1161 :vinräced.
— 1171: verigesf — 1173: hellehinca. — 1175: gefered. — W&Q-. gemet.
— 1189: *and. — 1192a: Ausruf'ungszeichen. - 1193'': and [on]. —
1232: tragmazlum ieön tomgenidlan. — 1243: hat of heolfre. — 1244:
untveddne. — 1259: *svylee. — 1262'' Komma und 1263" kein Zeichen.
— 1303: *reordad. — 1343: ealdgenidla. — 1397: heard ond hetegrim:
väs se u. s. w. — 1444' kein Komma. — 1445: lic laslan. - 1482b
Kolon, 1483a kein Zeichen, 1484b Komma {eall noin.). — 1491:
fyrnsägen. — 1510: hvät! pu. — 1539: ütmyne. — 1554: blästas. —
1608: *gumcystum. — 1621: gefered. — 1637: purh fäder j 'alt um. —
1702: Achaie. — 1706b kein Komma.
JULIANA. 33" Komma und 34a kein Zeichen. — 67: darad-
häbbende. — 73 : torne adv. — 83: vinburgum. — 187 : fennan. — 214:
scmläce. — 232 : läägenidla. — 235 : milde modsefan. — 287 : *geblissad.
— 313: äsengan. — 334: gemete adj. — 392: cräfte (dat.), während
gude inst. ist. — 428: purh vuldor cyningij). — 429: verga. — 434:
*orvigue. — 476: blöde spiovedan. — 479: onveg. — 488b kein Komma.
— 490: gesohte. — 499: feorman. — 504b kein Komma. — 527: sdr-
vräce. — 679: onsöhte. — 709: seofad? — 720: vrcece.
GÜTHLAK. 23" Komma. — 24: *Is pes. — 55: *br$gan. —
107: sid pam (seitdem). — 155: snyttrucräft. — 239: l'iß (MS). —
256 : in fri-erf. — 27 1 : vidor säce und 270" kein Komma, — 299 :
*edäm$dum. — 305" Kolon. — 323: hväder (ob.) — 353: fägerran. —
424 c w M GREIN
388: brucan praet. pl. 392: nöcter. — 467: äßeryld. — 482: viel-
leicht me ]w)ine [«ige] sendeck, se usic sinian mag. — 488: vitian volde (?).
— 502'' Komma. — 503": 'welchen als einen Vorgänger'. — ."» 1 2
Komma und 512b kein Zeichen. — 516: gcnste. — 577: *gepyncdum.
— 594: räf'nad. — 622. rninne. — 679: *fore. — 701: brfice. -- 740:
geralde (von gereccan). — 763b kein Komma. — 764: räfnad. — 788:
*foo'. — 816: äfnan. — 827" Komma. -- 832a: pcere. -- 875: vidstod
und sfrmd Za^M. — 917: *üäs s<?. — 920: longfyrst. — 970: anhoga. —
998: bancoda. — 1037a Ausrufungszeichen und 1038* Komma. —
1051b kein Komma und 1052" Komma. — 1164: peös ddel (edel MS).
— 1128 und 1245: orod. — 1138: orede. — 1146" Kolon. — 1199:
orede. — 1200: hvät pu (cur) und 1207b Fragezeichen. — 1255'': prong
niht ofer tiht und 1256 tihte zu tilgen; tiht zu tyht oder zu engl.
tightf nach frätoa Komma. — 1271'' Komma. — 1294 : cenliera
und 1295 vynsumra auf die masc. in v. 1296 ff. gehend; Ana-
koluth. — 1302: unhydig. — 1317: Mdspel. — 1339: viniga hleö
(amicorum).
ELENE. 11: se lindhvata leödgeborga. - 59: pät he (MS) so
daß er. — 106: die Note zu tilgen. — 171b Punkt. — 215: ßodvege.
— 279: medelhegende. — 293 f. ge pcere snyttro [swße] unmslice vrade
vidveorpon. — 320: gerüm. — 345: fore (adv. vor Augen) scedoode. —
352: *deophycgende. — 368: eöv väs. -- 407": *pä pe snyttro. — 451":
[dredmes brüced]. — 476: *beorna. — 495: vräce. — 502a: Komma. —
524: *grimne. — • 580: pät eöv pät leds sceal. — 610: cre.v (= cearees)
genidlan. — 619: *dgeaf. - 629: svd niöde so eifrig. — 636: *feala
siddanford. — 642: *ondsvare. -- 647: ealdgevinn. — 662: *andsvare.
— ' 701: gemdlan. — 711: nydcleofan. ■ ■ 721 f. bloß purh [feonda]
sedru foldan getyned. — 738: *gevorhtest. — 754'' kein Komma. —
763: seeolu. — 889: *geador. - 897: pe pä (quod tunc)? — 915b
Komma und 925a Punkt. 925b: findan can (ne can MS.) — 926:
vid pau. — 930: manpedvum. — 938: vttgan (vigan MS). — 957: hel-
lesceadan. — 993: geferede. — 998: dseted Dietr. — 1005: brimnesen.
— 1075: cyninges; die beiden Komma zu tilgen. — 1090: oh vuldres
■nenne (=vynne)? im MS steht die Rune V (— ven). — 1118: ''peä/i hie
(nicht pät). — 1136'' Kolon und 1137" kein Zeichen. - - 116 3* Komma
und 1164* kein Zeichen. - 1178: *säcce. — 1214" das erste Komma
zu tilgen. — 1225: *gemeted. — 1227 ff. on Maias kalendas im Monat
Mai, nicht mit Grimm den eisten Mai; so ist auch im Hersfelder
Necrologium der Casseler Bibliothek, welches nicht die Tage, sondern
jedesmal summarisch den Monat verzeichnet, dieser durch Kl bezeich-
ZUR TEXTKRITIK DER ANGELSÄCHSISCHEN DICHTER 425
riet: schon die römischen Dichter brauchten calenda so. Nach Menol.
83-89 fällt der Tag der Kreuzfindung auf den 3. Mai und der Som-
mersanfang eine Woche weniger einen Tag später d. h. auf den 9. Mai:
von diesem an zählt unser Dichter 6 Tage rückwärts und kommt so-
mit für den Tag der Kreuzfindung gleichfalls auf den 3. Mai. — J234:
*dägveordunga (nicht dorn-). — 1235: se ricesta (rices pa MS). — 123!-)"
kein Zeichen und 1240" Semicolon. — 1246: *cer me Idre. — 1258 IV. die
3 ersten Runen C, Y, N scheinen doch hier (wie in der Juliana alle Ru-
nen) bloß die Bedeutung der Buchstaben zu haben und jede für sieh den
Dichter zu repräsentieren. — 1265" Semicolon und 1266'' kein Zeichen ;
zu 1266'' ist ald onmedla Subject. — 1277 ist metrisch bedenklich. —
1292" Komma.
REIMLIED. S. 138 v. 49 lies pynde (MS); vynde ist Druck-
fehler bei Thorpe. — S. 140 f. v. 15: rdfvord adj. strenuus verbis;
29: svute adv. und das Komma nach svide statt nach svinsade; 40:
leodode ; 49: efen pynde; 57: trag und genäg; 66: grorn-torn (?) ;
74": *mec.
LEAS. 16: särS. — 35: thted. — 36: rriid geneähe inter vicinos.
KREUZ. 5: on lyft (MS). — 21: *forht ic väs. — 62: strcelum.
— 70: greötende gode hvile (redtende MS). — 79: bealuvara = baluvra
adj, gen. pl. und nach 79" kein Komma. — 117: *anforht. — 125:
fordvege.
PSALMEN. XXVII, 10: rece pu heo [and gercßd]svylce (vgl. Ps.
Th. 710). — LH, 2: god-doend; 4: besegan von besam. — LIV, 4:
*y& mc und hedh adv. alte, valde ; forevomon; 9: punie Cpu me MS);
13: gungan (gangan MS) praet. pl. von geongan. — LV, 5: *vceroh
georne (MS), nicht gear've; 9: an sited; 11: svyltdeddes. — ■ LVI, 4:
of leon hvelpum: redS (lade!1) gemdnan väs ic u. s. w. — LVII, 9:
spönne he sid. — LVIII, 4: *minne gednryne. — LIX, 4: *becnunge;
!): ne gä pu us on mägene\üi\. — LXI, 4: vräde mid heortan; 10: rceda
Pencean. — LXII, 5: nach gefylled und nach gelynd Komma. —
LXIII, 5: eft forveordad; 7: heora tungan (dat.) teönan (nom. pl.) on
sittad. — LXIV, 14: eovdesceäpum und nach vulle kein Komma. —
LXV, 16: ne vite me pät vealdend drihten! — LXYII, 8: *panon
eorde (nicht ponne); 10: volcen [ne] brineged und ponne äscaced göd sun>-
doryrfe; 18: and [väs] läcgeofa; 22: nach Basan und nach drihlen
Komma; die Note zu tilgen; 26: *pät ys on; 27: under /oleum (d. i.
folc-cüni) ' inter vaccas populorum'. LX\ III, 8: framde; I 1 : vitehrägl
Büßergewand; 27: and me veän [ecton]. — LXIX, 2: *nach vcaron ist
durch ein Versehen im Druck folgende Verszeile weggeblieben ; and
426 C W. M. GREIN
mine sävle söhtoit mid nlde. • — LXX, 4: *on geogude hyht gledv ät
frytnde; 7: mghvär. — LXXI, 3: *pznum. — LXXII, 6: panon foed
becom fcecne unriht. — L/XXIII, 22: *feögea&. — LXXIV, 1: *ecne
drihten; 4: gtdpan; 7: mägenandettad. — LXX VI, 12: vidferedes; 14:
juinur-rdd-stefn. — LXXVII, 14: die Ergänzung [verude] ist über-
flüßig; 20: *Hi pä on; 20: föddur gedfe daß er Futter gäbe, mit El-
lipse von pät daß ; 23: *barn; 27: gefödrade 'volatilia penn ata'; 35 :
"müde; 39: moldan (nom. pl.); 46: sealde er (aristas) ütan yfelan vyrme;
47: ucenig moste heora hrorra lirtm äplä gedigean (i. e. namig heora
hrdrra äpla) keiner ihrer üppigen Apfel konnte den Keif überstehen ;
der lat. Text lautet: ret occidit moros eorum in pruina'; 49: äbyligde;
54: on leofre byrig and on hdligre (dat. statt aec); 58: *grdfun. —
LXXVIII, 2 : svd in äppelbearu äne eytan ; 9 : *neöde and äre. — LXXX, 9 :
*god on pe. — LXXXI, 1 : godum on gemonge rin synagoga deorum'. —
LXXXII, 3: fäeengesvipere; 102: svd se (= svd svd.) — LXXXV, 7:
goda rnon est siinilis tibi in diis'; 13: *gesamnincga; 15: geteöh hröre
rneaht. — LXXXVIII, 15: an idmeä; 21, Note: hedne (altum) mit
Dietrich auf hörn zu beziehen. — XCI, 2, Note: lies dsäcge. —
XCIII, 9 : ealdum (MS) = eldiim hominibus. — XCIV, 9 : */dcen. —
XCVIII, 3, Note : dr cyninges ist zu tilgen, da dre schwacher nom. sg.
ist. — XCIX , 1 : Nu ge myele gefedn mihtigum drihtne eall peös eorde
eine hyre and blisse (inst.) gode bealde peövie! 'jubilate deo, omnis terra!
servite domino laetitia!' 2: vielleicht and ve Ms [veorc] syndon. — C, 4:
elite. — CI, 3: smece und eöcerpannum cöcas; 11: hedhscel; 22: hedhge-
veorc. — CII, 1-5: in der Note lies ...gelieost, geogude und gledv
Ps. Ben. — CHI, 6: *dhylded; 7: ryfte; 16: lies
Svylce pu gefy liest fägrum hlcedum
telgum treov-västme ; tydradJ ealle,
pä on Libanes u. s. w.
24: His is MS ist herzustellen. — CIV, 3: heorte hygeclasne; 4: [cid]
teönan gehvylee. — CV, 14: svylce; 17: to godegylde; 36: vuldre geherede.
— CVI, 41: symble hernned. — CVIII, 3: dcedum und teödan mänige;
27 s: and hi. — CXIV, 3: citfeah. — CXV, 8: nach dryhten kein Punkt
— CXVIII , 2 : heortum MS ist herzustellen (vgl. on geheortum hyge
Fäd. 86); 12: *gebletsud; 15: svä ic [on] ]nne; 16: meteode; 32: rice;
36: *gevitnysse; 42: *päm pe me edvitstafas; 95: *dsecean; 111: hedhbliss;
121: ehtendum; 136: vid gang; 139: on bearme me; 155: *fyrenfulle. —
OXIX, 5: nis min cfid J>är , pe. . . (])e quae, sc. cyd). — OXXI, 6:
*lufan. — CXXVI, 2: vinnad 'laborant'. — CXXVII, 2: oretes (pa-
rallel zu gevvines), — CXXXI, 8: eall-hdligra ; 17: and gode edc his pä
ZUR TEXTKRITIK DER ANGELSÄCHSISCHEN DICHTER. 427
hdlgan her habbad blisse; 18: *fägre. — C XXXII, 4: *äva. —
CXXXV, 3: *Andette ic; 12: o/t eallmihte; 22: der Punkt zu tilgen;
23: od in and zu ändern oder es ist selbst = and; die Note zu 23
zu tilgen. — CXXXVI, 8: pu eart Babüone (dat.) liiere ätfästed, äuge
and yfele u. s. w. — CXXXVIII, 2: *foresäve und *invit näs ähvär:
13: *lichatna. CXXXIX, 2: hearrue (MS); 5: vundnum räpum;
9: seeal. — CXL, 9: häfteneddum; 11: *päre gryne. — CXLI, 6: hä-
leda vealdend. — CXLIII, 11: *edc; 14: begdd ist nach Sinn und Al-
literation verdächtig, aber auch das im Glossar I, 99 versuchte begad
ist nicht ohne Bedenken. — CXLVI, 6: milde (acc. pl.) mode; 11;
*nafast jni td manna magerte villan; nach dem lat. Text 'in viribus equi
erwartete man to meara mägene. — CXLIX, 4: *fägere drihtne; 8: *balde-
PSALM L COTTON. 3: cynost(?); 10: *creaßig; 23: *and Um
Bezabe; 30: *vordum spräc; 58: svilce; 68: ville; 77: elmehtig; 78 kein
Komma.
HYMNEN. III, 10: ähe/ian; nach cenig Semikolon und nach 12b
Komma; 47: *ac ic }>e hälsige nu. — IV, 36: *mmne; 39: god cyning;
71 : ferdoeg Lebensweg; 82: *fore; 88: nemägpärQ). — V, 2 : s;j pin
nu veorcum (?). — VII, 18: hedhnama; 47: *fyrde fägere geblissast; 65:
ülce gecynd acc. von sealdest abhängig, während dgene visan instrumen-
taler acc. ist; 80: [faste] on innan; 102: svä ve her [sylje for\gifarf. —
VIII, 6: godes villan (inst.); 22: *heofenlic. — X, 9: *sunu. -- XI, 4:
mht modsefan; 6: vor avd Komma; 14, Note: vel treovum MS Th.
METRA. Einl. 3: *väs; 5h Punkt und 8" Komma; 6: älinge. —
I, 71: nach sefa kein Komma; 72: ege. ■ V. 34 das Ausrufungs-
zeichen zu tilgen; 35: <je orlreöve; 40: *hine. — VII, 31: nach vlite
Komma. — VIII, 31: ymbe sciphergas scealeas ne herdon; der Punkt
nach herdon zu tilgen. — IX, 6: itnrihthaimed ; 36: vdhfremmendum. —
X, 54: here(?). XI, 39b und 42" Komma, 40a kein Zeichen; 69:
flodes (foldes MS). — XII, 24: *tydde. — XIII, 36: *gif; 51: onädele;
65: higad. — XVII, 20: riht-ädelo. — XX, 10: nach väs Komma;
88: *pcem; 96: *svelged; 120: *him; 125: onriht; 135: underniäemest ;
173: *and; 231: hvät! ve oft... und davor ein Punkt ; 261: hau (?). —
XXII, 1: se pe ozfre; 13: Ms mode (dat.); die Note zu tilgen. —
XXVI, 27: pridredre-ceöl ; 74: scinläce; 81: *eaforas; 84:/ie ]ö] sceoldon.
— XXVII, 15: gefäde; 24: *fugl. — XXVIII, 11 : *habbad: 24: prägeä
(sg. pro pl.); 53: *]>incg; 69: unstadolfäste (?). -- XXIX, 8: sunne ge-
secan (sun ne gesecan Rawl.) und nach veg Komma ; 47 : softe adv. —
XXXI, 6: sntcad und danach Komma; v. 7 ist nom. absolutus; 11:
brüead (?)
428 c- AN M GREIN
GNOMIGA EXON. 18: geUgan. -- 23" Punkt und 23b Komma ;
30* Komma und SO!" Punkt — 31: cerddl. — 42: onge, pon (ponnef)
he. . . — 85: viggS (= ruß) veaxan. — 101 : vcere und hehlid (MS) von
behltgan. — 107: egsan. — 108-9: ]>ou leödon (MS.) i. c. päm leödum
gehört zusammen zu v. 109, während 108 mit vtc schließt; cyning vic
ist übrigens noch verdächtig. — 155" Komma und 155'' Punkt. —
164: *gymed. — 184: *longe neah. — 195b Kolon.
GNOMICA COTTON. 31 : flddgratg (?). -- 44: gesöccan.
FADER LAltCVlDAS. 2: maga cystum eald. — 53:felageongum.
PHARAO. 6: searohäbbendra.
RUNENLIED. 3. vielleicht an/eng ys yfel. - - 13: *undervreded.
— 10: die beiden letzten Zeilen zu vertauschen, so daß hine auf brim-
hengest geht. — 21: langsum <jej>i~dd. — 22: heardingas.
SALOMO. 18: entweder ist mec in den dat. nie zu ändern, oder
/a[re] ist bedenklieh. — 22: veallad (MS) von veallian. 42h kein
Komma. — 47: Hesse sieh vielleicht mit tvel-fyra oder tvil-fSjra etwas
anlangen? oder tvelf fgra? — 52: viaed. - 107: forcumad. — 206:
*forcumen> — 230: *snyttrad, hafad. — 233: '"dura gehvylc. 249:
*ded. — 286 f. ist so zu ändern:
ac him ou hand gmd heardes and hnäsces
mycles metes: him tö möse sceal
gegangan u. s. w.
290 : püsehdgerimes. — 296: *ästyred. —306: fered. — 332: gevundme (?).
— 361: pone deorcan(J).
RÄTSEL. I, 9: nach dagode Kolon; 10: *renig veder ; 11: bogum;
16: das Fragezeichen nach Eddvacer statt oach hvelp. — II, 7 ff. nach
redfige Fragezeichen, nach hfdfwm Komma, nach ver.a Punkt. — III, 8;
vär§ and vaege, J>onne ic. . . ; 10a Kolon. — IV, 6: hvyrft-veges ; 7: "ac ic:
22: fr red; 51: bla.ce sc. nubes. — IX, 4: hleößre. — X, 3: mec [an]
ongan; 9: s. Glossar I, 349 unter fr\d. — XI, 6: feorh crieo. —
XII, 31' kein Komma und 411 Komma. — XIV, 3:feorg coico. — XV, Kl:
behlyded; 16: :]:vegact. — XVI, 24: gif se mit Thorpe zu setzen statt
gifre und nach onsittan Komma. - XVIII, 4: nach märe kein Punkt.
XXI, 14: *sceäcan; 29: geno. — XXII, 3: nach min Komma. —
XXIII, 4: ftUhengestas. —XXIV, 4: eaügearo. — XXVII, 16: mde
narre (<-onj.) und nach dolvite Ausrufungszeichen; nach rncere kein Zei-
chen. — XXVIII, 13: strongan sprcece und das Komma nach bütolen
zu tilgen. — XXX, 2: hornaa (i. e. Iiornd) bitveönum Dietr. —
XXXI, 3" und 4" Komma. -- XXXII, 9: fedegpovn. -- XXXIII, 10:
in viged. XXXVI, 7: ämas (MSj pl. c. sg. verbi. Dies Rätsel ist
ZUR TEXTKRITIK DER ANGELSÄCHSISCHEN DICHTER. 429
in abweichender Form auch in einem Leidener Codex enthalten, heraus-
gegeben und besprochen von Dietrich in seiner Schrift de Cynevulfi
poetae »täte (Ind. lect. Marb. hib. 18f§). — XXXVII, 4: ehtuvei.e.
elitun ve pr;et. von ehtan, eahtan aestimare; 9: der zweite Theil der Note
zu tilgen. — XXXVIII, 6: pam. — XL, 8 und 21 ; vuleferh; 10: *Ne.
— XLI, 41: vom (voiin?) vrddscrafu; 91: onpunian. — XLIII, 10: an
an Unan. — XLV, ] : *hongad; 7: efelang. — XL VIII, 10: pe he. —
L, 10: ded. — LH, 4: fr antra. — LIV, 10: oft hea (= heo, hie) nyst
strudon Diet. — LVI, 12: vulfheafed-treö. — LXI, 9: ofer meodu-
[drincende]. — LXIII, 1: hingonges. — LXV, 3: *andA. — LXVII, 4:
pes foldan bearm. — LXIX, 15: pära is Rad fultum. — LXXI, 4:
fedde mec [fägre]. — LXXII, 2: heofonvolcn; 21: wider brägnlocan
[bealde nede]. — LXXX, 5: var[nad], wovon der acc. eordan abhängt.
— ■ LXXXI, 6: neöi and nearogräp und kein Zeichen nach fela; 9:
nach bevät Komma. — LXXXV, 10: mägas. — LXXX VII, 5b Komma.
— LXXXIX, S:ßred.
DIE UNGLEICHEN KINDER ADAMS UND EVAS.
„Adam und Eva hatten eine sehr große Familie, die Zahl ihrer
Kinder belief' sich auf neunhundert. Da kam einstmals Gott, sie zu
besuchen. Eva schämte sich, Gott, einzugestehen, daß sie Mutter so
vieler Kinder sei; sie nahm ihre neunhundert Kinder, verbarg fünf-
hundert derselben und zeigte Gott nur die andern vierhundert. Doch
Gott in seiner Allwissenheit erkannte1 sogleich das Wahre und beschloß,
Eva dafür zu strafen. Er befahl ihr, auch die verborgenen Kinder
vorzuführen und verhieß den vierhundert, welche ihm Eva gezeigl
hatte, daß ihre Nachkommen reich, wohlhabend und glücklich werden
sollten; die fünfhundert andern Kinder aber, welche Eva verborgen
hatte, sollten die Eltern der armen und anglücklichen Menschen werden
Und so geschah es: die glücklichen und reichen dieser Well stammen
von den vierhundert Kindern, welche Eva Gotl freiwillig vorführte,
und die unglücklichen und armen sind die Nachkommen der fünf-
hundert Kinder Adams und Ev.Vs. welche vor Gotl verborgen werden
sollten."
Aul' den diesem Märchen zu Grunde liegenden Stoff machte
schon Jacob Grimm (Zeitschrift für deutsches Alterthum [1,257 267)
aufmerksam. Er führl an, daß derselbe im 16. Jahrhundert in sechs
verschiedenen Behandlungen vorkommt. Zuerst, in Johann Agricola's
430 FRANZ ILWOF, DTE UNGLEICHEN KINDER ADAMS.
Sprichwörtern vom Jahre 1528; in einem Briefe Melanchthons an
Joannes a Weda — Johann IV. Grafen von Wied — vom 23. März
1539; in drei Gedichten von Hans Sachs: in einem Spiele vom 23. Sep-
tember 1553, in einer Komödie vom 6. November 1553, und in einem
Schwanke vom Jahre 1558: Und endlich erzählt dieses Märchen auch
Georg Rudolf Widmann in seiner Umarbeitung des Volksbuches von
Faust, welche 1599 zu Hamburg erschien. — Noch weiter zurück
als das bisher erwähnte Vorkommen desselben reicht eine Nachricht
von einer dramatischen Aufführung der ungleichen Kinder Adams und
Eva's, welche zu Freiburg im sächsischen Erzgebirge in den Jahren
1509 und 1516 stattfand. Große Verwandtschaft damit im Grund-
gedanken zeigt auch Rigsmäl, in welchem Liede auch der Gott als
Begründer des Ständeunterschiedes unter den Menschen erscheint.
So weit Jacob Grimm. — Selbst Goethe erschien dieser Stoff, wie
ihn Hans Sachs behandelte, so anziehend, daß er in seinem reizenden
Gedichte „Hans Sachsens poetische Sendung" auf denselben hindeu-
tete (Koberstein in Hoffmann's von Fallersleben und Oskar Schade's
Weimarischem Jahrbuch, Hannover 1854, I, 311).
Das oben erzählte Märchen , welches ich hier aus dem Munde
einer Obstverkäuferin bei Gelegenheit des Begräbnisses des einzigen
Kindes einer armen Frau hörte, ist, verglichen mit den Behandlungen
desselben Stoffes im 16. Jahrhundert, in allen seinen Zügen verallge-
meinert und vereinfacht; die anziehendsten und schönsten Einzelheiten
sind wahrscheinlich dem Gedächtnisse des Volkes entschwunden und
nur die Hauptumrisse in Erinnerung geblieben. — Das Märchen unter-
scheidet sich in der bestimmten Angabe der Zahl der Kinder von den
übrigen Fassungen derselben Sage; neunhundert Kinder werden an-
gegeben , denn neun ist ebenso wie drei , sieben und dreizehn dem
Volke eine bedeutungsvolle Zahl (Grimm Myth. 392 , Rechtsalter-
thümer 215, Simrock Myth. 1. Ausg. 392); in dem Zuge, daß sich
Eva ihrer vielen Kinder schämt , stimmt das Märchen mit Agricola
und Widmann , während bei Melanchthon und Hans Sachs Eva nur
ihre ungewaschenen und hässlichen Kinder verbirgt , um sich ihres
Schmutzes und ihrer Missgestalt wegen nicht vor Gott schämen zu
mäßen; und den Zug, daß Gott in seiner Allwissenheit auch von dem
Verbergen der Kinder Kunde hat und die verborgenen vorzuführen
befiehlt , hat das Märchen nur mit Melanchthon gemein , während in
allen übrigen Eva aus freiem Entschlüsse auf Gottes Güte bauend
ihre verborgenen Kinder vorführt. Von einer Unterscheidung der
Kinder in hässliche und schöno, welche Agricola, Melanchthon, Hans
A. MUSSAFIA, ZUR WIENER MEERFAIIRT. 431
Sachs im Spiele und im Sehwanke and Widmann kennen , oder in
fromme und boshafte, welche Hans Sachs in der Komödie hat, weiß
das Märchen nichts.
So ist es, zwar mancher schönen Einzelheit beraubt, dennoch ein
nicht uninteressantes Denkmal des steten Fortlebens dieser sinnigen
Dichtung im Munde des Volkes.
GRÄTZ iu Steiermark, im März 18G5. FRANZ ILWOF.
ZUR WIENER MEERFAHRT.
Ist schon auf folgendes hiehergehöriges Büchlein hingewiesen
worden? Aloysii Passerini Brixiani jureconsulli historia lepida de quibus-
dam ebriis mercatoribus latine scripta cum prcefaczuncula quadam etc.
Am Schlüsse: Lepidissimam hanc historiam Presbyter Baptista Farfengus
Brixianus artis impressoriw solertissimus artifex quam emendatissime fa-
ciundarn curavit Brixice Mccccxcv. die xx. februarii. Denis (Supplement
zu Maittaire, S. 395) beschrieb ein Exemplar der Wiener Hofbiblio-
thek; Audifiredi, Panzer, Hain wiederholten seine Notiz. Gamba (Nov.
ital. 1835, S. 138) weist ein Exemplar in der Trivulziana zu Mailand,
und eines in der Marciana zu Venedig nach. In Lebers Catalog (1839)
wird das Büchlein mit der Bemerkung verzeichnet: impress. vel script.
Eomce 1493. Dies ist nun das Datum der Vorrede, und Leber mag
das Colophon übersehen haben. Daß er als den Titel A. /'■ historia
lepidissima statt lepida angibt, wird wohl ebenfalls nur ein Versehen
sein; er spricht aber auch von einem „frontispice, grave sur bois,
des plus singuliers", welches sich weder im Wiener Exemplare, noch
in den zwei bei Gamba citierten findet. Trotzdem ist das Vorhanden-
sein mehr als einer Ausgabe höchst zweifelhaft.
Brunet und Passano *) wiederholen Gamba mit einem Hinweise
auf Leber. Lechi (tipografia bresciana, 1854, S. 54) fügt zu den zwei
Exemplaren italienischer Bibliotheken ein drittes „fra' nostri libri"
(Privateigenthum oder in der Quiriniana zu Brescia?) , ebenfalls ohne
Holzschnitt.
*) I novellier! italiani in prosa indicati e descritti da Giambattista Passano. Mi-
lano, Schiepatti. 1864. 8. 447 S.
432 R- BECHSTEIN, CASPAR LEWENHAGEN.
Eine Ejmilio] T,[eza] unterzeichnete Notiz in der Rivista italiana
vom 20. März 1865 erinnert wieder an das verschollene Büchlein,
ohne jedoch auf das deutsche Gedicht hinzuweisen. Es enthält im
Ganzen bloß drei Blätter, wovon eines auf die Vorrede, zwei auf die
eigentliche Erzählung kommen.
Passerini lehnt sich seiner eigenen Aussage nach an Athen aus,
den ei nur rhetorisch erweitert. Vielleicht könnte ein Wiederabdruck
der sechs Seiten manchen Bibliophilen freuen.
A. MUSSAFIA.
CASPAR LEWENHAGEN 1443.
Für das Studium der ältesten Mundarten ist es immer wichtig,
die Abfassungszeit der Handschriften ganz genau oder mindestens an-
näherungsweise zu kennen. Die von Caspar Lewenhagen herrührende
Handschrift von Heinrich und Kunegunde, welche aus dem thüringi-
schen Mühlhausen stammt, habe ich nach dem Ductus dem fünfzehnten
Jahrhundert zugewiesen und zwar der ersten Hälfte. Diese Zeitbestim-
mung ist wohl im Großen und Ganzen richtig, ich hätte die Hs. aber
ungefähr in die der Mitte des Jahrhunderts zu liegende Periode gesetzt,
und die allererste Zeit desselben ausgeschlossen, wenn mir eine Notiz
nicht entgangen wäre, welche ich hier nachtragen will.
In dein beschreibenden Verzeichnisse aller Mühlhäuser Hand-
schriften im zweiten Hefte von Friedrich Stephans neuen Stoffliefe-
rungen (Mühlh. 1847) wird unter Nr. 21 (S. 127) eine lateinische
und deutsche Sammclhandschrift angeführt, in deren erster Abtheilung
de spirilu gwidonis es am Schluße heißt: Anno domini MCCCCXLHI
per yie Caspar leioenhägen bonum socium. Für die Benutzung der Les-
arten und der Capitelüherschriften in Heinrich und Kunegunde bietet
dies schon einen bessern Anhaltspunkt als jene nilgemeine Zeitbestim-
mung der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.
JENA. R. BECHSTEIN.
433
FIÖLSVINNSMAL.
Die dunkeln Reden von Fiölswidr in der älteren Edda sind, so
viel mir bekannt, noch nie so angefasst worden, daß die versuchte
Deutung des Ganzen einen übereinstimmenden Sinn für die einzelnen
Theile abgegeben hätte.
Finn Magnusen (Myth. Lex. Havnias 1828, S. 73), der seine An-
sicht über dieses Lied zuerst in der Schwedischen Litteratur-Zeitung
von 1820 in Nr. 26 ausgesprochen hat, ist der Ansicht, Menglada oder
Menglöd sei die Erde, von Fiölswidr (dem winterlichen Bergsturm)
so lange bewacht, bis ihr Freier, der zuerst als Windkaldr (Windkalt)
auftritt, sich ihr als Svipdagr (Tag- Verlängere]-, -Beschleuniger).
Solbiarts (des Sonnenglänzenden) Sohn nähert, und durch seine Ver-
einigung mit der Geliebten das Wiederaufleben der Erde erzeuge,
das er auch mit anderen Naturerscheinungen und altnordischen heid-
nischen Gebräuchen in Verbindung zu bringen sucht.
Ernst Meier (Deutsche Volksmärchen, Stuttg. 1852, S. 302)
nimmt als wahrscheinlich an, daß in Fiölsvinnsmäl und in Skirnisför
ein und dasselbe Thema behandelt sei. F. Panzer (Beiträge zur deut-
schen Myth., München 1855, II, 434) hebt nur die Strophen 34—40
hervor, in welchen er mit Recht einen Anklang an die Teufelskanzeln
erkennt. P. Cassel (Eddische Studien. Fiölsvinnsmäl, Weimar 1856,
S. 27) meint, was dem Volke die Sagen und Märchen bedeuten sollten,
was es in Dornröschen und dergleichen zu verstehen glaubte, was
in den manigfachen Erzählungen vom Glasbeige als Lehre und Ideal
vorhanden sei, das sei in der Verschiedenheit seiner nordischen Natur
und Einkleidung der Gedanke von Fiölsvinnsmäl. „Freilich in einer
Größe und Sittlichkeit, daß es uns Freude und Staunen abnöthigt,
daß wir gern vermuthen möchten , es sei schon christliches Wesen
darüber hingeflogen." Und Seite 41 sagt er weiter: „Oben (auf dem
Berge) ist der Himmel , die Wohnung und das Haus der Wonne.
Menglöd die herrliche und reine Jungfrau , das Symbol alles edlen
Zieles, nach dem die Völker streben. Ihre Liebe, der köstliche Balsam,
der alle Wunden heilt. Denn auf Hyjaherg ist es wie im Himmel.
W'er hinauf kommt, hat aufgehört zu leiden." Von dieser Höhe be-
GERMAKIA X. 28
434 TTTEOPHIL RÜPP
trachtet der gelehrte Verfasser das rein heidnische Lied , ohne sich
auf die Deutung des darin wirklich Gesagten näher einzulassen und
ist darum, nach meinem Dafürhalten, in seinen sonst sehr interessanten
Mittheilungen, dem wirklichen Inhalt und Sinne der Fiölsvinnsmäl
ziemlich fern geblieben.
H. Lüning (die Edda, Urschrift u. s. w., Zürich 1859) beabsichtigt
nur, Streiflichter in das Dunkel zu werfen, auf die wir zum Theil bei
den betreffenden Strophen zurückkommen. Auch ihm scheint die Unter-
welt vorzuschweben, denn Seite 506 sagt er in seinen Anmerkungen
zu dem Text von Munch : „Die Burg gehört zum Gebiet der Riesen,
so gut wie die, welche Gerda, die Tochter Gymirs, bewohnt," und
S. 513, Anm. 40 bemerkt er weiter: „Das deutet doch darauf hin, daß
der Mythus, aus dem unser Lied hervorgegangen ist, ursprünglich ein
Natur-Mythus gewesen ist, der ähnlich wie Skirnisför, das im Frühling
und Sommer sich entwickelnde Erdenleben zum Gegenstand gehabt hat."
W. Schwartz (Urspr. der Myth. , Berlin 1860) erklärt Menglada, die
Heldin des Liedes, für eine Wolkengöttin, Windkaldr als den Sturm-
gott des Frühlings, der im Gewitter sich der Wolkengöttin naht, und
meint, es liege darin dieselbe Vorstellung der Vereinigung der himm-
lischen Wesen, wie wir sie, in grobsinnlicher Weise, in der Verfol-
gung der Athene durch Hephaestos kennen. Die Sichel , die zwischen
den Schwingen Widofnirs sitzt, wäre nach Schwartz der Regenbogen,
die Ruthe Sinmara's die Blitzesruthe, welche die Gewitterhexe auf-
bewahrt. Die Waberlohe ist der Wolkenwall und zugleich das fesselnde
Gitter , hinter welchen die Jungfrau sitzt. Der goldene Hahn wäre
nach demselben „das, das Gewitter beherrschende und vor dem son-
stigen Schaden des Unwetters schützende Thier". In seiner Schrift :
Sonne, Mond und Sterne, Berlin 1864, hält er diesen Standpunkt fest
und erwähnt Sonne und Mond mit gleicher Frühjahrswerbung und
Hochzeit, wie Menglöd, Brunhild u. a., ohne die erstere identisch mit
der Sonne zu denken. Grimm (D. M. 1 102), der nur die Strophen 37—39
deutet, hält Menglöd (monili heta, die Schmuckfrohe) für Freyja, aut
Brisinga-men anspielend, was auch Simrock vielleicht veranlasst hat,
in Fiölsvinnsmäl dasselbe Thema wie in Skirnisför behandelt zu glauben,
nämlich die Befreiung der Erdgöttin Gerda, hier aber Freyja (Menglöd),
aus der Haft des Frostriesen. Simrock gibt indessen zu, daß nur von
einem Riesensitz, nirgends aber von einem Frostriesen , die Rede sei
und nur der Name des Freiers Windkaldr, die angeführten kalten Wege,
die Waberlohe, das Gitter, die Hunde auf gleiche Weise wie in Skir-
nisför, die Unterwelt kennzeichnen. Doch findet er, daß die Strophen
FIÖLSVINNSMAL. 435
31 — 36 zu der Unterwelt nicht passen, vielmehr an die Sonne denken
lassen; hält aber die Auffassung, als ob es sich auch hier von einer
Erlösung der Göttin der Fruchtbarkeit von dem Winter oder Frost-
riesen handeln würde, fest.
Die Annahme, daß Menglöd die Sonne bedeute, scheint mir den
Schlüssel zu dem ganzen Räthselgewebe zu bieten und die Strophen
36 — 40, welche allein bildlos den Gedanken des Dichters als Glaube
oder Tradition wiedergeben, sind die sichersten Anhaltspunkte, um
aus dem Gewitterhimmel und der Unterwelt heraus, zu einer mit den
einzelnen Theilen der Reden übereinstimmenden Lösung zu kommen.
Nach meiner Anschauung ist in Fiölsvinnsmfd der unter vielen
Völkern des Alterthums und bei den Deutschen insbesondere (Schön-
werth, Sagen aus der Oberpfalz II, 57) viel verbreitete Mythus von
einem bräutlichen oder ehelichen Verhältniss zwischen Sonne und Mond,
und die hierauf bezügliche Heimsuchung der Sonne durch den Mond,
in absichtlich dunkeln Bildern und Sprache wiedergegeben.
Schon Caesar erwähnt Sonne und Mond als Gottheiten , welche
die Germanen neben Vulkan verehrten. In der älteren Edda (Völuspa 5)
heißt es: „Die Sonne von Süden, des Monds Gesellin"; in der jün-
geren (Gylfaginning 36) wird Sol unter den A sinnen und als Schwester
des Mani (Mond) aufgeführt. Im Merseburger Lied erscheint die gött-
liche Sunna ohne ihren Bruder oder Gemahl , mit einer Schwester
Sindgund (Begleiterin).
Olaus Magnus führt ebenfalls an, daß Sonne und Mond göttlich
verehrt wurden u. s. w. , so daß Grimm (D. M. 667) sagen konnte;
„Für das hohe Alterthum darf das göttliche Wesen der Gestirne zu-
mal der Sonne und des Mondes keinem Zweifel unterliegen". Das Volk
pflegte bis auf spätere Zeiten Frau Sonne und Herr Mond, besonders
aber im Neumond, der Mond der holde Herr (Grimm, I). M. 672 und
676) zu sagen und sich vor Beiden zu verneigen (Grimm, D. M. 28—29).
Daß verschiedene Götter auf Bergen thronend gedacht wurden, beweisen
die Wuotans- (Guten-j Berge, die Donnersberge, die Sonnenberge,
Osterberge u. s. w.
So ist auch der Sitz der Menglöd ein Berg (Str. 36) Hyfjaberg
genannt, „Heilung und Trost lange schon der Lahmen und Siechen".
Denken wir uns die Menglöd im Glauben der Germanen als Sunna
und die heilkundigen Mädchen (Str. 37 u. s. w.) vor ihren Knieen
sitzend, so haben wir eine nahe liegende Erklärung manch räthselhafter
Stelle unseres Liedes und die unzweifelhaft ursprüngliche Bedeutung
28*
436 THEOPHIL RÜPP
der Sonnenbeige, Sonnenfelsen und vielleicht anch vieler Wallfahrts-
orte , die in deutschen Ländern heute noch besucht werden. „Solche
Pleilfelsen stimmen vortrefflich," sagt Grimm (M. 1102), Strophe 36
von Fiölsvinnsmäl anführend, „zu dem Begriff", den man sich von den
klugen Frauen der Vorzeit zu bilden hat. Alle Weissagerinnen, Parzen
und Musen wurden auf Bergen hausend gedacht".
Wenn daher Str. 1 der oben genannten Reden von einem Riesen-
sitzersteigen, vom Umwandeln einer Waberlohe Erwähnung geschieht,
lässt sich das riesige durch die Großartigkeit des Berges , durch die
Höhe desselben, namentlich aber durch seine felsige Spitzen deuten,
da ja die Felsen aus dem Gebein des Riesen Ymir entstanden ge-
dacht wurden. Die Waberlohe ließe sich durch das glühende oder
brennende Element, welches die Sonne umgebend angenommen werden
mußte (vgl. Lüning Edda Anm. 2), erklären, wiewohl, ohne wegen
der Waberlohe in die Unterwelt steigen zu mäßen, wir nach Grimm
(Über das Verbrennen der Leichen) auch in dem dornigen Gestrüpp
eine solche finden könnten. Der Fremdling , der sich später als Ge-
liebter herausstellt, konnte als Mond in Str. 2 wohl auf feuchten
Wegen wandelnd und Freundloser gescholten werden; denn einsam
wandelt er die Nacht hindurch, und wie wir unten sehen werden,
wurde sein Besuch im Winter geschehend gedacht. Str. 3 und 4 sind
nur einleitendes Zweigespräch zwischen dem Fremdling und dem
Wächter, der sich jetzt Fiölswidr, also Odhin mit seinem Beinamen
Vielwisser nennt. Str. 5 erklärt der Fremdling :
Von Augenweide wendet sich ungern
Wer Liebes sieht und Süßes,
und erkennt die glühende Gürtung, auf die er Str. 11 zurückkommt,
wo er Frieden finden möchte. Str. 6 nennt der Fremdling, von Fiölswidr
aufgefordert, seinen Stamm und Namen. Windkaldr (Windkalt) heiß ich,
Warkaldr (Frühlingskalt) hieß mein Vater, Fiölskaldr (Vielkalt) der
Großvater.
Kalt erscheint der Mond auch in der oben angeführten Sage als
Ehemann, weswegen die Frau Sonne ihn allein ziehen lässt und, seiner
Kälte wegen . ist er der Strafort für den Rebendieb. Er konnte auch
wegen der erwähnten kalten Zeit seiner Brautfahrt durch den Wind
erkaltet gedacht werden. Es ist dies übrigens eine in der Edda auch
sonst gebräuchliche Form. Hyndlulied 36 heißt es:
Dem Sohne mehrte die Erde die Macht
Windkalte See und sühnendes Blut.
FIOLSVINNSMAL. 437
Die Namen des Vaters und Großvaters sind wohl nur angeführt, um
den Wanderer als kalter Natur von Haus aus zu kennzeichnen. Str. 7
fragt er:
Wer schaltet hier das Reich besitzend
Mit Gut und milder Gabe?
worauf Str. 8 Fiölswidr antwortet:
Menglada heißt sie, die Mutter zeugte sie
Mit Swafr, Thorins Sohne.
Die schaltet hier das Reich besitzend
Mit Gut und milder Gabe.
Wenn Menglada oder Menglöd nach Grimm die Schmuckfrohe be-
deutet, so kann dies auch von der Frigg, die den gleichen Halsschmuck
und ein besonderes Schmuckmädchen Fulla hat (vgl. Cassel 32) , aber
auch von der Sonne gesagt werden. Martianus Capella lässt, wie ich
auch anderwärts angeführt, die Sonne in de nuptiis Mercurii et J lulo-
logiae in einer Krone, mit zwölf flammenstrahlenden Steinen geschmückt
erscheinen. Man sagt noch heute: die Sonne schmückt sich, wenn sie
allmälich aus dem Nebel heraustritt, die Sonne mit ihrem goldenen
Schein u. s. w. Ist aber Brisinga-men, wie Unland meint (Thor 100),
der Morgen- und Abendstern , so wäre er ohnehin der Schmuck der
auf- und niedergehenden Sonne. Swafr wird vibraus übersetzt und
scheint mit Odhins Namen Swafnir im Zusammenhang zu stehen.
Odhin wäre also hier der Vater der Sonne unter dem Namen des
Schwingenden, wie in der jüngeren Edda Mundilföri, der Achsen-
schwinger, als Vater des Monds und der Sonne angegeben wird, was
sich somit gut mit meiner ^.uflassung verträgt, während wieder bei
dem Gedanken an eine zu erlösende Göttin in der Unterwelt das vibrans
nicht anzubringen ist. Auch Thorin (audax) steht als Beiname von
Odhins Vater, diesen als Kriegsgott gedacht, und auch mit Bör oder
Bur (portatore, su&tentatore), wie Odhins Vater gewöhnlich genannt wird,
nicht im Widerspruch. Nach Finn Magnusen (Myth. Lex. 696) ist
Thorin in Thor (audacia, ausus) zu suchen. Vielleicht haben die in der
Textausgabe von Munch zusammengezogenen Namen Swafrtborin die
Bedeutung, daß Swafrs Thor, also Odhins Sohn Thor, als Vater der
Menglada gemeint ist, wozu er als Personification des Feuers passen
würde. Die letzte Hälfte der Strophe ist mit einer Gefangenen auch
nicht vereinbar, während Menglada als Sonne, das Reich beherrschend
und mit Gut und milder Gabe schaltend, gedacht werden konnte.
438 THEOPHIL ftUPP
Str. 9 fragt Windkaldf, wie das Gitter heiße, und Fiölswidr
antwortet ihm Str. 10:
Thrymgialla heißt es, das haben drei
Söhne Solblindis gemacht.
Die Fessel fasst jeden Fahrenden,
Der es hinweg will haben.
Thrym ist Thnrsenfürst, Gebieter der tosenden Winterstürme (Unland
Thor 101). Gialla ist Schall, das Tönen, Tosen, Krachen u. s. w. Da
der Besuch, wie wir nachher sehen werden, zur Zeit der Wintersonnen-
wende geschieht, so ist hier unter dem Gitter alles das gedacht, was
in dieser Jahreszeit dem Wanderer hindernd entgegen treten kann,
und zu einem Bilde zusammen geflochten. Das krachende Eis, der
tobende Wind, der Schnee, der die Bergkuppe bedeckt, den Fahrenden
ermüdet und fasst. Die drei Söhne Solblindis (Sonnenblinder, nämlich
die Schneewolke) : Schnee, Wind und Eis haben es gemacht.
Str. 11 fragt Windkaldr, wie die Gürtung heiße; Fiölswidr ant-
wortet in Str. 12:
Gastropnir heißt sie, ich habe sie selber
Aus des Lehmriesen Glieder erbaut,
Und so stark gemacht, daß sie stehen wird
So lange die Welt währt.
Simrock meint (Edda 3. Aufl. Erläut. 439), der Lehmriese, dessen
Glieder die Gürtung bilden, heiße nach der jüngeren Edda (59) Mö-
knrkalfi und bedeute den Erdgrund selbst, was der Annahme, daß
Menglada- sich in der Unterwelt befinde, zusagend sei. Aber Grimnis-
mal Str. 40 heißt es:
Aus Ymirs Fleisch ward die *Erde geschaffen,
Aus dem Schweiße die See,
Aus dem Gebein die Berge.
Und da hervorgehoben ist, daß die Gürtung aus den Gliedern, also
wohl zum Theil aus der härteren Masse des Riesenkörpers gemacht
worden sei, dürfte kein Zweifel obwalten, daß hier der Ilauptbestand-
theil der Berge, die Felsen, und mit der Gürtung selbst die felsige
Bergkuppe gemeint wurde. Der Name der Gürtung, Gastropnir
(hospites conclamans), lässt sich, wie auch Simrock zugibt, weder mit
einem Gefängniss in der Unterwelt, noch mit einer Veste vereinigen,
welche Eindringlinge abhalten soll. Wenn aber die felsige Bergkuppe
als Sitz der Sonne, und eben deswegen glühend gedacht wurde, wo,
FIÖLSVINNSMÄL. 439
wie in Str. 40 u. (g. augeführt ist, die Kranken Heilung finden , so
ladet die Gürtung zu Besuche ein.
13. Windkaldr. Wie heißen die Hunde, die Ungeheuer
Scheuchen und die Felder schützen?
14. Fiölswidr. Gifr heißt einer und Geri der andere,
Weil du's zu wissen wünschest.
Eilf Wachten müßen sie wachen
Bis die Götter vergehen.
Gifr (frech) ist dem Sinne des Wortes nach Freki. Freki und Geri
heißen Odbins Wölfe. Sie sollen die Ungeheuer scheuchen und die
Felder schützen. Bekanntlich ist die Sonne von dem W'olf Sköll und
der Mond von dem Hate genannt, auf ihren Bahnen verfolgt. Hier auf
dem Berge, wo ein Zusammentreffen Beider und ein Verweilen gedacht
wurde, mußte Odhin eine Gegenwehr schaffen, was durch seine eigenen
Hunde (Wölfe) Freki und Geri geschah. Die Hunde hatten eilf Wachten
zu wachen, bis die Götter vergehen. Die Zahl eilf erinnert an die
eilf Äpfel der Idun, welche die Götter verjüngen. Sie altern, während
Idun mit ihren Äpfeln in der Gewalt des Riesen Thiassi ist. Der end-
liche Untergang der Götter, trotz dieser Verjüngungsäpfel, führt auf
den Gedanken , daß die Wirkung jedes einzelnen Apfels auf eine ge-
wisse Zeit beschränkt gedacht wurde, und so konnte ihre Anzahl wie
die eilf Wachten, den Zeitraum bis zur Götterdämmerung, in eilf Ab-
schnitte getheilt, oder, wie Cassel (Fiölsvinnsmäl 37) und Lüning
(Edda 508, Anm. 13) meinen, immer bedeuten; wenigstens scheint
das „bis die Götter vergehen" in diesem Sinne verstanden worden zu
sein (vgl. Sigrdrifumal 19).
15. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will
Und zu wissen wünsche:
Ob einer der Menschen eingehen möge
Die weil die wüthigen schlafen.
16. Fiölswidr. Abwechselnd zu schlafen, war ihnen auferlegt,
Seit sie hier Wächter wurden :
Einer schläft Tags, der andere Nachts,
Und so mag Niemand hinein.
17. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr u. s. w.
Gibt es keine Kost, sie kirre zu machen
Und einzugehen, weil sie essen?
440 THEOPHIL RUPP
18. Fiölswidr. Zwei Flügel siehst du an Widofnirs Seiten,
Weil du's zu wissen wünschest.
Das ist die Kost, sie kirre zu machen
Und einzugehen, weil sie essen.
19. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr u s. w.
Wie heißt der Baum, der die Zweige breitet
Über alle Lande?
20. Fiölswidr. Mimameidr heißt er, Menschen wissen selten
Ans welcher Wurzel er wächst.
Niemand erfährt auch wie er zu fällen ist,
Da Schwert noch Feuer ihm schadet.
21. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr u. s. w.
Welchen Nutzen bringt der weltkunde Baum,
Da Feuer noch Schwert ihm schadet?
22. Fiölswidr. Mit seinen Früchten soll man feuern,
Wenn Weiber nicht wollen gebären.
Aus ihnen geht dann, was innen bliebe:
So mag er Menschen frommen.
Str. 15 (siehe Schluß), 16, 17 sind bloß einleitenden Inhalts und
selbstverständlich. Auf Str. 18 komme ich bei Str. 30 zurück. Str. 19,
20, 21 und 22 sprechen von dem Baum Mimameidr, der seine Zweige
über alle Lande ausbreitet, dessen Wurzel unbekannt, dem weder
Schwert noch Feuer schadet und mit dessen Früchten man feuert,
wenn Weiber nicht gebären wollen. Der Baum ist nach meiner Auf-
fassung nicht die Weltesche, wie gewöhnlich angenommen wird, son-
dern die Sonne selbst. Die Zweige, die sich in alle Lande ausbreiten,
sind ihre Strahlen. Die Früchte des Baumes wären sodann die bele-
benden Kräfte, welche die Wärme der Sonne entwickelt. Weiber, die
nicht gebären wollen und aus denen heraus kommt, was in ihnen ohne
die belebende Wärme bleiben würde, sind überhaupt alle Thiere und
Pflanzen , welche in dieser Beziehung unter dem Einfluß der Sonnen-
wärme stehen. Der Name des Baumes ist dieser Auffassung nicht ent-
gegen, wenn er auch als Baum des Mimir, als Weisheitsbaum ange-
nommen wird (vgl. Lüning, Edda 508 Anm. 20); denn zur Sonne
geht man, in der Sage, wenn man etwas wissen will, das Niemand
weili; die Sonne wird gefragt, wo das Verlorne zu finden sei, denn
ihre Augen sehen überall hin.
23. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr u. s. w.
Wie heißt der Hahn auf dem hohen Baum,
I >i •!• ganz von Golde glänzt?
FIÖLSVINNSMÄL. 44]
24. Fiolswidr. Widofnir heißt er, der im Winde leuchtet
Auf Mimameidis Zweigen.
Beschwerden schafft er, und schwerlich raubt
Dem Schwarzen wer die Speise *).
25. Windkaldr. Sage mir, Fiolswidr u. s. w.
Ist keine Waffe, die Widofnir möchte
Zu Hels Behausung senden?
26. Fiolswidr. Haevatein heißt der Zweig, Loptr hat ihn gebrochen
Vor dem Todtenthor.
In eisernem Schrein birgt ihn Sinmara
Unter neun schweren Schlössern.
27. Windkaldr. Sage mir, Fiolswidr u. s. w.
Mag lebend kehren, der nach ihm verlangt
Und will die Ruthe rauben?
28. Fiolswidr. Lebend mag kehren, der nach ihm verlangt
Und will die Ruthe rauben,
Wenn das er schenkt, was Wenige besitzen,
Der Dise des leuchtenden Lehms.
29. Windkaldr. Sage mir, Fiolswidr u. s. w.
Gibt's einen Hort, den man haben mag,
Der die fahle Vettel freut?
30. Fiolswidr. Die blinkende Sichel birg im Gewand,
Die in Widofnirs Schwingen sitzt,
Gib sie Sinmaran, so wird sie gerne
Die blutige Ruthe dir borgen.
Der Hahn Widofnir (Windolhir, Windweber), der ganz vom
Golde glänzt und im Winde leuchtet, sitzt auf Mimameidis Zweigen,
wie der hochrothe Hahn Fialar auf der Esche Yggdrasil. Mit seinen
zwei Flügeln sind die Hunde Gifr und Geri kirre zu machen. Mit dem
Zweig oder der Ruthe Häwatein (dem treffenden Zweig), den Loptr
(Loki) vor dem Todtenthor gebrochen, ist der Hahn zu tödten; die
Ruthe aber wird von Sinmara in eisernem Schrein, unter neun Schlös-
sern verwahrt gehalten und nur gegen die blinkende Sichel, die in
Widofnirs Schwingen sitzt, augeborgt. Der Mahn Wi'&öfhir ist die
•■') Cassel, Fiölsvinusmäl 146 übersetzt:
Daß niemals raube
Schwarzer Sinn die Speise,
442 THEOPHIL RUPP
personifizierte Morgendämmerung, und sein Ruf gibt die Töne wieder,
welche die aufgehende Sonne von sich hören lassen soll *) (Grimm
D. M. 703, 707). Die dem Aufgang der Sonne vorangehende Helligkeit
sind Widofnirs Flügel, welche die Wölfe kirre macht, weil das Helle
des herannahenden Tages sie als Wächter beruhigt. Die dem Neumond
sich nähernde Mondsichel, welche in den ausgebreiteten Flügeln (der
Morgenhelle) sitzt, soll Windkaldr, also der Mond selbst, im Gewand
(Nebel) verbergen und der Zauberin Sinmara gegen die blutige Ruthe,
nämlich gegen die ersten rothen Strahlen der Sonne geben, um
den Hahn (die Morgendämmerung) damit zu Hei zu senden oder
verschwinden zu machen, was in diesem Stadium der Mondsverände-
rung , durch den nahen Übergang der Mondsichel in den Neumond
und durch die Tageshelle, wirklich geschieht. Widofnir kann Wind-
weber genannt werden , weil in der Zeit des Übergangs des letzten
Viertels in den Neumond, in welcher das Ereigniss statthaben soll,
gewöhnlich Winde sich erheben; auch ist der Hahn als Bild der
Morgendämmerung, der auf den Zweigen Mimameidis sitzt, goldglän-
zend anzunehmen, während er doch der Schwarze heißen kann, inso-
fern er aus der Nacht hervorzutreten scheint, der Sonne vorangeht
und durch sein Beginnen des Tages Beschwerden schafft, oder wie
man zu sagen pflegt: des Tages Last und Hitze mit sich bringt.
Die ganze Erscheinung geschieht wie durch Zauberschlag. Dem
nordischen Dichter lag es darum nahe, das Geheimnissvolle und Wun-
derbare in dem Liede durch die bei den Äsen hochgehaltene Kunst
der Zauberei zu steigern, indem er die Sinmara einführt, die sich schon
durch die blutige Ruthe, die eiserne Kiste mit neun Schlössern als
Hexe oder Zauberin, als Dise des leuchtenden Lehms kennzeichnet.
Auch die alte Urschel versprach ihrem Erlöser eine Ruthe, mit der
er den feurigen Pudel von dem mit Gold gefüllten Troge treiben soll.
(Meier, E. Sagen I, 6.) Zauberruthen sind in der Edda (Skirnisför)
gewöhnliche Mittel, um Außerordentliches zu erreichen. Loptr (Loki)
hat den Zweig gebrochen vor dem Todtenthor. Hinter dem Todtenthor
scheint nach Skirnisför Str. 35 und Oegisdrecka Str. 63 nur Unreines,
nur Schlechtes oder Böses zu sein. Wie wir später bei Str. 34 sehen
werden, tritt Loki als Gott der Nacht dem Gott des Tages Dellingr
gegenüber auf. Vor dem Todtenthor scheint darum die Grenzscheide
*) Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Göthe, Faust II. Tbl, I. Act,
FIÖLSVINNSM \|.. 443
des Lichtreiches, hinter dem Todtenthor die des Nacht- oder Todten-
reiches zu sein, und insofern konnten die ersten rothen Strahlen der
Sonne als Ruthe, von Loptr vor dem Todtenthor gebrochen, gedacht
werden.
31. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr u. s. w.
Wie heißt der Saal, der umschlungen ist
Weise mit WT aberlohe?
32. Fiölswidr. Glut wird er genannt, der weifend sich dreht
Wie auf des Schwertes Spitze.
Von dem seligen Hause soll man immerdar
Nur den Schall vernehmen.
Die Strophen 31 — 36 sind auch für Simrock (Edda 3. Aufl. Erläute-
rungen 440) in dem Sinne einer Erlösung der Göttin der Fruchtbar-
keit aus der Unterwelt unerklärlich, dagegen bedürfen sie, Menglöd
als Sonne angenommen, keines Commentars.
33. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr u. s. w.
Wer hat gebildet, was vor der Brüstung ist
Unter den Asensöhnen?
34. Fiölswidr. Uni und Iri, Bari und Ori,
Warr und Wegdrasil,
Dorri und Uri, Dellingr und Atwardr,
Lidskialfr, Loki.
Vor der Brüstung u. s. w. Wahrscheinlich ist hier alles, was außer
dem Sitz der Sunna, also die ganze übrige Welt verstanden, weil
unter den hier angeführten Göttern auch Dellingr, der Vater des Tages^
und Loki der des Bösen, vielleicht als Gott der Nacht im Gegensatz
zu Dellingr, erscheinen, welche Beide unter den bekannten Äsen ge-
nannt werden.
35. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr u. s. w.
Wie heißt der Berg, wo ich die Braut,
Die wunderschöne, schaue?
36. Fiölswidr. Ilyfjaberg heißt er, Heilung und Trost
Nun lange der Lahmen und Siechen.
Gesund ward jede, wie verjährt war das (JJbel,
Die den steilen erstieg.
37. Windkaldr. Sage mir, Fiölswidr u. s. w.
Wie heißen die Mädchen, die vor Mengladas Knieen
Einträchtig beisammen sitzen?
444 THEOPHIL RUPP
38. Fiolswidr . Hlif heißt Eine, die Andere Hlifthursa,
Die Dritte Dietwarta,
Biört und Blid, Blidur und Frid,
Eir und Oerboda.
39. Windkaldr. Sage mir, Fiolswidr u. s. w.
Schirmen sie Alle, die ihnen opfern,
Wenn sie dess bedürfen?
40. Fiöslwidr. Jeglichen Sommer, so ihnen geschlachtet
Wird an geweihtem Orte,
Welche Krankheit überkommt die Menschenkinder,
Jeden nehmen sie aus Nöthen.
Die Strophen 35 — 40 gehören zu den gehaltvollsten, und wie am Ein-
gang gesagt wurde , zu den wichtigsten für das Verständniss des
Liedes , indem sie namentlich auf die Bedeutung der vielen Sonnen-
berge und Sonnenfelsen in Deutschland ein unzweideutiges Licht
werfen. Lüning (Edda 512, Anm. 35 J meint die Worte (nach seiner
Übertragung) „auf dem ich weilen sehe", nach Simrocks Übersetzung,
„wo ich die Braut die wunderschöne schaue", bedeute weiter nichts
als „auf welchem weilt". Für Menglöd, als Sonne angenommen, er-
fordert dieser Ausspruch keine Abänderung, er ist im Gegentheil für
diese Auflassung bezeichnend. Hyfjaberg deutet Cassel (siehe oben^
nach dem angelsächsischen heofm, Himmel. Unter den angeführten
Mädchen , welche vor Mengladas Knieen sitzen , kommen Eir in der
jüngeren Edda 35 in der Zahl der Asinnen als die beste der Ärztinnen
vor. Oerboda wird 37 als Gymirs Frau angeführt. Hlif mit der Va-
riation Hlifthursa heißen die schützenden, schonenden, Dietwarta
Volks Wärterin, Blid und Blidur ist variirt die Sanfte.
41. Windkaldr. Sage mir, Fiolswidr u. s. w.
Mag ein Mann wohl in Mengladas
Sanften Armen schlafen?
42. Fiolswidr. Kein Mann mag in Mengladas
Sanften Armen schlafen,
Swipdagr allein : die Sonnenglänzende
Ist ihm verlobt seit langem.
43. Windkaldr. Auf reiß die Thüre, schaff weiten Raum,
Hier magst du Swipdagr schauen;
Doch frage zuvor, ob noch erfreut
Mengladen meine Minne.
-Sinirork iKuut Swi|.ci;ii;r Iicsrhlt-unigor d(\s Tages von at »vipa-, und
FIÖLSVINNSMAL. 445
meint, als solcher sei er das Frühjahr, wo die Tage früher anbrechen.
Er glaubt in ihm Freyr zu erkennen , der die Gerda oder Freyja aus
des Winters Gefangenschaft führt. Nach Finn Magnusen Myth. Lex. 471
würde Swipdagr das Gegentheil bedeuten. Er citiert hier (vgl. oben
S. 433) das altd. su'ep ner bei Graff Diutiska I, das er gleichbedeutend
mit Suepdag und Svipdagr, suüp oder svip in der Bedeutung des lat.
verlere (wenden, entfernen) auffasst. Wackernagel führt in seinem
Wörterbuch swep, suUp als vanum, gurges ausdrückend an, was alles
mit dem im Englischen nachklingenden to sweep (kehren, entfernen,
beseitigen) als zusammen gehörig betrachtet werden dürfte. Swipdagr
wäre demnach Verwandter oder Verjager des Tages. Er (als Mond)
schien durch sein Auftreten am Abend den Tag zu entfernen, wie man
sich umgekehrt den Tag von der Nacht geboren dachte.
Str. 44, 45, 46 und 47 geben die Anmeldung des nunmehr als
Swipdagr aufgetretenen Windkaldr bei Menglada, ihre Drohung gegen
Fiölswidr, wenn er löge, und den Empfang Swipdagrs, der sich Sol-
biarts (des Sonnenglänzenden) Sohn nennt und auf windkalten Wegen
hergekommen zu sein angibt.
48. Menglada. Willkommen seist du, mein Wunsch erfüllt sich,
Den Gruß begleite der Kuß.
Unversehenes Schauen beseligt doppelt.
Wo rechte Liebe verlangt.
49. — Lange saß ich auf liebem Berge
Nach dir schauend Tag um Tag;
Nun geschieht was ich hoffte, da hier du bist,
Süßer Freund, in meinem Saal.
50. Swipdagr. Sehnlich Verlangen hatt' ich nach deiner Liebe
Und du nach meiner Minne.
Nun ist gewiss, wir beide werden
Mit einander ewig leben.
So wäre der Freier endlich in den Besitz seiner Geliebten gekommen,
nachdem dieselbe lange auf liebem Berge gesessen und nach ihm Tag
um Tag geschauet.
Lüning (Edda 508, Anm. 15 und 513, 41) meint, Windkaldr
wolle Str. 15 wissen, wie ein Unberufener eingehen könne, und Str. 41,
ob es denn überhaupt Jemand gebe, der hinein dürfe, weil die geschil-
derten Hindernisse so gut wie unmöglich zu überwinden seien, und
Swipdagr ohne irgend eine von den ausgesprochenen Bedingungen er-
füllt zu haben, zu Menglöd gekommen sei. Dies ist ohne Zwoifol oin
446 THEOPHIL RUPP, FIÖLSVINNSMÄL.
Irrthum, denn die ganze Darstellung winde dadurch zu einer müßigen
Komödie. Windkaldr mußte im Gedanken des Dichters wissen, wer
er sei, und konnte nur für sich erforschen wollen. Wenn die aufge-
zählten Schwierigkeiten für Windkaldr oder Swipdagr überflüssig ge-
wesen wären, wie sie sich nach der Annahme Lünings herausstellen
würden, warum hat der Dichter sie hererzählt? Die Schwierigkeiten,
so wie sie gegeben sind, bilden aber gerade das Charakteristische der
Reden. Um zu sagen: es kann Niemand hinein als der Auserwählte,
wäre eine einzige unmöglich ausführbare Bedingung anzugeben genü-
gend gewesen , aber das Lied würde nicht Fiölsvinnsmäl geworden
sein. Daß Swipdagr auf einmal in Mengladas Armen erscheint, beweist
nicht, daß man sich die gegebenen Bedingungen nicht vorher erfüllt
denken kann und muß; denn der Dichter konnte in seinem Liede den
Fremdling doch nicht erst zur Hexe, dann zum Hahn u. s. w. schicken
und das Gesagte wiedersagen, um endlich zum nämlichen Schlüsse
zu kommen.
Zudem deuten die Strophen 41 , 42 , 43 schon auf ein Näher-
gekommensein hin. Swipdagr hat nichts weiter mehr zu erreichen, als
in Mengladas Arme zu kommen. Daß FiÖlswidr Str. 44 sagt: „die
Hunde freuen sich , das Haus erschloß sich selbst" , beweist nicht,
daß die Vorbedingungen nicht erfüllt wurden. WTas nach deren Er-
füllung geschah, mußte, wie wir oben gesehen, von selbst geschehen.
Nirgends auch bietet die Annahme, daß Menglada als Sonne auf dem
Berge thronend, der Freier als der Mond aufzufassen sei, ein Hinder-
niss dar, das sich nicht auch auf Rechnung der Ausschmückung setzen
ließe. Auch der Name des Vaters unseres Helden Solbiart (Sonnen-
glänzender) , reiht sich diesem Gedanken an. Die kalten Wege , der
fingierte Name Windkaldr scheinen mir die Handlung auf den Winter
hinzuweisen, und bei der hohen Bedeutung, welche die Wintersonnen-
wende bei unsern Vorfahren gehabt, endlich bei dem jetzt noch be-
stehenden Glauben an eine segensreiche Wirkung des Neumonds auf
den Schluß der Ehen, ist man wohl zu der Annahme berechtigt, daß
die in dem Liede dargestellte Vereinigung, als in der Zeit geschehen
gedacht wurde , in welcher die Mondesvereinigung (conjundio) oder
der Neumond mit der Wintersonnenwende, die als Verjüngung der
Sonne und ebenfalls vielfach glückbringend betrachtet wurde, ungefähr
zusammentreffend, angenommen werden konnte.
REUTLINGEN, im Mai 1865. THEOPHIL RUPP,
447
DIE LEGENDE VON DEN BEIDEN TREUEN
JACOBSBRÜDERN.
Es ist, so viel ich weiß, bisher noch nicht bemerkt worden, daß
die Legende von den treuen Jacobsbrüdern, welche Kunz Kistener und
nach ihm Pamphilus Gengenbach in deutschen Gedichten behandelt
haben, auch der Gegenstand französischer und italienischer Dichtungen
gewesen ist. Karl Gödeke (Pamphilus Gengenbach 630) sagt, es habe
ihm nicht gelingen wollen, die Quelle von Kistener's Gedicht aufzu-
finden, und vermuthet eine locale Klostersage, die man in bairischen
Quellen zu erwarten hätte , da das Kloster Gnadau bei Pfaffenhofen
in Baiern liegt.
Ehe ich zu den mir bekannt gewordenen französischen und ita-
lienischen Dichtungen übergehe, will ich für diejenigen Leser, denen
weder das von Karl Gödeke 1855 nur in 100 Exemplaren heraus-
gegebene Gedicht Kunz Kistener's selbst, noch der von ihm daraus im
P. Gengenbach S. 630 ff. gegebene ausführliche Auszug zur Hand ist,
den Inhalt des Gedichts in aller Kürze angeben.
In Baiern lebt ein Graf Adam mit seiner Frau zwölf Jahre in
kinderloser Ehe, bis sie sich mit Gebeten an den heiligen Jacob wenden
und endlich durch seine Fürbitte die Frau guter Hoffnung wird. Der
Herr gelobt, falls ihm ein Knabe geboren werde, denselben, wenn er
herangewachsen **), die Fahrt nach Compostella zum h. Jacob machen
zu lassen. Wirklich wird ihm ein Knabe geboren, der Jacob getauft
wird. Als der zwölf Jahr alt ist, macht er sich allein auf die Pilger-
fahrt, von seinem Vater ermahnt, unterwegs nur einen treuen Mann
zum Gelahrten zu nehmen. Er begegnet, nachdem er vier Wochen
gereist ist, einem Schwaben aus Heierloch, der ebenfalls nach Com-
postella will, und sie ziehen zusammen. Nach vier Wochen erkrankt
der Baier und bittet den Schwaben, ihn, wenn er gestorben sei, doch
nach Compostella zu führen. Der Schwabe verspricht es und der Baier
stirbt, worauf jener rasch sich einen Ledersack machen lässt und darin
den Leichnam mit sich führt. Er setzt ihm unterwegs, wenn er Mal-
zeiten hält, seine Speisen wie einem Lebenden vor und legt ihn des
*) Der Verfasser bemerkt, daß die vorstehenden Artikel mit Ausnahme von LIT,
IV und V in allem Wesentlichen ebenso wie sie hier stehen, nur ausführtfoher Bchon
im August 1804 niedergeschrieben waren.
**) v. 124 wurde er lehenbere.
448 REINHOLD KÖHLER
Nachts in ein Bett. In Compostella angelangt, trägt er den Todten
in die Kirche, und, wahrend er vor dem Altar betet, wird der Leich-
nam plötzlich wieder lebendig. Sie treten nun die Rückfahrt an, und
der Schwabe begleitet den Baiern in seine Heimat und wird dort wie
ein Heiliger verehrt. Nach einiger Zeit begibt er sich nach Schwaben
zu seinen Altern, wo er aber in Jahresfrist vom Aussatz befallen wird.
Er legt ein graues Kleid an und zieht sich in die Einsamkeit zurück.
In einem Walde findet er einen Einsiedler, der ihm sagt, er solle nach
Baiern gehen, dort werde sein Freund, der sich unterdessen vermählt
habe, ihn aufs beste empfangen; durch das Blut des ebengeborenen
Knäbleins desselben könne er von seinem Aussatz befreit werden. Der
Schwabe zieht zu seinem Freund und wird von ihm auf das freund-
schaftlichste aufgenommen. Eines Tages fragt ihn der junge Graf, ob
es kein Mittel gebe, ihn zuheilen; was es auch kosten möge, er wolle
es ihm schaffen. Da gesteht ihm der Schwabe, was ihm der Einsiedler
gesagt, setzt aber hinzu, daß er die Anwendung des Mittels nicht wolle.
Doch der Baier veranstaltet, daß er einst mit seinem Knäblein und
dem Schwaben allein im Schloß ist. Ohne Wissen des Freundes
schneidet er dem Kinde die Kehle ab und ruft den Freund, der vor
Schrecken ohnmächtig wird, und bestreicht ihn mit dem Blut, so daß
er ganz rein wird. Hierauf besteigen die Freunde ihre Pferde und
wollen für immer von dannen ziehen, doch noch einmal muß der Baier
seine Altern und seine Frau , die im Wald an einem kühlen Brunnen
ein Maifest feiern, sehen. Er reitet dahin und spiegelt ihnen einen
Grund für seine plötzliche Reise vor. Während sie so reden, bringt
die Amme den Knaben getragen, den Gott auf Fürbitte des h. Jacob
wieder lebendig gemacht hat. Der Graf fällt vor Schrecken und Freude
iii Ohnmacht und erzählt dann den Hergang, den ein rother Streifen
um den Hals des Knaben und die Heilung des Freundes bestätigen.
Gott und S. Jacob zu Lob und Ehren wird ein Kloster Gnadau erbaut.
Dies der Inhalt des deutschen Gedichtes. Ein französisches
Gedicht 'Le dit des trois pommes' aus dem 14. Jahrhundert*) erzählt
die Legende folgendermaßen: Ein reicher Mann hatte eine Wallfahrt
nach S. Jacob gelobt, wurde aber von Alter und Krankheit überrascht,
ehe er sie ausgeführt hatte. Sein noch sehr junger Sohn **) ist be-
reit, die Wallfahrt für ihn zu thun. Beim Abschied gibt ihm der
*) Le dit des trois poinmes , legende en vers du XlVe siecle , publice pour- la
premiere fois d'apres le manuscrit de la bibliotheque du roi par G.S. Trebutien. Paris 1837
**) Es heilst l'enfant, li enfoz. l'enfattsoii.
DIE LEGENDE VON DEN HEIDEN TREUEN JACOBSBRÜDERN. 440
Vater drei Apfel und sagt ihm: cWenn du unterwegs einen trift'st, der
auch nach S. Jacob will, so gib ihm, sobald er über Durst klagt, einen
Apfel. Isst er ihn allein, so schütze Krankheit vor und verlasse ihn,
denn er würde dich doch nicht lieben und dich im Unglück allein
lassen. Ebenso mache es mit dem zweiten und dritten Apfel. Theilt
einer den ihm gebotenen Apfel mit dir , bei dem bleibe ; theilt
keiner mit dir, so reise lieber allein. Auch gehe in keine andere Her-
berge als in die meinige' *) ! Der Knabe zieht aus und trifft nach ein-
ander drei Jacobspilger, von denen er jedoch die beiden ersten bald
wieder verlässt, da jeder den dargebotenen Apfel allein gegessen hat.
Nur der dritte theilt den Apfel mit ihm. Der Knabe bittet, sein Ge-
fährte sein zu dürfen, und jener verspricht ihn zu beschützen. Einst
kommen sie in eine Stadt und kehren in die Herberge des Vaters ein**).
Als aber der Gefährte des Knaben sieht, daß der Wirth alt und die
Frau jung ist, erklärt er, eingedenk des weisen Salomon, durchaus
nicht hier bleiben zu wollen und geht in eine andere Herberge, wäh-
rend der Knabe gegen den Willen seines Vaters nicht handeln will und
deshalb bleibt. Die Wirthin, welche bemerkt, daß der Knabe viel
Geld hat, lässt ihren Buhlen kommen, und der Knabe wird des Nachts
ermordet. Am Morgen will ihn sein Gefährte abholen, aber man ant-
wortet ihm, er sei schon abgereist. Als er aber erfährt, daß noch nie-
mand die Stadt verlassen habe, begibt er sich zum Richter. Die Her-
berge wird durchsucht und die Leiche des Knaben in einer Cisterne
gefunden. Ein Engel erscheint dem Gefährten und befiehlt ihm in
Gottes Namen, dem Knaben Treue zu halten. Da lässt der Gefährte
eine Bahre machen und führt den Knaben mit sich. Wenn er speist,
lässt er auch dem Knaben sein Theil bereiten und gibt es dann einem
Armen. Nachts schläft der Knabe bei ihm***). So kommen sie nach
S. Jacob und der Gefährte, nimmt den todten Knaben mit in die Kirche,
wo der Knabe plötzlich lebendig wird. Sie kehren hierauf heim und
der Getährte begleitet den Knaben zu seinem Vater, kehrt aber später
in seine Heimat zurück, nachdem der Knabe zwei ganz gleiche goldene
Becher hat machen lassen und ihm einen als Erinnerungs- und \\ ahr-
*) Ne prens pas älltre hostet au chcmin que le mieti. NYas meint der Verfasser mit
c seiner Herberge' ?
**) Tant cerchierent la ville qu'en l'hostel arriveieut
Du pere au valeton, l(5ans se herbergiorent.
***) Auch bei Gengenbach: 'und leit in zu im an das )>et'; bei Ki-n-iirr: Sind leite
in an ein schun bette'.
GERMANIA X, 2!)
450 REINHOLD KOHLER
zeichen *) geschenkt hat. In seiner Heimath wird der Gefährte nach
einiger Zeit so vom Aussatz befallen, daß seine Frau ihn aus dem
Haus jagt. Er wandert mit seinem Becher, bis er in die Stadt kömint,
wo sein Freund, der inzwischen geheiratet hat, wohnt, und gerade ein
Fest feiert. Als er vor der Thür des Freundes um ein Almosen bittet,
bringt man ihm Wein , den er in seinen Becher schüttet. Ein
Diener, der den Becher für den seines Herren hält, zeigt dies seinem
Herren an , und der erkennt den Aussätzigen und nimmt ihn zärtlich
bei sich auf. Eines Nachts verkündet eine Stimme dem Aussätzigen,
daß er wieder gesund werden würde, wenn er mit dem Blut der Kinder
seines Freundes gewaschen würde. Als dann am folgenden Tag der
Freund ihn beschwürt, ihm zu sagen, ob es denn irgend ein Heilmittel
gebe, gesteht er ihm endlich unter Thränen jene Verkündigung. Der
Freund schneidet nun, während seine Frau in der Kirche ist, seinen
beiden Kindern die Hälse ab und wäscht seinen Gefährten mit dem
Blut, der dadurch sofort rein wird; dann begeben sich beide in die
Kirche und beten dort. Inzwischen hat die Amme die Kinder in ihrer
Kammer frisch und gesund gefunden. Als man Mittags den Herrn
vermisst, wird ein Diener in die Kirche geschickt, der eins der Kinder
mitnimmt. Er ruft den auf den Knieen liegenden betenden Plerrn an,
der wendet sich um und — erblickt sein Kind. Glücklich kehren die
beiden Freunde nach Haus zurück und erzählen das Wunder.
Dies französische Gedicht hat manche eigenthümliche und merk-
würdige Züge. So gleich im Beginn die Freundschaftsprobe
mit den drei Äpfeln, die ganz gleich in Konrads von Würzburg
Engelhard V. 336 ff. vorkömmt. Leider ist uns Konrads Quelle, welche
eine eigenthümliche Fassung der Amicus- und Arneliusdichtung gewesen
sein muß, bis jetzt nicht bekannt. Dieselbe oder eine ähnliche muß
auch dem französischen Dichter vorgelesen haben.
Hervorzuheben ist ferner die Herberge mit dem alten
W i r t h und der jungen W i r t h i n , in welcher der Gefährte,
eingedenk des weisen Salomon, nicht einkehren will. In dem lateini-
schen Gedicht Rudlieb gibt ein König dem Rudlieb unter andern auch
folgende Lehre :
Quo videas, juvenem quod habet senior mulierem,
Hospitium tribui tibi non poscas iteranti,
deren Richtigkeit Rudlieb später erprobt (Lat. Gedichte, herausg. von
*) Par ce hannap ici, sachiez le vraiement,
Ferai vostre plaisir et vo commandement.
DIE LEGENDE VON DEN BEIDEN TREUEN JACOBSBRÜDERN. 451
Grimm und Schmeller S. 155, vgl. S. 209 ff.). Schindler vergleicht
damit in Haupt's Zeitschrift 1, 408 ff. und 417 ff. eine Erzählung der
Gesta Romanorum (cap. 103) und ein cornisches Märchen , in denen
ebenfalls neben andern weisen Lehren auch die vorkömmt, nicht in
einem Haus einzukehren, wo der Herr alt, die Frau jung ist. Aus
einer derartigen Erzählung von einer Reihe von Lehren und deren
allmählicher Erprobung durch die That muß dieser Zug in das fran-
zösische Gedicht gekommen sein. Die Lehre wird dem weisen Salomon
beigelegt, wie so mancher Spruch, der sich nicht in den biblischen
Salomonischen Büchern findet, im Mittelalter ihm zugeschoben wor-
den ist *).
Endlich seien noch die beiden gleichen Becher hervor-
gehoben. Auch sie sind der Amicus- und Ameliussage entnommen.
Nach den meisten Fassungen dieser Dichtung schenkt der Papst, der
den Amicus und Amelius getauft hat, den beiden zwei ganz gleiche
Becher ; später wird der Aussätzige Amicus durch seinen Becher vom
Amelius erkannt. In einer altfranzösischen Prosaerzählung (Mone An-
zeiger 5, 164) und in dem altfranzösischen Miracle de Nostre-Dame
d'Amis et d'Amille (Monmerque et Fr. Michel Theatre francais au
moyen-äge pag. 249) besitzt Amis zwei gleiche Becher und schenkt
einen derselben dem Amile , nachdem dieser für ihn gekämpft hat,
ganz wie in unserer französischen Legende der Jüngling seinem Ge-
fährten beim Scheiden einen solchen Becher schenkt.
So viel über das altfranzösische Gedicht.
Italienisch findet sich die Legende dramatisch behandelt
in der Rappresentazione, di uno miracolo di due pellegrini che andarono
a S. Jacopo di Galitia , von welcher Colomb de Batincs (Bibliografia
delle antiche rappresentazioni italiane, Firenze 1852, pag. 35) zwei Aus-
gaben aus dem 15. und mehrere aus dem 16. Jahrhundert verzeichnet.
Ihr Inhalt ist der folgende : Ein Römer Colella wallfahrtet nach
S. Jacob in Galizien und begegnet unterwegs einem andern Jacobs-
pilger Costantino aus Genua. Beide schwören, sich nicht zu verlassen.
Costantino trinkt unterwegs aus einer Quelle und stirbt plötzlich;
*) In einem catalonischen Märchen (Mila y Fontanale < »hservaciones sobre la poesia
populär pag. ISS, vgl. W. Grimm in Haupt's Zeitschrift 11, 21 l), vrolchea im Ganzen dem
Rudlieb und dem corniselien Märchen entspricht, aber gerade die Warnung vor dem
alten Mann und der jungen Frau nicht enthält, ist es der wei8e Salomon, der seinem
Diener als Lohn drei Lehren gibt. — So wird der Spruch 'In verliis, herbis et lapidibus
est. magna virtus1 dem Salomon beigelegt, vgl. meine Ausgabe der Kunst über alle Künste,
S. XLII.
29*
452 REINTTOLD KOHLER
Colella ladet den Todten auf seine Schulter und trägt ihn weiter.
Zwei Strassenräuber 3 deren Angriff er abgewehrt hat, veiklagen ihn
in der nächsten Stadt beim König als Mörder; aber die Grundlosig-
keit ihrer Anklage zeigt sich bald , indem sie ihm einzeln gegenüber-
gestellt werden und dabei sich widersprechen. Colella wird freigelassen
und gelangt mit seinem todten Gefährten nach S. Jacob, und Costan-
tino wird in der Kirche wieder lebendig. Als die Freunde auf ihrer
Heimreise wieder in jene Stadt kommen, sollen gerade die beiden
Räuber gehängt werden , sie bitten aber um Gnade für sie , und die
Räuber versprechen sich zu bekehren. Nun reisen die Freunde zu den
Ihrigen zurück. Nach einiger Zeit wird Colella, der sich wieder auf
die Pilgerschaft begeben hat, aussätzig und sucht seinen Freund Co-
stantino auf, der ihn mitleidig aufnimmt und einen Arzt um Iiath
fragt . welcher erklärt , daß der Aussätzige nur durch unschuldiges
Blut (sangue vergine) geheilt werden könne. Darauf tödtet Costantino
in Abwesenheit seiner Frau seine Söhnchen und wäscht den Colella
mit ihrem Blut. Als nun Costantino's Frau nach Hause kommt und
in die Kammer geht, um ihre Kinder zu wecken, findet sie dieselben
zur freudigen Überraschung des Vaters frisch und gesund mit zwei
goldenen Äpfeln in den Händen *). Ein Engel beschließt das Stück ::).
Die Legende ist ferner in einem italienischen Gedicht in Ottaven
behandelt, welches mit zu den italienischen Volksbüchern gehört. Aus
welcher Zeit das Gedicht stammt, weiß ich nicht. Mir liegt es durch
die Güte Professor E. Teza's in Bologna in einer Ausgabe vor, die
folgenden Titel hat : Esempio di due compagni che andorno a San Gia-
como di Galizia. Bologna 1816. Alla Colomba. 8. In einem interessanten
.Aufsatz über italienische Volksdichtung in Büsching's Wöchentlichen
Nachrichten (1816), Band 2, S. 308, werden zwei andere ältere Aus-
gaben aufgeführt, nämlich: Esempio di due compagni che andarono a
S. Giacomo di Galizia, operetta bellissima del S. Francesco Minozzi,
Cieco. Treviso, Paluello , 1790. 8., und Esempio di due compagni Co-
stantino et Buona Fede che andarono a S. Giacomo di Galizia. Dove si
sentirä molte disgrazie che gli successero, e mai si abbandonarono. In Fu-
*) Einen goldenen Apfel haben die wiederbelebten Kinder auch im altfranzösischen
Epos Amis et Arniles (berausg, v. Conrad Hofmann, Erlangen 1852) V. 3191, und spielen
damit. — Merkwürdig, daß der blutrothe Streifen um den Hals der wiederbelebten Kinder,
der in den meisten Formen der Sage von Amicus und Amelius vorkömmt, in unserer Le-
gende sich nur in dem deutschen Gedicht findet.
**) Ich verdanke die Inhaltsangabe des italienischen Dramas der Gefälligkeit des
Professors Alessandro D'Aneona in Pisa.
DIE LEGENDE VON DEN BEIDEN TREUEN JACOBSBRÜDERN. 453
ligno. Presso Feliciano Campitelli. o. J. 8. A. D' Ancona kennt, wie er
mir mitgetheilt hat, eine Ausgabe vom J. 1805 (Venezia, Cordella),
auf welcher auch Fr. Minozzi , cieco, als Verfasser genannt ist. Jeden-
falls muß es aber von diesem Gedicht schon Ausgaben vor 1680 ge-
geben haben, denn Francesco Cionacci führt in der Einleitung zu seiner
im Jahre 1680 zu Florenz erschienenen Ausgabe der Hirne sacre des
Lorenzo de' Medici als Gedicht, welches denselben Stoff wie die Rap-
presentazione de due Pellegrini di S. Jacopo di Galizia episch behandelt,
Esempio di due compagni che andavano a S. Jacopo di Galizia — leider
ohne genauere bibliographische Angabe — an *).
Der Inhalt des in den Hauptsachen mit dem Drama überein-
stimmenden Gedichts ist der folgende : Bonafede, ein römischer Bürger,
trifft in Genua den Costantino aus Genua, der ebenfalls nach S. Jacob
pilgern will; beide beschließen, die Fahrt zusammen zu machen und
sich nicht zu verlassen. In Folge eines Trunkes aus einer kalten Quelle
stirbt Costantino unterwegs plötzlich. Bonafede legt die Leiche auf
seine Schulter und zieht weiter **). Eines Tages wollen ihn zwei
Strassenräuber überfallen, als gerade ein Hauptmann mit Wächtern
naht. Da verklagen die Strassenräuber den Bonafede als Mörder. Der
Podesta'der nächsten Stadt aber erkennt aus den Widersprüchen der
einzeln vernommenen die Grundlosigkeit der Anklage und lässt den
Bonafede frei, der nun weiter zieht. Als er einmal ermüdet im Schatten
ausruht, erscheint ihm ein lütter auf weißem Ross, clor ihn ermuthigt.
Es war der Apostel S. Jacob. Bald darauf erreicht Bonafede glücklich
Compostella und begibt sich mit seinem Todten in die Kirche. Während er
für sich und seinen todten Freund betet, erhebt sich dieser plötzlich
und ist wieder lebendig. Als sie nachher auf der Rückreise wieder in
jene Stadt kommen, sollen die Strassenräuber, die den Bonafede ver-
klagt hatten, gerade gehängt werden; die Freunde erzählen dem Richter
das Wunder und bitten um Gnade für die Verbrecher. In Genua
trennen sich dann die Freunde. Bonafede geht zunächst nach Rom,
verlässt aber dort bald wieder seine Frau und zieht aus, um alle hei-
ligen Stätten zu besuchen. Während er nun herumpilgert, wird er
plötzlich vom Aussat/, befallen und begibt sich desshalb nach Genua
zu seinem Freunde, der ihn zärtlich aufnimmt und in sein eigenes
Bett trägt.
*) Die Cionaccische Ausgabe der Birne sacre des Lorenzo liegt mir in dem Wieder-
abdruck: Bergamo ]7ü0, vor. Daselbst stehl die betreffende Stelle pag.VIII.
;-:;;:; Die Bologneser Ausgabe hat auf dem Titel einen rohen Holzschnitt, einen Pilger
darstellend, der einen Leichnam über die Schulter gelegt trägl
454 REINHOLD KQHLßß
Fece venir piü medici eccelenti,
E dimandando quel che puossi fare,
Gli disser: Ci vuol sangue immantinenti,
Per altro modo non si puol sanare.
Costantin disse: O Dio, se ti contenti,
In tutti i modi lo vö liberale!
E poi con suchi gli fece un bagno,
E lavandolo fu guarito il suo compagno.
Esempio piglia ciascun, che m' ascoltato,
A non si scordare mai dei benefizj.
Morto in viaggio 1' avea portato,
Ma lui, che grato fn di tai servizj;
Con medicamenti 1' a liberato
Della lepra e da suoi grau supplizj,
E voi, Signori, tenete la memoria,
Che d' esser grati v' insegna 1' istoria.
Mit diesen beiden Strophen schließt das Gedicht, in dem also
das Bad im Kinderblut durch ein nicht klar bezeichnetes Bad (sangue,
suchi, medicamenti) ersetzt ist, eine arge Entstellung der alten Dichtung.
Wie sich zu diesem Gedicht das von Molini (Operette bibliogra-
liehe S. 175) angeführte, ebenfalls in Ottaven verfasste Gedicht: Lhj-
storia bellissima di misser Costatino . da Signa e de misser Gf.orgio da
Genoua liuuali se acopagnarono . in viaggio p. andare ai baron misser
saa JaQomo : et delle gradissime . fortune che loro hebeno de le qle . furono
Uberati per divin miraculo e del baroue misser san Jacorno : come legendo.
intenderiti. (am Ende: Nel anno 1522. Di ottobrio. 4.) verhält, kann ich
leider nicht sagen. In den Florentiner Bibliotheken findet es sich, wie
mir D' Ancona mittheilt, nicht.
Endlich habe ich noch zu erwähnen, daß Giuseppe Tigri (Canti
popolari toscani, 2d" edizione, Firenze 1860, pag. LVII) unter andern
in gewissen Orten Toscana's fast alljährlich aufgeführten Volksschau-
spielen, die man Giostre, auch Maggi nennt, aufzählt: Costantino e
Buonafede, ossia il Trionfo deW arnieizia, also unsere Legende, und zwar
nicht mit den Namen der alten Kappresentazione, sondern mit denen
des Gedichts des Minozzi. Vielleicht erfahren wir durch italienische
Forscher mit der Zeit Näheres über dieses toscanische Schauspiel,
sowie über das Gedicht von 1522.
Dies sind die mir bekannt gewordenen deutschen, französischen
und italienischen Bearbeitungen der Leidende von den beiden Jacobs-
DIE LEGENDE VON DEN BEIDEN TREUEN JACOliSBRÜDERN. 455
pilgern und ihrer wechselseitigen aufopfernden Freundschaft. Wenn
aber der Herausgeber des Dit des trois Pommes im Vorwort sagt:
Le Dit des trois Pommes est wie des formes donnees au recit d'un miracle
de S. Jacques de Compostelle, fameux au moyen-age: il a fourui, entre
autres, le sujet oVun Mystere frangois du ÄIVe siede, ainsi que d'un
drame Italien du XV" , et, si je ne me trompe, celui d'un tableau de
P. Antoine de Foligno, so bedauere ich, daß er die 'andern Formen
nicht näher angegeben hat. Was das französische Mysterium betrifft,
so scheint er das in Monmerque's und Fr. Michel's Theätre frangois
an moyen-äge herausgegebene Mysterium von Amis und Amille zu
meinen, was freilich nur insofern hierher gehört, als die Amicus- und
Ameliusdichtung unserer Legende, die vielleicht aus ihr entstanden ist,
sehr ähnlich ist. Auch Fr. Michel a. a. O. pag. 218 zählt ohne wei-
teres das französische Gedicht von den drei Äpfeln unter den Be-
arbeitungen der Amicus- und Ameliusdichtung auf. Das Bild des
P. Antonius von Foligno scheint nach Fr. Michel's Mittheilungen
a. a. O. unsere Legende nicht darzustellen.
WEIMAR, April 1865. REINHOLD KÖHLER.
HEIMAT UND DICHTER DES HELMBRECHT.
Die Untersuchungen über die Heimat des Helmbrecht, die in
neuerer Zeit mehrfach angestellt worden sind , haben bisher zu einem
einheitlichen Resultat nicht geführt. Ob zwischen Höllenstein und
Haldenberg oder zwischen Wels und dem Traunberg Helmbrecht sein
prächtiges Gewand getragen habe; ob zu Wanghausen oder zu Leuben-
bach die vortreffliche Quelle gewesen sei; oder mit andern Worten,
ob die in den Versen 192 und 897 des Gedichtes enthaltenen Orts-
angaben der Ambraser oder der Berliner Handschrift den Vorzug ver-
dienen, — darüber sind die Meinungen getheilt geblieben und werden
es vielleicht bleiben, so sehr auch die neueste Erörterung dieser Frage
prätendiert, dieselbe endgültig entschieden zu haben.
Das Ergebniss dieser letzten von Kein/*), in weiterer Ausfährung
mehrerer schon von Muffat**) beigebrachter Argumente, angestellten
Untersuchung ist in Kürze folgendes: daß der urkundlich nachgewie-
sene flelinbrechtshof (dessen Name heute verloren ist) nahe bei der
Stadt Burudiausen im Regierungsbezirk Oberbaiern das Eigenthum des
*) Meier llelmbreuht und seine Heirnut. München L866.
**) Morgeablatt zur Bayerischen Zeitung vom 8. Qct. 18(J!3.
456 CAKL SCHRÖDER
Meier Helmbrecht gewesen sei, und daß einer der Mönche des be-
nachbarten Augustinerklosters Ranshofen , und zwar ein P. Gärtner,
den Helmbrecht gedichtet habe. In der That sind das Dorf Wang-
hausen und zwei Berge Namens Höllenstein und Adenberg in der Nähe
des ehemaligen Helmbrechtshofes nachgewiesen.
Das scheint auf den ersten Blick schlagend, und doch lassen
sich gegen diese Ergebnisse nicht geringe Bedenken erheben, und
zwar zunächst formelle. Wenn es schon bedenklich ist, daß das H in
dem Namen Aldenberg, Ajdenberg (so mundartlich für das amtliche
Adenberg) sollte verloren gegangen sein, so bleibt namentlich, sobald
Hohenstein und Haldenberg nicht Dorf- sondern Bergnamen sind, der
Vers „zwischen Höllenstein und Haldenberc" etwas verdächtig. Un-
zweifelhaft richtiger wäre „zwischen dem Höllensteine und dem Hal-
denberge".
Von größerem Gewichte noch sind die inneren Gründe, welche
gegen Keinz sprechen.
Bei der ganzen Beweisführung ist von jeher ein Hauptgewicht
gelegt worden auf V. 7 und 8:
ich wil iu sagen, waz mir geschach,
daz ich mit minen ougen sach.
Gewiss mit Unrecht. So wenig wir in Neidharts Gedichten alles für
baare Wahrheit zu nehmen haben , so wenig wir die gebräuchlichen
Versicherungen der Romanciers in Bezug auf „diese höchst wahrhafte
Geschichte" buchstäblich genau nehmen dürfen: so wenig sind wir
berechtigt, in den Worten des alten Dichters etwas anderes zu erblicken
als eine Redensart, dazu dienend, seiner Erzählung den Hörern gegen-
über ein gewisses persönliches Interesse und den Schein größerer
Glaubwürdigkeit zu verleihen. Wir werden nicht wohlthun, in Helm-
brecht eine wirkliche historische Person zu suchen , anstatt in ihm
naturgemäß lediglich einen fingierten Repräsentanten der ganzen ver-
derbten Jugend zu sehen. Halten wir uns ängstlich an die Versicherung
des Dichters, mit andern Worten, erniedrigen wir ihn zum bloßen
Referenten einer historischen Thatsache , so haben wir auch an die
factische Existenz der berühmten Haube zu glauben; so wäre schließ-
lich nicht etwa der Dichter so wissenschaftlich gebildet, daß er vom
Trojanerkriege, von Karl dem Großen , von der Rabenschlacht Kunde
hat, wie Keinz will (S. 71), sondern vielmehr der respective Verfer-
tiger der Haube, also etwa die Nonne. Davon ganz abgesehen, daß
sich das Lob wissenschaftlicher Bildung wohl nicht ohne Mühe daraus
ableiten lässt, daß ein Dichter des 13. Jahrhunderts mit den in aller
HEIMAT UND DICHTER DES HELMBRECHT. 457
Munde lebenden Namen der verschiedenen Sagenkreise vertraut ist.
Daß überhaupt der Dichter ein Mönch gewesen sei, dafür sprechen
weder die genaue Kenntniss des höfischen Lebens, noch die Bekannt-
schaft mit der profanen Litteratur , noch endlich die mehrfachen
schlüpfrigen Stellen des Gedichtes. Ein Mönch, der im Auftrage seines
Klosters das Gebiet desselben durchwandert, um die Bauern in der
Obstbaumzucht und Küchengärtnerei zu unterrichten (Keinz S. 14),
wird schwerlich Grund haben, über schlechte Aufnahme zu klagen
(v. 849 f.). Für einen Mönch endlich wäre die Äußerung, daß Helm-
brecht ihn bei den Weibern würde ausgestochen haben (v. 209 f.),
herzlich unpassend.
Keinz hält es für einen Vorzug seiner Deutung, daß alle ange-
gebenen Orte sich auf dem Räume einer Geviertmeile vereinigt finden
(S. 18). Richtiger gedacht ist das ein Nachtheil. Denn je enger die
Begrenzung , je kleiner der Raum zwischen den verschiedenen Orten
ist, desto nichtssagender ist das Lob der Kleidung und des Brunnens.
In beiden Fällen mußte vielmehr der Dichter seinen Kreis möglichst
weit ziehen , wollte er die Vortrefflichkeit der von ihm gepriesenen
Gegenstände recht hervorheben.
Daß der ehemalige Helmbrechtshof seinen Namen von einem
Besitzer Ilelmbrecht hatte, ist zweifellos. Aber selbst wenn wir an-
nehmen wollten, daß wir es mit historischen Persönlichkeiten zu tlmn
haben — eine Annahme, die nicht gerechtfertigt und kaum räthlich
erscheint, — so ist unmöglich zu erweisen, daß gerade unser in Rede
stehender Meier Helmbrecht der Eigenthümer dieses Helmbrechtshofes
gewesen sei, sobald einmal der Beweis geführt ist, den Keinz (S. 70)
selbst führt, daß der Name Helmbrecht ziemlich verbreitet war, sogar
nicht bloß unter dein Bauernstande, wie aus der angeführten Bezeich-
nung „daz Helmperhtis schergampt" hervorzugehen scheint.
Von den sonst beigebrachten Argumenten brauchen wir kaum
zu reden. Daß sich in der Mundart der von Keinz bezeichneten Ge-
gend viele der im Helmbrecht vorkommenden Wörter erhalten haben
(S. 16), kann nicht im Geringsten verwundern, da die Ortschaften zum
Gebiet der bairisch-österreichischen Mundart gehörten, und könnte nur
in Betracht kommen, wenn nachgewiesen winde, daß' dieselben nirgend
anderswo vorkommen. Daß sich nahe dem Helmbrechtshofe eine l.ioi/iir,
also ein mit Kienholz bewachsener Bergabhang, und daran ein schmaler
Steig findet, ist ganz unwesentlich, denn wo in Gebirgsgegenden findet
sich eine solche Localität nicht? Und wie viel Gehölze sind seit jener
Zeit neu angelegt? Daß in dortiger Gegend nach der Versicheiung
458 CARL SCHRODEB
eines Pfarrers bei Hochzeiten die Brautleute sich auf den Fuß zu treten
suchen, um zu erkennen, wer von ihnen das Regiment im Hause fuhren
wird (S. 77), beweist gar nichts. Das „üf den fuoz er ir trat" (v. 1534)
wird gewiss besser als symbolische Handlung, als Zeichen der Besitz-
ergreifung und angetretener Herrschaft des Mannes *) denn als ein
roher Unfug aufgefasst. Außerdem fand ja auch Gotelindens Hochzeit
nicht in derselben Gegend statt. Was endlich den „weißen Schacher"
betrifft, die Kapelle nahe beim weiland Helmbrechtshofe, die nach
Keinz (S. 16) an der Stelle, wo Helmbrecht gehängt wurde, von den
Verwandten erbaut sein könnte, so geben wir ihm zu bedenken, daß
einmal der Vater, der den lahmen und blinden Sohn so höhnend von
sich forttrieb , schwerlich dem Andenken desselben eine Kapelle ge-
widmet haben dürfte, und sodann daß der blinde Helmbrecht ein Jahr
lang umherstrich und auf dem Schauplatz seiner früheren Räubereien
gehängt wurde.
Alle diese Erwägungen lassen die Keinz'schen Annahmen aufs
Äußerste zweifelhaft erscheinen. Vielmehr möchte eher der Sachverhalt
der sein, daß ein Abschreiber, der von der Existenz eines Helmbrechts-
hofes Kenntniss hatte, diesen für den Schauplatz der Erzählung hielt
und nun die ursprünglichen Namen in andere aus der näheren Um-
gebung desselben, die er ungenau gab, verwandelte. Den Keinz'schen
Ausführungen gegenüber bleibt die von Pfeiffer (Forschung und Kritik
S. 1 — 19) begründete Annahme, daß die Namen der Berliner Hand-
schrift den Vorzug verdienen und daß also das Traungau der Schau-
platz der Erzählung sei, noch immer zu Recht bestehen.
Sei nun aber auch dieser Schauplatz wo er wolle, die Frage nach
ihm tritt an Bedeutung weit zurück gegen die andere nach der Person
des Dichters, der ihn nach Belieben hierhin oder dorthin verlegte.
Über diesen fehlen uns alle sicheren Nachrichten; wir sind in Bezug
auf ihn lediglich auf Vermuthungen angewiesen, die allerdings nicht
undeutlich auf eine bestimmte und bereits bekannte Persönlichkeit hin-
weisen.
Der Inhalt des Helmbrecht ist augenscheinlich der höfischen
Dorfpoesie, oder, wie es allerdings richtiger hieße, der dörfischen
Hofpoesie nahe verwandt. "Wie diese allein in der Wahl ihrer Stoffe
sich von Herkommen und einengenden höfischen Regeln emaneipierte,
um sich auf den solideren Boden des Volkslebens und der Volkspoesie
"=) \Y. Wackernagel in Haupt Zeitsehr. 2, 550. Grimm, Reehtsalterthümer 142.
HEIMAT UND DICHTER DES HELMBRECHT. 459
zu stellen, so ist der Dichter des Helmbrecht unter den Epikern der
Einzige, der den breitspurigen Abenteuern der Helden von der Tafel-
runde die viel dramatischeren Begebenheiten in den Kreisen des eigenen
Volkes vorzog; er sucht seinen Stoff eben da, wo die dörfische Hof-
poesie sich vom höfischen Formzwange erholte: in den Gehöften der
Bauern; gegen denselben Übermuth, dieselbe Prunksucht, dasselbe
Streben seines Standes sich zu überheben, gegen die ganze Gorruption
des jüngeren Geschlechtes, über der Neidhart die Geißel seines Spottes
schwingt, richtet auch er die scharfen Waffen seiner Kritik, wenngleich
weniger im Tone leichter Verspottung, als vielmehr ernsten männlichen
Unwillens; wie Neidhart, so verweilt auch unser Dichter gern bei
der Schilderung der Kleider, und den Neidhart eigenthümlichen Ton
souveräner Verachtung des Hofmannes, gemischt mit dem leisen Neide
des habelosen Fahrenden, finden wir auch bei ihm ; und wie Helmbrecht
den jungen Bauern in Neidharts Gedichten auf's Haar gleich sieht, so
finden wir in Gotelinden ganz dieselbe leichtfertige Sinnlichkeit, die
von jedem Anschein höfischen Wesens geblendet und verführt wird,
wie bei den Bauerdirnen, bei denen sich Neidhart für die Prüderie
der höfischen Damen schadlos hielt. Ja noch mehr: die enthusiastische
Erinnerung an Neidhart in den Versen 217 ff. scheint fast auf ein
persönliches Verhältniss beider Dichter hinzudeuten. Jedenfalls darf
eine genauere Kenntniss von Neidharts Dichtungen bei unserm Dichter
angenommen werden. Ich wenigstens kann mich der Empfindung nicht
erwehren, daß die Schilderung von Helmbrechts Haube und von dem
langen Haare, welches sie bedeckte, so wie von ihrer schließlichen
Zerstörung , in einem gewissen Verhältniss steht zu folgenden Versen
Neidharts:
Der treit eine hüben, die ist innerthalp gesnüeret
und sint uzen vogclin mit siden uf genät.
da hat manic hendel sine vinger zuo gerüeret
e si si gezierten; daz mich niemen liegen lät.
er muoz dulden minen vluocli
der ir ie gedähte,
der die siden und daz tuoch
her .von Walhen blähte.
Habt ir niht geschouwet sine gewunden locke lange
die da hangent verre vür daz kinne hin ze tal?
in der hüben ligent si des nahtes mit getwange
und sint in der mäze sam die krämesiden val.
460 CARL SCHRÖDER
von den snüeren ist ez reit
innerthalp der hüben,
vollecliche hände breit,
so ez beginnet strüben.
Er wil ebenhiuzen sich ze werdem ingesinde
daz bi hoveliuten ist gewahsen unde gezogen.
begrifents in, si zerrent im die hüben also swinde,
e er wrenet so sint im diu vogelin enpflogen. (Neidhart S. 86.)
Dieser inhaltlichen Verwandtschaft entsprechend werden wir un-
sern Dichter auch räumlich in der Nähe der dörfischen Hofpoeten
suchen dürfen, also am besten da, wo jene die hochherzigste, gast-
lichste Aufnahme und stäte lebendige Anregung gefunden hatten: am
Hofe Friedrichs II. des Streitbaren zu Wien. Und in der That be-
gegnet uns hier eine Persönlichkeit, die unserm Suchen so zahlreiche
Anhaltspunkte bietet, daß wir kaum noch von Vermuthungen, sondern
von Wahrscheinlichkeit reden dürfen. Und diese Persönlichkeit ist der
am Hofe des letzten Babenbergers viel genannte Bruder Wernher.
Die äußerliche Gleichheit des Namens kann bei dem häufigen
Vorkommen desselben nicht als einzig stringentes Beweismittel ange-
führt werden, obgleich sie natürlich eine starke Stütze für unsere Ver-
muthungen abgibt. Auch die Zeitbestimmungen sprechen für uns. Das
Gedicht von Helmbrecht wurde verfässt nach Neidharts Tode und
noch zu Lebzeiten Kaiser Friedrichs II. (v. 217. 411), also etwa zwi-
schen 1234 und 1250, und Bruder Wernher, der schon um 1217 nach-
zuweisen ist (MSH. IV, 516) , klagt noch 20 Jahre nach des letzten
Babenbergers Tode um diesen edlen Fürsten *). So war er also am
Hofe zu Wien ein Genosse des Kreises , in dem Neidhart eine so
hervorragende Rolle spielte, und muß naturgemäß in vielfältiger per-
sönlicher Berührung mit diesem gestanden haben. Sehen wir uns denn
also die Persönlichkeit des Bruders Wernher etwas genauer an.
Wernher ist nicht, wie sein Beiname andeuten könnte, ein Geist-
licher. Er selbst nennt sich einen Laien (MSH. II, 231b) und seine
Herkunft aus einem edlen Geschlechte deutet sein Wappen in der
Manessischen Handschrift an (MSH. IV, 514). Vielmehr heißt er wohl
*) ich hän geklaget und klage ez an
wol zweinzic jar ie baz unt baz
uut niuoz ouch an min ende klagen den vürsten Vriderich. MSH. III, 12b.
Die so beginnende .Strophe ist in Österreich gedichtet, wie der Schluß beweist:
vil worder künic uz Beheiralant, wiltu dich gegen vienden schäm,
so hilf den biderben uz Österriche uut habe üf mir, dir mag nie missevarn.
HEIMAT UND DICHTER DES HELMBRECHT. 4fi|
nur so als Wallbruder, der durch das Kreuz zu der großen Brüder-
schaft der Wallfahrer gehörte, eben nur als L'ilger, nicht als Krieger.
So stellt ihn auch das Gemälde der Manessischen Handschrift dar:
ein Pilger, mit seinem Reisebündel auf dem Rücken, auf seinen Stab
gestützt u. s. w. (MSH. IV, 516). Unser Dichter war ein fahrender
Sänger, ein gartenmre *) ; er berichtet von sich selbst :
sint daz ich gedenke, vil der järe
han ich der lande vil durchvarn; (MSH. II, 235\)
er war am Rhein, in Nürnberg, im gelobten Lande und spricht von
einer Fahrt nach Schwaben, die er vorhat (MSH. III, 17"; II, 234b;
2317, 230a). Ferner singt er das Lob eines Herrn von Orte, sowie der
Grafen von Osterberg, von Hinnenberg und von Hunesburg (MSH.
II, 233''; III, 19a, 15", 14"), was wohl darauf hinweist, daß er auf
seinen Fahrten ihre Burgen besuchte und dort Aufnahme fand. Seine
Heimat ist mit Sicherheit nicht nachzuweisen, doch dürfte am sichersten
daraus, daß ihn selbst die schweren Wirren, unter denen nach Fried-
richs des Streitbaren Tode und während des Interregnums Osterreich
erseufzte, nicht von dort vertrieben haben**), der Schluß zu ziehen
sein, daß er ebendaselbst zu Hause war. Bei allen seinen Fahrten ist
unser Dichter arm geblieben. Er klagt sein Unglück, daß von dem
milden König Konrad ihm keine Gabe geworden ist (MSH. II, 233")
am Rheine hat er seine Noth geklagt und um Abhülfe derselben ge-
worben, aber schmale Gabe hat man ihm gegeben (MSH. III, 17b);
er muß des Gutes gar entbehren und der Mangel hält die Wache vor
seinem Hause (MSH. III, 18a, 19*). Ebenso ist es mit dem Dichter des
Helmbrecht: wie viel er auch im Lande umherfährt, doch findet er
nirgend eine Stätte, wo er so aufgenommen wäre, wie es Helmbrecht ge-
schah (v. 847—50), und der leise durchklingende Neid bei der Schilderung
von Helmbrechts Kleidern, bei der Aufzählung der Speisen, die dem
Burschen vorgesetzt wurden, weisen auf gedrückte Verhältnisse hin.
Der Dichter des Helmbrecht ist ein ernster Mann voll sittlicher Strenge.
Er redet zu uns durch den Mund des alten Helmbrecht; die weisen
Lehren desselben, daß die Überhebung über den eigenen Stand und
das Ringen wider die von Gott gesetzte Ordnung vom Übel sind,
daß der Bauer sich nicht zum Gesellen der Hollcute schickt, daß aber
auch der Reiche und Vornehme nichts gilt, so er der Tugend entbehrt,
daß vielmehr diese der einzige Werthmesser des Menschen sein muß,
*) Schindler, bair. Wb. 2, 68. Pfeiffer, Forschung and Kritik 18.
**) S. oben die Anm. S. 480.
462 CARL SCHRÖDER
— alle diese kernigen Auslassungen sind die Anschauungen des Dich-
ters selbst, seine eigenen Empfindungen, die ihn in Helmbrechts schreck-
lichem Schicksale nur das Walten gerechter Vergeltung erblicken lassen.
Und alles das ist auch genau die Anschauung des Bruder Wernher,
in eben derselben kernigen, schlichten, prunklosen, aber desto eindring-
licheren Sprache vorgetragen. In den ernstesten Tönen klagt er über
den Verfall der Zucht, und immer besonders unter der Jugend ;
ane twanc lät man die jungen wesen (MSH. III, 121")
singt er, und
nü hat ez sich verkuret so daz man die jungen tilgende niht enlert; (ebd.)
ferner:
hat swach geburt groz übermuot, da kieset tören bi (MSH. II, 228b),
Worte, die man als Motto vor den Helmbrecht setzen könnte, so sehr
entsprechen sie den darin enthaltenen Lehren, dem überall hervor-
tretenden Streben nach kurzem sententiösem und gnomischem Ausdruck
der Gedanken. Wer würde nicht glauben, denselben Mann zu hören,
wenn er vernimmt:
ein armer der ist wolgeborn, der rehte vuore in tilgenden hat,
so ist er ungeslahte gar, swie riche er si, der schänden bi gestät
(MSH. II, 232ft)
und wiederum :
mir geviele et michel baz
ein man der rehte taete
unt dar an blibe statte.
wasr des geburt ein wenig laz,
der behagte doch der weilte baz
(lau von küniges fruht ein man
der tugent noch ere nie gewan.
man hat des swachen mannes kint
für den edelen höchgeborn
der für ere schände hat erkorn (v. 487 ff.).
Wer meinte nicht die Ermahnungen des biedern Alten an seinen
Sohn zu hören in folgenden Versen:
ez warnet maniger, daz er si
daz er nie wart noch niemer wirt,
unt lebt doch in dem wäne also vil gar nach gouches siten.
ern wil sich niender vüegen hin,
dar er wol hurte und iedoch von allem rehte wzere:
HEIMAT UND DICHTER DES HELM BRECHT. 463
er wil sich zücken vür, daz heize ich tören sin.
kumt er ze hove, da seit er sinin lügelichen maere. (MSH. 232H.)
Und wie sehr klingt es in fast wörtlicher Übereinstimmung wie ein
Ausspruch desselben Dichters, wenn Gotelinde klagt:
diu girheit ze helle
in daz abgründe
vellet von der sünde (v. 1596 ff.)
und wenn Bruder Wernher singt:
daz sie (die boesen) zer helle müezen varen durch ir giriclfehen muot.
(MSH. III, 15b).
Kein Gleichniss ist ferner unserm Dichter so geläufig, wie das vom
Blinden, welches er zu zweien Malen genau ausführt (MSH. II, 229",
231") und mit derselben Meisterhand zeichnet, mit der die Fahrten
des blinden Helmbrecht uns dargestellt sind.
Doch genug der Anführungen, die hinreichend darthun, wie es
ganz derselbe Geist ist, der aus dem Helmbrecht wie aus den Ge-
dichten des Bruder Wernher zu uns redet. Eine so wundersame Über-
einstimmung mag auf dem breiten ausgetretenen Wege des Minnesanges
und regelrechten schulinäßigen Frauendienstes nicht erstaunen, aber
daß wir auf dem schmalen dornigen Pfade ernster, lehrhafter, strafen-
der und scheltender Poesie, der nur von Wenigen betreten wurde,
zwei Dichtern von solcher Harmonie des Gedankens und Ausdruckes
begegnen sollten, die noch dazu denselben Namen führen, — das er-
scheint unglaublich.
Endlich noch zwei weitere Erwägungen, die eben so viel Stützen
für unsere Vermuthungen sind.
Zum Ersten sind wir durchaus berechtigt, wenn nicht gezwungen,
noch nach andern Werken unseres Dichters zu suchen , als die uns
unter seinem Namen überliefert sind; deren sind sehr wenige, und
doch spricht Wernher ausdrücklich von der großen Menge seiner Dich-
tungen, die uns bei seiner langen dichterischen Thätigkeit (12 IT — 66)
nicht überraschen kann. Er sagt nämlich:
ich hau so vil gesungen ie, daz maneger nu geswüere wol
ich hete gar gesungen uz; ich han noch ganze winke! vol
der kunst, diu reht an singen zimt, als ich si bringe vür, | MSH. II, 229b)
eine Stelle, die noch eine ganz besondere Bedeutung gewinnt, wenn
wir sie im Zusammenhange mit einer anderen betrachten. \\ o nämlich
der Dichter von seinen vielen Fahrten gesprochen hat, fahrt er fort:
so kenne ich ouch der dorfe deste mere,
ich kan ouch deste baz gesagen
wä mit der man verliuset wirde und ere. (MSH. II, 235B.)
4ß4 K- A- l'-AK'ACK
Nach dieser Stelle bleibt kaum ein Zweifel mehr. Wozu an diesem
Orte eine so ausdrückliche Erwähnung der Kenntniss der Dörfer und
also auch der ländlichen Bevölkerung, wozu im Zusammenhange damit
der Hinweis auf Sittenschilderungen und die nachdrückliche Versi-
cherung, daß diese Kenntniss ihn zu derartigen Schilderungen befähige,
wenn nicht eine Anspielung auf ganz concrete Arbeiten des Dichters,
die also ihre Stoffe aus dem Leben der Dörfer entnommen haben mäßen,
beabsichtigt war, vielleicht eine Verteidigung derselben gegen erfolgte
Angriffe, eine Zurückweisung etwaigen Tadels? Eine solche Beziehung
liegt klar vor: es wäre sinnlos, eine Kenntniss der Dörfer besonders
zu betonen, wenn es sich um höfische Schilderungen handelte. Ja selbst
wenn wir nun nach allen vorausgegangenen Erwägungen in unserer
Stelle eine directe Beziehung auf den Helmbrecht finden, so ist das
so wenig gezwungen, daß sich kaum gegründete Einwendungen werden
machen lassen.
Fassen wir nun zum Schluß das bisher Gesagte kurz zusammen,
so ist zunächst der Gewinn zwar unbedeutend , indem ein unumstöß-
licher urkundlicher Beweis nicht hat geführt werden können. Allein,
wie schon von anderer Seite bei ganz ähnlicher Gelegenheit mit Erfolg
behauptet worden ist, ist in Fragen wie die vorliegende auch ein hoher
Grad von Wahrscheinlichkeit ein Gewinn, und die zahlreichen Anhalts-
punkte , die wir für die Identität des Bruder Wernher mit Wernher
dem Gärtner beigebracht haben, dürften selbst für eine nicht geringe
Wahrscheinlichkeit vollauf genügen.
BAGNERES DE KIGORRE, im August, 18G5. CARL SCHRÖDER.
DEUTSCHE PREDIGTEN DES XII. JAHRHUN-
DERTS.
VON
K. A. BAEACK.
Im Anschluß an die Abdrücke deutscher Predigten des XII. bis
XIV. Jahrhunderts von Hoffmann, Leyser, Karl Roth, Franz Pfeiffer,
Mone, Grieshaber u. a. folgen hier einige Predigten, welche die Donau-
eschinger Handschrift Kr. 290 (s. die Hss. der fürstlich Fürstenber-
gischen Hofbibliothek zu Donaueschingen von Dr. K. A. Barack, 1865,
S. 233) enthält. Leider umfasst diese, ein Bruchstück von sechs auf-
einander folgenden Blättern in 4°. nur drei vollständige, den Schluß
einer vorausgehenden und den größern Theil einer darauf folgenden
DEUTSCHE PREDIGTEN DES XII. JAHRHUNDERTS. 465
Predigt. Für die Sprachwissenschaft dürften sie das gleiche Interesse
beanspruchen, wie die bereits veröffentlichten, um so mehr, da sie in
Bezug auf das Alter den meisten derselben vorangehen. Der Abdruck
geschieht genau nach der Handschrift , wenige Fälle , die besonders
bemerkt wurden, und soweit der Druckapparat die Acccntuierung der
Handschrift gestattete, ausgenommen.
1 n vergebe . ob er mit ihte vnfer deheinen geleidiget habe. Vnfer herre
göt der dvrh fvndere her in erde gerrvcchte ze körnen . der vergebe
im allez daz . daz er ie getäte wider fine hvlde . vnde gerrüeche fine
feie ze ledigene vz ir nöten vnde vz ir wizen . vnde gerrüeche fie ze
beftatene ze den ewigen gnaden.
Dominica . In Aduentv domini.
Scientes. quia hora est iam nos de Jonmo furgere. Iz ift alz an daz
zit. mine karissimi. daz wir vnl gerrehten vnde bereiten Ivln gegen
der heren vnde der heiligen kümfte vnferf herren des heiligen criftes.
Von diu ratet vnde meinet vnl'. fanetus paulus; vnde fprichet difiv
wort, die wir nü fprachen . Scientef . quia ltora est . Er Iprach . Ir fvlt
wizzen mine karissimi; vnde Ivln deheinen zwivel haben . wand diu
zit ift körnen, daz wir vf ften fvln von deme flafe. Daz zit da von
s. paulus gefprochen hat; daz ift daz beherte vnde daz vzgenömen
zit. des ampfangef der gebvrte vnlers herren def heiligen criftef. die
wir nü zehant begen Ivln . Selik fint die . die in mit triwen vnde mit
warheite. vnde mit der liüterheit. der reinekeit ir libes vnde ir herzin
in pfahent. Daz fint die rehten menifchen vnde fint oveh die l'üntare.
die nü üf l'tent von den tasgelichen vnde von den havbet haften lünten.
Zu den fprichet diu heilige ferift. Euigilaie iußi. et nolife peccare. Ir
rehten liüte . ir fvlt erwachen . vnde fvlt niht lünten . Min karissimi.
die feiigen die wachent nv . mit ir arbeiten mit vaften. mit ir kirch-
gengen. mit ir almüfe . mit ir gebete . da fie mite laden zu in den
heiligen crift . mit ir zehern vf ir knien . vnde fprechent difiü wort.
Veni et libera n. d. n. Herre kvme . vnde erledige vnl . von vnfern
fünten . Wir fvln in oveh biten . alf in die wi Ifagen da baten; daz
er in werlte körne . Sie rvften . Veni domini et noli tardare r. f. p. t.
Herre körn her ze vnf. vnde fv"me dich niht vnde vertilige die fvnte.
lb die mi ff etat dinesj — *) vnde Iprach auer. Veni domine wfitarc
v. in p. ut l. c. t. c. p. Nü herre sprachen fie kvme vnde gewife
vns in dinem fride. daz wir vns müezen gevrewen mit l'aint dir. Ift
daz alfo daz. daz wir in nü ane rüefen vnde laden in difera heiligen
*) Ein Wort verwischt,
GERMANIA X. 30
466 K- A- BARACIC
zite fo ift er alfo garwar bi vns vnde fprichet. Ecce ciffum quid uoca-
ftis me. Sehet wa ich bin. den ir äne gerüefen habet . vnde fprichet
aver fa . Ecce ego itenio . et habitabo in medio tuj . wartet wä ich küme;
vnde wil wonen mit dir . Nv fvln wir ovch verneinen mine karissimi
daz heilige ewangelium' daz vnf fcribet fanctus inatheuf . der heilige
ewangelifta . Er feit vns hivte von der kümfte def almehtigen gotis.
Er fcribet. do vnfer got nahete ze ierufalem. vnde köm ad montem
oliua?ti . ze dem olperge . do fanter zwene fine iüngern . vnde fprach
zu in*) . Get in daz kaftel . daz gegen iü ift; da vindet ir eine efelinne
gebvnden. vnde ir vo"len . Lofet fie fprach er. vnde bringet mir fie.
Daz täten die jvngern vnferf herren; fie brahten im die efelinne vnde
füle . vnde leiten ir gewant vf fie vnde hiezen in dar vf fitzen . Do
er do nahete ze ierufalem . do kam daz lantvolk vil nach allez gegen
im. mit lobe vnde mit fange . Svmeliche die wrfen ir gewant an den
wek . da er hin varen folte . die andern brächen aver die grünen zwier
abe den boümen . vnde ftravten an den wek . Div menege div da vor
vnde nach vür . diu rvfte vnde fank . Ofannafilio d. b. q. v. in n. d.
Lob vnde ere fie dem dauid fün gefegent fi der. der da kommet jn
dem nämen vnferf herren . Daz ift daz heilige ewangelium . Nv wir
verneinen waz iz bezeichene . Daz nähen daz vnfer herre tet ze ieru-
salem . daz ift fin vil groziü gute . damite er fich wolte nähen zu
den menifchen . Von diu fprichet . Reuertar ierufalem cum miferieordia.
Ich wil komen ze ierufalem in miner barmede . Von div kom er och
ze dem olperge . wän alf daz ole allem dem vliezentem obe fwebet.|
2aalfo vber trifi'et (in erbarmede vnfers herren elliv dink . Die zwene
ivnger die er fante jn daz kaftel . die bezeichent div **) mjnne vnfers
• herren gotis; vnde vnfers nähelten.an die niemen genefen mak; daz
fie lerten . vnde predigoten . Sie brahten ime die efelinne . div da was
gebvnden. vnde daz fvle. wand got beidiv iuden vnde beiden wolte
behalten; vnde heilik machen . Von div hiez er fie beidiv bringen;
do er fprach . Ite in orbem uniuerfinn et predieate . Vart jn die weilt
fprach er. vnde brediget . Swer fo gelovbet vnde getoilfet wirt . der
ift behalten; fwer def niene wirt . der müez verlornen werden . Die
jvngere vnfers herren . leiten ir gewant vf daz vihe . Daz bedivtet
daz . fo fie den heiligen gelovben lerten . vnde daz livt toüften . do
wrden fie des wirdek . daz got vf in rvwete . Div menige div daz
gewant an den wek ftravte. daz wären die heiligen patriarchen. vnde
die heiligen wiffägen . die da kvnten vnfern herren . daz er komen
\) H$. rin. f*) Es. ziv.
DEUTSCHE PREDIGTEN DES XII. JAHRHUNDERTS. 4ß7
folte . Die livte die cliv grünen zwier abc den boümen brachen . daz
fint die heiligen xij. apoftoli . vnde die heiligen martires.confeffores.
die heiligen bihtigere . vnde die reinen megede die die martyr Uten,
vnde die not in (inem nämen; vnde machten jm einen wek her zvnf.
Diu michel menege . div da vor vnde nach vür . daz fint die vor
cristes gebvrte. vnde fit gelovbtcn; die (Vngen einen fank vnde einen
lop . wand fie beide warden mit finer martyr geheiliget . Nu mine
karissimi . nv fvln oveh wir mit der heiligen menige vnfer herze
vnde vnfer ftimme vfheven gegen vnferrn erlofere . vnde fvln fprechen
J-medictus qni v. jn n. d. Willekomen vnde gefegent fift du . dv da
körnen bift jn dem namen dines vater . vnde hilf vns . daz wir dich
alfo mvezen enpfahen . jh diner menifcheit . daz dv vns noch her nach
enpfaheft jn diner magenkrefte . Nv bite wir den heiligen crilt . daz
er vns genadecliche gerveche ze komen . Vi non jitueniat nos in peecutis
2b dormientes . fed in Juis laudibus e.ruhantes; daz er vns icht jvinde llafende
in den fvnden . vnde des gerrveche ze verliehen daz wir müezen vro-
lichen wachen in finem lobe vnde in (inem dienfte . vnde daz wir
dar komen müezen da er lebet vnde richfet. per omnia f. f. Ad po-
piilum . Nv hevet iwern rvf zem almehtigen gote . daz er iv helfe an
dem Übe . vnde an der feie.
Dominica . ij.
INgredere in petram homo et abjeondere fojj'ci Jnimo afacie domini e.
a gloria maieftatis eius . Vns retet diu heiligiü feripf. daz wir vns vil
gnöte gerrehten gegen der heiligen kvmfte vnfers herren des almeh-
tigen gotis; die wir nü begen fvln. Beati qui parati sunt oecurrere Uli.
Selik fint die die in wirdeclichen vnde rvchlichen enpfahent . Diz zit
da wir alzan inne fin mine karissimi . daz fvl wir wizzen . daz heizet
aduentus domini. diu heiligiü kümpft vnfers herren des heiligen criftes;
vnde bezeichent oveh daz er komen wil an dem jvngeftem tage zer-
teilne lebendige vnde töten . Uistrictus rediens arbiter o. q. m. in. t. Da
komet er in finer magenkrefte . vnde mit dein vleifche daz er enphie
von vnferer vrowen l'ante Marien . vnde komet zorniger vnde grem-
licher. der nü femftcr vnde diemüter in dife weilt kom von diu ftet
da geferiben . Ignis ante ip, p. et i. in c i. eius. Da/, iifir vert vor ime
vnde verbrennet alle fine vient . Sine viante fint jvden vnde beiden.
vnde die vblen cristene . die got vor oügen niht habent . die vf in
niht ahtent . den div weilt lieber ilt denne I in riebe . Den komet er
zorniger vnde blüetiger alfo div bveeh fagent . Videbunt in quem Iranj-
jlxerunt . In gefehent alle die. die in verwuntet habent . vnde l'prichet
30*
468 K. A. BARACK
aver diu fcrift . In die illa oftendet uulnera fua . An deme tage fo zeiget
er fine wnden . Ideo karissimi; fvln wir daz merken, daz alle die
die niht rehte lebent; vnde im finer kumfte . l'iner gebvrte vnde fixier
martir niht dankent; die fint alle im fchvldik . wände die not . die|
3" wenekeit die er leit . die leider vmbe allez menifchen kvnne . Diefe
ligen die aver nii im gedienet habent vnde in wol enpfahent nv in
finer fvezen zvkvmfte . die enphehet er oveh wol in finem vortlichem
gerihte . er fprichet zv in . Venite b. p. M. körnet ir gefegenten mines
vaters : vnde enphahet daz riebe daz iü gegerwet ift von anegenge
dirre werlte. Von der nöte. vnde von den angeften die an dem ivn-
o-esten täo-e werden fol . mine vil lieben feit vnf oveh luvte daz heilige
ewangelium . daz man lifet ze gotis dienfte vnde fprichet . Nam vir-
tutes celorum moitebuntur . Joch die engele . darn himele die werdent
beweget vnde geleidiget vmbe die angelt . die fie ane fehente werden.
Er vorfeit vns oveh vnfer herre an dil'ern ewängelio . daz michel zei-
chen gefchehen e des fün täges . an der fvnnen . vnde an deme manen.
an deme geftirne . vnde von deme doze des meris; vnde daz liüte
beginnen ze dorrene vor vorhte . von der bitvnge der grozer miie
diu da kvmftik ift aller der werlt . Div zeichen mine karissimi! an
der fvnnen . vnde an deme mänen ( — *) habent sich ofte verwandelt.
Iz ift täges ofte groze vinfter worden . Ete wenne fint fie fwarz
worden . ete wenne rot . fam daz blüt . Daz bezeichent allez die wan-
delvnge dirre werlte . Von div mine karissimi. ift daz vns vor gefeit,
vnde geferiben . daz wir vns wandeln vnde bekeren vnfers vnrehtes.
wand wir fin alzan an dem ende . da von S. paulus fprach . Nosfumus
in quos fines Jeculortim denenerunt , Wir lin iz die . die an daz ende
. der werlte komen fint . Des enften wir vns wol alzan von der grözen
ahtfal . daz in der heiligen criftenheit ift . wand triwe vnde warheit
gar gelegen ift. vnde ift vil gewis da von . daz der antecrist schiere
körnen fol der allez daz ze vüeret . daz dir gütis vnde rehtes ist . jn
dirre werlte . Alfo da f'tet geferiben . Ecce uenit anticrist qui uocatur
3b diabolus et Jathanas . qui feducit unj uerfam orbem. Wartet wa der anti-
crist kvmet . der verraten wil alle die werlt . wir miigenz dabi wol
verften daz er feinere kome . wand fine vorboten richfent vil gnöte.
alfo daz heilige ewangelium anderlwa gefprochen hat . Et multi pfeudo
venient.et multos fedneent . Iz koment vil trügenere vnde betriegent
vnde verkerent vil manigen menifchen . Die pfeudo . die falfchere daz
_
*) Ein hiehcr gehörender kleiner Zu^Htz am Rande ist nur theibveise zu ent-
ziffern.
DEUTSCHE PREDIGTEN DES XII. JAHRHUNDERTS. 469
fint vnrehte lerare . die vnrehten rihtere . daz fint ovch fterzere vnde
lotere . vnd ander vnnütze volk; diefelbe niht gutes tünt vnd irrent
ander guter dinge . Nv wizzen inine karissimi; daz zit vnfer hine-
verte vnde daz wir gelten l'vln ze dem gerrihte des almehtigen gotis;
da wir antwrten müezen . vmbe allez daz wir ie getäten . fo fvln
wir tun . alf vns Efayas der heilige propheta ratet . Ingredere ho. et
ab. f. h. a. f. d. et a. g. m. eins. Er fprach . Dv menifche dv folt gen
in den ftein . vnde folt dich verbergen in der grübe der erden . vor
dem antlutze des almehtigen gotis! vnde vor den eren i'iner magen-
krefte . Der ftein da man vns retet in ze gen . daz ift der heilice
erift . da von gelcriben ift . Petra autem erat cristus. In den ftein fvln
wir vns verpergen; vnde fvln vnf kreftigen mit ime . wan ane in lone
mege wir niht tun . Alf er leibe fprach . Sine me nichil pote/tis facere.
Tvn wir daz tone mak vns der leidige viant niht gefchäden . Wir
fvln vns ovch verpergen in die grvben der erden . Daz ift . penitentiam
agamus in fauilta et cinere . Wir l'vln in der grüben . der grozen riwe
die hvlde gewinnen des almehtigen gotis . Des gerrveche er vns ze gera-
tene dvrh fine goteliche gute . fwenne er körne an lin gerihte . daz er vns
rüeche ze ftellene ze finer ze fewen. vbi ipse gloriatur in f. f. AMen.
Dominica . iij.
GAudete ju domino semper jterum dico gaudete . dominus enim prope
est . In difen heiligen ziten der vronen kvmfte vnfers trehtins . fo ratet
1 vns | S. paulus der böte des almehtigen gotis alfo wir hiüte fingen
an dem vronem ambete . vnd an deme wunneclichem gotis dienfte.
da mit wir die meffe äne heven ; wie wir leben vnde tun fvln . Er
fprichet . ir fvlt ivch vrowen in vnferm herren . Swer fich vrövt jn
gote mine karissimi . der vrevt lieh wol . wan der vrevt def . waz got
mit im getan habet . daz er dvrh in kom in dile weilt . vnde daz er
gemartirt wart . daz er erftvnt von deine tode . vnde ze himele für.
vnd ob er rehte leben wil . daz er im l'in riebe hat tjeofnet . So <re-
täne vrevde mine lieben . da lieh der menifche fo vrevt div ift vber
elliv vreuden . Ideo fprach einer vil rehte der da fprach . Cräridenf
gaudebo in domino Ilerrc kod er ich vrewe mich diu vil verre . Die
fo getane vrevde habent die fint felik Die kint def leidegen vientef.
die habent ovch vrevde. Die vrewen lieh mit vmmazigem ezzen . mit
vbertrvnkenheit . mit tanze mit fpile mit rovbe div diübe . mit
hvre . mit manigem vmbilde . Die fo getaner vrevden Ipvlgent . diene
habent mit gote niht zc tüne . wan die werdent geftozen in die tiefe
der helle *) . alfo da geferiben ftet . Filij huius mundi eicientur foras
*) LI.,, helfe.
470 K. A. UAKACK
in tenebras txlcrioref . ibi e. f. et f. d. Iz kvt div kint diffes riebe f
werden geworfen in die üzern vinfternil'fe da wirt weinen vnde zane-
klaffen . Mit den mine karissimj ; haben wir niht ze tüne . Nv fvln
wir verneinen waz vnf mer ift geraten ze tune . Er fprichet der apo-
stolus Ir fvlt aver vröwen . Die zw frovde die er da meinet . daz
fint die zw frovde die wir haben an deme libe . vnd an der feie;
die wir gewinnen fvln an dem jnngeFtem tage . Da von hat gefproehen
div heilige ferift . ' jimn in terra fua dvplicia p off idebunt; leticia sem-
piterna erit eif . Den holden vnfers herren . den wirt in vrevde ge-
4'' zwivaltiget . wan fie j gewinnen vrevde an dem libe . vnd an der feie.
Er fprichet mer . Dominus Noster prope est . Vnfer herre küt er . ift
vil nahen allen mine karissimj . die (ich ze gote nahent . mit gvtem
lebene; mit gebete . mit wachene . mit vaften . mit kirchgengen . mit
aliuvfe . den daz muzliche ift ze tun . ze den naehet er oveh fieh
vnfer herre . all' der herre david da fprichet . an dem falter . Prope est
dominus omnibus inuocanübus eum in ueritate . Vnfer herre ift vil nahen
kvt er . allen den die in anrvfent mit warheite . Die rüfent in an
mit der warheit die daz meinent mit dem herzen . daz fie vür brin-
gent mit dem mvnde . Nv fvln wir oveh vernemen mine karissimi.
waz vns daz heilige ewangelium hiüte feite . von der kvmfte vnfers
herren des heiligen criftes . Iz fprichet Do (ante Johannes der heilige
tovfere in deme karchcre lak . alf in der kvnik herodes drin warf,
dvrh daz wan er in raffte vmbe fin vnreht . vmbe fin vberhvr; wan
er faz oftenliche mit fines brvder kone . vnd er in den noten was jn
der vanknvffe . vnde wol weffe . daz er den tot feinere kiefen folte.
mit der martyr . Do fante er zwene fine. jvngere vnferm herren dem
heilante . wan er hete vernomen fine werch . finiü zeichen die er tet.
vnde fine lere . vnde hiez in vragen . ob erz der were der kvmftek
da folte fin . Er weffe wol mine karissimi . s. Johannes daz erz der
gotis fvn waf . wan er jn getovfet hete . jn deme jordane . vnd in
den Hüten mit dem vinger gezeiget hete . do er fprach . Ecce dgnus
dei ecce qui t. p. M. Wartet kot er . wji daz gotis lamp ift . daz
vertilegen fol die fvnde der werlte Er ne zwivelte dar an niht . er
ne were den lebentigen komen ze trofte vnde ze gnaden; von div
wolter oveh wizzen . ob er vnfer herre wolte ze helle komen . vnde
da ledigen fine holden . Alf er fprache . Ich bin vorbote gewefen her
jn dife werlt . nv enbint mir ob ich oveh din vorbote ze helle fvl fin.
äa Den boten antwrte vnfer herre . [ Nv vart hin widere . kot er vnde
feit . iohanni . daz ir gehört vnde gefehen habt Die blinten die ge-
fehent . die toren die gehorent . die halzen die gent . die mifelfvhtigen
DEUTSCHE PREDIGTEN DES XII. JAHRHUNDERTS . 471
werdent gerreineget . die toten erftent . die dvrftigen werdcnt gewifet
vnde geleret . vnde fint die vil felik kot er . die an mir niht gewir-
fert werdent . Die rede enbot er im alfo; daz er da bi folte wizzen
alle die gnade . die er begie jn dirre werlte an den lebentigen . die
Wolter ovch begen da ze helle an den . die l'inen willen heten getan.
Wan alle mine karissimi . die ze vngnäden fint . die fint blint . wan
fie mvgen gotis niht gefehen . Sie fint ovch vngehornt . wan fie ne
mügen daz himelifchez gefank niht gehören . Sie fint ovch halz.
wände fie nimmer dannen komen mügen . niwan mit den helfen des
almehtigen gotif . Sie fint ovch mifelfvhtik . von den miflichen fvnten.
die fie begangen habent . Die töten erftent . Die toten erftvnden;
do vnfer herre ze helle vür . vnde die fine dannen löfte . Die armen
wrden gelert. Daz waren die armen xij. apostoli vnfers herren . Die
wären pauperes fpiritu . vnde waren ovch des gutes arm . die lerte
er vnfer herre div gebot finef vaters alf er fprach . Omnia quaecumque
audiui a p. M. n. f. u- Allez daz ich hän vernömen von minem vater
daz han ich iü allez kvnt getan . Vnde fint ovch vil felik kot er.
die an mir niht gewirfert werdent . Die Juden wrden an im harte
gewirfert . Do fie rvften . &i filius dei es defcende de cruce . Biftü der
gotis fvn fprachen fie; fo ftik her abe dem cruce Wand er vnfer herre
den feiigen wolte' komen ze trofte . dar vmbe enbot er im die botefchaft.
daz fie im fie alfo feiten . alf er in enböten hete . Da mite vüren *)
die böten wider ze ir meifter . Do begvnde vnfer herre zv der me-
nige reden von fancto iohanne . Nach wiü köt er wart ir gevarn in
die wüfte;**) Daz ir gefehet eine rore div beweget wirt von dem
5h winde. Derne | fehet ir an Johanne niht . Wannen von diu rede köme
daz fvln wizzen . mine karissimi . Vnfer herre S. Johannes dennoch
do er kint was; do hvb er lieh in die wfte . vnde lebete da hertes
lebenef . vnde keftigete finen lip . mit dvrfte . mit hvngere; vnde was
firi gewete geflöhten vz olbenten häre . Do fie vernämen die grözen
heilikeit . do hüben fie lieh fchärhaft dar . daz fie befehen l'in leben,
vnde vernämen fine lere . Von diu vraget er fie vnfer herre . ob fie
da fehen eine röre . alf er fo fprache . Diu wägente röre daz ift
iohannef . niht . der vil vefte vnde der stete . an linem gelovben vnd
an finem heiligen leben ift . vnd an liner lere . Er vragete fie aver
waz fie fvchten . Einen man der mit linden gewete gevazzet were.
De\' fvlt ir da niht lachen . wan die vindet man jn der kvnigo höve.
*) Die Hs. wiederholt iVren.
**) Hs. wnste.
472 K A- BABACii
Vnde fprach aver fa . Ir füchet einen wiffägen . zvvare köt er er ist
mer denne ein wiffäge . Er ift der . köt er . von deme da gefcriben
ift . Ecce cgo initto . angelum m. qiä praiparabit v. a. f. M. Ich wil
fenden rainen engel vur min antlvtze . der i'ol mir den wek machen.
Der engel vnde der böte, was vnfer herre S. Johannes; der vns den
wek hat gemächet . Nu fvl wir vni" niht fvmen; wir fvln ilen gegen
der kümfte . vnferf herren . vnde fvln in mit triwen vröliche enphahen;
daz ovch er vnf enpfahe . VbL ipse uiuit et r. deus per o.J. f. AMen.
Dominica iiij\
CAnite tuba in fyon; uocate gentes . annunciate populis etdicite. Ecce
deus fal. n. ad. Diz mine karissimi . ift der vierde fvnnentak . da wir
inne begen die heiligen kvmft vnferf herren . Die vier fvnnentage.
bezeichent die vier werlt . die vor criftes gebvrte wären . Div eine
werlt was von anegengevonadames zitenvnzan den herren noe . Diu an-
der werlt was von des herren noe ziten . vnz an abraham . Diu dritte was
6a von abraham vnz an den herren dauid. Diu [vierde von dauid vnz an die
gebvrt vnfers herren . In den vier werlten da wären jnne die heiligen pa-
triarche Die heiligen kvnige . die heiligen wiffägen . Die alle predi-
o-eten. vnde kvnten . daz körnen folte vnfer herre . zv den fprach div
götis ftimme . difiv wort die wir nü fprachen. Canite tuba et cetera . Irfvlt
mit dem here hörn fingen jn l'yon . Div herehorn wären die heiligen
wiffägen . dvrh die der heilige geilt lank . div grözen wnder die
vnfer herre begen wolte . in dirre weilte . Die herhorn . wären ovch
die heiligen xij apoftoli . die heiligen martirere . die heiligen bihtigere.
vnfers herren . die vnf gefvngen . vnde gekvndet häbnt die himelifchen
gnade . In was geböten daz fie ladeten die cliet . Die diete wrden
alle gelädet . do er (ante in die heidenfchaft . daz fie die lerten vnde
bekerten . Alf er fprach zu (inen jvngern . Ecce ego mitto v.J. o. jnter
lupos . Ich fente ivch köt er . alfam diu fchaf vnter die wolfe Ännun-
cjate populis . Er fprach . ir fvlt künt den Hüten . Die Juden hiezen e
mines trehtins Hute wan er hete fie alfo an lieh genömen . daz er
michel wnder mit in begie . wände er die Juden vnde die beiden
zu der toufe ladete . vnde ze der criftenheit; fo hiez er kvnden . vnde
fao-en . daz ir heilant körnen folte . Mine karissimi . diu kvmft vnfers
herren diu ift in drin ente . Er kom jn dife werlt . do er geborn wart,
er wirt ovch geborn ze difen wihen nahten den feiigen ze trofte vnde
ze heile . Alle die fine gebvrt begent mit der minne des heiligen geiftes.
Er körnt ovch an deme jvngestem tage . fwenne die heiligen engele
daz hörn blafent . Alfo da gefcriben ftet . Canet enim tuba et moituj
DEUTSCHE PEEDIGTEN DES XII. JAHRHUNDERTS. 473
refurgent . Swenae man daz hörn bläfet fo erftent die toten . Mine
karissimi . ze der ftimme des hiraelichen hörnes fvln wir vnf gerrehten.
6h vnde fvln vn f ze der inauunge der heiligen wiffagen rihten . die wol I we f fen
daz er körnen folte . vnde was des vil vnvrö . daz er fine gebvrt fo
lank vf fchövp; wän izen waf ir deheiner fo heiliger . erne müefe
die vjnfter büwn . vnz daz er felbe körn . vnde fie dannen lofte . Izn
was ovch ir deheiner fo rehter . hete er des fivres niht . er ravefe
iedoch dis vinfter haben . Dvrh die grözen vnvreüden die fie heten.
fo ne finge wir niht Gloria jn excelßs deo . an den vier fvnnetägen.
vnze wir iz vroliche beginnen ze fingene mit den heiligen engelen
ze wihennahten . Dvrh den vil michelen jämer vnde not die fie heten.
fo ruften fie in an; daz er gnadecliche körne . Alf moyfes da fprach.
mit dem got felbe redete alf ein vrivnt mit dem anderm . Obfecro
domine .köt er mitte quem mijfurus es. uide afflictionem populi tuj sicut.
locutus es. veni et libera nos . Herre kot er . Ich bite dich fente vnf.
den dv doch fenten wil . fich vnfer not an; vnde kom alf dv gefpro-
chen häft! vnd erledige vns . Alf er l'prache . Herre genediger . daz
dv doch tun welleft daz tu enzit . Veni per in camationem . köm vns
mit diner gebvrte . et libera nof per tuam paffionem . vnde erledige vns
mit diner marter . Daz fprach ovch jacob der heilige patriarcha . an
finem ente do er ze iener werlte zoch . Salutare tuum expectabo domine.
Herre köt er. Ich wil dines heiles enbiten . Alf er fprache. Ich weiz
wol daz ich varn fol die allichen vart . fo wil ich doch biten da dines
heiles . Der heilige kvnik dauid . qui fuper fenef jntellexit . der verror
fprach von deme getougen vnfers herren denne die andern wifen herren;
deme wäf fo not nach finer kümfte . daz er fprach . Domine jncUna
celos tuos et defceude . Herre neige den himel . vnde ftik her nider
Daz meinte er allb . Sente dine goteheit her ze täl . daz fie die me-
nifcheit an fich nemo . Der gvt efayas . def buech man alzan lil'et.
der dvrh s;ot gemartirt wart . vnde mit einer hvlziner
VOLKSSAGEN AUS DEM OBER-WALLIS.
I.
Vom starken Manne mit den Eisenstangen.
Eint's Tages kam ein riesenhafter Mann in das Thal, der in bei-
den Händen gewaltige Eisenstangen trug. Er trat in die Mitte des
Thaies, schwang seine Stangen und wollte keinen mehr hindurchlassun.
Mit lauter Stimme forderte er zum Kample heraus. Da kam ein kleiner
474 FRANZ LKIBINU, VOLKSSÄGEN AI 's DKM OBER-WALLIS.
Mann gegen ihn, der nichts hatte als ein Messer. Er lief dem Großen
zwischen die Beine, klammerte sich fest und brachte ihn endlich zu Falle.
Da stieß er ihm sein Messer in die Kehle, also daß der Riese starb.
II.
Vom verrätherischen Priester.
Zur Zeit als die Walliser in großer Kriegsgefahr waren, ließ der
Priester in einem Dorfe ansagen, daß Alles, Männer und Weiber und
Kinder, zur bestimmten Stunde in die Kirche kämen. Sie giengen aber
Alle dahin, denn sie wussten nicht, daß der Priester sie ihren Feinden
verrathen hatte. Nur ein einzig Weib blieb zu Hause, denn ihr Kind
schrie und wehrte sich und wollte nicht aus der Thüre. Als sie es
aber nach langer Zeit beruhigt hatte und aus dem Fenster sah, da
erblickte sie von ferne den Feind, der ganz still heranzog. Schnell eilte
sie nach der Kirche und rief: „Der Feind, der Feind!" Da erkannte
das Volk, daß es verrathen war. Der Priester wollte entfliehen, aber
man ergriff und erschlug ihn.
III.
Vom riesenhaften Schwinger.
Ein Riese zog durch das Wallis und forderte jedermann zum
Schwingkampfe heraus. Er war aber mit Ketten gebunden. So kam er
auch zum Bischöfe von Sitten. Dieser sagte, er habe einen Pathen,
der ihn zwinge. Da sagte der Riese: „So laß ihn kommen." Der Pathe
wohnte aber weit von Sitten, deshalb schickte der Bischof zu ihm.
Er aber antwortete: „Ich habe keine Hosen." Da ließ der Bischot
wieder fragen, wieviel Zeug er denn brauche. „Acht Stepp." Der Bi-
schof schickte das Zeug und der Pathe kam. Er rannte auf der Bahn
mit dem Schwinger zusammen und zwar so gewaltig, daß der Schwinger
beim ersten Anlauf todt blieb. „Was willst du zum Lohn?" fragte ihn
der Bischof. „„Brot."" Da gab ihm der Bischof einen Sack Korn und
jener trug ihn auf seinen Schultern nach Hause.
IV.
Von dem Priester und der Hexe.
Ein altes Weib sollte ein Hexe sein. Um sie zu prüfen, ließ der
Priester sie kommen und fragte sie, wie man es machen müßte, damit
die Leute das Heu nicht einfahren könnten. Das Weib antwortete:
„Ich will es schon machen. Geht ihr nur auf die Höhe, nehmt einen
Krug Wasser, und ich werde unten warten und werde donnern und
blitzen, dann müßt ihr gießen. So thaten sie. Alsbald überzog der
Himmel sich, es fieng an zu regnen, und die Hexe wurde ergriffen.
1 V. ZINGERLE} ZO KUD1U X. 475
V.
Von der Zwergin (Getwergin) und der Hebamme.
Eine Walliser Frau ward eines Nachts zu einer Getwergin ge-
rufen, die in Kindcsnöthen war. Als sie der Gebärenden geholfen hatte,
füllte man ihr zum Danke die Schürze voll Kohlen. Auf dem Heim-
wege ließ sie viele der Kohlen rechts und links auf die Erde fallen.
Da sagte das Zwergweibchen, welches sie zurückführte, so oft wieder
Kohlen fielen:
Je mehr du sahscht,
Je minner du hascht.
Daheim warf das Walliser Weib die Kohlen in die Ecke, aber als der
Tag anbrach, erkannte sie, daß es Gold war.
VI.
Vom Hirten und dem Getwerge.
Es war einmal ein Hirt, der hatte einige Kühe an entlegenem Ort,
so daß es ihm schwer war, täglich dahin zu gehen. Da kam ein Ge-
twerg zu ihm und sprach: „Ich will dein Vieh besorgen, damit du
nicht den weiten Weg hast." Das nahm der Hirt an und blieb vier-
zehn Tage aus. Als er endlich kam , nach seinem Vieh zu sehen , da
war es verdorben. Da gieng der Hirt in die Scheune und fand da den
Getwerg auf dem Heu liegen. Er fragte ihn, warum er das Vieh nicht
besorgt habe, wie er versprochen. Der Getwerg antwortete: „Es war
Wind und bei Wind gehe ich nicht aus." Da wurde der Hirt zornig,
nahm eine Hechel und fuhr ihm über den Leib, indem er ausrief;
„Ich will dich hecheln, bis dir die Hechel am Leibe hängen bleibt."
VII.
Von der Vertreibung der Getwerge.
Die Walliser wollten die Getwerge endlich nicht mehr bei sich
dulden. Da baten die Getwerge, man möge sie doch lassen, sie wollten
die Rhone mit ßlei auslegen, damit sie nicht mehr austreten könne.
Aber man nahm es nicht an und trieb sie aus.
ELBERFELD. FRANZ LEIBJTNG.
ZU KUDRUN.
Ich habe in dieser Zeitschrift 1, 293 nachgewiesen, daß Personen-]
namen aus der Kudrun in Tirol vorgekommen sind, und VI, 44 die
Vermuthung ausgesprochen, dal.\ der Name ( 'ampatille wabrscbeinHeh vom
tirolischen Abschreiber des Heldenbuches anstatt Matelane gesetzt
47Ö LITTERATUR.
worden sei. Noch interessanter als dies dürfte der Umstand sein, daß
ein Ortsname in Tirol an Kudrnn, das in oberdeutscher Form Kuntrun,
Gundrun lautet, anklingt. Aus handschriftlichen Aufzeichnungen des
Priesters Joseph Ladurner ersah ich, daß der Weiler Rabland früher
Kuntraun geheißen habe; doch fehlte bei dieser Angabe jeder Beleg.
Nun aber liegt mir ein solcher im Tiroler Urbar vom J. 1285 vor.
Es heißt dort: den swaichof ze Cautraicn von dem röten burggraven giltet
sehzehen phunt. aigen. Da in diesem Schriftstücke die langen Vocale
meist aufgelöst sind, würde die ältere Form Cütrün lauten, was dem
Namen Kudrun allerdings sehr nahe steht.
I. V. ZINGERLE.
LITTERATUR
ZUR GESCHICHTE DER ISLÄNDISCHEN LITTERATUR.
1. Neu aufgefundene Bruchstücke der Hauksbök. Eine der werth-
vollsten Isländischen Handschriften ist bekanntlich diejenige, welche nach ihrem
früheren Besitzer und theilweise zugleich Schreiber den Namen der Hauksbök
führt. Ein Sohn des Isländischen Lögmannes Erlendur sterki, hatte Herr Haukur
in den Jahren 1294 — 99 das gleiche Amt auf der Insel bekleidet, später die-
selbe Würde im Norwegischen Borgarpmg, dann Gulaping überkommen, und war
im Jahre 1334, wahrscheinlich in Bergen, gestorben. Über den Mann sowohl
als über seine mancherlei Schriften ist von Vielen gehandelt worden, und füge
ich den von Möbius in seinem Catalogus S. 100 gegebenen Nachweisen nur noch
zwei spätere Besprechungen bei, nämlich von Gudbrandur Vigfüsson, in der
Vorrede zu den Biskupasögur, I, S. XI — XIX r(l858), und von Jon Sjgurdsson,
in seinem Lögsögumannatal og Lögmanna ä Islandi (Safn til sögu Islands og
islenzkra bökmcnta, II, 1860), S. 4 6 — 4 7. — Wir ersehen aus den Angaben,
welche Jon Sigurdsson in der Antiquarisk Tidsskrift 1846' — 48, S. 108 — 16,
und Gudbrandur Vigfüsson, am angef. Ort, gemacht haben, daß von der ur-
sprünglich einen Hs. nunmehr drei Stücke in der Arnamagna\ina aufbewahrt
werden, welche, mit Nr. 37 1, Nr. 544 und Nr. 675 in 4. bezeichnet, von
Arni Magnüsson nach und nach aus verschiedenen Theilen der Insel zusammen-
gebracht worden waren; daß diese drei Stücke bereits zu seiner Zeit keineswegs
die ganze Hs. umfasst, vielmehr damals schon sehr erhebliche Defecte gezeigt
hatten; daß endlich ein paar Blätter, welche zu des Arni Magnüsson Zeit noch
vorhanden gewesen waren, inzwischen verschwunden sind, ohne daß über deren
Verbleiben irgend welche Nachricht zu finden gewesen wäre. Diese letzten Blätter
sind es nun, welche man neuerdings wieder auf Island entdeckt zu haben glaubt,
und über deren Entdeckung ich auf Grund^ einiger in die Isländische Zeitschrift
pjdddlfur eingerückter Angaben von Jon Arnason, Sigurdur Gudmundsson und
Gudbrandur Vigfüsson hier berichten will (vgl. dazu 16. Jahrgang 1864, S. 7 1
und 143, und 17. Jahrgang, S. 3. 4). — Es hatte aber der verdiente Lehrer
der gelehrten Schule zu Reykjavik, Dr. Hallgrfmur Scheving, 14 Pergament-
LITTERATUR. 477
blätter besessen, welche nach seinem Tode (f 31. December 186l) von seinen
Söhnen an eine Sammlung Isländischer Alterthümer geschenkt wurde, die durch
den Bibliothekar Jon Arnason und den Maler Sigurdur Gudmundsson neuerdings
zu Reykjavik begründet worden ist. Ob Dr. Hallgrimur selbst, oder ob dessen
berühmter College, Dr. Sveinbjörn Egilsson, welcher diese Blätter bei der Aus-
arbeitung eines Lexicon poeticum antiqiue lingua? septentrionalis benützt haben
soll, über deren Beziehungen zur Hauksbök sich bereits klar waren oder nicht,
weiß ich nicht zu sagen ; gewiss aber ist , daß ein dritter und jüngerer Lehrer
an derselben Schule, Jon porkelsson, in einer tüchtigen Abhandlung „Um r og
ur 1 nictrlagi orda og orctstofna i islenzku", welche zu Reykjavik 18 6 3 als Schul-
programm ausgegeben worden ist , gelegentlich schon die Überzeugung ausge-
sprochen hatte, daß dieselben einen Theil der Hauksbök ausgemacht haben
möchten , welche Vermuthung dann durch die vorgenannten drei Einsender im
pjöctölfur des Näheren ausgeführt wurde. In der That scheint dieselbe begründet.
Arni Magnüsson selbst hatte den Inhalt der Hauksbök , soweit er sie über-
kommen hatte, in lateinischer Sprache aufgezeichnet, und dabei, nachdem er
an erster Stelle die Landnämabök und Kristindömssaga genannt hatte, weiter-
gefahren: „Geographica qusedam et physica. Theologica quaedam ex sermonibus
Augustini. Varia, atque inter ea astronömica quaedam", worauf dann noch „Theo-
logica quaedam, videntur esse ür Adamsbök" und andere Stücke aufgezählt werden,
welche noch heutigen Tages in der Arnamagnseana vorhanden sind, während jene
Geographica, Theologica und Varia derselben abhanden gekommen sind. In einem
Cataloge ferner, welchen Jon Olafsson im Jahre 1731 über die Handschriften-
sammlung anfertigte, wird bei Nr. 544 unter Andern angeführt: „um marghätt-
aitar pjödir, um heidindöm, hvadan skurdgodablöt höfust, um drauma, um Anti-
kristum, um upprisu dauetra, um imbrudaga, um regnbogaliti, um sölstödur, og
solar upp - og nidurstigningu (synist ad vera ür Rimbeglu), um borgaskipan og
legstadi heilagra", u. s. w. Anderentheils giebt Sigurdur Gudnmudssou über den
Inhalt jener 14 von Dr. Hallgrimur hinterlassenen Blätter Folgendes an: „i J>erisu
broti er: 1. um landaskipun og furduverk ymissra landa, og um nafnfrssgar borgir;
2. gudfraedislegt; 3. lysing ymsra pjöda eftr sem heita mega kynjainenn ; 4. um
hvernig blöt fyrst höfust; 5. um drauma; 6. um einbauga; 7. um sölstödur,
um uppstigning solar og nidrstignfng ; 8. um horgaskipun og legstadi helgra
nianna etc. Her a er sumpart päd sama og er 1 Rimbeglu bis. 305, og 354 en
sumpart annact og ödruvisi." Man sieht, die beiderseitigen Inhaltsangaben stimmen
genau genug überein, und zumal unter denen des Jon Olafsson und des Malers
Sigurdur ist die Übereinstimmung theilweise sogar eine nahezu wörtliche. 'Was
wir über die äußeren Schicksale der Hs. wissen , steht dem aus dem Inhake
derselben zu ziehenden Schlüsse wenigstens nicht im Wege. Dem Dr. Hallgrimur
waren seine Blätter durch Erbschaft zugefallen, und zwar aus dem Nachlasse des
sera Stefan Einarsson zu Saudanes (t 18 47); woher sie diesem zugegangen waren,
weiß man nicht, aber deren Aussehen zeigt, daß sie längere Zeit für sieh allein
in der Welt herumgefahren sein mäßen. Anderntheils ist klar , daß die jetzt
abgängigen Blätter der Hauksbök im Jahre 1731 noch vorhanden waren, und
somit nicht, wie Gudbrandur früher vermuthet hatte, in dem großen kopenha-
gener Brande von 17 28 zu Grunde gegangen sein können. Bei der bekannten
Sorglosigkeit, mit welcher man früher die handschriftlichen Schätze der Arna-
magDJeana zu behandeln pflegte, mag es wohl sein, daß auch diese Blätter wie
478 LITTERATUR
so manche andere irgend einem jungen Isländer, der für Suhm arbeitete oder
sonst irgend welche Quellenausgabe in Arbeit hatte, ohne irgend welchen Aus-
weis hinausgegeben und dann durch irgend einen Zufall nach Island verschleppt
worden seien; kann sein daß, wie Gudbrandur annimmt, Stefan Björnsson, der
Herausgeber der Ri'mbegla, dieselben nicht zurückgegeben hatte, und daß sie nach
seinem Tode (f 1798) sich nach Island verirrten; möglich auch, daß, wie An-
dere meinen, dieselben von dem Herausgeber der Vigaglümssaga, Gudmundur
Petursson, dahingebracht wurden : so wie so wäre die Lostrennung der wenigen
Blätter von der übrigen Hs. und deren Rückkehr nach Island leicht erklärbar.
Doch bleibt mir immerhin noch ein Zweifel. Sigurdur Guctmuhdsson erklärt,
es seien diese dieselben Blätter, welche Dr. Sveinbjörn in seinem Lex. poet.
S. 241 (nämlich s. v. gilja) citiere, und welche auch in der Vorrede S. 3 4 er-
wähnt würden; nun finde ich aber in dem Index Siglorum, S. XXXTV, die von
Dr. Sveinbjörn gebrauchte Abkürzung „Bl." oder „BI. membr." also erklärt:
„Blöd (= folia) membranea, varii argumenti : geographici, historici, astronomici,
in collectione Arna - Magnasana Nr. 544, 4, (Antiq. Russes II, 426 — 44l).<<
Danach sollte man meinen, daß zu der Zeit, da jener Index siglorum verfasst
wurde, also nach dem Tode des Dr. Sveinbjörn (f 1852) und vor der Heraus-
gabe des Schlußheftes seines Lexicon (18 60), die fraglichen Blätter noch in der
Arnamagna?ana gelegen hätten; daß aber dabei irgend ein Irrthum mit unterläuft,
wird noch klarer, wenn man die angeführte Stelle der Antiquites Russes (18 5 2) nach-
schlägt. Hier wird nämlich angegeben, daß die „geographica qusedam et physica",
welche Arni Magnüsson als zur Hauksbök gehörig notiert habe, in AM. 5 44 nicht
mehr enthalten seien, wogegen in Nr. 7 65 in 4. eine von Arni selbst genom-
mene Abschrift vorliege, aus welcher denn auch sofort mehrfache Auszüge ge-
geben werden; zugleich wird aber an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht,
daß im Jahre 1821, als Werlauff seine Symbola? ad geographiam medii a?vi ex
monumentis Islandicis herausgab, die Blätter noch vorhanden gewesen sein müßten,
da auf S. 5 — 6 dieses Programmes der „Folia qvredam argumenti historico-geo-
graphici, diversis manibus scripta in Codice Membranaceo Arna-Magn. Nr. 5 44 in 4."
gedacht, und Einiges aus denselben mitgetheilt wird. Nun lässt sich schwerlich
annehmen, daß sowohl Werlauff als der Verfasser des Index siglorum zum Lex.
poet. (meines Wissens Gudbrandur Vigfüsson), ja sogar Dr. Sveinbjörn selbst,
denn auch der von ihm selber verfasste kürzere Index siglorum enthält schon
die gleiche Angabe, einen nicht mehr vorhandenen Theil der Hauksbök als noch
vorhanden , und beziehungsweise als von ihnen persönlich benützt bezeichnet
haben sollten; sollte aber etwa neben den verlorenen und nun wieder aufgefun-
denen Bruchstücken der Hauksbök noch ein anderer Theil dieser Hs. ebenfalls
geographisch-historische Notizen enthalten haben, und von Werlauff noch benützt,
von den Herausgebern der Antiquites Russes nicht mehr aufgefunden, dennoch
von Dr. Sveinbjörn eingesehen und von Gudbrandur gekannt sein? Der ganze
Irrthum würde sich solchenfalls darauf beschränken, daß Siguntur Gudmundsson
fälschlich die von Dr. Sveinbjörn als „Bl.u citierten Arnamagnasanischen Blätter
mit den von Dr. Hallgrimur hinterlassenen identificiert hätte. Isländische Freunde
werden den Zweifel wohl zu lösen wissen, und mögen hieinit darum gebeten sein.
Nachtrag. Der am Schluße des obigen, im April 1. J. geschriebenen
Aufsatzes ausgesprochene Wunsch ist inzwischen bereits theilweise in Erfüllung
gegangen. Die Isländische gelehrte Gesellschaft hat vor wenigen Wochen mit
LITTERATUR. 479
ihren übrigen diesjährigen Veröffentlichungen ein kleines Heft versendet, welches,
XXIV und 5 4 S. 8°. stark, den Titel trägt: „Nokkur blöd ür Hauksbök og
brot ür Gudmundarsögu gefin üt af Jöni porkelssyni a kostnad hins l'shmzka
bökmentafelags. Reykjavik. I prentsmidju Islands. E. pördarson ISO 5." Die
Vorrede behandelt auf S. II — XXIII das Geschlecht, den Lebenslauf und die
Nachkommenschaft des Haukur Erlendsson , dann die Hauksbök im Allge-
meinen und die hier in Frage stehenden Bruchstücke insbesondere , endlich auf
S. XXIII — IV das beigegebene, sehr unbedeutende, Fragment der Gudmundar
saga; vom Textabdruck fallen 42 S. auf die Hauksbök. wenig über 5 Seiten
auf die Gudmundarsaga, während Namen- und Wortregister das Ihrige füllen.
Bezüglich Werlauffs nimmt der Herausgeber, dessen saubere Arbeit und verlässige
Kritik auch in dieser Publication wieder in erfreulichster Weise hervortritt,
trotz dessen entgegenstehender Angabe an, daß er das Original der Hauksbök
nicht zur Hand gehabt habe; bezüglich des Index siglormn des Dr. Sveinbjörn
spricht er sich dagegen nicht aus, doch wird auch dieserhalb dasselbe gelten müßen.
MÜNCHEN, den 31. October.
2. Eyrbyggjasäga, herausgegeben von Gudbrandr Vigfüsson. Mit einer
Karte. Leipzig, F. C. W. Vogel, 1864; LIV und 146 S. 8.
Eine der wichtigsten Isländischen Sagen wird unter obigem Titel dem
Publicum in ebenso trefflicher Bearbeitung als gefälliger und handlicher Ausstat-
tung geboten. Auf Island seit dem Wiederaufleben der einheimischen Cultur viel-
fach gebraucht und gefeiert, von Arngrimur laercti bereits benutzt (in seiner Cry-
mogsea, 1609), von Arni Magnüsson hoch geschätzt und auch von pormödur
Torfason fleißig zu Ratke gezogen , von Bischof Finnur Jönsson aber zu den
besten einheimischen Geschichtsquellen gerechnet, hatte die Eyrbyggja doch erst
im Jahre 17 87 in Grimur Jönsson Thorkelin einen Herausgeber gefunden. Bis
dahin nur durch einzelne Citate bei Isländischen oder den Isländern nahe ste-
henden Verfassern (wie etwa Thomas Bartholin , Suhm , Sehöning) im Auslinde
bekannt, war die Quelle damit allerdings auch diesem zugänglich geworden, wie
sie denn auch von Walter Scott in Englischer (1813) und von Niels Matthias
Petersen in Dänischer Sprache (l 844) bearbeitet, und von Deutschen, Norwe-
gischen, Dänischen Verfassern vielfach benützt wurde ; aber jene editio prineeps
ist heutzutage nur schwer aufzutreiben, und überdies auch an und für sich
durchaus unzureichend, indem die kritische Behandlung ihres Textes eine höchst
mangelhafte ist und dessen Abdruck Überdias von den ärgerlichsten Druckfehlern
noch weiter entstellt wird. In den Antiquitates Apaericanas (1837) wurde freilich
später noch ein kleineres, und in Grönlands historiske Mindesmarker 1. (1838)
ein größeres Stück der Sage auf Grund einer Verglciehung der IIss. neuerdings
herausgegeben; allein da beidemale nur ein Stück der Sage gegeben wurde,
und zumal das größere (durch Finn Magnüsson) noch obendrein in weit unkri-
tischerer Bearbeitung als bei Thorkelin, war auch damit dem Mangel keineswegs
abgeholfen. Etwas Überflüssiges hat also Freund Gractbraadjir mit seiner neuen
Ausgabe jedenfalls nicht gethan ; sehen wir zu, wie weit sich ans deren Anlage
und Durchführung das Eingangs ausgesprochene günstige l'rthcil über dieselbe
rechtfertigen lasse.
Betrachten wir zunächst das handschriftliche Material, auf welches
die Ausgabe sich stützt, und über welches S. XXIII- XXXII der Vorrede Auf-
480 LITTERATUR.
Schluß ertheilt. Es ist bekannt, daß die Isländischen Gelehrten im Allgemeinen
die Papierhss. gering zu achten, dagegen Allem, was auf Pergament geschrieben
ist, ihre ganz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden pflegen ; es lässt sich aber
auch nicht verkennen, daß dieses Verfahren, wenn zwar bei dem eigenthümlichen
Gange der Isländischen Literaturgeschichte leicht erklärlich, doch in gar manchen
Fällen ein ganz und gar nicht gerechtfertigtes ist. Die Isländischen Membranen
gehören, wenigstens so weit die geschichtliche Sagenlitteratur in Frage ist, meist
dem Ende des 13., dem 14. und dem 15. Jahrhunderte an; nur wenige von
ihnen reichen in das 16. oder gar in das 17. Jahrhundert herein, während die
Papierhss. erst gegen die Mitte dieses letzteren beginnen, so daß zwischen diesen
und jenen em Zeitraum von nahezu anderthalb Jahrhunderten in Mitte liegt,
während deren das Abschreiben der einheimischen Geschichtsquellen völlig ins
Stocken gerathen war. unser Herausgeber, welcher sich schon früher in seinem
Vorworte zu den ßiskupasögur I. (l868), S. VII — XI, über diese eigentüm-
liche Erscheinung ausgesprochen hatte, giebt auch hier wieder, auf S. VIII — X
seiner Vorrede, ein paar Andeutungen zu deren Erklärung, bezüglich deren man
nur bedauern kann, daß er sich nicht erschöpfender über die Frage hat äußern
mögen. Er macht darauf aufmerksam, wie bereits im 15. Jahrhunderte, nach
der Zahl der aus ihm erhaltenen Hss. zu schließen , die Theiluahrne an den
Islendingasögur und Noregskonüngasögur entschieden im Rückgange begriffen war,
während die helgra manna sögur , d. h. Legenden, und die riddarasögur, d. i.
Ritterromane ausländischen Ursprungs, die unbestrittene Oberhand erlangt hatten.
In der ersten Hälfte des IC. Jahrhunderts beschäftigte man sich sodann fast
nur einerseits mit geistlicher Liederdichtung, und andererseits mit den soge-
nannten rimur, d. h. mit gereimten Paraphrasen, zumeist ausländischer Ritter-
geschichten. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts an begann endlich die Refor-
mation ihren Einfluß geltend zu machen, und jetzt wandte man der heil. Schrift,
der Deutschen Theologie und dem Deutschen Kirchenliede seine ausschließliche
Aufmerksamkeit zu, so daß für die Geschichte der eigenen Heimat auch jetzt
noch weder Zeit noch Neigung übrig blieb. Erst mit dem Anfange des 17. Jahr-
hunderts begannen einerseits der gelehrte Propst Arngn'mur Jönsson (f 16 48)
und der nicht minder fleißig schriftstellernde Bauer Björn Jönsson zu Skardsä
(f 1665), andererseits die Bischöfe Oddur Einarsson (l589 — 1630) und Brynj-
ülfur Sveinsson zu Skälholt (1639 — 167 4), dann porläkur Skülason zu Hölar
(1628 — 1656), den einheimischen älteren Schriftwerken wieder liebevolle Theil-
nahme zu schenken, und von jetzt ab entstanden denn auch Papierabschriften
derselben in großer Zahl , welche natürlich sammt und sonders von den Mem-
branen abhängig sind, die um die Mitte des 17. Jahrhundert noch im Lande
zu finden waren, und lediglich als mehr oder minder gute oder schlechte Copien
jener Originale erscheinen. Es begreift sich, daß solche spätere Abschriften ohne
allen und jeden urkundlichen Werth sind, soweit uns die Urschriften noch selber
vorliegen, von denen sie genommen sind, und dieses ist bezüglich weitaus der
meisten unter ihnen glücklicher Weise wirklich der Fall; ganz anders muß aber
die Sache begreiflich in dem anderen Falle stehen, wenn die Membranen, deren
Copien die betreffenden Papierhss. sind, inzwischen verloren gegangen sind, und
auch Dergleichen kam bei der Leichtfertigkeit, mit welcher die alten Documente
im 17. Jahrhunderte noch vielfach behandelt wurden, nur zu oft vor. Nicht
wenige Pergamenthss. wurden in der angegebenen Zeit von einzelnen Isländern
LITTERATÜR. 481
nach Schweden ausgeführt; andere wurden von Bischof Brynjülfur oder andern
seiner Landsleute an den Dänenkönig, oder an vornehme Herren in seiner Um-
gebung, oder auch an einzelne Gelehrte geschenkt, bei denen etwa der Schenker
etwas zu suchen hatte (so an Ole Worni, Peder Resen , Stephan Stephanius, Otto
Friis, Georg Seefeld u. dgl. m.) ; was in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts
noch im Lande zu finden war, sammelte endlich Arni Magmisson , welcher wie
bekannt die Insel ziemlich rein ausplünderte und auf was er nur die Hand legen
konnte, nach Kopenhagen hinüberbrachte. Nun sind zwar die nach Schweden
gelangten Hss. in den Bibliotheken von Stockholm und Uppsala grüßtentheils
noch erhalten, und nicht minder sind diejenigen, welche B. Brynjülfur dem Kö-
nige von Dänemark verehrte, in der großen königlichen Bibliothek zu Kopen-
hagen wohl aufbewahrt; wenn ferner die Sammlung des Arni Magmisson zwar
allerdings durch den großen Kopenhagener Brand von 17 28 nicht unerheblichen
Schaden erlitt, so haben doch deren vielbesprochene und oft beklagte Verluste,
wie sich hinterher herausgestellt hat, die altisländische Litteratur im Ganzen
ziemlich unberührt gelassen. Aber die Hss , welche an einzelne Privatleute des
Auslandes gegeben worden waren, wurden nach dem Tode dieser ihrer Besitzer
meist zerstreut, und nur theilweise vermochte Arni Magmisson sie wieder in
seiner Hand zusammenzubringen ; manche von ihnen kamen ins Ausland , nach
Paris z. B., nach Leiden, nach Wolfenbüttel u. dgl. m., andere aber giengen
zu Grunde , wie denn z. B. die zahlreichen und zum Theile höchst werthvollen
Hss. des Resenius, und zum Theile auch die Worms, in dem Brande von 17 28
von den Flammen verzehrt wurden. In gleicher Weise gieng auch so manche
auf Island selbst zurückgebliebene Hs. noch vor der Zeit verloren, da Arni mit
dem dortigen Besitzstande aufräumte, wie denn z. B. die einzige Membrane der
so überaus werthvollen lslendi'ngabök seit dem Jahre 1651 spurlos verschwunden
ist, seit ungefähr derselben Zeit die einzige Originalhs. der Hüngurvaka, dann
der Päls biskups saga fehlt, u. dgl. m., und wie in diesen und so manchen wei-
teren Fällen die einzige Membrane, welche zu Anfang des 17. Jahrhunderts
von dieser oder jener Quelle noch zu finden war, abhanden gekommen ist, so
ist in nicht wenigen anderen Fällen wenigstens das Original für selbständige
Textesgestaltungen zu Grunde gegangen , wenn auch in anderen Membranen
andere, mehr oder minder abweichende Recensionen sich erhalten haben mochten.
Hier nun ist es, wo die Papierhss. mit selbständiger Bedeutung auftreten, die
Lücken ergänzend, welche im Bestände der Membranen sich aufgethan haben.
Es ist das Verdienst so fleißiger Abschreiber wie Jon Gizurarson ä Nüpi (f IG 48),
sera Jon Erlendsson zu Vilh'ngaholt (f 1672), Arni Magnüsson seihst oder As-
geirr Jönsson , welcher für ihn wie für pormodur Torfason schrieb, wenn die
Verluste, welche durch sorglose Behandlung und sogar Zerstörung der Membranen
(Verwendung derselben zu Einbänden z. B.) oder durch äußere Unglücksfälle
nun einmal entstanden sind, wenigstens nicht als völlig unersetzlich betrachtet
werden dürfen; Arni Magnüsson aber, welcher wegen seines rücksichtslosen Sam-
melns und Fortschaffens handschriftlicher Schätze von gar vielen seiner Lands-
leute noch bis auf den heutigen Tag herab bitter angefeindet wird, kann ge-
radezu als der Retter der altisländischen Litteratur yor dem kläglichen Unter-
gange gepriesen werden, welchem dieselbe bei längerer Verwahrlosung auf Island
selbst unfehlbar verfallen sein würde. — Der Zustand der Hss. unserer Eyrbyggja
ist vollkommen geeignet für das eben Gesagte als schlagender Beleg zu dienen,
CiERMANIA X, 31
482 LTTTERATTTR.
während die Art wie deren gegenwärtiger Herausgeber dieselben behandelt hat,
in erfreulichster Weise für dessen kritische Befähigung und Umsicht, Zeugniss
gibt. In der älteren Zeit muß die Eyrbyggja zu den beliebtesten unter den
Isländischen Sagen gehört haben, denn es waren von derselben noch im 1 7. Jahr-
hunderte zwar nicht 16 Membranfragmente wie von der Njala, oder 12 — 13
wie von der Eigla, aber doch volle 5 vorhanden, welche Zahl von keiner andern
außer den eben genannten beiden Sagen überschritten und nur noch von zweien,
der Laxdsela nämlich und der Grettla, erreicht wird, während gar viele schon
damals nur noch in einer einzigen Hs. erhalten waren. Von jenen 5 Membranen
gehörten, und auch dies ist charakteristisch, eine dem Schlüsse des 13., zwei
dem 14. und ebensoviele dem 15. Jahrhunderte an; von dem Jahre 149 8 an
aber, in welchem die letzte Membrane geschrieben wurde, bis zum Jahre 1 6 4 0,
in welchem die erste Papierhs. der Sage entstand, klafft eine weite, öde Lücke.
Von da ab häufen sich dagegen die Abschriften rasch wie bei keiner andern
Sage; aus der Mitte und der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts liegen von
ihr ober 20 Papierhss. vor, während es andere Sagen höchstens nur bis auf die
halbe Zahl bringen. Von jenen 5 Membranen ist nun aber die eine, und zwar
gerade die werthvollsie und die einzig vollständige, zu Grunde gegangen, näm-
lich die berühmte Vatnshyrna, welche im Jahre 1728 mit den übrigen Codices
Reseniani verbrannte. Über den anderweitigen Inhalt dieser Hs., ihre ursprüng-
liche Beschaffenheit und ibre späteren Geschicke hat sich unser Herausgeber
schon früher in seiner Ausgabe der Bardar saga Snfefellsass , Viglundar saga,
u. s. w. (Kopenhagen 18ÖO), S. IX — XI, so wie in den von ihm und Theodor
Möbius edierten Fornsögur (Leipzig 18G0), S. XIV — XVI und XXII — XXIII
ausgesprochen; hier mag nur bemerkt werden, daß dieselbe am Schlüsse des
14. Jahrhunderts, also ziemlich gleichzeitig mit der Flateyjarbök geschrieben
wurde, und zwar wie es scheint für denselben Jon Häkonarson zu Vi'didalstiinga,
welcher auch diese letztere Hs. hatte schreiben lassen. Von den 2 3 Papierhss.,
welche Gudbrandur aufzählt, und unter welchen er nur die beiden in Stockholm
und Uppsala liegenden näher zu charakterisieren unterlässt, sind volle 10 aus
dieser verlorenen Membrane geflossen, welche eine durchaus selbständige Textes-
recension enthalten hatte (von unserem Herausgeber als A bezeichnet) ; unter
ihnen ist die eine (Aa) von Asgeirr Jönsson und theilweise von Arni Magniisson selbst
geschrieben, eine zweite (Ab) von sera Ketill Jörundarson i Hvammi (f 1670), eine
dritte von dem schon genannten Bauern Jon Gizurarson ä Nüpi (Ac), und wurden
diese drei Papierhss. als Ersatz für das verloren gegangene Original, weil von
einander unabhängig, sämmtlich verglichen und benützt, die sämmtlichen übrigen
aber, weil nur von ihnen abgeleitete weitere Copien, mit vollem Rechte bei Seite
liegen gelassen. Neben dem Texte der Vatnshyrna steht sodann eine zweite
Hauptrecension (B), welche von jenem theils durch geringere Reinheit und Voll-
ständigkeit, theils aber auch durch die Versetzung eines einzelnen Capitels,
des 4 8., sich unterscheidet. Diese zweite Recension ist durch drei Membran-
fragmente repräsentiert, unter welchen AM. 309 in 4. (Ba) , im Jahre 1498
geschrieben, cap. 1 — 11 init., und cap. 17, fin. — 2 9, med., der Cod. Guelferb.
(B°) , um die Mitte des 14. Jahrhunderts geschrieben, cap. 20, med. bis zum
Schlüsse der Sage, endlich AM. 162, Fol. (Bd), wahrscheinlich noch zu Ende
des 13. Jahrhunderts geschrieben, cap. 47, fin. — cap. 51, med., und cap. 57,
med. — • cap. 61 enthält; allein auch hier müßten die Membranen wieder nicht
LITTER ATTJR. 483
unerheblich aus den Papierhs. ergänzt werden. Zunächst schon insoferne. als
unser Herausgeber den Wolfenbüttler Codex nicht selbst einsehen konnte, viel-
mehr sich mit einer Abschrift desselben begnügen mußte, welche in AM. 450
in 4. vorliegt (einer zweiten Abschrift desselben Originales, AM. 161 in 4..
erwähnt S. XXIV, während ihrer auf S. XXV in dem Verzeichnisse der Papierhas.
nicht mehr gedacht wird; ob dieselbe etwa verloren gegangen ist?); da diese
Copie, im Jahre 1702, von Asgeirr Jonsson angefertigt und von Arni Magmis-
son collationiert, und überdies im Jahre 184 7 durch Jon Sigurdsson nochmals
einer sorgfältigen Vergleichung unterstellt wurde, durfte sie in der That als ein
hinreichend verlässiger Ersatz für das Original betrachtet werden. Sodann aber.
und dies ist ungleich wichtiger, liegt in einer um das Jahr 1640 gefertigten
Papierhs., AM. 44 6 in 4., eine Abschrift desselben Cod. Guelf. vor, welche zu
einer Zeit gemacht worden war, in welcher diese Membrane noch ungleich voll-
ständiger war als sie jetzt ist; der Anfang freilich, bis in das cap. 3 reichend,
muß derselben schon damals gefehlt haben, und ist in der Abschrift aus der
sofort zu besprechenden dritten Recension (C) ergänzt , der Überrest der Hs.
aber folgt durchaus dem Cod. Guelf. , und gibt somit zumal für den Theil der
Sage, für weichen sowohl Ba als Bc uns verlassen, nämlich für cap. 1 1 init. —
cap. 1 7 fin., eine sehr willkommene Ergänzung der mit B bezeichneten zweiten
Hauptrecension. Mit B' bezeichnet, ist diese Papierhs. denn auch insoweit von
unserem Herausgeber als Ersatz für die fehlenden Membranen benützt worden.
Endlieh liegt, wenn man will, noch eine dritte Textesrecension (C) in einem
Membranfragmente aus dem 15. Jahrhunderte (AM. 445b in 4.) vor, über welches
sich der Herausgeber ebenfalls bereits auf S. XVIII und XXIII — XXIV der
Vorrede zu den Fornsögur ausgesprochen hat. In der Mitte stehend zwischen
A und B , und offenbar theils aus Hss. der ersten , theils der zweiten C'lasse
geflossen , folgt diese Hs. in ihren ersten und letzten Blättern dem Texte A,
in ihren mittleren Blättern dagegen dem Texte B; besonderen "Werth verleiht
ihr aber ein Zusatz, welcher von den Kindern des Snorri godi und der Chrono-
logie seiner Lebensgeschichte handelt, und der in den beiden anderen Recensionen
fehlt. In den Papierhss. kommen übrigens auch noch andere Mischgestaltungen
vor, zum Theile durch Zusätze veranlasst, welche aus Hss. der A-Classe auf
den Rändern von Bc gemacht worden waren, und in einer von ihnen, AM. 4 4 5*
in 4., ist sogar der oben erwähnte Zusatz der dritten Recension zu finden; nur
ausnahmsweise sind indessen derartige spätere Aufzeichnungen von irgend welchem
Werthe, sei es nun, daß sie, wie dies bezüglich eben dieses Zusatzes der Fall
ist, einen einzelnen Namen lesen lassen, welcher in der entsprechenden Mem-
brane bereits unleserlich geworden ist, oder daß sie zu der alten schriftlichen
Überlieferung noch eine spätere im Volksniunde umlautende Sage nachtragen
(vgl. S. XXVIII und S. XXXII, Anm. 1 ; zu der ersteren Stelle vgL Jon Arnason,
Islenzkar pjüdsügur og aefintyri, I, S. 22 7). — Unser Herausgeber hat nun,
wie billig, seiner Ausgabe die Recension A zu Grunde gelegt] und ist dabei,
wie dies allerdings auch Thorkelin bereits gethan hatte, zunächst der Abschrift
Asgeirs gefolgt, jedoch unter Zuhilfenahme der von Bera Cetil! und Jon Gizurar-
son herrührenden Copien; dagegen hat er den Recensionen B und C nicht nur
zahlreiche Varianten und Emendationen entnommen, sondern auch die Eigen-
thümlichkeiten des Textes B unter Mittheilung zusammenhängende)! Proben des-
31*
484 LITTERATÜK.
selben auf S. XXVIH — XXXI eingebend erörtert, und den mehrerwähnten Zu-
satz des Textes C anhangsweise vollständig abgedruckt.
Ein eigentümliches Verfahren hat Gudbrandur hinsichtlich der Ortho-
graphie eingehalten, und durch eine Reihe von Erörterungen in seiner Vorrede,
S. XXXIV — LH, zu begründen gesucht; aber wenn zwar dem Sprachforscher
in diesen eine Anzahl der werthvollsten Beiträge zur Geschichte der altn. Sprache,
eine Fülle der feinsten Bemerkungen über deren allmäliche Umgestaltung zunächst
auf Island selbst, dann aber auch in den übrigen Theilen ihres Bereiches geboten
wird, so möchte ich doch bezweifeln, ob damit der vom Herausgeber einge-
schlagene Weg selbst durchgängig gerechtfertigt zu werden vermöge. Das zwar
ist gewiss zu billigen, daß derselbe sich nicht an die Orthographie des von ihm
zu Grunde gelegten Textes gehalten hat, da er nur aus neueren Abschriften der
Vatnsbyrna schöpfen konnte, welche selbst nicht überall die Schreibweise ihrer
Vorlage genau wiedergaben (vgl. das auf S. XXXVIII über Asgeirr Bemerkte),
und da überdies sogar die Schreibung dieser Vorlage selbst wie die aller anderen
aus dem Ende des 14. Jahrhunderts stammenden Hss. eine nicht mehr völlig
reine und consequente, auch aus anderweitigen Publicationen, z. B. dem buch-
stäblichen Abdrucke der Flateyjarbök, bereits genügend bekannte ist. Allein,
dieses zugegeben, mußte denn doch, wenn nicht geradezu die moderne Isländische
Orthographie befolgt werden wollte, entweder der Versuch gemacht werden,
die zur Zeit der Entstehung der Eyrbyggja, also gegen die Mitte des 13. Jahr-
hunderts, auf Island übliche Schreibweise wieder herzustellen, oder aber die
normalisierte Schreibung beibehalten bleiben, wie sie sich neuerdings einmal für
die Herausgabe der älteren Denkmäler festgestellt hat; unser Herausgeber da-
gegen ist einigermaßen eklektisch verfahren, und folgt weder ganz jener älteren,
noch ganz dieser normalisierten Schreibart, so daß seine Orthographie immerhin
den Eindruck einer gewissen Willkürlichkeit macht und in sich selber keineswegs
durchaus consequent ist. Auf die Vergleichung der übrigen Germanischen Sprachen
sich stützend, sucht er in scharfsinnigster Weise aus der Schreibart der Runen-
inschriften, sowie aus genauer Verfolgung der in den älteren Schwedischen, Dä-
nischen, Norwegischen und Isländischen Membranen befolgten Orthographie, dann
auch aus seiner eigenen Kenntniss der heutigen Aussprache in den verschiedenen
Theilen seiner Isländischen Heimat auf den ursprünglichen Zustand sowohl als
die späteren Verzweigungen der Nordischen Gesammtsprache gesicherte Schlüsse
zu ziehen, und es ist nur billig, wenn er dabei deren Isländischem Zweige als
dem litterarisch weitaus bedeutsamsten, ja fast allein bedeutsamen, ganz vorzugs-
weise seine Aufmerksamkeit zuwendet ; aber wenn man einerseits nur bedauern
kann, daß der Verfasser sich auf ein paar aphoristische Bemerkungen beschränkt,
und nicht lieber gleich eine erschöpfende Darstellung der Umwandlungen gegeben
hat, welche die Lautverhältnisse seiner Muttersprache in Schrift und Aussprache
allmälich erlitten haben, so wird man andererseits auch nicht umhin können, sich
die Frage aufzuwerfen, warum die Ergebnisse dieser sprachgeschichtlichen Er-
örterungen so wenig gleichmäßig die für den Text der Eyrbyggja selbst beliebte
Orthographie bestimmt haben. Es ist vollkommen in der Ordnung, wenn der
Herausgeber nachweist, daß das anlautende 7ir, hl, Im von dem anlautenden r,
l, n ursprünglich in allen Germanischen Sprachen, und so auch noch in den
Skandinavischen Runendenkmälern genau geschieden werde, und daß diese Schei-
dung auf den Orkneys noch im 1 3. Jahrhunderte erhalten, in Island bis auf den
LITTE RATUR.
485
heutigen Tag herab gilt, während sie in Norwegen bereits aus den ältesten Hss.
verschwunden ist und von dort aus die gleiche Schreibweise auch wohl vorüber-
gehend nach Island herüberdrang, ohne doch hier bleibenden Eingang zu linden ;
in der Ordnung auch, wenn er hervorhebt, daß das in den übrigen Germanischen
Sprachen erhaltene v vor den £/-Lauten (n, o, a, j) in der altnordischen Sprache
bereits vor der Besiedelung Islands verschwunden und erst später in Norwegen
wieder aufgenommen worden sei, von wo es dann auch wieder nach Island hin-
übergetragen worden sei, ohne doch hier wieder festen Fuß gewinnen zu können,
dann den Vers: „reictiverk er pü vunnit hefir", in Str. 2 6 der Sölarljöd ledig-
lich als ein Zeugniss dafür betrachtet, daß dieses angeblich von Siemundur frdeti
gedichtete Lied , welches nach der gewöhnlichen Ansicht noch die deutlichsten
Spuren des Kampfes christlicher und heidnischer Vorstellungen zeigen soll, erst
im 14. Jahrhunderte entstanden sein könne. In beiden Fällen setzt der Heraus-
geber mit Recht die einheimische Isländische Sprech- und Schreibweise der nur
vorübergehend eingedrungenen Norwegischen entgegen, und beidemale hat er
sowohl die Übung des 13. Jahrhunderts als die moderne und die derzeit ge-
bräuchliche Normalisierung des Altisländischen für sich , wenn er der ersteren
auch in einer Eyrbyggja folgt. Auch dagegen ist Nichts einzuwenden, wenn
anstatt des e und o der älteren Sprache in den Endungen -e, -er, -ed, -ein,
dann -o, -or, -od, om- das jetzt übliche i und u geschrieben wird; der Über-
gang zu der letzteren Schreibweise scheint schon zu Anfang des 1 3. Jahrhunderts
begonnen zu haben, und wenn zwar in den Hss. noch lange Schwanken zu ver-
spüren ist, so herrscht doch in den besseren unter ihnen schon im genannten
Jahrhunderte das i und u vor, und ist es nur auf fremdländische Einflüsse zu-
rückzuführen, wenn seit der Reformation bis auf Eggert Olafsson herab (f 17 68)
das e, nicht auch das o, wieder das Übergewicht erlaugte. Ebenso kannte zwar
die älteste Sprache auch im In- und Auslaute nur ein p , kein d, aber schon
im Anfange des 1 3. Jahrhunderts wurde der letztere Buchslab den Angelsachsen
entlehnt, und er wechselt fortan mit dem ersteren, bis er sieh schließlieh allein
behauptet; seit der Mitte des 14. Jahrhunderts durch ein bloßes d verdrängt,
wird sodann das d durch Eggert Olafsson wieder hervorgesucht und durch Rask
zur unbestrittenen Herrschaft gebracht, wenn auch in etwas beschränkterem Um-
fange als vordem, mit vollem Rechte, da die Aussprache dasselbe, von p sowohl
als von d geschieden , fortwährend festgehalten hatte. Mit Recht wird ferner
auch das ja, jö, jd, ju, jd im Gegensatze zu ia, iö, to, /"', id festgehalten; ob-
wohl nämlich die erstere Schreibari erst am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts
aufkam, hat doch bereits ]>öroddur rünameistari (um 1 140) sammt seinen Nachfolgern
beim i wie beim u die consonantische Geltung von der vocalisehen wohl unter-
schieden, und ergibt sich die entsprechende Aussprache des^'o, fÖ,jd auch daraus,
das dasselbe in Versen schon zu Anfang des 1 3. Jahrhunderts nur als eine ein-
zige Silbe gezählt wurde. Endlich muß gewiss auch der Gebrauch der Accente
zur Bezeichnung der langen Vocalc gebilligt werden. Von pöroddur eingeführt,
ist derselbe allerdings im 1 3. Jahrhundeitc mit Ausnahme einiger wenigen Hand-
schriften wieder aufgegeben worden, und die im 1 4. Jahrhunderte aufgekommene
Bezeichnung der langen Vocale durch Verdoppelung (aa, uu u. dgl.) blieb im
Brauche, bis Eggert Olafsson wieder zu den Accenten zurückkehrte (in der
Schrift, nicht im Drucke, hatte man im 17. und 18. Jahrhundertc auch wohl
zweier über den Vocal gesetzter Punkte sich bedient, also ä, ü u. s. w. ge-
486 LITTERATUR.
schrieben); nur für das lange e war im 15. Jahrhunderte, der Aussprache fol-
gend, die Schreibung ie aufgekommen, für welche seit dem Jahre 17 70 wieder
das einfache e, dann durch Rask eingeführt das jetzt übliche e eintrat, während doch
4 an sich folgerichtiger wäre und auch von Gudbrandur nunmehr wieder auf-
genommen wird. In allen diesen Fällen handelt es sich theils nur um graphische
Verschiedenheiten, theils nur um die Notwendigkeit, bei schwankender Über-
lieferung irgend eine bestimmte Wahl zu treffen , und mag darum der vorwie-
gende Gebrauch der besseren Zeit , die Übereinstimmung zwischen Schreibweise
und Sprachweise, ja sogar die Consequenz und Gefälligkeit der Schreibart im-
merhin den Ausschlag geben. Bedenklicher scheint mir aber die Behandlung des
schwachen Umlautes a zu ö (u) durch u. Ganz richtig wird nämlich ausgeführt,
daß derselbe sowohl in Schweden als in Dänemark niemals festen Fuß gefasst
habe, und auch in Norwegen nur zu schwankender Geltung gelangt sei, während
er auf Island ungefähr seit dem Beginne des 11. Jahrhunderts auftrete und
consequente Durchführung erreicht habe, und ausdrücklich wird bemerkt, daß
dessen sporadisches Ausbleiben in einzelnen Hss. des 13. und zumal 14. Jahr-
hunderts nur als ein Norwagismus zu betrachten sei; aber warum lässt dann
der Herausgeber auf S. 11, Z. 2 3 die Form: a helgadu pi'ngi, auf S. 2 3, Z. 7
die Form : kastadu stehen, während er doch das gleichermaßen norwagisierende r
statt Ar, vw statt u, u. dgl. tilgt? Ferner. Daß die Passiv- und Reflexivendung
bis gegen das Jahr 1200 hin -sk, von da ab bis in das 14. Jahrhundert hinein -2,
von der Mitte des 14. Jahrhunderts an -zt oder zst, seit etwa dem Jahre 15 50
aber -st geschrieben wird, welche letztere, in älteren Membranen nur ganz ver-
einzelt auftretende Form jetzt die allgemein übliche ist, wird des Näheren aus-
geführt ; wenn unser Herausgeber hiernach die Schreibweise -st beibehält, so ist
klar, daß er damit der gegenwärtigen Schreibung selbst da folgen zu sollen glaubt,
wo diese von derjenigen Orthographie abweicht, welche zur Zeit der Entstehung
derEyrbyggja, oder etwas später in der classischen Zeit der Handschriftenschreibung
die geltende war. Aber wie stimmt es hiezu, wenn derselbe andererseits die
Endungen -at, -it, -ut im Neutrum des Artikels und des Particips , dann im
Supinum und in der zweiten Person des Plurals im Gegensatze zu der heutigen
Sprech- und Schreibweise -ad, id, u& aufnimmt? Er weist selber nach, daß die
heutige Aussprache schon dem 12. und dem Anfange des 13. Jahrhunderts ge-
läufig gewesen sein müße, indem schon damals die Schreibung -ap, ip, -up vor-
kam, und daß in einzelnen guten Hss. das -ad, -id , -ud bis zum Ende des
13. Jahrhunderts sich erhielt, während freilich im 13., 14. und 15. Jahrhundert
das -at u. s. w. üblich wurde, wofür dann seit dem Ende des 15. Jahrhunderts
th oder d eintrat; warum soll nun, da trotz der wechselnden Schreibung die
Aussprache fortwährend die alte blieb und aus diesem Grunde in vielen Hss.
das -at, -at auch sogar in Fällen geschrieben werden konnte, in welchen das
-ad, -ud unter allen Umständen stehen mußte (z. B. herat, höfut, fögnut), die
heutzutage übliche und der Aussprache allein gemäße Schreibweise bei Heraus-
gabe älterer Quellen jener anderen, lediglich conventionellen, weichen? Der Aus-
sprache folgend schreibt der Herausgeber hinge r, ping , nicht tunga , ping , wie-
wohl die übrigen Germanischen Sprachen den kurzen Vocal zeigen ; in den En-
dungen -ang , -eng, -öng dagegen behält er den kurzen Vocal bei, obwohl der
lange Vocal -äng, -eing, -aung schon von 1300 abgeschrieben wurde, und mit
Aufnahme eines Theiles des Westlandes bis auf den heutigen Tag herab allge-
LITTERATUR.
487
mein gesprochen wird. Das Wort ülfüd soll, obwohl von ülfur herkommend,
richtiger nlbuä geschrieben werden, weil dasselbe allgemein in der letzteren Weise
ausgesprochen wird, als ein vereinzelter Überrest einer früheren, ungleich weiter
reichenden Aussprache Ib, rh anstatt If, rf; andererseits aber wird die Schreibung
mjök, ok, ek, mik u. dgl. beibehalten, obwohl man jetzt allgemein mjög, og, eg,
mig zu schreiben wie zu sprechen pflegt, und solche Schreibweise zum Theil
schon seit dem ersten Anfange des 14. Jahrhunderts nachzuweisen ist, und den
Dativ Pluralis mit dem Artikel lässt der Herausgeber mit -unum endigen, wäh-
rend doch nicht nur allgemein -onum gesprochen wird, sondern diese Aussprache
auch, wie er selber andeutet, auf die ältere Schreibung o statt u zurückweist.
Als eine Inconsequenz muß es auch erscheinen, wenn der Herausgeber sich
darauf einlässt, bezüglich der in der Sage zerstreuten Verse eine ungleich alter-
tümlichere Orthographie durchzuführen als bezüglich der Prosa, wenn er also
das alte * für r (es, vas, vesa u. dgl. für er, var} vera), das angehängte k und $
bei den Verba und den Adverbia oder Pronomina (emk , leetk , fork für em ek,
last ek,fur ek; dann pars, jicirs für par es, peir es), das -sk der Reflexiv- und
Passivform statt des -st, und das -mk statt -mz (erumk, sj'dmk statt erumz, sjämz),
den Umlaut ce von 6 statt le, das anlautende gl- und gn- statt des bloßen l- und n-,
im Widerspruche mit der handschriftlichen Überlieferung einstellt. Es ist aller-
dings richtig, daß die Wiederherstellung dieser älteren Sprachformen, über deren
allmäliches Abkommen Gudbrandur sehr ansprechende Nachweise gibt, guten-
theils durch das Metrum gefordert wird, und daß es nicht wohl angienge, die-
selbe auf solche Fälle zu beschränken und in den übrigen der normalisierten
Schreibweise zu folgen ; aber sollte dann nicht folgerichtig auch für den prosai-
schen Theil der Sage die Orthographie hergestellt werden, wie sie zur Zeit ihrer
Aufzeichnung im Brauche gewesen war? Ich möchte übrigens diese und andere
orthographische Fragen nur Anderen, und zumal dem sehr werthen Herausgeber
selbst, zur weiteren Prüfung ans Herz gelegt wissen, und bescheide mich gerne,
in solchen Dingen meinerseits kein eigenes Stimmrecht zu besitzen. Dagegen
glaube ich noch erwähnen zu sollen , daß auch über die wechselnden Formen
der Eigennamen sehr interessante Andeutungen gegeben werden , unter welchen
die Zurückweisung der in der Eyrbyggja selbst aufgestellten Etymologie des
Namens pörölfur hervorgehoben werden mag.
Unser Herausgeber hat aber auch, XII — XXIII seiner Vorrede, das Alter
der Eyrbyggja ins Auge gefasst und deren Verhältniss zu andern Sa-
gen, ferner ihren litterarischen Charakter, so wie das Maß von V e r-
lässigkeit, welches dieselbe beanspruchen kann, und auch über diene Punkte
mag hier noch Einiges gesagt werden. Hinsichtlich der Entstehungszeit der
Sage ist im Grunde wenig mehr zu erheben, als was bereits von Peter Erasmus
Müller, in seiner Sagabibliothek, I, S. 195 — 08, erhoben worden ist. Schon
Müller hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Eyrbyggja vor der Unterwerfung
Islands unter den Norwegischen König geschrieben sein müße, weil sie das Be-
stehen der aristokratischen Verfassung des Isländischen Freistaates voraussetze,
und bereits er hat sich zur Begründung dieser Behauptung auf Cap. 4 berufen,
wo es heißt: „Til hofsins skyldu allir menn tolla gjalda, ok vera skyldir hof-
goda til allra ferda , sem rui eru Jungmenn hötYimgjum". Guctbrandur nimmt
daneben auch noch Cap. 10, wo es vom pörsnessping heißt: »peir fseräa |>u
pingit inn i nesit par sem nü er", sowie Cap. 38 in Bezug, wo gesagt wird:
488
LITTEKATUli.
,,]ki fserda landsstjörnarmenn log ä pvi, ;it aldri sictan skyldi kona vera vigsakar
a.lili ne yngri karhnadr en 16 vetra, ok belir )>at haldizt jafnan si'dan", — das
Letztere gewiss mit Recht, da die Ausschließung der Weiber von der Blutklage,
wie sie dem Norwegischen Rechte fremd war, auch in der Järnsuta und Jönsbök
keine Stelle mehr gefunden hat, wenn auch dem Erstereu gegenüber eingewendet
werden mag, daß zwar nicht die alte Dingordnung, aber doch der Gebrauch der
alten Dingstätten auch in der königlichen Zeit zunächst fortbestand. Andererseits
aber ist auch darauf Gewicht zu legen, daß am Schlüsse der Sage auf die münd-
liche Aussage der Gudny Bödvarsdöttir Bezug genommen wird, der Mutter der
berühmten Sturlusynir, welche nach den Annaleu im Jahre 1221 verstarb
(vgl. auch Sturhinga, IV, Cap. 3 9); allerdings darf man hieraus nicht, wie Müller
durch den incorrecten Text der älteren Ausgabe verführt gethan hat , auf die
Abfassung der Sage vor dem Jahre 1221 schließen, aber doch immerhin so viel
folgern, daß dieselbe nicht allzulange nach diesem Jahre entstanden sein kann.
Gudbrandur sucht noch eine engere Begrenzung dadurch zu gewinnen, daß er
einerseits die Anführung der Laxdaela im Anfange des letzten Capitels unserer
Sa^e betont, andererseits aber auch hervorhebt , daß die erstere nicht vor dem
dritten Decennium des 13. Jahrhunderts geschrieben sein könne. Ein .,Ketill,
er äböti var at Helgafelli" wird in deren Cap. 7 8 als ein Sohn des Hermundur
Kodränsson, ferner ein „Sighvatur prestur" als Sohn des Brandur p<3rarinsson,
„er setti statt at Hiisafelli", genannt, und zwar letzterer mit dem Beisatze, daß
er lange in Hüsafell gewohnt habe ; von diesen beiden Männern aber lässt sich
der erstere ohne Zweifel mit dem Priester Ketill Hcrmundarson identifizieren,
welcher nach der Päls bps. s. Cap. 14 dem Bischöfe Päll Jönsson bis an seinen
Tod (1211) diente, nach den Annalen im Jahre 12 17 Abt zu Helgafell wurde,
und nach den Annalen, dann der Gudrnundar bps. s. Cap. 7 2, im Jahre 1220
starb *) , während der zweite seinem Stammbaume nach ungefähr derselben Zeit
angehört haben mag, übrigens damals schon hochbejahrt gewesen sein muß, da
die Stiftung der Kirche zu Hüsafell durch seinen Vater Brandur nach dem im
Diplomatarium Islandicum , I, S. 217 — 18, abgedruckten Stiftungsbriefe bereits
zur Zeit des Bischofs Kkengur porsteinsson ( 1 15 2 — 7 6) erfolgte. Auch gegen
diese Beweisführung wird sich nichts einwenden lassen außer der entfernten
Möglichkeit etwa, daß der Verfasser unserer Eyrbyggja eine ältere Rccension
der Laxdada gekannt und angeführt haben könnte, als welche uns vorliegt, und
daß in jener älteren Fassung derselben jene beiden Männer noch nicht in der
oben besprochenen Weise genannt gewesen sein könnten ; gibt man aber die
Stichhaltigkeit jener Folgerung zu, so begränzt sich dadurch die Entstehungszeit
der Sage auf die Jahre 1230 — 62, also gerade auf die Zeit, in welcher die
Isländische Sagenschreibung in ihrer höchsten Blüthe stand. — Das Verhält-
niss der Eyrbyggja zu anderen Sagen ist schwieriger zu bestimmen.
In ihrem Cap. 6 5 sagt die Eyrbyggja selbst, daß Snorri godi, mit welchem
*) Bischof Finnur Jönsson gibt in seiner Historia ecclesiastica'Islsndire, IV, S. 67
das Jahr 1222, aber S. 145 das Jahr 1230 als sein Todesjahr an; Ersteres offenbar auf
Grund irgend welcher minder genauen Annalenhandschrift, Letzteres aber zufolge einer
Verwecshlung mit einem anderen Abte Ketill, welcher den Annalen und der Gudmundar s.
Cap. 96 zufolge im Jahre 1229 starb, Dämlich Ketill Hallsson von Münkapverä, wie Bischof
Finnur S. 42 ebenda selbst angibt.
L1TTERATUK. 4&)
sie so viel zu thuu hat, auch in vielen anderen Sagen eine Rolle spiele; aber
sie erwähnt unter diesen neben der Laxdada nur noch die Heidarviga saga,
unzweifelhaft eine der ältesten unter den Islondi'ngasögur, und außerdem wird von
ihr nur noch einmal, in ihrem Cap. 7, „Ari porgilsson cnn fnidi" angeführt.
Es hat gewiss viele Wahrscheinlichkeit für sich, wenn unser Herausgeber an-
nimmt, daß der Verfasser der Eyrbyggja neben jenen von ihm ausdrücklich
genannten Sagen auch noch so manche weitere zur Hand gehabt, und daß er
es darauf angelegt habe, bezüglich solcher Begebenheiten, die anderwärts bereits
ausführlich erzählt waren, sich kürzer zu fassen, dagegen diejenigen ausführlicher
zu besprechen, bei welchen dies nicht der Fall war. In der That weist die kurze
Darstellung einer Reihe der wichtigsten Begebenheiten in Cap. 12 und lo un-
serer Sage darauf hin, daß deren Verfasser die Gfsla sagt SürsBonaf vor Augen
gehabt habe; die kurze Hindeutung auf die Einsetzung eines Viertelsdinges durch
pördur gellir in Cap. 10 lässt wahrscheinlich erscheinen, daß dem Verfasser die
pördar saga gellis, welche uns verloren ist, aber in der Landnäma, II. cap. 16
angeführt wird, noch vorlag; die kurzen, einem Auszuge ähnliehen Bemerkungen
des Cap. 2 4 über Eirikur raueti und die Entdeckung Grönlands werden wohl
der Ein'ks saga rauda entnommen sein, auf welche der Eiriks pättur rauda in
der Flateyjarbök, I, S. 42 9, sowie die ausführlichere Olafs saga Tryggvasonar,
C. 220 (F.Mi S. II, S. 214) Bezug nimmt, welche aber ebenfalls für uns ver-
loren ist ; die nicht minder fragmentarischen Angaben über die Fahrten der
porbrandssynir nach Grönland und Vfnland im Cap. 18 linden ihre ausführlichere
Erläuterung in der porftnns saga Karlsefnis, und wenn zwar diese letztere Sage
in der Gestalt, in welcher sie uns vorliegt, jünger als die Eyrbyggjä sein muß,
da sie ihre Geschlechtsregister bis auf den berühmten Lögmann Haukur Erlends-
son (f 1334) und die Äbtissin Hallbera zu Reynistactur (f 13oO) herabführt,
so mag doch immerhin eine ältere Recension derselben schon dem Verfasser
jener Sage bekannt gewesen sein, wenn nicht etwa, was ja auch möglich wäre,
die vorhin erwähnte Eiriks saga rauda als die gemeinsame Vorlage gedient haben
sollte; endlich mag auch die flüchtige Art, wie in Cap. 19 der Annahme des
Christenthums auf Island Erwähnung geschieht, mit unserem Herausgeber daher
erklärt werden, daß der Sagenschreiber nicht wiederholen wollte, was er in der
Kristnisaga bereits aufgezeichnet fand. Ich möchte sogar annehmen, daß in einigen
weiteren, von unserem Herausgeber nicht erwähnten Fidlen ein ganz ähnlicher
Sachverhalt zu Grunde lag. Im Cap. 48 z. B. wird gelegentlieh llallsteinn gocti
pdrolfsson erwähnt, mit dem Beisatze „er praelana ätti" ; die Landnäma, II, cap. 23)
erwähnt ebenfalls dieser seiner Knechte, mit dem Bemerken, daß er sie auf der
Heerfahrt in Schottland gefangen und auf deu Svefneyjar zum Salzkochen ver
wendet habe. Berücksichtige ich nun, daß einerseits die Landnäma in demselben
Capitel noch eine weitere Erzählung von llallsteinn bringt , welche auch in die
jüngere Bearbeitung der Gisla saga Sürssonar Aufnahme gefunden hat, und in
Cap. 7 der porskfirdi'nga saga als allgemein bekannt erwähnt, wird , und daß
andererseits noch die heutige Volkssage auf der Insel mit jenen Sclaven sich
beschäftigt und f den Namen der Svefneyjar mit ihnen in Verbindung bringt
(Jon Arnason, Islenzkar pjdctsögur, II, S. 85), so sehe ich nicht anders, als
daß eine Sage existiert haben muß, welche über llallsteinn godj ausführlicher
gehandelt, und aus welcher man mehrseitig jene einzelnen Notizen entlehnt hatte.
Keinem Zweifel kann ferner unterliegen, daß eine eigene Kjallcklinga saga exi-
490 LITTERATUK.
stierte, aus welcher die Landuama, II, Cap. 19, ihre Erzählung über die Kämpfe
des Kjallakur und seiner Söhne mit Ljötölfur und seinen Söhnen, uud wieder
C. 2 0 ihren Bericht über den Streit des Kjallakur mit Gudmundur heljarskinn
entlehnt hat ; mag wohl sein, daß auch der Verfasser unserer Sage dieselbe vor
sich gehabt, und in seinem Cap. 9 und 10, dann Cap. 17, benützt hat. Wie-
derum zeigen die mancherlei Notizen, welche die Landnäma, II, Cap. 5 und 6,
dann die Gunnlaugs saga ormstüngu, Cap. 5, über das Geschlecht der Rauctmel-
ingar enthält, daß auch über sie eine eigene Sage vorhanden gewesen sein muß,
und aus ihr könnte wohl genommen sein, was in Cap. 5 6 über die Kämpfe der
Raudmeh'ngar mit dem Hause des Snorri godi berichtet wird u. dgl. m. Voll-
ständig einverstanden bin ich aber mit den scharfsinnigen Auseinandersetzungen
unseres Herausgebers über dasf Verhältniss der Eyrbyggja zur Landnäma. Wir
wissen, daß Ari frödi vor der Islendfngabök, welche uns erhalten ist, ein anderes
Werk gleichen Titels geschrieben hatte , welches er dann auf den Rath der
Bischöfe porläkur Runölfsson und Ketill porsteinsson, dann des Priesters Saemund-
ur frödi, umarbeitete, und wir wissen auch, daß bei dieser Umarbeitung einer-
seits die in dem früheren Werke enthaltenen Genealogien, dann die Chronologie
der Königsregierungen weggelassen, andererseits aber auch manche Zusätze, wie
es scheint zumal auf die Verfassungsgeschichte der Insel bezügliche, gemacht
wurden ; während Ari selbst die ältere Schrift als „Islendingabök" bezeichnete,
trägt die jüngere, uns allein erhaltene, nur den Titel eines „libellus Islandorum",
und gar manche Notizen , welche in der sonstigen älteren Litteratur auf ihn
zurückgeführt werden , sind in diesem letzteren nicht zu finden. Jenes ältere
und ausführlichere Werk des Ari scheint es nun gewesen zu sein, welches nach
der Angabe der Hauksbök (Islendi'ngasögur, I, S. 320, Aum. 12) die erste
Grundlage der Landnäma bildete, wie solche von Kolskeggur hinn vitri, wie es
scheint zumal durch genauere Aufzeichnungen über die Geschlechter des Ost-
landes (vgl. Landr. IV, Cap. 4, S. 2 49 und Cap. 9, S. 261 — 2) ergänzt, und
später von Styrmir hinn frödi und von Sturla pördarson überarbeitet, auf uns
gekommen ist, und dann einerseits von Herrn Haukur selbst, andererseits von
Markus pördarson zu Melar oder einem seiner Angehörigen neuerdiugs umge-
staltet worden ist. Dabei dürfen wir wohl annehmen, daß Ari selbst auf die
Mittheilung bloßer Geschlechtsregister sich beschränkt habe, und daß ex-st durch
die späteren Überarbeitungen aus der mündlichen Überlieferung und mehr noch
aus inzwischen aufgezeichneten Sagen breitere Erzählungen eingeschaltet worden
seien; oft genug verräth die aphoristische Kürze solche spätere Einschaltungen,
anderemale aber auch der Umstand, daß dieselben in den verschiedenen Recen-
sionen der Quelle ganz verschieden gestaltet sind, wie denn z. B. die Melabök
erhebliche Zusätze aus der Vatnsdaela entlehnt hat, von welchen die übrigen
Bearbeitungen nichts wissen, wie ferner in dem Berichte über Orlygur gamli,
dann über Asölfur alski'kk die Hauksbök und Melabök ganz andere Zusätze zei-
gen als die im engeren Sinne sogenannte Landnäma, wie derselbe Unterschied
der verschiedenen Recensionen in dem Berichte über Lön-Einarr sich wiederholt
u. dgl. m. Von hier aus erklärt es sich, daß zwischen der Landnäma und unserer
Eyrbyggja sich Beziehungen von zweifacher Art ergeben konnten und ergeben
haben. Auf der einen Seite citiert die letztere, wie schon bemerkt, einmal selbst
den Ari frödi, und wenn die in Bezug genommene Stelle in dessen libellus
LITTERATUR. 49 [
Islandorum sich nicht findet, so steht dieselbe doch in der Landnäma, II, Cap. 15,
und mag aus dem größeren Werke des Ari in diese übergegangen sein; mit
vollstem Rechte nimmt Gudbrandur an, daß für die Genealogien der Eyrbyggja
noch in weiterem Umfange jene Geschlechtsregister des Ari als Quelle gedient
haben, indem er zugleich hervorhebt, wie gelegentlich einmal eine Lücke, welche
die sämmtlichen Recensionen unserer Landnäma lassen, aus der Eyrbyggja er-
gänzt werden kann, offenbar weil ihrem Verfasser noch eine lesbare Handschrift
vorlag, während die Schreiber jener ihr Original an dieser Stelle nicht mehr zu
lesen vermochten: wie es daneben zu erklären sei, daß unsere Sage, Cap. 2,
den pörölfur Mostrarskegg mit unseren Texten der Landnäma übereinstimmend
zu einem Sohne des Örnölfur fiskreki, und nicht mit Ari fnidi zu einem Sohne
des porgils reydarsida (Njala , Cap. 115) macht, ohne dieser Abweichung auch
nur zu gedeukeu, muß dahingestellt bleiben. Auf der andern Seite haben aber
die späteren Bearbeitungen der Landnäma, wie sie uns vorliegen, offenbar auch
wieder aus der Eyrbyggja geschöpft; in II, Cap. 9 z. B. hat einerseits die eigent-
liche Landnäma und andererseits die Hauksbök und Melabök diese excerpiert
letztere sogar mit dem ausdrücklichen Beifügen : „eptir p vi sem segir i Eyrbyggja
sögu", beide aber in durchaus selbständiger Weise. Ahnliches kommt öfter vor,
und lässt sich natürlich nicht jederzeit mit vollkommener Sicherheit bestimmen
ob im einzelnen Falle der Text unserer Landnäma oder der Eyrbyggja der ur-
sprünglichere sei, zumal da auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß
auch von dieser letzteren eine ältere Recension uns verloren gegangen sein könnte;
eine derartige Stelle mag um ihres besonderen historischen Interesses willen hier
noch näher besprochen werden. Gelegentlich der Verlegung des pörsnesspfng
nach dem Platze, an welchem dasselbe später gehalten wurde, sagt die Eyr-
byggja in 'hrem Cap. 10: „par ser enn dömhn'ng pann, er menn vorn damidir
1 til blöts. I peim hri'ng stendr pörssteinn, er peir menn vöru brotnir um, er til
blöta vöru halVtir, ok ser enn blödslitinn ä steininum" ; in der Landnäma, II, Cap. 1 2,
lautet die Stelle dagegen: „par stendr enn pörs steinn, er peir brutu pä" menn
um, er peir blötudu; ok par bjä er sä dömhn'ngr, er menn skyldu til blöts
dajma" ; während also die erstere Quelle den Opferstein in die Mitte des Ge-
richtsringes stellt, lässt ihn die zweite außerhalb desselben, aber in dessen Nähe
stehen. Welche Lesart nun wohl die richtige ist? Gudbrandur neigt sich, S. XV,
der ersteren zu; ich möchte umgekehrt eher die zweite vorziehen, und zwar
aus folgenden Gründen. Ich habe seinerzeit auf Island eine Reihe älterer Ding-
stätten besucht, nämlich neben der des Alldinges die des Arnessping und pfng-
Bkälapmg, des pl'ngeyjarping, Vöäluping, Hegraneaspiog und des Hünavatnaping,
des porskafjardarping, pdrsnesspfng und pverärpfng, endlich des Kjalarnesspfng,
und bei allen, so weit nur überhaupt deren Loyalitäten sich einigermaßen con-
statieren ließen, eine gewisse Gleichförmigkeit der Einrichtungen gefunden;
überall aber, wo überhaupt noch die Erinnerung daran nicht erloschen war,
zeigte man mir die Opferstätte etwas entfernt von dem Platze, an welchem die
Gerichte gehalten worden waren. So soll am Allding die lögretta, und damit auch
das fünfte Gericht, zwischen der Flosagja und Nikuläsargjä gehalten worden
sein, während bei dem kleineren Wasserfalle, welchen die < »xani bildet, die zum
Tode Verurtheilten durch einen Sturz von den Klippen herab ins Wasser geopfert
worden sein sollen ; die Viertelsgerichte hatten ihren Sitz, soviel ich zu ersehen
vermag, am linken Ufer der öxarä, nicht weit von jenem Wasserfalle, aber doch
492 LITTE1UTUK.
nicht unmittelbar an demselben*). Der dömhringur des Arnessping soll noch
auf der Insel in der J>jc>rsä zu sehen sein, auf welcher von Alters her das Ding
gehalten worden war, und war ich nur durch Hochwasser verhindert, selber
hinüberzureiten ; am Ufer des Flusses aber sah ich neben dem Platze, wo vordem
die Dingbuden gestanden hatten, den nach ihnen benannten Budafoss, und hart
an diesem soll bis in die neueste Zeit herab der bldtsteinn zu sehen gewesen sein,
auf welchen von dem steilen und hohen Flußufer herab die dem Opfertode
Bestimmten gestürzt worden seien. Die Dingstätte des lu'ngeyjar, mg liegt eben-
falls wieder, wie schon der Name andeutet, auf einer Insel im Skjälfandafijdt,
auf welcher man noch Überreste genug von derselben sehen kann ; die Menschen-
opfer aber wurden am Goctafoss gebracht, welcher eine gute Strecke weiter
aufwärts an demselben Flusse liegt, und eben von jenen Opfern den Namen des
Götterwasserfalles zu tragen scheint. Die Dingstätte des Vödlu])i'ng wusstc mir
Niemand nachzuweisen, aber aus dem Namen selbst lässt sich erkennen, daß
dieselbe am Ausflusse der Eyjafjardara gelegen gewesen sein muß; aber die
Opfefstätte scheint auch hier weiter oben im Thale gelegen zu haben, wenig-
stens findet sich hart bei Munkapvera, wo der berühmte Tempel des Freyr ge-
standen hatte, wiederum ein Godafoss. Wiederum liegt ziemlich entfernt von der
Dingstätte des porskafjurdarpi'ng die alte Richtstätte (Kvalakrökur) ; doch will
ich hierauf und auf ein ähnliches Vorkommniss beim pingskälapi'ng kein ent-
scheidendes Gewicht legen, weil hier auch recht wohl Überlieferungen aus un-
gleich späterer Zeit in Frage sein können, wie denn z. B. am Kjalarnes bei Hof,
wo der große Tempel gestanden hatte, die blotkelda zu sehen ist, deren schon
die Kialnesingasaga, Cap. 2, gedenkt, während etwas weiter östlich am Meerbusen,
hinein, zwischen den Höfen Mögilsä und Möar, ein Leidarvöllur gezeigt wird,
welcher recht wohl die, nicht mehr erkennbare, alte Dingstätte bezeichnen kann,
und neben ihm eine Richtstätte aus späterer Zeit (Gälgi). Nach allem dem möchte
ich annehmen , daß die Opferstätte nach dem älteren Brauche zwar nicht allzu-
weit entfernt vom Geriehtsplatze sich befunden habe, aber auch nicht unmittelbar
auf demselben, Letzteres vielleicht darum, weil es als ungebührlich galt, diesen
letzteren, und sei es auch mit Opferblut, zu beflecken; die Lesart der Landnama
wäre hiernach als die riehtigere zu betrachten, könnte aber auch in der Eyr-
by"-«ia möglicherweise früher gestanden haben. Jedenfalls sind die Auseinander-
setzungen, welche in Grönlands historiske Mindesmärker, I, S. 521 — 28, über
die Localverhältnisse des pörsnesspfng gegeben werden, ohne alle Glaubwürdigkeit,
wie dies auch unser Herausgeber bereits ausgesprochen hat; vergebens haben wir
Beide als wir im Sommer 1858 gemeinsam die Gegend besuchten, nach dem
Gi-erichtsringe und Opfersteine uns umgesehen: was man als den letzteren be-
zeichnet, kann unmöglich jemals ein solcher gewesen sein.
Der litt er arische Charakter der Eyrbyggja wird vom Herausgeber
ungemein richtig «rewürdigt. Als Ganzes betrachtet ist dieselbe hinsichtlich ihrer
Composition keineswegs auf eine besonders hohe Stufe zu stellen. Es wurde
*) Zur Orientierung mag etwa der Plan dienen, welchen Dasent dem ersten Bande
geiner Njäla beigegeben hat; doch ist hier nur der.'größere Fall der Oxaiä angegeben,
nicht der kleinere, walcher sich zwischen jenem und dem porleifshölmur (Duel Island,
bei Dasent) befindet.
LITTERATÜR. 493
schon erwähnt, daß deren Verfasser eine Reihe wichtiger Begebenheiten nur
darum kurz abgethan und sozusagen nur im Vorbeigehen berührt zu haben
scheint, weil er sie in älteren Sagen bereits zur Geniige dargestellt wusste ;
umgekehrt werden aber auch wieder andere Vorfälle auffallend detailliert vorge-
tragen, welche doch mit dem Hauptgegenstande der Erzählung in keiner beson-
ders engen Verbindung stehen, und theilweise scheint dabei die Darstellung
sogar eine von der sonstigen etwas abweichende Haltung zu zeigen. Unser Heraus-
geber wirft selber die Frage auf, ob nicht Episoden wie die von Björn Breict-
vi'kfngakappi (Cap. 29, 40, 47 und G4), von den Gespenstern zu Frödü (Cap.
50' — 55), dann von pöroddur im Älptaljördur (Cap. 6 3), erst hinterher der Sage
eingefügt worden seien, und es lässt sich nicht läugnen, daß die beiden letzteren
zumal in keiner Weise mit dem Faden der Erzählung zusammen hängen , wie
denn Cap. 5 6 diesen genau an dem Punkte wieder aufnimmt, wo ihn Cap. 4 9
fallen gelassen hatte; indessen fehlen doch alle äußeren Anhaltspunkte für eine
solche Vermuthung, und es mag immerhin möglich sein, jene Auirälligkeiten der
Composition und Darstellung auf einem anderen Wege zu erklären. Nicht von
künstlerischen , sondern von historischen Bedürfnissen geht ja überhaupt die
Isländische Sagenschreibung aus. Nüchtern und trocken berichtet die lslendi'nga-
bök und die Landnäma, die Kristnisage und die Hüngurvaka, berichten die Lebens-
beschreibungen der Bischöfe porlakur und Jon wie die der Könige Ülafur Tryggva-
son und Olafur helgi in ihren älteren Recensionen die ihren Verfassern bekannt
gewordenen Überlieferungen; sehr allmälich erst erhebt sich die Geschichtschrei-
bung zu bewussterer Berücksichtigung des formellen Elementes neben dem ma-
teriellen, um dann hin und wieder sogar jenes erstere ebenso einseitig auf Kosten
dieses letzteren in den Vordergrund treten zu lassen. So mag denn auch der
Verfasser der Eyrbyggja ohne alle Rücksicht auf die künstlerische Abrund ung
und ebenmäßige Vertheilung seines Stoffes, ohne alles Streben ferner nach durch-
gängig gleichartiger Haltung seiner Darstellung, vorzüglich darauf sein Augen-
merk gerichtet haben, möglichst vollständig die ihm bekannt gewordenen Über-
lieferungen mitzutheilen, soweit solche nicht bereits aus anderen allgemein ver-
breiteten Sagen seinem Publicum bekannt waren; je nach dem Maße der ihm
zu Gebote stehenden Traditionen mochte dann freilich auch das Maß der Aus-
führlichkeit ein verschiedenes werden, mit welcher er die einzelnen Theile seiner
Erzählung behandelt, während zugleich die Rücksicht auf das anderweitig sehen
Bekannte eine weitere Ungleichförmigkcit bedingte, und soweit ihm etwa schrift-
liche Aufzeichnungen vorlagen, mochte auch wohl deren Gestaltung auf die Be-
schaffenheit seiner eigenen Darstellung bestimmenden Einfluß gewinnen und deren
Einheitlichkeit stören. Mit dieser Unbeholfenheit in der Anlage des Ganzen ist
die ungemeine Schärfe in der Auflassung und Wiedergabe des Einzelnen rech!
wohl vereinbar, welche diese Sage vor so mancher anderen auszeichnet, Die
Charakterisierung der handelnden Personen, und zwar der Hauptpersonen nicht
nur sondern auch der Nebenpersonen, ist von unübertrefflicher Folgerichtigkeil
und Anschaulichkeit; die Schilderung der in Betrachl kommenden Ortlifchkeiten
ist von jener prägnanten Genauigkeit, wie sie die Vertrautheil mit einer rauhen
N"atur und die Gewöhnung des ReisenB in unwegsamem Lande erzengt, und wie
man sie am Isländischen Bauern wie an den Bewohnern unserer Berglande noch
heutzutage zu bewundern Gelegenheit hat; die Schilderung endlich einzelner
Begebenheiten, und zumal einzelner Kampfscenen isl kurz, nervig, dramatisch
494 LITTERATÜR.
bewegt. Ähnliche Vorzüge bei ähnlichen Mängeln zeigen ja auch andere Sagen,
die wir um ihres Inhaltes willen zu den älteren, wenig überarbeiteten zu zählen
haben : so zumal die Sagen des Ostlandes und theilweise auch des Nordlandes.
Der Vortrag endlich der Sage ist schlicht und einfach, ohne allen Prunk, aber
überall ihrem Gegenstande angemessen: die Verse, welche hin und wieder ein-
gestreut sind, sind durchaus acht und alt, nicht wie in so manchen anderen
Sagen, und z. B. auch in der Näjla , erst späteres Machwerk, so daß auch in
dieser Beziehung das Streben des Verfassers als lediglich auf geschichtliche
Wahrheit, nicht künstlerischen Schmuck gerichtet sich erweist. Als ein Curiosum
mag noch erwähnt werden, daß die Sage, obwohl in ihrer Sprache eine der
reinsten, doch nicht nur einzelne Romanische Worte einmischt, wie dies bereits
im 13. Jahrhunderte auf Island ganz allgemein geschah, sondern sogar einmal
das Wort „stollz", welches in dieser Form von unserem Herausgeber sowohl
als von Sveinbjörn Egilsson nur noch an einer weiteren Stelle , nämlich der
Olafs saga helga in ihrer jüngeren Bearbeitung (F. M. S. IV, S. 16 2) nachge-
wiesen wird , übrigens auch noch in der Jjidrfks saga af Bern vorkommt.
Wie mag das Deutsche Wort in eine Isländische Sage des 13. Jahrhunderts
gekommen sein? Doch wohl über Norwegen durch die Hansa; aber warum
dann in hochdeutscher Gestalt? — Mit dem vorhin über Zweck und Stand-
punkt des Verfassers der Eyrbyggja Bemerkten hängt aber sehr wesentlich zu-
sammen, was über deren geschichtliche Glaubwürdigkeit zu sagen
ist. Diese ist im Allgemeinen durchaus unangreifbar, was natürlich nicht aus-
schließt, daß in einzelnen, zumal chronologischen Punkten auch wohl einmal ein
Irrthum mit untergelaufen sein mag, oder daß so manche Wunder- und Gespenster-
geschichte in der Sage berichtet wird , welche , wenn auch allgemein geglaubt
und als wahr betrachtet, doch in keiner Weise auf objective Wahrheit Anspruch
erheben kann. Daß der Verfasser die reine Wahrheit, und nur diese, mittheilen
wollte , ergibt sich schon aus der vorsichtigen Angabe von Abweichungen in
der Überlieferung, wo er solche vorfand (z. B. Cap. 7 : segja sumir, at hün vseri
ddttir porsteins rauds, en Ari porgilsson eun frötti telr hana eigi med hans
börnum ; Cap. 43: ]>at er sumra manna sögn, at pat va?ri gjört med rädi Snorra
goda: Cap. 44: ok er pat sumra manna sögn, at Snorri godi sa?i pä Björn,
er peir vöru upp i hälsbriininni ; Cap. 46: ok er pat flestra manna sögn, at
mälin ka?mi i dorn Vermundar ; Cap. 63: pat er sumra manna sögn, at pä er
eyjamenn föru utan eptir firdi med skreidarfarma , at pä ssei peir küna upp i
hli'dina), aus der Bezugnahme auf die bestimmte Überlieferung selbst bezüglich
reiner Nebensachen (z. B. Cap. 44: ok er svä frä sagt, at bann vferi i raudum
kyrtli u. s. w. , vgl. auch die schon erwähnte Bezugnahme auf Aussagen der
Gudny Bödvarsdöttir in Cap. 65), so wie zumal aus der genauen Beachtung
der Verschiedenheit des Rechts , der Sitte und des Glaubens der älteren Zeit,
von welcher er berichtet, und der seinigen (z. B. Cap. 4: til hofsins skyldu
allir menn tolla gjalda, ok vera skyldir hofgoda til alba fcrda, sein nü eru ]iing-
menn höfdingjum; Cap. 22: pviat pat vöru pä log, at stefna heiman vigsök,
svä at vegendr heyrdi , edr at heimili peirra, ok kvedja eigi büa til fyrr en ä
Jn'ngi ; Cap. 26 : f penna tima vöru ütikamrar ä bajum ; Cap. 3 4 : jafnskylt var ölluni
münnum i lögum peirra, at fa?ra dauda menn til graptrar, sem nü, ef peir vöru
kvaddir; Cap. 39: pat var pä kaupmanna sidr, at hafa eigi matsveina u. s. w.;
Cap. 43: pat var sidr Breidvikinga um haustum, at peir höfdu knattleika um
LITTER ATTTR. 495
vetrnättaskeict undir Öxlinni smlr Ihi Knerri, par heita sidan Leikskälavellir u. s. w.,
dann: Egill hafdi sküfada sköpvengi, sem pä var sidr til, und: pat vdru log i
pann tfma, ef madr drap prael fyrir manni, at sä madr äkyldi f»ra heim ]>raels-
gjöld, ok hefja ferd sfna fyrir liina prictju söl eptir vfg praelsins u. s. w. ; Cap. 52:
at Frödä var eldaskäli mikill ok lokrekkja innar af eldaskälanum, sem pä
var sidr; — — par vöru gjörvir mäleldar hvert kveld i eldaskäla, sem sidr
var til; Cap. 54: petta pdtti gödr fyrirburdr, pviat pä höfdu menn pat fyrir
satt, at pä vaeri mönnum vel fagnat at Ränar, ef sjddaudir menn vitjudu erfis sins;
Cap. 58: pörir hafdi baft tygilkm'f ä hälsi, sem pä var ti'tt). Anderntheils kann
auch nicht bezweifelt werden, daß der Verfasser im Allgemeinen wohl im Stande
war, über die Vorgänge, von welchen seine Erzählung handelt, unterrichtet zu
sein. Daß er in dem Bezirke heimisch war, in welchem diese spielt, ist klar;
nimmt er doch selber öfter Bezug auf Denkmäler, die von dieser oder jener
Begebenheit Zeugniss geben (z. B. Cap. 1 0 : pä ser enn dömhring pann,
ok ser enn blödslitinn ä steininum; Cap. 28 : Eptir petta tüku peir at rydja götuna,
ok er pat et mesta mannvirki ; peir lögdu ok gardinn, sem enn ser merki : Cap. 3 4 :
Let Arnkell sidan leggia gard um pveran höfdann fyrir ofan dysina, svö hafan at
eigi komst yfir nema fugl fljügandi, ok ser enn pess merki; Cap. 37: Arnkell
var lagdr f haug vid sjöinn üt vid Vadilshöfda, ok er pat svä vfdr haugr sem
stakkgardr mikill) , und lassen sich die von ihm erwähnten Localnamen noch
heutigen Tages zumeist mit Sicherheit nachweisen, wie dies ein ebenso landes-
kundiger als in der Sagenlitteratur wohl bewanderter Mann , Herr Ami Thor-
lacius zu Stykkishölmur , in seiner schönen Abhandlung über die Ortsnamen der
Eyrbyggja und Landnäma im Bereiche des pörsnesspi'ng unlängst dargethan hat
(Safn til sögu Islands, II, S. 27 7 — 9 6). Wie sollte es da für ihn Schwierigkeiten
gehabt haben, über die hervorragenden Geschlechter der Umgegend so sichere
Nachrichten einzuziehen, als nur überhaupt zu seiner Zeit noch eingezogen werden
konnten, während er sogar der Mutter der mächtigsten Häuptlinge des West-
landes, der Sturlusöhne, nahe genug stand, um auf deren mündliche Aussagen
sich beziehen zu können? Und wie sollte es in einem Lande, dessen gesanmite
Verfassung ganz darnach angethan war, die einheimische Geschichte mit den
Familientraditionen einiger weniger hervorragender Geschlechter auf das Engste
zu verknüpfen, und in welchem überdies seit einem vollen Jahrhunderte bereits
eine nationale Geschichtschreibung sich aufgetban hatte, an verlässigen Über-
lieferungen über Vorgänge gefehlt haben, die zumeist nur um etwa zwei Jahr-
hundertc hinter der Entstehungszeit unserer Sage zurücklagen, und dabei einer
Zeit angehörten, welche für die ganze Entwicklung des 'Landes geradezu die
wichtigste gewesen war?
Eine detaillierte Erörterung der einzelnen Textesstellen, bezüglich deren
etwa die vom Herausgeber gewählten Lesarten irgendwie angefochten werden
könnten, dürfte nicht dieses Ortes sein, und fehlt jedenfalls mir zu einer solchen
der Beruf. Dagegen mag noch erwähnt werden, daß neben dem bereits erwähnten
Anhange, welcher der Recension C entnommen ist, noch ein weiterer, der Ilauks-
bök entnommener mitgetheilt wird, welcher einige ganz interessante Notizen
über die Bildung von Mannsnnmen im Heidenthume gcwälirl : daß ferner eine
Zeittafel, eine prosaische Auflösung und theilweisc auch Erklärung der in der
Sage vorkommenden Verse, ein Personenregister, Ortsregister und Verzeichnis
der Geschlechtsnamen, so wie ein hübsches Kärtchen des für die Sage besonders
496 LITTERATUR.
bedeutsamen Theiles von Westisland beigegeben ist , wogegen man ungern ge-
nealogische Tafeln vermisst, welche für die Benützung der Quelle zu historischen
Zwecken ein ungemein wichtiges Hülfsmittel bieten würden ; daß endlich Pro-
fessor Mübius durch theilweise Besorgung der (sehr sorgfältigen) Correctur,
durch Verdeutschung der, ursprünglich Isländisch geschriebenen Vorrede, sowie
durch einzelne in diese eingeschaltete eigene Bemerkungen um die Ausgabe sich
verdient gemacht hat. Auch kann ich nicht von dem Werke scheiden , ohne
noch einem letzten Wunsche Luft gemacht zu haben.
Schon in der warm und schwungvoll geschriebenen Widmung an den ersten
Kenner und Förderer der Litteratur, und nicht bloß der Litterafur seiner Heimat,
an Jon Sigurdsson , spricht Gudbrandur von der Sagenschule im Breidifjördur
als von derjenigen, aus welcher die besten Isländischen Sagen hervorgegangen
seien, und auch später wieder spricht er von jener Gegend als von der Stätte,
an welcher die volksmäßige Sage auf Island ihre vorzugsweise Pflege gefunden
habe (S. XI), während er zugleich die Mitte des 13. Jahrhunderts als diejenige
Zeit bezeichnet, in welcher die Sagenschreibung daselbst ihre höchste Blüthe
erreicht habe (S. XIII); am Schlüsse seiner Vorrede erklärt er eben jene Land-
schaft vollends für das eigentlichste Sagaland der Insel , welches man in der
Geschichte ihrer Sagenlitteratur das Isländische Attika nennen könnte, — er
erwähnt des Ari frödi, des Snorri Sturluson, Sturla pördarson und des Olafur
hvi'taskdld als hervorragender Häupter dieser westisländischen Sagenschule, wel-
cher neben der Islendingabdk, Sturlünga, Landnäma und Heimskri'ngla auch die
Eyrbyggja und Laxdada, die Eigla und die Grettla u. a. m. entstammen sollen,
— er unterscheidet endlich von der Sagenschule des Breidifjördur noch eine
zweite, welche im Nordosten des Landes, in den Austfirdir etwa, ihren Sitz ge-
habt habe, und deren vornehmste Erzeugnisse die Ljösvetninga und die Drop-
laugarsonasaga gewesen seien; nicht minder alt, stehe indessen diese letztere
Schule jener ersteren doch an Kunst der Darstellung sowohl wie an Reichthum
historischen Wissens weitaus nach. Man sieht, Sätze sind damit ausgesprochen,
welche aufs Tiefste in die gesammte Geschichte der Sagenlitteratur eingreifen,
Sätze aber auch, welche der bisherigen Lehre gegenüber durchaus neu und eigenthüm-
lich sind. Daß der alte Ari an der Spitze der Isländischen Geschichtschreibung stehe,
dann daß Snorri die. Heimskri'ngla, Sturla die Sturlünga und die Häkonar saga ganda,
daß endlich Olafur die Knytlinga geschrieben habe, hat man allerdings längst gewusst
oder doch vermutket, und auch darüber konnte kein Zweifel bestehen, daß alle vier
Männer dem Breidifjördur und seiner nächsten Umgebung angehörten ; aber von
einer Sagen schule im Breidifjördur war bisher meines Wissens nirgends ge-
sprochen worden, und eben so wenig von einer in bestimmtem Gegensatze zu
einer solchen stehenden zweiten Schule im Ostlande. Nun bin ich zwar sicher-
lich nicht gemeint, den derzeitigen Stand unserer Ansichten über die Isländische.
Litteniturgescliichle für einen irgendwie genügenden zu halten, und ein flüchtiger
Blick auf die zahllosen Missverständnisse, von denen es in Dietrichs Grundriss
der all nordischen Litteratur wimmelt, müßte allein schon hinreichen, um jeder
Anwandlung einer derartigen Selbstberuhigung ein Ende zu machen; aber doch
schiene mir zweckmäßig , wenn die Ergebnisse neuer und gründlicherer For-
schungen gleich bei ihrem ersten Eintritte in die Welt etwas näher ausgeführt
und begründet , nicht bloß mit ein paar flüchtigen Worten angedeutet werden
wollten. Überdies wollen sieb in mir auch sachliche Bedenken gegen die Stich-
LITTERATUß. 497
haltigkeit der neuen Lehre regen. Wir wissen, daß bereits Bischof Isleifur zu
Skälholt (f 1080), welcher zu Hervorden in Westfalen erzogen worden war,
eine Reihe tüchtiger Schüler bildete, unter welchen Bischof Kolur in Norwegen
und Bischof Jon Ogmundarson ausdrücklich genannt werden , während keinem
Zweifel unterliegen kann, daß auch Isleifs eigene Söhne, Bischof Gizurr und
Teitur im Haukadalur, von ihm unterrichtet wurden. Wir wissen ferner, daß
einerseits eben dieser Teitur wieder den Ari fröcti, dann die Bischöfe borläkur
Runölfsson von Skälholt und Björn Gilsson zu Ilölar unterrichtete, und daß
andererseits auch Bischof Jon < »grnundarson zu Hölar, unterstützt durch eine
Reihe tüchtiger Lehrer, eine vielbesuchte Schule hielt, an welcher nicht nur der
oben genannte Björn Gilsson ebenfalls eine Zeitlang unterrichtet wurde, sondern
aus welcher auch Bischof Kkengur porsteinsson von Skälholt, sowie die Lbte
Vilmuudur zu pi'ngeyrar und Hreinn (zu pihgeyrar oder zu Hitardalur?) hervor-
gingen. So erfahren wir auch, daß sowohl jener Bischof pörlakur als dieser
Bischof Ktangur sich auch ihrerseits wieder mit der Ertheilung von Unterricht
an jüngere Männer befassten, und dürfen wir hiernach wohl annehmen , daß au
beiden Bischofsstühlen des Landes ein geregelter Unterricht von Anfang an
fortwährend ertheilt wurde. Wiederum wird angedeutet, daß Sa>uiundur frodi,
nachdem er in Deutschland und Frankreich selbst seine Studien gemacht hatte,
sich auch mit der Ertheilung von Unterricht befasst habe (Jons saga helga,
I, Cap. 5), und jedenfalls steht fest, daß bei seinem Sohne Eyjülfur neben
manchen anderen Schülern auch der spätere Bischof porläkur pörhallsson seine
Bildung erhielt, — daß bei Jon Loptsson, einem Enkel des Saemundur, dessen
Sohn, der spätere Bischof Fall, seine erste Erziehung erhielt, welche dann später
in England vollendet wurde , — daß endlich Snorri Sturlusou zu Oddi bei
demselben Jon Loptsson von seinem 6. bis zu seinem 19. Jahre erzogen wurde;
wir dürfen hiernach wohl annehmen, daß auch zu Oddi von Mann zu Manu
fortwährend für gedeihliehen Jugendunterricht gesorgt gewesen sei. Auch die
Klöster, welche nach und nach auf der Insel gestiftet wurden, waren von Anfang
an in gleicher Richtung thätig. In Jungeyrar waren die Mönche Oddur Snorra-
son und Gunnlaugur Leil'sson, so wie der Abt Karl Jönsson litterarisch thätig ;
in pykkvibaer ertheilte der Abt Brandur Jönsson, später Bischof von Ilölar,
Unterricht und werden unter seinen Schülern die Bischöfe Jörundur porsteinsson
zu Ilölar und Arni Jjorläksson zu Skälholt, sowie Abt Runölfur Sigmundarson
genannt; der spätere Bisehof von Hölar, Läurentius Kälfsson, wurde zuerst neben
anderen Schülern bei einem Verwandten, sera pdrarinn zu Vellir im Svarfadar-
dalur, später in der bischöflichen Schule zu Hölar erzogen, und gab dann seiner-
seits wieder in den Klosterschulen zu pykkvibaer, zu Münkapveiä und zu pi'ng-
eyrar Unterricht u. dgl. m. Es fehlt uns hiernach keineswegs an Nachrichten
über das Unterrichtswesen auf der Insel; aber nirgends vermag ich eine Spur
davon zu finden, daß am Brei ttif jöretur oder in den Austlinlir ein besonderer
Ontralpunkt für dasselbe bestanden hätte, ja ich möchte vielmehr daraus, «lall
Snorri seine Erziehung in Oddi erhielt und daß die Geschieht Schreibung der
Mönche Oddur sowohl als Gunnlaugur einen völlig anderen Charakter trägt als
die Werke des Ari, schließen, daß es an jeder Continuität der litt er arischen
Bildung (nicht natürlich der historischen Überlieferung) in den Gegenden um
den Breidiijöntur gefehlt habe, während mir für das Ostland, wenn Leb etwa
von der bereits angeführten Notiz über KolskeggUT frodi absehe, jeder Anhalts«
GERMANIA X. 32
498 MISCELLEN.
punkt abgebt, an welchen sieh die Annahme eines selbständigen Jitterarischen
Lebens und Wirkens knüpfen ließe. Zugeben kann ich vorläufig nur , daß im
Westlande und der ihm benachbarten, aber zum Nordlande gehörigen Hüna-
vatnssysla eine ganz besondere Thätigkeit in Bezug auf die Sagenschreibung am
Ende des 12. und Anfange des 1 3. Jahrhunderts herrschte, und daß eine Reihe
von Sagen , welche auf das Nordland und zumal das Üstland sich beziehen,
zumal in materieller Hinsieht einen altertümlicheren Charakter zu zeigen scheint,
als eine Anzahl anderer Sagen, welche über das Westland handeln; allein dieser
letztere Gegensatz ist weder ein scharfer, noch ein erschöpfender, da z. B. die
Hcidarvi'gasaga oder Eigla, auch die Eyrbyggja selbst, einen antikeren Typus
zeigen , und umgekehrt die Vatnsdaela , Finnboga saga , der Brandkrossa pättur
u. dgl. einen moderneren, während die vergleichsweise moderne Njäla, Flöamanna-
saga u. s. w. ganz außerhalb jener Classificierung stehen , und ich möchte eher
annehmen, daß jene wirklich vorhandenen Verschiedenheiten daraus zu erklären
seien, daß gewisse Sagen wiederholt überarbeitet, andere nur in ihrer ursprüng-
lichen Gestalt uns zugekommen seien. Wie dem auch sei, gewiss ist der Wunsch
gerechtfertigt, daß Gudbrandur sich entschließen möge, seine vorläufig nur an-
gedeuteten Ansichten über die ersten Anfänge und das allmähliche Wachsthum
der Sagenschreibung möglichst bald dem einschlägigen Publicum näher auszu-
führen und quellenmäßig zu begründen. KONRAü MAURER.
MISCELLEN.
Bericht
über die Sitzungen der germanistischen Section der XXIV. Versammlung
deutscher Philologen und Schulmänner zu Heidelberg, 27. bis 30. September 1865.
Präsident der Section sollte nach der im vorigen Jahre zu Hannover ge-
troffenen Wahl llofrath Dr. lloltzmann in Heidelberg sein; da derselbe jedoch
bedauerlichst erkrankt war, so führten Dr. Hieger aus Darmstadt und Prof. Dr.
Creizenach aus Frankfurt a. M. das Präsidium. Nach dem Schlüsse der ersten
allgemeinen Sitzung am 2 7. September Vormittags 12 Uhr begrößte Prof. Wat-
tenbach aus Heidelberg im Namen Iloltzmanns die Versammlung, worauf Kieger
und Creizenach das Präsidium übernahmen. Zu Schriftführern wurden Dr. Barack
aus Donaueschingen und Dr. Weismann aus Frankfurt a. M. erwählt. Zunächst
wurde wieder die Einzeichnung der Sectionsmitglieder in das Gedenkbuch und
die Zahlung eines kleinen Beitrags zur Bestreitung der auflaufenden Kosten vor-
genommen. An diesem und den folgenden Tagen trugen folgende 44 Mitglieder
ihre Namen in das Album ein:
Barack, K. A., Fürstenbergischer Hofbibliothekar in Donaueschingen.
Bartsch, Karl, Professor in Ptostock.
Becker, Th., Hofrath und Gymnasiallehrer in Darmstadt.
Bergmann, Prof., Dekan der litterärischen Facultät in Straß^urg.
MISCELLEtf. 499
Crecelius, Wilhelm, Oberlehrer in Elberfeld.
Creizenach, Theodor, Gymnasiallehrer in Frankfurt a. M.
D'AlIeux, Studienlehrer in Hof.
Dietrich, Franz, Professor in Marburg.
Dithmar, W., Gymnasiallehrer in Marburg.
Düntzer, Heinrich, Professor in Cöln.
Emmert, A., Studienlehrer in Speier.
Gerhard, O., Gymnasiallehrer in Wetzlar.
IUI de br and, H. R., Gymnasiallehrer in Leipzig.
Hoffmann von Fallersleben, Professor in Corvey.
Holland, W. L., Professor in Tübingen.
Holtzmann, Adolf, Hofrath und Professor in Heidelberg.
Keller, Adelbert v., Professor in Tübingen.
Köhler, Rcinhold, Bibliothekar in Weimar.
Lemcke, Ludwig, Professor in Marburg.
Li ehr echt, Felix, Professor in Lüttich.
Lübben, August, Gymnasiallehrer in Oldenburg.
Mannhardt, Wilhelm, Privatdocent in Berlin, z. Z. in Danzig.
Menzel, Rudolf, Gymnasiallehrer in Dresden.
Müller, Wilhelm, Professor in Göttingen.
Mussafia, Adolf, Professor in Wien.
Neff, Lehramtspraktikant in Heidelberg.
Nu seh, A., Studienlehrer in Diirkheim.
P a b s t , Professor in Bern.
Petters, Ignaz, Gymnasiallehrer in Leitmeritz.
Pfeiffer, Franz, Professor in Wien.
Rieger, Max, Dr., aus Darmstadt.
Roth, Franz, Stadtarchiv-Secretär in Frankfurt a. M.
Ruth, Emil, Privatdocent in Heidelberg.
Scheffel, Joseph Victor, Dr., aus Karlsruhe.
Scherrer, Joh., Dr., aus Heidelberg.
Schnitzer, Professor in Ellwangen.
Sieber, Ludwig, Gymnasiallehrer in Basel.
Simrock, Karl, Professor in Bonn.
Steinthal, Heinrich, Professor in Berlin.
Ul brich, Hugo, Lehrer in Frankfurt a. M.
Weis mann, Heinrich, Dr., aus Frankfurt a. M.
Werner, Professor in Braunschweig.
Wisliccnus, Hugo, Privatdocent in Zürich.
Wülcker, Ernst, aus Frankfurt a. M.
In der Sitzung am 28. September Vormittags 8 Uhr sprach zuerst Dr.
Mannhardt über Gründung eines Quellcnschatzcs der germanischen Volksübei lie-
ferung. In der bisherigen Art und Weise des Sammeins von Volksüberlieferungcn
herrsche keine feste Methode, die sich der philologischen Kunst an die Seite
stellen könne. Es mute eine Geschichte der Überlieferung hergestellt werden.
Das bisherige Verfahren sei nicht geeignet, die Gründang einer exaeten Wissen-
schaft ins Leben zu rufen. Ein gut Theil der Sammler waren Dilettanten, die
sich oft genug täuschen ließen. Viele Gebiete der Yolksiiberlieicrujig ^lieben
32*
500 MISCKLLKNJ
unerforscht, und dadurch sind zahlreiche Lücken in den Reihen derselben ge-
blieben. Ein Quellenschatz der germanischen Volksüberlieferung bilde eine not-
wendige Ergänzung der Monumenta Germanise historica; auf ihn müße dieselbe
Methode wie bei diesen angewendet werden. Also Monumenta mythica germanica
sei das anzustrebende Ziel; sie würden in verschiedene Abtheilungen zerfallen.
Doch lasse sich der Plan erst feststellen, wenn durch den Versuch an einer Ab-
theilung die Ausführbarkeit erwiesen sei. Der Vortragende verweist hier auf die
Vorrede zu seiner Götterwelt' (Berlin 1860), worin sich schon Andeutungen
zu einem solchen Plane finden. Als Probe, um die Methode darzulegen, habe er
die agrarischen Sitten gewählt, weil diese am leichtesten zu sammeln seien, da
sie am meisten in die Augen fallen 5 sie seien scharf begrenzt und auch nicht
allzu umfangreich. Sie waren das erste, worauf man im 18. Jahrhundert die
Aufmerksamkeit gerichtet; so habe in ihnen zuerst Grupen das Vorkommen
Wodans erkannt. Mannhardt stellte nun die Gesetze auf, nach denen bei einem
wissenschaftlichen Sammeln verfahren werden müße. In zwei Hauptabtheilungen
werde sich das Ganze gliedern, die erste werde die Sammlung selbst umfassen,
die zweite die daraus gezogenen Resultate. Der Stoff werde in geographischer
Reihenfolge mitzutheilen sein, und jede Überlieferung mit dem Namen des Ortes
belegt werden, in welchem sie vorkomme. Die politischen wie physischen Völker-
grenzen seien bei der Anordnung maßgebend. Für jede Landschaft seien außer-
dem die früheren Zeugnisse aus der gedruckten Litteratur anzuführen. Beispiele
erläutern das einzuschlagende Verfahren. Endlich verbreitet sich der Vortrag
über die Mittel, mit welchen das Ziel erreicht werden könne, und gab die Wege
an, welche Mannhardt selbst betreten, um seine sich schon auf die Zahl 3000
belaufenden Berichte über agrarische Sitten zu erlangen.
Professor Bartsch erstattete Bericht über die Thätigkeit der Commission
für Herausgabe des niederdeutschen Wörterbuches. „Als im vorigen Jahre in
Hannover durch Prof. Pfeiffer die Wiederaufnahme und Vollendung des Kose-
gartenseben Wörterbuches angeregt *) und zu diesem Zwecke eine Commission,
bestehend aus Prof. W. Müller in Göttingen, Prof. Höfer in Greifswald und
mir, erwählt wurde, giengen alle Anwesenden von der Voraussetzung aus, daß
es- sich im wesentlichen nur um Bearbeitung und Herausgabe vorhandenen Ma-
terials handle. Von den Commissionsmitgliedern war Prof. Höfer nicht anwesend,
was namentlich deswegen zu bedauern, weil er im Stande gewesen wäre, den
wirklichen Sachverbalt darzulegen. Zunächst setzte ich mich, nach Rücksprache
mit W. Müller, mit Höfer in Verbindung, um durch ihn über die Beschaffenheit
des handschriftlichen Materials und die erleichterte Benutzung desselben Kunde
zu erbalten. Es mußte sich darum bandeln, ob von der Bedingung, daß das
Material nur in Greifswald selbst auf der Bibliothek benutzt werden dürfe,
eventuell Dispens erlangt werden könne. Was die Beschaffenheit des Materials
betrifft, so bat inzwischen Höfer in Pfeiffers Germania 10, 121 — 125 einen
ausführlichen Bericht darüber gegeben. Daraus geht nun hervor, daß die Sache
nicht ganz so einfach ist, wie man sie nach den erschienenen Lieferungen und
nach den Ankündigungen des Verlegers sich denken mußte. Das Verhältnis« bei
den erschienenen Lieferungen ist, wie Höfer berichtet, etwa so, dnß das in den
*) Vgl. Germania ft, 488—490.
MIRCELLErf. 50 1
handschriftlichen Sammlungen vorhandene Material nur den zehnten Theil des
gedruckten umfasst. Die andern neun Zehntel hat Kosegarten erst wahrend der
Ausarbeitung hinzugefügt. Sonach könnte nur von einer Benutzung des immerhin
sehr werthvollen bandschriftlichen Materials, keineswegs aber von der Herausgabe
eines im Wesentlichen fertigen Stoffes die Rede sein. Die Benutzung aber würde,
wie Geh. Rath Schömann auf eine von der Commission eingereichte Hingabe
erwiderte, in jeder Beziehung erleichtert werden, soweit es die Rücksicht auf
die Familie gestattet. Ein einziger Aufenthalt während der Universitäts-Herbst-
ferien, also etwa 2 — 3 Monate, würde hinreichen, um das Material auszunutzen.
Unter diesen Umständen ist die Hauptsache und die erste Frage jetzt die :
einen Gelehrten zu finden, der nicht sowohl die Herausgabe des Kosegartenschen
Wörterbuches unternähme, als vielmehr, mit Hinzuziehung und Benutzung des
Kosegartenschen Materials, ein niederdeutsches Wörterbuch arbeiten wollte. Eine
solche Persönlichkeit zu suchen , dieser Aufgabe konnte die Commission sich
nicht unterziehen. Wohl aber ist es möglich, und es wäre dies unser Aller Wunsch,
daß , durch den wiederangeregten und aufgenommenen Gedanken der Nothwen-
digkeit eines niederdeutschen Wörterbuches, sich eine geeignete Persönlichkeit
veranlasst fände, diesem wichtigen Unternehmen ihre Kraft zuzuwenden. Eine
Reihe von Jahren würde es allerdings erfordern, ehe das Material in gewünschter
Vollständigkeit beisammen wäre. Wenn bei solcher Lage der Dinge die Thätigkeit
der Commission zu keinen wesentlich fördernden Resultaten geführt hat und
auch nicht führen konnte, wenn für einen Bearbeiter, der sich bei anderer Sach-
lage gewiss leicht gefunden hätte, die Aufgabe bedeutend schwieriger geworden,
so gereicht es mir doch zur Befriedigung, hinzufügen zu können, daß die Aus-
führung, wenn jemand das Werk unternähme, auf die regste Theilnahme rechnen
dürfte. Soll ich von dem niederdeutschen Lande reden, in welchem ich lebe,
so glaube ich die Überzeugung aussprechen zu dürfen, daß in Meklenburg die
Sache auf jede Weise unterstüizt werden würde, und das Gleiche kann von den
Regierungen anderer niederdeutscher Länder erwartet werden. Ich freue mich
aber auch auf eine wissenschaftliche Unterstützung hinweisen zu können , die
von Meklenburg aus bereits angeboten ist. Herr Gymnasiallehrer Dr. Schiller
in Schwerin, der den Freunden niederdeutscher Sprache durch seine inhaltsreichen
(bis jetzt drei) Programme 'Zum meklenburgischen Thier- und Kräuterbuche
wohl bekannt ist, besitzt sehr schöne und reichhaltige Sammlungen für ein
niederdeutsches Wörterbuch. Dieselben umfassen einen nicht unbedeutenden Theil
der älteren niederdeutschen Litteratur, Chroniken, Urkunden, Dichtungen, geist-
liche Werke etc. bis ins 16. .Jahrhundert binein , außerdem manches aus der
heutigen Mundart. Diese Sammlungen will er mit anerkennenswerthem Eifer für
die Wissenschaft und mit seltener Uneigennützigkeit dem künftigen Bearbeiter
des niederdeutschen Wörterbuches zur Verfügung stellen, und so besitzen andere
Gelehrte ähnliche Sammlungen, welche, vereinigt mit dem Kosegartenschen Ma-
terial, eine sehr schätzenwerthe Grundlage bilden und die Arbeit wesentlich er-
leichtern würden. Ist der rechte Mann gefunden, dann wird eine nach dieser
Seite hin erlassene Aufforderung zur Unterstützung sicherlich nicht ohne Wirkung
bleiben, und das Beispiel, das Dr. Schiller gegeben, wird Nachahmung finden.
So kann ich im Namen der Commission das uns gewordene Mandat wieder m
die Hände der Versammlung legen, in der Hoffnung, daß die Anregung doch
nicht spurlos verwehen wird, sondern daß nach Darlegung der Verhältnisse nun
r,02 MISCELLEN.
ein deutscher Gelehrter mit deutschem Fleiße und deutscher Gründlichkeit daran
gehe, den Sprachschatz des niederdeutschen Gebietes zu bearbeiten, und dadurch
unserer Wissenschaft einen bedeutenden Dienst erweise, eine empfindliche Lücke
in unserm wissenschaftlichen Apparate ausfülle und sich selbst ein schönes blei-
bendes Denkmal setze."
Dr. Lindenschmit aus Mainz legte in Original und Abbildung eine in der
Nähe von Augsburg gefundene, jetzt im Museum daselbst befindliche Fibula
von Siber vor, wahrscheinlich dem 6. oder 7. Jahrhundert angehörend, die auf
ihrer Rückseite eine alamannische Runeninschrift darbietet.
Hieran knüpfte sich ein Vortrag von Prof. Dietrich über die neuesten
Entdeckungen auf dem Gebiete der deutschen Inschriftenkunde. Er sprach über
das Kreuz von Ruthwell, welches ein Bruchstück eines angelsächsischen, wahr-
scheinlich dem Cynevulf angehörigen Gedichtes enthält, aus der zweiten Hälfte
des 8. Jahrhunderts; ferner über die Taschberger Funde, worunter eine bronzene
Spange, die als Inschrift ein Sprichwort aufweist, und ein Schildbuckel mit dem
Namen des Besitzers. Von besonderer Wichtigkeit seien einige in den letzten
Jahren entdeckte burgundische Inschriften. So sei 18 60 in der Nähe von Dijon
eine Fibula gefunden worden, ganz ähnlich der Augsburger, welche ein Sprich-
wort als Inschrift enthalte. Die Stätte sei ein Schlachtfeld Chlodwigs im Jahre
500, mithin gehöre die Inschrift dem fünften Jahrhundert an. Die 2 2 goldenen
Gefässe des Banater Fundes, jetzt in Wien, gehören der zweiten Hälfte des
fünften Jahrhunderts; sie enthalten Namen der Besitzer oder der Verfertiger;
eine Abhandlung über dieselben bereite der Vortragende vor. Hieran knüpft er
ein Paar Fragen nach verschollenen Inschriften , so betreffend das gothische
Schwert (Dietrichs von Bern), welches früher in Verona sich befunden habe
und von Peringskjold beschrieben worden ; doch mache die Lesung des skandi-
navischen Gelehrten, die von der Annahme ausgehe, die Inschrift sei schwedisch,
eine neue durchaus nothwendig, da in Folge jener Annahme wahrscheinlich vieles
unrichtig gedeutet worden. Ferner sei am 4. Mai 186 5 in Robenhausen bei
Schaffhausen ein Basaltkegel mit Runen entdeckt worden. Hierüber vermag Dr.
Scheffel Auskunft zu ertheilen, wonach das Ganze auf einer Mystifikation beruht
und in Nichts zerfällt. Zuletzt weist Prof. Dietrich darauf hin, daß in diesen
Funden, die sich von Jahr zu Jabr mehren, ein erfreuliches Material zu einem
deutschen Inschriftenwerke bereits vorliege, und spricht die Hoffnung aus, daß
ein solches noch einst zu Stande komme, damit nicht der von einem ausländischen
Gelehrten erhobene Vorwurf zur Wahrheit werde: die deutschen Akademien för-
derten Inschriftenwerke aller Nationen und Sprachen, nur um die Inschriften
ihrer eigenen Vorzeit bekümmerten sie sich nicht.
Die Sitzung wurde um 1 1 Uhr geschlossen.
Die nächste Sitzung, Freitag den 2 9. September Vormittags 8 Uhr, wurde
durch den Vortrag des Prof. Bartsch über den saturnischen und altdeutschen
Vers eröffnet. Die Ähnlichkeit dieser beiden Versarten sei schon oft von clas-
sischen Philologen hervorgehoben worden; er beabsichtige die Vergleichung auch
einmal vom germanistischen Standpunkte aus zu unternehmen. Der altrömische
Vers weicht zwar in manchen Punkten von der späteren römischen Metrik ab,
unterscheidet sich aber dadurch wesentlich vom deutschen , daß das Quantitäts-
prineip im saturnischen Verse eben so gut wie in der späteren Metrik den Accent
beherrscht, während im Doutschen der Accent, die Wortbetonung, das maßgebende
MISCELLEtf. 503
ist, die Quantität nur eine untergeordnete Bedeutung hat. Die Fälle, in welchen
beim Saturnius eine Verletzung des Wortaccentes zu Gunsten der Quantität statt-
findet, wurden besprochen, und die etwaigen analogen Fälle aus der deutschen
Metrik herbeigezogen, ebenso die Entwickelung der romanischen Metrik aus dem
allmählichen Verluste des Quantitätsgefühls erläutert. Sodann betrachtete der Vortrag
die Auflösung der Arsis , die Reinheit der Senkungen in Bezug auf Kürze und
Länge, so wie die Mehrsilbigkeit der Thesis. Ferner die Cäsur und die nicht
selten vorkommende Zerreißung eines Wortes durch dieselbe, wobei wieder auf
Ähnliches in der altdeutschen Rhythmik hingedeutet wurde. Besonders wurde
das Fehlen der Senkung hervorgehüben, weil darin eine Hauptübereinstimmung
zwischen altrömischer und altdeutscher Metrik sich findet. Die Fälle, in welchen
die Senkung im Saturnius fehlen darf, wurden einzeln untersucht. Hieran schloß
sich die Betrachtung des Auftaktes und des zur Regel gewordenen Fehlens des-
selben in der zweiten Vershälfte, welches der Vortragende aber nicht als das
ursprüngliche, sondern als eine jüngere Entwickelung betrachtet. Dann wurde
die Frage erörtert, ob auch eine Hebung, nach welcher eine Senkung fehlt,
aufgelöst, werden kann. Der weibliche oder klingende Ausgang beider Vershälften
wurde nach Anleitung des deutsehen Versbaues gedeutet und aus dem Wesen
der lateinischen Sprache erklärt, aber auch nicht als das ursprünglich allgemein
geltende Gesetz betrachtet. Am Schluße wies der Vortragende auf verwandte
Versbildungen der Griechen, auf den Hexameter so wie den indischen Slnkns.
die romanischen Reimpaare von acht Silben, und sprach seine Überzeugung von
der Gemeinsamkeit eines indogermanischen epischen Versmaßes au«, dessen nach
der Individualität der einzelnen Völker verschiedene Entwickelung und Gestaltung
sich am besten am altdeutschen Verse darthun lässt.
Zunächst ergriff Prof. Düntzer das WTort, um zu erklären, daß er mit der
jetzt allerdings herrschenden Ansicht vom Bau des saturnischen Verses sich nicht
in Einklang befinde; er halte dieselbe für nichts als für einen geistreichen Ein-
fall, den zuerst Naeke und O. Müller hatten. Die alten Grammatiker wissen
nichts von Auslassung der Senkungen ; das Lied der arvalischen Brüder fuge
sich durchaus nicht dem aufgestellten Gesetze , die Inschrift auf Naevius zeige
keine einzige ausgelassene Senkung, und stamme doch noch aus einer Zeit, wo
das Gesetz des saturnischen Versbaues noch sehr wohl im Bewusstsein lebte.
Die erhaltenen Fragmente des Livius und Naevius seien zu unsicher, um als
Grundlage benutzt zu werden; aus ihnen könne man mit Hinzunahme der Aus-
lassung von Senkungen alles machen. So bleiben die Inschriften; aber sind denn
diese überhaupt in Versen verfasst? Man habe die darin vorkommenden Funkte
für Verszeichen genommen; aber dieselben finden sich auch in entschieden pro-
saischen Inschriften, sie bedeuten nichts als starke Interpunctioncn. Auch Böckh
will nichts von fehlenden Senkungen wissen. Der saturnisehe Vers sei nicht aus
einer gemeinsamen Quelle zu erklären, sondern beruhe auf nationaler Grundlage.
Prof. Büchcler aus Freiburg erklärt, er sei mit dem Vorredner durchaus
nicht einverstanden; er beabsichtige nicht, sich auf eine Widerlegung desselben
einzulassen, denn wer behaupte, die Inschriften, welche man jetzt allgemein als im
Saturnius abgefasst ansehe, seien überhaupt gar nicht in Vcröen geschrieben,
mit dem lasse sich nicht weiter disputieren. Dagegen befinde er sieh mit dem
Vortragenden in allen wesentlichen Punkten im Einklänge; er habe in einer,
Prof. Bartsch wahrscheinlich unbekannt gebliebene!) Recenslon der Mbn^menta
504 MISCELLKN.
priscse latinitatis (in Jahn's Jahrbüchern) den Gegenstand ausführlich behandelt
und ebenfalls den altdeutschen Vers herangezogen.
Prof. Barfesch will gegen das von Düntzer angeführte Beispiel, die Grab-
schrift des Naovius, nur das einwenden, daß in ihr keineswegs ein Beweis gegen
das Gesetz von den ausgelassenen Senkungen liege. Auch hier zeige die deutsche
Poesie des 13. Jahrhunderts eine durchaus analoge Entwickelung, indem im
Verlaufe desselben es mehr und mehr Brauch wurde, die Senkungen auszufüllen,
ja dieser Brauch bei manchen Dichtern, wie Konrad von Würzburg, beinahe
zum strengen Gesetz für lange epische Dichtungen erhoben erscheint.
Es folgte der Vortrag des Prof. Bergmann über die Bedeutung der Namen
Germani, Deutsche nnd Hexampaios. Die scharte Trennung von Germanen und
Kelten sei unbegründet , es finden sich keine Spuren von Kämpfen zwischen
Kelten und Germanen, sondern beide lebten still und friedlich neben einander:
daher wurden die Germanen von den in Belgien lebenden keltischen Völker-
schaften Brüder {germani) genannt, ein Name, welcher eine immer größere Ver-
breitung gewann. Der Name Deutsche kommt von tavidi, Herd, was schon Herodot
als ein bei den Skythen vorkommendes Wort erwähnt, von der Wurzel tu, aus
welcher auch das lateinische fumus zu erklären. Der Name der Familie wurde
auf den ganzen Stamm ausgedehnt. Damit hängen die Worte Teut, thhula, thiu-
disks zusammen. Was aber beweist, daß die Skythen die unmittelbaren Vorfahren
der Deutschen und Gothen gewesen? Worte und deren Übereinstimmung. Herodot
nennt z. B. als skythisch ££,cc[i7ECiiog , das sei ein deutsches Wort, der zweite
Theil ist das gothische veihs, heilig, davon veihjan, heiligen; das germanische v (iv)
wurde im Griechischen durch % ersetzt; im ersten Theile liegt unser Weg,
goth. viffs, indem im Anlaute v durch die Aspirata ersetzt wurde. — Eine De-
batte knüpfte sich an diesen Vortrag nicht an.
Prof. Creizenach sprach über die ältesten Spuren Dante's in der deutschen
Litteratur. Er beabsichtigt unmittelbare wie mittelbare Einwirkungen Dante's auf
unsere Litteratur nachzuweisen. Jene da, wo in spätem Jahrhunderten des Mittel-
alters sich ein directer Einfluß zeigt, diese vom 1 6. Jahrhundert an, wo Dante's
Schriften theilweise den Mittelpunkt eines heftigen Streites werden. In Italien
lassen sich Citate aus Dante bereits seit 13 30 nachweisen; von Ausländern, die
Dante kennen und nennen, ist der englische Dichter John Gower, der Verfasser
der Confessio amantis, zu nennen, sodann Chaucer, der in den Canterbury Tales
Bekanntschaft mit Dante an den Tag legt. Das erste Lobgedicht auf Dante
rührt von einem französischen Dichter des 16. Jahrhunderts aus der Zeit Hein-
richs IL; die erste französische Übersetzung erschien 15 96 — 97, verfasst von
Balthasar Grangier, eine spanische bereits 15 IT) von Fernandez Villegas , in
Burgos von einem deutschen Drucker, einem Basler, gedruckt. Was Deutschland
betrifft, so findet man bei Niclas von Wyle , der doch den Petrarca sehr
gut kannte, noch keinerlei Spuren von Dante. Zinkgref erzählt eine Anecdote,
die von Dante auch erzählt wird, aber ohne Dante's Namen; doch findet dieselbe
sich bereits bei Hans Sachs und zwar mit Berufung auf Dante. Des Dichters
Buch de monttrchia erfuhr frühzeitig Widerlegungen von Anhängern des Papst-
thums. Guilelmus Occam, des Dichters jüngerer Zeitgenosse, der lange in München
lebte und daselbst 134 7 starb, fixiert einen Spruch, der beinahe buchstäblich
wie bei Dante lautet. Im 16. Jahrhundert, als das Buch de monarchia zuerst
gedruckt wurde, erschienen heftige Angriffe dagegen. Flaccius Illyricus stand
MISCRLLEN. 505
nicht an, Dante als den heftigsten Gegner des Papstthums zu bezeichnen.
Karls V. Wahlspruch plus ultra erinnert an Dante's Erzählung von Ulysses an
den Säulen des Hercules, ist aber vielleicht aus Seneca entlehnt. Bodmer und
Gottsched kannten Dante, doch war er dem deutschen Publicum im 18. Jahr-
hundert noch so wenig bekannt , daß Bodmer für nötbig Hielt zu sagen , man
solle sich unter der divina commedia nicht etwa ein Lustspiel vorstellen. Die
erste regelrechte Übersetzung einer Stelle Dante's findet sich bei Andreas Gry-
phius in den Anmerkungen zum sterbenden Papinianus. — Die Sitzung wurde
um 1 1 Uhr geschlossen.
In der letzten Sitzung, die am Sonnabend den 30. September von 8 — 11 Uhr
gehalten wurde, ward eine neue Übersetzung des fünften Gesanges von Dante's
Inferno von Friedrich Halm durch Prof. Bartsch vorgetragen; dieselbe behält
die strenge Form der Terzine und den weiblichen Reim durchgehends bei.
Hierauf gab Dr. Barack interessante Beiträge zur Geschichte der Nibe-
lungenhandschrift C, welche wir unverkürzt hier folgen lassen. „Was man Qber
das Schicksal der beiden Nibelungenhandschriften A und C, die einst Jahrhun-
derte lang mit einander verbunden waren, und besonders über die Wege, auf
denen sie von ihrem ehemaligen Aufbewahrungsorte Hohenems, jene in den Besitz
der Münchener Hof- unc) Staatsbibliothek, diese in das Eigenthum der fürst).
Hofbibliothek zu Donaueschingen übergieng, weiß, ist theils unrichtig, theils un-
vollständig. Es dürfte daher von Interesse und im Hinblicke auf die Berühmtheit
der fraglichen Handschrift hier erwünscht sein, den richtigen und ausführlichen
Sachverhalt hierüber aus den hinterlassenen Papieren des verstorbenen Freiherrn
Joseph von Laßberg zu erfahren. Er ergibt sich zunächst aus einem Schreiben
Laßbergs an den damaligen badischen Legationsrath von Büchler zu Frankfurt,
de dato „Heiligenberg S.April 1819", und dann aus einer berichtigenden Bei-
lage Laßbergs zu Albert Schotts Geschichte des Nibelungenliedes. Büchler, zu-
gleich Geschäftsführer der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde und
Mitherausgeber des Archivs der Gesellschaft, hatte sich erkundigt, was wohl im
Laufe der Zeiten aus den im Schlosse zu Hohenems aufbewahrten, noch vom
St. Blasianischen Abt Gerbert in seinen Reiseaufzeichnungen erwähnten deutschen
Handschriften geworden sei. Laßberg erwidert nun auf seine Anfrage (s. Archiv
der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde I, S. 65): „„Ich befinde
mich im Stande, Euer Hochwohlgeboren über die die Hohenemser Sammlung
betreffenden Anfragen sogleich umständliche, aber leider nicht sehr erfreuliche
Auskunft zu geben : Des Namens und Stammes des edeln und einst durch Sänger
und Helden so berühmten Hauses von Ems lebt Niemand mehr. Vor wenig
Jahren starb die letzte Erbtochter, welche an einen Grafen von Harrach in
Mähren verheirathet war und ebenfalls eine einzige Tochter hinterließ, die als
Witwe des Grafen Clemens von Waldburg (Zeiler Linie) gegenwärtig auf ihren
Gütern in Mähren lebt, wo sie sich damit beschäftigt, in einem Belbstgeetifteten
Philanthropin arme Mädchen zu erziehen. Noch bei Lebzeiten der Mutter, einer
herrlichen hohen Frau, enthielt der sogenannte Palas zu Hohem ins einen großen
Reichthum von kostbarem, altem Geräthe, Waffen, Jagdgezeuge, Gemälden und
einer wohlgefüllten Bücherkammer und besonders ein Vestiarium, mit Trachten
des XIV. bis ins XVII. Jahrhundert angefüllt, welche Sammhirig in Deutschland
schwerlich ihres Gleichen hatte. Die Tochter entschloß sich plötzlich, die alten
Emser Besitzungen zu verlassen und alles, was einigen Geldwerth hatte, hinweg
führen zu lassen. Das Übrige wurde aub hasta verkauft uud leider nur in der
r,()6 MISCELLEN.
nächsten Umgebung von Ems die Versteigerung bekannt gemacht. So geschah es»
daß jetzt der große runde Tisch von schwarzem Marmor, an dem der alten
Ritter und Sänger Becherklang und Gesang so oft ertönte, in den Garten des
Juden Lazarus Levi zu Hohenems wanderte, und daß die Juden des Ortes in
der darauffolgenden Fastnacht in den Kleidern der alten Grafen und Gräfinnen
von Ems die Straßen durchzogen. Von den durch die Gräfin in 10 Kisten
hinweggeführten Handschriften und Büchern kamen seitdem 3 Stücke wieder
zum Vorschein. Um den Ruhm vollends zu begründen , quod in patrios cineres
minxit, schenkte sie dieselben (1807) in Prag ihrem Advocaten, dem Doctor juiis
Schuster. Es waren l. ein Pergamentcodex des Nibelungenliedes, aus dem Ende
des XII. — XIII. Jahrhunderts, also weitaus der älteste unter den bisher auf-
gefundenen; 2. eine weitere Pergamenthandschrift desselben Gedichtes aus dem
XIII. — XIV. Jahrhunderte, und 3. eine Handschrift des Barlaam und Josaphat,
gedichtet von ihrem Ahnen Rudolf von Ems, nun gleichfalls in Donaueschingen.
Wie zu vermuthon , waren auch Handschriften lateinischer Classiker darunter,
denn mich Wilkens Aussage besitzt die Berliner Bibliothek einen Sallust des
XII. Jahrhunderts aus der Ilohenemsischen Bibliothek. Dr. Schuster sandte die
beiden Nibelungenhandschriften nach München. Die Münchener zogen, weil die
ältere beträchtliche Hiatus hat, die jüngere vor und gaben Herrn Schuster In-
cunabeln dafür. Nr. 1 und 3 verkaufte Schuster an einen Herrn Frikart in Wien,
der sie während des Congresses für einen hohen Preis überall herum feilbot.
Einsmals wurde über Tisch bei Kaiser Franz vom Liede der Nibelungen ge-
sprochen. Die Kaiserin Marie Louise nahm sich desselben lebhaft an, und da
jemand äußerte , daß sich die älteste , schönste und reichste Handschrift dieses
Gedichts in Privathänden zu Wien befinde, auch die k. k. Büchersammlung
keine Handschrift dieses Nationalepos besitze, ließ der Kaiser den Frikart auf
den folgenden Tag mit seiner Handschrift zu sich bescheiden. Der Kaiser fragte ihn
nach dem Preise derselben, und Frikart nannte die Summe von 1000 Stück
Ducaten. Nun so gehen Sie zum Ossolinsky (Präses der k. k. Bibliothek), sagte
der Kaiser, und lassen Sie sich eine Anweisung an die Hofkammer geben. Als
Frikart das Buch zu dem Grafen Ossolinsky brachte, machte ihm dieser heftige
Vorwürfe über den hohen Preis und stellte sich an, als ob er noch etwas herunter
markten wollte , worauf Frikart erwiderte , daß das Buch ja von dem Kaiser
selbst gekauft und folglich nicht mehr die Rede vom Handeln sein könne. Osso-
linsky wollte ihm hierauf eine Anweisung auf 4 5 00 Gulden in W. Währung,
in Papier geben, nach welcher der Verkäufer dem damaligen Curse nach über
die Hälfte hätte verlieren müßen. Dies nahm Frikart nicht an und berief sich
darauf, daß er mit dem Kaiser auf Ducaten und nicht auf Papier gehandelt habe.
Ossolinsky erwiderte, daß, so lange die Bibliothek bestehe, noch nie ein Buch
für solchen Preis gekauft worTlen sei, und wenn er es für die angebotene Summe
nicht ablassen wolle, so könne er es wieder mit fortnehmen, was er auch t hat.
Während des Congresses 1814 und 1815 traf ich, fährt Laßberg weiter, diese
Handschrift überall an, bei dem Fürsten von Lippe-Schaumburg, bei der Fürstin
von Isenburg, bei Lord Castlereagh, bei Lord Cathcart. Ich vernahm, daß Friedrich
Schlegel für seinen Bruder darum unterhandle (auch von der Hagen wollte sie
durch Kopitar kaufen) und endlich durch einen Herrn Eggstein, ersten Cnnimis
in der Sehaumburg'schen Buchhandlung, daß er durch den englischen Lord Spencer
Marlborough. 1» kannten Bil'UumancH, beauftragt sei, die Handschrift für denselben
MISCELLEN. £07
zu erwerben. Dies war ein Donnerschlag für mich ! In einen englischen Büeher-
saal, über dessen Thüre geschrieben steht, was Dante von der Thüre der Hölle
berichtef, sollte der Codex kommen ! einem brittischen Knocbenvergraber sollte
er zu Theil werden, und für Deutschland, für unser Sehwabenland auf ewig
verloren sein! Nein, dachte ich, ehe ich dies zugebe, verkaufe ich mein letztes
Hemd. Ich stellte Herrn Eggstein Himmel und Hölle vor, und war so glücklich,
sein Herz weich zu machen. Er versprach mir bei meiner Abreise (20. Juni 1815),
wenn der Handel zu Stande komme, mir den Vorzug zu geben, und wenn ich
ihm binnen drei Wochen den ausgehandelten Preis sende, mir die Handschrift
zu ühermachen. Es war Ende der Fastenzeit, als Egsrstein mir schrieb: Der
Handel ist richtig, und wenn Sie mir binuen drei Wochen 250 Speeiesducaten
fibermachen, so ist die Handschrift Ihr Eigenthum. Das war nun gut! Aber die
25 0 Ducaten hatte ich nicht, und das war nicht gut; denn die Zeit war kurz
und der Weg nach Wien ziemlich weit. Indessen steckte ich meinen Brief ein
und gieng hinab zur trefflichsten der Fürstinnen (Elise zu Fürstenberg) , denn
es war Frühstückens Zeit. Nach einer Weile hui) die beste aller Frauen an
und sagte: Sie. haben etwas, das Sie bekümmert, was mag das sein? Wie
bekannt-, wurde der Erwerb durch die Munificcnz der Fürstin ermöglicht und
die Handschrift für Deutschland gerettet. Von Laßberg kam die Handschrift
mit der ganzen Laßberg'sehen Bibliothek in Folge Kaufvertrags vom 2. November
18 53, nachdem ihm die Benützung der Sammlung bis zu seinem Lebensende
gestattet worden war, nach dessen Tode im Jahre 1855 iu die fürstliche Hof-
bibliothek zu Donaueschingen."
Dr. Lübhen hielt einen Vortrag über agrarische und territoriale Benen-
nungen, d. h. die im Volke gebräuchlichen Namen für agrarische und territoriale
Verhältnisse. So wird als Beispiel angeführt hat/en als Bezeichnung eines Acker-
landes, einer Heide, in vielen Zusammensetzungen vorkommend; ferner die harre,
hal/wea, has;/arten, hamlwide, hammerich, heseke (ein Garten), hau (Wiese) u. s. w.
Zum Theil sind diese Benennungen schwer zu erklären; die Wörterbücher lassen
in den meisten Fällen im Stiche. Einige Beispiele werden zur Probe ausführ-
licher behandelt, helle , hochd. Halde, bezeichnet jedes abhängige Stück Land;
l'd (femin.) Höhe, hohe lul, ahd. Uta : der Unterschied zwischen helle und Ihf be-
steht darin, daß dieses die Richtung in der Höhe aufwärts, jenes die Richtung
abwärts bezeichnet, rufe bezeichnet einen Wasserlauf, kleinen Bach, es heißt
auch rie, rihe, ru/e, wie neben einander die Formen irede, ioee, wege (ahd. witu)
vorkommen, stro'd, ahd. Mruot . Busch , davon md. stritten, strüterie u. s. w., auch
in der Form strn. als Simplex und in Compositionen. h ( immer ich , nur in friesi-
schen Gegenden vorkommend, aus ham-me.rke, Heiminark, heim, Dorf, als Dorf-
mark, Gemeindewiese. Endlich erwähnt er dpn Ausdruck auf der Wand und
ähnliche, wobei an want, paries . nicht zu denken sei. — Prof. Dietrich nimmt,
dies want auf und erinnert an das northumbrische wändworp, Maulwurf, identisch
mit moltnmrf, wonach also wand, Erde, Land bezeichnet.
Prof. Pfeiffer knüpft an diesen Vortrag einige allgemeine Bemerkungen
über Flurnamen an, denn das sei die deutsche Benennung. Man müße vor allem
auf ältere Quellen zurückgehen und zu diesem Zwecke l'rbarien, Lagerbficher
u. s. w. durcharbeiten, wie sie. in unsern Archiven sehr zahlreich. Dadurch klfire
sich manches Entstellte gegenwärtiger Benennungen auf. In Salzburg 7. B. gebe
es jetzt eine Kavgasse, wobei man jetzt an franz. <v'uai «lenke, es hieß aber
ursprünglich Ghaigasse, von heien, Indees nicht Wörterbücher allein mußten dabei
50S M1SCELLEN,
zu Rathe gezogen werden , sondern es sei zur Erklärung immer eine genaue
Kenntniss der localen Verhältnisse nothwendig.
Prof. v. Keller fügte hinzu , daß er durch die Vorarbeiten zu seinem
schwäbischen Wörterbuche schon lange auf die Flurnamen aufmerksam geworden
sei. Würtemberg habe für jeden Bezirk ofßcielle Flurkarten, aber die dort ver-
zeichneten Namen seien sehr häufig ungenügend und missverstanden, daher die
archivalischen Quellen zu ihrer Rectificierung nothwendig hinzugezogen werden
müßten.
Dr. Rieger spi'aeh über Dante's Minnesang im Verhältniss zu Vorgängern
und Zeitgenossen. Das Studium der altitalienischen Lyrik sei noch sehr vernach-
lässigt; die einzigen Quellen, welche vorliegen, seien noch immer die Poeti del
primo secolo und die Rime antiche Toscane, und doch sei Ungedrucktes in Menge
vorhanden. Viele der gedruckten Gedichte seien ganz unverständlich und müßten
erst durch Zurückgehen auf die Handschriften kritisch bereinigt werden. Der
Vortragende schildert nun den Charakter der altitalienischen Lyrik , die haupt-
sächlich von der provenzalischen angeregt, anfänglich auch ganz ausschließlich
in den Conventionellen Gleisen der Troubadourdichtung fortgeht. Mit Guido
Guinicelli beginnt eine neue Epoche, und so fasst diesen Dichter Dante selbst
auf. Ein neuer Geist tritt an die Stelle des alten ; Guido zieht die Theologie
in den Kreis der Liebesideen herein, die Liebe wird ihm ein Gegenstand philo-
sophischer Erörterungen ; die Bitten um Gnade, welche er an die Geliebte ebenso
wie die früheren Dichter richtet, haben bei ihm nur noch eine formelle Be-
deutung. Von ihm geht Dante aus, seine Art und Weise der Liebesdichtung
eignet er sich an und bildet sie weiter fort: durch zahlreiche Beispiele wird
sowohl diese Anlehnung wie andrerseits Dante s eigenthümliche Entwickelung
dargelegt. Weniger bedeutend ist Dante's Freund, Guido Cavalcanti. Sehr begabt
dagegen Labo , welcher nach des Vortragenden Ansicht weit über Petrarca zu
stellen , aber merkwürdig unbekannt sei : Fauriel sei beinahe der einzige , der
seinen Werth erkannt habe und auf ihn hinweise.
Prof. Pfeiffer nimmt das Wort, um über die Schritte zu sprechen, welche
zunächst im Interesse des niederdeutschen Wörterbuches zu thun seien. Es sei
das Mandat der Commission zu erneuern ; dieselbe solle zunächst einen Bearbeiter
ausfindig machen und für eine Anzahl von Mitarbeitern Sorge tragen, auch
darauf denken, wie die Unterstützung der niederdeutschen Regierungen gewonnen
werden könnte. Auf der nächstjälmgen Versammlung solle sie einen bestimmt
formulierten Antrag in dieser Beziehung stellen. Diese Propositionen wurden
von der Versammlung angenommen.
Der Ort der nächsten Philologenversammlung ist Halle ; zum Präsidenten
der germanistischen Section wurde Prof. Leo, zum Vicepräsidenten Prof. Zacher
in Halle erwählt.
Prof. Creizenach beantragt, Prof. Holtzmann die Theilnahme der Versamm-
lung zu bezeugen, daß er durch Krankheit verhindert gewesen, den Verhand-
lungen beizuwohnen und dieselben als Präsident zu leiten. Auf Antrag von
Prof. Pfeiffer wurde dem Präsidium der Dank der Section für die Leitung der
Verhandlungen ausgedrückt, wie auch Prof. von Keller den Secretären für ihre
Mühwaltung und Aufopferung einen Dank zu votieren beantragte. Um 1 1 Uhr wur-
den die diesjährigen Sitzungen der germanistisch-romanistischen Section geschlossen.
ROSTOCK, 20. October 1865. KARL BARTSCH.
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